18. Februar 2018, 2. Korinther 6,1-10
Invokavit

Von: David Schnell
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Sieben Wochen MIT!

I

Auch für eingefleischte Karnevalisten dürfte der große Kater am Sonntag »danach« ausgestanden sein. Gleichwohl ist der Gottesdienst an Invokavit in vielen evang. Gemeinden, falls der Aschermittwoch nicht gottesdienstlich begangen wird, der gefühlte Auftakt der Passions- und Fastenzeit. Und das »Fasten«, die »Sieben Wochen ohne« (in welcher Hinsicht auch immer), finden gerade im evangelischen Kontext mittlerweile seit einigen Jahrzehnten wieder eine Renaissance. Ob dies den Vätern und Müttern der Reformation wirklich so recht wäre, könnte man im Nachklang des großen Jubiläums 2017 an Invokavit 2018 durchaus fragen. Immerhin soll das »Wurstessen« von Zürich an Invokavit 1522 laut dem entsprechenden Wikipedia-Artikel »für die Reformation in der Schweiz wie die reformierte Kirche allgemein eine ähnlich bedeutende Rolle [gehabt haben] wie der Wittenberger Thesenanschlag für die Reformation in Deutschland und die lutherischen Kirchen.« (https://de.wikipedia.org/wiki/Wurst­essen, aufgerufen am 11.12.2017).


II

Einen ähnlichen Duktus scheint auch 2. Kor. 6,1-10 zu haben, wenn, fernab von jeder Askese und post-karnevaleskem »Gehen in Sack und Asche«, die »Zeit der Gnade« und die »Zeit des Heils« ausgerufen wird – nicht irgendwann, sondern »JETZT«! (V. 2b) Mit der Zitation von Jes. 49,8 in V. 2a wird zwar ein Bogen zu den »Gottesknecht-Liedern« und damit in christlicher Deutung zur Passion Jesu gezogen, zudem in V. 4f Begriffe hinzukommen, die klar inhaltlich mit Passion/Leiden allgemein in Beziehung stehen. Zudem werden sie derzeit in viel zu vielen despotischen Ländern erfahren (»in Schlägen, in Gefängnissen, in Verfolgungen« etc.), was auch in einer Predigt über diese Perikope konkret benannt werden kann. Als letzter Begriff in V. 5 wird schließlich ausdrücklich das »Fasten« genannt.

Daneben und dominanter treten dann aber in V. 6f positiv besetzte Begriffe, die keineswegs »gefastet« werden sollen, sondern von denen man eigentlich nie genug bekommen kann (»Lauterkeit, Erkenntnis, Langmut, Freundlichkeit … ungefärbte Liebe«, V. 6) und deren jeweils konkrete Ausführung eine eigene Predigt wert wäre. Insofern ist hier sicherlich eine Auswahl und Konzentration, je nach aktueller Situation in Gemeinde und Welt im Februar 2018 vonnöten.


III

Die entscheidende Aussage der Perikope ist in V. 8-10 zu finden: Die »Zeit der Gnade und der Tag des Heils« ereignen sich auch gegen den Augenschein! Dabei soll die Realität von Tod, »Züchtigung« (z.B. physische und psychische Gewalt und Folter), Trauer, Armut etc. (V. 9f) nicht verdrängt und beiseite geschoben werden. Vielmehr kann und soll die Ausrufung der »Zeit der Gnade« und des »Tags des Heils« eine erste und zugleich zentrale Form des Protests und des Widerstandes gegen Gewalt, Krieg und Unterdrückung sein. So wie die gesamte Passionszeit mit Jesu Leiden und Sterben als Zielpunkt eine Protestation gegen eben jene Gewaltverstrickungen und zugleich deren Überwindung darstellt.

So kann man in einer Predigt an Invokavit gleichfalls als »wahrhaftiger Verführer« (vgl. V. 8) fungieren, der diesen Protest und Widerstand mit in Gang setzen kann, auch wenn sich dieser gewiss nicht sogleich umfassend und radikal, aber doch in vielleicht zunächst unscheinbaren, kleinen Schritten vollziehen kann.

Damit die Proklamation der »Zeit der Gnade« und des »Tags der Heils« keine bloße Behauptung bleibt, bietet die Perikope mit den »Waffen der Gerechtigkeit« (V. 7) viele Möglichkeiten der Konkretion. Insbesondere besteht so die Chance, an Invokavit die beginnende Passionszeit nicht rein äußerlich als Zeit des Verzichts und der Askese als Selbstzweck oder gar Heilsbedingung misszuverstehen (was tatsächlich nicht im Sinne der Reformation von vor 500 Jahren wäre), sondern als eine Zeit der Konzentration auf wichtige und bereichernde Gaben, die ab V. 6 aufgezählt werden. In diesem Sinne nicht »Sieben Woche ohne«, sondern »Sieben Wochen MIT«!


Lieder

EG 243 »Lob Gott getrost mit Singen«

EG 262 »Sonne der Gerechtigkeit«

EG 347 »Ach, bleib mit deiner Gnade« (Wochenlied)

EG 441 »Du höchstes Licht, du ewger Schein« (Strophe 5!)

EG 632 (EKHN) »Wenn das Brot, das wir teilen«

EG 590 (EKHN) »Herr, wir bitten: komm und segne uns«


David Schnell

Aus: Deutsches Pfarrerblatt - Heft: 1/2018

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