Eine Begegnung mit Eginald Schlattner
Abschied in Rothberg

Von: Gabriela Căluţiu-Sonnenberg
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Es ist der 12. Februar, der Sonntag, an dem in Bukarest die Beerdigung des bekannten rumänischen Regisseurs Radu Gabrea stattfindet. Im siebenbürgischen Dorf Rothberg bei Hermannstadt lässt eine zögerliche Sonne die Pfützen langsam auftauen.

Zu dritt, etwas vereinsamt, irren wir im Park der evangelischen Kirche herum, zwei Frauen, ein Knabe. Das weit offen stehende Portal lässt unseren Blick über die kahlen Bänke wandern. Zum Gottesdienst lädt ein fröhliches Zigeunermädchen ein. Sie sagt, Sachsen gäbe es keine mehr, außer dem »popa sasilor!« Der hält jeden Sonntag eine »slujba« in der leeren Kirche, einen Gottesdienst mit niemandem, »cu nimeni«, außer mit Gott allein. Er würde sich heute freuen. Der Raum, von Menschen verlassen, von Gott jedoch noch nicht, strahlt traute Ruhe aus. Trotz allgegenwärtigen Lichts, welches den romanischen Raum mit warmen Tönen durchflutet, beißt im Inneren der Kirche die Kälte stärker als draußen.

Bekleidet mit einer von Otternfell gesäumten Kutte, betritt Pfarrer Eginald Schlattner die Kirche. Mit neutraler Stimme erklärt er uns, wo genau die Gemeindemitglieder hier einmal gesessen sind. Ihre Plätze sind immer noch reserviert. Ordnung muss sein. Ich denke: Wer weiß, vielleicht sind sie alle noch da. Nun, wir können sie leider nicht sehen … Wir setzen uns in die zweite Reihe in die Gästebank und wickeln uns notdürftig und dankbar in die schwarzen Schulterumhänge und Kopftücher der ausgewanderten sächsischen Bäuerinnen ein. Als Bestandteile der dörflichen Sonntagstracht werden sie diesmal noch einmal gebraucht. Als die Gemeinde Hals über Kopf zu Anfang der 90er Jahre nach Deutschland aufbrach, haben sie die Tücher achtlos zurückgelassen. Warum auch nicht!

In der Gedächtnispredigt spricht der Pfarrer über seinen Freund, den Regisseur Radu Gabrea. Der mit 80 aus dem Leben ging, jünger als der Pfarrer. Bewundernde und respektvolle Worte findet er auch für die tröstende Liebe der Ehefrau Victoria Cocias, eine hochgeachtete Schauspielerin, die alles stehen und liegen ließ, damit sie sich in den letzten Jahren um ihren geliebten Mann kümmern konnte. In den Verfilmungen der autobiographischen Romane des Pfarrers spielt sie anrührend die Mutter des Haupthelden.

Privat hatte sich zwar der Regisseur in ein Haus in ländlicher Umgebung zurückgezogen, beruflich jedoch ging er unbeirrt seinen Weg weiter. Genau genommen steckte er bis kurz vor seinem Tod mittendrin in der Arbeit an der Verfilmung des Lieblingswerks seines siebenbürgischen Freundes, des Bestsellerautors Eginald Schlattner: »Das Klavier im Nebel«. Ob dieses Leinwandprojekt überhaupt noch zu Ende gebracht werde würde, sei ab sofort ungewiss.

Dass die rumänische staatliche Fernsehanstalt am Vorabend der Beerdigung, »in memoriam« an den berühmten Regisseur, aus all seinen beliebten Filmen ausgerechnet die zwei Verfilmungen von Schlattners Büchern zum Ausstrahlen wählte – »Der geköpfte Hahn« und »Rote Handschuhe« –, dazu noch zu bester Sendezeit, kann gedeutet werden als »hommage« an die Freundschaft der beiden Männer.

Es war tatsächlich eine tiefgehende Freundschaft, die diese beiden führenden Persönlichkeiten der rumänischen Gegenwartskultur verband. Diese Zuneigung ging so weit, dass sich der Regisseur manchmal stärker als der Autor mit der Hauptfigur der Bücher identifizierte. Somit schaffte es Radu Gabrea, die Erinnerung an eine – oft alptraumartige – Welt auf die Leinwand zu bannen, die den Schriftsteller Eginald Schlattner immer noch beschäftigt und schmerzt, uns aber den Zugang zu verborgenen Wahrheiten verschafft, die sonst in der Vergangenheit vergraben geblieben wären.

Nein und sonderbar! Eginald Schlattner hat sich nicht an der Gestaltung der Verfilmungen beteiligt; er hatte dieses Glück, sich voll­kommen auf das Können und Wissen seines Freundes verlassen zu können. Radu Gabrea schenkte ihm im Gegenzug die Befreiung von manch quälenden Gedanken und traumatischen Erinnerungen. Und uns allen gab er diese wunderbaren Kunstwerke, die die Grenzen unserer menschlichen Wahrnehmung erweitern und uns auf der Suche nach dem Sinn der Geschichte und des Lebens sowohl erfreuen wie auch zum Nachdenken ermutigen.

Vielleicht liegt der Grund der Anziehungskraft und Nähe zwischen diesen zwei schöpferischen Personen in den vielen, teilweise überraschenden Übereinstimmungen ihrer Schicksale. Ähnlich wie der Gefängnispfarrer aus Rothberg, stammte auch Radu Gabrea, wenngleich auch nur mütterlicherseits, von einer deutschen Familie ab. Gleichfalls wurde er als Student durch die Kommunisten inhaftiert und später freigelassen, aber weiterhin verfolgt und schikaniert, bis er sich gezwungen sah, nach Deutschland zu fliehen. Sowohl Pfarrer wie Regisseur genossen ursprünglich eine technische Ausbildung als Ingenieure und änderten später ihren Beruf nach ihren jeweiligen wahren Berufungen. Beide setzten sich mit der Problematik zweier Diktaturen auseinander, griffen das Thema Auswanderung und Exil auf. Und beide entschieden sich für das Leben in der eigentlichen Heimat, Rumänien. Radu Gabrea kehrte nach der Wende zurück nach Bukarest, Eginald Schlattner blieb jedoch von Anfang an da, trotz widriger Bedingungen und zuletzt des Verlustes seiner evangelisch-sächsischen Gemeinde durch die Auswanderung.

Nichtsdestotrotz unterscheiden sich die beiden in einer ganz wichtigen Sache: in der Frage des Glaubens. Man sollte meinen, dass im Falle eines Pfarrers die Religion nicht in Frage gestellt werden darf, während man sich beim bewanderten Regisseur eher eine gewisse Neigung zum Zweifel vorstellen könnte. In Wahrheit scheint es umgekehrt gewesen.

Wollte man diese Lage durch Zitate aus den heiligen Schriften beschreiben, so sagte Pfarrer Schlattner von sich: »Ich glaube, Herr, hilf meinem Unglauben«, während Gabrea mit Zuversicht und Gottvertrauen dem Ruf »Befiehl dem Herren deine Wege und hoffe auf ihn« Folge geleistet habe. Eine Eigenschaft, für die ihn sein Freund bewunderte und beneidete.

So kommt es, dass der Pfarrer sich an manchen Tagen besonders freuen konnte, wenn ihn der zuversichtliche, positiv denkende Gabrea mit einem unerwarteten Besuch während seines einsamen Gottesdienstes am Sonntag überraschte. Beim Anblick eines kahlköpfigen Mannes mit Prophetenbart in einer der verlorenen Bänke schlug sein Herz sofort kräftiger und er eilte ihm mit offenen Armen entgegen, aus Leibeskräften kämpfend seinen korpulenten Freund zu umarmen. Ab nun werden diese Besuche für immer ausbleiben …

Stille in der Kirche. Der Dampf unseres Atems zeichnet sich in der kalten Luft ab. Die Zeit ist um. Wir stehen auf und treten vor die Tür. Über dem Eingang steht ein Spruch, der uns zu denken gibt: »Weise mir, Herr, deinen Weg.« Ob religiös oder nicht, jeder von uns stellt sich ab und zu die Frage nach der Richtigkeit seines Weges. Die Sicht kann sich da gewaltig unterscheiden, je nach der Höhe des Betrachters. Ob es in unserem Ermessen liegt, den Verlauf zu beurteilen, bleibt fraglich.

Wir verweilen für ein paar Augenblicke auf der Sonnenseite der Kirche, sitzen auf einer vor kurzem aufgestellten Bank. Es tut gut, das Gesicht ins warme Licht zu halten, das sich ungehindert über den Hof der Kirchenburg ergießt. Von der Seite betrachtend, merke ich sofort, dass sich das Fundament der Kirche längst nicht mehr auf Bodenhöhe befindet. Manche Tatsachen entziehen sich nun mal langsam, aber unentwegt unseren oberflächigen Blicken.

»Die Kirche versinkt in den Boden«, bemerke ich überrascht.

»Nein«, antwortet mir der Gefängnispfarrer, das ist er hauptamtlich, »nie versinkt ein Gebäude nach der Wasserwaage! Umgekehrt, der Boden ist in diesen knapp 800 Jahren gewachsen, seit 1225 die Kirche erbaut worden ist! Bedenken Sie das!«

Ich denke an vergrabene Schätze, an versunkene Ruinen. Und ich denke an die versöhnende Kraft des heimatlichen Bodens und an die letzte Ruhestätte eines frommen Filmemachers, dessen Adresse ab nun in einem Gottesacker festgeschrieben bleiben wird. Was er uns hinterlässt, ist mächtig und prägt die Erde, die sich um ihn schließt.


Gabriela Căluţiu-Sonnenberg

 

Aus: Deutsches Pfarrerblatt - Heft: 8/2017

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