Pastoren-Paare
Zeigen, dass es geht

Von: Klaus Guhl
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Pastoren mit atheistischen Ehepartnern sind lt. Pfarrerdienstgesetz undenkbar. Ist das noch zeitgemäß? Oder liegt in dieser Konstellation eine Chance?


»Ach, wäre er doch nur Muslim. Oder Jude.« Aber nein, ein Informatiker ist er. Aus dem Osten. Ungetauft. – Ich bin erstaunt: Ist das immer noch so? Er, auf den die Liebe der Vikarin fiel, kann nicht ihr Zukünftiger werden, jedenfalls nicht, wenn es nach §39,2 des Pfarrerdienstrechts geht: »Ehepartnerinnen und Ehepartner sollen evangelisch sein.« Und weiter: »Sie müssen einer christlichen Kirche angehören.« Allerdings: Über Ausnahmen kann in Einzelfällen entschieden werden, »wenn zu erwarten ist, dass die Wahrnehmung des Dienstes nicht beeinträchtigt wird.«


Ehe für alle?

In einer turbulenten Aktion hat der Bundestag im Juli einen alten Zopf abgeschnitten. Nach jahrelangem Gezerre um die Ehe für gleichgeschlechtliche Paare ging plötzlich alles ganz schnell. Eine Randbemerkung der Kanzlerin hatte den Stein ins Rollen gebracht. Nach 38 Minuten parlamentarischer Diskussion fiel in Deutschland die letzte Bastion in Sachen Ehe. Die Mehrheit der Bevölkerung war eh dafür1. Nun gibt es sie also, die Ehe für alle. Auch im Pfarrhaus. Alles ist jetzt möglich: Mann und Frau, Mann und Mann, Frau und Frau. Wirklich alles? Geht die Ehe mit einem Atheisten oder beeinträchtigt sie eine »glaubwürdige Ausübung des Amtes«2?


Der Fall Häcker

Für Aufsehen sorgten in der jüngsten Vergangenheit die Ereignisse um die Eheschließung von Carmen Häcker. Verheiratet mit einem Muslim, verweigerte ihr die Württembergische Landeskirche die weitere Anstellung. Seit Sommer 2016 ist Häcker nun Pastorin in Görlitz, nachdem die EKBO sie zum 1. Februar 2012 in den Vorbereitungsdienst übernommen hat. Happy End?3 Oder ist in Berlin einfach kein Tabu mehr, was anderswo noch Barriere ist?4


Ein alter Zopf

Die Debatte ist nicht neu. Eine Bastion bröckelt, aber bricht nicht. Nur, was wird hier eigentlich verteidigt? Und muss das wirklich noch sein? Leidtragende sind ein kleine, schwache Minderheit, die sich kaum Gehör verschaffen kann und auf gnädige Ausnahmeentscheidungen der Kirchenämter zu hoffen wagt. Häckers Fall scheint extrem. Derart striktes Handeln gehört – jedenfalls in der Nordkirche – zur Vergangenheit. Dort gilt: Ist der Ehepartner/die Ehepartnerin Mitglied einer christlichen Kirche, wird mit Problemen nicht zu rechnen sein. Auch weiß man, dass die globalisierte Welt mit »Weltwärts«- und »Erasmus«-Bildungsprogrammen vor Pfarrhäusern nicht halt macht, was zu fruchtbaren Ergebnissen führen kann.5 Seit einiger Zeit hat eine nordkirchliche Gemeinde es gut mit ihrer muslimischen Pfarrfrau.

Laut Auskunft des Personaldezernats geht es in Sachen Ehe nicht um ein rigides Durchsetzen von Paragraphen, sondern – wie es im Pfarrdienstgesetz heißt – um die Gewährleistung dass »Pfarrerinnen und Pfarrer auch in ihrer Lebensführung im familiären Zusammenleben und in ihrer Ehe an die Verpflichtungen aus der Ordination gebunden sind« und hierfür »Verbindlichkeit, Verlässlichkeit und gegenseitige Verantwortung maßgebend sind.«6. Das klärt sich dann in einem Gespräch.

Verunsichert bleibt vielerorts die Gruppe derjenigen zurück, deren Partner oder Partnerin sich zu keinem Glauben bekennen mag. Weder zum Christentum noch einer anderen (monotheistischen) Religion.


Vorbild Pfarrhaus

Gibt es das noch? Das klassische Pfarrhaus? Mit Pfarrfrau, Pfarrgarten und gedeihlichen Pfarrerskindern? Wenn überhaupt, ist es rar geworden. 2017 hat die Realität eine nostalgische Wunschvorstellung von Biedermeier-Idylle längst eingeholt. Von den Pastorinnen und Pastoren der Nordkirche arbeiten zudem knapp ein Drittel in Funktionspfarrämtern. Wen interessiert es da, wie es beim Schulpastor zu Hause aussieht, wer der Partner der Krankenhausseelsorgerin ist oder mit wem der Gefängnispastor zusammenlebt? Niemanden! In großen Teilen trifft das Pfarrdienstrecht nicht auf die Wirklichkeit. Schlicht, weil den Funktionsdiensten das Pfarrhaus und damit der öffentliche Charakter fehlt.


Bunte Vielfalt unter den Dächern der Pastorate

Auch scheint ein moderner, erwachsener Christ nicht unbedingt das Pfarrhaus als Folie für seine Lebensgestaltung zu benötigen. Die Menschen um das Pfarrhaus herum leben in diversen Lebensformen. Zwischen Patchwork-Familien, Wiederverheirateten, Single-Haushalten, Lebensabschnittsgefährten und polyamorph Liebenden ist das klassische Modell von Ehe nur eines unter anderen und taugt kaum als allein gültiges Modell in einer sich ausdifferenzierenden Gesellschaft. Kurzum, man möge sich weniger wichtig nehmen. Das eine Pfarrehenmodell passt nicht überall und ist nicht allerorts angefragt. Es braucht nicht ein Modell für alle. Es braucht die Bandbreite der Lebensformen in ihrer bunten Vielfalt auch unter den Dächern der Pastorate.

Nichts spricht jedoch dagegen, Pfarrehen auf den Säulen »Verbindlichkeit, Verlässlichkeit und gegenseitige Verantwortung« zu führen, wie es das Pfarrdienstgesetz beschreibt. Nur, warum dies von einem Nichtchristen nicht zu unterschreiben sein sollte, ist nicht nachvollziehbar. Schon längst leben in der Gemeinde gläubige und nicht bekennende Menschen als Paare zusammen und bereits Paulus zeigte dafür Verständnis.


Kirche im Dialog

Auf ihrer Landessynode im März 2017 beschloss die Nordkirche die Errichtung eines rechtlich unselbständigen Werkes der Landeskirche »Kirche im Dialog«. In der Begründung dazu heißt es: »Sowohl das Selbstverständnis der Evangelisch-Lutherischen Kirche in Norddeutschland als auch die sich verändernde gesellschaftliche Situation machen es notwendig, dass sich die Nordkirche zu ihren konfessionsfreien und areligiösen Gesprächspartnern ins Verhältnis setzt.«7 Für dieses Anliegen werden jährlich knapp 200.000 € zur Verfügung gestellt.

Kirche reagiert damit auf eine veränderte Wirklichkeit. Sie tut das als Institution und erwartet das auch von ihren Mitgliedern. Beigetragen zu diesem Beschluss hat sicherlich die Erfahrung der fusionierten Nordkirche. Da traf das volkskirchlich ausgerichtete Nordelbien auf so eine ganz andere Wirklichkeit im Osten. In Mecklenburg-Vorpommern sind gerade einmal 18% der Bevölkerung in der Kirche. Die Partnerwahl junger Vikare*innen schränkt das erheblich ein. So wird es kein Einzelfall bleiben, dass junge Theologen*innen klagen werden: »Ach, wäre er doch nur Muslim. Oder Jude. Wenigstens Katholik. Aber nein. Informatiker ist er. Ausgerechnet.«


Alternativen

Selbst, wer guten Willens ist, den Auflagen des Pfarrdienstgesetzes nachzukommen, wird vor Probleme gestellt. Das Herz sagt Ja, das Pfarrdienstgesetz sagt Nein zum atheistischen Partner. Ein gut gemeintes Entgegenkommen des Partners in Form einer Scheintaufe mag ein Lutheraner kaum mit seinem Gewissen vereinbaren. Und was, wenn der Partner, die Partnerin nach einigen Jahren sich von der Kirche wieder trennen, an der Beziehung aber festhalten will? Was wäre es für eine Kirche, die zur Heuchelei nötigt?

»Weil 2015 ist«,8 antwortete Kanadas Premier Justin Trudeau auf die Frage, warum sein Kabinett nicht nur zur Hälfte mit Frauen besetzt ist, sondern auch Inuit, Sikhs, Einwanderer und Flüchtlinge zu den Mitgliedern zählt. Trudeau brachte es damit auf den Punkt.

»Weil 2017 ist«, könnte die Kirche sagen und den Passus in §39 des Pfarrdienstgesetzes entsprechend ändern, der die zwingende Mitgliedschaft eines Ehepartners in einer christlichen Kirche vorsieht. Pfarrehen zwischen christlichen und atheistischen Lebenspartner könnten anderen Ehen mit dieser Konstellation eine Hilfe sein. Kirche würde sich der modernen Wirklichkeit und ihren Herausforderungen stellen, würde Wege zeigen, wie es geht, statt überholten Idealen nachzutrauern. Und: Wo findet ein Dialog intensiver statt als in der Ehe?


Anmerkungen:

1 https://yougov.de/news/2017/06/23/homo-ehe-mehrheit-der-deutschen-fur-gleichgeschlec/

2 Pfarrerdienstgesetz §3 Ordination.

3 https://www.freitag.de/autoren/christianberlin/happy-end-fur-carmen-hacker

4 https://www.freitag.de/autoren/christianberlin/happy-end-fur-carmen-hacker/die-letzte-zwangsbekehrung

5 Die Zahl der Erasmus Babys wird auf 1.000.000 geschätzt: http://www.sueddeutsche.de/bildung/bilanz-zum-austauschprogramm-fuer-studenten-eine-million-erasmus-babys-1.2141763

6 Pfarrdienstrecht §39.

7 https://www.nordkirche.de/fileadmin/user_upload/nordkirche/Synode-201703-TOP-6-1_Beschluss_zur_Errichtung_eines_unselbsstaendigen_Werks_Kirche_im_Dialog.pdf

8 Weil 2015 ist: http://www.spiegel.de/politik/ausland/kanada-das-coole-kabinett-von-premier-trudeau-a-1061537.html



Klaus Guhl

 

Aus: Deutsches Pfarrerblatt - Heft: 10/2017

1 Kommentar zu diesem Artikel

07.11.2017
Ein Kommentar von Wolfgang Delventhal


Spontan fällt mir ein: Was ist in den Landeskirchen noch nicht in Selbst-Auflösung? Der Herr der Kirche kommt auch bei diesen Überlegungen zur Parrehe überhaupt nicht vor. D.h. ER wird gar nicht gefragt.

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