17. Dezember 2017, Römer 15,4-13
3. Sonntag im Advent

Von: Michael Glöckner
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Einigkeit im Lob Gottes

Pluralität unter Christenmenschen

Tiefe Theologie wenige Tage vor dem Christfest. Kenntnis der heiligen Schriften und Mut zum Denken sind wie auch sonst unumgänglich, wenn man Paulus verstehen will. Wie ist mit Pluralität unter Christenmenschen umzugehen – so die zentrale Frage, welche der Apostel hier ventiliert. Perspektive und durchgängiges Prinzip sind durch die Hoffnung ausgelotet. Das passt zum Advent. In dem Abschnitt, der mit 14,1 einsetzt und Spannungen innerhalb der Gemeinderealität behandelt, spricht Paulus »nicht mehr so sehr als Lehrer denn als Seelsorger« (U. Wilckens, 79). Auch das fügt sich gut in die Zeit kurz vor Weihnachten ein. Mit dem Segenswort 15,13, nach 15,5f das Zweite innerhalb unserer Perikope, endet das Briefcorpus. Innerhalb des Briefes befinden wir uns also an einer entscheidenden Stelle.

In der Eingangssequenz 15,4 präsentiert Paulus sein eigenes Schriftverständnis (vgl. 4,23f; 1. Kor. 9,10; 10,11). Durch die Geduld und den Trost sollen wir die Hoffnung behalten. In den Heiligen Schriften, die das vermitteln, bekommen wir es im Übrigen mit Gott selbst als einem »Gott der Geduld und des Trostes« zu tun (V. 5). Er möge, so das Segenswort, die Christen befähigen, in auseinanderstrebenden Richtungen aufeinander zuzugehen.

Hintergrund ist der innergemeindliche Konflikt zwischen Starken und Schwachen (vgl. 14,1ff): Die erste Gruppe, der sich der Apostel selbst zurechnet (vgl. 15,1), traut sich, alles zu essen (vgl. 14,2), während die anderen im Sinne einer christlichen Tora-Observanz gegenüber Fleisch und Wein enthaltsam leben (vgl. 14,2.21) sowie bestimmte Tage einhalten (vgl. 14,5f). Mit beiden Haltungen geht eine derartige Verachtung der jeweils anderen Gruppierung einher (vgl. 14,3), dass ein gemeinsames Gotteslob nicht mehr möglich zu sein scheint (vgl. 15,6).


Mehr als gegenseitige Akzeptanz

Eindringlich mahnt der Apostel die Christen einander aufzunehmen, was an Christus abgelesen werden kann (vgl. 15,7). Es geht dabei um mehr als um gegenseitige Akzeptanz: Das Verb προσλαμβάνεσθαι bezeichnet die reale Aufnahme in die Häuser, wobei hier »besonders an die Versammlung der Gemeinde gedacht sein dürfte, die ja in Privaträumen stattfand« (K. Wengst, 420). Es dient zuerst und zuletzt der Ehre Gottes, wenn Christen in dieser Weise miteinander umgehen.

Eine Exemplifizierung seiner Mahnung enthält der Apostel den römischen Christen nicht vor. Zunächst führt er die Beziehung des Gesalbten zu Israel aus. Um Gottes Treue zu erweisen und die an die Vorfahren ergangenen Verheißungen zu bestätigen, ist er »Diener [des Volks] der Beschneidung geworden« (15,8). Jesus hatte also einen diakonischen Auftrag (vgl. Mk. 10,45). Im Folgenden argumentiert Paulus in Fortsetzung des gewichtigen Abschnitts Röm. 9-11 und fügt in Orientierung an seinem hermeneutischen Grundsatz (vgl. 15,4) vier Schriftzitate ein. Sie begründen jeweils unterschiedlich, dass die Völker Gott loben. So stehen Israel und die Völker »zusammen im Lob Gottes – der Unterschied ist aufgehoben –, aber an der Besonderheit Israels wird festgehalten, die für Israel spezifischen Verheißungen bleiben in Kraft und werden gerade von dem Gesalbten bestätigt, der die Völker zum Lob des Gottes Israels bringt« (K. Wengst, 423).


Kurzzeitige Harmonie

Ich werde am 3. Advent von der Hoffnung reden. Und von der Einheit in der Gemeinde, auch wenn der von Paulus behandelte spezifische Konflikt uns eher fremd ist. Eine Woche wird noch vergehen, dann sitzen wieder in großer Eintracht und Harmonie zuerst in der Kirche, dann unter dem Christbaum viele Menschen. Die Erfahrung zeigt, dass das meistens nicht lange anhält. Es gibt aber auch eine tiefe Sehnsucht, dass uns gerade an Weihnachten Unterschiede nicht trennen mögen.

Wenn uns die im Alltag vorhandenen Klüfte nicht entzweien, vielmehr noch, wenn das gemeinsame Gotteslob von Hoffnung und Frieden über diese wenigen Stunden hinaus anhält, dann würde der tiefe Sinn der Menschwerdung Gottes richtig verstanden sein. Davon sollte bereits am 3. Advent – gewissermaßen propädeutisch – gepredigt werden.


Literatur

K. Wengst, »Freut euch, ihr Völker, mit Gottes Volk!« Israel und die Völker als Thema des Paulus – ein Gang durch den Römerbrief, Stuttgart 2008; U. Wilckens, Der Brief an die Römer [EKK Studienausgabe], Neukirchen-Vluyn 2010


Michael Glöckner

Aus: Deutsches Pfarrerblatt - Heft: 11/2017

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