König Herodes als Adam des Neuen Testamentes
Auftakt zu einem neuen Kapitel der Weltgeschichte

Von: Menno Aden
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Die Enthauptung von Johannes dem Täufer

Mk. 6,18ff berichtet: Der Vierfürst Herodes Antipas (20-39 n. Chr.) verführte Herodias, die Frau seines Bruders. Johannes der Täufer hielt ihm diese Sünde vor, worauf er gefangen gesetzt wurde. Bei einem Gastmahl tanzte die Tochter der Herodias vor dem König (V. 22f) und gefiel wohl dem Herodes und denen, die am Tische saßen. Da sprach der König zu dem Mägdlein: Bitte von mir, was du willst. Ich wills dir geben. Und schwur ihr einen Eid: Was du wirst von mir bitten, will ich dir geben, bis an die Hälfte meines Königreichs. Darauf verlangte das Mädchen, von seiner Mutter angestiftet, den Kopf des gefangenen Johannes auf einer Schüssel. Der König widerstrebte, aber er sah sich durch seinen Eid gebunden und gab Befehl, Johannes zu enthaupten (V. 27). Mt. 14,1ff übernimmt diese Geschichte mit nur geringen Abweichungen; es fehlt z.B. die Einschränkung bis an die Hälfte meines Königreichs.1 Lk. (3,19f) bringt die Erzählung in einer Verkürzung.

Aus der Antike sind zwei sehr ähnliche Geschichten bekannt. Curtius Rufus (Buch 5, VII, 2ff) berichtet, dass Alexander inibat convivia, quibus feminae intererant, non quidem quas violari nefas esset – sich einem Gelage hingab, an welchem auch Frauen teilnahmen, freilich solche, die man ungestraft gebrauchen konnte … Darunter auch Thais. Diese, schon angetrunken, redete Alexander ein, die Königsburg der Perser in Persepolis verbrennen zu lassen. Ebrio scorto de tanta re ferente sententiam unus, alter, mero ipsi onerati, adsentiuntur. Rex quoque avidior fuit quam patientior: Quin igitur ulcicismur Graeciam et urbi faces subdimus! – Was da eine betrunkene Hure über eine derartig weitreichende Sache von sich gegeben hatte, fand bei einem um den anderen, die selbst von Weine schwer geladen waren, Zustimmung. Auch der König, eifrig und unbeherrscht, rief aus: Ja, rächen wir Griechenland! Legen wir Fackeln an die Stadt!

Einen der Herodias-Geschichte fast gleichen Fall legt Cicero (106-43 v. Chr.) in Cato maior de senectute (XII, 12) dem Cato über einen Lucius Flamininus in den Mund: ille enim cum esset consul in Gallia exoratus in convivio a scorto est ut securi feriret aliquem ex eorum qui in vinculis essent damnati rei capitalis – als dieser Konsul in Gallien war, ließ er sich auf einem Gastmahl von einer Dirne überreden, einen der wegen eines Kapitalverbrechens verurteilten Gefangen mit dem Schwerte zu töten.


Der Mythos vom verführten Mann

Die Geschichtlichkeit ist in allen drei Fällen zweifelhaft. Josephus kennt zwar Herodias, nennt auch den Namen einer ihrer Töchter, Salome, aber diese Geschichte kennt er nicht. Auch die Thaisgeschichte ist unsicher verbürgt. Dem Arrian, der Hauptquelle zu Alexander dem Großen, ist sie unbekannt. Sie stammt aus den überall, auch im jüdischen Bereich, umlaufenden Sagen, die Curtius Rufus etwa 400 Jahre nach Alexander aufschreibt.2 Die Geschichte des Lucius Flamininus (um 200 v. Chr.) könnte zwar einen geschichtlichen Kern haben. Cicero hat sie aber, offenbar ohne klare Vorstellungen von Zeit und Umständen, hundert Jahre später ausgegraben, um die in Cato verkörperte altrömische Sittenstrenge herauszustellen. Die Moral der Geschichte ist jedenfalls so deutlich aufgetragen, dass wohl auch in Betracht kommt, dass Cicero sie mit Blick auf die Thais-Geschichte moralisch nachgebessert hat. Alexander blieb als König straflos, aber Lucius Flamininus wurde, laut Cicero, für diese Tat wegen Sittenlosigkeit (flagitiosa et perdita libido) aus dem Senat gestoßen.

Den drei Geschichten ist gemeinsam, dass eine Frau einen lüsternen und/oder berauschten Mann zu einer an sich ungewollten Schandtat verführt. Dieses aus unseren Märchen, etwa Aschenputtel und Hänsel und Gretel, bekannte Motiv begegnet im Altertum oft. Herodot (Hist. 1,8-13) erzählt, dass Gyges, der treue Vasall seines Königs, von der Frau des Königs veranlasst wird, zwischen Tod oder Thronraub zu wählen. Auch König Salomo wurde von weiblichen Einflüsterungen zur Sünde verführt (1. Kön. 11,4): Da er nun alt war, neigten seine Weiber sein Herz fremden Göttern nach – mit einer aus jüdischer Sicht bis heute nachwirkenden Folge, V. 11: Darum sprach der Herr zu Salomo: Weil solches bei dir geschehen ist und hast meinen Bund und meine Gebote nicht gehalten, so will ich auch das Königreich von dir reißen … Doch zu deiner Zeit will ich’s nicht tun um deines Vaters David willen, sondern von der Hand deines Sohnes will ich’s reißen.


Erster Sündenfall

Es ist fast unmöglich, dass Mk. oder seine Leser die Thais-Geschichte nicht kannten. Es wird sich aber nicht nachweisen lassen, dass Mk. die Geschichte von Flamininus kannte. Cicero lebte etwa 100 Jahre vor Mk., dessen Evangelium auf etwa 65 n. Chr. angesetzt wird. Mk. hatte es sich zur Aufgabe gemacht, die spärlichen Reste der Jesusüberlieferung zu sammeln, nachdem die eschatologische Verstiegenheit des Paulus und seine Predigt vom unmittelbar bevorstehenden Gottesgericht sich nach dessen spurlosem Verschwinden als haltlos erwiesen hatte.3 Vielleicht war die verlegene Suche nach verschollenem Material über Jesus überhaupt der Grund dafür, dass diese Herodias-Episode ins NT geriet. Sie passt thematisch nicht in den Verlauf bei Mk. bzw. Mt. Sie hat auch mit Jesus und seiner Botschaft nichts zu tun. Und theologisch hängt diese Geschichte in der Luft und wirkt wie »eingeflickt«. Sie ergibt aber dann einen heilsgeschichtlichen Sinn, wenn man sie wie folgt deutet:

Es ist denkbar, dass auch diese genannten Geschichten bzw. die Schrift des Cicero ihren Weg in den Osten des Reiches gefunden haben. Herodes hat sich danach aufgeführt wie die Ungläubigen, die sittenlosen Griechen und die verhassten Römer, indem er wie jene in Rausch und Lüsternheit Johannes töten ließ, um einem Weib zu willfahren. Herodes hat damit Gottes Gebot wegen eines Weibes bewusst missachtet. Damit steht er auf einer Stufe mit Adam. Die Herodias-Geschichte erweist sich so als Wiederaufnahme der menschlichen Ursünde, des Sündenfalls Adams.


Sündenfall und Neubeginn

Im Mythos vom Sündenfall (Gen. 3) begeht Eva als erste die Sünde wider Gottes ausdrückliches Gebot. Sie nimmt und isst von der verbotenen Frucht und reicht Adam davon, der auch davon isst. Eva war mit dem ersten Bissen von der Frucht in den Genuss der dem Menschen eigentlich versagten Erkenntnis gekommen. Sollte Adam hinter seinem Weib zurückstehen? Vielleicht hatte Gott gewollt, dass es geradeso geschehe. Wie Eltern, die zwar einerseits von ihren Kindern Gehorsam fordern und die dann doch auch stolz darauf sind, dass sie nicht gar zu brav sind, sondern ihren eignen Kopf haben. Kinder, die nur am Munde der Eltern hängen und selbst nichts sagen und wagen, führen auch die Eltern nicht weiter. Nur aus dem Widerspruch des Nichtgleichen entsteht die Dialektik des sich nach vorne entwickelnden Lebens. Es folgt also wohl aus der Allmacht Gottes, dass Gott den Sündenfall in Kauf nahm, ihn brauchte, um die Welt sich entwickeln zu lassen.

Vielleicht haben Mk. und Mt. in diesem Sinne gefühlt: Gott hat damals unter Adam den Sündenfall zugelassen und sah sich mit der Sintflut zu einer Neuschaffung veranlasst, aber auch zu dem Schwur, eine solche Radikalkur nicht noch einmal zu unternehmen. Immer wieder, so auch jetzt mit Herodes, war es zu Situationen gekommen, die dem Sündenfall des Adam glichen. Nach vielen Irrwegen des Volkes war Gott zu dem Ergebnis gekommen, dass es so nicht weiter gehe mit der Welt. Da eine Austreibung aus dem Paradies nicht mehr möglich war, aber auch eine Vernichtung durch Sintflut ausschied, musste dem Menschen ein neuer Geist gegeben werden (vgl. Hes. 34,34). Dieses neuerliche Beispiel des Gottesungehorsams, hier am Beispiel des Herodes, zeigte, dass Gott mit dem Propheten Jesus, seinem eingeborenen Sohn, ein neues Blatt der Heilsgeschichte, aber vermutlich nun das letzte, aufschlagen wollte.


Menno Aden


Anmerkungen:

1 Bei Tischendorf mit dieser Einschränkung.

2 A. Demanth, Alexander der Große, C.H. Beck 2009, 83.

3 M. Aden, Die Überwindung des Cheftheoretikers. Die synoptischen Evangelien als Antwort auf die enttäuschte Naherwartungstheolgie des Paulus, DPfBl 2008, 267ff.

 

Aus: Deutsches Pfarrerblatt - Heft: 12/2017

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