Die Persönlichkeit Martin Luthers im Kontext der Reformation
»Ich werde nicht brennen, denn ich bin der Schwan«

Von: Peter M. Wehmeier
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Wer sich mit der Persönlichkeit Martin Luthers beschäftigt, reiht sich in eine längere Tradition ein. Schon Goethe konnte der Sache der Reformation selbst wenig abgewinnen und empfand lediglich den Charakter Luthers als interessant. Wenn Peter Wehmeier sich in seinem Beitrag dem Charakter, dem Temperament oder der Persönlichkeit Luthers widmet, dann soll der Reformator dabei weder idealisiert noch pathologisiert werden. Vielmehr geht es um die Persönlichkeit Luthers mit ihren zum Teil sehr widersprüchlichen Facetten, die im Lichte moderner Persönlichkeitstheorien betrachtet werden soll.


»Die Psychiatrie führt zu allem, wenn man sie nur lässt!«1 Dieses Bonmot des französischen Psychiaters Guy Roux legt nahe, dass die Psychiatrie durchaus auch zu Martin Luther führen kann. Darin wollen wir der Psychiatrie folgen. Wer sich mit der Persönlichkeit Martin Luthers beschäftigt, reiht sich in eine längere Tradition ein. Der Psychiater Wolfgang Ritter hat in den 1980er Jahren über 60 Veröffentlichungen zur Psyche Luthers gesichtet und in einem eigenen Kapitel des Werkes »Genie und Irrsinn« zusammengefasst. Ritter zeichnet ein »Pathogramm« Luthers und unterzieht dessen Persönlichkeit einer »psychographischen Wertung«. Ritter kommt zu dem Schluss, dass Luther ein weitgehend gesundes Hochtalent gewesen sei. Er habe genau gewusst, was er wollte und was er der Welt abverlangen konnte. Er habe zweifellos viele ambivalente Züge aufgewiesen und eine leichte, eher latente Zyklothymie (d.h. manisch-depressive Auffälligkeit) gezeigt. Diese habe ihn jedoch erst zu seinen großen und weltbewegenden Taten befähigt2. Die Problematik einer solchen psychographischen Herangehensweise wurde allerdings schon 1864 deutlich, als der italienische Psychiater und Kriminologe Cesare Lombroso mit der italienischen Originalausgabe von »Genie und Irrsinn« eine kontroverse Diskussion um das Verhältnis von Genie und Wahnsinn entfachte, die heute noch lebendig ist3.

Der Theologe und Kirchenhistoriker Thomas Kaufmann erinnert uns an das, was Johann Wolfgang von Goethe im 300. Jahr der Reformation seinem Freund Karl Ludwig von Knebel diesbezüglich geschrieben hat: »Unter uns gesagt, ist an der ganzen Sache nichts interessanter als Luthers Charakter, und es ist auch das Einzige, was einer Menge wirklich imponiert. Alles Übrige ist ein verworrener Quark, wie er uns noch täglich zu Last fällt.«4 Daher soll es auch in diesem Beitrag um Martin Luthers »Charakter«, »Temperament« oder »Persönlichkeit« gehen5. Luther soll dabei aber weder idealisiert noch pathologisiert werden. Hier soll die Persönlichkeit Luthers mit ihren zum Teil sehr widersprüchlichen Facetten im Mittelpunkt stehen und im Lichte moderner Persönlichkeitstheorien betrachtet werden6.


I. Persönlichkeitstheorien

Von der Antike bis zur Neuzeit

Eine der frühesten Persönlichkeitstheorien ist die Humoralpathologie oder »Säftelehre« der griechischen Antike7. Diese Theorie geht davon aus, dass die richtige Balance zwischen Blut, Schleim, gelber Galle und schwarzer Galle sowohl die körperliche als auch die psychische Gesundheit des Menschen bedinge.

Im Mittelalter wurde diese Lehre durch Theophrastus Bombastus von Hohenheim, genannt Paracelsus, gewissermaßen »verfeinert«, indem er dem Körper und damit auch der Psyche eine chemische Stofflichkeit (mit den entsprechenden therapeutischen Einwirkungsmöglichkeiten) unterstellte. Paracelsus führte bestimmte chemische Substanzen in die Pharmakotherapie ein. Der Mensch bestehe laut Paracelsus aus Körper und Geist, im Menschen verschränkten sich Gott und Natur. Daher beruhe die Heilkunde nicht allein auf der Erkenntnis der Natur, sondern gerade auch auf der Erkenntnis Gottes8.

Mit dem Philosophen René Descartes fand die strenge Trennung von Körper und Geist Eingang in das europäische Denken. An der Überwindung dieser Zweiteilung arbeiten Psychiatrie und Psychosomatik noch heute, da es bisher nicht ganz überzeugend gelungen ist, die Lücke zwischen Körper und Geist konzeptuell zu überbrücken. Das liegt mitunter daran, dass integrative Ansätze sich nach wie vor nicht in der Breite durchgesetzt haben, trotz vielversprechender neuerer phänomenologisch-ökologischer Gesamtkonzeptionen, die eine einheitliche Sicht auf Körper und Geist propagieren9.


Psychoanalyse und Tiefenpsychologie

Eine der frühen modernen Persönlichkeitstheorien hat die von Sigmund Freud begründete Psychoanalyse hervorgebracht. Sie beruht auf dem topographischen Modell der Psyche mit den drei Instanzen »Es«, »Ich« und »Über-Ich«. Das »Ich« übernimmt bei der Regulation verschiedener Triebimpulse und deren Abwehr eine Art Steuerungsfunktion. Je nach Triebstruktur und unbewusst sich auswirkenden Abwehrmechanismen kommt es zu Kompromissbildungen, die als bestimmte Persönlichkeitsmerkmale nach außen erkennbar werden.

Dass in einer Person verschiedene Facetten ihrer Persönlichkeit sichtbar werden, ist eine weit verbreitete Vorstellung. Der Psychiater und Psychoanalytiker C.G. Jung versteht unter »Persona« eine Maske der Kollektivpsyche, die Individualität bloß vortäuscht. Das lateinische Wort »Persona« bedeutet »Gesicht« und ist auch eine Bezeichnung für die Maske, die Schauspieler im antiken Theater getragen haben und die je nach Gesichtsausdruck eine spezifische emotionale Befindlichkeit zum Ausdruck bringen sollte. Hier klingt die Vorstellung an, dass eine Person verschiedene »Gesichter« oder Persönlichkeitsfacetten zeigen kann.

Von einem psychoanalytischen bzw. tiefenpsychologischen Verständnis ausgehend, hat der Psychologe und Psychoanalytiker Fritz Riemann in den 1960er Jahren vier Grundformen der Angst identifiziert und in Form einer spezifischen Charakterkunde ausgearbeitet10. Er unterscheidet zwischen »schizoiden«, »depressiven«, »zwanghaften« und »hysterischen« Persönlichkeiten und erkennt in jedem dieser Charaktere eine Grundform der Angst, die im Einzelfall die Persönlichkeit prägt.


Die aktuelle psychosomatische Medizin

Die heutige psychosomatische Medizin geht sowohl auf psychoanalytische als auch kybernetische Theorien zurück, nach denen Individuum und Umwelt bzw. Subjekt und Objekt in laufender Wechselbeziehung stehen. Der deutsch-baltische Biologe und Philosoph Jacob von Uexküll legte 1936 mit seinem »Funktionskreis« die Grundlage für die sog. »Biosemiotik«, die das Leben als System biologischer Zeichen- und Kommunikationsprozesse versteht11. Durch Wahrnehmung von Einflüssen der Umwelt (»Merken«) auf den Einzelnen (»Subjekt«) und durch die Rückwirkung des Einzelnen (»Wirken«) auf die Umwelt (»Objekt«) entsteht eine Wechselwirkung (»Funktionskreis«), die mittels Bedeutungserteilung eine sinnvolle Kommunikation zwischen Individuum und Umwelt ermöglicht.

Der deutsche Neurologe Viktor von Weizsäcker betrachtet unter Rückgriff auf Aristoteles Wahrnehmung und Bewegung als Einheit und bezeichnet diese Einheit als »Gestaltkreis«12. Von Weizsäcker vertrat den Standpunkt, dass man sich am Leben beteiligen müsse, um Lebendes zu erforschen, und propagierte das Prinzip der »teilnehmenden Beobachtung« in den Lebenswissenschaften und damit auch in der Medizin. Damit hat eine Art biologische Relativitätstheorie Einzug in die Medizin und damit in die klinische Psychiatrie gehalten.


Moderne differenzielle Persönlichkeitspsychologie

Die moderne differenzielle Persönlichkeitspsychologie geht davon aus, dass eine Reihe verschiedener, mehr oder weniger klar definierter Persönlichkeitsmerkmale die Persönlichkeit des Einzelnen ausmachen. Der amerikanische Psychologe Raymond R. Cattell hat im Rahmen seiner »lexikalischen Persönlichkeitsforschung« in der Mitte des 20. Jh. systematisch Eigenschaftswörter erhoben und mittels statistischer Analyseverfahren (»Faktorenanalyse«) ausgewertet. Cattell zeigt 16 grundlegende Persönlichkeitseigenschaften auf: Wärme (Wohlfühlen in Gesellschaft), logisches Schlussfolgern, emotionale Stabilität, Dominanz, Lebhaftigkeit, Regelbewusstsein (z.B. Moral), soziale Kompetenz (z.B. Kontaktfreude), Empfindsamkeit, Wachsamkeit (z.B. Misstrauen), Abgehobenheit (z.B. fehlende Realitätsnähe), Privatheit, Besorgtheit, Offenheit für Veränderungen, Selbstgenügsamkeit, Perfektionismus und Anspannung13.

Diese Theorie ist die Grundlage für das heute oft angewendete »Fünf-Faktoren-Modell«, das von fünf gut definierten Persönlichkeitsdimensionen ausgeht. Diese fünf Dimensionen werden auch als »Big Five« bezeichnet: Neurotizismus (d.h. emotionale Instabilität), Extraversion, Offenheit für Erfahrungen, Gewissenhaftigkeit und Verträglichkeit14. Diese Persönlichkeitsdimensionen lassen sich rückblickend auch auf Luther beziehen und ermöglichen uns, ihn mit Hilfe der modernen Psychologie zu betrachten.


II. Die Biographie Martin Luthers

Europa im Umbruch

Das 16. Jh. war das Zeitalter der Entdeckungen und Entdecker. Nikolaus Kopernikus berechnete die Bahnen, auf denen die Planeten die Sonne umkreisen, und schaffte dadurch die Grundlagen für unser modernes heliozentrisches Weltbild. Christoph Columbus machte sich auf dem Seeweg in westliche Richtung nach Indien auf und traf 1492 stattdessen auf die »Neue Welt«. Martin ­Behaim konstruierte im selben Jahr in Nürnberg den ersten Globus, auf dem die Kontinente auf der Oberfläche einer Kugel dargestellt waren. Leonardo da Vinci begann 1494 in Mailand sein Meisterwerk »Das Abendmahl«, das er drei Jahre später vollendete. Vasco da Gama erreichte 1498 Indien auf dem Seewege. Johannes Gutenberg hatte um 1450 in Straßburg den Buchdruck mit beweglichen Lettern erfunden, und Albrecht Dürer führte die Malerei der Renaissance, die von Italien ausgegangen war, in Deutschland ein. Es war eine Zeit, in der sich die Christenheit Europas im Aufbruch befand, ein Aufbruch, der mit der Reformation zum Umbruch werden sollte15.

In diese Zeit hinein kam Martin Luder (wie Luthers Nachname ursprünglich lautete) 1483 oder 1484 in Eisleben zur Welt16. Einige Monate später siedelte die Familie Luder nach Mansfeld um, wo der Vater, Hans Luder, als Hüttenmeister im Kupferbergbau Chancen für sich und seine Familie sah. Zehn Schmelzen befanden sich unter seiner Verantwortung, und er hatte sich und seiner Familie in Mansfeld einen gewissen Wohlstand erarbeitet. Martin Luder besuchte zunächst die Stadtschule in Mansfeld, dann ab 1497 vier Jahre lang die Domschulen in Magdeburg und Eisenach. Wir müssen davon ausgehen, dass Hans Luders ursprünglicher Plan vorsah, dass der junge Martin beruflich in seine Fußstapfen treten solle. Hans Luder war einverstanden, als sein Sohn Martin 1501 sein philosophisches Grundstudium in Erfurt aufnahm, das er 1505 mit dem Abschluss »Magister artium« erfolgreich beendete. Im selben Jahr nahm er ein Studium der Rechtswissenschaften auf. Aber kurze Zeit später hat er seinen Vater offenbar bitter enttäuscht, als er nach einem krisenhaften Erlebnis das Studium aufgab und ins Kloster der Augustiner-Eremiten in Erfurt eintrat.


Existenzielle Bedrohungen und Krisen

Die Geschichte einer Krise ist überliefert, die Martin Luder vor seinem Eintritt ins Kloster durchgestanden haben soll, und zwar als er in der Nähe des Dorfes Stotternheim auf offenem Feld in ein Gewitter geraten sei und Todesängste durchlebt habe. In dieser Situation der existenziellen Bedrohung habe er seine Gebete an die Heilige Anna gerichtet, die Schutzheilige der Bergleute. Luder habe gelobt, ins Kloster einzutreten, wenn die Heilige Anna ihn vor dem Tod bewahre. Er überlebte das Gewitter, und so kam es, dass Luder 1505 in Erfurt ins Kloster eintrat17.

Sein Beichtvater im Kloster, Johannes von Staupitz, hat offenbar versucht, mäßigend auf den übereifrig und perfektionistisch agierenden Luder einzuwirken. Schließlich bekam Luder selbst Zweifel am Sinn seiner unmäßigen Selbstkasteiungen und entwickelte eine »gesunde« theologische Skepsis, die es ihm erlaubte, sich von seiner schwer auf ihm lastenden Angst und Schuld ein wenig zu distanzieren.

Die Priesterweihe empfing Martin Luder 1507 im Dom zu Erfurt. Nach der Priesterweihe begann er ein Studium der Theologie, zunächst in Erfurt, dann ab 1508 in Wittenberg an der neu gegründeten Universität. Luder erhielt seinen ersten Lehrauftrag in Moralphilosophie, wurde Baccalaureus der Theologie, kehrte 1509 nach Erfurt zurück und hielt Vorlesungen über Dogmatik. Von 1510 bis 1511 wurde Luder von seinem Orden auf eine Reise nach Rom geschickt. Sinn und Zweck der Reise sind nicht überliefert, aber man kann davon ausgehen, dass die Romreise seine Sicht auf den Papst und die Kurie nachhaltig negativ geprägt hat.

Luder kehrte 1511 nach Wittenberg zurück und wurde Dozent an der dortigen Universität. Im nächsten Jahr wurde er zum Doktor der Theologie promoviert und erhielt eine Professur. Darüber hinaus wurde er vom Stadtrat zum Prediger berufen und war als Subprior stellvertretender Prior des Klosters in Wittenberg. Mit seinem immer offensiver werdenden Auftreten entfernte sich Luder allerdings auch immer weiter von dem Mönchsgelübde der Augustiner (Armut, Gehorsam, Ehelosigkeit).


Von Luder zu Luther

Seine 95 Thesen zum Ablasshandel stellte Martin Luther zur Diskussion, indem er sie am 31. Oktober 1517 an den Erzbischof von Mainz, Albrecht von Brandenburg, sandte. Die Thesen unterschrieb er erstmals nicht mit seinem bisherigen Namen »Luder«, sondern mit »Eleutherius«, der griechischen Bezeichnung für »den durch die Erkenntnis der Gnade Befreite«. Schließlich ersetzte er der Einfachheit halber das »d« in seinem Namen Luder durch das »th« in Eleutherius und nannte sich fortan Luther. Mit der Verbreitung der 95 Thesen betrat Luther die Bühne der Öffentlichkeit. Die Thesen wurden in hohen Auflagen vervielfältigt und verbreiteten sich in Windeseile durch Deutschland und Europa. In kürzester Zeit war Martin Luther ein berühmter Mann. Das relativ neue Medium des Buchdrucks trug entscheidend dazu bei. Luther hatte den Kampf mit Kirche, Kaiser und Reich aufgenommen und musste sich jetzt gegen mächtige Instanzen behaupten.

Luther zeigte große Entschlossenheit, war schroff und griff mit eiserner Härte durch, wenn es darum ging, seine Gegner zu diskreditieren und ihnen zu schaden. Vor dem Hintergrund seiner Wahrheitsgewissheit verfügte Luther über eine ganz neue Handlungsfreiheit. Er trat zwar weiterhin als Prediger im Mönchsgewand auf, jetzt allerdings ohne Tonsur, denn er hatte seine Rolle (oder »Persona«) als Mönch inzwischen abgelegt und sich so von seinem Gelübde emanzipiert.

Nach dem 31. Oktober 1517 gab es keinen Weg zurück. Luther ergriff die Flucht nach vorne und produzierte eine regelrechte Flut von Publikationen. Im Jahr 1520 veröffentlichte Luther die sogenannten ABC-Schriften, die das Fundament seiner reformatorischen Theologie darstellen18. Für Luther gründet sich die Freiheit des Einzelnen auf den Glauben (fide), die Gnade (gratia) und die Schrift (scriptura). Mit der Freiheit geht allerdings auch eine erhebliche Verantwortung einher, denn der Einzelne soll dem Doppelgebot der Liebe folgen, welches besagt, dass der Einzelne sowohl Gott als auch seinen Nächsten gleichermaßen lieben soll. Der Glaube an das Evangelium und an Gott (»innerer Mensch«) bedingt erst die Freiheit des Einzelnen, sich seinem Nächsten zuzuwenden und ihm ein Christus zu werden (»äußerer Mensch«). Damit ist der Mensch »frei« und »gebunden« zugleich. Diese sog. »Doppelthese« Luthers lässt sich analog in zwei Dimensionen auflösen: eine vertikal gedachte Beziehung des Menschen zu Gott und eine horizontal gedachte Beziehung des Menschen zu seinem Nächsten19.


Zeiten des Kampfs

Luther wurde 1521 zum Reichstag nach Worms vorgeladen, an dem auch Kaiser Karl V. teilnahm. Dazu wurde Luther – wie bereits 1415 dem tschechischen Reformator Jan Hus – freies Geleit zugesichert. Luther sollte dazu bewegt werden, seine Schriften zu widerrufen. Doch diesen Gefallen erwies Luther seinen Widersachern nicht. Vielmehr bekannte er sich ausdrücklich zu seinen Schriften, wie seine eigenhändigen Aufzeichnungen nach seinem ersten Verhör vor dem Reichstag zu Worms zeigen20. Dass Luther in Worms standgehalten hatte, führte möglicherweise zu einer Steigerung seines Selbstbewusstseins und zur Stärkung seiner Zuversicht. Er hatte die psychologische Unmöglichkeit, gegen das Wort Gottes zu handeln, unter Beweis gestellt. Das stärkte Luther in der Konsequenz seiner theologischen Argumentation. Die päpstliche Bannandrohungsbulle »Decet Romanum Pontificem«, die Luther 1521 in Wittenberg erreichte, verbrannte er in aller Öffentlichkeit.

Konflikte gab es auch mit seinem alten Freund Erasmus von Rotterdam, der in Basel lebte und wirkte21. Erasmus hatte 1524 eine Schrift zum freien Willen des Menschen verfasst (De libero arbitrio). Für Luther stand hingegen das Gewissen im Vordergrund. Er bestritt die Bedeutung des freien Willens, da der gläubige Mensch seinen eigenen Willen Gott unterstelle und in diesem geborgen sei, der seinem eigenen Willen folgende Mensch aber unter dem Einfluss des Teufels nur Sündhaftes zu vollbringen in der Lage sei. Daher verfasste er 1525 eine Gegenschrift (De servo arbitrio). Luther meinte, das Denken über den freien Willen führe nur zu Unsicherheit und Zweifeln über die Erlösung und verstärke das Bemühen um die Werkgerechtigkeit, denn für Luther gab es Rechtfertigung allein durch den Glauben. So kam es über die Frage des freien Willens schließlich zum endgültigen Bruch mit Erasmus und zur Lösung der bisherigen Verbindung von Humanismus und Reformation22.

Im Jahr 1525 erfolgte die Eheschließung zwischen Martin Luther und der aus einem Kloster entflohenen Nonne Katharina von Bora. Mit der Eheschließung legte Luther endgültig die Mönchskutte ab. Wegen der Eheschließung und Familiengründung (das Ehepaar Luther sollte sechs Kinder bekommen) musste Luther von seinen Zeitgenossen viel Häme einstecken, aber die Familie gab ihm neuen Rückhalt und beflügelte ihn in seinem Handeln. Die Familie Luther hatte zehn Hausangestellte, besaß Ländereien und beherbergte stets Studenten der Universität Wittenberg, die auch am Tisch der Familie verköstigt wurden. So wurde die Familie Luther die Norm für das Leben im evangelischen Pfarrhaus23.

Zum sog. »Marburger Religionsgespräch« kam es 1529 in Marburg an der Lahn. Hier diskutierte Luther mit Huldrych Zwingli und einigen weiteren reformierten Theologen die für ihn existenzielle Frage der Realpräsenz Jesu Christi im Brot und Wein der Eucharistie. Da Luther nicht bereit war, bei dieser für ihn heilsgeschichtlich entscheidenden Frage irgendwelche Kompromisse einzugehen, scheiterte das Gespräch.


Hetzschriften und Agitationen

Martin Luther trug seine Konflikte an mehreren Fronten aus, an erster Stelle mit der römisch-katholischen Kirche, die er grundlegend reformieren wollte und mit ihr die gesamte Christenheit. Zweitens agierte Luther gegen andere evangelische Theologen bzw. gegen die von ihnen gegründeten evangelischen Gemeinschaften. Er ließ kein gutes Haar an ihnen und bekämpfte sie als »falsche Brüder«. Er betrachtete sie als verstockt, da sie keine Einsicht in die Richtigkeit seiner eigenen evangelischen Theologie zeigten. Regelrechte Hetzschriften verfasste er gegen die Türken, die zu der Zeit vor Wien standen und in denen er eine große Gefahr für das Christentum sah.

Aus heutiger Sicht unerträgliche und in keiner Weise zu rechtfertigende Hetzschriften verfasste er auch gegen die Juden. Nach mehreren aus seiner Sicht erfolglosen theologischen Diskussionen mit verschiedenen Rabbinern musste er einsehen, dass Vertreter des atl. Volks Gottes ebenfalls keine Einsicht in die Richtigkeit seiner evangelischen Theologie zeigen wollten und nicht geneigt waren, seine evangelische Theologie zu übernehmen. Tief enttäuscht und außerordentlich frustriert davon, dass die Juden nicht bereit waren, Jesus Christus als Erlöser der Welt und Überwinder des »alten Adam« anzunehmen, wandte Luther sich auf radikale Weise gegen sie24.

Schließlich schrieb Luther mit radikalen Worten gegen die Bauern, die sich im Aufstand gegen die Obrigkeit befanden. Luther bekannte sich zur weltlichen Macht der Obrigkeit, die ihn nach seinem Auftritt beim Reichstag zu Worms protegiert hatte. Auch wenn Luther sich dazu hinreißen ließ, zur Vernichtung der aufständischen Bauern aufzurufen, ging es ihm paradoxerweise dennoch um den Frieden, denn er sah durch jede Art von Aufruhr und Aufstand den Landfrieden bedroht. Zudem waren die Aufstände der Bauern gegen die Obrigkeit für Luther nicht hinnehmbar, da genau diese Obrigkeit ihn als Person schützte und seine evangelische Theologie in ihrem Herrschaftsgebiet verbreitete.


Auszehrung und Erschöpfung

Luther rieb sich durch seine vielfältigen Aufgaben und Tätigkeiten zusehends auf. Dazu kamen körperliche Krankheiten, die ihn immer schwerer belasteten. Im Jahr 1527 kam es zu einem Zustand völliger Erschöpfung. Die langen und kraftraubenden Auseinandersetzungen mit seinen Weggefährten und Widersachern hatten tiefe Spuren hinterlassen. Beispielsweise schlug Luthers Zuneigung zu Johannes Agricola in beißende Kritik um, seine Freundschaft zu Philipp Melanchthon, mit dem er jahrelang sehr eng zusammengearbeitet hatte, kühlte deutlich ab und endete in großer Verbitterung. So hinterließen die Auseinandersetzungen mit seinen einstigen Verbündeten vielfach zerstörte zwischenmenschliche Beziehungen, bei denen Luthers Überheblichkeit und Verstiegenheit einen großen Anteil hatten.

Zum Augsburger Reichstag 1530 schickte Luther seinen Mitstreiter Philipp Melanchthon, der Luther fortlaufend über die Verhandlungen informierte. Der Augsburger Reichstag führte zur »Confessio Augustana«, in der die evangelischen Glaubenssätze Martin Luthers zusammengefasst sind und die – zusammen mit seinem »Kleinen Katechismus« – das Fundament seiner inzwischen als »protestantisch« bezeichneten Theologie ausmachen.

Ein besonderes, durch Respekt und gegenseitige Toleranz geprägtes Verhältnis bestand zwischen Luther und dem Kurfürsten Friedrich dem Weisen. Während Luther seine neue evangelische Theologie propagierte, blieb Kurfürst Friedrich dem römisch-katholischen Glauben treu. Der Kurfürst besaß eine der größten Reliquiensammlungen Europas, deren Zurschaustellung ihm beträchtliche Einnahmen einbrachte. Kurfürst Friedrich und Luther gewährten sich gegenseitige Entscheidungs- und Handlungsfreiheit. Eine außerordentlich wichtige Rolle spielte dabei der reformatorische Theologe Georg Spalatin, der Geschichtsschreiber am Hofe Kurfürst Friedrichs und damit auch sein Privatsekretär war. Spalatin vermittelte über viele Jahre hinweg zwischen Luther und dem Kurfürsten und scheint mäßigend auf beide eingewirkt zu haben.


»Gans« und »Schwan«

Martin Luther starb 1546 auf einer Visitationsreise nach Mansfeld, wo sich sein Vater einst als Unternehmer im Bergbau etabliert hatte. Auf der Reise dorthin erkrankte Luther schwer, zufälligerweise in seiner Geburtsstadt Eisleben. Von dort aus schrieb er seiner Frau, die in Wittenberg geblieben war, dass er zuversichtlich sei, er werde bald genesen. Eine Genesung widerfuhr ihm jedoch nicht. Selbst in seinem Sterben schien er die evangelische Botschaft verkündigen zu wollen. Im Vertrauen auf Gott nahm Luther sein Schicksal klaglos an. Am Tag vor seinem Tod schrieb er: »Wir sind alle Bettler, das ist wahr.« Unerschütterlich in seinem Glauben an das Evangelium starb Luther ohne Sterbesakrament, ohne Anrufung der Heiligen, ohne Rosenkranz und ohne die Mönchskutte angelegt zu haben. Seine Leiche wurde unter großer Anteilnahme der Bevölkerung von Eisleben nach Wittenberg gebracht, wo er in der Schlosskirche beigesetzt wurde.

Wenig später suchte Kaiser Karl V. Luthers Grab in der Wittenberger Schlosskirche auf. So erwies er Luther seinen Respekt, als er die ihm bei dieser Gelegenheit vorgeschlagene Exhumierung und Verbrennung der Gebeine Luthers als die eines Ketzers untersagte. Dadurch verhalf er Luthers Aussage zur Wahrheit, er werde nicht brennen, denn er sei der Schwan. Mit dieser Aussage spielte Luther auf den böhmischen Reformator Jan Hus an, dessen Name auf Tschechisch »Gans« bedeutet und der geweissagt haben soll: »Heute bratet ihr eine Gans, aber aus der Asche wird ein Schwan entstehen.« Hus wurde 1415 auf dem Konstanzer Konzil trotz Zusicherung freien Geleits unter Beteiligung mehrerer Repräsentanten der römisch-katholischen Kirche als Ketzer angeklagt und zum Tode verurteilt. Er starb in Konstanz auf dem Scheiterhaufen.


III. Die Persönlichkeit Martin Luthers

Angst und Depression

Luther scheint viele verschiedene und stark kontrastierende Eigenschaften in seiner Person vereint zu haben, auch wenn diese nicht besonders gut harmonierten. Innere Zerrissenheit und unüberbrückbare Widersprüche kennzeichnen die Persönlichkeit des Reformators. Das Gefühl, existenziell ausgeliefert zu sein, bestand unmittelbar neben dem Gefühl, in Gott sicher geborgen zu sein. Das Gefühl grundlegender Unsicherheit und Bedrohung existierte neben einer heilsgeschichtlichen Erlösungsgewissheit. Bescheidenheit und äußerste Demut stand in unmittelbarem Kontrast zu »maniform« anmutender Exaltiertheit, die durch großen Ideenreichtum gekennzeichnet war, aber auch manche Selbstüberschätzung zur Folge hatte.

Vor allem in der Zeit vor 1517 wirkten sich Angst und Depression immer wieder negativ auf Luthers Befinden aus. Eine große Rolle scheint auch seine Angst vor einem als strafend erlebten Gott gespielt zu haben. Ermutigt durch seinen Beichtvater Johannes von Staupitz setzte sich Luther im Kloster in Erfurt ernsthaft mit theologischen Fragen auseinander. So scheint sich Luther immer größere theologische Autonomie erarbeitet und sich von quälenden Gewissenskonflikten zunehmend befreit zu haben.


Biographischer Bruch

Das Jahr 1517 erweist sich für Luther als eine Art Schicksalsjahr, das einen Wendepunkt im Leben Luthers markiert, vor den er nie zurückkonnte. In diesem Jahr zeigt sich ein deutlicher Bruch in seiner Biographie. Luther gab in den folgenden Jahren schrittweise seine bisherige Haltung tiefer Demut auf, verfasste theologische Streitschriften und stellte sich der Diskussion mit Papst und Kaiser. Er veränderte seine Außendarstellung, indem er seine Identität als der Mönch Martin Luder ablegte und als eine Art Zwischenstufe den Namen »Junker Jörg« annahm, unter dem er während seiner Zeit auf der Wartburg bekannt war, um schließlich ein offensiv agierender Professor der Theologie an der Universität Wittenberg zu werden. Im Zuge dieser Verwandlung vermied Luther keinen Konflikt und scheute keine Auseinandersetzung, um seine neue Theologie mit allen Mitteln durchzusetzen und sehr effektiv multimedial zu verbreiten.

Auch nach 1517 musste Luther ständig auf die sich oft auf chaotische Art und Weise entfaltenden kirchlichen und politischen Ereignisse reagieren. Die große Dynamik der Ereignisse erforderte die laufende Produktion schriftlicher Äußerungen, die zur Entstehung unzähliger Schriftstücke ganz unterschiedlicher Textgattungen führte. Als hochexponierte Berühmtheit seiner Zeit hatte Luther keinerlei Rückzugsmöglichkeiten, so dass ihm nichts anderes übrigblieb, als eine führende und damit dominante Rolle einzunehmen, um sich und seine Theologie durchzusetzen. Die ständig drohende Überforderung und die Angst, seiner Aufgabe nicht gewachsen zu sein, war für Luther eine große Bürde.


Verkünder der Endzeit?

Als Luther seine Rückreise von Worms nach Wittenberg neun Monate lang auf der Wartburg bei Eisenach unterbrach und dort das Neue Testament übersetzte, fand er auf der Wartburg einen Rückzugsort, den er mit der Insel Patmos gleichsetzte. Damit stellt sich Luther auf eine Stufe mit Johannes als Bewahrer von Gottes Wort und Verkünder der Endzeit. Luther versteht sich ebenfalls als ein vom Heiligen Geist beseelter Verfechter von Gottes Wort, der die verheißene Erlösung durch Jesus Christus den Menschen drastisch vor Augen führt.

Die Frage liegt nahe, ob Luther sich möglicherweise in die Rolle eines Verkünders der Endzeit verstiegen haben könnte. Der Rechtshistoriker Karl H.L. Welker erinnert an die Worte Martin Heideggers: »Wer hoch steigt, versteigt sich leicht!«25 Aber Verstiegenheit im psychopathologischen Sinne wird man Luther nicht zuschreiben können26. Luther war stets »bei sich« und kehrte nach allen hochtrabenden gedanklichen Exkursionen, und mögen sie noch so abwegig gewesen sein, immer wieder in eine gemeinsame Realität zurück: Stets blieb er mit seinen Zeitgenossen im Gespräch und führte den theologischen Diskurs in allen möglichen Situationen fort27.


Autoritätskonflikt mit dem Vater?

Luther hat aufgrund der Ämter und Funktionen, die er akkumuliert hatte, ein enormes Arbeitspensum abzuleisten. Trotz seiner überbordenden Aktivität hatte er jedoch eine gesunde innere Distanz zu seiner Arbeit. Nie ging es Luther um seine eigene Person, sondern stets um seine Sache, nämlich das Wort Gottes zu verbreiten und das Evangelium zu verkündigen. Durch nichts ließ er sich entmutigen. Keine Hürde schien ihm zu hoch, kein Risiko zu groß. Der amerikanische Psychoanalytiker Erik H. Erikson geht davon aus, dass Luther an einem Autoritätskonflikt mit seinem Vater gelitten habe, der überwunden wurde, als es Luther gelang, sich erfolgreich gegen ein autoritäres Machtsystem aufzulehnen. Nach Jahren des Verharrens in einem passiven Zustand sei der Durchbruch gekommen, als Luther seinen Autoritätskonflikt durch Rebellion gegen die römisch-katholische Kirche ausgetragen habe28.

In allen seinen Predigten, Reden und Schriften, in seinem Kampf mit Rom und dem Kaiser scheinen genau die Charakterzüge oder Persönlichkeitseigenschaften Luthers zutage getreten zu sein, die heute in der Persönlichkeitspsychologie als die bereits erwähnten »Big Five« bezeichnet werden29. Gerade die möglicherweise als »krankhaft« erscheinenden Charakterzüge lassen sich durch eine solche dimensionale Sichtweise besser betrachten und werden der Person Luther eher gerecht als die kategoriale Einordnung bestimmter Persönlichkeitseigenschaften als »krank« oder »nicht krank«. Während eine kategoriale Einordnung der Psychopathologie Luthers die »Schublade« schließt, wird diese durch eine dimensionale Einordnung geöffnet! Es geht also weniger um die Frage, welche psychiatrische »Diagnose« Luther rückblickend nach modernen Kriterien30 gehabt haben mag, als um die Frage, welche Persönlichkeitseigenschaften Luthers eine Auswirkung auf sein Denken und Handeln gehabt haben mögen und in welchem Ausmaß diese nach außen wirksam wurden.


Fünf Persönlichkeitsfacetten Luthers

Fünf Persönlichkeitsfacetten Luthers scheinen so etwas wie »Konstanten« seiner Persönlichkeit dargestellt zu haben:

Erstens ist Luthers große Offenheit für Erfahrungen zu nennen. Vor dem Hintergrund möglicher traumatischer Erfahrungen in seiner Kindheit oder Jugend hat Luther – unter Umständen notgedrungen – die Herausforderungen angenommen, mit denen er sich konfrontiert sah. Dabei scheint er die Furchtlosigkeit entwickelt zu haben, die Gott im AT dem einzelnen Menschen zusichert: »Fürchte dich nicht, denn ich habe dich erlöst; ich habe dich bei deinem Namen gerufen; du bist mein!« (Jes. 43,1) Luthers unerschütterlicher Glaube scheint das Fundament seiner großen Zuversicht gewesen zu sein. Seine Furchtlosigkeit mag es ihm ermöglicht haben, offen für neue Erfahrungen zu sein.

Zweitens spielt Luthers Gewissenhaftigkeit eine große Rolle. Sein Glaube bringt zwar manche Gewissensqualen mit sich, aber eben auch Glaubensgewissheit und damit Sicherheit. Als Mensch ist sich Luther seiner Sünden mehr als bewusst. Sünde gehört für ihn zum Leben. Aber das Bewusstsein, ein Sünder und damit ein Verdammter zu sein, peinigt sein Gewissen. Luther leidet so gut wie sein ganzes Leben lang unter dem, was er als Anfechtungen des Teufels bezeichnet, und diese Anfechtungen quälen sein Gewissen. Luthers Gewissenhaftigkeit ist seine Antwort auf die Bürde der Schuld. Dennoch gestattet er sich nicht, in Verzweiflung zu versinken, denn Rechtfertigung durch den Glauben bedeutet Erlösung von der Schuld.

Drittens spielt Luthers Extrovertiertheit oder Extraversion eine nicht zu unterschätzende Rolle. Er ist ein großer Kommunikator und begnadeter Verkündiger des Evangeliums. Als Übersetzer der Bibel erweist er sich als Sprachgenie, doch auch in seinen Tischreden kommt seine Sprachgewalt zum Ausdruck31. Mit seiner rhetorischen Kraft erzielt er eine bemerkenswerte Außenwirkung. Luther widersetzt sich all dem, was wir heute vielleicht als »Establishment« bezeichnen könnten. Indem Luther dem Papst und dem Kaiser trotzt, nimmt er den Kampf auf und stellt sich offensiv nach außen dar. Dadurch, dass er seine Wut nach außen kehrt, gereicht Luther seine emotionale Instabilität zum Guten.

Viertens ist Luthers Verträglichkeit in Bezug auf andere Menschen für sein Wirken wichtig, selbst wenn diese Verträglichkeit sich bekanntlich nicht immer auf alle Menschen bezog! Luther besingt des Menschen Herz und meint damit Mitmenschlichkeit, Barmherzigkeit, Frieden auf Erden. Luther baut auf zwischenmenschliches Vertrauen und Gesprächsbereitschaft. Er zeigt guten Willen, indem er in Worms vor den Kaiser tritt und sich dort zur Rede stellen lässt. Hier geht Verträglichkeit mit Respekt einher. Ohne jeden Vorbehalt verkündigt er das Wort Gottes. Ziel ist es, ein durch und durch christliches Leben zu propagieren, das durch Nächstenliebe geprägt ist.

Fünftens wirkte sich Luthers emotionale Instabilität bzw. sein sog. Neurotizismus32 stark auf sein Leben und Wirken aus. Er litt zeitlebens unter Stimmungsschwankungen. Oft setzte ihm Schwermut zu, die gelegentlich in eine Hochstimmung mündete und mit einer Neigung zum Grübeln einherging. Existenzielle Angst zieht sich durch Luthers gesamtes Leben, wobei Unsicherheit und Zweifel eine große Rolle spielen. Doch auch Maßlosigkeit treiben Luther um. Oft ist er rücksichtslos, trotzig und impulsiv, er ist bereit, Konflikte einzugehen, wobei er meist große Risikobereitschaft zeigt. Auf dem Reichstag zu Worms tritt er vor den Kaiser und ist nicht bereit zu widerrufen, denn Luther ist zum Kampf gegen jeden bereit, der seine Theologie in Frage stellt. Mit dieser Haltung erweist Luther sich zwar als ein von allen Hemmnissen befreiter Mensch (»Eleutherius«), aber um den Preis großer Unsicherheit und Zweifel.


Luthers Widersprüchlichkeit

Widersprüchlichkeit gehört zwar nicht zu den »Big Five«, doch Luthers Widersprüchlichkeit scheint auch zu seinen grundlegenden Wesenszügen gehört zu haben. Aus Widersprüchen entstehen Spannungen, und Spannungen tendieren dazu sich zu entladen. Je größer die Spannungen sind, desto heftiger fallen die Entladungen aus. Diese physikalische Metaphorik lässt sich auch auf die Persönlichkeit Luthers beziehen, denn die Widersprüche, Spannungen und Entladungen, die sich in Luthers Biographie zeigen, haben die Reformation über Jahrzehnte angetrieben. Aus der ängstlichen Demut des Zweifelnden wurde die absolute Selbstgewissheit des durch seinen Glauben Gerechtfertigten. Widersprüchlichkeit und Überheblichkeit schließen sich offenkundig in der gleichen Person keineswegs aus. So scheint Luther 500 Jahre nach der Veröffentlichung seiner Thesen aus einem Zitat des amerikanischen Schriftstellers Walt Whitman zu sprechen, der im 19. Jh. lebte und einmal von sich sagte: »Ich widerspreche mir? Nun gut, ich widerspreche mir, ich bin groß, ich bin viele.«

Hinter Widersprüchlichkeit kann sich Unsicherheit verbergen, Widersprüchlichkeit kann aber auch für Vielfalt stehen, und Vielfalt bringt wiederum Freiheit mit sich. Luther propagiert absolute Gewissensfreiheit und damit die Freiheit des Einzelnen33, eine Freiheit freilich, die er im Unterschied zu modernen Freiheitskonzepten als göttliches Gnadengeschenk betrachtet, durch das der Mensch aus den Fängen des Teufels errettet, aus der Verfangenheit in der Sünde befreit und vor ewiger Verdammnis bewahrt wird. Dass Martin Luther diese Freiheit eindrucksvoll vorgelebt, wirksam propagiert und nachhaltig durchgesetzt hat, verdient auch heute noch – trotz aller problematischen Aspekte seiner Persönlichkeit – große Achtung.


Anmerkungen:

1 Becht-Jördens, G., Wehmeier, P.M.: Picasso und die christliche Ikonographie. Mutterbeziehung und künstlerische Position. Dietrich Reimer, Berlin 2003, 11.

2 Ritter, W.: Martin Luther. In: Lange-Eichbaum W., Kurth W. (Hrsg.): Genie, Irrsinn und Ruhm, Bd. 6: Die religiösen Führer, 7., völlig neu bearbeitete Aufl. von Wolfgang Ritter. Ernst Reinhardt, München/Basel 1989.

3 Lombroso, C.: Genie und Irrsinn. Philipp Reclam, Leipzig 1920.

4 Kaufmann, T.: Luther, Luther über alles. FAZ, S. L13, 15. Oktober 2016.

5 Jäger, M.: Temperamentskonzepte in der Psychopathologie. Nervenheilkunde 2016, Bd. 35, Heft 5, 293-299.

6 Asendorpf, J.B., Neyer, F.J.: Psychologie der Persönlichkeit. 5. Aufl. Springer, Heidelberg 2012.

7 Hippokrates: Fünf auserlesene Schriften. Eingeleitet und neu übertragen von Wilhelm Capelle. Artemis, Zürich 1955.

8 Paracelsus: Vom Licht der Natur und des Geistes. Eine Auswahl. Goldammer K., Weimann K.H. (Hrsg.). Philipp Reclam, Stuttgart 1979.

9 Fuchs, T.: Das Gehirn – Ein Beziehungsorgan. Eine phänomenologisch-ökologische Konzeption. 4. Aufl. Kohlhammer, Stuttgart 2013.

10 Riemann, F.: Grundformen der Angst. Eine tiefenpsychologische Studie. Ernst Reinhardt, München/Basel 1961.

11 von Uexküll, T., Wesiack, W.: Wissenschaftstheorie und Psychosomatische Medizin, ein bio-psycho-soziales Modell. In: Adler, R., Herrmann, J.M., Köhle, K., Schonecke, O.W., von Uexküll, T., Wesiack, W. (Hrsg.). Psychosomatische Medizin, 4., neubearbeitete und erweiterte Aufl., Urban & Schwarzenberg, München/Wien/Baltimore 1990.

12 von Weizsäcker, V.: Der Gestaltkreis. Theorie der Einheit von Wahrnehmen und Bewegen. 4. Aufl., Georg Thieme, Stuttgart 1950.

13 Cattell, R.: The description and measurement of personality. World Book, New York 1946.

14 Asendorpf, J.B., Neyer, F.J.: Psychologie der Persönlichkeit. 5. Aufl. Springer, Heidelberg 2012.

15 Kaufmann, T.: Geschichte der Reformation. Verlag der Weltreligionen, Frankfurt/M./Leipzig 2009.

16 Feldmann, C.: Martin Luther. Rowohlts Monographien. Rowohlt, Reinbek bei Hamburg 2009; Schilling, H.: Martin Luther. Rebell in einer Zeit des Umbruchs. C.H. Beck, München 2012; Roper, L.: Martin Luther. Renegade and Prophet. Bodley Head, London 2016.

17 Lindner, A.: Was geschah in Stotternheim? Eine problematische Geschichte und ihre problematische Rezeption. In: Bultmann, C., Leppin, V., Lindner, A. (Hrsg.): Luther und das monastische Erbe. Mohr/Siebeck, Tübingen 2007, 93-110.

18 Schwarz, R.: Martin Luther. Lehrer der christlichen Religion. Mohr Siebeck, Tübingen 2015.

19 Wehmeier, P.M.: Vom »Ich« zum »Du«. Die Vertikale und die Horizontale als Dimensionen menschlichen Daseins. In: Sollberger, D., Kapfhammer, H.P., Boehlke, E., Stompe, T. (Hrsg.): Eros und Sexus, 185-191. Frank & Thimme, Berlin 2015.

20 Blaha, D.: Beginn eines Redemanuskriptes Martin Luthers für den zweiten Verhörstag auf dem Reichstag in Worms in deutscher Sprache, 17./18. April 1521. In: Dingel, I., Henning, P. (Hrsg.): Meilensteine der Reformation. Schlüsseldokumente der frühen Wirksamkeit Martin Luthers. Jürgens, Gütersloh 2014, 140-144.

21 Flasch, K.: Kampfplätze der Philosophie. Große Kontroversen von Augustin bis Voltaire. Vittorio Klostermann, Frankfurt/M. 2008.

22 Levi, A.: Renaissance and Reformation, the intellectual genesis. Yale University Press, Princeton/London 2002.

23 Deutsches Historisches Museum (Hrsg.). Leben nach Luther. Eine Kulturgeschichte des evangelischen Pfarrhauses. Ausstellungskatalog, Berlin 2013.

24 Kaufmann, T.: Luthers Juden. 2. Aufl. Philipp Reclam, Stuttgart 2015.

25 Welker, K.H.L.: Persönliche Mitteilung, 23. November 2016.

26 Scharfetter, C.: Allgemeine Psychopathologie. Eine Einführung. 3. Aufl. Georg Thieme, Stuttgart 1991.

27 Bärenfänger, K., Leppin, V., Michel, S. (Hrsg.): Martin Luthers Tischreden. Neuansätze der Forschung. Spätmittelalter, Humanismus, Reformation, Bd. 71. Mohr Siebeck, Tübingen 2013.

28 Erikson, E.H.: Young Man Luther. A Study in Psychoanalysis and History. The Norton Library, New York 1958.

29 Asendorpf, J.B., Neyer, F.J.: Psychologie der Persönlichkeit. 5. Aufl. Springer, Heidelberg 2012.

30 Weltgesundheitsorganisation (WHO) (Hrsg.): Internationale Klassifikation psychischer Störungen. ICD-10 Kapitel V (F). Klinisch-diagnostische Leitlinien. Hans Huber, Bern 1991.

31 Rieger, R.: Von der Freiheit eines Christenmenschen. De libertate christiana. In: Kommentare zu Schriften Luthers, hrsg. von Thomas Kaufmann, Bd. 1, Mohr Siebeck, Tübingen 2007.

32 Asendorpf, J.B., Neyer, F.J.: Psychologie der Persönlichkeit. 5. Aufl. Springer, Heidelberg 2012.

33 Rieger, R.: Von der Freiheit eines Christenmenschen. De libertate christiana. In: Kommentare zu Schriften Luthers, hrsg. von Thomas Kaufmann, Bd. 1, Mohr Siebeck, Tübingen 2007.


 

Über den Autor

PD Dr. med. Peter M. Wehmeier, stellvertretender Direktor der Vitos Klinik für Psychiatrie und Psychotherapie in Weilmünster, seit 17 Jahren Mitglied der Deutschsprachigen Gesellschaft für Kunst und Psychopathologie des Ausdrucks (DGPA).

Aus: Deutsches Pfarrerblatt - Heft: 10/2017

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