Ein protestantischer Zwischenruf zur Diskussion im Gedenkjahr der Reformation
Ökumene – beidseitig

Von: Rainer Wutzkowsky
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Nach dem ökumenischen Buß- und Versöhnungsgottesdienst im März 2017 in Hildesheim und nach so manchen anderen ökumenischen Ereignissen und Events im 500. Jubiläumsjahr der Reformation verdient es die Ökumene, einen kräftigen Anschub zu bekommen – damit sie wirklich wieder zu einer Bewegung unter Christenmenschen wird und nicht als bloße Funktionärstätigkeit verkümmert. Auch ein ausgewiesener Ökumeniker wie Hans Küng spricht von einem derzeitigen »Zeitfenster«. Wann wäre mehr kirchliche Einheit möglich, wenn nicht jetzt!


500 Jahre Spaltung sind genug!

Das 2. Jahrtausend nach Christus war ein Zeitalter der konfessionellen Spaltungen und der Zerrissenheit, möglicherweise auch der nötigen theologischen Ausdifferenzierung und der unterschiedlichen Akzentsetzungen. Das ist aber vorbei! 500 Jahre Spaltung sind genug! Das 3. Jahrtausend soll ein Zeitalter der Versöhnung werden. Von einem »Entweder – Oder« und den entsprechenden konfessionellen Selbstbehauptungen und von einem ausgeprägten Konfessionsstolz sollten wir einen Weg zu einem theologisch und emotional begründeten »Sowohl als Auch« finden. Was der einen Konfession viel bedeutet, kann die andere manches lehren. Das Ganze und Eine ist immer mehr als die Summe der Teile. Einen entsprechenden Bedeutungsschub könnte die schwächelnde Christenheit in Europa sicher gut gebrauchen. Oder ist sie gar schon zu schwach für eine wirkliche ökumenische Bewegung, die aufeinander zugeht und zu »versöhnter Verschiedenheit« findet – ähnlich der »Bewegung von unten«, die in der Reformationsepoche die Christen leider aber auseinandertrieb?

Damit das ökumenische Pflänzchen Wachstumskraft und Auftrieb erhält, seien einige Themen, die kontroverstheologisch immer noch gerne herausgestellt werden, kurz angerissen. Sie müssen keine Probleme bleiben und sie sind wahrhaftig kein Hemmnis für die Einheit. Wir müssen aber alle über den Schatten unserer Identitätsbehauptungen springen, wenn wir die Einheit wirklich wollen.


Katholische Kirche im Wandel

Die Katholische Kirche hat sich seit dem 2. Vatikanischen Konzil wirklich bewegt – und zwar ökumenisch in Richtung auf wahrhaft reformatorische Anliegen. Ist das eigentlich protestantischerseits auch wahrgenommen und gewürdigt worden?

So hat man die lateinische Kirchen- und Fremdsprache quasi abgeschafft und dafür die jeweilige Muttersprache in der Liturgie eingeführt. Man feiert den Gottesdienst eher gemeinschaftlich, »in der Runde« und nicht mehr frontal oder gar abgekehrt vom »Volk«. So wird das Laienelement, das uns Protestanten doch so wichtig ist, deutlich betont. Überhaupt werden Laien in liturgischen Funktionen als Lektorinnen, Kommunionhelfer, Fürbeter und selbst zunehmend in Leitungsfunktionen auf Gemeindeebene bedeutsamer als sie es im protestantischen Raum je waren oder sind. Man hat das Wort Gottes beinahe stärker und bewusster in den Mittelpunkt gerückt als es in protestantischen Gemeinden zu erleben ist. Man verehrt und wertschätzt das Evangelium mehr als es die oft saturiert sitzenden(!) evangelischen Gemeinden Sonntag für Sonntag tun. Gegen die katholische Predigtkultur ließe sich allerdings noch einiges einwenden. Man hat die Rechtfertigung »sola gratia und sola fide« anerkannt, wenn auch noch nicht in allen Konsequenzen nachvollzogen. Aber immerhin! Gibt es eigentlich dazu eine evangelische Parallelbewegung, die den ökumenischen Prozess beidseitig machen würde, indem sie gleicherweise auf katholische Anliegen zugeht? Sicher: viele evangelische Pfarrer und Pfarrerinnen haben sich in den letzten Jahren eine Stola umgelegt. Ausgerechnet das, was zu den Insignien des Priestertums gehört, das protestantischerseits doch nur als »allgemeines Priestertum aller Gläubigen« dogmatisch akzeptiert wird! Vielleicht will man ja nur dem tristen schwarzen Talar entkommen, aber reflektieren sollte man doch, was man tut.

Auch spricht man nun häufiger im protestantischen Bereich – in Angleichung des katholischen Sprachgebrauchs – von »Laien« im Gegenüber zur Theologenzunft. Als wenn geistlich gesehen nicht alle Laien wären!


»Kontroverstheologische Mücken«

Es scheint, als ob man wieder einmal gerne Kamele verschlucke und die Mücken seihe (vgl. Mt. 23,24). Deshalb sollen hier einige kontroverstheologische »Mücken« genannt werden, die reif sind, evangelischerseits wirklich geschluckt zu werden – und zwar nicht nur um der ökumenischen Versöhnung oder gar der Anpassung willen. Dabei sind es – theologisch – wahrlich keine »Mücken«. Nur als ökumenische Hemmnisse dürften sie als solche angesehen werden.

Das Kreuzzeichen: Es kann kein Zweifel sein, dass das Kreuz Christi im Zentrum des christlichen Glaubens steht (1. Kor.1,18ff). Warum also tun wir Protestanten uns so schwer, uns rituell mit dem Kreuz zu bezeichnen, obwohl Jesus doch ausdrücklich in die Kreuzesnachfolge gerufen hat? (Mt. 16,24) Warum ist ausgerechnet das ein protestantisches Identitätsproblem?! Was hat das Kreuzzeichen zu einem Konfessionsmerkmal gemacht? Ist es nicht vielmehr ein wirklich zeichenhaftes Körpergebet, das von allen Christen gepflegt und geachtet werden sollte?!

Problematischer noch sind zwei weitere Themen, die wie unüberwindbare Barrieren zwischen den Konfessionen zu stehen scheinen: Maria, die Mutter Jesu, und das Papstamt. Wir werden als Protestanten realistischerweise niemals erwarten können, dass die katholische Kirche von diesen beiden Momenten lässt. Warum auch? Warum sollte sie? Empfiehlt nicht Jesus selber seine Mutter dem »Lieblingsjünger« (Joh. 19,27), also dem Prototyp des Christusnachfolgers und vielleicht sogar der johanneischen Kirche?

Auch dass Maria Vermittlerin ist, ist keine katholische Erfindung, sondern ein Element aus der Geschichte von der »Hochzeit zu Kana« (Joh. 2), die evangelischerseits sehr wohl auch gehört werden sollte, zumal Vermittlung und Mittlerschaft eine wohlbekannte Aufgabe auch sonst im menschlichen Leben darstellt. Das gibt es eben und wird auch gerne in Anspruch genommen. Warum sollte es ausgerechnet im Verhältnis zu Jesus anders sein? Natürlich muss es so nicht sein, aber es darf so sein.

Schließlich das Papstamt als sperrigster Brocken: Das Amt hat gewiss viele Aspekte und es hat sich im Laufe der Jahrhunderte weit entwickelt – manchmal erschreckend weit hinsichtlich der Machtbefugnisse und der Machtansprüche. Aber eines lässt sich nicht in Abrede stellen: dieses Amt ist wie kein anderes biblisch begründet! Petrus ist nicht nur bekanntlich der »Fundament-Fels der Kirche« (Mt. 16,18), sondern ihm sind auch die »Lämmer« anvertraut (Joh. 21). Er soll also ein »guter Hirte« sein, d.h. sein Amt ist ein Dienstamt, ein Hüteamt mit Vollmacht zwar, aber doch kein Herrscheramt. Er soll Lämmer sammeln, hüten und leiten, aber doch nicht zerstreuen, vertreiben, abstoßen oder gar ängstigen. Sicherlich dürfte das Petrusamt auch das Amt sein, das die versöhnte Verschiedenheit aller Christen bestens repräsentieren kann und das zugleich ein weltweites Sprecheramt der Versöhnung und der Einheit für alle und vor allen darstellt. Warum sollten Protestanten weiterhin nur neidvoll auf die weltweit gehörten Enzykliken des Papstes oder seine Worte zur Gerechtigkeit und zur Ökologie schauen und nicht ihrerseits auch froh und dankbar über sie sein können und sie auch als die ihren verstehen?


Ein Pilgerweg zwischen Rom und Wittenberg?

Schließlich noch ein vergleichsweise kleineres Problem: Martin Luther hat sich bekanntlich sehr kritisch über das Pilgern und das Mönchtum geäußert. Hier droht leistungsorientierter Missbrauch. Möglicher Missbrauch sollte aber richtigen Gebrauch nie verhindern. So pilgern heute denn auch Tausende Protestanten eifrig, und sie nehmen auch die Gastfreundschaft in Klöstern gerne in Anspruch. Hier ist schon etwas in Bewegung und zwar ganz von unten, »von den Füßen« her. Möglicherweise und wünschenswerterweise sollte es vielleicht sogar einen Pilgerweg zwischen Rom und Wittenberg geben – von beiden Seiten ausgehend und aufeinander zu führend. Die Kirchen am Wege – und auch sonst – sollten wie Gasthäuser mit eucharistischer Gastfreundschaft für alle offen stehen.

Wenn wir die Einheit wirklich von Herzen wollen – und nur so wird sie auch kommen –, werden wir uns in allen Kirchen und Konfessionen bewegen müssen. Besser aber: Wir lassen uns zutiefst bewegen – vom Heiligen Geist, der immer in die Einheit führen will. Allerdings: intensiv hören auf ihn, müssen wir dann schon!


Rainer Wutzkowsky

 

Aus: Deutsches Pfarrerblatt - Heft: 10/2017

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