Martin Luther und Johannes Reuchlin – eine viel(ver-)sprechende Beziehung
»Darumb ists gewis, wo nicht die sprachen bleyben, da mus zu letzt das Euangelion unter gehen.«

Von: Jens Adam
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Martin Luther war ein Meister der Sprache. Das hat er unter anderem durch seine Bibelübersetzung erwiesen. Was darüber oftmals vergessen wird, ist Luthers Hochschätzung der »alten« Sprachen Hebräisch, Griechisch und Latein. Er teilt sie mit den Humanisten seiner Zeit, so etwa Johannes Reuchlin. Für beide – Reuchlin und Luther – hat die Kenntnis der »alten« Sprachen aber auch eine eminent theologische Bedeutung. Daran erinnert Jens Adam inmitten der neu aufflammenden Diskussion um Sinn und Bedeutung der »alten« Sprachen für das Theologiestudium.1


Ohne Zweifel: Der Reformator Martin Luther war ein Meister der Sprache – und das in mehrfacher Hinsicht. Vor allem durch die Übersetzung der Bibel, dem gemeinen Volk bis zum 16. Jh. hin im Tresor des Lateinischen, Griechischen und Hebräischen zumeist verschlossen und unzugänglich, hat er bis auf den heutigen Tag maßgeblich zu einer Vereinheitlichung der deutschen Grammatik, des Stils und Wortschatzes beigetragen – wohlgemerkt: als eher beiläufiger, gleichwohl wirkmächtiger Nebeneffekt seiner Bibelübersetzung wird dies anzusehen sein (1521 erschien die deutsche Übersetzung des griechischen Neuen Testaments, 1523 bereits eine erste Gesamtausgabe, 1545 die »Ausgabe letzter Hand«).

Das Hauptanliegen des Reformators bei seiner müh- wie einfühlsamen Übersetzungsarbeit lag freilich auf einem ganz anderen Gebiet; und es verwundert nicht, dass es ein eminent theologisches Ziel war, das er verfolgte: Bereits in der Vorrede auf das Alte Testament (1523) weist er mit dem Zitat von Joh. 5,39 darauf hin, dass ein jeder doch in der Heiligen Schrift Alten und Neuen Testaments »forschen« solle (»Aber Christus spricht Joh. 5: Forschet in der Schrift, denn dieselbe gibt Zeugnis von mir.«); und in der Vorrede auf das Neue Testament (1522) mahnt er den »Jünger« Christi und »rechtschaffenen Gläubigen« eben dazu, sich ganz in die Bücher des Neuen Testaments zu versenken, sie auf rechte Weise zu lesen und also auf rechte Weise das Evangelium zu verstehen.2

Luthers Übersetzung der biblischen Schriften diente mithin (auch) dazu, die Christen aller Stände ihres Glaubens mündig zu machen; es sollte ihnen – neben aller Betonung der geistgewirkten Erkenntnis, die auch ­Luther wohl anerkannte – das Handwerkszeug an die Hand gegeben werden, sich mit und in der Lektüre der Schrift ihres Glaubens zu vergewissern. Das prägnante Votum des zu Worms 1521 angeklagten Luthers klingt auch darin deutlich auf: »Wenn ich nicht überwunden werde durch die Zeugnisse der Schrift oder durch evidente Vernunftgründe (...), kann und will ich nicht irgendetwas widerrufen«.3 Hinter der sprachlichen Meisterleistung des Reformators, wie sie die ­»Lutherbibel« darstellt, haben wir zweifelsohne die Durchführung eines theologischen Programms zu sehen.4


Alte Sprachen – alter Zopf?

Freilich könnte diese »Demokratisierung« der biblischen Texte und darin enthaltener Gedanken nun zu Schlussfolgerungen führen, die fataler nicht sein könnten und – man notiert es angesichts so mancher programmatischer Verdummungsaktion seitens der Politik wie der Kirchen (!) ohne große Verwunderung, wiewohl mit grimmigem Unbehagen – die in die unmittelbare Gegenwart hinein auf den Plan treten. Diese (möglichen) Schlussfolgerungen spitzen sich trefflich in der Frage zu, ob man denn der Kenntnis der sogenannten »alten Sprachen« (also Latein, Griechisch und Hebräisch, zumindest was die evangelisch-theologische Zunft angeht) überhaupt (noch) bedürfe.

Nun sind Fragen dazu da gestellt zu werden; sie sollten allerdings nicht ausschließlich im Sinne rhetorischer Fragen formuliert werden, mithin die Antwort ihrer selbst schon enthalten. Die in jener Frage bereits vermeintlich angelegte Antwort lautet unüberhörbar »Nein«; und die in ihr im Hintergrund stehenden Schlussfolgerungen stellen sich damit als so kurzsichtig dar, wie es auch die negative Antwort letztlich ist. ­Luthers Bibelübersetzung und sein dahinter stehendes theologisches Grundbewusstsein führen nämlich den Reformator keinesfalls dazu, nun tatsächlich Abschied von der altphilologischen Sprachwissenschaft zu nehmen! Und auch hier stehen theologische Gründe im Hintergrund, die wohl beachtet werden sollten.

Der Vorwurf, man könne sich eben nicht von »alten Zöpfen« der Altphilologie verabschieden, wolle lediglich elitäres Priestertum weiter aufrechterhalten, verkrustete Strukturen der Hochschullandschaft nicht reformieren, also den eigenen Besitzstand wahren, oder man sei in seinen Gedankengängen schlicht rückwärtsgewandt und entspreche nicht den »modernen« (Bildungs-) Erfordernissen – diese Vorwürfe basieren ja ebenso auf einer mindestens »weltanschaulichen« Sicht der Dinge, wenngleich dies oftmals nicht im Bewusstsein ist. Eben deshalb mag es erhellend sein, diese bereits bei Luther selbst aufklingende Auseinandersetzung wahrzunehmen und auf ihre argumentative Kraft hin zu überprüfen.


»An die Ratsherrn aller Städte …«

Als Meister der Sprache und zugleich unermüdlicher Kämpfer für die »Sache« der Reformation zeigte sich Luther auch in seinem umfangreichen Schrifttum, seinen Abhandlungen, Briefen, Reden, Predigten usw. Prägnanz und Witz, scharfe Zunge und scharfer Intellekt, seelsorgerliche Empathie und aufrüttelnde Energie – all das und noch viel mehr begegnen in seinen Texten. Als Meister der Sprache verteidigt er nun ebenso ­beredt wie reflektiert die Unentbehrlichkeit der klassischen Studien und Sprachkompetenz, nicht nur für die Kirche, sondern gerade auch für den Staat und »allerlei weltliche Stände«.

Im Jahr 1524 erscheint als Reaktion auf den rapiden Verfall der Universitäten und (Latein-) Schulen Luthers Schrift »An die Ratsherrn aller Städte deutschen Landes, daß sie christliche Schulen aufrichten und halten sollen«.5 Es ist hier weder Platz noch Ort, die vor allem für das Schulwesen, etwa die allgemeine Schulpflicht, für die Frage nach dem Verhältnis von christlichem Glauben und (Allgemein-)Bildung bedeutsame Schrift ausführlich zu würdigen. Doch einige der darin enthaltenen Abschnitte sind gerade für die im Raum stehende Frage nach der Bedeutsamkeit der »alten Sprachen« in theologischer Hinsicht interessant. An dieser Stelle nähern wir uns allmählich auch dem Ort, an dem sich der Reformator Martin Luther und der – zeit seines Lebens katholisch gebliebene – Humanist Johannes Reuchlin zumindest zeitweilig gegenseitig scharf(-sinnig) ins geisteswissenschaftliche Auge blicken. In dieser Frage und an diesem Ort kreuzen sich in spezifischer Weise die Wege von Reformation und Humanismus.


»wo nicht die sprachen bleyben …«

Es ist geradezu frappierend: Nachdem der Wittenberger Theologe eingangs auf die wirtschaftlichen Gründe für den zunehmenden Verfall der schulischen Bildungseinrichtungen zu sprechen kam und eine historisch begründete Analyse der Situation zu Beginn des 16. Jh. vornahm sowie – aus seiner biblisch geschulten Sicht nicht verwunderlich, zumal hinsichtlich der sittlich-religiösen Grundwerte der damaligen Gesellschafts- und Familienordnung – auf die in der Bibel selbst ausgesprochene Pflicht hingewiesen hatte, die Eltern mögen ihre Kinder lehren6 und mit all dem einigermaßen hinreichend auf die Notwendigkeit schulischer Bildung und Bildungseinrichtungen hinwies, auf die er die verantwortliche Obrigkeit nachdrücklich verpflichten wollte – nachdem er all dies eher einleitend angemerkt hatte, zitiert er einen imaginären Dialogpartner, dessen Einwand geradezu zeitlos zu sein scheint: »Ja, sprichst Du noch einmal, wenngleich man Schulen haben sollte und müßte: Wozu nützt es uns aber, die lateinische, griechische, hebräische Sprache und andere Wissenschaften zu lehren? Könnten wir doch gut auf Deutsch die Bibel und Gottes Wort lernen, das uns vollauf genug ist zur Seligkeit!«7

Mag die Frage nach der »Seligkeit« heutigentags tatsächlich oder vermeintlich nicht mehr ungebrochen das erkenntnisleitende Hauptinteresse sein, so haben wir doch mit der von Luther aufgenommenen Frage nach dem »Nutzen der Sprachwissenschaft und anderer Wissenschaften« und mit dem Hinweis auf die – von Luther ja selbst verantwortete! – deutsche Bibel die möglichen Schlussfolgerungen vor Augen, gegen die sich der Reformator energisch wendet. Dem interessierten Leser – auch Verantwortliche und Richtlinienkompetente des gegenwärtigen Bildungssystems mögen darunter sein – seien diese Abschnitte zur gefälligen Lektüre ans Herz gelegt.


»… da mus zu letzt das Euangelion unter gehen«

Ein, wenn nicht: das Argument für das Studium der alten Sprachen liegt für Luther darin, dass Kenntnis und Erkenntnis der Sache mit Kenntnis und Erkenntnis des Kommunikationsmittels einhergeht. Freilich hat er dabei primär die Theologie als Wissenschaft im Blick, wenngleich die Grundstruktur seines Denkens auch auf andere Wissenschaften anwendbar sein wird. In seiner eigenen Fachdisziplin bleibt er aber, dem »Priestertum aller Gläubigen« zum Trotz bzw. gerade in unaufgebbarer Ergänzung dazu, unbestechlich: Gottes Wort, Gottes Verheißung, Gottes Willen, die Geschichte von Gott und aller Welt ist uns zunächst einmal in hebräischer und griechischer Sprache überliefert. Und da Luthers Blickwinkel auch immer ad hominem geht, also die Perspektive auf den konkreten Menschen beinhaltet: Das Evangelium Gottes, dass er in Jesus Christus dem Menschen unverdient, aus reiner Gnade, um seines eigenen Erbarmens willen eine unendliche, von allem Leiden ungetrübte Zukunft über den Tod hinaus zusagt und in seiner Zusage verwirklicht – dieses Evangelium ist nicht anders als in griechischer Sprache verfasst und nachzulesen.

Also: »So lieb uns das Evangelium ist, so streng laßt uns über die Sprachen wachen. (…) Das sollen wir uns gesagt sein lassen, daß wir das Evangelium nicht sicher bewahren werden ohne die Sprachen. Die Sprachen sind die Scheiden, in denen dies Messer des Geistes steckt«.8 Und ohne dass Luther die inzwischen weniger wegen des schief stehenden Turmes als vielmehr wegen der mit dem Ortsnamen verbundenen Studien zum Bildungswesen und Wissensstand kennen konnte, fügt er hinzu: »Wahrlich, wenn wir’s mißachten, so daß wir (wovor uns Gott bewahre) die Sprachen fahren lassen, so werden wir nicht allein das Evangelium verlieren, sondern es wird schließlich auch dahin kommen, daß wir weder Lateinisch noch Deutsch richtig sprechen oder schreiben können (…) und beinahe auch die natürliche Vernunft verloren haben.«9

Besonders virulent wird die Frage nach der Bedeutung der Sprachen im exegetischen Streitfall. Luther war neben allem Gelehrtendasein in gleicher Weise Pragmatiker. Dass ein Pfarrer oder eine Pfarrerin christliche Unterweisung, Predigt und Lebensführung auch ohne Latinum, Graecum und Hebraicum nicht nur zu bewältigen hat, sondern auch bewältigen kann, war ihm wohl bewusst. Dazu gibt es »so viele klare Sprüche aus Übersetzungen, daß er [oder sie] Christus verstehen, lehren und heilig leben und anderen predigen kann.«10 Aber Auslegung der Schrift, vor allem: den Streit mit Irrlehren und Irrlehrern zu betreiben um der veritas des Evangeliums willen: »das läßt sich ohne Sprachen nicht tun.« Wer so wie Luther auf das sola scriptura, auf das »die Schrift allein« als einem grundlegendem Maßstab theologischer Erkenntnis pocht, der muss sich ganz selbstverständlich eingehend, bei aller menschlichen Vorläufigkeit der Erkenntnis dennoch möglichst unwiderlegbar, argumentativ nachvollziehbar und damit dem theologischen Diskurs gerade nicht ausweichend mit der Schrift in ihrer Ursprache beschäftigen: »Soll man nun urteilen, so muß Sprachwissenschaft dasein, sonst ist’s vergebens.«11


»Offene Pforten in das Paradies«

Man mag sich die Bedeutung der Sprachwissenschaft für Luther an einer Schlüsselstelle für seine sog. »reformatorische Entdeckung« vergegenwärtigen. Ein Jahr vor seinem Tod gab Luther seine Zustimmung für eine Gesamtausgabe seiner Schriften. In der Vorrede zu seinen lateinischen Schriften (1545) blickt Luther gleichsam auf ein exegetisches Geschehen zurück, mit dem er den Aufbruch zu einem neuen Gottesverständnis, zum »Rechtfertigungsgeschehen allein aus Gnaden« (iustificatio impii sola gratia) verband.

Dieser Rückblick liest sich nach wie vor wie der Anfang eines packenden Kirchenkrimis mit dem unwiderstehlichen Sog der Geschichte. Luther schreibt: »Ich war von einer wundersamen Leidenschaft gepackt worden, Paulus in seinem Römerbrief kennenzulernen, aber bis dahin hatte mir nicht die Kälte meines Herzens, sondern ein einziges Wort im Wege gestanden, das im ersten Kapitel steht: ›Die Gerechtigkeit Gottes wird in ihm offenbart‹ [Röm 1,17]. Ich hatte nämlich dieses Wort ›Gerechtigkeit Gottes‹ zu hassen gelernt, das ich nach dem allgemeinen Wortgebrauch aller Doktoren philosophisch als die sogenannte formale oder aktive Gerechtigkeit zu verstehen gelernt hatte, mit der Gott gerecht ist, nach der er Sünder und Ungerechte straft.«

Nach Schilderung seiner tiefen Verzweiflung, selbst als Mönch und in aller Askese dem Anspruch Gottes nie gerecht werden zu können, fährt er fort: »Endlich achtete ich in Tag und Nacht währendem Nachsinnen durch Gottes Erbarmen auf die Verbindung der Worte, nämlich: ›Die Gerechtigkeit Gottes wird in ihm offenbart, wie geschrieben steht [Hab 1,4]: Der Gerechte lebt aus dem Glauben.‹ Da habe ich angefangen, die Gerechtigkeit Gottes so zu begreifen, daß der Gerechte durch sie als durch Gottes Geschenk lebt, nämlich aus Glauben; ich begriff, daß dies der Sinn ist: offenbart wird durch das Evangelium die Gerechtigkeit Gottes, nämlich die passive, durch die uns Gott, der Barmherzige, durch den Glauben rechtfertigt, wie geschrieben steht: ›Der Gerechte lebt aus dem Glauben‹. Nun fühlte ich mich ganz und gar neugeboren und durch offene Pforten in das Paradies selbst eingetreten …«12

Für Luther eröffnete sich das Verständnis dafür, wer Gott ist, was er in Christus für die Menschen tut, was der Mensch von sich zum ewigen Heil bewirken kann etc. an der Textanalyse von Röm. 1,16+17: Die Gerechtigkeit Gottes, auf die da der Apostel Paulus zu sprechen kommt, ist nicht die Gerechtigkeit, die der Mensch zur eigenen Rechtfertigung zu erfüllen hat – und woran er unausweichlich scheitern muss. Es ist im Gegenteil die, die Gott selbst wirkt und die deswegen in alle Ewigkeit hin Bestand hat. Im griechischen Wortlaut jener entscheidenden Wendung von der »Gerechtigkeit Gottes« (δικαιÔσνη θεÔÜ) kann wohl das eine wie das andere sprachlich ausgedrückt sein; dem Philologen ist diese Unterscheidung von Genitivus subiectivus und Genitivus obiectivus durchaus präsent. Und doch hängt für Luther – und gewiss nicht nur für ihn! – gerade am rechten sprachlichen Urteil in dieser Sache die rechte theologische Deutung: Mit der philologischen Unterscheidung von Genitivus subiectivus und Genitivus obiectivus geht eine theologische Weichenstellung einher, die zur Zeit Luthers tatsächlich weltbewegend in die Geschichte einging.


Auf den Spuren Reuchlins

Diese Wertschätzung der »biblischen Ursprachen« teilt Luther mit dem Humanismus; er teilt sie in besonderer Weise mit Johannes Reuchlin. Die ebenfalls mit dem Humanismus mindestens sympathisierenden, wenn nicht ihm tief verbundenen Zeitgenossen Georg Spalatin, Ulrich von Hutten oder Erasmus von Rotterdam mögen eine größere Wirkung auf Luther gerade in der scharfen Auseinandersetzung gehabt haben; ebenso natürlich Philipp Melanchthon, der auf Empfehlung Reuchlins auf die Stelle als Professor für Griechisch und Hebräisch an die Universität Wittenberg berufen wurde (Reuchlin selbst lehnte die Berufung durch Kurfürst Friedrich den Weisen 1518 ab). Doch gerade auf Reuchlins gelehrte Sprachwissenschaft bezog sich Luther in mehrfacher Weise.

Ein zunächst rein äußerlich erscheinendes, gleichwohl hochbedeutsames Merkmal für den Konnex zwischen Reformation und Humanismus ist in gewisser Weise bereits in der Entscheidung dafür zu sehen, welche Schriften denn nach Ansicht Luthers Bestandteil des sog. »Kanons« aus reformatorischer Sicht sein sollten, also welche der biblischen Bücher tatsächlich in die deutsche Bibel aufgenommen werden sollten. Luther bezog sich hierbei, was das AT angeht, auf die hebräische Überlieferung und nicht auf die griechische Version, die sog. Septuaginta, die zugleich Grundlage der lateinischen Bibel, der Vulgata, also: der »katholischen« Bibel darstellte. Diese einige Bücher mehr umfassende Fassung des in Griechisch verfassten AT entsprach nicht der veritas hebraica; sie war nicht die Fassung in der hebräischen Ursprache, die v.a. Reuchlin im Austausch mit jüdischen Theologen den christlichen Theologen erst wieder zugänglich machte. Folglich übersetzte Luther im Jahr 1523 eben das hebräische AT, und folglich umfasst bis auf den heutigen Tag die »evangelische« Lutherbibel weniger biblische Bücher als etwa die »katholische« Bibel mit ihrem umfassenderen Textbestand, den von Luther sog. »Apokryphen« – sekundäre, wiewohl wertvoll zu lesende Schriften der biblischen Überlieferung.

Doch einmal abgesehen von dieser theologischen Entscheidung Luthers, die ihre Wurzeln jedenfalls auch in Grundgedanken des ihm gegenwärtigen Humanismus hat und nicht speziell mit Reuchlins Einfluss in Verbindung gebracht werden muss, profitierte Luther in der Übersetzung der hebräischen Texte sowie in der exegetischen Beurteilung, also der Auslegung jener Texte, namentlich von Reuchlins immensen Sprachkenntnissen: Die Beziehung zwischen der humanistischen Bewegung einerseits und der jungen reformatorischen Bewegung andererseits mag sich in einem gemeinsamen Misstrauen gegen eine überspitzte Scholastik zeigen; sie sind zweifelsohne verbunden in bestimmten kirchenkritischen Tendenzen, insbesondere in der Ablehnung des Ablasshandels oder besonderen Auswüchsen der Volksfrömmigkeit.13 Doch in der Wertschätzung des wissenschaftlichen Sprachstudiums um des Erkenntnisgewinns willen liegt möglicherweise die größte und direkteste Gemeinsamkeit zwischen Reformation und Humanismus.


Reuchlins scharfe Brille

In einem seiner Hauptwerke, De arte cabalistica (Erstdruck Hagenau 1517) stellt Reuchlin in einem fiktiven Dialog zwischen einem Philosophen, einem Kabbalisten und einem jüdisch-arabisch beeinflussten Christen – hinter dem Reuchlin selbst zu sehen ist – Gemeinsamkeiten wie Unterschiede der drei Religions- und Denkströme heraus.14 Signifikanterweise widmet der hochangesehene Humanist, Jurist und Philologe dieses Werk Papst Leo X.; wir befinden uns inmitten des mitunter heftig, jedoch selten sachlich geführten, jedenfalls kirchenpolitisch brisanten Streits um die Stellung und Bewahrung der jüdischen Literatur, für die Reuchlin vor allem gegenüber seinem Widersacher Johannes Pfefferkorn (1469-1522/23) nachdrücklich eintrat.

Jener hatte im Jahr 1509 von Kaiser Maximilian die Erlaubnis erhalten, der christlichen Lehre und dem Glauben widersprechende jüdische Literatur konfiszieren zu dürfen, wogegen alsbald der Mainzer Erzbischof Einspruch erhob. Neben zahlreichen Universitäten war auch als ausgewiesener Kenner dieser Materie Johannes Reuchlin zu einer Stellungnahme im Streit um Wert oder Unwert der jüdischen Texte aufgerufen – und Reuchlin lehnte das Ansinnen Pfefferkorns in mehreren Publikationen vehement ab.15 Vor allem im sog. »Augenspiegel« (der »Brille«, veröffentlicht 1511) wehrt sich »Capnion«, wie Reuchlins humanistischer Name lautete, gegen den Vorwurf, ihm mangele es an sprachlicher Kompetenz, die jüdischen Schriften recht deuten und verstehen zu können, und vertritt entgegen der mindestens antijüdisch eingestellten wissenschaftlichen Mehrheit der theologischen Fakultäten, dass ohne Kenntnis der hebräisch und aramäisch verfassten jüdischen Texte, insbesondere des Talmuds, ein sachgemäßes Verstehen gerade auch der atl. Texte, mithin auch der christlichen Tradition, nicht möglich sei.

Reuchlin greift darin Argumente auf, die er bereits im Herbst 1510 in seinem »Gutachten, ob man den Juden alle ire bücher nemmen, abthun und verbrennen soll« veröffentlicht hatte.16 Zunächst weist Reuchlin darauf hin, dass ein generelles Urteil über die jüdischen Schriften, ihren »Wert« oder »Unwert«, schlicht aus dem Grunde nicht möglich sei, da sich darunter – wie auch bei Texten christlicher Provenienz – höchst unterschiedliche Texte befänden. Gerade den jüdischen Kommentaren zu biblischen Texten etwa kommt aus Reuchlins Sicht um des besseren Verstehens willen eine höchst bedeutsame Rolle zu – und sei es, um via negationis die eigene »Rechtgläubigkeit« daran zu erweisen: »Ich behaupte (…), daß unsere Gelehrten und Exegeten der Heiligen Schrift zum vollen Verständnis des biblischen Textes sich sehr intensiv mit solchen [jüdischen] Kommentaren, Glossen und Erläuterungen vertraut machen müßten, wollen sie in Anfechtungen durch abweichende Glaubenslehren wirklich bestehen (…). Derartige Kommentare darf und kann die christliche Kirche nicht aus der Hand geben, denn sie halten die ursprüngliche hebräische Sprache in Übung, auf die die Heilige Schrift, besonders für das Alte Testament, nicht verzichten kann; genausowenig, wie wir die griechische Sprache und ihre Grammatiken und Kommentare für das Neue Testament entbehren können und dürfen«.17

Der bereits genannte Papst Leo X. verurteilte im Übrigen letztlich den »Augenspiegel« im Jahr 1520, wobei nicht zuletzt der kirchliche Kampf gegen Luther den Ausschlag hierfür gegeben haben wird: Ebenfalls 1520 veröffentlichte Luther einen programmatischen »Brief« an Leo X. mit dem Thema Tractatus de libertate christiana, besser bekannt unter dem Titel »Von der Freiheit eines Christenmenschen«, unter dem man zu Recht eine der reformatorischen Hauptschriften zu verstehen haben wird.18


studia humanitatis und libertas christiana

In seiner historisch wie theologisch bemerkenswerten Stellungnahme zeigt sich der Humanist Reuchlin letztlich als unbestechlicher Sprachwissenschaftler. Unterwiesen in den Sprachen Griechisch und Hebräisch (Latein war selbstverständlich vorauszusetzen), veröffentlichte er eine (nicht erhaltene) griechische Grammatik; er edierte klassische griechische Texte, gab etwa seinem Landesfürsten Graf Eberhard dem Älteren (1445-1496) den 12. Totengesang des griechischen Satirikers Lukian von Samosata in deutscher Übersetzung zu lesen, um ihm als zukünftigem Herzog die rechte Herrschertugend nahezubringen; er ging in die Lehre beim kaiserlichen Leibarzt Jakob Loans, um seine hebräischen Kenntnisse auszuweiten, verfasste im Jahr 1506 (zuerst publiziert in Pforzheim) eine hebräische Grammatik und ein Wörterbuch unter dem Titel Rudimenta Hebraica bzw. De rudimentis Hebraicis – weitere Titel seiner Gelehrsamkeit wären unschwer anzufügen.

Bei aller Distanziertheit zur reformatorischen Bewegung stellte Reuchlin somit bereits allein mit seinen philologischen Arbeiten ein unentbehrliches Handwerkszeug bereit, mittels dessen Luther, Melanchthon und andere ihre streng am biblischen Wortlaut orientierten theologischen Gedanken begründen und entfalten konnten. Reuchlins Kampf um die Freiheit der studia humanitatis überschnitt sich hier in gewisser Weise mit dem Kampf um die von Luther verfochtene christliche Freiheit eines Christenmenschen, die er – ganz seinen Prinzipien des sola scriptura und speziell in De libertate Christiana des solus Christus verpflichtet – stets unter Aufnahme biblischer Texte zu entwickeln suchte.19

Ganz unmittelbar und direkt nachweisbar zeigt sich – neben der Übersetzung am AT insgesamt – exemplarisch in der großen Psalmenvorlesung Luthers aus den Jahren 1513/1515, in welch hohem Maße Luther von Reuchlins philologischen Arbeiten profitierte. Hierin finden sich zahlreiche Querverweise auf die Rudimenta Hebraica sowie Reuchlins Auslegung der Bußpsalmen, die Reuchlin unter dem Titel In septem psalmos poenitentiales interpretatio im Jahr 1512 zum Erlernen der hebräischen Sprache und als Ergänzung zu den Rudimenta herausgab; Luther zitiert mehrfach den lateinischen Text Reuchlins, den jener für ausgewählte Psalmen aufgrund seiner hebräischen Studien verfasst hatte.20

Luther löst damit faktisch ein, was er dann etwa in der bereits angesprochenen Schrift »An die Ratsherrn aller Städte deutschen Landes« programmatisch fordern wird: Ein begründetes Urteil in der theologischen »Sache« kann ohne philologisch begründete Urteilskraft in den biblischen Ursprachen allenfalls defizitär erreicht werden. Und: Luther bestätigt damit inhaltlich das Urteil, das Reuchlin hinsichtlich der einzufordernden Sprachkompetenz, allen Anfeindungen zum Trotz, immer wieder fällt. Dieses ist über die bereits angeführten Belege auch prägnant dem Widmungsschreiben Reuchlins zum ersten Buch der »Einführung in das Hebräische«, wie der deutsche Titel von De rudimentis Hebraicis lautet, an seinen Bruder Dionysios zu entnehmen21; ein weiteres Zeugnis der sachlichen Übereinstimmung zwischen Luther und Reuchlin zumindest in dieser Frage: »Immer wieder, mein Bruder Dionysios, habe ich über den allgemeinen Verlust der heiligen Schriften nachgedacht (…). Da kam mir schließlich ein geeignetes Heilmittel in den Sinn, das verhindert, daß die Heilige Schrift, die Bibel, irgendwann einmal restlos verlorengeht (…): Es wird notwendig sein, daß die ursprüngliche Würde der heiligen Schriften eine neue, der lateinischen Welt bisher unbekannte Gestalt gewinnt.«22

Diese unbekannte Gestalt sieht Reuchlin eben in der – entsprechend dem vorgelegten Werk – hebräischen Fassung der atl. Texte (und für die altgriechische Fassung des NT wird die gleiche Argumentation anzusetzen sein, wie bereits Reuchlins »Gutachten« zur jüdischen Bücherverbrennung zu entnehmen war), die den Zeitgenossen wieder neu zugänglich gemacht werden muss. Doch wie? »Dies kann aber nicht gänzlich gelingen, wenn wir nicht zuvor die Eigenbedeutung der hebräischen Wörter und die tatsächliche Beschaffenheit der Sprache (…) in leidenschaftlicher Anstrengung freudig zu erfassen suchen.«23 Und wie beiläufig als Einschub formuliert Reuchlin dann einen Satz, der ihn nicht nur als Vertreter eines schrifttheologisch orientierten Humanismus’ zu erkennen gibt, sondern den man wohl in gleicher Weise hinsichtlich der Wertschätzung der biblischen Texte bei Luther formuliert erwarten dürfte: a quo fonte omnis theologia scaturiuit – »Aus dieser Quelle [der ursprünglichen Textform und ursprachlichen Verfasstheit der biblischen Texte] sprudelt die gesamte Theologie.«24

In der Tat: In der Wertschätzung des wissenschaftlichen Sprachstudiums um des Erkenntnisgewinns willen liegt möglicherweise die größte und direkteste Gemeinsamkeit zwischen Reformation und Humanismus; hier treten Reuchlin und Luther unübersehbar in eine vielsprechende und vielversprechende Beziehung zueinander.


Sprachliche Kompetenz als theologische Kompetenz

Man wird Luthers Diktum aus theologischen Gründen wohl nicht ganz zustimmen können: »Darumb ists gewis, wo nicht die sprachen bleyben, da mus zu letzt das Euangelion unter gehen.« Dem Reformator wird – möglicherweise ganz in seinem Sinne – mit dem Apostel Paulus entgegenzuhalten sein, dass Gültigkeit und Bestand des Evangeliums Jesu Christi letztlich nicht am menschlichen Sprachvermögen hängt, sondern allein auf Gottes Treue beruht. Doch wäre mit diesem Einwand die Speerspitze des reformatorischen Argumentes wohl nur bedingt auf einen wohltuenden göttlichen Strohballen abgelenkt; im Grundanliegen legen sowohl der Humanist Johannes Reuchlin als auch der Reformator Martin Luther den Finger auf die entscheidende Stelle: Unverstand in der Sprache führt unweigerlich zu Unverständnis in der Sache. Wohl wahr: In einer bestimmten christlichen Tradition gesprochen mag sich in und hinter den biblischen Texten Gottes Wort ausdrücken – aber denn doch als menschlich verfasstes und verstehbares Wort. Diesem Wort mit allem philologischen Scharfsinn nachzulauschen, es gegen Missverstehen aufgrund mangelnder oder gar fehlender Sprachkompetenz zu schützen haben beide Gelehrte, so unterschiedlich sie in ihren theologischen und geisteswissenschaftlichen Urteilen gewesen sein mögen, ihrer Nachwelt zu Recht bleibend ins Stammbuch geschrieben. Oder um nochmals Reuchlin selbst zu Worte kommen zu lassen: »Es ist nämlich durchaus beachtlich, was eine genaue Kenntnis der Grammatik zutage fördert. Dies nur ist der wahre und wirkliche Sinn der Schrift, die die ursprüngliche Eigenbedeutung eines jeden Wortes leicht zu enthüllen pflegt.«25

Die Fähigkeit der Kritik im eigentlichen Sinn des Wortes, also der »Urteilsfähigkeit« – so mag man das griechische κρίνειν übersetzen – bedarf auch immer einer begründeten Kriteriologie; sie bedarf einer tiefgehenden und nicht nur oberflächlichen Kenntnis eines Sachverhaltes und der ihn beeinflussenden Faktoren. Dies trifft für die Theologie als Wissenschaft in gleicher Weise zu wie für andere Geistes- oder Naturwissenschaften. Theologisches Urteil und theologische Kompetenz ohne sprachliche Kompetenz in den Ursprachen der biblischen Texte ist im (exegetischen bzw. theologischen) Zweifelsfall argumentativ höchst angreifbar, weil oft genug substanzlos: Der Blick in die Vergangenheit, auf Reuchlins und Luthers Stimme hierzu, ist wie so oft keine bloß rückwärtsgewandte Perspektive, sondern erweist sich, recht verstanden, als ein für gegenwärtige wie zukünftige Fragestellungen höchst fruchtbarer Blick – innerkirchlich, aber gewiss auch »für allerlei weltliche Stände«.


Anmerkungen:

1 Der Schüler dem Meister der hebräischen Sprache Dr. Gerhard Rosewich in dankbarer Erinnerung an seine unendliche Geduld wie Weisheit. Neu zugewidmet dessen Nachfolger und zugleich der folgenden Generationen Lehrer in Glauben, Rechtschaffenheit und reuchlinhaft-gelehrter Toleranz Dr. Gerhard Heinzmann anlässlich der Verleihung der Bürgermedaille der Stadt Pforzheim am 8.1.2017. Sie trägt das Motto »nihil sine causa« – sic!

2 Vgl. Luthers Vorreden zur Bibel, hg. v. H. Bornkamm (KVR 1550), 3. Aufl., Göttingen 1989, 41-59 (Vorrede auf das Alte Testament), hier 41, bzw. 167-172 (Vorrede auf das Neue Testament), hier 172.

3 So nach der überlieferten Rede Luthers vor Kaiser Karl und den Fürsten zu Worms am 18. April 1521, nachzulesen etwa in H.A. Obermann, Die Kirche im Zeitalter der Reformation (KTGQ 3), 4. Aufl., Neukirchen-Vluyn 1994, 58-61 (hier 61).

4 Dies wird auch im Vorwort der »Jubiläumsausgabe 500 Jahre Reformation« (Lutherbibel revidiert 2017, Stuttgart 2016) von H. Bedford-Strohm aufgegriffen: »Durchs Luthers Bibelübersetzung konnten die Menschen in Deutschland die Bibel als Kraftquelle für ihren Glauben entdecken. (…) Seither prägt die Lutherbibel unser geistliches Leben, und seitdem entfaltet sie immer wieder neu ihre Wirkung auf unsere Sprache und unsere ­Kultur.«

5 Im Original: »An die Burgermeyster und Radherrn allerley stedte ynn Deutschen landen«, abgedruckt in der Gesamtausgabe von Luthers Schriften, der »Weimarer Ausgabe« [WA] Bd. 15, 27-53; leicht(er) zugänglich in: Martin Luther, Ausgewählte Schriften, hg. v. K. Bornkamm u. G. Ebeling (it 1284), Bd. 5, Frankfurt 1990, 40-72 (die relevanten Abschnitte: 52ff). Unser Titel entstammt ebenso jener Schrift Luthers: WA 15, 38 (= AS, 55).

6 Luther verweist dabei auf Ps. 78,5f und 5. Mos. 32,7.

7 AS, 52.

8 AS, 53f.

9 AS, 54f.

10 Dieses und das folgende Zitat AS, 57.

11 AS, 59. – Nicht zuletzt darum wetterte Luther vehement gegen sog. »schwärmerische« Gruppierungen oder andere Bewegungen, die der Reformation an sich durchaus aufgeschlossen gegenüberstanden, die aber die »wissenschaftliche« Beschäftigung mit der Schrift aus theologischen bzw. pneumatologischen Gründen ablehnten. Hierzu zählten Thomas Münzer und seine Genossen ebenso wie Carlstadt, die Waldenser oder die böhmischen Brüder. Vgl. hierzu die Anmerkungen von P. Pietsch in WA 15, 9ff.

12 Der lateinische Text der Vorrede ist abgedruckt in WA 54, 179ff; der hier zitierte Abschnitt 185f. Leicht zugänglich findet sich der Text in deutscher Übersetzung bei Obermann, KTGQ 3, 209-210 (der hier zitierte deutsche Text folgt jener Übersetzung).

13 Vgl. die Hinweise dazu bei B. Moeller, Deutschland im Zeitalter der Reformation (Deutsche Geschichte, Bd. 4), 3. Aufl., Göttingen 1988, 56-58. – Luthers scharfe Zurückweisung der Scholastik, v.a. des Aristotelismus, kann man etwa in seiner Disputatio contra scholasticam theologiam (Disputation gegen die scholastische Theologie) aus dem Jahr 1517 nachlesen (LDStA 1, Leipzig 2006, 19-33 [= WA 1, 224], die freilich noch (1517!) die wohlwollende »Unterschrift« trägt: In hiis nihil dicere volumus: nec dixisse nos credimus quod non sit catholicae ecclesiae et ecclesiasticis doctoribus consentaneum: »In dem allen wollen wir nichts sagen und glauben auch nichts gesagt zu haben, was nicht in Übereinstimmung wäre mit der katholischen Kirche und den Kirchenlehrern.« – Die sog. »Dunkelmännerbriefe« (Epistulae obscurorum virorum), ebenfalls aus dem Jahr 1515 bzw. 1517 stammend und von Crotus Rubenaus bzw. Ulrich von Hutten verfasst, kritisieren dagegen aus humanistischer Sicht die u.a. auch der Scholastik verhafteten Hauptwidersacher Reuchlins im Kampf um das jüdische Schrifttum.

14 Eine kurze Darstellung des Werkes liefert H.-B. Gerl-Falkovitz, De arte cabalistica, in: Lexikon der theologischen Werke, hg. v. M. Eckert u.a., Stuttgart/Darmstadt 2003, 141f. – Dank der Bayerischen Staatsbibliothek bzw. des mit ihr verbundenen Münchener Digitalisierungszentrums sind inzwischen zahlreiche Originaldrucke Reuchlins einer breiten Öffentlichkeit in digitalisierter Form zugänglich.

15 Vgl. G. Döner, Art. Johannes Reuchlin, TRE Bd. 29, Berlin/New York 1998, 94-98, hier 95; Raeder, Art. Reuchlin, Johannes, RGG Bd. 7, 4. Aufl., Tübingen 2004, Sp. 466f, hier Sp. 467; insgesamt auch K. Kienzler, Art. Reuchlin, Johannes, BBKL Bd. 8, Herzberg 1995, Sp. 77-80 (mit zahlreichen Literaturhinweisen). – Eine schöne Einführung in Leben und Werk (mit zahlreichen Selbstzeugnissen) bietet H.-R. Schwab, Johannes Reuchlin, Deutschlands erster Humanist. Ein biographisches Lesebuch (dtv 12609), München 1998.

16 Dieser gerade hinsichtlich des mittelalterlichen Antijudaismus sowie des neuzeitlichen Antisemitismus höchst beachtliche, in jedem Fall angesichts der angeheizten Situation, in der er verfasst wurde, bemerkenswert differenzierte Text ist leicht zugänglich in: Schwab, Johannes Reuchlin, 131-174.

17 Schwab, Johannes Reuchlin, 159.

18 WA 7, 39-73 (= LDStA Bd. 2, Leipzig 2006, 101-185).

19 Direkte Kontakte zwischen Reuchlin und Luther sind uns wenig bezeugt; nicht zuletzt konnte Reuchlin die faktisch kirchenspaltenden Reformbestrebungen Luthers in dieser radikalen Weise nicht nachvollziehen. Auf einen Brief Luthers an Reuchlin vom 14. Dezember 1518, der voll des Ruhmes für Reuchlins humanistischer Arbeiten ist und diesen sogar »ein Werkzeug göttlichen Ratschlusses« nennt, reagiert Reuchlin offensichtlich gar nicht (der Brief findet sich abgedruckt bei Schwab, Johannes Reuchlin, 257f; das Zitat: 257), und nur indirekt lässt er über Melanchthon neun Monate später einen Gruß ausrichten (vgl. Schwab, Johannes Reuchlin, 259).

20 Vgl. die Einleitung zur 1. Psalmenvorlesung 1513/1515 in WA 55/I, v.a. XXVff.

21 Das Widmungsschreiben findet sich in deutscher Übersetzung bei Schwab, Johannes Reuchlin, 121-126; die folgenden Zitate sind dieser Ausgabe entnommen.

22 Schwab, Johannes Reuchlin, 121.

23 Schwab, Johannes Reuchlin, 121f.

24 Ich beziehe mich auf die Originalausgabe (digitalisierte Druckausgabe der Bayerischen Staatsbibliothek München) der Rudimenta linguae Hebraicae (Principium libri), Phorca (= Pforzheim) 1506, I (Übersetzung J. Adam).

25 So Reuchlin im Widmungsschreiben seines Werkes De accentibus et orthographia linguae hebraicae (»Die Akzente und Orthographie der hebräischen Sprache«) vom Februar 1518, gerichtet an Kardinal Hadrian, abgedruckt bei Schwab, Johannes Reuchlin, 245-253 (Zitat: 249). Der knapp vier Jahre vor seinem Tod verfasste Text enthält weitere interessante autobiographische Hinweise des »alten« Reuchlin.

 

Über den Autor

Pfarrer Dr. Jens Adam, Evang.-theol. Fakultät, Eberhard-Karls-Universität Tübingen, Pfarrer der Evang. Gemeinde Büchenbronn, stellvertretender Dekan, Bezirksjugendpfarrer Evang. Kirchengemeinde Pforzheim-Stadt.

Aus: Deutsches Pfarrerblatt - Heft: 10/2017

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