Im Gespräch mit Kirchenrat Werner Dettmar
»Bei meinem Amtsantritt gab es noch Fürbittlisten für DDR-Kollegen im Gefängnis«

Von: Peter Haigis
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In diesem Jahr blickt der Verband evangelischer Pfarrerinnen und Pfarrer in Deutschland auf 125 Jahre zurück. Da wird die Erinnerung von Zeitzeugen besonders wertvoll. Kirchenrat Dekan i.R. Werner Dettmar (88) kennt die Arbeit des Verbandes aus jahrzehntelanger Mitarbeit. Von 1976 bis 1987 hatte er dessen Vorsitz inne. Bis 1997 war er Schriftleiter des Deutschen Pfarrerblattes. Werner Dettmar setzte sich intensiv für Kontakte zu den evangelischen Pfarrern in der DDR ein und organisierte 1986 den ersten französisch-deutschen Pfarrertag. Außerdem förderte er die Gründung der Konferenz Europäischer Pfarrer­verbände. Im Gespräch mit dem Deutschen Pfarrerblatt ­resümiert Werner Dettmar seine Erinnerungen in der ihm eigenen humorvollen Art.


Pfarrvereine gibt es innerhalb der EKD viele. Sie haben unterschiedliche Leistungsprofile und sind zum Teil deutlich älter als der Gesamtverband. Welche Bedeutung hat der Verband im Verhältnis zu den Einzelvereinen?

Der Verband ist eine Gründung der Einzelvereine, die im Rahmen der Landeskirchen agieren. Er versteht sich zunehmend als Gegenüber der EKD. Aber zunächst ging es um den Erfahrungsaustausch untereinander und um Verbindung der Pfarrerrinnen und Pfarrer über die landeskirchlichen Grenzen hinaus. Diesem Austausch dienen die Deutschen Pfarrertage, die alle zwei Jahre stattfinden, und nicht zuletzt der theologische Dialog, für den das Deutsche Pfarrerblatt bereitgestellt wurde und wird.
Der Verband hat in zähem Ringen die Errichtung einer dienstrechtlichen Kommission auf EKD-Ebene veranlasst. In ihr kann er paritätisch auftreten und ist schließlich als Vertretung der deutschen Pfarrerinnen und Pfarrer anerkannt.


Zu den Gremien des Verbandes gehört neben den Vorstandstreffen und der Konferenz der Vorsitzenden der Einzelvereine auch die sog. »Fuldaer Runde«. Was ist das und wie kam es zu deren Gründung?

Um eine breite Diskussion und eine echte Vertretung der Standesinteressen zu erreichen, geschieht die Rückkopplung des Vorstandes nicht nur über die Vorsitzenden der einzelnen Mitgliedsvereine, von denen einige bis heute auch die Aufgaben der Pfarrvertretung wahrnehmen. Vielmehr wurden zunehmend in den Landeskirchen Pfarrerausschüsse gebildet und deren Vorsitzende zu den Beratungen des Verbandes hinzuge­zogen.
Das geschah in den frühen Jahren durch Treffen in Fulda, als Kassel noch nicht an das Netz der ICE angeschlossen war. So bildete sich in dem damals für alle gut erreichbaren Knotenpunkt Fulda die danach benannte »Fuldaer Runde«. Sie tagte im dortigen Kolpinghaus. Heute ist sie als gemeinsame Beratung von Verband und landeskirchlichen Pfarrvertretungen unter diesem Namen fest eingerichtet, auch wenn sie sich inzwischen meist in Kassel trifft.


Ende der Sechziger Jahre kam es zu Spannungen innerhalb des Verbandes; es entstand gewissermaßen der Eindruck, die »Elefanten« unter den Einzelvereinen im Süden, also Baden, Bayern, die Pfalz und Württemberg, stünden »gegen den Rest der bundesrepublikanisch-kirchlichen Welt«. Welche Erinnerungen haben Sie an diese Zeit?

Das war die Zeit, als mein kurhessischer Vorstand mich mit auf die Mitgliederversammlungen des Verbandes nahm. Ich hatte zunächst den Eindruck einer netten Geselligkeit und freute mich, etwas mehr von der Christenheit in Deutschland (West) zu erfahren. Die »barocke« Mentalität des Südens war mir fremd und ich merkte bald, dass man dort den Ton angab. Das lag an den großen Mitgliederzahlen, die hinter den süddeutschen Vereinen stehen, weil es historisch eine Verbindung von Mitgliedschaft und Beihilfe, also Krankenkostenerstattung, gab. Die norddeutschen Vereine hingegen konnten nicht alle Kollegen (damals ja fast alle noch männlich) erreichen, meist nicht mal die Hälfte, weil nach vielen falschen Mitgliedschaften im Dritten Reich das Ende aller »Vereinsmeierei« angesagt war.
So gaben die von der Mitgliederzahl abhängigen Stimmen bei den Wahlen den Ausschlag und die so titulierten »Nordlichter« hatten das Nachsehen. Meine Bestallung als Mann aus der Mitte war gar nicht vorgesehen, die Süddeutschen hatten einen Vorstand vorgeschlagen, in dem sie die Mehrheit und Bayern den Vorsitz haben sollte. Aber der dafür Vorgesehene fiel wegen Querelen im eigenen Verein aus. Mein kurhessischer Vorsitzender rief mich an und bat mich zu kandidieren. Als Pressereferent von Heiner Kron, der den Vorsitz niederlegte, weil er als Kirchenpräsident der Pfalz gewählt worden war, war ich mit der Arbeit und den neuen Tendenzen im Verband vertraut. Aber der süddeutsch bestimmte Vorstand zwang mich in einer außerordentlichen Sitzung, meinen Pressereferenten, den ich von Hamburg geholt hatte, zurückzuziehen.


Bleibt hinzuzufügen, dass sich die Verhältnisse heute glücklicherweise geändert haben – nicht quantitativ, aber was die Qualität der Zusammenarbeit anbelangt. Und in den aktuellen Vorstandsgremien sind die Einzelvereine – unabhängig von ihrer Größe – mit vertreten.
Sie übernahmen 1976 die Arbeit des Verbandsvorsitzenden, auf dem damaligen Deutschen Pfarrertag in München.

Als ich mein Amt antrat, war der Pfarrertag in München schon geplant und von den Kollegen dort auch sehr schön vorbereitet. Sie hatten Walter Jens als Referenten gewonnen und wir traten mit guter Pressearbeit immer mehr in die Öffentlichkeit. Für mich waren diese Tage in Schwabing eine erste Bewährung und ein großes Erlebnis, von dem ich lange geschwärmt habe. Aber auch die weiteren fünf Pfarrertage, die ich geleitet habe und unter denen einer in Straßburg zusammen mit den französischen protestantischen Pfarrern gestaltet wurde, waren gelungen.
Ein besonderes Erlebnis war der Empfang des bayrischen Ministerpräsidenten in der Münchner Residenz, zu dem alle fünfhundert Teilnehmer geladen waren. Es wurde ein ausgezeichneter fränkischer Wein gereicht. In der Regel sind solche Empfänge kurz und das Angebot der Getränke ist entsprechend. Aber ich konnte Alfons Goppel zwei Pfarrer vorstellen, die erstmalig ein offizielles Visum der DDR zum Besuch des Pfarrertages bekommen hatten. Das war so besonders, dass die Kollegen an der Zonengrenze eine Dreiviertelstunde von der westdeutschen Grenzpolizei aufgehalten wurden. Meine Beschwerde beim Bundesinnenminister wurde mit dem Hinweis beantwortet, dass der Aufenthalt nur 42 Minuten gedauert hätte. Dazu kam die Präsentation eines ungarischen Gastes. Goppel hat sich so intensiv informiert und unterhalten, dass wir insgesamt anderthalb Stunden in den schönen Räumen verweilen durften – und solange wurde zur Freude aller Anwesenden bester Wein ausgeschenkt. Erst als der Ministerpräsident den Raum verließ, war mit allem Schluss.
Ich erinnere mich noch an einen anderen Pfarrertag (1978 in Emden), bei dem ich drei Stunden neben dem niedersächsischen Ministerpräsidenten sitzen musste, weil der nach seinen Grußwort nicht wie üblich wieder verschwinden konnte; wir feierten auf einem in der Ems kreuzenden Schiff.
Zum Jubiläumspfarrertag 1982 in Stuttgart kam der damalige Bundespräsident Karl Carstens. Wir hatten ihn eingeladen wegen seiner Erfahrung in der Entwicklungshilfe, aber ich musste mich belehren lassen, dass man dem hohen Herrn kein Thema vorgeben kann. Er hat dann versucht, auf die Zeitströmungen in der Pfarrerschaft einzugehen.
Auf einem der Pfarrertage entstand plötzlich einige Aufregung: Mir wurde ein Telegramm von Bundeskanzler Helmut Schmidt gereicht. Er übermittelte das Bibelwort: »In der Welt habt ihr Angst, aber seid getrost, ich habe die Welt überwunden«. Es war die Zeit der Ängste vor der Atombewaffnung, die man den Pfarrerinnen und Pfarrern austreiben wollte.
Eine Aufregung ganz anderer Art entstand vor einem späteren Deutschen Pfarrertag: Wie immer ist der Dienstag der Tag des Hauptreferats. Aber dieses Mal erreichte mich am Samstag zuvor die Nachricht, dass der vorgesehene Referent, Prof. Dietrich Ritschl, krank in Wien darniederliege und nicht kommen könne. Aber schon bald kam die beruhigende Entwarnung, dass sein Heidelberger Kollege, Prof. Wolfgang Huber, bereit sei, an seine Stelle zu treten. Er übernahm nicht nur innerhalb weniger Tage diese Verpflichtung, sondern hielt den Vortrag auch unter dem mit Ritschl vereinbarten Thema. Besser bin ich nie aus einer Notlage befreit worden.


Ihnen lag stets die Verbindung zu Pfarr­geschwistern im Ausland am Herzen. An der Gründung der Konferenz europäischer Pfarrvereine, heute: Konferenz europäischer Pfarrverbände (KEP), waren Sie maßgeblich beteiligt.

Mein Vorgänger Kron ermunterte mich im Sommer 1976, die Einladung des schwedischen Kollegen Sam Aurelius zum Nordischen Pfarrertag in Savonlinna/Finnland anzunehmen. Wir haben ihn dann in München dabeigehabt, wie ich überhaupt dorthin – wie gesagt – zum ersten Mal Vertreter aus dem so genannten »Ostblock« und der DDR offiziell einladen konnte, dank der neuen Ostpolitik. Aus dem »Ostblock« reagierte nur Ungarn. Aber auch die übrigen Gäste aus der Ökumene suchten eine engere Zusammenarbeit. So trafen wir uns alle Anfang des neuen Jahres in Rüdlingen in der Schweiz. Daraus ist die Konferenz europäischer Pfarrvereine entstanden. Auf meine Bitte hin übernahm mein Stellvertreter (und Nachfolger) Claus Maier aus Württemberg ihren ersten Vorsitz. Der württembergische Pfarrverein unterstützt diese Arbeit bis heute ganz besonders.


Und die Beziehungen zu den Kirchen in Ostdeutschland?

Die Verbindung zu den Kirchen in der DDR lag mir geographisch näher als meinem Vorgänger aus der Pfalz. So habe ich schon, bevor ich den Vorsitz übernahm, an den jährlichen Tagungen der Pfarrbruderschaft in Weissensee/Ostberlin teilgenommen. Ich habe bis zur Wiedervereinigung keine davon ausgelassen, auch wenn der Übergang (meist an mehreren Tagen) an der Friedrichstraße jeweils im kalten Januar oft seine Probleme hatte. Ich habe dabei dankbar erlebt, wie die Kollegen immer mehr Mut fassten und immer weniger auf die angeblichen Richtmikrofone in der »Vopo«-Zentrale (Volkspolizei) gegenüber dem Tagungsgebäude fixiert waren. Schließlich gab es bei meinem Dienstantritt als Pfarrer noch Fürbittlisten für Kollegen in den Gefängnissen. Auch tat OKR Manfred Stolpe (Berlin-Brandenburg), der regelmäßig kam und den Brüdern den Bericht zur Lage gab, ein Übriges, dass die Angst schwand.


Im Anschluss an Ihre Tätigkeit als Verbandsvorsitzender waren Sie dann noch bis 1997 Schriftleiter des Deutschen ­Pfarrerblatts.

Das habe ich gern übernommen, weil nach 12 Jahren Verbandsvorsitz eine erneute Kandidatur ausgeschlossen war. Es galt die Regel, dass nur einer aus den beiden hessischen Kirchen im Vorstand sitzen konnte, und nur weil sie nach meinen ersten sechs Jahren in Hessen-Nassau einen Wechsel hatten und mit sich selbst beschäftigt waren, war mir eine zweite Amtszeit möglich. Aber nun gab Rainer Schmidt nach 23 Jahren seine Schriftleitertätigkeit auf. Das war vor meinem letzten Jahr als Vorsitzender. Ich griff zu, um so dem Verband weiter verbunden zu bleiben, auch wenn ich ein Jahr doppelte Verantwortung zu tragen hatte. Ich hatte aber früher schon das Blatt des kurhessischen Vereins redigiert, so dass ich nicht eingeführt zu werden brauchte.
Rainer Schmidt hat dem Pfarrerblatt ein hohes Niveau beschert und war auch bei der thematischen Vorbereitung der Pfarrertage von unschätzbarem Wert. Mir lag aus guten Grund ein wenig mehr das Blatt als Verbandsorgan am Herzen. Aber auch die theologischen Fragen sollten stärker in den Blick treten. Ich selbst fasste nun Mut und schrieb in der Folge den einen oder anderen Aufsatz. Ich habe dabei Themen erarbeitet, bei denen ich mir selbst Klarheit verschaffen wollte.
Mir kam damals entgegen, dass viele Kolleginnen und Kollegen in die Diskussion eintreten wollten, so dass ich auswählen konnte. Allerdings bestand darum auch ein großer Teil der Arbeit des Schriftleiters darin, Manuskripte zurückzusenden, um den Umfang und das Niveau des Blattes zu halten.
Ich habe diese Tätigkeit elf Jahre ausgeübt und war dankbar, auch danach noch als Ehrenmitglied im Vorstand und im theologischen Ausschuss mitarbeiten zu können.


(Die Fragen stellte Peter Haigis.)

 

Aus: Deutsches Pfarrerblatt - Heft: 11/2017

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