Was die Kirche von ihrem Nachwuchs lernen kann
Eine neue Generation im Pfarrberuf

Von: Julia Koll
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Von Generation zu Generation verändern sich die Berufsbedingungen und das Selbstverständnis amtierender Pfarrerinnen und Pfarrer. Das war schon immer so. Neu ist die Radikalität des aktuellen Wandels. Julia Koll ist in ihrem Beitrag an einer zweifachen pastoraltheologischen Vertiefung interessiert: zum einen geht es ihr um das Miteinander zwischen den Generationen, zum anderen um den kirchlichen Wandel und seine Wechselwirkungen mit dem Pfarrberuf, konkretisiert am Beispiel des Berufseinstiegs.*


1. Clash of generations?

»Was sich die jungen Leute da erlauben, das grenzt an Dreistigkeit«1 – die Personaldezernentin schüttelt den Kopf. Soeben ist sie, selbst Anfang 50, von einem jungen Theologen lauthals beschimpft worden, weil ihm die Gemeinde nicht zusagt, die für seinen Probedienst ausgewählt worden ist. »Die Stelle passt mir nicht« – das hat sie heute nicht zum ersten Mal gehört. Ab und zu schon ist es in den letzten ein, zwei Jahren geschehen, dass frisch Examinierte erfolgreich nach einer Alternative in einer anderen Landeskirche Ausschau gehalten haben und dann gewechselt sind. »Wir waren damals froh, wenn wir überhaupt eine Stelle bekommen haben. Dass man sie sich mit seinem Ehepartner teilen musste – das war halt so, das haben wir hingenommen.«

»Sie sind alle hochmotiviert für den Beruf – aber sie schauen auch gut darauf, wie sie in Ausgleich kommen«, so formuliert es ein 65jähriger Gemeindepastor, der seit zehn Jahren als Vikarsleiter tätig ist. Über seine eigenen Anfänge als Pfarrer Mitte der 1980er Jahre erzählt er: »Wir waren damals noch sehr geprägt von der Kirchenreformbewegung. Gemeinwesenarbeit, politische Theologie – das war uns wichtig. Wenn es ums Arbeiten ging, haben wir nicht auf die Stunden geguckt. Wir haben gearbeitet, bis alles erledigt war – und eine große Befriedigung daraus gezogen.« Entsprechend fremd sei ihm ein Satz, den er von seinen Vikaren in den letzten Jahren immer wieder gehört habe: »Das mach ich jetzt nicht, ich hab diese Woche schon genug gearbeitet.« Allerdings, so räumt er ein, nähmen die Aufgaben und Erwartungen tatsächlich stetig zu, gerade im ländlichen Raum.

»Als ich vor neun Jahren mit dem Studium begonnen habe, hieß es: ›Das ist der beste Beruf, den Sie machen können – wenn Sie fertig sind, haben Sie freie Stellenwahl.‹ Sie haben uns immer das Gefühl gegeben: ›Du wirst extrem gebraucht. Das erlaubt dir auch die Freiheit, ressourcenorientiert zu denken und achtsam zu arbeiten‹« – so fasst es schließlich eine junge Theologin in Worte, die gerade am Übergang steht vom Vikariat zur ersten eigenen Pfarrstelle. Und ihr Freund und Kollege ergänzt: »Wir haben die Generation Burnout vor Augen, wo wir nicht landen wollen. Ich weiß, wir werden mit größeren Stellen und mit mehr Arbeit konfrontiert werden – da will ich nicht schon mit Anfang 30 an mein Limit kommen.«

Die neue Generation im Pfarrberuf ist in den vergangenen Jahren schon etliche Male zum Thema geworden – auch im »Deutschen Pfarrerblatt«. Daran anknüpfend bemüht sich der vorliegende Beitrag um eine zweifache pastoraltheologische Vertiefung: zum einen in Bezug auf das intergenerationale Miteinander, zum anderen mit Blick auf den kirchlichen Wandel und seine Wechselwirkungen mit dem Pfarrberuf, konkretisiert am Beispiel des Berufseinstiegs.


2. Generation Y und der Pfarrberuf

2.1 Zum Stand der Debatte

Gemeinsamer Anlass der erwähnten Diskussionsbeiträge ist der pastorale Nachwuchsmangel und seine gravierenden Folgen für die kirchliche Praxis, die durch die anstehende Pensionierung der geburtenstarken Jahrgänge offen zu Tage treten werden. So hat etwa die Journalistin Verena Schneider darauf hingewiesen, dass in der EKHN zwischen 2017 und 2027 fast 70% aller gegenwärtig tätigen Pfarrer*innen pensioniert werden.2 Klar ist: Selbst wenn ungünstigste Prognosen für die Mitgliederentwicklungen eintreffen sollten und Pfarrstellen dementsprechend abgebaut werden, wird das zur Verfügung stehende pastorale Personal nicht ausreichen, um die verbleibenden Stellen zu bekleiden. Schon heute bleiben 13% der vorgesehenen Pfarrstellen unbesetzt. Das Problem trifft ländliche und strukturschwache Regionen in besonderer Schärfe. Wanderungsbewegungen in die Städte und Mittelzentren und hin zu finanziell besser gestellten Landeskirchen sind bereits im Gange.

Dieser Notstand hängt wesentlich damit zusammen, dass das Interesse am Theologiestudium seit den 1980er Jahren abnimmt. Anders als andere Fächer hat die Theologie von der stetig steigenden Zahl der Studienanfänger*innen nicht profitieren können. Die aktuellen Rahmenbedingungen im Studium haben insbesondere der Tübinger Kirchengeschichtler Volker Henning Drecoll und der Münsteraner Praktische Theologe Christian Grethlein unter die Lupe genommen.3 Dabei gehen sie davon aus, dass das öffentliche Image der Kirche als Organisation in der Krise und der Ansehensverlust namentlich des Pfarrberufs wichtige, jedoch nicht die einzigen ursächlichen Faktoren darstellen. Der Attraktivität des Studiums stehen auch die hohen Sprachanforderungen, die mit 12 bis 14 Semestern überdurchschnittliche Länge und die durch die EKD-Rahmenordnung erheblich gestiegene Prüfungslast entgegen. Da sich das Theologiestudium zudem nur in Ansätzen in die Bachelor-Master-Logik einfüge, werde eine frühe Festlegung verlangt. Sowohl Drecoll als auch Grethlein hinterfragen darüber hinaus die gegenwärtige Gestalt des Theologiestudiums und fordern seine Reform. Kritisch sehen sie vor allem die »starke Orientierung am historischen Parameter«, aber auch die hohe Ausdifferenzierung der Teildisziplinen, die es den Studierenden selbst überlasse, Querbezüge herzustellen und wahrhaft theologisch auskunftsfähig zu sein.4

Eher am Rande kommen dabei auch Veränderungen auf Seiten des Nachwuchses selbst zur Sprache. »Im Moment«, so beobachtet etwa Drecoll, »wächst eine Generation Studierender heran, die in vielen Hinsichten bereits auf dem Boden einer großen Pluralität an Lebensentwürfen und Modellen steht. Vorgezeichnete Lebensentwürfe und Lebensplanungen wirken eher abschreckend.«5 Das betreffe den Lebensstil, aber auch das Berufs- und Familienbild. Das Berufsbeamtentum biete ihnen zu wenig Spielräume, Aufstiegschancen oder auch Exit-Strategien.

Darauf müssen sich Kirchenleitungen, Personalabteilungen und wohl auch theologische Fakultäten einstellen – so lautet das erklärte Anliegen von Jens Böhm und Klaus Neumeier.6 Letzterer votiert für eine »ausdrückliche Willkommenskultur« in unseren Kirchen: Für das Studium sollte stärker geworben werden. Während des Studiums wünscht sich Neumeier mehr Begleitung und Förderung (z.B. Büchergeld), zugleich eine Ausweitung und Vereinfachung von zweiten Wegen.7 Den kirchenleitenden Organen sowie den Pfarrvertretungen legt er ans Herz, verstärkt auch die Berufsbedingungen zukünftiger Pfarrgenerationen in den Blick nehmen. Aus seiner Erfahrung als Personaldezernent der EKHN weiß Böhm: »Inzwischen bewerben sich beide Seiten.«8 Das »Landeskinderprinzip« werde allmählich durch einen EKD-weiten Personalraum ersetzt. Zudem müssten Personalabteilungen mit zahlreichen Unterbrechung für Eltern- und andere Auszeiten und mit weniger Anpassungsbereitschaft rechnen.

Als Vertreter der neuen Generation selbst hat sich schließlich Patrick Steger zu Wort gemeldet – ein bayrischer Ex-Vikar, der seinen Ausstieg aus dem Vorbereitungsdienst mit einem »Gravamina« überschriebenen offenen Brief an den Landesbischof verbunden hat.9 Im Einzelnen beklagt Steger darin die aus seiner Sicht ausbeuterische Verlängerung des Vikariats um sechs Monate, die grundrechtlichen Einschränkungen, die demotivierende Pädagogik des Predigerseminars, profilneurotische Examensprüfer, eine unprofessionelle Personalentwicklung, mangelnde Gabenorientierung, schließlich eine zu geringe Fahrtkostenerstattung sowie die Beratungs- und Entwicklungsresistenz der gesamten kirchlichen Organisation: »Dem sich langsam abzeichnenden Zusammenbruch altgeliebter parochialer Strukturen wird (…) keine Rechnung getragen. Warum findet hier kein Umdenken statt und beispielsweise eine Besetzung strategisch entscheidender Positionen und Gremien mit unverbrauchten, jungen Spitzenkräften?«10 Dass der Verfasser dieses bemerkenswert selbstbewussten Beitrags sich selbst als eine solche versteht – daran besteht wenig Zweifel. Abzüglich persönlichkeitsspezifischer Aspekte weist die Schärfe des Tonfalls deutlich darauf hin, welch schwierigen Weg die intergenerationale Verständigung mancherorts vor sich hat.


2.2 Anspruchsvoll oder arbeitsscheu? Die Generation Y als Konstrukt

Was lässt sich über die neue Generation im Pfarrberuf sagen? Am ausführlichsten hat sich der Berliner Soziologe Klaus Hurrelmann, einer der renommiertesten deutschen Jugendforscher, zur sog. Generation Y geäußert.11 Ihm zufolge zählen dazu die zwischen 1985 und 2000 Geborenen, die damit nach der sog. skeptischen Generation, den 68ern, den Babyboomern und der Generation X bereits die fünfte bundesdeutsche Nachkriegsgeneration bilden.12 Mit dem englisch ausgesprochenen Ypsilon – gleichklingend mit »Why« (»Warum«) – wird ein mögliches Spezifikum dieser Generation – die Sinnsuche, das Hinterfragen überkommener Werte und Strukturen – zum Ausdruck gebracht. Als weitere, ebenfalls sinnträchtige Bezeichnungen sind die »Millenials«, »Generation Maybe« und »Generation Me« im Umlauf.

Notwendigerweise holzschnittartig nehmen Hurrelmann und sein junger Ko-Autor, der Journalist Erik Albrecht, folgende Charakterisierung vor: Die Generation Y sei geprägt worden durch welterschütternde Krisen – den 11. September und nachfolgende Kriege, die weltweite Finanzkrise vor etwa zehn Jahren – und damit aufgewachsen mit dem Grundgefühl, dass die äußeren Umstände unsicher sind und sich schnell ändern können. Sie hätten jedoch gelernt, daraus das Beste zu machen. Ihr höchstes Gut ist die Bildung im Sinne ihrer eigenen Ausbildung und Qualifikation. Ein hoher Bildungsabschluss – wenigstens Abitur, besser noch ein Hochschulabschluss – gilt als wichtigste Munition im Kampf um einen Platz in der Gesellschaft und als Schlüssel zu einem selbstbestimmten Leben. Mit diesem Pfund sind sie dann unterwegs – als »pragmatische Optimisten« und »Egotaktiker«.13 Das impliziert zum einen eine zuversichtliche Grundeinstellung und das Selbstbewusstsein, wählen zu können und gefragt zu sein – und zwar als Angehörige geburtenschwacher Jahrgänge z.B. auf dem Arbeitsmarkt. Darin klingt zum anderen aber auch ein gewisser Opportunismus an, ein hohes Maß an Selbstbezüglichkeit und Blick auf den eigenen Vorteil.

Diese Ambivalenz lässt sich auch in Bezug auf Arbeit und Beruf beobachten: Einerseits müssen die Ypsiloner als leistungsbereit und -orientiert gelten. Dabei stellen sie herkömmliche Strukturen und Wertsysteme aber gerne in Frage – und das mit großem Selbstvertrauen, manchmal auch mit dem Hang zur Selbstüberschätzung. Sie wollen im Beruf Erfüllung und Freude erleben. Arbeiten soll vor allem Sinn machen und Abwechslung bieten. So bevorzugen sie flexible Arbeitszeiten, sind Meister der Projektarbeit und halten sich möglichst lange viele Optionen offen. Sie lehnen Hierarchien ab und fordern Kommunikation auf Augenhöhe. Sie wollen nicht gegängelt werden, brauchen aber viel Feedback und Anerkennung. Andererseits ist die Forderung nach Privatleben ausgeprägt. Damit setzt sich eine Tendenz fort, die bereits der Generation X nachgesagt worden war – nun aber noch einmal etwas anders akzentuiert. So schreibt Jens Böhm: »Die Familie steht in der Werteskala weit oben – und nicht der sichere Arbeitsplatz. Traditionelle Muster stellt das Motto ›Leben beim Arbeiten‹ in Frage: warum lassen sich Arbeit und Spaß, Beruf und Familie nicht zusammenbringen?«14 Aus der Work-Life-Balance wird nun also möglicherweise eine Work-Life-Blend.

Politisches Interesse scheint auf den ersten Blick dagegen in dieser Generation weniger ausgeprägt zu sein als in früheren. So verhalten sich die Ypsiloner z.B. gegenüber Eltern und Autoritäten alles andere als kritisch und aufbegehrend. Nichtsdestotrotz bezeichnen sie Hurrelmann und Albrecht als »heimliche Revolutionäre«, denn: Ohne großes Aufheben veränderten sie doch die Arbeits- und Freizeitwelt nach ihren Maßstäben und engagierten sich auch politisch; nur eben auf andere Weise als früher, nämlich stärker projekthaft und oft im Verbund mit Eigeninteressen.

Darüber hinaus muss die Generation Y als die erste gelten, die mit Internet und mobiler Kommunikation aufgewachsen ist. Mit denkbar großer Selbstverständlichkeit gehen sie mit digitalen Medien um, und entsprechend technologieaffin ist ihr Lebensstil. Mediale Einflüsse und prägende Formate (wie Castingshows) mögen das Ihre zur generationstypischen Wettbewerbsorientierung beigetragen haben.

Nun sind spätestens an diesem Punkt einige einschränkende Bemerkungen von Nöten. Insbesondere eine allzu inflationäre Verwendung des Generationenbegriffs muss kritisch betrachtet werden. So hat etwa der Oldenburger Soziologe Marcel Schütz die Generationenkonzepte Y und Z als »reine Erfindungen«, »Pseudowissenschaft« und Ausdruck einer »Hype-Produktion« bezeichnet, durch die sich selbst ernannte Generationsexperten selbst einen Beratungsmarkt schaffen würden.15 Und in der Tat fällt auf, dass das Generationenthema im Internet am intensivsten in betriebswirtschaftlichen Kontexten verhandelt wird. Wo Generationenkonzepte lediglich – so Schütz – »medial inszenierte Reaktionen der Gesellschaft auf ein diffuses Arbeitsleben mit hohen Leistungsanforderungen« darstellen, da ist zu Recht Skepsis geboten.

Eine zweite Einschränkung betrifft die Trennschärfe der generationalen Zuschreibungen. Vergleicht man die verschiedenen Ansätze, so überlappen sich nicht nur die Geburtsjahrgänge Generation X, Y, Z um fünf bis zehn Jahre, sondern auch manche der Attribute: Das Stichwort »Work-Life-Balance« etwa taucht in manchen Ansätzen auch schon für die Generation X auf, Ratlosigkeit und Ausprobieren werden wahlweise den Generationen X, Y oder eben auch Z zugeordnet. Was diese Beobachtung verdeutlicht: Die Generationskategorie ist und bleibt ein Konstrukt, das sein hermeneutisches Potential immer erst unter Beweis stellen muss. Freilich ist festzuhalten, dass sich der Generationenbegriff in der soziologischen Tradition bereits seit den 1920er Jahren, spätestens aber mit Helmut Schelskys Forschungen zu den Kriegskindern durchgesetzt und bewährt hat.16 Es macht Sinn, nicht nur objektiv feststellbare Alterskohorten miteinander zu vergleichen, sondern eben auch kollektive Gemeinsamkeiten für eine Spanne von Geburtsjahrgängen zu formulieren. Die zu Grunde liegende Vermutung ist dabei, dass Erlebnisse und geteilte Erfahrungen in der Jugendzeit sich als prägend erweisen und die Weltsicht und das Lebensgefühl nachhaltig beeinflussen.

Und damit klingt schließlich eine letzte Einschränkung an: Was soeben für die Generation Y formuliert worden ist, bezieht sich auf Menschen, die heute etwa 20 bis 30 Jahre alt sind. Ihr gegenwärtiges Lebensgefühl ist nicht nur vor dem Hintergrund ihrer zeit- und generationsgeschichtlichen Erfahrungen, sondern eben auch vor dem Hintergrund ihrer altersspezifischen Themen und Verhaltensweisen angemessen zu verstehen. Welche Merkmale ihre Vertreter*innen in den mittleren Jahren oder im letzten Lebensdrittel zeigen werden und ob sich dann nicht auch etliche Spezifika relativieren und Nähen zu anderen Generationen ergeben werden – das steht jetzt noch dahin.


2.3 Welche Kirche lernen die Neuen kennen – und umgekehrt?

Auf der Grundlage dieser groben Charakterisierung soll nun weiter gefragt werden, wie sich Kirche und Generation Y in den ersten Berufsjahren begegnen. Welche Kirche lernen Vertreter der Generation Y bei ihrem Einstieg in den Pfarrberuf heute kennen?

Wer heute als Pfarrer*in z.A. oder im Probedienst einsteigt, empfängt vielerorts deutlichere Willkommensbotschaften als früher. So findet etwa in der hannoverschen Landeskirche die Stellenvergabe vor dem II. Examen statt, und zum Berufseinstieg erhalten die Absolvent*innen seit kurzem 4000 Euro zur freien Verwendung. Trotzdem lernen Berufsanfänger*innen die Kirche zunächst nach wie vor als hierarchische Organisation kennen, die ihnen ein gewisses Misstrauen entgegenbringt. Sie werden auf ihre ersten Stellen »geschickt«, mit begrenzter eigener Mitsprache, und sie werden weiteren Prüfungen in Gestalt von Eignungsgesprächen unterzogen. Auch wenn sie bereits ein Jahrzehnt Ausbildungszeit erfolgreich absolviert haben, gelten sie noch lange nicht als vollwertiges Mitglied der Pfarrschaft.

Die Neuen lernen Kirche des Weiteren nahezu ausschließlich in Gestalt ihrer Ortsgemeinden kennen – eine normative Entscheidung, die mit der traditionellen Vorrangstellung des Gemeindepfarramts zusammenhängt. Oft sind es ländliche oder kleinstädtische Gemeinden, nicht selten mit einer krisenhaften Vorgeschichte – eben solche, die man über die üblichen Bewerbungswege schwer wiederbesetzen könnte.

Sie lernen in diesen Gemeinden Menschen kennen, die sich über sie und an ihnen freuen und umgekehrt. Es sind oftmals viele alte Menschen darunter. Sie begegnen in diesen Gemeinden aber auch den Spuren ihrer Vorgänger*innen, die dort fruchtbar oder auch unfruchtbar gewirkt haben. Sie ererben nicht selten deren Überarbeitung.

Sie lernen Kirche in ihren Gemeinden, Regionen und Kirchenkreisen als das Tätigkeitsfeld anderer Hauptamtlicher kennen. Sie begegnen anderen Professionen – Kirchenmusikerin, Diakon, Sozialarbeiter, Erzieherin. Und sie treffen mit anderen Pastoren-Kolleg*innen zusammen – jungen, mittelalten, alten, motivierten oder auch sehr lustlosen, erschöpften, depressiven. Das prägt ihre eigene pastorale Identität, manchmal verstärkt es auch ein Fremdheitsgefühl.

In alledem lernen sie immer auch Kirche als eine Organisation in der Krise kennen. Sie sind vielleicht für verschiedene Gemeinden zuständig, die früher jeweils ihren eigenen Pfarrer hatten. Sie sind gefordert, Modelle regionaler Zusammenarbeit zu entwickeln und mit Leben zu füllen. Sie sind mit Traditionsabbrüchen und zunehmender gesellschaftlicher Marginalisierung konfrontiert, mit Haushaltskürzungen und düsteren Prognosen. Es ist diese Kirche, die für sie – so Gott will – für die nächsten 30 bis 40 Jahre ihr Arbeitskontext werden soll.

Und umgekehrt: Wie lernt die Kirche die Neuen im Pfarrberuf kennen? Manches ist wie früher. Abläufe müssen erlernt und eingeübt werden. Der Zeitdruck und die hohen Erwartungen von außen, der Umgang mit Unvorhergesehenem und zu vielen Anfragen gleichzeitig – das sind Situationen, die erst jetzt, im Ernstfall wirklich zu bewältigen sind. Und auch diese neue Pfarrgeneration muss sich erst daran gewöhnen, im Pfarrhaus zu wohnen, im Team zu arbeiten, vielleicht für Pfarrsekretärin oder Küster oder einen ganzen Kindergarten zuständig zu sein. Kirche lernt die Neuen also auch heute zunächst als Lernende kennen.

Manches ist aber auch anders als bei Anfängern früher – und das beginnt mit den Kommunikationsformen. Wie bereits erwähnt, kommen hier die ersten digital natives ins Pfarramt, und Facebook, Youtube, Whatsapp und Snapchat werden selbstverständlicher Teil ihrer Gemeindearbeit. Für die Jugendlichen, die mit ihnen zu tun haben, ist dieser Aspekt womöglich sichtbarer als für manche Pfarrkolleg*innen oder den Seniorenkreis.

Deutlicher wahrnehmbar sind dagegen Anzeichen für ein anderes Arbeitsverhalten. In aller Vorsicht formuliert: Die neue Pfarrgeneration bringt eine geringere Bereitschaft zur Überarbeitung mit. Sie übt sich darin, die eigenen Kräfte zu schonen. Bei den Workaholics der früheren Generationen mag das dann schon mal als arbeitsscheu oder allzu bequem ankommen. Abgrenzung und der Schutz des Privatlebens werden wichtiger. Das produziert Enttäuschungen und stößt Ehrenamtliche gelegentlich vor den Kopf. Allem Anschein nach gehen die Anfänger*innen von heute mit diesen Anfragen und Konflikten jedoch gelassener und selbstbewusster um als frühere Generationen. Im Hintergrund stehen dabei auch veränderte Rahmenbedingungen von Partnerschaft und Familie. Partnerin oder Partner des Pfarrers/der Pfarrerin sind heute in den meisten Fällen selbst berufstätig und weder in der Lage noch bereit dazu, sich ihren Wohnort, ihre Arbeitszeiten und Freizeitgestaltung vom Pfarrberuf diktieren zu lassen.

Ob sich hier auch ein anderes Selbstverständnis und ein anderes Berufsbild abzeichnet – es ist wohl noch zu früh, um das zu beurteilen. Ob mit dieser Generation andere Ideen von Professionalität und Zusammenarbeit in den Pfarrberuf Einzug halten, ob sich etwa die als typisch bezeichnete Abwehr hierarchischer Strukturen in einer stärkeren Teamorientierung und neuen Formen von Beteiligungskirche Bahn brechen wird, bleibt abzuwarten.

Es gibt jedenfalls genauso gute Gründe, dies zu bezweifeln. Denn womöglich sind die Ypsilon-Pfarrer*innen zwar Vertreter ihrer Generation, aber zugleich doch auch sehr speziell. Vielleicht sind es nicht die Multioptionsliebhaber, sondern eher die Sicherheitsbedürftigen, die Traditionalisten, die nicht ganz so Optimistischen, die heute nach langen Ausbildungszeiten dann auch tatsächlich Religionsbeamte werden wollen.17 Für diese These spricht, dass sie teilweise sehr traditionelle Pfarrbilder pflegen. So lernt Kirche ihre neuen Pfarrer*innen heute hier und dort auch im Kollarhemd und umgeben von einem Hauch rückwärtsgewandter Pfarrherrlichkeit kennen.


3. Pastoraltheologische Einsichten

3.1 Generation – eine neue Kategorie pastoraltheologischer Reflexion

Es gibt wohl kaum einen Berufsstand, der so viel Zeit und Energie auf das Nachdenken über die eigene Identität verwendet wie der Pfarrstand. Allerdings hat diese Beschäftigung mit sich selbst – und sie ist ja keine neue Erfindung, wenngleich sie in den letzten Jahren durch diverse Befragungen und Leitbildprozesse noch einmal intensiviert worden ist – bisher weder zu einem klaren, konsensualen Ergebnis noch zu einer besseren Verständigung untereinander geführt. Das ist insofern nicht verwunderlich, als auch dieser Beruf im hohen Maße von Ausdifferenzierungsprozessen betroffen und in stetem Wandel begriffen ist. Gerade angesichts dieser beruflichen Pluralisierung ist die individuelle Deutungshoheit über das je eigene Pfarrbild noch stärker zu einem kostbaren und vehement verteidigten Gut geworden. Dessen ungeachtet, erscheint es wichtiger denn je, dass sich evangelische Pastoren und Pfarrerinnen über sich selbst klar werden: Was ist das Proprium, das Herzstück, das Alleinstellungsmerkmal dieses Berufs? Und dies sollte nicht nur individuell, sondern gemeinsam mit anderen geschehen und auf eine Weise, die zu einem Mehr an beruflicher Gemeinschaft führt.

In diesem Sinne könnte sich gerade die Generationskategorie als für die weitere pastoraltheologische Reflexion und das pastorale Miteinander höchst relevant erweisen. Dabei kommen in der Beschreibung einer Pfarrgeneration – so wie für die jüngste soeben dargelegt– immer wenigstens drei Dimensionen zusammen: erstens gesellschaftliche Entwicklungen, zweitens die kirchliche Entwicklung, mit den gesellschaftlichen oftmals korrespondierend, darunter kirchenleitende Entscheidungen, die das Kirchenbild einer Pfarrgeneration erheblich prägen können, und schließlich theologische Großwetterlagen und prägende Bewegungen, oft eher latent und nicht ganz klar auszumachen, die ihrerseits mit gesellschaftlichen und kirchlichen Entwicklungen in Beziehung stehen (vgl. Neoorthodoxie und Barthianismus nach 1945, Kirchenreformbewegung, Liturgische Präsenz).

D.h. jede Pfarrgeneration ist nicht nur von unterschiedlichen zeitgeschichtlichen Ereignissen geprägt, sondern vor allem auch von ihren Erfahrungen mit der Kirchenleitung. Wer beginnt, sich über diese Prägungen selbst klarzuwerden und sie miteinander zu teilen, versteht: eine pastorale Identität fällt nicht vom Himmel. Kirchen, Welt- und Berufsbild sind meist auf das Engste miteinander verwoben und geerdet in generationsspezifischen Erfahrungen.

Um nur einige Beispiele zu nennen: Die ersten Frauen im Pfarramt haben Widerstand, Ablehnung, Geringschätzung, dann aber auch viel Zuspruch erfahren. Große Teile ihres Berufslebens haben sie »allein unter Männern« zugebracht. Kaum vorstellbar, dass das nicht auch ihr Kirchen- und Selbstbild geprägt hat. Die feministisch-theologischen Aufbrüche der 1980er und 90er Jahre waren ein erster Reflex darauf. Schon angeklungen ist die restriktive Personalpolitik, mit der seit Mitte der 1980er Jahre und bis vor kurzem Absolvent*innen in den meisten Landeskirchen in Berührung gekommen sind. Bis heute halten sich die Babyboomer, vor allem aber die Vertreter der Generation X von Gesamtkirche und Kirchenleitung oftmals fern, weil sie desinformiert, schlecht behandelt oder abgewiesen worden sind oder das bei anderen so erlebt haben. Sie waren im hohen Maße abhängig und in diese Situation wollen sie nicht wieder geraten. Sie waren überdies gezwungen, sich in Konkurrenz zu anderen werdenden Pfarrer*innen zu begeben, eine solidarische oder teamorientierte Haltung wurde dagegen nicht goutiert.

Das Selbstbewusstsein der Generation Y ist dagegen von der Erfahrung geprägt, von Kirche umworben und gebraucht zu werden. Wenn es unter ihnen zu Kritik der Kirchenleitung kommt, dann hat die eher die Reformunfähigkeit oder eine als inkompetent wahrgenommene Personalentwicklung zum Gegenstand. Vermutlich lassen sich etliche Spannungen innerhalb der Pfarrschaft, gerade auch in intergenerational besetzten Teams, auf Generationenkonflikte zurückführen. Eine generationssensible pastoraltheologische Reflexion könnte zur Verständigung beitragen und die pastorale Sozialität vertiefen helfen.

Eine solche Verständigung erscheint allerdings nicht nur in pastoraltheologischer Hinsicht als geboten. Zum ersten könnte sich eine solche intergenerationale Kommunikation unter Pfarrer*innen für die Wahrnehmung und Gestaltung des sog. kirchlichen Wandels als hilfreich erweisen. In der Wissenssoziologie gibt es die Rede vom »Shifting Baselines Syndrom« – es setzt beim Phänomen des fortlaufenden generationalen Vergessens ein: Wer 1975 geboren ist, kann sich an aktive Kirchengemeinden und Sonntagsgottesdienste in den 1990er Jahren erinnern und wird dies mit der heutigen Situation vergleichen. Ähnlich geht es heutigen Berufsanfänger*innen mit der Zeit vor der Jahrtausendwende, d.h. die Referenzpunkte für die Wahrnehmung von Wandel verschieben sich immer weiter gen Gegenwart. Längerfristiger Wandel (wie z.B. im kirchlichen Leben) kann auf diese Weise nicht angemessen wahrgenommen werden. Es braucht dazu die Verknüpfung unterschiedlicher generationaler Erzählungen.18

Zum zweiten erscheint eine Generationensensibilität aber auch deswegen sinnvoll, weil Pfarrer*innen anderen Generationen natürlich nicht nur unter ihren Kolleg*innen begegnen, sondern auch im echten Leben – also in Gestalt von Brautpaaren, Bürgermeistern, Witwen beim Trauergespräch. In ihren Welt- und Selbstbildern schwingen zeitgeschichtliche Ereignisse und Großwetterlagen mit, die sie in ihrer Jugend geprägt haben.


3.2 Die heimlichen Revolutionäre des Pfarrberufs?

Zurück zu den heute Neuen im Pfarrberuf: Deutlich geworden ist, wie sehr ihr Berufseinstieg vom kirchlichen Wandel geprägt ist und bleiben wird, insbesondere durch den immer gravierender zu Tage tretenden Nachwuchsmangel. Auf den ersten Blick scheint das gut zu passen, gelten die Ypsiloner doch als pragmatische Optimisten, die es gewohnt sind, mit Krisen umzugehen und sich mit einem gesunden Sinn für den eigenen Vorteil hindurch zu lavieren, und zwar ohne lautstark gegen das System aufzubegehren. Auch die andere Beobachtung würde eher für Stabilität sprechen: Wenn es stimmt, dass sich unter den Pfarrern und Pfarrerinnen von morgen überraschend viele Traditionalisten befinden, so wären sie wohl gerne bereit, die Fahne des Althergebrachten so lange wie irgend möglich hochzuhalten.

Allerdings gibt es daneben auch andere Anzeichen. Der intensive Blick auf berufliche Weiterentwicklung und Aufstiegschancen, vor allem aber der Umgang mit Arbeitszeit und Freizeit deuten darauf hin, dass sich hier doch ein grundlegenderer Wandel Bahn brechen könnte. Einiges spricht dafür, dass mit dieser neuen Pfarrgeneration der Übergang von der Lebens- zur Berufsförmigkeit des Pfarrberufs vollständig vollzogen wird.19 Er hatte sich schon lange angedeutet und die Angleichung an die Logik anderer Erwerbsberufe ist in den letzten beiden Jahrzehnten auch durch kirchenleitendes Handeln am Pfarrberuf weiter gefördert worden – sei es durch die Einrichtung von Teilzeitstellen und Dienstbeschreibungen, sei es durch die fortschreitende Ausdifferenzierung des Berufs, die spätestens mit den Funktionspfarrämtern seit den 1970ern greifbar wurde.

Zu fragen wäre, ob sich in weiteren Merkmalen, die der Generation Y attestiert worden sind – der Prägung durch die Neuen Medien, der Lust am Projekthaften, der gewissen Abneigung vor langfristiger Festlegung – nicht sogar ein Abschied von der Berufsförmigkeit im althergebrachten Sinne abzeichnet. Die Arbeitswelt insgesamt ist im Wandel – Arbeit 4.0 lautet das gängige Stichwort: Berufsbiographien werden heute flüssiger, bunter, weniger gut planbar. An die Stelle festgezurrter, traditioneller Berufsrollen treten neue, diverser zusammengesetzte Experten- und Kompetenzprofile. Das Arbeiten selbst löst sich zumindest anteilig von lokaler und zeitlicher Fixierung. Dass es dadurch mittelfristig auch zu Veränderungen und Angleichungsprozessen in der kirchlichen Berufswelt kommen wird, ist mehr als wahrscheinlich.

Wohlgemerkt: Was den Pfarrberuf im Kern ausmacht und was das unverzichtbar Eigene und ekklesiologisch Bedeutsame eines solchen akademischen Berufsstands im Raum der Kirche darstellt – diese Frage bleibt auch angesichts der genannten Veränderungen dringlich. Der Übergang zur Berufsförmigkeit und die Angleichung an andere Erwerbsberufe helfen insofern bei ihrer Bearbeitung, als nun noch viel direkter die Frage nach den spezifischen Kompetenzen und Tätigkeiten gestellt werden muss. Der Pfarrberuf löst sich immer mehr von seinen traditionellen Rahmenbedingungen. Die Pfarrerin – das ist nicht einfach die, die im Pfarrhaus wohnt, die, die immer im Dienst ist, die, die sonntags auf der Kanzel steht. Wozu braucht es Pfarrer und Pastorinnen, weil nur sie dazu hinreichend ausgebildet sind? Was ist ihr spezifischer Beitrag zum kirchlichen Leben? Welche Leitungsfunktionen, welche Verantwortung, welche Reichweite hängt mit diesem Berufsprofil zusammen – und wie verhält sich der traditionelle Vorgang der Ordination dazu?

Gerade in den anstehenden Prozessen der Personalpolitik und Kirchenentwicklung wird es unerlässlich sein, schlüssige Antworten auf diese Fragen zu finden. Mit ihren generationsspezifischen Einstellungen zu Arbeit, Professionalität und Weiterentwicklung, aber auch mit ihrer Freiheit gegenüber der Kirchenleitung könnte die neue Generation im Pfarrberuf dabei wegweisende Inspiration liefern.


4. Schöne Aussichten

So führt der Blick auf die neue Pfarrgeneration hinüber in ein anderes weites Feld, nämlich: die Frage nach der Zukunft der Kirche und ihrer organisationalen Gestalt. Dazu ist abschließend noch einmal auf die Diskussionsbeiträge von Christian Grethlein und Volker Henning Drecoll einzugehen. Für sie ist klar: Wenn der Pfarrberuf attraktiv bleiben soll, muss sich nicht nur der Weg dorthin, sondern auch der Beruf selbst verändern. Dass Pastorinnen und Pfarrer heute in so vielen verschiedenen Bereichen, und zwar gerade auch jenseits des Gemeindepfarramts, sehr Unterschiedliches tun, halten sie für wegweisend. So plädiert Grethlein entschieden für den Übergang vom »Vereinsvorsitzenden der Kirchengemeinde« zum oftmals projektbezogenen Arbeiten in den vielfältigen Sozialformen, in denen sich die Kommunikation des Evangeliums vollzieht. Drecoll macht sich für die Idee stark, »Gemeindepfarrämter wesentlich stärker als bisher mit besonderen Tätigkeitsfeldern zu verbinden«.20 Die pastorale Ausdifferenzierung sollte ihres Erachtens noch viel gezielter und planvoller gefördert und die darin impliziten Chancen zur Pluralisierung pastoraler Anstellungsverhältnisse und Vergütungen engagierter genutzt werden. Gleichzeitig sprechen sich beide für ein theologisches Gepräge des Pfarrberufs aus; sein Herzstück sehen sie in der theologisch-hermeneutischen Kompetenz.21

Die Kirche von morgen braucht allerdings noch ganz andere Expertisen. Deshalb geht mit der Stärkung des theologisch-geistlichen Berufs zugleich die Aufwertung anderer Berufe einher – und das hieße auch: weg vom pastoralen Generalistentum. Was eine Psychologin, ein Kulturwissenschaftler, eine Managerin besser kann als ein studierter Theologe, das sollte man sie auch machen lassen! Oder zumindest: Das sollte man viel stärker als bisher im Verbund miteinander tun.

In ähnlicher Weise und inhaltlich noch etwas profilierter ist ein solcher Ansatz von Eberhard Hauschildt, dem Bonner praktischen Theologen und Kirchentheoretiker, vertreten worden. Er sieht die Pastores von morgen als »Vertreter des Übergeordneten vor Ort«, diejenigen, die die verschiedenen kirchlichen Teilöffentlichkeiten durch ihr kirchenleitendes Handeln miteinander verbunden halten.22 Klar ist auch für ihn: Die kirchliche Berufswelt sollte bunter, aber nicht chaotisch werden. Er befürwortet vielmehr »ein organisatorisch gegliedertes Zusammenwirken zwischen differenzierten Gruppen von Ordinierten und differenzierten Gruppen von beruflich Tätigen und differenzierten Gruppen von Pfarrerinnen und Pfarrern.«23

Wenn diese Richtung eingeschlagen werden sollte, dann hieße das: Bei den Neuen im Pfarrberuf wäre genau das, was ihre Generation womöglich auszeichnet, ausdrücklich zu begrüßen und zu fördern. Ihr starkes Interesse an Bildung und Qualifikation, ihre Fortbildungslust, dass sie Hierarchien ablehnen, dass sie sich selbst viel zutrauen, aber sich nicht für immer binden wollen – das könnte der Kirche und ihrem Pfarrstand helfen, eine allzu starre und seit langem de facto überholte Berufsidentität zu überwinden und den Beruf auf der Höhe der Zeit neu zu erfinden. Dass die Neuen überdies im Pfarrberuf nach Sinn suchen und nach einer Arbeit, die Freude macht – auch und gerade das kann unserer Kirche nur nützen.


Anmerkungen:

* Leicht überarbeitete Fassung eines Vortrags auf der Tagung der Bayerischen Pfarrbruderschaft zusammen mit der Vereinigung Bayerischer Vikarinnen und Vikare, Heilsbronn, 6.6.2017.

1 Die aufgeführten Zitate stammen aus vorbereitenden Gesprächen; aus Gründen der Anonymität sind ihre Urheber an dieser Stelle aber soweit verfremdet worden, dass sie mit realen Personen keine Ähnlichkeit mehr besitzen.

2 Verena Schneider, Von der »Theologenwelle« zur »Pensionierungsdelle«: Landeskirchen brauchen dringend junge PfarrerInnen, DPfBl 6/2014, 328-331, hier: 328.

3 Volker Henning Drecoll, Dem Nachwuchs nicht im Wege stehen: Bemerkungen zur Situation der Theologiestudierenden, DPfBl 4/2015, 210-215; Christian Grethlein, Nachwuchs für den Pfarrberuf. Probleme und Herausforderungen, DPfBl 4/2016, 192-197.

4 Drecoll, a.a.O., 211.

5 A.a.O., 212.

6 Jens Böhm, Generation Y und der Pfarrberuf. Was kommt da auf die Kirche zu?, Brennpunkt Gemeinde 3/2015, 91-94; Klaus Neumeier, Gemeinden ohne Pfarrerinnen und Pfarrer. Ein hausgemachter Notstand mit Ansage, DPfBl 3/2016, 154-162.

7 Neumeier, a.a.O., 161.

8 Böhm, a.a.O., 92.

9 Patrick Steger, Gravamina anlässlich meines Antrags auf Entlassung aus dem Vorbereitungsdienst, DPfBl 10/2016, 587.

10 Ebd.

11 Vgl. Klaus Hurrelmann/Erik Albrecht, Die heimlichen Revolutionäre. Wie die Generation Y unsere Welt verändert, Weinheim/Basel 2014; vgl. außerdem Oliver Jeges, Generation Maybe: Die Signatur einer Epoche, Berlin 2014; Kerstin Bund u.a., Generation Y: Wollen die auch arbeiten? in: Die ZEIT, 7. März 2013, online unter: http://www.zeit.de/ 2013/11/Generation-Y-Arbeitswelt (abgerufen am 20. Mai 2017).

12 Auch für die sechste Nachkriegsgeneration liegen bereits Analysen vor – vgl. z.B. Christian Scholz, Generation Z: Wie sie tickt, was sie verändert und warum sie uns alle ansteckt, Weinheim 2014. Da ihre Vertreter aber mehrheitlich noch nicht in akademischen Berufen tätig sind, kann sie hier beiseitegelassen werden.

13 Hurrelmann/Albrecht, a.a.O., 41.31.

14 Böhm, a.a.O., 91.

15 »Die Generation Y ist ein Mythos«, Interview mit Marcel Schütz, in: Die ZEIT, 29. Februar 2016, online unter: http://www.zeit.de/karriere/2016-02/ soziologie-generation-y-karriere-mythos-karriere planung (abgerufen am 20. Mai 2017).

16 Vgl. z.B. Karl Mannheim, Das Problem der Generationen, Kölner Vierteljahreszeitschrift für Soziologie 7 (1928), 157-185 und 309-330; Helmut Schelsky, Die skeptische Generation: Eine Soziologie der deutschen Jugend, Düsseldorf 1957.

17 Darauf deuten z.B. die Porträts in einem aktuellen Dokumentarfilm hin: »Pfarrer«, Deutschland 2014, Regie: Chris Wright/Stefan Kolbe.

18 Vgl. dazu Dietmar Rost, Wandel (v)erkennen. Shifting Baselines und die Wahrnehmung umweltrelevanter Veränderungen aus wissenssoziologischer Sicht, Wiesbaden 2014.

19 Vgl. Michael Klessmann, Das Pfarramt. Einführung in Grundfragen der Pastoraltheologie, Neukirchen-Vluyn 2012, 129f.

20 Drecoll, a.a.O., 214; vgl. Grethlein, a.a.O., 195f.

21 So auch Neumeier, a.a.O., 161: »Wir brauchen mehr denn je Pfarrpersönlichkeiten, die nicht nur Wissen angesammelt haben, sondern die dieses Wissen auch reflektiert haben und in einer immer komplexeren Welt anwenden können.«

22 Eberhard Hauschildt, »Zu wenig« Pfarrerinnen und Pfarrer für »normale Gottesdienste«. Ein Plädoyer für ein verändertes Bild vom Pfarramt der Zukunft, DPfBl 6/2014, 315-319, hier: 318.

23 Ebd.


 

Über die Autorin / den Autor:

Pastorin PD Dr. Julia Koll, Jahrgang 1975, Studienleiterin für Theologie und Ethik an der Evang. Akademie Loccum und Privatdozentin für Praktische Theologie an der Georg-August-Universität Göttingen.

Aus: Deutsches Pfarrerblatt - Heft: 2/2018

2 Kommentare zu diesem Artikel

09.03.2018
Ein Kommentar von Gerhard Kuppler


In der Tat, ein phantastischer Artikel: da werden die "Generationenkonzepte" XYZ vorgestellt und dann gleich wieder korrigiert, besonders beim Pfarrberuf. Da gab es ja sowieso immer (wohl auch berufsbedingt), sehr viele unterschiedliche Charakterköpfe, übrigens zum Wohle der Kirche. Außerdem ziert diesen Artikel eine Fülle von Konjunktiven: es könnte so sein, aber auch anders. Und am Schluss kommt die umwerfende Erkenntnis, dass Kirche jede Pfarrgeneration (und jede einzelne Pfarrperson) nehmen muss wie sie ist mit dem Wissen, dass ein großer Teil gegenwärtiger kirchlicher Arbeit von eben dieen Personen ahängt. Wie sagt doch der Prediger Salomos schon vor über 2.000 Jahren: Es gibt nichts Neues unter der Sonne - es ist nur noch nicht von jeder und mit so vielen Fremdwörtern und Belesenheiten gesagt.
20.02.2018
Ein Kommentar von Stefan Pahl


Danke, Frau Koll. Starker Artikel. Guter Versuch, positiv zu enden :-) Aber die Abschreckung erfolgt schon mit dem Studium. Wir kriegen diese tolle Generation eben ja gerade nur noch in Mini-Dosis. Viele "Gute" werden abgeschreckt oder überlaufen die freien Ausbildungsstätten mit gesellschaftstransformatorischen Ansätzen, toller Pädagogik - DIE nehmen wir als Landeskirchen dann aber nicht, so ohne drei Sprachen und zu sehr von "Gemeinschaft" oder "Freikirchen" geprägt ... Und die, die doch noch studieren, werden leider nicht schon im Studium von guten Mentoren aus der Praxis begleitet, um ein "Ziel" im Blick zu haben - um nicht im Frust zu enden, um Lust auf Kirche zu behalten oder neu zu bekommen ...

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