4. Februar 2018, 2. Korinther (11,18.23b-30) 12,1-10
Sexagesimae

Von: Peter Haigis
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Ecce Homo


Eigenlob stinkt

Gerühmt muss sein – auch wenn’s nichts nützt! Geprahlt muss werden, wenn’s auch zu nichts taugt! Auf diesem Level lässt sich trefflich einsteigen in eine Predigt zu 2. Kor. 12,1-10, denn gegen die »Krankheit« der Eitelkeit scheint bis heute kein wirksames Kraut gewachsen und der Hang zur hohlen Lobhudelei ist allgemein und weit verbreitet (mindestens so sehr wie deren Gegenteil, das Ablästern).

Kaum anders offenbar vor 2000 Jahren in der Gemeinde in Korinth, die Paulus gegründet hat: Hier waren »religiöse Megastars« aufgetreten. Tolle Redner wohl, mit eindrucksvoller Ausstrahlung. Und was sie nicht alles vorzuweisen hatten: Offenbarungserlebnisse, Wunderheilungen, Bekehrungserfolge! In Korinth haben sie allerdings Verwirrung hinterlassen. Wem sollte die Gemeinde folgen? Paulus dem Gründer oder diesen neu aufgekreuzten »Superaposteln«?

Paulus selbst hält die fromme Leistungsschau zwar für reichlich idiotisch, aber er lässt sich darauf ein – rein rhetorisch. In 11,21b-28a fackelt er ein sprühendes Feuerwerk vorgegaukelten Eigenlobs ab … Und weil das bekanntlich zum Himmel stinkt, stehen damit nicht nur die selbst ernannten Granden in Korinth rasch da wie die begossenen Pudel, sondern Paulus nutzt flugs die Gelegenheit zur theologischen Kehrtwende. Er ist eben auch ein »begnadeter Ironiker«.


Hochmut kommt vor dem Fall

Zu Beginn des 12. Kapitels steuert Paulus um – hin zu seinem Evangelium. Nach der ganzen aberwitzigen Raserei um Bestleistungen in Sachen Märtyrerschaft und Offenbarungszeugnis lässt der Apostel einen intimen Einblick in seine tiefsten Schwachstellen und Abgründe zu. Das hat entwaffnende Größe und verlangt nach gepredigter Aktualisierung. Wer das eine mitmacht (s.o.), sollte das andere nicht scheuen. Können wir über Schwächen reden? Können wir Fehler und Versagen eingestehen? Können wir zugeben, an Grenzen zu geraten?

Im Mittelpunkt steht die Einsicht, dass dort, wo die eigenen Kräfte versagen, die Stärke Gottes wartet – dass dort, wo die eigene Schwäche lauert, Gottes Gnade bereit steht (12,9). »Gnade« – es gibt kein anderes, besseres Wort dafür. Aber was ist »Gnade«? In der Diktion des Paulus hier ist es jedenfalls nicht Heilung oder Überwindung: Der Pfahl bleibt im Fleisch stecken. Es bedeutet auch nicht die Kompensation der Schwäche: Paulus bleibt schwach, aber eben getragen von Gott.


Gnade meiner Schwachheit

So von der Gnade reden kann man eigentlich nur zeugnishaft, beispielhaft, exemplarisch – vielleicht auch besser gar nicht von ihr oder über sie reden, sondern sie meditieren. Für den zweiten Teil meiner Predigt nehme ich mir Unterstützung bei einem anderen eindrücklichen Gotteszeugen, Alexej von Jawlenski, und bei seinen Marterbildern. Ikonen der Gnade in Schwachheit sind sie für mich. Eines von ihnen findet sich im Evang. Gesangbuch (Württ.), S. 362 – andere bei Google unter »Jawlenski Meditationen«.

Rund 700 Bilder dieser Art hat der russische Künstler gemalt. Bilder, die den Schmerzensmann Christus zeigen. Bilder, die ins Nachdenken und Beten darüber führen sollen, wie Gott in Jesus am Leiden von uns Menschen teilnimmt. In den letzten zehn Jahren seines Lebens litt Jawlenski an schwerer Arthritis. Seine Leidenschaft, das Malen, wurde ihm zu einer unbeschreiblichen Qual. Unter unsäglichen Schmerzen hielt er mit beiden Händen den Pinsel und bewegte, da er die Arme nicht rühren konnte, den ganzen Körper auf und ab, hin und her, um die kleinformatigen Andachtsbilder zu vollenden. Aus diesen Bildern erwuchs ihm die Kraft zum Leben im Angesicht von unabänderlicher Krankheit, Schwachheit, Leiden und Schmerz. – »Lass dir an meiner Gnade genügen …«


Peter Haigis

Aus: Deutsches Pfarrerblatt - Heft: 12/2017

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