Warum wir in der Kirche nicht miteinander reden (können)
Zwischen Diskussionsstillstand und Stillhalteabkommen

Von: Markus Beile
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Es ist schon verrückt: Die Kirchenaustrittszahlen sind weiterhin hoch. 2016 haben knapp 200.000 Menschen eine der evangelischen Landeskirchen verlassen. Aber wieso die Menschen weiterhin in Scharen sich von der evangelischen Kirche verabschieden, darüber wird bei uns in der Kirche kaum nachgedacht. Sicherlich: Die bedrohliche Lage, in der sich die Landeskirchen – die einen mehr, die anderen weniger – befinden, wird öfters benannt. Aber das ist es nach meiner Erfahrung auch schon. In den Pfarrkonventen geht es bei uns vor allem um das unerschöpfliche Thema Kasualien, um die bezirkliche Zusammenarbeit und Ähnliches. Im Oberkirchenrat und der Landessynode werden notwendige Etatkürzungen überlegt und beratschlagt, wie groß die Gemeindehäuser noch sein dürfen. Aber eine vertiefte Auseinandersetzung über die weiterhin hohen Kirchenaustritte? Findet nicht statt.

Freunde von mir, die in der Wirtschaft arbeiten, schütteln darüber erstaunt den Kopf. »Wenn die Situation in unserem Betrieb so wäre wie bei euch in der Kirche, würde das unser Hauptthema sein«, sagte mir einer meiner Freunde im Gespräch. »Wir würden ganz schnell einen ›thinktank‹ einrichten mit Fachleuten, die über die Situation beraten und Lösungsvorschläge erarbeiten. Wie ist das bei euch in der Kirche: Was sind eure grundsätzlichen Maßnahmen?« Ich schenkte ihm reinen Wein ein: »Es gibt keine!« Mein Gesprächspartner zog die Augenbrauen hoch: »Das nenne ich Gottvertrauen!«, meinte er lakonisch. Es war unschwer zu erkennen, dass das nicht als Kompliment gedacht war.


Keine Zeit für Grundsatzfragen?

Wieso ist das so? Wieso sprechen wir in der Kirche nicht über den unaufhaltsamen Schrumpfungsprozess, betreiben eine tiefgehende Ursachenanalyse und überlegen uns grundlegende Strategien? Vermutlich hängt das zum einen damit zusammen, dass wir in der Kirche alle viel zu tun haben. Um es deutlicher zu sagen: Die allermeisten der Mitarbeitenden sind, was ihre zeitlichen Ressourcen anbetrifft, absolut am Limit. Die Anforderungen werden immer vielfältiger. Vor allem die Gremien- und Verwaltungsarbeit nimmt immer weiter zu. Wir Pfarrpersonen kommen nicht mehr nach mit unserer Arbeit und fallen abends erschöpft ins Bett im Wissen, dass uns am nächsten Morgen wieder ein riesiger Berg an Aufgaben erwartet.

Hinzu kommt, dass wir in der Kirche mit dem Problem der kontinuierlichen Kirchenaustritte schlichtweg überfordert sind. Die Ursachen für den anhaltenden Mitgliederschwund sind außerordentlich komplex und vielfältig, eine einfache Lösung scheint es nicht zu geben. Von daher beschäftigt man sich besser mit erfolgversprechenderen Dingen.

Beide Gründe, die Zeitknappheit und die inhaltliche Überforderung, sind sicherlich gewichtig. Aber sie reichen meiner Ansicht nach nicht aus, um den Diskussionsstillstand in der Kirche zu erklären. Ein zentraler Grund ist noch nicht genannt und um den geht es mir im Folgenden. Meine These ist: Wir sprechen in der Kirche deshalb nicht über so grundsätzliche Themen wie den kontinuierlichen Mitgliederschwund, weil wir es gar nicht können. Wir sprechen nämlich nur oberflächlich betrachtet die gleiche Sprache. Aber dahinter verbergen sich so gewaltige Anschauungsunterschiede, dass wir kaum mehr eine gemeinsame Sprachebene finden. Ich kenne das von keiner anderen Institution in dieser extremen Weise, wie das bei uns der Fall ist.


Keine gemeinsame Sprachebene

Sicherlich ist das für die Kirche keine komplett neue Lage. Unterschiedliche theologische Ansätze gab es auch in der Vergangenheit. Meine Beobachtung ist jedoch, dass sich die unterschiedlichen theologischen Positionen nicht nur deutlicher herausschälen, sondern die Unterschiede zwischen den einzelnen Positionen angesichts der großen Herausforderungen, vor denen der Protestantismus steht, auch markanter geworden sind.

Im Folgenden will ich die unterschiedlichen theologischen Anschauungen in unserer Kirche kurz skizzieren, um deutlich zu machen, wie schwierig es ist, uns miteinander zu verständigen. Eine Vorbemerkung sei mir hierzu gestattet. Eine Klassifizierung theologischer Richtungen ist immer eine Systematisierung, die der Komplexität der unterschiedlichen theologischen Ansätze nicht wirklich gerecht wird. Dass ich diese dennoch wage, hängt mit meiner Einschätzung zusammen, dass es grundlegende Richtungsentscheidungen gibt, die, wenn man sie einmal getroffen hat, charakteristische Folgerungen aus sich heraussetzen. Diese können im Detail unterschiedlich sein, zeigen aber doch, bei aller Variabilität, theologische Verwandtschaft.


Traditionelle Theologie

Vermutlich immer noch vorherrschend in den meisten unserer Landeskirchen ist das, was ich »traditionelle Theologie« nennen möchte. Zu dieser theologischen Strömung rechne ich sowohl das, was man lutherische Theologie nennt, als auch die Wort-Gottes-Theologie des reformierten Theologen Karl Barth. Gemeinsam ist ihnen der offenbarungstheologische Ansatz: Gott hat sich in Jesus Christus offenbart zum Heil der Welt. Davon kündet die Bibel, die insofern auch »Wort Gottes« genannt werden kann.

Mit Wissenschaften und andere Religionen kann durchaus ein konstruktiver Dialog geführt werden, solange das grundlegende offenbarungstheologische Axiom, von dem traditionelle Theologien ausgehen, nicht infragegestellt wird. Insofern hat der Dialog eine klare Grenze. Traditionelle Theologie ist bereit, die Bibel aus ihrer Zeit heraus zu verstehen und keine direkten Ableitungen für heutige ethisch-gesellschaftliche Herausforderungen vorzunehmen. Schriftmitte ist für sie Jesus Christus (Luther nennt dies bekanntlich »was Christum treibet«). Von ihr her ist die Bibel auszulegen für unsere heutige Zeit. Meiner Einschätzung nach schwindet in unseren Landeskirchen derzeit der Einfluss traditioneller Theologie zugunsten evangelikaler Strömungen.


Evangelikale Theologie

Oberflächlich betrachtet scheint evangelikale Theologie der traditionellen Theologie nahe verwandt und sich von dieser vor allem in der Intensität des gelebten Glaubens zu unterscheiden. Beide trennt jedoch ihr Bibelverständnis grundlegend voneinander. Für evangelikale Theologie ist die Auffassung, dass die Bibel zeitbedingte und damit für heutige Zeit nicht maßgebliche Elemente enthält, nicht akzeptierbar. Nach ihrer Auffassung ist die Bibel in allen ihren Aussagen die entscheidende Richtschnur christlicher Existenz auch für heute. Zwar werden in der Praxis im Einzelnen durchaus pragmatische Konzessionen gemacht und es gibt innerhalb der Bibel Schwerpunktsetzungen. Dennoch ist Bibeltreue nach meiner Wahrnehmung der verbindende Grundansatz aller evangelikalen Strömungen. Von daher werden wissenschaftliche Erkenntnisse daran gemessen, inwieweit sie mit der Bibel kompatibel sind. Andere Religionen werden von Evangelikalen in ihrem Wahrheitsanspruch klar abgelehnt. Zur Wahrheit der Bibel gehört nach evangelikalem Verständnis, dass der Mensch die Rettung, die Jesus Christus ihm anbietet, auch ausschlagen kann, was entsprechende Konsequenzen nach sich zieht. Diese werden in den Gruppierungen allerdings derzeit nicht betont.

Dass diese in den letzten Jahren in den Landeskirchen stärker werden, hat sicherlich auch da­mit zu tun, dass entsprechende Bewegungen in den USA und in England als erfolgreich wahr­genommen werden und man bestrebt ist, dies auch für die protestantischen Kirchen Deutschlands fruchtbar zu machen.


Liberale Theologie

Auf der anderen Seite der traditionellen Theologie behauptet die liberale Theologie ihren Platz. Ihr theologischer Ansatz unterscheidet sie deutlich von der traditionellen Theologie. Ihrer Meinung nach verhindert das offenbarungstheologische Axiom einen offenen Dialog mit den Wissenschaften und anderen Religionen. Dieser Dialog ist aber dringend geboren, denn Wahrheit beansprucht nicht nur das Christentum, sondern reklamieren auch die anderen Religionen sowie die Wissenschaften für sich. Wie lässt sich zwischen den unterschiedlichen Wahrheitsansprüchen vermitteln? Um dem gerecht zu werden, ist liberale Theologie daran interessiert, das Phänomen »Religion« allgemein in den Blick zu nehmen. Religionen wurzeln nach ihrem Verständnis in der menschlichen Tätigkeit, existentiellen Erlebnissen eine Ausdrucksgestalt zu geben. Religiös sind diese Erlebnisse, wenn sie als Ganzheits- oder Absolutheitserfahrungen gedeutet werden (Schleiermacher: »Religion ist Sinn und Geschmack für das Unendliche«). Dies geschieht in metaphorisch-symbolischer Sprache.

Dadurch dass religiöse Erfahrungen das Moment des passiven Ergriffenseins enthalten, kann man auch von »Offenbarung« sprechen. Religiöse Erfahrungen in diesem Sinne sind jedoch nicht auf das Christentum beschränkt. Religiosität ist vielmehr ein anthropologisches Grundphänomen. Dennoch ist das Christentum als geschichtlich gewachsenes und sich stetig veränderndes System mit seinen spezifischen religiösen Ausdrucksformen für liberale Theologie von hoher Bedeutung. Es hat nicht nur das westliche Abendland entscheidend weltanschaulich geformt, sondern enthält Anschauungen, die von ihrem Potential her auch für Menschen, die in der Spätmoderne leben, bedeutungsvoll sind. Nicht wenige wissenschaftliche Theologinnen und Theologen neigen der liberalen Theologie zu. In den Landeskirchen stellt die liberale Theologie hingegen eher eine Minderheit dar.


Säkulare Theologie

Neben ihr, aber mit deutlich geringerem Einfluss, gibt es noch eine weitere theologische Strömung. Ich möchte sie »säkulare Theologie« nennen. Diese ist noch einmal charakteristisch anders als die liberale Theologie. Auf den ersten Blick scheint sie der »Wort-Gottes-Theologie« nahezustehen, denn auch sie betont Jesus Christus als das Zentrum der Theologie. Sie unterscheidet sich aber von dieser in ihrer Zielsetzung. Ihr geht es darum, Religion als Phänomen zu überwinden. Sie plädiert stattdessen für eine radikale Diesseitigkeit. Alles Transzendente ist abzustreifen, damit die radikale Liebe Jesu Christi Gestalt gewinnt. Um sie geht es im Christentum zentral, nicht um die zeitbedingte religiöse Einkleidung. In der säkularen Theologie zeigt sich eine Spätwirkung der »Gott-ist-tot-Theologie«, die vor ca. 50 Jahren von sich reden machte. Auch Dorothee Sölle könnte zumindest teilweise dieser theologischen Richtung zugeordnet werden.


Unterschiedliche theologische Grundanschauungen

Diesen unterschiedlichen Theologien, so meine Wahrnehmung, ordnen sich Pfarrerinnen und Pfarrer zu, auch wenn sie das nicht unbedingt explizit machen oder ihnen selbst vielleicht nicht einmal bewusst ist. Sicherlich gibt es unter ihnen einige, die sich als Grenzgänger zwischen einzelnen theologischen Grundanschauungen einordnen. Aber meist entscheidet man sich für einen theologischen Grundansatz und entwickelt seine implizite Theologie – und die entsprechende Praxis – von ihm her (wobei einzelne Elemente anderer theologischer Rich­tungen durchaus aufgenommen werden können).

Meine These ist, dass die theologischen grundlegenden Ansätze so unterschiedlich sind, dass unter Theologinnen und Theologen differenter Provenienz eine Verständigung vor kaum lösbare Probleme gestellt ist. Das sieht man übrigens auch, wenn man die Diskussionsbeiträge im »Deutschen Pfarrerblatt« liest. Häufig gehen die Diskussionen deshalb ins Leere, weil man von einer anderen theologischen Grundanschauung her argumentiert.

Sicherlich, es gibt partielle Verständigung. So können säkulare Theologinnen und Theologen durchaus teilweise mit liberalen und traditionellen Theologinnen und Theologen (vor allem in ihrer reformierten Strömung) ins Gespräch kommen. Ähnliches gilt für die liberale Theologie, die sich bis zu einem gewissen Punkt mit säkularer und mit traditioneller Theologie (hier aber eher mit der lutherischen Strömung) verständigen kann. Evangelikale Theologinnen und Theologen können am ehesten mit traditionellen Theologinnen und Theologen kommunizieren. Allerdings scheinen in Diskussionen, wenn man ins Grundsätzliche ausgreift, schnell große Bruchlinien auf. Hier wird deutlich, dass Verständigungen immer auch eine klare Grenze haben. Zwischen liberalen und säkularen Theologinnen und Theologen einerseits und evangelikalen Theologinnen und Theologen andererseits ist die Lage noch vertrackter: zwischen ihnen ist kaum ein Gespräch möglich. Bei ihnen hat man das Gefühl, dass sie auf verschiedenen Planeten leben, von denen aus man sich im besten Fall freundlich zuwinken kann.


Kirchenpolitische Strategien

In den protestantischen Kirchen – so meine Wahrnehmung – hat man sich auf diese zugegebenermaßen schwierige Lage eingestellt. Auf keinen Fall will man, dass die Kirche aufgrund unterschiedlicher Anschauungen auseinanderbricht. Deshalb greift man kirchenpolitisch zu verschiedenen Strategien.

Die erste Strategie ist, dass man nicht mehr tiefergehend diskutiert. Ich nehme in der protestantischen Kirche so etwas wie ein unausgesprochenes Stillhalteabkommen wahr. Ich bin fast versucht, von einem Schweigekartell zu sprechen. Man beschränkt sich auf Diskussionen, wo sich alle einig sind. Ein beliebtes Thema hierzu sind die Themen »Inklusion« oder »Diakonie« im Allgemeinen. Alle anderen Diskussionen vermeidet man, um keine Gräben sichtbar werden zu lassen und weil sie zu nichts führen. Schon gar nicht werden Entscheidungen getroffen, die eine theologische Strömung vor den Kopf stoßen könnten. Lieber nimmt man Stillstand in Kauf.

Die zweite Strategie ist, sich hinter formelhaften Sätzen zu verstecken, die möglichst wenig festlegen und möglichst vielen das Gefühl vermitteln: Im Grunde sind wir uns doch alle einig. Das Problem hierbei ist, dass diese formelhaften Sätze in der Öffentlichkeit kaum mehr dechiffriert werden, sondern einer religiösen Sonderwelt zugeordnet werden, die mit einem selbst immer weniger zu tun hat.

Die dritte Strategie, die zum Beispiel in Religionsbüchern gerne angewendet wird, ist, dass man von jeder theologischen Grundanschauung etwas hineinpackt, auch auf die Gefahr hin, dass das Ganze dadurch inkonsistent wird. Eine solche Kompromisstheologie ist kirchenamtlich gewollt, denn dahinter stehen entsprechende Gremien, denen es darum geht, möglichst die Vielfalt der theologischen Ansätze abzubilden. Überzeugen kann eine solche Kompromisstheologie m.E. allerdings nicht.

Von der vierten Strategie haben wir im vergangenen Jahr ausführlich Gebrauch gemacht. Sie könnte man beschreiben als Rückwendung zur »guten alten Zeit«. Das Reformationsjubiläum bot hierzu vielfältig Anlass. Auf »SPIEGEL online« stand allerdings ein Satz, der einen zum Nachdenken bringen könnte: »Reformation ist mehr als Luthers Verdauungsprobleme«. In der Tat: Hätte das Reformationsjubiläum nicht Anlass sein können, über die drängenden Probleme der Kirche heute zu sprechen, anstatt ein Jahr lang Luther-Kirmes zu feiern? Ich empfinde das Jubiläumsjahr als eine verpasste Chance und kann deshalb in den Chor der zufriedenen Kirchenoberen ganz und gar nicht einstimmen.

Manchmal jedoch kommt die Kirche mit ihren Stillhaltestrategien nicht weit. Nämlich dann, wenn sie in eine Zwangslage gerät, sich entscheiden zu müssen. Das war und ist bei der Frage der Fall, ob homosexuelle Menschen kirchlich gesegnet werden dürfen. Hier kann sich die Kirche nicht aus einer Entscheidung herausstehlen, sondern ist gezwungen, Farbe zu bekennen. Dass sie sich damit schwer getan hat und weiterhin schwer tut, wird für jeden offensichtlich, der die Diskussionen mitverfolgt. Hier prallen die unterschiedlichen theologischen Anschauungen hart aufeinander und lassen sich nicht mehr übertünchen.


Nehmen wir den Stillstand in Kauf?

Diskussionsstillstand in der Kirche. Darum ging es mir. Ich wäre froh, wenn wir uns zunächst einmal offenherzig eingestehen, dass dieser zu tun hat mit den unterschiedlichen theologischen Anschauungen, die wir in der Kirche haben, und die zum Teil so weit auseinander liegen, dass eine Verständigung kaum mehr möglich erscheint. Die weitere Frage ist: Wie gehen wir mit dieser vertrackten Lage um? Nehmen wir, um die verschiedenen Strömungen zusammenzuhalten, Stillstand in der Kirche in Kauf? Das erscheint mir gefährlich. Denn die Herausforderungen, vor denen wir stehen, sind gewaltig. Sie nicht anzugehen, wird den Niedergang der Kirche nur noch weiter beschleunigen. Oder sollen wir doch endlich in der Kirche eine klare theologische Position beziehen? Auch das erscheint gewagt. Wir riskieren damit, dass uns große Teile der Kirchenmitglieder auf einen Schlag wegbrechen.

Welche der beiden Lösungen (und ich kann nur diese zwei erkennen) wir auch angehen: So oder so steuern wir als Landeskirchen auf gefährliches Terrain zu. Vermutlich werden wir ei­ne Mischlösung wählen. Aber auch sie wird uns nicht weiterhelfen. Deshalb sei mir zum Schluss ein Blick in die Zukunft gestattet. Ich glaube, wir werden in nicht allzu ferner Zukunft amerikanische Kirchenverhältnisse bekommen. Die Kirchenlandschaft wird sich vervielfältigen: Die Liberalen werden sich zusammentun, genauso die Traditionellen, die Säkularen und die Evangelikalen (die sich schon jetzt intern intensiv vernetzen) – und sich noch weiter aufteilen. Die Bürgerinnen und Bürger können entscheiden, welcher Kirche sie zugehören wollen. Diese werden sich, um erkennbar zu sein, deutlich positionieren. Die staatlich eingezogene Kirchensteuer wird wegbrechen und einem freiwilligen Mitgliedsbeitrag weichen. Man kann das als Schreckensszenario ansehen. Aber vielleicht ist es einfach nur eine neue Wendung in der an Wendungen reichen Kirchengeschichte.


Markus Beile

 

Aus: Deutsches Pfarrerblatt - Heft: 1/2018

1 Kommentar zu diesem Artikel

25.01.2018
Ein Kommentar von Udo Heuermann


Guten Morgen, Herr Beile, vermittelt durch eine Kollegin, habe ich Ihren Aufsatz gerne gelesen, besonders die Komprimierung auf vier theologischen Strömungen, die sich in unsern Landeskirchen ausfindig machen lassen. In einem Punkt kann ich Ihnen allerdings nicht zustimmen: Ich würde die Bedeutung der Wirtschaft nicht so hoch einschätzen. Sicher ist es wichtig, ihre Stimme zu hören, allerdigns sind wir - auch wenn wir auf die Kirchensteuergelder angewiesen sind - eine non-profit-Organisation, d.h. wir müssen auch andere Richtlinien als die Wirtschaft haben. Und an der Stelle sehe ich es nicht nur als Nachteil, wenn wir verschiedene Strömungen in unserer Kirche haben. Ich sehe es auch wie Sie, dass die evangelikale Richtung zunimmt, und das gefällt mir ebenfalls nicht. Allerdings denke ich, dass es unsere Kompetenz als Pfarrer- und Pfarrerinnen ist, eine Sprach- und daher auch Deutekompetenz zu haben, die andere nicht haben. Seelsorgerlich gesprochen, ist es also unser "Alleinstellungsmerkmal" uneingeschränkt nahe an den Menschen (und z.B. nicht unserm Profit verpflichtet) zu sein. Von daher denke ich, dass es eine Stärke sein könnte, dass wir viele verschiedene Meinungen und Störmungen in unserer Kirche haben - wir müssten allerdings, da stimme ich Ihnen voll zu, darüber ins Gespräch kommen oder im Gespräch bleiben. Damit wir sozusagen etwas aufteilen, oder mindestens miteinander kommunizieren, wer vielleicht welche Klientel in unserer Bevölkerung ansprechen und "bedienen" kann. Von daher denke ich: Wenn wir das hinkriegen würden, hätten wir mit unserer volkskirchlichen Vielfalt wirklich eine große Stärke. Daher noch einmal: Ganz herzlichen Dank für Ihren Beitrag, der gut geeignet ist, miteinander ins Gespräch zu kommen. Herzlichen Gruß Udo Heuermann, Pfr.

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