Brief aus der Bundeshauptstadt

Von: Siegfried Sunnus
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Geht man aus dem Hauptbahnhof über den Washingtonplatz nach links, kommt man über die Hugo-Preuss-Brücke und der Einfahrt zum Humboldthafen zum Alexanderufer. Hier ist zwischen Bürogebäuden und dem Wissenschaftsministerium – alle im üblichen »Schuhkartonstil« gebaut – ein erstaunliches Gebäude zu sehen: Das FUTURIUM. Es reckt dem Besucher ein großes Vordach entgegen, das zur Begegnung wettergeschützt einlädt, lässt ihn dann in ein großes Foyer eintreten. Er oder sie kann dort wählen, ob zuerst das Kellergeschoss angeschaut oder der Aufstieg in den ersten Stock genommen und dann noch höher auf die Dachebene mit dem »skywalk« zwischen den Solarzellen der herrliche Ausblick auf Reichstag und Bundeskanzleramt genossen wird. So stehen 3200 Quadratmeter Fläche zur Verfügung, um die drei geplanten Ausstellungsschwerpunkte vorzustellen: unser künftiges Verhältnis zur Technik, zur Natur und zu uns selbst.

Am 16. September öffnete das FUTURIUM für einen Tag seine Türen. Mit allen Gästen wurde die Fertigstellung des Hauses mit der Veranstaltung »Ein Tag Zukunft. Open House im FUTURIUM« gefeiert. Von 11 Uhr bis 5 Uhr morgens präsentierte sich den Besuchern ein vielfältiges Programm mit wissenschaftlichen Vorträgen und Diskussionen, einem Roboter-Lab, Tanz- und Musik-Performances, interaktiven Installationen, Zukunftsfilmen, einem Kinderprogramm und einer Lounge-Party. Dann schließen sich wieder die Türen, um die Installationen zu den drei Ausstellungsschwerpunkten vorzunehmen, die im Mai 2018 im Rahmen von interdisziplinären Programmwochen vorgestellt werden und zugleich lädt das FUTURIUM Lab von Mai bis Oktober 2018 an ausgewählten Wochenenden zum Mitmachen ein. Die Eröffnung des gesamten FUTURIUMs ist für Frühjahr 2019 geplant.

Der Bauherr ist die Bundesanstalt für Immobilienaufgaben für das »Haus der Zukunft Berlin – FUTURIUM«, die Leitung liegt beim Bundesforschungsministerium, die Ministerin Johanna Wanka verkündete beim Richtfest am 5.7.2016 den Namen »FUTURIUM«; zu den Gesellschaftern gehören neben dem Ministerium die Fraunhofer-Gesellschaft, die Leibniz-Gemeinschaft, die Helmholtz-Gemeinschaft und noch weitere 11 Partner.

Als ich gegen 13 Uhr kam, gab es noch keine Warteschlange. Als ich um 17 Uhr ging, warteten mehr als 150 Personen auf Einlass: Nur wenn Personen das Gebäude verließen, wurden neue hineingelassen: Die sprichwörtliche Neugierde der Berliner bestätigte sich wieder einmal … Besonders voll wurde es im Kellergeschoß, wo das Fußballspiel der Roboter viele anlockten. Aber es fielen doch noch viele um … Bei den Vorträgen war ich fasziniert von Prof. Jutta Allmendinger über die Ergebnisse ihrer Vermächtnisstudie, die vom Wissenschaftszentrum Berlin für Sozialforschung, dem infas Institut für angewandte Sozialwissenschaft und der Wochenzeitung »Die ZEIT« konzipiert und durchgeführt wurde. Über 3100 Menschen im Alter zwischen 14 und 80 Jahren wurden in ganz Deutschland in zweistündigen Interviews befragt: Wie geht es ihnen heute? Was empfehlen Sie beizubehalten? Was glauben Sie, wie die Zukunft sein wird? Fazit: Die Menschen in Deutschland sind keine Jammerlappen. Ihre Offenheit für Neues und ihre Fähigkeit zur Selbstreflexion zeigen, dass sie den vielen Veränderungen in der Welt relativ gelassen begegnen. Auch in dem, was die Menschen in Zukunft erwarten, sehen wir keine Hysterie. Es kommt nicht immer so, wie es sich die Menschen wünschen, aber es wird auch nicht ganz schlecht. Dies sagen sogar jene, denen es heute nicht so gut geht. Von Resignation keine Spur. Die Menschen scheuen sich nicht zuzugeben, Hilfe zu brauchen. Wichtiger noch: sie sind prinzipiell offen dafür, neue Wege zu gehen.

Interessant war auch der Vortrag »Wie können wir Städte menschengerecht gestalten? Neue Möglichkeiten durch Technologien, Partizipation und Planung« sowie ein »Speakdating« – hier saßen sich Menschen gegenüber, sprachen über eine Frage, die von der Leiterin gestellt wurde, in dem sie zuerst dem anderen zuhörten, dann nach einem Tusch von Trompete und Posaune, im Zuhören wechselten und dann nach einem etwas längeren Musikstück einen Platz weiterrückten, um mit einer neuen Frage weiterzumachen, beispielsweise: »Welche Zukunftsvorstellungen habe ich als Kind gehabt?«

Besonders eindrücklich fand ich den »Jam Dialog« mit den Architekten des Hauses: Christoph Richter (Jahrgang 1982) und Jan Musikowski (Jahrgang 1974). Es ging um einen freien Dialog: Sagen, was das Herz einem sagt, Zuhören, Erfindung des Neuen; der Gitarrist reagierte auf den Dialog. Am 2.11.2011 trafen die beiden Architekten sich auf der Grundstücksbrache. Sie sammelten Bilder von der »Zukunftswolke«. Wie ließe sich die Leichtigkeit einer Wolke bauen? Welche Bilder von der Vergangenheit haben Bestand? Tempel haben immer einen Vorplatz. So schützt das Vordach des Gebäudes die Aufenthaltsqualität. – Der Bauherr vertraute den Bildern und so entstanden der Keller als Labor, das Parterre als Foyer und der erste Stock als lichtdurchflutete Wolke – ein ganz anderes Gebäude als die Nachbarhäuser, die halt Bürogebäude sind. Anregend war auch der Dialog im Blick auf den Energiespeicher.

Es war ein spannender Tag und die Zukunft des »FUTURIUM« lässt viel erwarten – auch im Blick auf die Religion? Ausdrücklich wurde sie in keinem Forum thematisiert …


Siegfried Sunnus

 

Aus: Deutsches Pfarrerblatt - Heft: 10/2017

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