Zum 125jährigen Jubiläum des Verbandes evangelischer Pfarrerinnen und Pfarrer in Deutschland
Der nationale Luther als Gründungsnarrativ

Von: Festvortrag von Dr. habil. Katharina Kunter, Frankfurt
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Feierlichkeiten in der Wittenberger Schloss­kirche mit anwesenden Pfarrern, 1892.


2017 ist nicht nur das Jahr des 500. Reformationsjubiläums, das überall – landaus, landein – gefeiert wird. Es ist zugleich das 125jährige Jubi­läum des Verbandes der evangelischen Pfarrerinnen und Pfarrer1. Nur auf den ersten Blick gibt es zwischen diesen beiden Jubiläumsfeiern im Jahr 2017 keinen Zusammenhang. Denn bereits mit ein klein wenig mehr Tiefenschärfe wird deutlich, dass der 1892 gegründete Pfarrerverband, wie er hier im Folgenden abgekürzt bezeichnet wird, sowohl einen repräsen­tativen Ort des Nationalprotestantismus des 19. Jh. darstellte, als auch ­zugleich Ausdruck des wilhelminischen nationalen Lutherkultes war …


… Unter diesem Aspekt lässt sich die Gründungsgeschichte des Pfarrerverbandes durchaus in die Gedenkkultur der Reformationsjubiläen2 einreihen – auch, wenn sie darüber weit hinausgeht. Aufgrund fehlender oder verschollener Quellen und Literatur ist das bislang weder von der Forschung noch vom Verband selber so deutlich erkannt worden. Deshalb konzentrieren sich die folgenden Ausführungen auf die Gründung und die Anfangszeit des Verbandes. Dazu wird 1. die Zeit, in die hinein sich der Verband Deutscher Evangelischer Pfarrvereine gründete, genauer skizziert. Es wird herausgearbeitet, was die Umstände, was seine Anliegen waren, und wie er als Standesvertretung der Pfarrer wahrgenommen wurde. Daran knüpft sich 2. die Darstellung der ersten organisatorischen Weichenstellungen und der zentralen Themen der Anfangszeit an. Schließlich wird von da aus 3. ein großer Sprung in das 21. Jh. vollzogen und aus einer historischen Perspektive heraus nach dem »Erbe« von 125 Jahren Verband Deutscher Evangelischer Pfarrervereine gefragt; aktuelle Herausforderungen werden skizziert.


1. Zeitgeschichtlicher Kontext und Anliegen der Verbandsgründung

Grundsätzlich sind Gründung und Geschichte der zahlreichen verschiedenen Pfarrvereine gut erforscht. Es gibt allerdings große regionale Unterschiede. Zu den verschiedenen Jubiläen sind Festschriften erschienen, die teils historisch, teils persönlich oder auch anekdotisch verschiedene Epochen in den Blick nehmen.3 So sehr es aber viele Gemeinsamkeiten in der Geschichte der Pfarrvereine geben mag: auffällig ist doch, dass Studien zum Gesamtverband fehlen. Auch Frank-Michael Kuhlemann und Olaf Blaschke, beide profilierte Historiker zur Konfessionskultur und Religion im Kaiserreich, streifen die Pfarrvereine nur am Rande oder regional, haben aber den Gesamtverband nicht im Blick.4


Ein verschollenes Archiv

Dass der Gesamtverband bislang noch nicht in den Fokus der Forschung gekommen ist, liegt u.a. daran, dass das Archiv des Gesamtverbandes bislang verschollen ist. Es gibt in den Quellen verschiedene Vermutungen zum Verbleib des Archives, die sich von der Beschlagnahmung durch die SS5 bis hin zum Verlust durch »Fliegerschaden« 1943 erstrecken. Immerhin kann auf Parallelüberlieferungen zurückgegriffen werden. Neben den Akten der regionalen Pfarrvereine, die in einer Gesamtsicht noch erschlossen werden müssten, enthalten die Akten des Evang. Oberkirchenrats (EOK) in Berlin, die im Evang. Zentralarchiv aufbewahrt werden, eine Menge Dokumente zu den ersten 15 Jahren des Verbandes. Dazu gehören neben zahlreichen zeitgenössischen Presseartikeln ausführliche Verhandlungsberichte und Schriftwechsel.

Neue politische Dynamiken

Die 90er Jahre des 19. Jh., in denen die Gründung des Verbandes stattfand, waren politisch turbulent. Das ganze Deutsche Reich durchzogen neue, politische Dynamiken. Die Reichstagswahlen vom 20. Februar 1890 hatten erstmals für die Sozialdemokraten (SPD) den Durchmarsch gebracht, mit 19,7% der Stimmen wurde die SPD stärkste Partei. Dagegen hatte das Bündnis von Konservativen, Freikonservativen und Nationalliberalen eine herbe Niederlage einstecken müssen. Gewonnen hatten ebenfalls die linksliberale Deutsch-Freisinnige Partei und das Zentrum.6

Die Entlassung Bismarcks und die Aufhebung der Sozialistengesetzte deuteten an, dass die SPD von nun an einen neuen Stellenwert in der politischen Landschaft erhielt; tatsächlich wuchs sie nach den Wahlen zur mitgliederstärksten Partei heran. Der Protestantismus, überwiegend kaisertreu und wertkonservativ, war mit seiner nationalkonservativen Grundstimmung in vielen Regionen und Städten an den Rand gedrängt. Das galt auch auf dem Land, wie das z.B. anschaulich die Kirchliche Monatsschrift von 1892 berichtete: »Vor dem deutschen Reichstag höhnte der deutsche Kanzler (der Nachfolger Bismarcks, Graf Caprivi) über die Unwissenheit der Landpastoren. Kein EOK verbat sich solche Invektiven. Wenn nicht der verehrte Oberhirte der Provinz Sachsen, Herr D. Schulze, öffentlich für uns Landgeistliche das Wort ergriffen hätte, niemand hätte sich unserer angenommen.«7


Ein frommer Protestant an der Spitze des Reichs

Zugleich blieb der Kaiser, die Monarchie, der zentrale Orientierungspunkt für die Protestanten. Im Deutschen Reich stand seit 1888 Kaiser Wilhelm II., ein frommer Protestant, an der Spitze. Er war zugleich preußischer König von »Gottes Gnaden« und somit sowohl der oberste Schutzherr der größten evangelischen Landeskirche, nämlich Preußens, wie auch ihr höchster Bischof (summus episcopus). Das Verhältnis zwischen Protestantismus und Kaiser beschrieb der Berliner Theologieprofessor Reinhold Seeberg in einem Rückblick auf Schlaglichter des Pfarrerverbandes folgendermaßen:8

»(…) Es gibt eine fürstliche Repräsentation, die in stiller Würde die Macht der Vergangenheit in Tradition und Ordnung, in Staat und Gesetz für die Gegenwart darstellt. (…) Mit dem hochgestimmten Idealismus des Patriotismus – in wie mancher glänzenden Rede hat der Kaiser zu ihm aufgerufen – verbindet sich aber in den Handlungen und Äußerungen des Kaisers ein festes und freudiges Bekenntnis zum evangelischen Christentum, zum Glauben der Reformation. (…).«

Seeberg sprach die tiefe Symbiose zwischen Kaiserreich und Protestantismus an, vor deren Hintergrund Martin Luther zum neuen nationalen Helden des Kaiserreiches heranwuchs. Luthers 400. Geburtstag 1883 wurde als erstes großes öffentliches Jubiläum im ganzen Reich gefeiert. Als ein besonders Zeichen wurde aus diesem Anlass der Umbau der Wittenberger Schlosskirche geplant. Knapp zehn Jahre später war es soweit: Am 31. Oktober 1892 sollte in Wittenberg die neu gestaltete Schlosskirche eingeweiht werden. Ein großes Fest war geplant, viele hohe Festgäste, Kirchenleute und Protestanten aus allen Ecken des Reiches machten sich in die Lutherstadt Wittenberg auf – und als Höhepunkt sagte der Kaiser seinen Besuch für den Gottesdienst zu, um dort ein persönliches Bekenntnis zu seinem evangelischen Glauben abzulegen.


Ein Reichsereignis in der Lutherstadt Wittenberg

Auf dem Bild der Schlosskircheneinweihung kann man zahlreiche Pfarrer sehen, die an der Feier teilnahmen. Unter ihnen befanden sich wahrscheinlich mehrere Pfarrer, die sich nach dem Gottesdienst und dem Volksfest trafen, um die Gründung eines übergreifenden Pfarrvereines voranzutreiben.9 Denn direkt nach den großen Feierlichkeiten, noch am 31. Oktober 1892, kam eine Gruppe von Pfarrern aus verschiedenen Pfarrvereinen zusammen, um über einen Zusammenschluss zu verhandeln. Diese Gespräche wurden am darauffolgenden Tag, dem 1. November 1892, fortgesetzt. Man tagte ab 16.00 Uhr im »Blauen Saal« der Bürgerschule, den die Stadt Wittenberg zur Verfügung gestellt hatte.10 Bei dieser handelt es sich vermutlich um das heutige Colleg Wittenberg in der Jüdenstraße 8. Hier kamen sie zusammen, zwischen 8011 und 12012 Pfarrer aus 10 Pfarrervereinen, eine ganze Menge anderer Amtsbrüder, »Freunde der Sache«, aus dem ganzen Reich. Sie vertraten ungefähr 291613 Mitglieder.


Der Sächsische Verein als Gastgeber hatte die einleitende Arbeit übernommen, unterstützt vom Brandenburger Pfarrverein. Man hatte es für richtig gehalten, erst einmal Delegierte zu entsenden. Nach einer »warmherzigen Begrüßung« des Vorsitzenden Rathmann-Schönebeck und einem Vortrag von P. Meißner aus Wohlaus über die »Evangelische Kirche und die Volksschule« wurde mit großer Zustimmung und Freude die Gründung des Verbandes Deutscher Evangelischer Pfarrer vollzogen. Es sollte, wie der Protokollant festhielt, »das Gemeinsame betont, gesucht und gepflegt werden, damit das Gefühl der Zusammengehörigkeit kräftiger werde.« Diese solle durch theologische und geistliche Besinnung und Pflege brüderlicher Gemeinschaft wie durch gegenseitige Verständigung über berechtigte Anliegen ihres Standes und deren möglichst geschlossene Vertretung gestärkt werden. Sodann wurde ein geschäftsführender Ausschuss gebildet, der aus Superintendent a.D. Sternberg, Selchow (Pommern), SI-Verweser Pfr. Hassenstein, Allenstein (Ostpreußen), Pastor prim. Dr. Naumann, Gießen (Hessen-Darmstadt) bestand.14


Kein spontaner »Schnellschuss«

Die Gründung des Verbandes 1892 erfolgte also mit Bedacht und Vorlauf. Sie war kein spontaner »Schnellschuss«, sondern stand im Kontext der bürgerlichen Vereinsbildung des 19. Jh. So hatten sich bereits seit dem Frühjahr 1890 im Anschluss an die sozialen Erlasse Kaiser Wilhelms II. einzelne Berufe zu Standesvereinen zusammenschlossen. Dem folgten rasch auch Pfarrerkreise. 1890 wurde in Hessen der erste deutsche Pfarrverein gegründet, 1891 folgte der württembergische Pfarrverein. Sozial knüpften die Pfarrvereine teilweise an Kassen zur Hinterbliebenenversorgung an; das Thema Hilfskasse blieb ein beständiges Thema auf der Tagesordnung des Verbandes. Doch der Verband Deutscher Evangelischer Pfarrvereine ging über dieses Anliegen hinaus. Das wurde auch in der Presse wahrgenommen, wo es etwa hieß:15

»Zunächst erscheint vom allgemeinen bürgerlichen Standpunkt aus dieser Zusammenschluß der Geistlichen in Vereinen als etwas ganz Natürliches; denn es ist ja ein charakteristisches Merkmal unserer Zeit, daß sich die einzelnen Stände und Berufsgenossenschaften immer entschiedener zusammenschließen, um den Kampf des Lebens in gemeinsamer Front zu bestehen, nachdem durch den zur Herrschaft gelangten Individualismus und Subjectivismus ihre früheren organischen Verbindungen und Zusammenhänge zerstört sind. So folgen die Geistlichen nur den anderen Ständen nach, welche in der Bildung von Berufs- und Fachvereinen längst vorangegangen sind. (…)«

Eine andere öffentliche Stimme betonte den Gegensatz zwischen Pfarrverein und übergeordneter Kirchenleitung:16

»Man sagt mit Recht, dass die Pfarrvereine, und namentlich ihre Versammlungen, die Stimmung, welche heute unter ihren Geistlichen herrscht, zum Ausdruck bringen und sie auch nach außen hin erkennen lassen. (…) Lange ging es um Konkurrenz zwischen Pfarrvereinen und Konsistorium (…) Weit verbreitet war lange der Gedanken, als seien die Pfarrvereine auf eine gewisse Gegensätzlichkeit gegen das geordnete Kirchenregiment angelegt, weil letzteres die Interessen des geistlichen Standes und auch Lebensfragen der Kirche überhaupt nicht mit dem erforderten Eifer und Wohlwollen wahrnehme. Man wittere darum vielfach nur Misstrauen zwischen diesen beiden, kirchliche Behörde und Pfarrerverein, und zwar gegenseitiges.«


Drei Strömungen in der Pfarrvereinsbewegung

Mit der Gründung des Gesamtverbandes 1892 erhielt die Pfarrvereinbewegung weiteren Aufschub. Dabei zeigte sich allerdings schnell, dass die Pfarrvereinsbewegung keine Einheit bildete, sondern sehr plural war und ganz unterschiedliche Interessen und Ansätze hatte. So sprach bereits eine Stellungnahme von 1893 von den drei Strömungen in der Pfarrvereinsbewegung:17

»a) betont die besonderen Standesinteressen (…) an sich selbst und im öffentlichen Leben zu wahren, wissenschaftliche Fortbildung, gegenseitige Hilfe im Notfällen, würdige Haltung, Dekorum, die leidige Gehaltsfrage«. Zu dieser Kategorie zählt der Berichterstatter vor allem die süddeutschen »Brüder in Baiern«, in Württemberg, in Baden, aber auch in Schleswig-Holstein-Lauenburg.

»b) betont die kirchliche Arbeit und richtet sich gegen jedes bequeme und träge sich gehen lassen in einer Zeit, die gebieterisch die ganze und volle Persönlichkeit, eines jeden Pfarrers auf den Plan ruft, sollen sie durch die Zeitverhältnisse gegebenen neuen und ernsten Aufgaben (Gemeinde, Synodalleben, Pastoralkonferenzen, innere und äußere Mission, Gustav-Adolfsache und Evangelischer Bund, soziale Frage u.a.) von uns als Pfarrern zur wirksamen Lösung kommen; darum Arbeitsorganisation: Arbeitsteilung, Fühlung, Anregung, Stärkung«. Zu dieser zweiten Strömung rechnete der Bericht Posen, Brandenburg, Pommern, Provinz Sachsen, Ost- und Westpreußen, aber auch Hessen, Meiningen, und Schlesien.

Die dritte Strömung schließlich sei diejenige, die

»c) die Selbständigkeitswünsche der Kirche, kirchenpolitische Aktionen, die Wahlen zur Synode und was überhaupt für das allgemeinkirchliche Leben, für den Pastorenstand wichtig erscheint« einbringt.


»Werden sie streiken?«

Doch, auch wenn sich der Gesamtverband in eine Bewegung einreihte, unumstritten waren die Pfarrvereine und der Gesamtverband nicht. Ein Zeitungsartikel fragte seine Leser:18

»Wir überlassen es dem Leser, sich die fernere Entwicklung der neuen Gewerkvereine auszumalen. Werden sie den englischen Trade Unions und deutschen Gewerkschaften noch weiteres ablernen? Wenn ihnen die Lohnaufbesserung nicht gewährt wird, werden sie – ich kann das Unglück verheißende Wort kaum aus der Feder bringen – werden sie streiken? Werden sie die Amtsbrüder, die sich den Vorschriften der Vereinsversammlungen nicht fügen wollen, als »Schwarzbeine« behandeln? Werden sie über die Tabakfabriken, die auf Pastorentabak keinen höheren Rabatt bewilligen wollen, den Boycot verhängen? Schon hat Pastor Baltzer von Lunolv (?) auf der Berliner Pastorenkonferenz ein Wort vom ›stillen Bann‹ fallen lassen, mit dem die Ehrengerichte der Pfarrvereine räudige Schafe unter den Hirten (selbst die giebt es) strafen sollen. Der ›stille Bann‹ ist ein viel besserer Ausdruck als Boycot und wirkt ebenso. (…)«


Gleichwohl wurden sowohl die Pfarrvereine wie auch der Gesamtverband ein Erfolgsmodell. Man verstand sich als Selbstorganisation der Pfarrerschaft, wollte deren Standesehre wahren, ihre materielle Lage verbessern und sich um ihren geistlichen Stand kümmern. 1897 hatte der Verband schon 3806 Mitglieder, 1902 5915 Mitglieder, 1907 10.727 Mitglieder, 1912 12.180 Mitglieder. Nachdem schließlich mit Bayern einer der letzten großen Vereine beigetreten war, erhöhte sich Mitgliederzahl auf 14.000 bis 15.000.19


Der Verband konsolidierte und professionalisierte sich weiter

1884 fand in Halle der erste Verbandstag statt. Das waren zunächst die Abgeordneten-Versammlungen. Es folgten dann als eine weitere Zusammenkunftsform die Pfarrertage20, begleitet von Sitzungen des engeren und weiteren Vorstandes. 1902 entschied der Evang. Oberkirchenrat nach einer Zeit längerer Beobachtung die Eintragung der evangelischen Pfarrvereine in das Vereinsregister positiv.



Die Beratungen und Verhandlungen wurden von Anfang ausführlich protokolliert und einem breiten Interessentenkreis zugänglich gemacht. Veröffentlicht wurde zunächst in den verschiedenen Pfarrervereinsblättern. Auf der Verbandstagung in Hannover 1907 stand dann aber die Frage eines eigenen Verbandsorgans auf der Tagesordnung. Zwar kam es nicht zu einem Beschluss, aber in der Folgezeit wurde das Pfarrerblatt, das am 9. September 1897 mit einer Auflage von 16.500 Exemplaren zunächst als Zentralorgan für die Wohlfahrtseinrichtungen gegründet worden war21, ausgebaut und entwickelte sich nach und nach zum Vereinsorgan.

Es folgten in den kommenden Jahren regelmäßig alle zwei Jahre Verbandstagungen mit meist jeweils einem Schwerpunktthema. So stand in Halle 1894 ein Vortrag über die besonderen Aufgaben des evangelischen Pfarramtes an bäuerlichen Gemeinden auf dem Programm, 1896 war die Seelsorge das große Thema und 1998 in Danzig gab es drei Hauptreferate zum Thema: »Gefahren für unsere Amtswirksamkeit: Opportunismus, Kriticismus, Perfectionismus«. Daneben bestimmte eine Vielzahl an aktuellen Themen die Diskussionen bis ca. 1908. Ein paar Beispiele: Fragen der Fortbildung, Eingaben an Behörden, Bau einer evangelischen Kirche in Rom, Fürsorge-Erziehungsgesetz, Pfarrbesoldungsgesetz, Anrechnung der Militärdienstzeit, Befreiung der Geistlichen von Beiträgen zum Pensions- und Rentenfonds, Erhöhung der Gehälter der Hilfsprediger, Erhöhung der Witwenpensionen, Erhaltung des evangelischen Charakters der Volksschule, Theologenmangel, Reformen des geistlichen Gerichtsverfahrens, Hilfeleistung in Notfällen oder größere Einheitlichkeit in amtlichen und liturgischen Fragen.22


2. Themen und Konflikte der Anfangszeit

Die außerordentlich langen Berichte der Verhandlungen und Sitzungen zeigen, dass die Stärke des Pfarrerverbandes in der gründlichen, und durchaus kontroversen, Aussprache lag. Über die Jahre hin tauchten verschiedene Themen immer wieder auf, bis sie dann per Abstimmung geklärt werden. Dazu gehörte etwa die Meinungsbildung über das Duell. Damals galt das ungeschriebene Gesetz des Ehrenkodexes, dass eine Ehrenbeleidigung unter Offizieren durch ein Duell ausgetragen werden müsse. Wenn Pfarrer oder Vikare aber gar keine Offiziere werden konnten, waren sie dann auch nicht »satisfaktionsfähig«, und mussten eine solche Ehrenbeleidigung hinnehmen? Das, so meinte die Pfarrerschaft, könne doch nicht sein. In einer Erklärung von 1902, der »Schritte zur Duellfrage« protestierten sie einstimmig dagegen, dass den evangelischen Geistlichen das Recht genommen werden soll, amtlich gegen solche Unsitte Zeugnis abzulegen.23

Aber auch die Frage, wie lange und wann Pfarrer Militärdienst machen sollen, wurde mehrere Jahre im Verband diskutiert und auf der Tagung im August 1903 in Coburg zugespitzt zu den Fragen:24

Soll der Verband dafür eintreten, dass die evangelischen Theologen

a) vom Militärdienst ganz befreit werden? (die Frage wurde verneint mit 65 gegen 15 Stimmen)

b) bis zur Ordination dienstpflichtig, nach der Ordination von jeder militärischen Verpflichtung frei wird? (die Frage wurde bejaht mit 43 gegen 37 Stimmen)


Die »Austrittsbewegung« – ein Dauerthema

Ein anderes Thema, das den Verband ausführlich beschäftigte, war die sog. »Austrittsbewegung«. Mit dem Aufkommen der Arbeiterbewegung und der Sozialdemokratie waren die Austritte evangelischer Christen seit den 1860er Jahren ein Thema. 1899 war zudem Haeckels Welträtsel, das auf Darwins Evolutionslehre aufbaute und in der Naturwissenschaft die alleinige Wahrheit erkannte, erschienen. Es hatte eine Auflage von 400.000 und proklamierte die neue atheistische Naturreligion als das unumstößliche Ergebnis der Wissenschaft. Vor dem Hintergrund anhaltender und steigender Austritte aus der evangelischen Kirche hielt der Pfarrerverband 1908 oder 1909 (vermutlich) eine Generaldebatte zum Thema:25

»Was kann man über die Austrittsbewegung sagen?26

1. daß es in Preußen, Hannover, Sachsen, Sachsen-Weimar, Sachsen-Altenburg und im Konsistorialbezirk Wiesbaden nicht nur Austritte, sondern eine Austrittsbewegung zu keiner religiösen Gemeinschaft gibt,

2. dass sie nach langsamen und stetigem Wachstum mit dem Jahre 1906 überall besonders kräftig eingesetzt hat,

3. dass mit wenigen Ausnahmen die Großstadtgemeinden und Industriebezirke, besonders die Reichshauptstadt, die Stätten der Bewegung sind,

4. daß die weitaus größte Zahl der Gemeinden aller Landeskirchen wenig oder gar nicht von der Bewegung betroffen werden

5. daß die von Zeit zu Zeit von den Gegnern der Kirche veröffentlichten Austrittszahlen den Tatsachen nicht entsprechend viel zu hoch angegeben werden (…)

6. daß die Austritte, selbst im Jahr 1908, im Vergleich zum jährlichen Wachstum der Landeskirchen nicht so erheblich sind, daß von einer Gefährdung des Bestandes ausgegangen werden kann,

7. daß viel mehr eine solche Trennung die Lage klärt und dem innerkirchlichen Leben Segen bringen wird, indem sie dem Unglauben wehrt, den Glauben stärkt und die Unentschiedenen zur Entscheidung bringt.

(…) Dies umso mehr, als da die Bewegung für die nächste Zeit eher wachsen als abnehmen wird, und nicht nur, wie dies zu Anfang geschah, Männer des Arbeiter- und Handwerkerstandes, sondern in letzter Zeit vielfach Frauen und ganze Familien ihren Austritt gerichtlich vollzogen haben. (…) Eine sorgfältige und richtige Diagnose ist ohne Zweifel der erste Schritt zur Überwindung und ein Fingerzeig auf die anzuwendenden Heilmittel.«

Als Gründe wurden parteipolitische Verhetzung, gewerkschaftliche Einwirkung und freidenkerische Beeinflussung genannt, aber, so der Referent des Tages: »Der wirkliche Grund freilich liegt und hängt damit zusammen, dass die dem religiös-kirchlichen Leben Entfremdeten sich von der durch Gott dargebotenen Gnade nicht haben ergreifen und durchdringen lassen, daß sie im natürlichen Zustand ihres Herzens beharrt sind und infolgedessen der Religion des natürlichen Menschen folgen. Daß Männer, die noch innerlich keinen Halt in Gott gefunden und daher nicht wissen, was sie an ihrem Glauben und ihrer Kirche haben, die bei ihrer täglichen Arbeit mit den Feinden des Glaubens zusammenstehen, ihre Presse lesen, von den Aposteln des Glaubens Worte hören wie: ›Wir sind antireligiös, weil wir vernünftige Menschen geworden sind, wir sehen zu viel, um zu glauben, wir werden ja einst dafür in der Hölle braten müssen, aber laßt uns das doch‹ oder: ›Die Geistlichen glauben selber nicht, was sie predigen, sie predigen anderen Enthaltsamkeit und Selbstverleugnung, leben dabei aber herrlich und in Freuden, sind Schleppenträger des Kapitals und stehen daher in den wirtschaftlichen Kämpfen nicht auf Seiten der wirtschaftlich Schwachen, sondern der Starken,‹ die da stehen, wie infolge innerer Zerrissenheit und immer mehr wachsenden Zwiespalts im eigenen Lager der Einfluss der Kirche im öffentlichen Leben so gering ist, mit denen die Kirche vielfach auch jede Fühlung und Verbindung verloren hat, die nur bei besonderen Veranlassungen – Taufe, Konfirmation, Trauung und Beerdigung – etwas von ihr hören und empfangen, daß solche Männer die Kirche und ihre Einrichtungen gering werten, ihren Gottesdiensten gegenüber immer gleichgültiger werden, sich infolge der maßlosen Agitation und des materialistischen Zeitgeistes, welcher sich Tag für Tag in der Presse bekundet, jeder religiösen und sittlichen Beeinflussung der Kirche durch Austritt entziehen, kann uns nicht befremden.«


Welche Mittel hat die Kirche dagegen?

»Handelt es sich im tiefsten Grunde um eine aus bewußter oder unbewußter Ablehnung des dargebotenen Heils hervorgegangene Feindschaft und Gleichgültigkeit gegen die Religion und ihre Vermittlerin, die Kirche, so ist durch geistesmächtige, Herz und Gewissen packende, sorgfältig durchgearbeitete und vom Gebet getragene Predigt und Wortverkündigung, vor allem durch treue, fleißige, die Schwachen und Haltlosen stärkende, der Einsamen, Verlassenen, der in die Gemeinde Zugezogenen sich annehmende, den Sinkenden, Strauchelnden, Verirrten nachgehende, die Ungezogenen mahnende, gegen Jedermann ohne Ansehen der Person geduldige Seelsorge, durch die Religion in menschlichem Gewande das Heil noch intensiver und auf mannigfaltigere Weise den Gemeindemitgliedern nahezubringen und darzubieten, damit sie so die das Herz erneuernde, den Willen stärkende, das Gemüt erhebende, zu wahrer Menschenwürde und Freiheit führende, das soziale gesellschaftliche und staatliche Leben durchdringende Gotteskraft des Evangeliums an sich erfahren. Die Kräfte des Evangeliums können aber nur dann wirksamer und reichlicher zur Entfaltung kommen, das Volksgewissen treffen und das ganze Volksleben bis in die Peripherie durchdringen, wenn die Massengemeinden zerschlagen, kleine, übersehbare, organisierte Gemeinden gebildet, oder, wo dieses Ziel noch nicht zu erreichen ist, wenigstens feste Pfarrbezirke von ca. 3000 Seelen geschaffen und unverzüglich in den Großstadtgemeinden und Industriebezirken die erforderlichen geistlichen Kräfte, unter anderem auch Gemeindehelfer, angestellt werden.

In solchen Gemeinden können wir Geistliche den einzelnen Gemeindemitgliedern persönlich nahetreten, für ihr zeitliches und ewiges Heil Sorge tragen, auch diejenigen, welche mit Ernst Christen sein wollen, pflegen, ihnen die Schrift öffnen, die Herzen brennend machen, damit sie immer mehr wachsen in der Gnade und Erkenntnis unseres Herrn und Heilandes Jesu Christi und nicht ihre eigenen Wege gehen und wohl gar der Kirche, die sie mit mütterlicher Sorge und saurer Arbeit aus der Leichtfertigkeit und Sicherheit auf den Weg des Heils geführt hat, leichten Herzens den Abschied geben (…)«

Die Versammlung erklärte daraufhin27, dass 1. zur Eindämmung der Austrittsbewegung vor allem die Bildung übersehbarer Gemeinden in den großen Städten nötig sei – und 2. die Ausgetretenen Gegenstand besonders treuer seelsorgerlicher Fürsorge sein ­müssen.



Verband und Kirchenbehörden – nicht spannungsfrei

Ein zweites, großes Thema war das Verhältnis des Pfarrerverbandes zu den Kirchenbehörden. Dieses war von Anfang an nicht spannungsfrei, denn die Kirchenbehörden sahen im Verband und in seiner Organisation von unten eine Revolution von oben. Und das gefiel ihnen naturgemäß gar nicht. Aber sollte der Pfarrer deshalb zu allem schweigen, was von der Kirchenbehörde angeordnet wurde? Die Spannung, in der sich die Pfarrer befanden, brachte ein Artikel im Kirchlichen Monatsheft von 1891 gut zum Ausdruck:28

»Der Verein möchte betonen, daß er durchaus kein Oppositionsverband sein will. Man hat deshalb auch bereits mit der Behörde Fühlung gesucht. Andererseits möchte man recht freimütig gerade auch die Schäden des gegenseitigen Verhältnisses zwischen den Pastoren einerseits und den Superintendenten und Kirchenbehörden andererseits erkennen und bekämpfen. Der Schade sitzt tief, und ein jeglich Reich, das mit sich selbst uneins ist, droht zu zerfallen. Strebertum, Bürokratie, Formalismus bei geistigem Tode, Kriechen hier und Pochen da, Mißtrauen und liebloses Geklatsch – was für eine Unsumme von Elend bedeuten diese Worte.«

Zu einer echten Bewährungsprobe kam es dann aber auf der Zusammenkunft in Coburg 1903.29 Das Thema lautete: Zusammenschluss der evangelischen Landeskirchen. Als eine erste Stufe war hierzu die Begründung des deutschen Kirchenausschusses unter Leitung des preußischen Oberkirchenrates bereits in die Wege geleitet worden. Das aber betrachteten die Pfarrer im Verband als unzulässigen Eingriff. Es folgte eine emotionale Debatte, an deren Ende der Verband nahezu einstimmig seine Bedenken gegen die geplante Organisation des Kirchenausschusses unter dauernder preußischer Leitung aussprach.30 Die entscheidende Rede hierzu hielt Pfarrer Wahl aus Langen:

»(…) Sodann haben wir die größten Befürchtungen in Bezug auf den dauernden Vorsitz des Preußischen Oberkirchenrates und den dauernden Sitz des Kirchenausschusses in Berlin. … Meine Herren und Brüder! Die Zeiten sind furchtbar ernst und rufen alle evangelischen Lebenskräfte auf den Kampfplatz. Dazu bedarf es aber, dass die evangelischen Kirchen nicht gebundener, sondern freier werden von der Beeinflussung außerkirchlicher Instanzen. Das bedeutet für uns nicht so viel wie: ›Los vom Staate!‹. Wir wollen solchen Radikalismus nicht. Wir wissen zu gut, dass die Geschichte unter Gottes Führung das Band zwischen den evangelischen Kirchen und dem Staate geknüpft hat, es soll nicht unsere Arbeit sein, dieses Band rücksichtslos zu zerschneiden. Aber etwas mehr Freiheit, mehr Ellenbogenfreiheit für evangelisch-kirchliche Gesichtspunkte , für evangelisch-kirchliches Leben und Wirken, unbegrenzt und ungehemmt durch allerlei Rücksichten auf politische und dynastische Strömungen, das tut unseren evangelischen Kirchen heute mehr not denn je, heute, wo gerade die römischen Kirche so schrankenlos ihre Kräfte sammeln und entfalten darf, und wo andererseits so viele finstere Mächte der Tiefe alles bedrohen, was uns heilig ist. Solche größere Freiheit für evangelisch-kirchliches Leben glauben wir aber unter der dauernden Leitung des Preußischen Oberkirchenrates mehr denn weniger verbürgt. Das muss ohne jede Schärfe, aber deutlich betont worden. (…)

Auch das ist dabei zu beachten. dass eine dauernde Zentralisierung der evangelischen Kirchenleitung in Berlin eine Stärkung des preußischen Summepiskopates zu Ungunsten aller anderen deutschen Summepiskopi evangelischer Landeskirchen bedeuten würde, die zu ernsten Bedenken Anlass gäbe. Dazu kommt, dass manche Erscheinungen der Gegenwart uns gerade in Bezug auf die Strömungen innerhalb der obersten preußischen Staatsleitung nicht den Mut geben können, von dorther Heil für unsere evangelische Kirche zu erwarten.«

Die eindeutige Stellungnahme gegen den Vorsitz des Preußischen Oberkirchenrates, die der Pfarrerverband nach ausführlichen Diskussionen einmütig verfasste, brachte ihm viel Kritik in den Kirchenleitungen und in der Presse ein. Zugleich jedoch gewann er mit dieser Stellungnahme ein eigenes Profil und wurde in den Breiten des Deutschen Reiches bekannt. Erstmals hatte er ein unabhängiges, durchdachtes Urteil gefällt und gezeigt, dass er sachlich frei und durchaus konfliktfähig im Gegenüber zum dominanten Preußen sich zu entscheiden wusste. Das stärkte seine kirchenpolitische Position und sein Image in der Folgezeit enorm.


»Es erscheint Luther«

So tiefgründig und dicht die Diskussionen um Themen jedoch auch waren: Die Zusammenkünfte waren immer auch ein Ort der erfahrenen Gemeinschaft und Geselligkeit, nach den Maßstäben der damaligen Zeit auch ein Ort der Kreativität. So trug Sup. a.D. Frenkel aus Neunhofen (Weimar) zur Begrüßungsfeier 1904 der Tagung in Coburg der gesamten Versammlung ein selbst auf Deutsch und Latein gedichtetes Lutherepos vor: »Es erscheint Luther« (auf Latein: Appareas Luthere).31


3. Historische Perspektiven: Bleibendes Erbe und aktuelle Herausforderungen

Vor dem Hintergrund dieser Gründungsgeschichte lassen sich u.a. fünf verschiedene historische Einsichten benennen:

1. Der Pfarrer/innenverband hat eine gesamtdeutsche Wurzel; mit einer sehr deutschen, vor allen im damaligen Ost- und Mitteldeutschland begründeten Geschichte. ­Seine Gründung war eng mit der nationalen Lutherverehrung des Kaiserreiches verknüpft, und war im kollektiven Gedächtnis der »Gründerväter« immer mit dem großen Einweihungsfest in der Schlosskirche in Wittenberg 1892 verbunden. Vor dem Hintergrund, dass die östlichen Pfarrervereine durch Flucht und Vertreibung ihr Ende fanden und in der DDR die Pfarrervereine verboten waren, wurde die Kontinuität des Pfarrerverbandes dann nach 1945 im westlichen Teil Deutschlands bewahrt.

2. Zugleich spiegelten die Mitglieder des Pfarrerverbandes eine sehr viel breitere geographische Weite wider als das Deutschland von heute, in den Grenzen von 2017. Anfang des 20. Jh. war der Pfarrerverband im Osten, in Ost- und Westpreußen, in Schlesien, im Westen, mit dem Elsass, im Norden mit Schleswig oder im Süden bis hin zur evangelischen Kirche in Österreich, die auch immer wieder eingeladen war, ein nach heutigen Maßstäben zutiefst europäischer Verband. An diese europäischen Wurzeln kann sich auch heute europäisches Engagement orientierten, sei es in der Konferenz Europäischer Pfarrverbände (KEP) oder in einer stärkeren europäischen Orientierung der Themen.

3. Die Geschichte des Pfarrerverbandes ist eine Geschichte von unten; in kaum anderen Quellen (sieht man einmal von Briefen, Tagebüchern und Romanen ab), kann man so viel über den Alltag von Pfarrern in den unterschiedlichsten Läuften der Zeit erfahren. Seine historische Überzeugungskraft schöpfte er aus dieser Nähe zur Basis, zu den Gemeinden und den oftmals sehr feinen Wahrnehmungen der Pfarrer(innen). Diese Nähe legitimiert den Verband und seine Mitglieder auch heute überzeugend. Dass sich die Pfarrer und Pfarrerinnen gemeinschaftlich organisieren (müssen), leuchtet dabei unmittelbar ein. Angesichts dessen könnte der Pfarrerverband auch außerhalb der kollegialen Kreise sichtbarer sein und sich stärker als Sprachrohr evangelischer Kirche profilieren.


4. Der Pfarrerverband im 19. Jh. war ein Männerclub; ein elitärer Zirkel, mit Korps-Geist. Er war zugleich Ausdruck einer patriarchalischen Gesellschaft, in dem Frauen nur als zu versorgende Pfarrwitwen auf der Agenda standen.

Parallel zur Gründung des Pfarrerverbandes begann sich ein neues Männerbild herauszukristallisieren, das einen neuen Geschlechterdualismus begründete. Das bedeutete zugleich, dass die zeitgleich entstehende liberale, bürgerliche und sozialistische Frauenbewegung, die sich für einen Wandel in den Geschlechterrollen einsetzte und für das Frauenwahlrecht kämpfte, als eine Irritation, eine Verführung des Antichristen wahrgenommen wurde. Der Theologe Reinhold Seeberg sprach 1916 von einem großen Kulturschaden, den der um sich greifende Feminismus anrichte.32 Wie steht der Verband zu dieser antifeministischen Geschichte, die sich in seinen eigenen Reihen widerspiegelt? Wie sieht es heute aus mit Exklusivität? Wie offen ist der Verband, der Verein?

5. Zur Gründung gehörte von Anfang an eine produktive Spannung im Verband vertretener Pfarrerschaft und Kirchenleitung bzw. Kirchenbürokratie dazu. Damals natürlich unter anderen politischen Bedingungen als heute, denn der Evang. Oberkirchenrat war Teil des Staatskirchentums, und hinter dem Summepiscopat stand eine gottgewollte Monarchie. Im Unterschied zu damals begreifen sich Pfarrer und Pfarrerinnen wie auch Kirche heute insgesamt eher als Teil der Zivilgesellschaft denn als Teil des Staates. Das ständige Ringen zwischen Pfarrer-Basis und Kirchenleitung ist damit aber nicht aufgehoben oder unnötig geworden. Im Gegenteil: Mehr denn je braucht es eine starke und sichtbare Pfarrerschaft, die vor Ort, und das heißt auch sichtbar auf dem Land, auf die Menschen eingeht, in den kleinen Zusammenhängen des Lebens. Insofern kann der Verband evangelischer Pfarrer und Pfarrerinnen mit dem Blick zurück in die Geschichte durchaus selbstbewusst und konfliktfähig in die Zukunft gehen.


Anmerkungen:

1 Gegründet wurde der Verband als »Verband der deutschen evangelischen Pfarrvereine«.

2 Zur Rezeptionsgeschichte der Reformationsjubiläen s. u.a. jetzt: Thomas Kaufmann, Erlöste und Verdammte. Eine Geschichte der Reformation, München 2016, 373-424.

3 Vgl. hierzu etwa Christian Buchholz, Der Evangelische Pfarrverein in Württemberg von 1891-2016, Stuttgart 2016; Friedhelm Maurer (Hg.), Mit allem Freimut zu reden dein Wort. Hundert Jahre Evangelischer Pfarrverein im Rheinland 1901-2001, Rheinbach 2001; Gerhard Wunderer (Hg.), Die ersten hundert Jahre 1892-1992, Evangelischer Pfarrverein in Baden, Karlsruhe 1992.

4 Vgl. hierzu etwa Frank-Michael Kuhlemann, Bürgerlichkeit und Religion. Zur Sozial- und Mentalitätsgeschichte der evangelischen Pfarrer in Baden 1860-1914, Göttingen 2002; Olaf Blaschke/Frank-Michael Kuhlemann (Hg.), Religion im Kaiserreich, Gütersloh 1996; Joachim Rogall, Die Geistlichkeit der evangelisch-unierten Kirche in der Provinz Posen, 1871-1914, Marburg 1990; Klaus E. Pollmann, Landesherrliches Kirchenregiment und soziale Frage. Der evangelische Oberkirchenrat der altpreußischen Landeskirche und die sozialpolitische Bewegung der Geistlichen nach 1890, Berlin 1973.

5 Feodor Klapproth zitiert in seinem Bericht über »70 Jahre Verband der evangelischen Pfarrvereine 1892-1962« »Bruder O.« mit der Aussage: »Er wusste um die Vernichtung des Verbandsarchivs in Wittenberg durch die SS« (in: Archiv des Pfarrerverbandes Kassel). Christian Buchholz zitiert aus einer Hauptversammlung von 1943, dass Reichsbundesführer Klingler durch einen »Fliegerschaden« alles verloren habe, auch das Archiv des Verbandes (in: Der Evangelische Pfarrverein in Württemberg von 1891-2016, Stuttgart 2016, 88). Bislang verschollen ist auch der Bericht von Fritsch, 25 Jahre Verband der Deutschen Pfarrvereine. Weder im Evang. Zentralarchiv Berlin (im folg. abgekürzt als EZA), noch im Landeskirchl. Archiv Berlin gibt es Hinweise auf das Verbandsarchiv.

6 Quelle: Statistisches Jahrbuch für das Deutsche Reich, 1899, 158.

7 Hierzu und im Folgenden zit. nach den Ausführungen Klapproths aus dem Archiv in der Geschäftsstelle des Verbandes ev. Pfarrerinnen und Pfarrer in Deutschland, 18, 491.

8 Reinhold Seeberg, 1892 – Schlaglichter aus den Gründerjahren, in: Der Protestantismus am Ende des XIX. Jahrhunderts, Bd. II, hg. v. C. Werkshagen, Wartburg-Verlag, Berlin o.J, 1193ff, zitiert in: Deutsches Pfarrerblatt, 1992, 420.

9 Vgl. hierzu auch Silvio Reichelt, Erlebnisraum Lutherstadt, Göttingen 2013. Er listet unter Archiv der Stadtkirchengemeinde A II 260 Akte Pfarrverein Wittenberg auf. Hier könnten sich auch Akten zur Gründung befinden. Eine Nachfrage wurde bislang nicht beantwortet. Vgl. auch Bericht im Reichsboten Nr. 235 vom 7.10.1906 in: EZA 7/3901.

10 Zit. nach dem Protokollführer des Tages, M. Flaischlen, im Vorstandsbericht am 25.9.07 in Bad Boll, nach Martin Taatz, »In necessariis unitas, in dubiis libertas, in omnibus caritas«, Zur hundertjährigen Geschichte des Verbandes der Evangelischen Pfarrvereine in Deutschland, Pfarramtskalender 1992, 7. Das Original wurde bis jetzt nicht aufgefunden.

11 Zit. nach Taatz (Anm. 10): »Es waren nicht nur Delegierte der meisten evangelischen Pfarrervereine Deutschlands erschienen, sondern auch eine große Zahl anderer Amtsbrüder, zum Teil Mitglieder von Bezirksvereinen, zum Teil Freunde der Sache, im ganzen etwa 80.«

12 Klapproth zitiert aus der Lutherischen Kirchenzeitung von 1893, nach den Aufzeichnungen des Protokollführers Pfr. M. Flaischlen, Grieben, im Auftrag der Versammlung herausgegebenen Broschüre, 259, Klapproth, 10, in: Archiv des Pfarrerverbandes Kassel). Klapproth selber schöpft aus unterschiedlichen Quellen, gibt sie aber nicht an.

13 EZA 1/851 bei Gründung: 10 Vereine mit 2916 Mitgliedern.

14 Nach Klinger, Reichsbundesführer, Deutsches Pfarrerblatt 1942, 161, zit. in: DPfBl 1992, 419.

15 Artikel beim Evang. Oberkirchenrat 2.9.1892, in: EZA 7/3900.

16 EZA 7/3900.

17 Nach Artikel im Pfarrervereinsblatt Nr. 3/1883, in: EZA: 7/3900.

18 Zeitungsartikel vom 6.9.1892, beim Evang. Oberkirchenrat, mit Datum vom 8.9.1892, in: EZA 7/3900.

19 Etwas andere Zählung bei EZA 1/851: bei Gründung 10 Vereine mit 2916 Mitgliedern, nach 5 Jahren 15 Vereine mit 3622 Mitgliedern, und abermals nach fünf Jahren 22 Vereine mit 6938 Mitgliedern, und »heute« nach nochmals fünf Jahren 29 Vereine mit 10.727.

20 Die Akten des Ev. Oberkirchenrates im EZA enthalten zahlreiche ausführliche Berichte über die ersten (und späteren) Pfarrertage.

21 Artikel »Das deutsche Pfarrerblatt« in: EZA 7/3900.

22 Zur Geschichte: Fritsch hielt auf dem Pfarrervortrag Wittenberg den Festvortrag zu 25 Jahre Pfarrvereinverband, Auflage von 1000 – Ausschuss für die Verbandsgeschichte (19, EZA 7/3902).

23 Vgl. Berichte in EZA 7/3900.

24 Themen Coburg im August 1903 u.a. Militärdienst: Koburg 1903: S. 158; Reichsbote vom 25.10.1903 in: EZA 7/3961.

25 EZA 7/3902, S. 31.

26 EZA 7/3902, S. 34.

27 Ebd.

28 Vgl. Bericht von Klapproth, 8.

29 Vgl. Bericht über die Abgeordnetenversammlung des Verbandes deutscher evangelischer Pfarrer in Koburg, 18.-20.4.1903, in: Der Pfarrverein – Organ der evangelischen Pfarrvereine Nr. 18, 15.9.1903, in: EZA 7/3901.

30 Vgl. Beilage Nr. 235 zum Reichsboten, 7.10.1906, in: EZA 1/851.

31 EZA 7/3901, S. 186

32 Vgl. hierzu ausführlicher u.a. Olaf Blaschke, »Wenn irgendeine Geschichtszeit, dann ist unsre eine Männerzeit«. Konfessionsgeschlechtliche Zuschreibungen im Nationalsozialismus, in: Manfred Gailus/Armin Nolzen (Hg.), Zerstrittene »Volksgemeinschaft«. Glaube, Konfession und Religion im Nationalsozialismus, Göttingen 2011, 40.



 

Aus: Deutsches Pfarrerblatt - Heft: 11/2017

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