Hans Scholl und die »Weiße Rose«
Flamme sein!

Von: Robert M. Zoske
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Von den Geschwistern Scholl scheint alles bekannt zu sein. Als mutige Widerstandskämpfer verteilten Hans (*1918) und Sophie (*1921) Flugblätter gegen Hitler und wurden 1943 vom NS-Regime ermordet. Das Bild der »Weißen Rose« ist vom gleichnamigen Buch geprägt, das die ältere Schwester Inge (verh. Aicher-Scholl, 1917-1998) erstmals 1952 publizierte. Doch ihre Darstellung verkürzt oder verschweigt Entscheidendes. So marginalisierte sie die Bedeutung der Bündischen Bewegung für ihren Bruder und unterschlug den Hauptanklagepunkt des Gerichtsverfahrens 1938 gegen ihn. ­Aicher-Scholl schrieb die Geschichte der »Weißen Rose« nicht als Historikerin, sondern als Hagiographin. Nach ihrem Tod übergab ihr jüngster Sohn das Archiv seiner Mutter dem Institut für Zeitgeschichte (IfZ) in München. Dort wurde es katalogisiert, mikroverfilmt und für die wissenschaftliche Recherche erschlossen. Der Nachlass macht deutlich, wie prägend die Jugendbundbewegung und der erste Prozess für Hans Scholl waren.


Die deutsche autonome jungenschaft

Zu Beginn des Jahres 1931 war Hans Scholl mit zwölf Jahren Mitglied im Christlichen Verein Junger Männer (CVJM). Zwei Jahre später trat er am 15. April 1933 in das Deutsche Jungvolk (DJ) in der Hitlerjugend (HJ) / Jungbann Donauland ein. Er machte Karriere in der Hitlerjugend. Im Dezember 1938 bestätigte man ihm, er sei »seit Oktober 1933 […] als Führer im Jungvolk tätig [gewesen], bis er im November 1936 für die Vorbereitung der Reifeprüfung beurlaubt wurde.« Diese »Führertätigkeit« bedeutete anfangs als »Jungenschaftsführer« die Leitung von rund 15 Jungen, als »Jungzugführer« von 50 und ab dem 1. Mai 1935 als »Fähnleinführer« von rund 150 Jungenschaftlern. In dieser Eigenschaft nahm er als einer von drei Fahnenträgern aus Ulm im September 1935 am Reichsparteitag in Nürnberg teil. In seiner Jungengruppe Trabanten versuchte Scholl, die Weltanschauungen der HJ und der deutschen autonomen jungenschaft (dj.1.11) miteinander zu vereinen. Kennengelernt hatte er die dj.1.11, die sich nach ihrem Gründungsdatum dem 1. November 1929 nannte, durch zwei ältere Jugendbundführer. Da ab 1933 nur noch die HJ erlaubt war, musste er seine Bildungsideale im Verborgenen weitergeben.

Die dj.1.11 war »die wohl wichtigste Gruppe für die Herausbildung des bündischen Gegenmilieus« während der Zeit des Nationalsozialismus (Wilfried Breyvogel). Für den Publizisten Armin Mohler war sie einer der »avantgardistischsten, extravagantesten, zugespitztesten« Bünde. Hier sei »das Formulieren des eigenen Standortes, der eigenen Absichten konsequenter durchgeführt als sonst üblich«. Initiiert wurde die dj.1.11 von dem 1911 geborenen Romin Stock und dem vier Jahre älteren Grafikstudenten Eberhard Koebel (1907-1955). Bereits ein Jahr nach ihrer Gründung verunglückte Stock tödlich, so dass Koebel, der sich nach einer Lapplandfahrt den Übernamen tusk – abgeleitet vom Schwedischen »tysk« für »deutsch« – zugelegt hatte, die Jungenorganisation allein leitete. Er stammte aus Stuttgart – sein Vater war Richter am Oberlandesgericht – und lebte dort überwiegend bis zu seiner erzwungenen Emigration nach England im Juni 1934.

Auf einer Reise durch Nordskandinavien hatte Koebel die schwarzen Zelte der finnischen Samen kennengelernt. Aus diesen Kothen entwickelte er die Schwarzzelte für seinen Jungenverband. Die Programmatik des Namens deutsche autonome jungenschaft (dj.1.11) erläuterte er so: Frei von jeder Verpflichtung an eine Weltanschauung / frei vom Zwang, Vorgesprochenes wiederholen zu müssen / frei von der Meinung, mit Wiederholern in deren Formen und Gedanken leben zu müssen. Und weil ich das nur in meiner Muttersprache fertig denken kann und es nur deutsche Ohren unserer Zeit verstehen können, ist es deutsche autonome Jungenschaft.

Treffend wird hier das Selbstverständnis dieser Jungen benannt: sie verstanden sich als Revolutionäre, die mit geistiger Sprengkraft ein vitales neues ästhetisches Gesamtkunstwerk schufen. Ihre Mitglieder wollten Elite sein: Wir wollen alles besser lernen und besser können: besser singen, besser schweigen, besser schlemmen, besser fasten, grimmig arbeiten und hemmungslos faulenzen.


Mehr als ein Wandervogelverein

Die Jungen der dj.1.11 waren weit mehr als ein »Wandervogelverein«, sie lasen verpönte Schriftsteller wie Trakl, Rilke, George, Zweig, komponierten, sangen und benutzten, wie schon zuvor Stefan George, die »kleinschrift«, übernachteten in ihren schwarzen Zelten und reisten per Autostopp durchs Land.

So machten sie das auch auf einer Nordlandfahrt, die Hans Scholl mit neun Jungen seiner Trabanten vom 9. August bis zum 3. September 1936 ins schwedische Lappland unternahm. Von Ulm reisten sie zunächst zusammen mit dem Schnellzug nach Hamburg. Per Autostopp ging es bis zur dänischen Grenze. Obwohl die Genehmigung für die Fahrt kurz vorher von der Reichsjugendführung zurückgezogen worden war, beschloss Scholl, die Reise durchzuführen. Weil die offizielle Erlaubnis fehlte, durfte jeder Junge nur zehn Reichsmark aus Deutschland ausführen. Da man aber wesentlich mehr dabei hatte, wurde das übrige Geld im »Affen«, dem Rucksack, versteckt. Die Grenzübertritte verliefen problemlos. Doch Scholl hatte sich, in Verbindung mit der nicht genehmigten Fahrt, eines Devisenvergehens schuldig gemacht. Das sollte ihm zwei Jahre später, zusammen mit den beiden wesentlich schwereren Vorwürfen der fortgesetzten bündischen Betätigung und der Homosexualität, zur Last gelegt werden.

Nachdem die Jungen die deutsch-dänische Grenze überschritten hatten, trampten sie in Zweiergruppen – Scholl mit seinem engen Freund Rolf Futterknecht – über Kopenhagen und Malmö nach Stockholm. Rund 1200 Kilometer waren sie so von Hamburg unterwegs. Wieder vereint, fuhren sie mit dem Schiff – auf dem Hans Scholl die Horde feierlich Trabanten taufte – weiter nach Härnösand und von dort noch einmal 400 Kilometer mit der Bahn bis nach Storuman, das am gleichnamigen See in Lappland liegt. Damit hatten sie ihr Ziel erreicht: es lag rund 2500 Kilometer fern vom Schwabenland.


Deutsch-nationale Ausrichtung

Ins Fahrtenbuch dieses nordischen Abenteuers nahm Scholl einen Text auf, mit dem er sich gewiss identifizierte:

Fanatisch werden wir das Neue bauen, dessen großes Finale wir heute nur ahnen können. Fanatisch werden wir in die Unendlichkeit der deutschen Seele und des deutschen Geistes vorwärts stürmen. Fanatisch werden wir einst fallen, wenn unser großer Bund, das stählerne Rückgrat unseres großen Kampfes und unseres großen Sieges, es von uns fordern wird:

Lasst vor uns erste Horden,
zu streiten für die Fahn.
Wir sind der große Orden
mit einer neuen Bahn!

Dieser Schwur verdeutlicht die Rigorosität der Gruppe. Sie schloss Beschwörungen der Fahnen- und Führertreue ein. Die politische Ausrichtung Scholls zu dieser Zeit war deutsch-national. Das zeigt ein weiterer Text, der vermutlich von ihm selber ist. Unter ­einer im Wind wehenden Fahne der Hitler­jugend steht im Fahrtenbuch:

Seht nicht nach unten. Richtet eure Augen in die Ferne, die ihr ersehnt.
Haltet allem Wacht; dem Feuer, der Fahne, aller edlen Gesinnung.
Werdet nicht müde. Denkt immer an Deutschland.
Eure Zelte werden überall stehen, an allen Orten eure Lagerfeuer brennen.
Unter Kiefern, am Meer, auf Granit.
Vergeudet keinen Tag.
Jungenleben ist kurz. So muss es leuchtend und voll Glut sein.

Schon als Siebzehn-, Achtzehnjähriger brannte Scholl heroisch-hingebungsvoll für ein neues Deutschland. Er beschwor seine Jungen: Wir wollen doch Flamme sein. Unsere Kraft muss federnder Stahl sein, unsere Seele trockene Weißglut.

Der Rückweg der Trabanten führte mit Bahn, Schiff und Autostopp nach Berlin. Von dort trampten sechs Jungen über Frankfurt, vier über Leipzig und Geislingen an der Steige nach Ulm. Die Jungen hatten mehr als 5000 Kilometer innerhalb von 26 Tagen zurückgelegt.


Krieg als reinigende Kraft

Die ästhetische Exklusivität der dj.1.11, die von tusk/Koebel propagierte Ideologie von Kompromisslosigkeit und Kampf bis hin zu Rigorosität und Revolution ist stark in Scholls Weltbild eingeflossen. Noch Jahre nach Verbot und Auflösung der Jungenschaft durch einen Erlass der Preußischen Geheimen Staatspolizei vom 4. Februar 1936 war sie in seinem Denken und Handeln präsent. Das zeigt sich unter anderem daran, dass er im September 1939 den Krieg als reinigende Kraft verstand, durch die er persönlich, Deutschland und Europa auf eine höhere geistige Stufe steigen werden. Das »Massenmorden« sollte »Erlösung« bringen: »Unsere ganze Hoffnung hängt an diesem fürchterlichen Krieg.«

Warum hat nach dem Krieg Inge Aicher-Scholl die Bedeutung der dj.1.11 für ihren Bruder als Nebensächlichkeit beiseitegeschoben? Sehr wahrscheinlich, weil sie in der Zeit des Kalten Kriegs jede Verbindung zur sozialistischen DDR vermeiden wollte. Denn Eberhard Koebel war bereits während des Exils in England Kommunist geworden und arbeitete seit 1948 in der sowjetischen Besatzungszone, dann in Ostdeutschland. Westdeutschland dagegen verbot 1956 die Deutsche Kommunistische Partei (DKP) und die USA verfolgten in der berüchtigten McCarthy-Ära »unamerikanisches Verhalten« echter oder vermeintlicher Kommunisten. Aicher-Scholl aber war auf die finanzielle Unterstützung der Vereinigten Staaten angewiesen. 1952 hatte sie 1 Mio. Mark vom amerikanischen Hochkommissar für Deutschland John Jay McCloy (1895-1989) zur Gründung der Hochschule für Gestaltung (HfG) in Ulm erhalten; die Mittelvergabe erfolgte aus dem vom Geheimdienst CIA koordinierten McCloy-Fonds. Eine weitere Million gaben Privatpersonen, Wirtschaftsverbände und staatliche Stellen der Bundesrepublik. Diese Finanziers durfte man nicht verprellen, zumal 1951 die Familie Aicher-Scholl und das Hochschulprojekt durch eine Verleumdungskampagne unter Kommunismusverdacht geraten waren.

Es war im westlichen Teil Nachkriegsdeutschlands völlig ausgeschlossen, Hans Scholl erfolgreich als Vorbild zu präsentieren, wenn an ihm das Odium von Revolution und Kommunismus haftete. Also negierte Aicher-Scholl aus politisch-taktischen Überlegungen die Bedeutung der dj.1.11 – zeitbedingt erklärbar, historisch aber fatal. Ein Gesprächsangebot Eberhard Koebels schlug die Publizistin aus.


Der Prozess 1938 und die Gedichte

In dem 799 Bände umfassenden Nachlass von Inge Aicher-Scholl im Institut für Zeitgeschichte befindet sich – aufbewahrt in Pappumschlägen und lange unbeachtet – eine Sammlung von 141 Seiten überwiegend handgeschriebener Texte, Skizzen und Fotografien. Hans Scholl hat diese Mappe zusammengestellt, das Meiste davon verfasst, vieles datiert und lokalisiert. Darunter sind 37 Gedichte und mehrere Prosatexte aus seiner Feder. Sie entstanden überwiegend zwischen Ende 1937 und September 1939.

Warum verfasste Scholl gerade in dieser Zeit Gedichte? Im ersten Halbjahr 1938 befand er sich in der bis dahin schwersten Krise seines Lebens. Nach einer Hausdurchsuchung am 11. November 1937 wurde er am 13. Dezember des Jahres verhaftet und saß siebzehn Tage bis zum 31. Dezember in Untersuchungshaft. Ihm wurden »Betätigung im Sinne der bündischen Jugend« vorgeworfen (er hatte Jungentreffen außerhalb der Hitlerjugend organisiert), Devisenvergehen (er hatte für die Jungenfahrt nach Schweden Reichsmark ausgeführt), und »widernatürliche Unzucht«, Sex mit Männern. Obwohl er und sein Freund Rolf Futterknecht ihre fast zwei Jahre währende innige Beziehung zugegeben hatten, sah das Gericht am 2. Juni 1938 nur eine »jugendliche Verirrung« und stellte das Verfahren ein. Während der langen Zeit – fast sieben Monate – zwischen der Hausdurchsuchung der elterlichen Wohnung in Ulm und dem Urteil des Stuttgarter Sondergerichts dichtete er.

Hans Scholl hat seine innigen Gedichte und engagierte Prosa nicht als Poet verfasst, sondern vorrangig zur Krisenbewältigung. Die Texte sind Ausdruck seiner Persönlichkeit und deshalb biografisch zu verstehen. Verse, Prosa und Briefe sind Orientierungssuche, tiefes Verlangen nach Ganzheit, Sehnsucht nach Gott. Es gibt Streichungen, Korrekturen, Auslassungen für Wörter, nach denen er noch suchte. Er fand seine Werke aber doch so gut, dass er das Meiste in Reinschrift festhielt.

Seine an Metaphern reiche Poesie zeigt ihn als einfühlsamen, lyrischen Menschen. Besonders in der Natur entdeckte er Transzendentes. Zwar wich er der geistigen Auseinandersetzung mit anderen nicht aus, seinen Eltern aber erklärte er, es sei »über allem die Natur«, die ihn »zum reiferen Menschen« mache. Zeitlebens suchte er darum in der Einsamkeit von Wäldern und Bergen Besinnung und Reflexion.


Liebe und Leid, Gott und Glauben, Nacht und Nebel

Seine Lyrik thematisiert Liebe und Leid, Einsamkeit und Stille, Gott und Glauben, Natur und Schöpfung, Nacht und Nebel. Vorbilder waren Rainer Maria Rilke, Stefan George und Paul Verlaine. Scholls Poesie und Prosa ist erfüllt von einer immerwährenden Sehnsucht. Religion war für ihn Sehnsucht nach dem Absoluten. Die Dokumente belegen auch die Bedeutung des christlichen Glaubens für den Neunzehnjährigen.

So nannte er ein Gedicht, das er am Ostermontag 1938 verfasste, »Thronender romanischer Christus«. Darin ließ er Motive aus dem sog. »Hohenlied der Liebe« (1. Kor. 13) anklingen und ihn inspirierte die Darstellung einer romanischen Christusgestalt. In seinen Worten an die Erschaffer der Skulptur oder des (Relief-)Bildes dachte er auch über sein eigenes Gottesbild nach:

Thronender romanischer Christus

Ihr wolltet Gott nicht bilden, nicht formen
noch nicht
denn jedes Bild das ihr von ihm gemacht,
es wäre nur aus eurem Wesen
ein Abbild – ein Gesicht –
[...]
Gott war euch wie das Blinken von Sternen
So groß – so weit und ungeklärt
Und wie das Singen von Sturmesheeren
eintönig schwer und grausig grau –

Ihr prieset seine Wunder – und seine Macht
die Liebe zu Ihm war euch noch verwehrt.

Die Künstler des »romanischen Christus« mieden eine Spiegelung, ein »Abbild« ihrer selbst, eigener »Wünsche und Träume«:

Da schufet ihr dies stumme Haupt,
leer an gewollten Zügen.

Schweigend blieb Gott Geheimnis, projektionsleer unfassbar. Er entzog sich Begriffen wie »Trauer« und »Leid«, »Herrlichkeit« und »Sieg«. Gott war »fern« und »fremd«. Zwar brannten die romanischen Künstler darauf, Gott näher zu kommen, doch sie spürten seine Gegenwart nur »wie Kinder […] das Riesige«. Gott schien »weit und ungeklärt […] wie das Blinken von Sternen.« Um einem »Menschentrugbild« zu entgehen, gestalteten die Künstler

nur ein stummes Bild,
gleich einem See

auf dessen Grund ihr nie geschaut


Scholls Datierung »Ostermontag 1938« war kein Zufall. Das Ostergeschehen – so die Intention des Gedichtes – ermöglicht es, anders von Gott zu denken. Zwar lebten die romanischen Künstler nach Christi Auferstehung, doch blieben sie in zeitbedingten Denkmustern gefangen. Aber ihr Verdienst war es, über diese Strukturen hinaus, eine »leere […] ungeschöpfte« Gottesvorstellung zu entwerfen. Durch das Ostergeschehen war es nun möglich, über das Reden von »Wundern« und »Macht« hinaus, offen von der Liebe zu Gott zu sprechen. Der Dichter bewegte sich damit auf biblischen Bahnen: größer als alles – so das »Hohelied« – ist die Liebe. Sie bleibt. Allein die Liebe spricht angemessen von Gott. Wo das nicht gelingt, ist es besser, zu schweigen und es bei einem »stummen formlosen Ahnen« zu belassen.


Der ferne und nahe Gott

Scholl griff das Thema des fernen und zugleich nahen Gottes am 27. April 1938 in einem weiteren Gebet-Gedicht erneut auf:

Gott.
Aus grauer Erde ließest du quellen
den Saft in funkelnde Trauben,
du sandtest Regen, daß Halme schwellen
mit Früchten wie goldene Hauben.

Wir brachen die sonnigen Beeren,
aus Perlen preßten wir Wein.
Wir mähten und häuften die Ähren
und Brot ward im glühenden Schrein.

Wir schufen der Dinge Fülle
und Schwielen und Schweiß gaben wir.
Schenk’ du die Gnade – die Fülle,
aus Leben form Seele in mir.

Hans Scholl absolvierte gerade seinen Wehrdienst, als er diese Verse schrieb. Sie sind ein Erntedankgebet, ein Loblied des Schöpfers, der zusammen mit den Menschen die Erde gestaltet. Aus Erdströmen lässt Gott Beerensaft, aus Himmelsströmen Getreidehalme werden. Der Mensch wandelt sie in Wein und Brot. Trotz dieses Miteinanders vermag allein Gottes Zuwendung aus menschlicher Vitalität ein Gegenüber, die Seele, zu formen. Doch Scholl strich die letzten beiden Zeilen und schrieb:

Du schenktest in Gnade die Fülle,
lebendigen Christus aus dir.

Jetzt bedeutete das Bild von Brot und Wein die Gegenwart Christi im Abendmahl. Aus der ursprünglichen Bitte um Gnadenfülle und Seelenformung machte Scholl eine Glaubensaussage: ihm hatte Gott den »lebendigen Christus« geschenkt. Dieser Glaube gab ihm später als Soldat Kraft, als er an der Ostfront mit den Gräueln des Vernichtungskriegs konfrontiert wurde.


Entfremdung vom Nationalsozialismus

Hans Scholls Briefe aus der Zeit des Wartens auf die Gerichtsverhandlung, machen aber auch deutlich, wie existenziell erschüttert und fassungslos er durch den gegen ihn eingeleiteten Prozess wegen Homosexualität war. So schrieb er im Januar 1938 aus der Kaserne an seine Eltern: Ich finde mich hier mit dem besten Willen [nicht] mehr ganz zurecht. Es gibt Stunden, da ist alles in bester Ordnung, und dann ist wieder dieser trübe Schatten da und überdeckt alles. Ich kämpfe dauernd mit Minderwertigkeitsgefühlen. […] Meinen Kameraden und Vorgesetzten gegenüber muss ich natürlich dauernd Theater spielen.

Das Gerichtsverfahren belastete ihn noch weit über dessen Einstellung hinaus. Mitte Juni 1938 bekannte er seinen Eltern, er brauche »immer noch Stunden der Erholung«, denn er könne »eben nicht über Nacht vergessen«. Diese elementare Krise ist Wendepunkt und Auslöser seiner Entfremdung vom Nationalsozialismus, sie markiert den Beginn der späteren aktiven Gegnerschaft. Bereits Anfang März 1938, als er Hitler in Stuttgart »aus nächster Nähe« gegenüberstand, übte der Diktator keine Faszination mehr auf ihn aus. Hans Scholl erblickte nur noch ein »schemenhaftes Gesicht«. Zwei Wochen später wandte er sich angewidert ab, als er am Radio die Massenbegeisterung zum Einmarsch Hitlers in Österreich erlebte.

In dieser Zeit orientierte er sich neu. Er schrieb seine religiösen Gedichte, die Ausdruck einer »Sehnsucht nach dem Lichte«, nach Christus, sind. Theologisch-philosophische Studien intensivierten die freiheitliche Gesinnung, die Scholl bei seinen protestantisch-liberalen Eltern erlebt hatte. Durchlittene Kriegsgräuel und intellektuelle Diskurse bekräftigten ihn in seiner Widerstandshaltung. Doch die Ursache seines Freiheitskampfes lag in jenen traumatischen Ereignissen 1937/38.

Warum hat Inge Aicher-Scholl die in Sütterlin geschriebenen Gedichte nicht wie viele andere Texte transkribiert und veröffentlicht? Sehr wahrscheinlich, weil ihr deren unmittelbarer Zusammenhang mit dem Gerichtsverfahren gegen ihren Bruder wegen Homosexualität klar war. Da sie aber diese schwerwiegenden Anklagepunkte zeitlebens verschwieg, hätte sie bei einer Publizierung erklären müssen, was ihren Bruder in solche Seelennöte trieb, dass er tiefgründige religiöse Gedichte verfasste. Völlig zurecht stellte sie ihre Geschwister als beispielhaft für Zivilcourage und Glauben dar. 1952 aber – und noch viele lange weitere Jahrzehnte – konnte ein Schwuler nach allgemeiner Meinung kein Vorbild sein. Aicher-Scholl verschwieg aus moralisch-taktischen Gründen die homoerotische Seite ihres Bruders – zeitbedingt erklärbar, doch geschichtlich fatal.

Im Grunde genommen unterschlug sie die Bedeutung der Homosexualität ebenso wie der dj.1.11 für ihren Bruder aus monetär-taktischem Kalkül. Sie war zur Finanzierung der Ulmer Hochschule auf eine gesellschaftliche Akzeptanz, und die amerikanischen und konservativen Geldgeber angewiesen.

Als Hans Scholl 1933 konfirmiert wurde, erhielt er einen Bibelvers, der seinem Wesen entsprach: »Dennoch bleibe ich stets an dir; denn du hältst mich bei meiner rechten Hand, du leitest mich nach deinem Rat und nimmst mich endlich in Ehren an.« (Ps. 73,23) Das »Dennoch« ermutigt nicht aufzugeben, sondern gerade in Widrigkeiten Gott zu vertrauen. Ihn konnte das an ein Goethewort erinnern, das in der Familie eine Art Codewort war: »Allen Gewalten zum Trutz sich erhalten.« Das biblische »Dennoch« und Goethes »Trutz« zeugen von Selbstbehauptungskraft, Standfestigkeit und Widersetzlichkeit gerade gegenüber Mächtigen. Der christliche Glaube war für ihn die entscheidende Kraft seines widerständigen Freiheitskampfes. Das gab ihm auch den Mut, Flugblätter gegen das nationalsozialistische Regime und für die Beseitigung Hitlers zu verfassen. Beim Auslegen in der Münchner Universität wurden seine Schwester und er verhaftet und vier Tage später zum Tode verurteilt. Vor 75 Jahren, am 22. Februar 1943, wurden sie hingerichtet. Hans Scholls letzte Worte waren: »Es lebe die Freiheit!«


Literaturhinweise:

Zitate und Bezüge sind belegt in: Robert M. Zoske, Flamme sein! Hans Scholl und die Weiße Rose – Eine Biografie, C.H.Beck München 2018, 368 S., 26,95 €, bzw. in: ders., Sehnsucht nach dem Lichte – Zur religiösen Entwicklung von Hans Scholl – Unveröffentlichte Gedichte, Briefe und Texte, München 2014.

Angaben zur Ulmer HfG: Eva Moser, Otl Aicher, Gestalter, Ostfildern 2012, 115ff.


Robert M. Zoske

 

Über den Autor

Dr. phil. Robert M. Zoske, evangelischer Theologe, bis 2017 Pastor in Hamburg, Promotion über Hans Scholl.

Aus: Deutsches Pfarrerblatt - Heft: 1/2018

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