Brief aus der Bundeshauptstadt

Von: Siegfried Sunnus
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Der Anschlag am Breitscheidplatz auf den Weihnachtsmarkt vom 19. Dezember 2016 ist noch nicht vorbei, was die Folgen und die Ursachen betrifft. Nachdem schon im Landtag von Nordrhein-Westfalen ein Untersuchungsausschuss zu dem Attentäter Amri gearbeitet hat, löst nun in Berlin seit dem 14. Juli ein Untersuchungsausschuss des Landes den Sonderermittler bei der Aufdeckung der Pannen, Versäumnisse und möglichen Vertuschungsvorgänge ab. Er rechnet mit zwei Jahren Arbeit, um u.a. herauszufinden, warum der spätere Attentäter nicht schon vorher wegen Drogenhandel ausgewiesen worden ist.

Die Opfer des Anschlags klagen über langwierige bürokratische Prozeduren, bei denen der Opferbeauftragte, der frühere Ministerpräsident von Rheinland-Pfalz Kurt Beck, auch nur mühsam vorankommt. Der Blick jetzt soll sich auf die Einsatzkräfte richten, die ab dem 19.12. tätig waren. In meiner Mappe habe ich eine Schilderung des Tatabends aus der Sicht der Seelsorgerin der Landespolizei Berlin aufbewahrt, Marianne Ludwig. In dem Zeitungsbericht (»Die Welt Kompakt« vom 21.12.) lese ich: »In ihrer Miene und den geröteten Augen stehen 15 Stunden Sorge für gepeinigte Seelen der Helfer, die ihr anvertraut sind. Welche Wunden sie selbst davontrug, weiß Marianne Ludwig noch nicht. Noch funktioniert sie einfach. Sie ist 58 Jahre alt, seit 1. September 2015 zuständig für die Landespolizei und den Zoll, nach Jahren bei der Bundespolizei ‚ausgeliehen‘ von der Kirche«. Sie weiß am Mittag danach nur, »dass sie keine frohe Weihnachten mehr wünschen wird, das passt nicht mehr, ‚es ist schief und schräg‘. Etwa wenn sie am Heiligabend, ausgerechnet am Tatort predigen wird. In der Kaiser-Wilhelm-Gedächtniskirche vor Polizisten, Zollbeamten und ihren Familien. Gesegnete Weinachten, das geht, das wird ihr Schlüssel sein. ‚Keiner ist froh‘«.

Als die Pfarrerin ihre Alarmierung erreichte, gab es keinen Funkwagen, der sie wie sonst zum Einsatzort bringt. So nimmt sie das Fahrrad und fährt zum Abschnitt Bismarckstraße, der den Einsatz führt. »Es ist das Mittel der Wahl gewesen, sonst wäre ich wohl gar nicht durchgekommen. Es ist just in time für die Seelsorge«. Dann kommt der Anruf, der sie in den Nachbarabschnitt abruft. Dort warten zehn Polizeibeamte, darunter vier Frauen, die mit ihren Funkwagen als erste am Tatort gewesen sind. »Sie waren wirklich schlimm dran: Es gab Tränen über Tränen«. Etwa eine Stunde spricht die Pfarrerin mit ihnen. »Entlastung durch Reden … Gibt es jemanden, wenn ihr jetzt nach Hause geht? Wie können wir für euch sorgen?« Nicht allein sein danach, darauf achten sie alle.

Das Gruppengespräch verläuft in mehreren Phasen, erzählt die Pfarrerin. Es beginnt mit den schrecklichen Bildern, die noch keiner so gesehen hat. Die Beamten sind gewöhnt an Verkehrstote, Suizide, Leichen in allen möglichen Entstellungen. Aber nicht so massiv und parallel zu Menschen, die verletzt sind und in Panik. »Man muss mit dem eigenen Entsetzen fertig werden, durch Hirn zu waten und durch Blut. Anfassen müssen, wo man nicht anfassen mag«. Diese erste Phase, die zu einer Retraumatisierung führen kann, währt zum Glück nur kurz. Dann folgt: »Wir fühlten uns hilflos, wussten nicht, wo anfangen.« Es ist brutal zu entscheiden, wer wichtiger ist: der Sterbende oder der Mensch in Panik. Sie halfen, sie taten alles, was sie konnten … In der dritten Phase versuchen der Abschnittsleiter und die Seelsorgerin, dieses Gefühl der Überforderung aufzulösen. Es ist eine Riesenhilfe, einem Schwerverletzten Trost zuzusprechen und den Rettungswagen anzukündigen. Oder mit Kabelbinden zur Not ein Bein abzubinden. Das ist alles andere als hilflos. »Und bei allem Funktionieren, haben sie ihr Herz ganz weit aufgemacht. Sie haben mitgelitten. Im Sinne von Erbarmen.«

Es werde in Zukunft wichtig sein, dass auch die Bürger den Beamten klarmachen, wie großartig sie gehandelt haben, sagte die Pfarrerin. » Dass sie weit über ihre Grenzen gegangen sind an jenem Schreckensabend, als sie Menschen in ihren schlimmsten Momenten gehalten haben, nur mit ihren Händen«. Wir alle haben Grund, stolz zu sein auf unsere Polizei, sagt sie. Das habe sie noch am selben Morgen an den Polizeipräsidenten gesimst: »Ich bin einfach stolz und glücklich, dass ich bei so einer Polizei arbeiten kann.«

Am Ende des Gesprächs kommt Marianne Ludwig auf das Ärgernis der Schaulustigen zu sprechen: »Es ist extrem belastend gewesen für die Beamten, dass Leute Panoramaaufnahmen gemacht haben, während die nach dem Anschlag erste Hilfe geleistet haben … Das ist in der Situation kaum zu ertragen, das macht extrem wütend, und ich bin stolz auf jeden Beamten, der niemandem an die Gurgel gegangen ist.« Auch bei dem Gruppengespräch sei das zur Sprache gekommen. »Es ist respektlos und würdelos, und es tut weh.«

Meine Hochachtung vor dem vor zwei Jahrzehnten neugeschaffenen Arbeitsbereich der Notfallseelsorge!


Siegfried Sunnus

Aus: Deutsches Pfarrerblatt - Heft: 8/2017

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