Zum 90. Geburtstag von Niklas Luhmann
Wie ist religiöse Kommunikation möglich?

Von: Eberhard Blanke
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Niklas Luhmann wurde am 8. Dezember 1927 in Lüneburg geboren und verstarb ab 6. November 1998 im Alter von 70 Jahren in Oerlinghausen. In diesem Jahr wäre er 90 Jahre alt geworden. Für Eberhard Blanke ist dies Grund und Anlass genug, an einen der großen Gesellschafts­theoretiker des 20. und 21. Jh. zu erinnern und einige Grundzüge seines religionstheoretischen Ansatzes zu skizzieren.


1. Eine kurze Hinführung

Innerhalb des umfangreichen Gesamtwerkes von Niklas Luhmann1 nehmen seine religionstheoretischen Schriften einen besonderen Rang ein, vergleichbar am ehesten mit seinen zahlreichen rechtstheoretischen Schriften, für die dies angesichts seiner Provenienz als Jurist aber naheliegt. Insgesamt liegen aus gut 25 Jahren zwei Monographien sowie mehr als 20 Aufsätze zu religiösen Themen vor. Dabei geht Luhmann auf die gesamte Bandbreite religiöser Fragestellungen ein.

1972 hat er im Zusammenhang der ersten Kirchenmitgliedschaftsuntersuchung (KMU) einen Beitrag zur Organisierbarkeit von Religionen und Kirchen verfasst2, in der er sowohl die organisationstheoretischen Bedingungen der Kirchen als auch die damit verbundenen religiösen und theologischen Aspekte beleuchtet. Wer diesen Text nach der fünften KMU aus dem Jahre 2014 wieder zur Hand nimmt, kann eine ungebrochene Aktualität der damaligen Überlegungen feststellen.

Fünf Jahre später folgte der Band »Funktion der Religion«3, in dem die Themen Funktion, Dogmatik, Kontingenz, Säkularisierung und Organisation im Blick auf die religiöse Kommunikation innerhalb der gegenwärtigen Gesellschaft reflektiert werden. Daraus sind insbesondere zwei Abschnitte zur Lektüre zu empfehlen.

Zum einen entwickelt Luhmann, im Hinblick auf die zweite Person Gottes, eine Theorie der Gabe. Dabei wird die Reflexivität der Gabe des Lebens des Christus als Gabe der Gabe bzw. als Geben des Gebens herausgestellt. Die Gabe des Lebens des Christus war weder unmöglich noch notwendig, im modaltheoretischen Sinne also kontingent. Es hätte auch anders sein können. In dieser Kontingenz der Gabe aber kommt die paradoxe Einheit und Unterscheidung des Gegebenseins und des Sichgebens des Christus zum Vorschein. Das Geben des Gebens bleibt unauflöslich kontingent, sodass sich über die modaltheoretische Fassung dieser weder unmöglichen noch notwendigen Gabe die Unterscheidung von Freiheit und Notwendigkeit thematisieren lässt. Wir zitieren: »Am Ende aber heißt es: ›Mein Gott, mein Gott, warum hast Du mich verlassen?‹ […] So wurde es gesprochen, und so war es vielleicht auch gemeint. Deshalb ist die religiöse Dogmatik vor dieser Stelle am Ende. Aber die Logik dieser Geschichte hat einen anderen Sinn. Sie sagt am Ende nur: Es war nicht notwendig!«4 Und es wäre zu ergänzen: Es war nicht unmöglich. Stattdessen: Es war kontingent, insofern Kontingenz die Einheit der Negationen von Notwendigkeit und Unmöglichkeit darstellt.

Zum anderen thematisiert Luhmann in »Funktion der Religion« den Begriff der Säkularisierung, der die religionsinterne Beschreibung der Verselbstständigung anderer gesellschaftlicher Sinnzusammenhänge wie beispielsweise der Politik, des Rechts oder der Wissenschaft meint. Die Gesellschaft ist nicht mehr religiös fundiert und integriert, sondern die Religion tritt als eine besondere Sinnkonstruktion neben andere. Im Umkehrschluss bedeutet dies, dass die Religion durch die Säkularisierung in eigener Regie auf sich selbst zurückkommen kann, ja muss. Sie muss nun spezifisch eigene Sinnformen finden, die sich von anderen gesellschaftlichen Sinngebungen unterscheiden.5 Mit dieser Form der Säkularisierung geht zugleich eine Privatisierung des Religiösen einher.6

In den Kontext einer genetischen Herleitung der gegenwärtigen religiösen Kommunikation gehört sodann der rund 100 Seiten umfassende Aufsatz »Die Ausdifferenzierung der Religion«7 aus dem Jahre 1993. Er ist in der vierbändigen Reihe der historisch-semantischen Studien Luhmanns abgedruckt, die den unterschiedlichen Begriffsbildungen durch die Jahrhunderte in detaillierter Weise nachgehen.

Im Weiteren sind beispielhaft die Aufsätze »Reden und Schweigen«8 und »Zeit, Geheimnis, Ewigkeit«9 von 1989 sowie der Aufsatz »Vom Sinn religiöser Kommunikation«10 (1997), der eine konzise Zusammenfassung der Religionstheorie Luhmanns bietet, zu nennen. Schließlich bündelt die im Jahre 2002 posthum erschienene Monographie »Die Religion der Gesellschaft«11 die religionstheoretischen Überlegungen Luhmanns. Diese Schrift gehört in den Kreis seiner Monographien, in denen Luhmann die maßgeblichen Sinnzusammenhänge der gegenwärtigen Gesellschaft wie z.B. die Erziehung, die Kunst, die Politik, das Recht, die Wirtschaft oder die Wissenschaft systematisch beschreibt.


2. Religionstheorie

Die religionstheoretische These, der wir in den folgenden Überlegungen nachgehen, lautet: Religion bzw. religiöse Kommunikation bietet beobachtbare Sinnformen für Unbeobachtbares an. Sie stellt bestimmte Sinnformen für unbestimmbaren Sinn zur Verfügung. Denn: »Religion kommuniziert über Sinn, nicht einfach nur in der Form von Sinn.«12 Religiöse Kommunikation antwortet damit auf die gesellschaftliche Fragestellung, wie sinnhafte Kommunikation überhaupt möglich ist.13

Wie ist das im Einzelnen zu verstehen? Als Bezugspunkt seiner Gesellschaftstheorie geht Luhmann vom evolutionär entwickelten System der Kommunikation aus. System meint hierbei eine in sich geschlossene, einheitliche Operationsweise, die alles andere als Umwelt ausschließt. Für Kommunikation ist dies die permanent vollzogene Synthese der dreistelligen Selektion von Mitteilung, Information und Verstehen.14 Dabei fungiert kommunikatives Verstehen als Umschlagpunkt von einer vorangehenden Unterscheidung zwischen Mitteilung und Information zu einer nachfolgenden Unterscheidung dieser beiden Selektionen. Oder, frei nach Norbert Wiener: »Ich weiß nicht, was ich gesagt habe, bevor ich nicht die Antwort des anderen darauf gehört habe.«

Zugleich ist Gesellschaft »als Gesamtheit der füreinander zugänglichen, kommunikativ erreichbaren Erlebnisse und Handlungen«15 definiert. M.a.W.: Gesellschaft sind alle füreinander erreichbaren Kommunikationen, heute mithin Weltgesellschaft.16 Die Grenzen der Kommunikation sind die Grenzen der Gesellschaft und die Grenzen der Gesellschaft sind die Grenzen der Kommunikation.

Kommunikation bewegt sich im Medium Sinn. In diesem nicht hintergehbaren Letzthorizont der Gesellschaft bildet die Kommunikation bestimmte Sinnformen aus. Sie formt Ein- und Ausschlüsse und so kann jeweils nur etwas sinnhaft Bestimmtes kommuniziert werden. Dabei gilt: »Eine Kommunikation teilt die Welt nicht mit, sie teilt sie ein.«17 Sie vollzieht im Medium Sinn Bezeichnungen aufgrund von Unterscheidungen und bringt dadurch – und zwar immer und ausschließlich – zwei Seiten hervor: etwas kommunikativ Markiertes und etwas unmarkiert Bleibendes. Unter Bezugnahme auf George Spencer-Brown nennt Luhmann diese beiden Seiten marked state/unmarked state.18

Andere, etwa politische, rechtliche oder wirtschaftliche Kommunikationen lassen diese Unterscheidung von marked/unmarked bzw. den Sinn dieser Unterscheidung auf sich beruhen. Religiöse Kommunikation aber geht dieser Unterscheidung nach. Denn wenn jegliche Kommunikation ihre Sinnofferten anhand der letztlich zu beanspruchenden Unterscheidung von marked/unmarked voraussetzungsfrei in den unmarked state hineinkonstruiert, dann muss eine gesellschaftliche Kommunikation – in diesem Falle eben die religiöse – diese paradoxe Konstitution von Sinn thematisieren. Sie fragt: Wie kann etwas markiert werden, was nicht markierbar ist? Wie kann etwas beobachtet (marked) und kommuniziert werden, was weder beobachtbar (unmarked) noch kommunizierbar ist?

Das Problem dabei ist, dass die unbeobachtbare Erst- bzw. Letztunterscheidung aller Sinnformen, wie sie marked/unmarked darstellt, sich selbst widerspricht. Religiöse Kommunikation stellt sich diesem Paradox und sucht dafür Sinnformen, die sich kommunizieren lassen. So gesehen stellt religiöse Kommunikation eine besondere Form des Paradoxie-Managements im Hinblick auf das Medium Sinn und die darin möglichen Sinnformen dar.

Einen ersten Schritt in diese Richtung unternimmt religiöse Kommunikation damit, dass sie ihre Sinnformen an der Unterscheidung von immanent/transzendent, die eine Zweitfassung der Unterscheidung zwischen marked/unmarked darstellt, ausrichtet. Sie unterscheidet jeglichen Sinn nach einer immanenten und einer transzendenten Seite und liefert damit zugleich eine Lösung für das Grundlagenproblem der Gesellschaft bzw. der Kommunikation, angesichts der unüberschreitbaren Grenze von markierbarem und nicht-markierbarem Sinn dennoch Markierungen vornehmen zu können. Religion evoziert und stabilisiert die unüberschreitbare Grenze von Sinn und garantiert dadurch Sinn oder Sinnbildung »an sich«. Sie bringt Sinnformen hervor, die genau diesen Einschluss des Ausgeschlossenen, die das Markieren des Unmarkierbaren bzw. die Bestimmbarkeit des Unbestimmbaren, offen halten. Religiöse Kommunikation macht das Ununterscheidbare unterscheidbar.

Aus der auf diese Weise beschriebenen Religionstheorie Luhmanns sind drei Folgerungen in den Blick zu nehmen:


Alles kann religiös begriffen werden

Zum einen ist gewährleistet, dass religiöse Kommunikation thematisch universal agieren kann. »Alles« kann religiös begriffen werden. Dies bedeutet: Aller gesellschaftlich erreichbare Sinn kann unter dem religiösen Blickwinkel thematisiert werden. Religion ist nicht auf bestimmte Themen wie Gott oder Glaube beschränkt, sondern stellt eine bestimmte Art und Weise der Thematisierung dar. Zudem können weitere, bislang nicht in den Blick genommene Themen hinzukommen.19


Religion bildet Chiffren

Zum anderen erfolgen die Thematisierungen in der Regel anhand von einzelnen Worten, die das Problem der paradoxen, in sich widersprüchlichen Sinnformen zugleich verdecken und mitliefern. Luhmann hat diese Sinnbündel Chiffren genannt. »Es genügt uns also nicht, die Distinktheit von Religion in einem besonderen thematischen Interesse zu suchen – sei es in der Kommunikation über Gott, sei es in der Kommunikation über das Heil oder die Erlösung von allen Übeln. Das mögen vorgeschobene Themen sein, die das Nichtthematisierbare verdecken und statt dessen sozusagen als Chiffren fungieren […] In all diesen Fällen geht es […] darum, der Unbeobachtbarkeit des Mediums Sinn Rechnung zu tragen und darüber so zu kommunizieren, daß sie dadurch zugleich widerlegt und bestätigt wird.«20

Eine dieser Chiffren liegt im Gottesbegriff vor und kann als spezifische Fassung des Paradoxes der Unterscheidung von marked/unmarked bzw. beobachtbar/unbeobachtbar angesehen werden. Innerhalb der religiösen Semantik ergibt sich daraus die Formulierung, dass Gott als die unbeobachtbare und damit paradoxe Einheit der Unterscheidung von immanent/transzendent zu beschreiben ist. »Die Sonderstellung des Hochgottes ist dann dadurch ausgezeichnet, daß er allein die Vollmerkmale der Transzendenz realisiert, insbesondere das Merkmal der Grenzenlosigkeit, des Überallseins, also der Allgegenwärtigkeit auch im Bereich der Immanenz, also der Einheit der Differenz von Transzendenz und Immanenz.«21 Sowie: »Eine nichtindifferente Transzendenz: Das müßte Er sein.«22

In der religiösen Kommunikation wird dieser Gottesbegriff dadurch operationalisiert, dass der »unbeobachtbare[n] Beobachter«23 in jeder sinnhaften Formbildung als blinder Fleck eben dieser Formbildung unterstellt wird.24 Inwieweit dieser Gottesbegriff heute religiös trägt, bleibt eine davon zu unterscheidende Frage, da sich Religion durchaus auch anhand der Formel »etsi non daretur deus«25 begreifen kann.


Vier Arten religiöser Kommunikation

Schließlich lassen sich anhand des geschilderten Begriffs von Religion unterschiedlichste Ausgestaltungen religiöser Kommunikation erfassen und darstellen. Luhmann skizziert vier Arten religiöser Kommunikation, die sich übereinstimmend als paradoxe Beobachtung des Unbeobachtbaren bzw. als bestimmte Sinnformen unbestimmbaren Sinns beschreiben lassen: »Man kann dies in einer ganz flüchtigen Skizze an mehreren Figuren zeigen, und zwar: 1. an Religionen, die mit Weisheit (Divination) arbeiten und aus einer Beobachtung von Lineaturen an Oberflächen auf Tiefes und Verborgenes schließen; 2. an Offenbarungsreligionen, deren evolutionärer Erfolgt darauf beruht, daß sie mit eingefahrenen, ›gelehrten‹ Praktiken der Divination brechen und von einer Selbstoffenbarung Gottes ausgehen; 3. an mystischen Religionsbewegungen, deren eigentümliche Rationalität darin liegt, daß sie Unkommunizierbares zu kommunizieren, also in der Kommunikation begreiflich zu machen versuchen […]; 4. an bestimmten Strömungen im Buddhismus, die das Heil in der Destruktion des Gebrauchs von Unterscheidungen, also durch Rückzug des Beobachters in den ›unmarked space‹ suchen, in dem er selbst unbeobachtbar wird. Je nach Wahl dieser funktional äquivalenten Formen wird es schwer fallen, für die anderen Verständnis aufzubringen. Zusammengesehen bieten sie jedoch einen deutlichen Hinweis darauf, daß das Problem des Mediums Sinn tatsächlich im Zentrum religiöser Aufmerksamkeit liegt.«26


3. Zugewinn

Bei theoretischen Neuansätzen, wie sie Luhmanns Religionstheorie darstellt, ist man versucht zu fragen, worin der Zugewinn an Erkenntnis gesehen werden kann. Wir sehen insbesondere einen vierfachen Erkenntnisgewinn, der seitens der Theologie mehr oder weniger aufgenommen werden könnte.27

Erstens: Die Religionstheorie Luhmanns ist in eine umfassende Gesellschaftstheorie eingebunden und bietet daher den Vorteil, religiöse Kommunikation mit anderen Kommunikationsarten vergleichend beschreiben zu können. Sie ist sowohl theorieintern als auch theorieextern kompatibel und anschluss­fähig.

Zweitens: Sie ist auf einem theoretischen Niveau angesiedelt, das eine Aufnahme bisheriger Religionstheorien ebenso wie deren Ablösung leisten kann. Sie ist im Vergleich zu anderen Religionstheorien zugleich generalisierter als auch spezifischer angelegt und bringt dadurch ein gesteigertes begriffliches Auflöse- und Rekombinationsvermögen mit sich. Kurz: Sie ist wissenschaftlich anschlussfähig.

Drittens: Sie vermag deutlich zu machen, dass religiöse Kommunikation einen gesellschaftlich sowohl einzigartigen als auch autonomen Status hat. Religion tritt innerhalb der gegenwärtigen Gesellschaft eigenständig auf – mit allen Vor- und Nachteilen. Luhmanns Ansatz hilft nicht nur dabei, Religion als von Politik, Recht oder Wirtschaft, sondern insbesondere auch als von Moral unabhängig zu sehen. Mit der Säkularisierung als historischer Verselbstständigung voneinander unterschiedener Kommunikationszusammenhänge wie Politik, Recht, Wirtschaft und anderen löst sich Religion auch von moralischer Kommunikation bzw. umgekehrt.28 Religiöser Sinn ist nicht länger moralischer Sinn und moralischer Sinn ist nicht länger religiös. Mit der eigenverantwortlichen Abgrenzung religiöser Kommunikation von anderen gesellschaftlichen Sinnzumutungen steigt zugleich der Reichtum religionsinterner Sinnverweise. Religion wird in sich vielfältig.

Viertens: Die Religionstheorie Luhmanns stellt sich in die Linie der Aufklärung und bringt zugleich einen Schub in der »Abklärung der Aufklärung«29 mit sich. Es entsteht eine nüchterne und erwachsene (Religions-) Theorie, denn: »Guter Geist ist trocken.«30


4. Ausklang

Niklas Luhmann liegt, ebenso wie seine bereits 1977 verstorbene Frau Ursula, auf dem Friedhof Oerlinghausen-Lipperreihe begraben. Der als Kreuz geformte Grabstein zeigt in seiner Emblematik ein Bündel aus der Mitte heraus emergierender Lichtstrahlen. Wer mag, kann darin zeichenhaft die Grundidee seiner Gesellschaftstheorie in der Frage nach der Einheit und der Unterscheidung aller Dinge erkennen. Die Todesanzeige enthielt folgenden Text: »Seele des Menschen, / wie gleichst du dem Wasser. / Schicksal des Menschen, / wie gleichst du dem Wind. / In Liebe und Dankbarkeit nehmen wir Abschied: die Familie. […] / Die Trauerfeier fand im engsten Familienkreis statt.«31

Die viva vox des Bielefelder Soziologen ist verstummt, aber sein umfangreiches Schrifttum ermöglicht kommunikative Anschlüsse über seinen Tod hinaus. So bleibt als Fazit unserer knappen Hinführung zur Religionstheorie Luhmanns der Wunsch bestehen, dass seine Texte weiterhin gelesen und rezipiert werden. Etwa jener, der sich am Ende des ersten Kapitels von »Die Religion der Gesellschaft« befindet, wo es heißt: »In wohl allen Religionen und in allen Religionstheorien spielt der Tod eine bedeutende Rolle. […] Der Tod gehört zu den Grunderfahrungen menschlichen Lebens, und zwar als eine Erfahrung, die alle betrifft unabhängig von ihren Lebensschicksalen und ihrem sozialen Status. […] Diese Universalismen zeigen auch ohne weitere Erläuterungen an, daß der Sinn des Todes ein Problem ist, an dem sich die Religion zu bewähren hat.«32

Niklas Luhmann hat diese Bewährung für sich selbst vermutlich nicht in Anspruch genommen, wohl aber seine Frau, wie der Widmung in »Funktion der Religion« in ihrem Todesjahr 1977 zu entnehmen ist: »In Erinnerung an meine Frau, / der Religion mehr bedeutete, / als Theorie zu sagen vermag.«33


Anmerkungen:

1 Zur Biographie Luhmanns vgl. Luhmann, Niklas (2005): Es gibt keine Biografie. Niklas Luhmann im Radiogespräch mit Wolfgang Hagen. In: Wolfgang Hagen, Dirk Baecker und Niklas Luhmann (Hg.): Warum haben Sie keinen Fernseher, Herr Luhmann? Letzte Gespräche mit Niklas Luhmann. 2. Aufl. Berlin, 13-47. Sowie: Blanke, Eberhard (2017): Niklas Luhmann: »… stattdessen …«. Eine biographische Einführung. 2. Aufl. Norderstedt.

2 Luhmann, Niklas (1972): Die Organisierbarkeit von Religionen und Kirchen. In: Jakobus Wössner (Hg.): Religion im Umbruch. Soziologische Beiträge zur Situation von Religion und Kirche in der gegenwärtigen Gesellschaft. Stuttgart, 245-285.

3 Luhmann, Niklas (1977): Funktion der Religion. Frankfurt/M.

4 Vgl. Luhmann, Niklas (1977): Funktion der Religion, 217f.

5 Vgl. Luhmann, Niklas (1997): Vom Sinn religiöser Kommunikation. In: Franz-Xaver Kaufmann, Karl Gabriel, Alois Herlth und Klaus Peter Strohmeier (Hg.): Modernität und Solidarität. Konsequenzen gesellschaftlicher Modernisierung. Für Franz-Xaver Kaufmann. Freiburg/Basel/Wien, 173: »[…] so sichert gerade die Säkularisierung die Eigenständigkeit von Religion und bewahrt das Religionssystem davor, die eigene Einheit vorschnell auf der Ebene von integrierten Heilsprogrammen zu suchen.«

6 Vgl. Luhmann, Niklas (1977): Funktion der Religion, 232: »Säkularisierung können wir begreifen als die gesellschaftsstrukturelle Relevanz der Privatisierung religiösen Entscheidens.« Ebd., 239f. »Durch Privatisierung gerät Religion in den gegen Arbeit abgegrenzten und dadurch bestimmten Bereich der Freizeit. Hier unterliegt sie einer Art Greshamschen Gesetz der Freizeit: Geringwertigere Aktivitäten verdrängen höherwertige Aktivitäten, und, soweit dies zu deutlichen Prioritäten führt (Fußball, Fernsehen), verstärkt diese Wahrscheinlichkeit durch soziale Rückkopplung sich selbst. […] Heute scheint entschieden zu sein, daß die Kirche in der Freizeit gegen starke, strukturell begünstigte Tendenzen zu konkurrieren hat – ein Problem, das sich innerhalb ›kirchlicher Freizeiten‹ in der Marginalisierung der ›Bibelarbeit‹ wiederholt.«

7 Luhmann, Niklas (1993): Die Ausdifferenzierung der Religion. In: Niklas Luhmann (Hg.): Gesellschaftsstruktur und Semantik. Studien zur Wissenssoziologie der modernen Gesellschaft. Bd. 3. Frankfurt/M., 259-357.

8 Luhmann, Niklas (1989): Reden und Schweigen. In: Niklas Luhmann und Peter Fuchs (Hg.): Reden und Schweigen. 1. Aufl., [Nachdr.]. Frankfurt/M., 7-20.

9 Luhmann, Niklas (1989): Geheimnis, Zeit und Ewigkeit. In: Niklas Luhmann und Peter Fuchs (Hg.): Reden und Schweigen. 1. Aufl., [Nachdr.]. Frankfurt/M., 101-137.

10 Luhmann, Niklas (1997): Vom Sinn religiöser Kommunikation, 163-174.

11 Luhmann, Niklas; Kieserling, André (2002): Die Religion der Gesellschaft. 1. Aufl. Frankfurt/M.

12 Luhmann, Niklas (1997): Vom Sinn religiöser Kommunikation, 171.

13 Vgl. hierzu Luhmann, Niklas; Kieserling, André (2002): Die Religion der Gesellschaft, 53-55. Zur Religionstheorie Luhmanns insgesamt s. Lehmann, Maren (2001): Die Konfirmation der Differenz. Niklas Luhmanns Religionstheorie. Ausgearbeitete Fassung eines Vortrags im Systemtheoretischen Kolloquium der MLU Halle-Wittenberg am 22. Januar 2001. Online verfügbar unter http://docplayer.org/6549235-Die-konfirmation- der-differenz-niklas-luhmanns-religionstheorie. html (Stand: 26.06.2017).

14 Vgl. exemplarisch Luhmann, Niklas (2008): Was ist Kommunikation?: Soziologische Aufklärung 6. Die Soziologie und der Mensch. 3. Aufl. hrsg. v. Niklas Luhmann. Wiesbaden, 108-120.

15 Luhmann, Niklas (2009): Veränderungen im System gesellschaftlicher Kommunikation und die Massenmedien. In: Luhmann, Niklas (Hg.): Soziologische Aufklärung 3. Soziales System, Gesellschaft, Organisation. 5. Aufl. Wiesbaden, 355.

16 Vgl. Luhmann, Niklas (2009): Die Gesellschaft der Gesellschaft. Frankfurt/M., 145ff, s. auch Luhmann, Niklas (1972): Die Organisierbarkeit von Religionen und Kirchen, 246f: »Als Gesellschaftssysteme bezeichnen wir soziale Systeme, die letzte, fundierende Reduktionen leisten und damit soziale Ordnung in der Form begrenzter Möglichkeiten begründen. […] Offensichtlich kann nach diesem Begriff heute unter der Bedingung erdumspannender Kommunikation, in der alle Menschen füreinander erreichbar und verstehbar sind, nur noch von einem Gesellschaftssystem die Rede sein: der Weltgesellschaft.«

17 Luhmann, Niklas (1989): Reden und Schweigen, 7.

18 Luhmann, Niklas (1997): Vom Sinn religiöser Kommunikation, 169. Vgl. dazu Spencer-Brown, George (1999): Laws of Form. Gesetze der Form. Unter Mitarbeit von Thomas Wolf (Übersetzung). 2. Aufl. Lübeck, 3ff.

19 Vgl. insgesamt Blanke, Eberhard (2014): Systemtheoretische Einführung in die Theologie. Marburg.

20 Luhmann, Niklas (1997): Vom Sinn religiöser Kommunikation, 171, s. auch Luhmann, Niklas (1977): Funktion der Religion, 33: »Was als spezifische Sinnform des Religiösen, als Numinoses oder Heiliges beschrieben worden ist, läßt sich dann als Resultat eines Prozesses der Chiffrierung begreifen, der Unbestimmbares in Bestimmtes oder doch Bestimmbares transformiert. Chiffren sind nicht einfach Symbole, geschweige denn Zeichen oder Allegorien oder Begriffe. […] Sie konstituieren Wissen, indem sie das Bestimmte an den Platz des Unbestimmten setzen und dieses dadurch verdecken. Was durch sie verdeckt wird, bleibt Leerhorizont; es hat keine Realität, nicht einmal negierbare Realität, aber es wird miterlebt als das, was kontingente Form notwendig macht. Dies Miterleben wird als Bindung (religio) erfahrbar; es präsentiert die Unvermeidlichkeit reduktiver Bestimmung, die sich als Unvermeidlichkeit an religiös chiffriertem Sinn selbst anzeigt.«

21 Luhmann, Niklas; Kieserling, André (2002): Die Religion der Gesellschaft, 151.

22 Luhmann, Niklas (1977): Funktion der Religion, 205, s. ergänzend Luhmann, Niklas; Kieserling, André (2002): Die Religion der Gesellschaft, 15: »Die Differenz Gott/Mensch liegt in der Frage, ob die Einheit der Operation Beobachtung in der Operation sich selbst beobachten kann (Transzendenz) oder nicht (Immanenz). Man könnte auch sagen: die transzendente Person ist selbsttransparent, die immanente Person selbstintransparent.«

23 Luhmann, Niklas (2009): Vorwort. In: Luhmann, Niklas (Hg.): Soziologische Aufklärung 4. Beiträge zur funktionalen Differenzierung der Gesellschaft. Wiesbaden, 7.

24 Vgl. ansatzweise Luhmann, Niklas; Kieserling, André (2002): Die Religion der Gesellschaft, 89 und 162ff.

25 Luhmann, Niklas (1977): Funktion der Religion, 133. Zur Möglichkeit einer Religion ohne Gott, die dann als Religion des Individuums auftreten kann, s. Luhmann, Niklas; Kieserling, André (2002): Die Religion der Gesellschaft, 111: »Es ist alte Weisheit, zu sagen, das Individuum könne die Frage ›wer bin ich?‹ nicht selbst beantworten. In der Tradition war dies ein Zeichen der Schwäche seiner immanenten Existenz – seiner Orientierung am Eigeninteresse, seiner Erkenntnisschwäche, seiner Sündhaftigkeit. Diese Qualifizierung war diktiert durch das Gegenüber einer selbstvollkommenen Transzendenz. Eine andere Auffassung könnte sagen: das Individuum selbst ist die Transzendenz und eben deshalb darauf angewiesen, sich auf eine stets prekäre Selbstbestimmung festzulegen. Dann wäre zu verstehen, daß das Individuum die Paradoxie der Einheit der Differenz von Immanenz und Transzendenz in sich selbst erfährt und dazu tendieren mag, sie durch Externalisierung, durch Realitätsverdoppelung, durch Annahme eines Nirwana oder durch Annahme eines sich unmittelbar gebenden Gottes aufzulösen. Damit geht die Möglichkeit verloren, Glauben auf Grund von Autorität anzunehmen. Und man könnte sogar meinen, daß Schuld und Leid, Ausgeschlossensein und Fehlschläge aller Art diese Möglichkeit näher legen als all die Bestätigungen, die die Gesellschaft anbietet. Religion aber böte dann, mit oder ohne Gott, die Möglichkeit einer Kommunikation der Einheit von Immanenz und Transzendenz, einer Kommunikation also, die dem Individuum bestätigt, daß es in allem, was geschieht, sich selbst wiederfinden kann.«

26 Luhmann, Niklas (1997): Vom Sinn religiöser Kommunikation, 167-168.

27 Zur Rezeption der Religionstheorie Luhmanns in der Theologie vgl. Blanke, Eberhard (2012): Theologie systemtheoretisch – Wer ist der Beobachter? In: Eberhard Blanke (Hg.): Systemtheoretische Beobachtungen der Theologie. 1. Aufl. Marburg, 25-62.

28 Luhmann, Niklas (1993): Die Ausdifferenzierung der Religion. In: Niklas Luhmann (Hg.): Gesellschaftsstruktur und Semantik, 259-357. Moral wird hier begriffen als Kommunikation von Achtung/Missachtung, vgl. Luhmann, Niklas (2008): Paradigm Lost: Über die ethische Reflexion der Moral. In: Niklas Luhmann und Detlef Horster (Hg.): Die Moral der Gesellschaft. Orig.-Ausg., 1. Aufl. Frankfurt/M., 256f: »Ich verstehe unter Moral eine besondere Art von Kommunikation, die Hinweise auf Achtung oder Mißachtung mitführt. Dabei geht es nicht um gute oder schlechte Leistungen in spezifischen Hinsichten, und etwa als Astronaut, Musiker, Forscher oder Fußballspieler, sondern um die ganze Person, soweit sie als Teilnehmer an Kommunikation geschätzt wird.«

29 Luhmann, Niklas (2009): Soziologische Aufklärung. In: Niklas Luhmann: Soziologische Aufklärung 1. Aufsätze zur Theorie sozialer Systeme. 8. Aufl. hrsg. v. Niklas Luhmann. Wiesbaden, 83-115.

30 Stanitzek, Georg; Luhmann, Niklas (1987): Schwierigkeiten mit dem Aufhören. In: Niklas Luhmann und Dirk Baecker (Hg.): Archimedes und wir. Interviews. Berlin, 98.

31 Gumbrecht, Hans Ulrich (1999): Niklas Luhmanns flüchtige Privatheiten. In: Bardmann, Theodor M.; Baecker, Dirk (Hg.): Gibt es eigentlich den Berliner Zoo noch? Erinnerungen an Niklas Luhmann. 1. Aufl. Konstanz, 74-178, dort 174. Das Zitat stammt aus J. W. v. Goethe: Gesang der Geister über dem Wasser (1779).

32 Luhmann, Niklas; Kieserling, André (2002): Die Religion der Gesellschaft, 47f.

33 Luhmann, Niklas (1977): Funktion der Religion, 6. Dagegen eine mögliche Selbstauskunft, ebd., 300: »Manche Mitglieder vermeiden jede Interaktion [mit der Kirche; E.B.] und benutzen ihre Mitgliedschaft erst, wenn feststeht, daß keine Interaktion mehr in Betracht kommt: bei ihrer Beerdigung.«

 

Über den Autor

Pastor Dr. Eberhard Blanke, Jahrgang 1961, viele Jahre in Kirchengemeinden der württ. und der hann. Landeskirche sowie in der kirchlichen Presse- und Öffentlichkeitsarbeit tätig, derzeit Pastor in Hildesheim; Veröffentlichungen zu Kommunikationskampagnen und Public Relations, zum Verhältnis von Theologie und Systemtheorie sowie zur Biographie Luhmanns.

Aus: Deutsches Pfarrerblatt - Heft: 12/2017

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