24. Dezember 2017, Jesaja 7,10-14
Christnacht

Von: Uwe Stenglein-Hektor
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Stressabbau

Zum Text

Dem Ahas, König in Jerusalem, geht es im Kontext der Predigtperikope (V 1ff) nicht anders als vielen Führungskräften in Wirtschaft oder Politik auch. So wie es scheint, bleibt ihm und den Menschen, für die er Verantwortung trägt, nur die Wahl zwischen zwei deprimierenden Möglichkeiten: Entweder Assur, die aggressive und militärische aufstrebende Großmacht im Osten, in einem Bündnis mit zwei kleinen Nachbarn, dem (religiös verbundenen) Nordreich Israel und dem (ethnisch verwandten) Syrien zu bekämpfen – mit dem absehbaren Risiko der totalen Niederlage, des eigenen Todes, der Deportation oder sogar des Völkermordes an den Judäern. Oder aber die feindliche Übernahme durch den Riesen zu akzeptieren, sich zu unterwerfen, als Vasall zu regieren, als Bevölkerung assimiliert zu werden, die Altäre der assyrischen Götter neben dem Altar JAHWES im Tempel stehen zu sehen und auszuhalten. Angesichts dieser Alternative zeigt Ahas typische Stress- und Angstsymptome wie Herzrasen und Verengung des Blicks über seine tatsächlichen Handlungsmöglichkeiten. Signale einer diplomatischen oder militärischen Lösung sind nicht zu erkennen.

Der Prophet Jesaja erinnert ihn daran, sich an das zu halten, was ihm im Glauben Grund und Hoffnung gibt: sein Bekenntnis zu JAHWE, dem Schöpfer, der Himmel und Erde gemacht hat. Selbst dazu ist Ahas nicht mehr in der Lage. In seiner Angststarre zieht er sich auf das scheinfromme, verlogene Argument zurück, er wolle den Allmächtigen nicht mit seinen banalen Regierungskrisen behelligen. In Wahrheit ist Ahas mit seinem Machtlatein, mit seiner politischen Erfahrung, mit seinen diplomatischen Finessen am Ende und will das nur nicht eingestehen.

Da wählt Gott, überbracht aus dem Mund des Jesaja, einen neuen Weg. In der Psychotherapie kennen wir die »paradoxe Intervention«, die induzierte Angstreduktion durch gezielte Symptomverstärkung beim Klienten. So ähnlich spricht Gott zu Ahas: »Jetzt stell Dir vor! Die junge Frau, gerade mal im heiratsfähigen Alter (bestimmter Artikel!), bekommt ihr erstes Kind, einen Sohn, und nennt ihn voll Vertrauen ›Gott mit uns‹ – ›Immanuel‹. Vor, während und nach der ersten Geburt, vor allem wenn es die erste ist (das kapiert vermutlich selbst Ahas), da stehst Du Kopf! Eine Hochschwangere oder junge Mutter und ihr neugeborenes Kind sind schutzbedürftig, der Vater nervös und unkonzentriert wie sonst nie. Alles steht Spitz auf Knopf. Familienerinnerungen von heute über besonders viele rote Ampeln, plötzliche Unwetter oder unerklärliche Staus bei der Fahrt in die Geburtsklinik sind Ausdruck für das Gefühl, die übelsten Mächte zwischen Himmel und Erde hätten sich noch einmal gegen den neuen Menschen verschworen. Das, was Hoffnung und Vertrauen schenkt, was das Liebenswerteste ist, das wir von Gott erwarten dürfen, das kommt in solchen Geburtswehen auf die Welt.


Zur Predigt

Im Stall von Bethlehem zeigt Gott der Konkurrenz die Grenzen auf. Die Altäre der Konsumtempel umzingeln die Krippe mit dem Christkind. Die Logik der ökonomischen Markmacht beherrscht die Stadt aufs Weihnachtsfest hin. Vertreiben können sie Gottes zärtliche Erscheinung – nicht! Wenn, dann wären sie selbst am Ende. Politische Spannungen wachsen, wie zu Ahas’ Zeiten. Der angsteinflößende Irrsinn, die Besessenheitsrhetorik alter und neuer Großmachtphantasien, dazu längst vertrieben geglaubte, braune Gespenster toben sich in ihren sozialen Medienhimmeln und -höllen aus. Christus ist ihr Ende, vielleicht sogar ihr Ziel. Die Weisen aus dem Morgenland im Evangelium der Christnacht haben das verstanden.

Die Verkündigung kann helfen, Geburtswehen nicht zu verniedlichen, sie aber in die Schranken zu weisen, ihnen die Grenzen aufzuzeigen. Indem wir helfen, Druck abzubauen: den Stress der Familienmütter und -väter, die sich nach Weihnachtsvorbereitungen, Bescherung und Familientreffen in der Nacht noch einmal aufmachen und den Gottesdienst besuchen. Und die Müdigkeit bei den Kindern oder Verwandten ernst nehmen, die das vielleicht gar nicht mehr wollten. Indem wir die echten Sorgen der Menschen ins Fürbittgebet nehmen, diejenigen, die sich im Kopf melden, wenn, wie in einem Gottesdienst, die anderen Medien einmal schweigen. Die Sorgen derer, die wir in unseren Gottesdiensten am Heiligabend kennen oder hauptsächlich vermuten: schlimme Diagnosen, Sorgen an und um den Arbeitsplatz, ungelöste Familienstreitigkeiten, Unverständnis zwischen den Generationen, finanzielle Probleme, Schulden… Und: Gut zum Stressabbau ist, viel und schön zu singen!


Lieder

EG   7 »O Heiland, reiß die Himmel auf«

EG 13 »Tochter Zion, freue dich«

EG 32 »Zu Bethlehem geboren«

EG 37 »Ich steh an deiner Krippen hier«

EG 50 »Du Kind, zu dieser heilgen Zeit«


Literatur

Antonius H.J Gunneweg: Geschichte Israels: von den Anfängen bis Bar Kochbar und Theodor Herzl bis zur Gegenwart, Stuttgart 1989, 6. Aufl., 129ff; Otto Kaiser: Der Prophet Jesaja. Kapitel 1-12, Göttingen 1981, 135ff; Willem A.M. Beuken: Jesaja 1-12, Freiburg 2003, 182ff


Uwe Stenglein-Hektor

Aus: Deutsches Pfarrerblatt - Heft: 11/2017

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