Luthers Theologie für das 21. Jahrhundert
Die Reformation geht weiter

Von: Hans-Martin Barth
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Kann die Reformation für den Protestantismus der nächsten 500 Jahre das »global positioning system« (GPS) darstellen, wie der anglikanische Erzbischof Thabo Magkabo beim ­Kirchentag 2017 behauptet hat? Inwieweit kann Luthers Theologie dabei dienlich sein? Wie wird sie schon für das 21. Jh. zu stehen kommen? Was an seiner Theologie ist zukunftsträchtig? Und was muss ausgeschieden werden? Welche Missverständnisse sind zu beseitigen und in welchen Hinsichten müssen Kernaussagen des Reformators modifiziert, korrigiert oder präzisiert werden? Hans-Martin Barth formuliert Perspektiven einer künftigen ­reformatorischen Theologie.


1. Fehlurteile

Was von Luthers Theologie heute nicht mehr brauchbar ist, scheint auf den ersten Blick deutlich. Gewiss hat im Zusammenhang der Vorbereitung auf 2017 geschmerzt, was Luther in seinen letzten Jahren über die Juden gesagt und geschrieben hat. Gegner der Kirche haben das weidlich ausgeschlachtet und man kann ihnen das auch nicht verdenken. Den m.E. interessantesten Versuch, Luthers Antijudaismus zu erklären, hat übrigens ein jüdischer Autor vorgelegt: Der Historiker und Sprachwissenschaftler Dietz Bering ­vermutet eine zu große Nähe zwischen dem Reformator und den »Kindern Israel«.1

Dass man sich als Protestant nur klar von Luthers Antijudaismus distanzieren kann, heißt freilich nicht, dass damit das Verhältnis des Christentums zu Israel geklärt wäre. Luthers Fehleinschätzung in seinen späten Jahren einerseits und seine Nähe zum Alten Testament/der Hebräischen Bibel und zu den Juden in seiner Frühzeit andererseits fordern durchaus dazu heraus, die Fragen von Zusammenarbeit und gegenseitigem Zeugnis neu zu durchdenken. Dasselbe gilt entsprechend für das Verhältnis zum Islam.

Was ebenfalls eher belastend ist, sind Luthers späte Auslassungen über den Papst und die Römische Kirche, besonders in »Wider Hans Worst« und »Wider das Papsttum, vom Teufel gestiftet«. Niemand wird angesichts der letzten Päpste – Johannes Paul II., Benedikt XVI. und nun Papst Franziskus – davon reden wollen, das Papsttum sei »vom Teufel gestiftet«. Hat die Reformation nicht innerhalb des Katholizismus besonders eindrucksvoll weitergewirkt, man denke nur an das II. Vatikanum? Aber das entbindet nicht von der Aufgabe, klar zu sehen, welche Aspekte des Katholizismus aus reformatorischer Sicht noch immer in eine falsche Richtung führen. Insbesondere könnte es zu einer kritischen Nachfrage führen, was etwa in unseren eigenen evangelischen Kirchen »vom Teufel gestiftet« sein könnte – die zunehmende Bürokratie, die Lustlosigkeit gegenüber dem theologischen Nachdenken, Moralisierung und unsachgemäße Emotionalisierung2

Als dritter Punkt ist das Verhältnis Luthers zu den Andersdenkenden zu nennen. Heinz Schilling3 hat ein gewisses Verständnis dafür, dass Luther seinen Gegnern nicht entgegenkommen konnte, einfach weil er seine Sache durchsetzen musste. Gewiss war Luther nicht ein »leidenschaftlicher Gottsucher und Menschenhasser«4. Aber man kann sehr wohl erschrecken, wenn einem bewusst wird, dass auf der Wartburg nicht weit von der Stube, in der Luther das Neue Testament übersetzt hat, im Turmverlies 12 Jahre lang ein Täufer gefangen gehalten und immer wieder irgendwelchen Bekehrungsversuchen ausgesetzt war. Gleichwohl ist es nötig, das Verhältnis zu Andersdenkenden im Einzelnen zu suchen und neu zu justieren. Wenigstens im Blick auf die Täufer ist das in gewisser Weise erfolgt – aber wie steht es um das Verhältnis zu Esoterik, Agnostizismus und Areligiosität?


2. Missverständnisse

2.1 Die Exklusivpartikel

Die Missverständnisse, die sich im Blick auf Luthers Theologie festgesetzt haben, beginnen bei den zentralen Formeln, in denen man die Theologie der Reformation zusammenfasst: mit dem »allein«. Bei den berühmten »particulae exclusivae« hat man oft nicht scharf im Blick gehabt, was da ausgeschlossen sein sollte und was nicht – und daraus konnte ein borniertes und arrogantes »Allein wir Protestanten« erwachsen.

Allein die Heilige Schrift – dabei gibt es die Heilige Schrift allein überhaupt nicht, sie steht im Kontext vieler frühchristlicher und sonstiger religiöser Traditionen, und allein in diesem Kontext kann sie verstanden werden. Das »Allein« fordert dazu auf, in Auseinandersetzung mit dem, was sie umgibt, zu ermitteln, was allein Gültigkeit haben darf.

Ähnlich ist es mit der Gnade »allein«, die sich aus vielen Quellen speist und auf vielen Gebieten Frucht trägt; ebenso mit dem »Glauben allein«, der ohne die Liebe und die Hoffnung gar nicht gedacht werden kann. Beim »Wort« allein ist es nicht anders – das Wort vermittelt sich nicht nur über die ­Ohren, die Luther für die »Organe« eines Christenmenschen hielt.5

Die »sola« sind Kampfformeln in einer bestimmten geschichtlichen Situation; nur in ganz bestimmten Hinsichten legen sie uns fest, nämlich als heuristische Instrumente und nicht als Banner zur Werbung für den Protestantismus. Sie dürfen umgekehrt nicht zu Ausgrenzungsformeln werden, die den Protestantismus zunehmend isolieren.


2.2 Luthers Anthropologie

Ein zweiter Bereich, in dem es bis heute viele Missverständnisse der Theologie Luthers gibt, betrifft die Anthropologie. Was hat Luther mit der Unfreiheit des Willens gemeint? Doch nicht, dass der Mensch absolut unfrei ist und sich eben dem Schicksal ergeben muss. Im Gegenteil: In den Bereichen, die uns anvertraut sind, die wir zu entscheiden und zu gestalten haben, sind wir durchaus frei und verantwortlich, unsere Freiheit optimal einzusetzen. Nur im Blick auf die ewige Seligkeit, im Blick auf ein letztes Gelingen unseres Lebens müssen und dürfen wir uns Gott ganz überlassen.

Ähnlich missverstanden wird Luthers Kritik der Vernunft. Für Luther gehört die Vernunft zum Besten, was es auf Erden gibt, und ist »geradezu etwas Göttliches«, sagt er in seiner berühmten Thesenreihe De homine6. Gerade die Regierenden sollen sie nach bestem Wissen und Gewissen einsetzen, wenn es um das Wohl der Bürger geht. Luther selbst hat die Vernunft wahrlich intensiv gebraucht in seinen Auseinandersetzungen mit Erasmus und anderen oder z.B. in seiner Bibelübersetzung. Aber wenn es um Gott geht, spricht er ihr die Kompetenz ab, dann wird sie für ihn die »Hure Vernunft«.

Mit diesen beiden Missverständnissen hängt ein drittes völlig schiefes Bild von Luthers Theologie zusammen, nämlich der Vorwurf, er habe ein durch und durch pessimistisches Bild vom Menschen. Wenn man nicht genau hinschaut, kann man es in der Tat so sehen: Sünde, Sündenfall, Tod und Teufel bestimmen die Existenz des natürlichen Menschen. Was Luther aber mit seiner Rede von Sünde, Tod und Teufel intendiert, ist etwas ganz anderes: nämlich herauszuarbeiten, zu welcher Würde der Mensch trotz all dieser Negativseiten berufen ist: frei zu sein unter Gottes Gnade, als Gottes Mitarbeiter, Tod und Teufel überlegen.


3. Theologie für das 21. Jahrhundert

Stimmen aber die einzelnen Kernpunkte noch, die Luthers Theologie ausmachen? Jedenfalls können und müssen sie zum Teil anders gefasst, zugespitzt oder erweitert werden. Das gilt für das Schriftverständnis des Reformators, für seine Christologie und für seine Rede vom verborgenen Gott, aber auch für die Rechtfertigungslehre und für sein Kirchenverständnis.


3.1 Schriftverständnis

Luthers Schriftverständnis ist geprägt durch seine eigene Erfahrung: Am Ende seines Lebens beschreibt er noch einmal, wie er die Wirkung eines bestimmten Schriftworts, nämlich Röm. 1,17 (Hab. 2,4), erlebt hat: Es habe ihn gleichsam »ins Paradies« versetzt. Das war wohl die Erfahrung, die sich für ihn bei seinen Predigten und Vorlesungen wiederholt hat und die er auch im eigenen Predigen weitervermitteln wollte: Gottes gutes Wort ist schöpferisch. Gott redet – und es passiert etwas –; bei den Menschen ist es umgekehrt: wenn sie etwas bewerkstelligt haben, führen sie große Reden.7 Gott wirkt durch sein Wort; so erblühen Glaube, Hoffnung, Liebe, so wächst die Gemeinschaft der Kirche. Das Wort Gottes ist der »uterus«, in dem ein Christenmensch geboren und geformt wird.8 Es vermittelt sich durch das persönliche Zeugnis, und deswegen ist die etwa aus dem Internet übernommene vorgelesene Predigt ein Notbehelf. Predigt funktioniert nicht mechanisch, sie ist existenziell verantwortetes Zeugnis von dem, was Gottes Wort sagt.

Luthers Schriftverständnis ist dabei bekanntlich durch ein klares hermeneutisches Programm bestimmt: »Was Christum treibet«.9 Das verschafft Luther zunächst einmal eine große Freiheit gegenüber der Schrift. Es ist aber bis heute kaum gelungen, diese Freiheit auch den einzelnen mündigen Christen und Christinnen zu vermitteln. Natürlich wollte sich Luther nicht ohne Not vom Wortlaut der Schrift dispensieren. Aber er wusste, dass es letztlich nur dann auf einen ­bestimmten Wortlaut ankam, wenn der richtende und rettende Christus sich durch diesen vermittelte. Die Schrift ist nicht identisch mit dem Wort Gottes, aber das Wort Gottes begegnet in ihr. Dieser Ansatz ist heute in neuer Weise aktuell. Er kann zeigen: Auch historisch nicht haltbaren Passagen des NT, die Christus bezeugen, wollen Elementares über ihn zum Ausdruck bringen. So darf die Weihnachtsgeschichte nicht einfach als quasihistorischer Bericht präsentiert werden; Christen machen sich damit unglaubwürdig. Aber sie verliert damit nicht ihren Sinn und ihre Kraft. Auch unhistorische Partien der Evangelien können »Christus treiben«, geben zu denken und sind durchaus ausdrucksstark, wenn man sie in ihrem symbolischen Wert erkennt und ­begreift.

Luthers hermeneutischer Ansatz hat noch eine andere Weiterung. Im Vergleich mit nichtchristlichen Religionen und Weltanschauungen entdecken wir heute, dass in ihnen vieles der Verkündigung Jesu nahe kommt. Auch sie reden nicht selten von Gnade, das Judentum sowieso, auch der Koran, dessen 114 Suren alle bis auf eine sich auf den barmherzigen Gott beziehen. Auch Buddhisten kennen eine Gnadenerfahrung – der Amida-Buddhismus spricht von der »anderen Kraft«10. Man kann die Basisdokumente anderer Religionen mit der Frage absuchen, welche Aussagen da etwas benennen, wovon auch Christus will, dass es gelehrt und bekannt gemacht wird. Der Einwand, es handle sich aber nicht um die Gnade Jesu Christi, gilt nur begrenzt. Im Sinne Jesu muss man festhalten: Gott will, dass Menschen heil werden und die Freiheit vom moralischen Druck des Gesetzes erleben. Wo Gutes geschieht, wo Versöhnung sich anbahnt, wo Liebe zur Wirklichkeit wird, wo Hungrige gespeist und Durstige getränkt werden, da vollzieht sich etwas, das dem Willen Gottes entspricht. Mit dieser Perspektive kann man sich auch in der säkularen Welt umschauen: Wo wird – wenn auch unter anderem, uns fremdem Namen – verwirklicht, was Christus verwirklicht sehen will, was die Sache Christi voranbringt? Wer nicht gegen uns ist, ist für uns! (Mk. 9,40).


3.2 Theologie des Kreuzes

Was die Sache Christi ausmacht, zeigt sich für Luther am Kreuz. Christliche Theologie ist Nachdenken und Leben unter dem gekreuzigten Christus. Luther hat dabei viel aus der Tradition übernommen: von den Theologen der ersten christlichen Jahrhunderte die Vorstellung, dass Christus am Kreuz den Teufel besiegt hat, sich von ihm auffressen ließ, sodass der Satan ihn wieder hat ausspucken musste; von Anselm von Canterbury die Überlegung, dass Christi Tod als Sühne für die Sünde notwendig war. Dass wir heute nicht mit dem Teufel operieren können, ist ohnehin klar. Aber dass die Theorie Anselms nicht ausreicht, wusste auch Luther schon: Sie ist »zu schwach« und bringt das, was Christus für uns geleistet hat, nicht genügend zum Ausdruck.11 Wir brauchen uns daher nicht mit irgendwelchen Opfer- und Satisfaktionstheorien abzuplagen: Christi Kreuz ist das unüberbietbare Ja der Liebe Gottes, dem wir uns anvertrauen dürfen.

Luther hat die Vorstellung von einem Sündenfall geteilt und es von daher begründet gesehen, dass alle Menschen der Sünde verfallen und auf Gottes Gnade angewiesen seien. Solche Umwege haben wir heute nicht mehr nötig. Dass Menschen in unbeschreiblichem Egoismus in sich selbst hinein ­verkrümmt sind und immer wieder sich verkrümmen, weiß jeder, der sich selbst gegenüber ehrlich ist. Dass niemand diesem Verdammt-Sein zu sich selbst und damit der Schuld an anderen entkommen kann, macht heute gerade die kapitalistische Weltwirtschaft überdeutlich. Niemand kann es vermeiden, anderen Menschen doch irgendwie Unrecht zu tun, allein dadurch, dass er auf der Welt ist und anderen Lebensmöglichkeiten wegnimmt. Wir sind darauf angewiesen, dass andere uns trotzdem annehmen und dass wir uns von Gott angenommen wissen dürfen, wie es das Kreuz uns nahelegt.

Zugleich verändert dieses – unter einer Hinrichtung deutlich werdende – Ja Gottes unsere Optik: Was uns schwierig, unmöglich oder sogar widerlich erscheint, kann das Rettende sein. Das verwandelt unsere Einstellung zu dem, was wir erleben: Nicht unbedingt, wer im Leben groß herauskommt, hat das gute Teil erwählt, sondern den Unbedeutenden gilt Gottes Aufmerksamkeit; das erläutert Luther in seiner Auslegung des Magnifikat. Wenn man das etwa auf das Erscheinungsbild der Kirche überträgt, heißt das: Nicht die großartig erscheinende mächtige Kirche mit vielen Mitgliedern und reichen Finanzmitteln ist die von Gott gesegnete, sondern der arme Haufe, der sich in Syrien vom IS zusammenschlagen lässt. Und im Blick auf die Theologie: Nicht das große theologische Gebäude, bei dem alles glatt aufgeht, soll den Ton angeben, sondern eine demütige, kreuztragende Theologie, die weiß und zugibt, dass sie nicht auf alles eine Antwort hat.

Das heißt: Die Theologie des Kreuzes, die zu einem Markenzeichen Luther’scher Theologie geworden ist, muss dynamisiert werden. Wir sollten von den abstrakten Formeln des Paulus wieder zurückkehren zu dem Jesus der Evangelien und wieder ganz von vorn anfangen. Jesus ruft in ein existenzielles Nachfolgen, wie es Bonhoeffer und andere zu leben versucht haben. Erst von daher wird sich erschließen, was es mit Kreuz und Auferstehung auf sich hat.


3.3 Der sich verbergende Gott

Eine Einsicht Luthers, die wir für das 21. Jh. gar nicht groß übersetzen müssten, aber endlich nutzen sollten, ist seine Rede vom verborgenen Gott. Viele Menschen meinen heute, ohne Gott auskommen zu können, weil man von seiner Existenz ohnehin nichts merkt oder weil es all das Schreckliche in unserer Welt nicht geben dürfte, wenn Gott wirklich existierte. Aber Luther beschäftigte das auf einer noch tieferen Ebene: Er konnte nicht verstehen, dass Gott den Menschen so viel Raum lässt, Böses zu tun, dass auch Glaubende sich ihm immer wieder entziehen, dass so viele Menschen überhaupt nicht zum Glauben finden.

Die christliche Verkündigung hat sich daran gewöhnt, dass man all das eben nicht erklären kann, und behauptet unverdrossen, dass aber Gott die Liebe sei. Das ist zwar theologisch richtig, aber wie soll man all dies Widersprüchliche denken? Wir verdrängen rasch das, womit Gott uns herausfordern will. Wir wissen immer schon, dass es ja der liebe gute Gott ist, der hinter allem steckt. Unsere Gottesdienste werden flach und blass oder zu einer Verdrängungs- und Vertröstungsveranstaltung. Luther hat vom verborgenen Gott gesprochen und diesem den offenbaren Gott gegenüber gestellt. Das ist dann zu einer Formel geworden, die konkret nichts mehr erschließt. Wir müssen dieses Partizip perfekt passiv wieder ins Präsens zurückübersetzen und von dem sich verbergenden Gott reden. Wir müssen mit dem sich verbergenden Gott ringen und darum kämpfen, bis er als der präsente, hilfreiche, ewige Gott uns wieder an sich heranzieht. Wir sollten Gott anrufen und anbeten als den uns Unbegreiflichen, von dem wir nicht verstehen, dass er uns angeblich lieben soll.

Kürzlich ist ein Buch erschienen mit dem Titel: »Gott, du kannst ein Arsch sein«.12 Luther hat das im Sinn damaliger Theologie ausgedrückt: Gott kann sich wie ein Dämon gebärden, zu verwechseln mit dem Satan.13 Wir müssen es mit ihm aufnehmen wie Jakob am Jabbok und nicht locker lassen, bis wir etwas davon merken, dass er wirklich da und uns gut ist. Dann würde uns auch Christus wieder greifbarer als der, in dem Gott uns mit seiner Weisung und seinem Trost nahe ist. Das heißt zugleich, dass wir die christologische Engführung, die die Reformation mit sich gebracht hat, wieder trinitarisch erweitern müssen. Es ist der ganze Gott, der als Schöpfer, Erlöser und Vollender für den ganzen Menschen in dessen geschöpf­licher und erlösungsbedürftiger Wirklichkeit da sein will.


3.4 Rechtfertigung

Beim Nachdenken über Luthers Theologie darf das Thema Rechtfertigung natürlich nicht fehlen. Gerade im ökumenischen Zusammenhang ist ja in den letzten Jahren viel darüber gesprochen worden (womit das Thema zugleich historisiert und ins 16. Jh. zurückverwiesen wurde). Die EKD hat in ihrem »Grundlagentext« vergessen, auf die Rechtfertigungserklärung von 1999 hinzuweisen. So wichtig waren die einschlägigen Diskussionen offenbar doch nicht. Protestanten meinen zu wissen, wie es geht: allein aus Gnaden um Christi willen, durch den Glauben allein – fertig. Wo aber wird Rechtfertigung gelebt? Sie kommt dort zum Leben, wo Entscheidungen frei getroffen werden, wo Vertrauen, Hoffnung und Liebe aufkeimen und wo es konkrete Vergebung konkreten Versagens gibt. Bei solchen Erfahrungen kann Glaubende die Freude packen, dass ihnen das Herz »vor Freude in hunderttausend Stücke zerspringen« möchte.14 Dann fassen sie Mut, neue Entscheidungen zu treffen, und sollten sie falsch sein. Dann sündigen wir nicht mehr feige, sondern tapfer, weil wir der Gnade gewiss sind, wie es Luther einst dem unsicher gewordenen Melanchthon nahegelegt hatte: Pecca fortiter, sed fortius fide et gaude in Christo …!15

Dann ergibt sich, wonach es Glaubende verlangt: nicht nur momentane Entlastung, sondern ein Wachsen im Glauben. Dann bleibt es nicht bei einem müden »simul iustus et peccator«, das einem an jedem Sonntag neu mitgeteilt wird (falls überhaupt – oft kommt es ja gar nicht mehr zu einem ausdrücklichen Zuspruch der Vergebung). Sondern dann dreht sich die Formel um: simul peccator – et iustus! Und gerecht! Und in einem neuen Leben! Und auf einem guten Weg! Ganz im Sinn dessen, wie es Paulus gemeint (und worin Luther ihn missverstanden) hat: »Dank sei Gott durch Jesus Christus unsern Herrn!« (Röm. 7,25).

Dabei wird auch noch einmal deutlich, dass Glaube im Sinn Luthers etwas anderes ist als Religion oder auch als Kirchlichkeit. Bei der Religion geht es um religiöse Gefühle, bei der Kirchlichkeit um Vertrautheit und innere Ordnung. Glaube ist etwas anderes. Glaube macht uns unabhängig von unserem Gefühlshaushalt, oder, wie Luther in seiner Galaterbrief-Vorlesung formuliert hat: er »raubt uns uns selbst« (»rapit nos a nobis«), reißt uns los von uns selbst, sodass wir uns nicht mehr auf uns selbst, unser Empfinden oder gar unser Tun verlassen können. Sondern »ponit nos extra nos«16, gibt uns einen Platz, an dem wir stehen und bleiben können, nämlich gegründet in Gottes Zuspruch und Verheißung.


3.5 Eine andere Kirche

Für Menschen, die diesen Glauben leben, muss die Kirche anders aussehen als unser üblicher kirchlicher Betrieb. Auch Luther hätte sich das gewünscht: die Kirche des allgemeinen Priestertums. Er hatte dabei nicht nur an die Beseitigung von Bevormundung und Hierarchie gedacht. Es ging ihm nicht nur um die Beseitigung des »top down«, das sich inzwischen auch in manchen Landeskirchen- und EKD-Ämtern wieder zu etablieren scheint. Die Pointe der Idee des allgemeinen Priestertums liegt an einer anderen Stelle, nämlich im Moment der Gegenseitigkeit. Einander, füreinander Priester und Priesterinnen sein! Aber diese Devise ließ sich nicht ohne Weiteres umsetzen. So kam es, dass die Vision vom allgemeinen Priestertum, die langfristig ihre Auswirkungen bis in die Entstehung der Demokratie hinein hatte, nicht einmal in den Bekenntnisschriften vorkommt.17 Luther hatte sie begründet mit dem Hinweis auf die Taufe: Was »aus der Taufe gekrochen ist, das kann sich rühmen, dass es schon zu Priester, Bischof und Papst geweiht sei«18, hatte er formuliert. Aber in den Katechismen bei der Erklärung der Taufe greift er das nicht auf. Die Taufe ist neben allem anderen, was sie bedeutet, Platzanweisung für die Getauften in der Gemeinde. Zweifellos wird in den kommenden Jahren und Jahrzehnten die Säuglingstaufe abnehmen und die ­Erwachsenentaufe an Bedeutung gewinnen. Dann wird dieser Gedanke der Platzan­weisung im Rahmen des allgemeinen ­Priestertums eine wichtige Rolle spielen.

Und was würde dabei allgemeines Priestertum bedeuten? Füreinander da sein, für­einander beten, einstehen, sich gegenseitig infrage stellen, Einsichten und Erfahrungen teilen, einander zur Verfügung stehen und – was man oft vergisst – einander in Anspruch nehmen. Die Gipfelformulierung dazu steht in der »Freiheit eines Christenmenschen«: Einer darf dem anderen »Christus quidam« – gleichsam Christus – werden19, wir dürfen einander gegenüber tatsächlich Christus vertreten. Daran kann man ermessen, welche Verharmlosung dieses Ansatzes es bedeutet, wenn nun heute immerhin ein Laie im Gottesdienst das Evangelium lesen darf. Es stellt für die Pfarrerschaft Entlastung und Herausforderung dar. Es war kein gutes Zeichen, was die letzte Kirchenmitgliedschaftsuntersuchung ergeben hat, nämlich dass es in einer Gemeinde fast immer auf den Pfarrer/die Pfarrerin ankommt. In Zukunft wird es viele Gemeinden ohne eigenen Pfarrer geben, und die entstehenden Minigemeinden werden darauf angewiesen sein, sich ihr spirituelles, diakonisches und liturgisches Leben selbst zu organisieren – oder sie werden sterben. Die Katholiken mit ihren priesterlosen Wort Gottes-Feiern sind dem Protestantismus einen Schritt voraus.


3.6 Kirche und Öffentlichkeit

Von hier aus wird nun auch ersichtlich, wie künftig das Verhältnis von Kirche und Öffentlichkeit aussehen wird. Die Kirche hat nicht die Aufgabe, auch für Menschen, die nicht zu ihr gehören, Gesetze zu bestimmen. Aber sie soll mit ihrem Wissen, was den Menschen gut tut, nicht zurückhalten, sondern ihre Stimme erheben20 im Sinne dessen, was man früher ihr »Wächteramt« genannt hat und was heute in säkularen Institutionen wie Human Rights Watch nachklingt. Insofern ist »öffentliche Theologie« angesagt, solange sie sich nicht als Besserwisserin gebärdet. Aber ebenso wichtig wie öffentliche Theologie wäre öffentliches Christsein!


4. Die Zukunft des Protestantismus

In Europa kann das Christentum zur Minorität werden, der Protestantismus ist es ohnehin schon; der waldensische Professor Fulvio Ferrario spricht von einer Minderheit »im Quadrat«.21 Im Weltmaßstab sieht es anders aus.22 Die primäre ökumenische Aufgabe, vor der er sich heute sieht, ist nicht, die von Rom immer wieder angemahnte »Einheit« mit der Römischen Kirche oder auch mit den Orthodoxen zu suchen. Wichtiger wäre, dass die evangelikal-charismatischen Gruppen, die vor allem in der sog. dritten Welt ein erhebliches spirituelles Gewicht haben, und die liberalen Kräfte, ohne die das westliche Christentum nicht denkbar und lebensfähig ist, zueinander fänden. Die lutherischen Kirchen sollten sich dazu mit den anderen protestantischen Kirchen optimal vernetzen, Anregungen von ihnen aufnehmen und ihr besonderes Erbe einbringen.

Man darf nicht denken, die Rückbesinnung auf Luther allein könnte den Protestantismus zukunftsfähig machen. Was wir heute über Luther hinaus brauchen, ist eine Theologie der Menschenrechte und der Menschenwürde; dazu haben seine Einsichten ja durchaus etwas beizutragen. Wir brauchen eine Theologie der Globalisierung. Dabei kann uns Luthers Ekklesiologie des allgemeinen, gegenseitigen und gemeinsamen Priestertums wenigstens begrenzte Dienste tun. Schließlich brauchen wir eine Theologie der Evolution, innerhalb derer sich eine plausible Christologie entfalten und eine Vision des Reiches Gottes artikulieren lässt. Wir können unsere Theologie nicht mit »Luther allein« bestreiten, ihn gleichsam in die »particulae exclusivae« aufnehmen. Aber korrigiert und aktualisiert wird seine Theologie für das protestantische Ortungs- und Orientierungssystem von Belang bleiben und so zu einer verheißungsvollen Navigation der Menschheit beitragen.


Anmerkungen:

1 Dietz Bering, War Luther Antisemit? Das deutsch-jüdische Verhältnis als Tragödie der Nähe, Berlin 2014.

2 Ulrich H.J. Körtner, Für die Vernunft. Wider Moralisierung und Emotionalisierung in Politik und Kirche, Leipzig 2017.

3 Heinz Schilling, Martin Luther. Rebell in einer Zeit des Umbruchs. Eine Biographie, München 2012, 619.

4 Matthias Dobrinski in: SZ 9.5.2016.

5 WA 57/3, 222,7.

6 LDStA Bd. 1, 663-669.

7 WA 9, 330,18f.

8 WA 10/1/1, 232,10-15.

9 WADB 7, 385, 25-27.

10 Vgl. TAN-NI-SHO (Traktat von der Klage um die Glaubensferne). Die Gunst des Reinen Landes von Ryogi Okochi und Klaus Otte, Bern 1979.

11 WA 21, 264,27ff.

12 Frank Pape, Gott, du kannst ein Arsch sein. Stefanies letzte 296 Tage, München 2016.

13 Hans-Martin Barth, Der Teufel und Jesus Christus in der Theologie Martin Luthers, Göttingen 1967, 201-203.

14 WA 20, 2289,13-15.

15 Hans-Martin Barth, Pecca fortiter, sed fide fortius. Luther als Seelsorger, in: EvTh 44 (1984), 12-25.

16 WA 40/1, 589,25-28.

17 De potestate et primatu papae tractatus, BSLK 1930, 491f.

18 WA 6, 408,11-13.

19 WA 7, 66,3ff / 35,32.

20 Die Reformation radikalisieren – provoziert von Bibel und Krise, in: Ulrich Duchrow/Carsten ­Jochum-Bortfeld (Eds./Hg.), Befreiung zur Gerechtigkeit/Liberation toward Justice, Berlin 2015,
24-68; bes. Th. 4.

21 Fulvio Ferrario, Il futuro della Riforma, Torino 2016, 161ff: »Una minoranza al quadrato«.

22 Guter Überblick: Friedrich Wilhelm Graf, Der ­Protestantismus. Geschichte und Gegenwart, München 2010.

 

Über den Autor

Prof. em. Dr. Hans-Martin Barth, bis 2005 Prof. für Syst. Theologie und Religionsphilosophie an der Universität Marburg, 1997-2009 Präsident des Evang. Bundes; Schwerpunkte: Ökum. Theologie, interreligiöser Dialog.

Aus: Deutsches Pfarrerblatt - Heft: 9/2017

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