Brief aus der Bundeshauptstadt

Von: Siegfried Sunnus
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Zufällig hörte ich, wie der Stadtführer seiner Gruppe erklärte: »Und hier sind wir im Tiergarten. Er ist größer als der Central Park in New York.« Ich wollte das nicht glauben, hatte ich doch den Central Park als riesig in Erinnerung. Nun gut – wozu gibt es das Internet? Und ich las: Der Central Park umfasst 3,41 Quadratkilometer und der Berliner Tiergarten 5,17!

Zwischen Potsdamer Platz und Regierungsviertel, vom Brandenburger Tor bis zum Bahnhof Zoo, schlägt das grüne Herz Berlins. Auf dem Stadtplan wirkt die Fläche wie eine innerstädtische Insel: Hier wird gejoggt, geskatet, Fußball gespielt, in der Sonne gelegen, Ruderboot gefahren. Ende des 17. Jh. ließ der Kurfürst Friedrich III. – ab 1701 König Friedrich I. – aus dem ehemaligen Jagdrevier einen »Lustpark für die Bevölkerung« anlegen. Im Lauf der Zeit wurde der Park nach mehreren Vorbildern umgestaltet und zwischen 1833 und 1838 von dem berühmten Landschaftsgärtner Peter Joseph Lenné in einen englischen Volkspark verwandelt. Im 2.Weltkrieg erlitt er große Schäden, v.a. 1945 mit den Kämpfen im Zentrum. Nach dem Krieg schlugen die Berliner ihn kahl wegen der Brennholzgewinnung … Die Wiederaufforstung begann 1949 mit Baumspenden aus westdeutschen Städten.

Nun hat er sich zu einem heftigen Streitobjekt entwickelt: Nach wie vor kampieren Menschen im Freien, wirkt der Park im Herzen Berlins vermüllt und verwahrlost. Der Innensenator kündigte an, mit einer »Taskforce Tiergarten« gegen Verwahrlosung, Kriminalität und Kampieren vorzugehen. Der Senat hat für die Obdachlosenhilfe im Doppelhaushalt zusätzlich 2,5 Mio. Euro eingeplant. Damit sollen Notübernachtungen, Unterkünfte für obdachlose Familien und mehr an Sozialarbeit finanziert werden. Doch bislang ist ungewiss, ob die Maßnahmen greifen. Auch, wann die Taskforce konkret startet, ist unklar.

Mehr Personal für das Ordnungsamt in Berlin-Mitte, eine massive Erhöhung der Polizeipräsenz im Tiergarten und ein Ausbau der Fahrradstaffeln der Polizei – damit will die CDU verhindern, dass es zu einem neuen Kriminalitätsschwerpunkt im Tiergarten kommt. Der Antrag der CDU wurde an den Innen- und Hauptausschuss verwiesen. Im Tiergarten nächtigen 50 bis 60 Obdachlose. Der Bezirksbürgermeister von den Grünen hatte die »Abschiebung« in besonders schwierigen Fällen gefordert. Dafür wurde er von Parteifreunden und der SPD kritisiert … Ein AfD-Abgeordneter sprach von einem langjährigen Regierungsversagen der SPD. Es sei offensichtlich, dass laut Statistik in den Jahren 2008 und 2009 der Tiergarten mit über 25.000 Straftaten Kriminalschwerpunkt gewesen sei. Die Bekämpfung der Obdachlosigkeit müsse man vom Kampf gegen Kriminalität trennen, sagte ein SPD-Politiker. In den Parks werde man keine Matratzenlager dulden. Er betonte, dass man einen langfristigen Ansatz zur Bekämpfung der Obdachlosigkeit brauche. Der Linkspolitiker kritisierte, dass die Debatte von »diskriminierenden Vorurteilen« überschattet werde. Wohnungs- und Obdachlosigkeit entstehe, wenn Menschen ausgeschlossen würden. Und »ausbeuterische Arbeitsverhältnisse« seien Vorboten eines Abdriftens in die Obdachlosigkeit. »Leider« seien Obdachlose, die aus EU-Staaten kämen, von Sozialleistungen ausgeschlossen. Da nütze es nichts, sie zur freiwilligen Heimkehr zu bewegen, obwohl »jeder doch weiß, dass die morgen wieder auf der Matte stehen«. Der FDP-Abgeordnete betonte, es gehe um »aggressive Obdachlose aus Osteuropa«. Diese Gruppe reagiere aggressiv auf alles. Trotzdem könne man »von diesen Leuten zivilisatorische Mindeststandards erwarten«. Wenn diese Menschen dafür nicht zugänglich sind, müssten sich die Heimatländer um sie kümmern.

Ein gewaltsamer Tod erschütterte Berlin im September: Susanne Fontaine, Kastellanin im Schloss Glienicke und im Jagdschloss auf der Pfaueninsel, hatte sich mit Freunden im Schleusenkrug getroffen und ging dann abends zu Fuß zum Hardenbergplatz – aber zu Hause kam sie nicht an. Drei Tage später wurde die Leiche der 60-Jährigen in Gebüsch am Schleusenweg entdeckt. Die Obduktion ergab, dass sie das Opfer einer Gewalttat geworden war. Infolge der guten Zusammenarbeit der Polizeidienststellen in Berlin und Polen, konnte der Tatverdächtige zwei Wochen später in Polen festgenommen werden und ist seit dem 6. Oktober in Untersuchungshaft in Berlin. Der junge Angeklagte hätte schon abgeschoben sein müssen… Dies Geschehen fördert auch eine angstbesessene Auseinandersetzung um den Tiergarten. Wer tagsüber im Tiergarten spazieren geht, bemerkt kaum etwas Auffälliges – aber abendliche Wege sind suspekt.


Siegfried Sunnus

Aus: Deutsches Pfarrerblatt - Heft: 11/2017

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