Luthers Hochschätzung der Sprache als kommunikatives und poetisches Mittel
Martin Luther – ein Mann der Sprache

Von: Günter Scholz
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Gottesdienste und Predigten in deutscher Sprache, die Übersetzung der Bibel ins Deutsche und, nicht zuletzt, wortmächtige Gefechte gegen Kaiser und Papst – Luther war ein Mann der Sprache, also einer der es verstand, mit der Sprache umzugehen und zu streiten, aber auch einer, der Sprache als Kulturträger und Bildungsmedium verstand. Günter Scholz zeigt Facetten des feinen Sprachgefühls Martin Luthers auf und skizziert die Wirkungs­geschichte.


Im 500. Jahr der Reformation sich mit Martin Luther zu beschäftigen, kann nichts bringen als das, was schon viele Male gesagt ist; und doch ist es um der religiösen, konfessionellen und kulturellen Selbstvergewisserung willen notwendig, das Werk Martin Luthers immer wieder neu zu beleuchten. Hier soll es um die Kraft des Wortes und, damit verbunden, um Luthers Hochschätzung der Sprache als kommunikatives und poetisches Mittel gehen1.

Luther hat die Kraft des Wortes erfahren durch das Hören auf Gottes Wort in der Heiligen Schrift, durch das Getroffen- und Erleuchtet-Werden von diesem Wort und die daraus resultierende Auslegung desselben, die Frieden in sein Leben bringt. Es geht um die sog. reformatorische Wende, um einen Zeitpunkt zwischen 1508 und 1518, wo ihm Röm. 1,17 zum entscheidenden Anstoß wurde. Luther äußert sich 1545 dazu: »Denn ich hasste dieses Wort ›Gerechtigkeit Gottes‹, … durch die Gott gerecht ist und die Sünder und die Ungerechten straft. … Ich hasste den gerechten und die Sünder strafenden Gott … Tag und Nacht dachte ich unablässig darüber nach, bis Gott sich meiner erbarmte und ich auf den Zusammenhang der Worte achtete, nämlich: Die Gerechtigkeit Gottes wird in ihm offenbar, wie geschrieben steht: Der Gerechte lebt aus Glauben. … Da fühlte ich, dass ich geradezu neu geboren und durch die geöffneten Pforten in das Paradies selbst eingetreten war.«2 Die Wahrheit dieses Gotteswortes kommt für Luther aus dem Hören, das Hören aber durch das Wort Christi.


Reflexionen zum Wort Gottes und zur Sprache

Aus diesem späten Selbstzeugnis wird Luthers Hochschätzung des Wortes Gottes deutlich. Für den Gottesdienst ergibt sich daraus die Hochschätzung der Predigt. In Luthers Messe- und Gottesdienstordnung von 1526 heißt es, das größte und vornehmste Stück allen Gottesdienstes sei, »Gottes Wort zu predigen und zu lehren«3. Natürlich sind solch ausschließliche Sätze gegen Missbräuche und Missverständnisse gerichtet, die sich im Blick auf die Messe eingeschlichen hatten:

• Lesungen ohne Auslegung ist – wie es in Klöstern geschehe – nur ein Anbähen der Wände;

• Vernachlässigung der auslegenden Predigt führt zu unbiblischen Geschichten und Heiligenlegenden;

• Absehung vom Wort führt zum Missverständnis der Messe als ex opere operato wirkendes Menschenwerk.

In der wissenschaftlich verantworteten, predigtartigen Auslegung wird der heilige Schatz des Evangeliums allen Hörenden erschlossen. Darum hat die Predigt, wiewohl menschliches Wort, teil an der Heiligkeit des Gotteswortes. Luther betrachtet es als eine besondere Gabe des Heiligen Geistes, dass es gerade jetzt so viele junge Gelehrte gibt, die sich der alten Sprachen und damit neben Philosophie, Recht, Rhetorik und Naturwissenschaften auch der Theologie widmen. Gerade jetzt! Es ist die Zeit des Humanismus, der Hochschätzung der Antike, der Würdigung der alten Sprachen, verbunden mit dem programmatischen Ruf: »Ad fontes«. Es ist die Zeit eines Johannes Reuchlin, eines Philipp Melanchthon, eines Erasmus von Rotterdam.


»Der fahrende Platzregen«

In überschwänglicher Dankbarkeit und zugleich mit Polemik gegenüber Juden, Griechen, Türken und Papst preist Luther die Wiederentdeckung des Wortes und der Sprache: »Ich meine, dass Deutschland noch nie so viel von Gottes Wort gehört hat wie jetzt … Lassen wir das nun so ohne Dank und Ehre hingehen, so ist zu befürchten, wir werden noch gräulichere Finsternis und Plage erleiden. Ihr lieben Deutschen, kauft, solange der Markt vor der Türe ist! Sammelt ein, solange die Sonne scheint und gutes Wetter ist! Braucht Gottes Gnade und Wort, solange es da ist! Denn das sollt ihr wissen: Gottes Wort und Gnade ist gleich einem fahrenden Platzregen, der nicht wieder dahin kommt, wo er einmal gewesen ist. Er ist bei den Juden gewesen: aber hin ist hin, sie haben nun nichts. Paulus brachte ihn nach Griechenland. Auch hier: hin ist hin, nun haben sie die Türken. Rom und das lateinische Land hat ihn auch gehabt: hin ist hin, sie haben nun den Papst. Und ihr Deutschen dürft nicht denken, dass ihr ihn ewig haben werdet; denn Undank und Verachtung werden ihn nicht bleiben lassen. Darum greife zu und halte fest, wer greifen und halten kann: faule Hände mögen ein böses Jahr haben!«4


Deutschsprachige Messen und Gottesdienste

Im Jahr 1525/26 hatte er die Ordnung einer deutschen Messe erstellt. Wiewohl er kein ausgesprochener Gegner der lateinischen Formula Missae war, war ihm die deutsche Messe aus grundsätzlichen Erwägungen wichtig. Denn nur wer die Verkündigung in seiner Sprache versteht, kann »zum Glauben und zum Christentum angereizt« werden5. Daneben aber – das soll nicht unerwähnt bleiben – lässt Luther die lateinische Form der Messe bestehen, und zwar aus ästhetischem und aus kulturellem Grund. Aus ästhetischem Grund, weil sie »soviel schöne Musik und Gesang … hat« (was für ihn übrigens auch für die griechische und hebräische Sprache gilt); aus kulturellem Grund, weil Latein als internationale Sprache eine wichtige verbindende Funktion erfüllt6, m.a.W.: Die Messe kann semper ubique ab omnibus gefeiert und mitvollzogen werden.


Sprache und Bildung

Über diese funktionale Komponente hinaus ist Sprache für Luther auch ein Kulturträger und trägt somit entscheidend zur Bildung des Menschen bei. Sprache ist ein Stück Identitätsbildung. Darum geht es bei der Übersetzung sowohl der lateinischen Messe wie auch der Bibel: nicht um wortwörtliche Übertragung, sondern um kreative Aufnahme der deutschen Sprachwelt. Zugleich bin ich als Deutscher Teil eines christlich geprägten Europa und mit den anderen verbunden über die lateinische Sprache. Darum ist Luther auch frühes Gewöhnen an die lateinische Sprache wichtig. Darum werden bereits die Kinder mit Latein vertraut gemacht: Beim täglichen Wochengottesdienst sollen die Knaben die Psalmen lateinisch rezitieren, bei den Lesungen liest einer lateinisch, ein anderer dasselbe in Deutsch, »um sie zu üben und falls jemand von den Laien da sein und zuhören sollte«7.

Insgesamt ist die Sprachbildung als wesentliches Element in ein komplexes Bildungsprogramm integriert. Dieses entwickelt Luther in seiner Schrift »An die Ratsherren aller Städte deutschen Landes, dass sie christliche Schulen aufrichten und halten sollen« (1524). In dieser Schrift konstatiert er den – teils durch ihn selbst beförderten – Niedergang der Klöster als Bildungsanstalten. Wer soll als Traditions- und Bildungsvermittler an die Stelle treten? Überlässt man es den »Leuten« bzw. den Elternhäusern, so fürchtet er Verbreitung von reinem Utilitarismus; denn die Leute sagen: »Was soll man die lernen lassen, die nicht Pfaffen, Mönche oder Nonnen werden sollen? – So lasse man sie in Zukunft lernen, damit sie sich ernähren können«8. Diese Rede – so Luther – sei vom Teufel. Sie verderbe die Gesellschaft. Wenn aber der Jugend geholfen werde, werde der ganzen Gesellschaft geholfen: »Liebe Herren, muss man an Büchsen [= Gewehre], Wege, Stege, Dämme und dergleichen unzählige Stücke mehr wenden, damit eine Stadt zeitlichen Frieden und Ruhe habe, warum sollte man nicht vielmehr ebensoviel an die bedürftige, arme Jugend wenden, indem man einen geschickten Mann oder zwei als Schulmeister hielte?« M.a.W.: micht Wehrhaftigkeit und Infrastruktur erhält eine Gemeinschaft, sondern Bildung und Kultur9.

An diese Analyse knüpft Luther zwei Bitten: Lasst die Klöster fahren, errichtet stattdessen Schulen! Stellt junge Gelehrte ein, die es gerade jetzt zuhauf gibt!


Sprache und (inter)kulturelles Lernen

Zur Bildung gehört auch, dass »andere Leute sehen, dass wir auch Menschen und Leute sind, die etwas Nützliches entweder von ihnen lernen oder sie lehren können, damit auch durch uns die Welt gebessert werde«10. Das aber ist nur über Fremdsprachen oder die damals international verständliche Sprache Latein möglich. So vermittelt das Erlernen insbesondere der lateinischen (aber auch der griechischen und hebräischen) Sprache vergangene und gegenwärtige Kultur sowie die Verbindung zwischen beidem, und es trägt zum Austausch der Kulturen bei. Das alles befördert die Menschenbildung.

Kulturelles Lernen geschieht aber nicht nur in der Schule, sondern auch im Erwachsenenalter. Darum setzt sich Luther dafür ein, dass in jeder größeren Stadt Büchereien eingerichtet werden11, um den kulturellen Standard zu erhalten. Luther beklagt den Kulturverfall, der durch minderwertige Bücher, schlechtes Latein, unfähige Lehrer, hedonistische Theologen entstanden ist12. Es sollte eine gute Bücherauswahl in den Bibliotheken getroffen werden: die Heilige Schrift in der Ursprache, in Deutsch und in anderen Sprachen, römische und griechische Schriftsteller (Cicero, Plato, Livius, Herodot …); auch Historien, um den Weltlauf zu erkennen, darin Gottes Wunder oder die Lebensart der anderen, aber auch Darstellung unserer Lebensart, um Vorurteile abzubauen13.


Luthers Bildsprache

Luther benutzt die Bildsprache gern, um schwierige theologische Sachverhalte zu erschließen oder umstrittene ethische Inhalte in seinem Sinne zu entscheiden. Das hat seinen Niederschlag vor allem auch in den drei wichtigsten Schriften gefunden, die die ­Reformation seit 1520 auslösten und vorantrieben:

1. »An den christlichen Adel deutscher Nation von des christlichen Standes Besserung«

2. »Von der babylonischen Gefangenschaft der Kirche«

3. »Von der Freiheit eines Christenmenschen«.

In der ersten Schrift behauptet Luther, Rom habe gegen jegliche Kirchenreform drei (papierne) Mauern um sich gezogen. Alle drei Mauern müssten eingerissen werden. Die erste Mauer ist die durch die Priesterweihe hervorgehobene Stellung des Geistlichen vor dem Laien, die ihm – auch gegenüber staatlicher Gewalt – Immunität verleiht. Luther stellt dem die Gleichheit aller Christen durch die Taufe gegenüber. Grundsätzlich kann jeder jedem ein Priester sein, in praxi freilich müssen Ämter analog den Aufgaben verliehen werden. Der Priester soll in diesem Zusammenhang von der Gemeinde berufen werden (vocatio), nicht vom Bischof geweiht. Das geistliche Amt hat unter dem Schutz und der Rechtsaufsicht der weltlichen Obrigkeit zu stehen nach dem für alle gültigen Grundsatz: »Wer schuldig ist, der leidet.« – Die zweite Mauer, die eingerissen (!) – nicht »abgetragen« – werden soll, betrifft das Lehramt des Papstes als letztgültig verbindliche Lehrinstitution. Luther akzeptiert sein letztes Wort in puncto Lehre nicht, allenfalls das eines Konzils. Es heißt – so Luther – »Ich glaube an die eine heilige, christliche Kirche« und nicht »an den Papst zu Rom«14. Und: »Überdies sind wir ja alle Priester, … ›haben alle einen Geist des Glaubens‹. Wie sollten wir denn nicht ebenso gut wie ein ungläubiger Papst fühlen, was dem Glauben gemäß oder nicht ist?«15 Darüber hinaus sollten wir den Papst »zwingen«, die Heilige Schrift so zu verstehen, wie wir sie auslegen.16 – Die dritte Mauer hat der Papst errichtet mit der Theorie, nur er dürfe ein Konzil einberufen. Dem stellt Luther die Forderung nach einem allgemeinen Konzil entgegen, das von der Christenheit (in Gestalt der Kirche bzw. der Gemeinde) einberufen wird, zumal durch das teuflische Treiben der Päpste Gefahr im Verzuge sei.

Die zweite große reformatorische Schrift spricht von den Fesseln, die Rom den Gläubigen anlegt. Die erste verweigert den Laien den Kelch, die zweite spricht von einer Verwandlung von Brot und Wein in Leib und Blut Christi. Die dritte Fessel ist die Darstellung der Messe als von den Gläubigen zu erbringendes Opferwerk, das per se Heil wirke auch ohne den Glauben an Gottes Verheißungen. Luther: Wo aber der Glaube weggeredet/verschwiegen werde, wo also die Werke an seine Stelle treten, da werden wir aus der »Heimat« in die »babylonische Gefangenschaft« geführt17.


Kreative Weiterentwicklung biblischer Bildmotive

In der dritten reformatorischen Hauptschrift haben wir ein Beispiel dafür, wie Luther ein biblisches Bildwort produktiv fortentwickelt. Es ist das Bild von dem guten Baum, der gute Früchte bringt, bzw. vom schlechten Baum, der schlechte Früchte bringt. Das biblische Bildwort zielt auf den Lehrsatz: »An ihren Früchten sollt ihr sie erkennen« (Mt. 7,16). Es geht Jesus um von Grund auf gute Menschen. Sie werden als solche erkannt an dem Guten, das sie tun. Ebenso gibt es auch Menschen, die in »Schafskleidern« daherkommen. Es sind schlechte, aber als solche nicht auf den ersten Blick erkennbar. Aber auch hier gilt: An den Früchten – die nur schlecht sein können – sollt ihr sie erkennen. – Luther entwickelt dieses Bild nun produktiv weiter; denn er will nicht auf das »Erkennen« hinaus, sondern er macht dieses Wort seiner Lehre von der Rechtfertigung des Menschen vor Gott dienstbar. Das geschieht mit zwei Kunstgriffen. Zum einen fragt Luther: Tragen die Früchte den Baum oder trägt der Baum die Früchte? Damit wird das Bildwort zu einer Allegorie: Baum = Person, Früchte = Werke. Zum anderen kann man nun nicht mehr von »tragen« oder »bringen« reden, sondern das Prädikat »hervorbringen« oder »machen« drängt sich auf.

Also: Jesus sagt: »So bringt jeder gute Baum gute Früchte, der faule Baum aber bringt schlechte Früchte. Ein guter Baum kann nicht schlechte Früchte bringen, noch ein fauler Baum gute Früchte« (Mt. 7,17-18). Luther sagt: »Ebenso machen ihn (scil. den Menschen) keine bösen Werke böse und verdammt; sondern der Unglaube, der die Person und den Baum böse macht, der tut böse und verdammte Werke.«18 Und (Christus hätte auch sagen können): »Wer gute Früchte haben will, muss zuvor an dem Baum anfangen und denselben gut setzen.«19 Aber das hat nicht Jesus gesagt, sondern Luther.

Wenn Luther nun das Jesus-Wort vom guten und vom schlechten Baum im Licht seiner Rechtfertigungslehre deutet und damit kreativ fortentwickelt, tut er etwas, was historische Betrachtung von Texten eigentlich nicht erlaubt. Denn Jesus hat dieses Bildwort ausgesprochen, nicht um eine Rechtfertigungslehre zu illustrieren, sondern um einfach zu sagen: Schaut euch die Taten eines Menschen an; dann wisst ihr, wes Geistes Kind er ist: Er ist entweder ein guter Mensch oder ein schlechter Mensch oder ein Heuchler.

Die lutherische Rechtfertigungslehre aber ist auf dem Boden der paulinischen Interpretation des Kreuzes entstanden, d.h. auf der Grundlage des verkündigten Christus. Von daher ist es problematisch, historische Jesusworte unter dem Lichtkegel von Kreuz und Auferstehung zu interpretieren. Macht man es – wie Luther – trotzdem, kann man gutwillig von einer »kreativen Fortentwicklung« sprechen.


Klare Worte

Luther fordert gleiches Recht für alle, für Priester und Laien gleichermaßen, »wenn wir doch gleichberechtigte Christen sind, die gleiche Taufe, den gleichen Glauben, den gleichen Geist und alle Dinge gleich haben? Wird ein Priester erschlagen, so liegt ein Land im Interdikt: Warum nicht auch, wenn ein Bauer erschlagen wird?20

Luther unterstellt die Kirche dem Rechtssystem des Staates: Die »Römer«, so sagt er, »sind mit uns allen zugleich dem Schwert unterworfen, … haben keine Gewalt, einem Konzil zu wehren oder es nach ihrem Mutwillen … zu verpflichten und ihm seine Freiheit zu nehmen. Wenn sie das aber tun, sind sie wahrhaft die Gemeinde des Antichrists und des Teufels und haben von Christo nichts als den Namen«21.

Ebenso wie für die Gleichheit tritt Luther auch für die Freiheit ein, insbesondere für die Freiheit von Verordnungen und Rechtssatzungen des Papstes, die er »Tyrannei« nennt: »Dem Christen darf von Rechts wegen überhaupt kein Gesetz auferlegt werden, weder von Menschen noch von Engeln, als nur solche, die sie freiwillig anerkennen; denn frei sind wir von allen Gesetzen. Wenn uns nun doch welche auferlegt werden, müssen wir sie so tragen, dass dabei das Bewusstsein der Freiheit unverletzt bleibt«22. Der mündige Christ ist geboren. Die freiwillige Zustimmung zu Gesetzen, die der Freiheit genügend Raum geben, macht den mündigen Christen aus. Der Weg in Richtung Aufklärung und darüber hinaus ist beschritten.

Von der Polemik gegenüber Rom war schon verschiedentlich die Rede. Rom galt Luther als das die Gläubigen unterjochende Babylon, der Papst als Antichrist. Die stärkste Polemik gegen Rom bestand allerdings in der Verbrennung der römischen Kirchenrechtsbücher und der Bannandrohungsbulle vor dem Elstertor in Wittenberg. Nicht nur, dass das Wort aus Rom dem Kehrichthaufen der Geschichte preisgegeben wurde, sondern die Bücher samt Bannandrohungsbulle wurden an der Stelle vor der Stadt verbrannt, an der man verpestete Kleidungsstücke dem Feuer übergab. Ein Zeichen, das nicht zu überhören und zu übersehen war. Ein Zeichen, das eine scharfe Reaktion herausforderte23.


Luthers Bibelübersetzung

Wie wir wissen, widmete sich Luther der Bibelübersetzung in seiner Zeit als Junker Jörg auf der Wartburg. Von Ende Dezember 1521 bis Ende Februar 1522, also in zwei Monaten, übersetzte er in täglich sechs Stunden Arbeit das Neue Testament ins Deutsche. 1534 vollendete er die gesamte Bibelübersetzung.

Die Übersetzung hatte sich an biblischen Sprachformen zu orientieren und an der Art, wie man umgangssprachlich »auf dem Markt« redet: »Man darf eben nicht die Buchstaben in der lateinischen Sprache fragen, wie man Deutsch reden soll, wie die Esel tun, sondern muss die Mutter im Hause, die Kinder auf der Gasse, den gemeinen Mann auf dem Markt fragen. Man muss diesen aufs Maul schauen, wie sie reden, und demgemäß dolmetschen. Dann verstehen sie es und merken, dass man deutsch mit ihnen redet«24.

Dieser Sendbrief vom Dolmetschen wirft Schlaglichter auf Luthers Übersetzungsarbeit. Den roten Faden bildet die Auseinandersetzung mit der römisch-lehramtlichen Autorität um die rechte Übersetzung von Röm. 3,28, wo es darum geht, wie wir Gott gerecht werden: durch gute Taten oder durch den Glauben abseits von guten Taten. Die rechte sinngemäße Übersetzung von Röm. 3,28 trifft somit ins Zentrum lutherischer Theologie, der Rechtfertigungslehre. In der Lutherübersetzung (2017) heißt es: »So halten wir nun dafür, dass der Mensch gerecht wird ohne des Gesetzes Werke, allein durch den Glauben.« Der Streit mit Rom geht um das Wörtchen »allein«. Rom sagt: »›Allein‹ steht nicht da!« Luther aber meint, es zur Verdeutlichung des Sinns hinzufügen zu müssen. Erstaunlich, dass ein Wörtlein so viel Explosionsstoff in sich birgt. Beide Positionen sind aus heutiger Sicht nachvollziehbar. Rom wehrt sich gegen eine Abwertung der guten Werke und die schleichende Einführung einer billigen Gnade, Luther gegen die Ableistung so genannter guter Werke, um sich Gnade bei Gott zu verdienen und ihn abseits des Glaubens zu nötigen. Für Luther bleibt es bei dem »Allein«, denn Übersetzen soll ja auch den Sinn hervorheben und verstärken, argumentiert er. Er bestreitet an dem Punkt die Übersetzungskompetenz der »Papisten« mit den Worten: »Sie haben zurzeit noch zu lange Ohren … Doktor Martinus Luther will es so haben und sagt: Papist und Esel sei dasselbe. Sic volo, sic iubeo, sit pro ratione voluntas«. Und er fügt hinzu: »Luther will es so haben und sagt, er sei ein Doktor über alle Doktoren im ganzen Papsttum. Dabei soll es bleiben«.25


Beispiele für Luthers Übersetzungskunst

In seinem Sendbrief vom Dolmetschen (1530) gibt er noch weitere Einblicke in seine Übersetzungskunst: Mt. 12,34: Ex abundantia cordis os loquitur.26 Der »Esel« übersetzt: »Aus dem Überfluss des Herzens redet der Mund.« Ohne Zweifel bleibt für Luther bei dieser wörtlichen Übersetzung der Sinn im Dunkeln. Er fragt: Soll es heißen: »Aus einem zu großen Herzen …«? Oder: »Aus zu vielen Herzen …«? Er stellt fest: Es gibt keinen »Überfluss des Herzens«, ebenso wenig wie es einen Überfluss des Kachelofens gibt. Der Sinn erschließt sich ihm aber durch Rückgriff auf die Sprache der »Mutter im Haus« oder des »Mannes auf dem Markt«: »Wes das Herz voll ist, dem geht der Mund über«27.

Hier ist aber noch mehr bei der Übersetzung geschehen als auf den ersten Blick offensichtlich. Zunächst einmal ist es Luther mit Sicherheit nicht verborgen geblieben, dass es sich bei dem Jesuswort (wo es um die gute bzw. böse Rede geht, die aus einem guten bzw. bösen Herzen kommt) um eine Metapher handelt. Diese Metapher wäre durchaus verstehbar. Er zerstört sie absichtlich, indem er sie auf eine faktizistische Ebene zerrt. Ihren Sinn allerdings bewahrt er und gießt ihn in eine neue Form, angeblich in eine, die der Mutter im Haus und dem Mann auf dem Markt näher liegt: »Wes das Herz voll ist, dem geht der Mund über.« Auch das ist metaphorische Rede, und ich tue es mir, uns und Luther, nicht an, diese ebenfalls auf die faktizistische Ebene zu zerren. Was Luther aber sprachlich gelungen ist, das hat als Sprichwort bis heute überdauert, weil es in der poetischen Form des parallelismus membrorum dargeboten wird.

Zu einer kunstvollen Übersetzung, um die sich Luther nach eigenem Bezeugen bemühte, gehört es auch, poetische Stilformen der Ursprache im Deutschen nachzuempfinden. Ich gebe zwei Beispiele, bei denen das Luther gelungen zu sein scheint und worin er Nachahmer gefunden hat.

Jes. 5,7: Ein Vers aus dem Weinberglied: »Des Herrn Zebaoth Weinberg ist das Haus Israel und die Männer Judas seine Pflanzung, an der sein Herz hing. Er wartete auf Rechtsspruch, aber siehe, da war Rechtsbruch, auf Gerechtigkeit, aber siehe, da war Geschrei über Schlechtigkeit.« Luther versucht hier, durch den jeweiligen Reim sehr ähnlich klingende Wörter im Hebräischen (mischpāt (Rechtsspruch) und mispāch (Blutvergießen) bzw. zᵊdāqāh (Gerechtigkeit) und z‛āqāh (Geschrei, Hilferuf)) wiederzugeben. Da es im Hebräischen zwar Klangähnlichkeit, aber keinen Reim gibt, ist Luthers Übersetzungsvorschlag durchaus angemessen. (Nachahmung in der Einheitsübersetzung): »Er hoffte auf Rechtsspruch – doch siehe, da war Rechtsbruch, und Gerechtigkeit – doch siehe da, der Rechtlose schreit

Jes. 7,9: König Ahas, ein König von Juda mit Residenz in Jerusalem, wird im Kampf gegen die Feinde aus dem Norden, Aram und Nordisrael, von Jesaja dazu aufgerufen, sein Vertrauen nicht auf eine fragwürdige Bündnispolitik zu setzen, sondern auf den Glauben an Gott den Herrn. In diesem Sinne gilt ihm das Wort des Propheten: »Glaubt ihr nicht, so bleibt ihr nicht.« Spricht man das eher mundartlich aus, so nähern sich »gläubt« und »bleibt« immer mehr an: »Gläubt ihr nicht, so bleibt ihr nicht.« Das hat eine Entsprechung wiederum im Hebräischen, die Luther nachzuvollziehen sucht: ’im lō’ ta mīnu (fest glauben, Hifil-Form: fest sein lassen) kī lō’ tē’āmēnu (fest stehen, Nifal-Form). Im Hebräischen also dasselbe Verb in unterschiedlichen Aktionsformen. Man könnte auch übersetzen: »Wenn ihr nicht fest glaubt, werdet ihr nicht fest stehen.« Aber das ist vielleicht zu langatmig. Der einfache Mann/die einfache Frau liebt Griffiges!

Damit sind drei wesentliche Übersetzungskriterien benannt und an Beispielen aufgezeigt:

1. Übersetzung muss sinngemäße Übersetzung sein. Damit ist Übersetzung nicht an den Wortlaut gebunden, sondern offen für Interpretation.

2. Übersetzung ist Übertragung der Metapher als Metapher. Die Metapher darf durch die Übersetzung nicht zerstört, sondern muss ggf. neu erfunden werden.

3. Poesie ist als poetische Form (neu) zur Sprache zu bringen – unter Berücksichtigung der Tatsache, dass sich Poesie in unterschiedlichen Sprachen unterschiedlich äußert.


Die Wirkung von Luthers Sprachgestalt

Luthers Bibelübersetzung hat entscheidend dazu beigetragen, die neuhochdeutsche Sprache als anerkannte Schriftsprache im deutschsprachigen Raum zu etablieren. Das hatte verschiedene Gründe. Zunächst einmal gehörte seit Luther die Bibel in der immer wieder von 1524 bis 1545 revidierten Form im Laufe der Zeit mehr und mehr zum Bildungsgut der Deutschen. Die Verbreitung durch die Buchdruckerkunst hatte daran Anteil, wenngleich auch längst nicht jeder die Bibel kaufen konnte. Sodann hatte Luther mit seinen Mitarbeitern Professoren und Wissenschaftler aus allen deutschen Landen um sich, die bei der gemeinsamen Übersetzungsarbeit ihre sprachlichen Eigenarten einbringen konnten.

Luther selbst berief sich bei seinen Schriften auf die seit eineinhalb Jahrhunderten vorhandene Sprache der kaiserlichen Kanzlei, die auch in der kursächsisch-sächsischen Kanzlei gesprochen wurde. Diese Sprache gilt als frühneuhochdeutsch (1350-1650). Sie liegt zwischen den süd- und norddeutschen Dialekten in etwa in der Mitte. Luther selbst hat dazu einmal gesagt: »Ich habe im Deutschen keine bestimmte, besondere, eigene Sprache, damit mich beide, Oberländer und Niederländer, verstehen. Ich rede nach der sächsischen Kanzlei, der alle Fürsten und Könige in Deutschland nachfolgen. Alle Reichsstädte und Fürstenstädte schreiben nach der sächsischen und unserer Fürstenkanzlei. Darum ist es auch die verbreitetste deutsche Sprache.«

Wir sind von Luther mehr geprägt als es uns allen bewusst ist: Was das Freiheitsbewusstsein betrifft ebenso wie die Tatsache, dass die Einheit der Deutschen gegeben ist durch eine einheitlich verständliche Sprache und mit ihr durch eine gemeinsam geformte Kultur, und schließlich das Wissen darum, dass Kultur nicht allein durch Weitergabe von Information entsteht – das wäre nur Zivilisation –, sondern durch Generierung von Welten und Wirklichkeiten durch ausdrucksstarke Prosatexte und gelungene Poesie.


Anmerkungen:

1 Vortrag vor der Musikakademie für Senioren in Lübeck-Travemünde am 12.2.2017. Zitiert wird nach J. Boehmer, Martin Luthers Werke, Stuttgart, Leipzig 1907 und, wo möglich, unter Hinweis auf M.H. Jung, Luther lesen. Zentrale Texte, Göttingen 2017.

2 Luthers Vorrede zum ersten Band der Gesamtausgabe seiner lateinischen Werke (1545).

3 Deutsche Messe und Gottesdienstordnung (1526), bei: Boehmer, 247.

4 An die Ratsherren aller Städte deutschen Landes, dass sie christliche Schulen aufrichten und erhalten sollen (1524), bei: Boehmer, 234.

5 Deutsche Messe und Gottesdienstordnung, bei: Boehmer, 246.

6 Ebd., Boehmer, 245.

7 Ebd., Boehmer, 248.

8 Ratsherren, Boehmer, 232.

9 Wenn Luther von der »bedürftige(n), arme(n) Jugend« spricht, hat er einen das Geistige einbeziehenden Armutsbegriff: Arm ist, wer arm an Bildung ist (Ratsherren, Boehmer, 233).

10 Ratsherren, Boehmer, 241.

11 Ebd., Boehmer, 242.

12 Ebd., Boehmer, 242f.

13 »Darum weiß man auch in anderen Ländern von uns Deutschen nichts, und wir müssen in aller Welt die deutschen Bestien heißen, die nichts anderes als Krieg führen und fressen und saufen können … Inzwischen sind wir Deutschen noch immer Deutsche und wollen Deutsche bleiben.« (ebd., Boehmer, 243)

14 Christlicher Adel, Boehmer, 98; vgl. Jung, 41.

15 Ebd.

16 Ebd.

17 Von der babylonischen Gefangenschaft, bei: Boehmer, 145; vgl. Jung, 71.

18 Von der Freiheit eines Christenmenschen, bei: Boehmer, 189.

19 Ebd., Boehmer, 190: »Ebenso lehrt auch Christus, … als wollte er sagen: ›Wer gute Früchte haben will …‹«.

20 Christlicher Adel, Boehmer, 97; vgl. Jung, 38f.

21 Ebd., Boehmer, 99; vgl. Jung, 44.

22 Babylonische Gefangenschaft, Boehmer, 157.

23 Der Vollständigkeit und Ausgewogenheit halber muss man hinzufügen, dass vorher Luthers Schriften in Löwen und Köln verbrannt worden waren.

24 Ein Sendbrief vom Dolmetschen (1530), bei: Boehmer 440; vgl. Jung, 95.

25 Ebd., Boehmer 439; vgl. Jung, 94.

26 Ebd., Boehmer 440; vgl. Jung, 95.

27 Ebd.

 

Über den Autor

Pastor i.R. Dr. theol. habil. Günter Scholz, Jahrgang 1947, zuletzt (bis 2010) in der Kirchengemeinde Elstorf, Kirchenkreis Hittfeld, Evang.-luth. Landeskirche Hannovers, Privatdozent in Bielefeld und Lüneburg im Bereich Evang. Theologie und ihre Didaktik (bis 2003).

Aus: Deutsches Pfarrerblatt - Heft: 10/2017

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