20 Jahre Hospiz-Verein Gießen
Weichen für eine »Gemeinschaft in der letzten Lebenszeit«

Von: Robert Cachandt
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Oh Herr, gib jedem seinen eigenen Tod.
Das Sterben, das aus jedem Leben geht,

darin er Liebe hatte, Sinn und Not.

Rainer Maria Rilke

Die öffentliche und kontroverse Debatte um angemessene Begleitung sterbender und sterbenskranker Menschen ist auch nach dem Bundesgesetz von 2015 voll im Gange. Ein Beispiel für Hospizarbeit, die im kommunalen und überkommunalen Raum mit wachsender Aufmerksamkeit und Sympathie wahrgenommen wird, ist der Hospiz-Verein Gießen. Angesichts seines 20jährigen Jubiläums blickt Robert Cachandt auf die Arbeit des Vereins zurück und berichtet exemplarisch von Erfahrungen, Schwierigkeiten und Lösungen.


Regie in der Vielstimmigkeit

Eingangs möchte ich von Stimmen berichten, die in unserem Jubiläumsheft anlässlich des 20jährigen Bestehens des Hospiz-Vereins Gießen e.V. die Entwicklungen in unserem Verein von 1997 bis 2017 orchestrieren. In diesen zwei Jahrzehnten erwies sich Vielstimmigkeit in unseren Reihen als eine notwendige Komponente zu einer Entwicklung, die unserem Leitsatz folgt: »Regie führt der sterbende Mensch.«

Aber warum denn »Vielstimmigkeit«, wenn nur die »eine Stimme« letztlich zu Gehör und Geltung kommen soll? Die »eine Stimme«, die der jetzt und hier begleiteten schwerstkranken und sterbenden Person zugehört, so sagt es unsere Erfahrung, versendet ihre Wünsche, Bitten, Bedürfnisse auf sehr verschiedenen Ebenen unserer Wahrnehmung. Als Begleitende nehmen wir sie immer nur partikular, niemals in ihrer Totalität und Ganzheit auf. So bedarf es nicht nur höchster Sensibilität der Begleitenden in der Verfolgung unseres Vereinsziels, sondern auch der fortdauernden Einübung im Austausch und der Kommunikation des Sterbelebens mit anderen beteiligten Ehrenamtlichen und Professionen (nicht zu vergessen die Stimmen der Zugehörigen!). Ein in diesem Sinne »multiprofessionelles Team« stellt eine große Herausforderung dar. Nur auf dieser, auf der Vielstimmigkeit von Wahrnehmungen beruhenden Hospizarbeit, können wir letztlich die Würde und Einzigartigkeit der sterbenden Person im Blickfeld behalten.

Im neuen Hospiz- und Palliativgesetz (HPG vom Dezember 2015) findet diese Einstellung ihren Niederschlag: Hospizarbeit wird in einem umfassenden Sinne in »Palliative Care« eingebunden. Es wird betont, dass medizinische, pflegerische sowie psychosoziale Betreuung und Versorgung wie auch spirituelle Begleitung sterbenskranker Menschen in Kooperation der beteiligten Professionen organisiert werden sollte. Grundlegende Überlegung dazu hatte 2010 schon die »Charta zur Betreuung schwerstkranker und sterbender Menschen« vorgelegt.


Ehrenamt und Hauptamt

Vor diesem Hintergrund versteht sich auch die »Vielstimmigkeitskonzeption« unseres Jubiläumsheftes. Sie bringt klar zum Ausdruck, dass wir keine Stimme einer Kirche oder eines (konfessionellen) Sozialverbandes sind. Wir wollen als eine bürgerschaftlich freie und gemeinnützige Vereinigung nichts anderes auf unsere Fahnen schreiben als den schwerstkranken und sterbenden Menschen und seiner Lebenswelt eine Stimme geben.

Priorität in allem Geschehen hat seit Anbeginn der Vereinsarbeit Schulung, Einsatz und Begleitung ehrenamtlicher Hospizmitarbeitender gewonnen. Wie anders denn durch »geschultes Personal« hätten damals, schon beim Start unserer Arbeit 1997/98, die Mängel und Unachtsamkeiten in der Begleitung und Versorgung sterbender Menschen in den uns bekannten Kliniken, Krankenhäusern und Altenheimen behoben ­werden können?

Ehrenamtlich Mitarbeitende sahen sich befähigt, in der ihnen zugänglichen Welt sterbenden Menschen und ihren Angehörigen Hilfe und Beistand, Rat und Trost zu geben. Als »Professionelle in einem ganz eignen Sinne« waren sie zunächst in den versorgenden Einrichtungen von nicht wenigen tariflich angestellten Fachkräften als Konkurrentinnen angesehen worden. Für Pflegekräfte kam es durch diese Hospizeinsätze oftmals einer Kränkung ihres eigenen Berufsstandes gleich, der doch selbst mit einem hohen Anspruch an menschlicher Zuwendung und Nähe ausgestattet ist, aber in der alltäglichen Arbeit nur selten gelebt werden konnte. Aber je mehr die Qualität ehrenamtlicher Begleitung in den Häusern wie in der Öffentlichkeit Anerkennung fand, desto deutlicher wurde bürgerschaftliches Engagement für schwerstkranke und sterbende Menschen auch beim medizinischen und pflegenden Personal geachtet. Allerdings ist es bis heute notwendig dem Ehrenamt, wie wir es verstehen, immer wieder eine Stimme zu geben.

In unserer Jubiläumsschrift hielten wir es daher für besonders notwendig, einige Beiträge unserer Ehrenamtlichen aufzunehmen; denn gerade sie haben aus ihrer Mitarbeit gute Einsichten für sich selbst und die von ihnen Begleiteten gewonnen. So lesen wir: »Die Bewohner sind mir ans Herz gewachsen und ich bringe ihnen ein Stück weit das Leben von außerhalb des Heimes, an dem sie nicht mehr teilnehmen.« – »Ich kann sagen, dass ich in jeder Begleitung immer wieder Dinge erlebe, die mich persönlich positiv beeinflussen.« – »Das Sterben ist ein für uns Lebende unergründliches Geheimnis, dem wir in der Begleitung näher kommen können.« – »Man ist sich ja eigentlich fremd und trotzdem kommt in recht kurzer Zeit ein Vertrauensverhältnis zustande.«

Diese und weitere Erfahrungen unserer Ehrenamtlichen in der geregelten Supervision, in Angeboten der Fortbildung und Geselligkeit haben uns bis heute immer wieder neue Frauen (kaum Männer!) für die Schulungskurse zugeführt. Dabei sind wir dankbar, in vielen Jahren der Vereinsgeschichte mit hauptamtlichen Hospizfachkräften/Koordinatorinnen wesentliche Maßnahmen unserer Ehrenamts- und Öffentlichkeitsarbeit auf einem qualitativ angemessenen Niveau bestreiten zu können. Die ökonomische Absicherung dieses Teils der Vereinsarbeit (Schulung, Einsatz und Begleitung) ist weitgehend durch die Gesetzgebung gegeben. Allerdings ist für Beantragungen der Mittel, für deren Abrechnungen und dazugehöriger Dokumentation zugleich auch ein wachsender Anteil bürokratischer Kenntnisse und Fertigkeiten erforderlich geworden.


Vorstand und Leitbild

Nicht zuletzt für die ehrenamtlichen Vorstände ist jetzt mehr erwünscht als nur eine »hospizliche Gesinnung«. Dies war in den ersten Jahren unserer Existenz eine wichtige Einstellung zur Arbeit im Vorstand. Angesichts der ökonomisch, juristisch und sozialpolitisch gewandelten Umstände für die Hospizarbeit, dürfen wir in den letzten Jahren dankbar sein, in unserem Vorstand auch medizinischen, pflegerischen sowie finanziellen Sachverstand zu haben.

Im vielstimmigen Chor zivilgesellschaftlichen Engagements in der Region sahen wir uns ebenfalls genötigt, unser Leitbild zu bestimmen: Eine spirituelle Rückbindung an die »Werte tätiger Nächstenliebe, die uns als biblische Überlieferungen Trost und Ansporn sind« gibt uns Orientierung. Weiter heißt es: »Von der Begrenztheit ›letzter Antworten‹ in ethischer und religiöser Hinsicht sind wir überzeugt. Wir beachten individuelle Freiräume und bleiben in unseren Begleitungen achtsam, offen und sensibel für einen sich jeweils anbietenden spirituellen Dialog.«

Da der Verfasser als evangelischer Theologe über all die Jahre hin durchgehend den Vorsitz des Vorstandes innehatte, verstehen sich diese Sätze auch vor diesem Hintergrund. Ob der Verein weiterhin auf dieser Spur laufen wird, obliegt dem seit Juli 2017 neu gewählten Vorstand, dem vorerst kein Theologe angehört.


Gründung des Hospizes »Haus Samaria« – Ein Leuchtturm aktiver Sterbebegleitung

Nach gut 10 Jahren unserer Arbeit in Familien, Kliniken, Altenheimen ging auch an unserem Verein der Ruf nach Errichtung eines Hospizes nicht vorüber. Er fand in Vorstand und Mitgliedschaft im Jahre 2010 ein großes Echo. Wir hielten die Stunde für dieses Projekt in Gießen gekommen! Unter einem hohen Einsatz personeller und finanzieller Ressourcen, gepaart mit kommunalpolitischem Rückenwind und Hilfen aus der Diakonie gelang es dem Verein, in Zusammenarbeit mit seinen beiden Partnern am Evang. Krankenhaus in Gießen im März 2014 das 10-Betten-Hospiz »Haus Samaria« zu errichten. Der Name dieses Hauses reflektiert bewusst den Bezug auf das biblische Gleichnis vom barmherzigen Samariter. Das Hospiz ist heute aus unserer Stadt nicht mehr wegzudenken! Im Prozess der Entwicklung und Vollendung dieses Projektes gewann unser Verein in der Region einen wachsenden Mitgliederzuspruch. In unserer Jubiläumsschrift wird dieses Projekt in seiner Besonderheit hervorgehoben vom Ministerpräsidenten des Landes Hessen, der Landrätin des Landkreises Gießen und der Gießener Oberbürgermeisterin.

Im Licht einer bundesweit immer wieder aufkeimenden öffentlichen Debatte um »Sterbebegleitung/(aktive)Sterbehilfe« konnten wir in unserer Region durch eine hohe Akzeptanz der ambulanten wie stationären Hospizarbeit klare Möglichkeiten für eine das Sterbeleben begleitenden Mitmenschlichkeit aufweisen, die es verstehen, den Tod weder zu beschleunigen noch hinauszuzögern. In diesem Sinne verfolgen wir weiterhin inhaltlich das Bittgebet, das Rainer ­Maria Rilke für uns gebetet hat:

»Oh, Herr, gib jedem seinen eignen Tod.
Das Sterben, das aus jedem Leben geht,
darin er Liebe hatte, Sinn und Not.«


Robert Cachandt


 

Über den Autor

Pfarrer i.R. Robert Cachandt, Ehrenamtlicher Vorsitzender des Hospiz-Vereins Gießen e.V., s. auch www.hospiz-verein-giessen.de – dort auch dessen Jubiläumsschrift 2017.

Aus: Deutsches Pfarrerblatt - Heft: 11/2017

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