Ein anglo-amerikanisches Paulus-Potpourri im Lutherjahr, Teil 3
Neue Perspektiven neutestamentlicher Wissenschaft

Von: Wichard von Heyden
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Die kontinentale Entwicklung der theologischen Wissenschaft und die diesbezüglichen Strömungen in Übersee gehen oftmals wenig Hand in Hand, ja werden sogar nur selten wechselseitig wahrgenommen. Wichard von Heyden schafft Abhilfe und stellt in einem dreiteiligen Beitrag Paulusliteratur der Gegenwart aus der englischsprachigen Welt vor, deren Kenntnis Gewinn verspricht und »uns« neu auf die Spur zu setzen vermag.


10. Religiöse Erfahrungen hinter den Texten

»Den religiösen Erfahrungen, die in den Quellen des frühen Christentums bezeugt werden, ist die universitäre Forschung selten gerecht geworden. Die wissenschaftliche Arbeit am Neuen Testament, wie wir sie kennengelernt haben, wurde durch theologische Interessen geformt und vorangetrieben. Dadurch wurde das Neue Testament zur Unterstützung und Erhellung christlicher Glaubens- und Lehrsätze ausgeschlachtet55

Für Larry W. Hurtado, (Vancouver, Winnipeg, jetzt Edinburgh), sind doktrinär oder fundamentalistisch operierende Lesarten der Schrift eine theologische Ursünde. Er fordert, die historisch rekonstruierbaren Erfahrungen, die den ntl. Aussagen zugrunde liegen, zu beachten. Dieser Ansatz wird von anderen anglo-amerikanischen Neutestamentlern geteilt. So schreibt der große alte anglikanische Hermeneutiker Anthony C. Thiselton (Nottingham) in seiner 2009 erschienenen, gut lesbaren, 190 Seiten umfassender Paulus-Einführung, dass man sich Paulus bloß nicht als einen wissenschaftlichen Theologen unserer Tage vorstellen möge, der der Person Jesu einfach irgendwelche Begriffe oder Glaubenstitel angeheftet habe, um auszuprobieren, was sagbar ist und was nicht. Vielmehr seien auch alle Christus-Bezeichnungen Erfahrungsbegriffe.56 Während wir zumeist fragen, wie wir mit unseren Erfahrungen die Schrift deuten, stellt sich die Frage auch umgekehrt: Wie deutet man die eigenen Erfahrungen mittels der Schrift?


10.1 Alttestamentliche Narrative als Deutungsmuster für Erfahrung: Richard B. Hays

Der einst an der Yale-, jetzt an der Duke-University lehrende Richard B. Hays übt international großen Einfluss aus. Die Erfassung und Deutung der atl. Hintergründe paulinischen Denkens ist von ihm auf eine neue Basis gestellt worden. Darüber hinaus sieht er in der Schriftverwendung des Paulus Orientierungspunkte für heutige Hermeneutik.

Ihm geht es nicht um Erfahrung an sich, sondern um den Umgang mit Texten: Paulus als Leser und Interpret der atl. Schriften. Es sind diese Schriften, die seine Erfahrungen deuten. Zugleich sind es seine Erfahrungen, mit denen er die Schriften deutet. »Intertextuell« kommen bei Paulus diverse Schriften miteinander ins Gespräch.57 Seine Briefe selbst sind nicht nur voller Zitate und Anspielungen auf atl. Narrative, sondern enthalten auch Widerhall und Echos unterschiedlichster Stimmen der Schrift. Schon Hans Hübner stellte fest, dass Hays’ Frage nach der Bedeutung des atl. Schriftgebrauchs im NT einfach »dran« war.58

Da man lange Zeit im Gefolge Bultmanns und seiner Schüler neu-lutherisch das Judentum, aus dem Jesus und Paulus stammten, für »gesetzlich« hielt, konnten atl. Zitate nur als von den ntl. Autoren verwendete Belegreferenzen ohne weitere inhaltliche Bedeutung gewürdigt werden. Hays sieht das deutlich anders. Zunächst zeigt er in seinem 1989 erschienen Beitrag »Echoes of Scripture«, wie schräg die paulinische Anwendung so manches atl. Zitats auf den unbefangenen Betrachter wirkt. Mancher »Beleg« belegt eigentlich gerade nicht die jeweilige These des Paulus. Jedenfalls überschreitet das Maß an freier Anwendung die herkömmlichen Konventionen auch antiker jüdischer Exegese.

Es stellt sich für Hays die Frage, mit welcher Hermeneutik Paulus die Schrift liest und versteht. Darüber hinaus aber schlägt er angesichts des genannten Befundes erstaunlicherweise vor, die paulinische Textinterpretation als Vorbild für unsere Hermeneutik heute zu nutzen. Wie aber passt das zusammen? Wesentlich geht es um die Grundauffassung des Paulus von der Weise, wie Gott durch die Schrift spricht: »Indem Paulus die Schrift in der Überzeugung liest, dass Gottes Wort nahe ist, nämlich in den Mündern und Herzen der eschatologischen Gemeinschaft, kollabiert die Distanz zwischen Vergangenheit und Gegenwart. Die Schrift behält eine ungeheure Macht als ein Werkzeug der Gottesrede bei, gleichzeitig aber erhält die Gemeinschaft große Freiheit in der Auslegung. Dies ist nicht wirklich ein Paradoxon: die Vorstellung, dass Hermeneutik ein Nullsummenspiel ist, in dem die Autorität des Textes die Kreativität des Auslegers aufheben muss (oder umgekehrt), ist ein rationalistisches Denkspiel, das Paulus unverständlich finden würde. Für ihn bedeutet die Nähe des Wortes am Ende der Zeiten: Leser, die voll Vertrauen und Glauben den Text wahrnehmen, gehören zu denen, für die ›der Schleier entfernt‹ wird. Sie werden vom Geist ermächtigt, phantasievolle intertextuelle Lesarten zu erzeugen, die das Zeugnis des Gesetzes und der Propheten zum Evangelium und der Rechtfertigung beleuchten. Die ‚ursprüngliche‘ Bedeutung des biblischen Textes normiert also keineswegs die Interpretation des Paulus, sondern schwebt im Hintergrund, um einen Cantus-Firmus zu schaffen, gegen den ein Cantus Figuratus gesungen werden kann.«59

Denn bei aller Freiheit der Schriftanwendung beobachtet Hays: »Die spielerisch anspielende Schriftverwendung bei Paulus lässt genügend Raum für die Schrift, selbst dagegen zu sprechen. Anstatt den Raum zwischen den Texten mit Erklärungen zu füllen, ermutigt Paulus den Leser, mehr von der Botschaft der Schrift zu hören, als er selbst ausspricht. Das Wort, das die Schrift spricht, wo Paulus schweigt, ist ein Wort, das noch die Macht hat, gegen ihn zu Felde zu ziehen.«60

Hays plausibilisiert seinen Ansatz mit einem Hinweis auf Bonhoeffer. Der hatte 1939 in der Entscheidungssituation, ob er in Amerika bleiben oder nach Deutschland zurückkehren solle, eines Tages die Losung aus 2. Tim. 4,21 gelesen: »Komm, bevor es Winter wird«. Gerichtet an Timotheus, der den Paulus in seiner Gefangenschaft versorgen soll. Womöglich überhaupt pseudepigraphisch – und dennoch: Für Bonhoeffer wird dieses gelesene – und selbstverständlich in seiner historischen Bedingtheit verstandene – Wort zur entscheidenden Wende. Bewusst appliziert er es auf sich und seine Situation.61


10.2 Innovatives Lesen der alttestamentlichen Schrift

Historisch-exegetisch ist anhand von Hays und anderen62 zu beobachten, mit welchen Voraussetzungen Paulus jeweils gearbeitet haben muss. Es wird deutlich, was den Paulus und seine Leute bewegt hat, welche Schriften sie wie gelesen haben. Man kann das für jeden einzelnen Paulusbrief weitgehend nachvollziehen. Damit wird deutlich, dass Paulus weder ein Dogmatiker ist, der ein System durchzieht, noch ein bloßer Ad-hoc-Theoretiker, der bloß mal eben nach einer Lösung für ein Problem sucht. Das in etwa hatte Sanders in seiner kleinen Paulus-Einführung vorgeschlagen: Paulus habe im Galaterbrief mittels seines enormen Textwissens die beiden einzigen Stellen kombiniert, die Glaube und Rechtfertigung zusammenstellen (Gen. 12/Hab. 2).63 Dagegen stellt Hays fest, dass dies nicht eine bloße Augenblickslösung des intellektuell versierten Paulus ist, sondern dass dem eine längere und breitere Auseinandersetzung mit den entsprechenden Texten und ihren Narrativen vorausgegangen sein muss.

Also: Paulus liest mit seinen Gemeinden und seinen Begleitern atl. Schriften und bezieht aus eschatologisch-christologischer Perspektive die Dinge neu aufeinander. Er würde sagen, so, wie sie eigentlich gemeint sind, denn es ist eine geistliche Schrift, die geistlich verstanden werden muss. Der Schlüssel dazu liegt in den gegenwärtigen Erfahrungen mit Christus und dem Geist Gottes in der Gemeinde. »Wenn wir von Paulus lernen würden, wie die Schrift zu lesen ist, würden wir sie ekklesiozentrisch lesen, als ein Wort für und über die Gemeinschaft des Glaubens.«64 (...) »Wir würden sie lesen als Dienst an der Verkündigung«.65 »Wir würden sie lesen und uns selber als Teilhaber am endzeitlichen Drama der Erlösung verstehen«.66 »Wir würden die metaphorische Beziehung zwischen dem Text und unserem eigenen Verständnis davon zu schätzen lernen. So würden wir anfangen, die Poetik der Interpretation zu schätzen, die es der Rhetorik erlaubt, friedlich neben der Grammatik und der Logik zu lagern. In unserer eigenen Verkündigung des Wortes würden wir einen breiten Raum für das Spiel von Echo und Anspielung, für figurative intertextuelle Konjunktionen lassen. Und wenn unsere Gemeinschaften ausreichend in der symbolischen Basis der Schriftstelle verwurzelt sind, ist auch das Spiel mit Überschreitung von Fiktionalität und Wirklichkeit möglich. Die Ausmalung des Textes wäre die natürliche Folge der Verortung unseres Lebens in seiner Geschichte.«67

Und ganz nebenbei: Die Slenczka-Debatte hätte es nie gegeben. Denn es wäre dann auch für den Systematiker deutlich, dass man exegetisch und hermeneutisch das AT tatsächlich lesen muss und dabei auch auf die Kirche und Christus beziehen darf.


10.3 Hermeneutik des Vertrauens vs. Entmythologisierung der Sola Scriptura

Hays fordert, sich von der lang geübten Hermeneutik des Misstrauens zugunsten einer Hermeneutik des Vertrauens bzw. der Treue zu lösen.68 Es geht um ein Vertrauen in die Stimme Gottes, die durch die Narrative der Schrift spricht. Man kann dies als Alternative zu den üblichen idealistischen Hermeneutiken ansehen, die sich einen idealen archimedischen Punkt außerhalb der Schrift suchen und von diesem ausgehend die Gültigkeit einzelner Schriftaussagen bewerten. Dagegen Hays: »Wir können vom Beispiel des Paulus lernen, die Schrift in Treue zu lesen. Wenn wir seinem Beispiel folgen, wird die Vorstellungskraft der Kirche verändert werden, sodass sie sowohl die Schrift als auch die Welt in einem neuen Licht sehen kann.«69


11. Stehen die Anfänge der Pauluskritik vor ihrer Revision?

Während der EKD-Text »Rechtfertigung und Freiheit« (2014) noch die Entdeckung von »Schichten« innerhalb biblischer Texte anführt, um das Schriftprinzip zu entmythologisieren,70 werden in der internationalen Forschung ganz andere Diskussionen geführt, die meilenweit von Stückel-Hypothesen entfernt sind. Nehmen wir als Beispiel die Pastoralbriefe. Mit der Bestreitung ihrer Authentizität hatte einst bei Schleiermacher, Eichholz und Baur die Paulus-Kritik begonnen. Der Baptist Stanley E. Porter (Vancouver/Kanada), der in der nordamerikanischen Forschungs-Community lange einen größeren Zweig der Paulusforschung organisiert und veröffentlicht hat, schreibt: »Es ist langjährige Tradition der deutschen Kritik, (...) die authentische Urheberschaft der Pastoralbriefe gänzlich auszuschließen.«71

Wir haben spätestens im Proseminar gelernt, dass Paulus nur sieben bis acht der im NT unter seinem Namen aufgeführten Briefe geschrieben hat; die Fragen nach Schichten, Quellen und Konglomerationen sind dabei noch außen vor.72 Sicher schien: Paulus hat nie im Leben die Pastoralbriefe geschrieben. Für diese Auffassung gibt es gute Gründe. Erstaunlicherweise äußert nun Ben Witherington III. in seinem 2006 erschienenen Kommentar eine Einschätzung, die man diesseits des Atlantiks nur für schräg halten kann. Witherington ist ordinierter methodistischer Geistlicher, Professor an Asbury/Wilmore und Autor einer Vielzahl von »soziorhetorischen Kommentaren« zu Paulusbriefen, der Apostelgeschichte und anderen Schriften.73 Witherington fragt, warum die meisten Paulusforscher, die sich nie intensiv mit den Pastoralbriefen beschäftigt haben, diese für nachpaulinisch halten. Denn gleichzeitig sei »die Mehrheit der Gelehrten, die solche Kommentare geschrieben haben, entweder offen für diese Möglichkeit oder gar überzeugt, dass diese Briefe tatsächlich in irgendeiner Form auf Paulus zurückgehen.«74

Erstaunlich ist, dass hier gerade diese Dinge ganz neu diskutiert werden. Zumindest die großen amerikanischen Kommentare der letzten 30 Jahre gehen tatsächlich (!) von der paulinischen Verfasserschaft aus oder diskutieren sie als ernsthafte Möglichkeit.75 All diese Werke stammen gerade nicht aus dem Bible-Belt.


11.1 Der Anstoß von Luke T. Johnson

Als wichtigster Vertreter und Neu-Initiator der Fragestellung kann vor allem Luke Timothy Johnson gelten, laisierter Benediktinerpriester, Neutestamentler erst in Yale, jetzt Emory/Atlanta. Sein 2001 erschienener Kommentar76 war für viele Anstoß, sich neu mit dieser Sache zu beschäftigen.

Johnson war im Zuge seiner Vorlesungstätigkeit immer mehr zu der Auffassung gekommen, dass viele der vermeintlich gesicherten Erkenntnisse doch nicht ausreichen. Der Ansatzpunkt ist einfach: Man erkenne, dass die Annahme einer Pseudepigraphie produzierenden Paulusschule bislang rein hypothetisch ist und keine positive äußere Evidenz hat. Man fange also einmal an, die drei Briefe so zu lesen, wie die Menschen in den ersten 1800 Jahren Christentum es getan haben, nämlich als Paulusschriften. Man würde sie nicht so sehr als Block wahrnehmen. Man würde jeden einzelnen Brief mit einzelnen anderen Paulusbriefen vergleichen. Solange man dagegen ein Corpus vermeintlich echter Schriften mit einem Corpus vermeintlich zusammengehörig falscher Schriften vergleicht, arbeitet man auf beiden Seiten mit einem abstrakt zusammen-komponierten Bild, das in sich wiederum hoch hypothetisch ist. Dabei werden dann einzelne Unterschiede auf die Ebene echter Gegensätze gehoben, als System interpretiert und die Textblöcke grundsätzlich voneinander abgegrenzt.

Wenn man dagegen die Texte je einzeln vergleicht, kann man subtilere Verbindungen zwischen einzelnen Schriften beobachten. 2. Tim. ähnelt dann stilistisch und inhaltlich überraschend Phil.: beide aus der Gefangenschaft geschrieben, Paulus hat den Tod vor Augen; er will die jeweilige Gemeinde ermahnen und benutzt dafür eine Reihe von Beispielen, z.B. das Geschick Jesu oder anderer Vorbilder. 1. Tim. ähnelt bemerkenswert 1. Kor. – stilistisch und von einzelnen Themen her: Es geht beide Male um praktische Fragen einer reichen, urbanen Gemeinde, in der Reichtum, insbesondere der Reichtum wohlhabender, mächtiger Frauen eine Rolle spielt. Die Themen »Sklaven« und »Gleichheit« verbinden sich damit. In dieser Hinsicht sind beide angeschriebenen Gemeinden so ähnlich, dass die Hauptdifferenz darin zu bestehen scheint, dass die Ägäis dazwischen liegt. Und in Tit. wird als bestehendes Gemeindeproblem genannt, dass eine heidenchristliche Gemeinde offensichtlich zur Beachtung von Reinheitsgeboten oder gar zur Beschneidung gedrängt wird, damit deren Angehörige sich als »Vollmitglieder« der Kirche fühlen können. Es erübrigt sich schon fast, ausdrücklich auf Gal. als Vergleich hinzuweisen.77

Natürlich gibt es auch eine Reihe von Unterschieden. Das sieht auch Johnson. Aber erstens sind die Unterschiede kaum so hoch anzusetzen, wie man vor Jahrzehnten dachte. Man spricht heute allgemein vom »Erbe des Paulus« in den Pastoralbriefen, womit deutlich ist, dass sie ihm so ganz fern nicht stehen. Zum anderen sei vieles einfach darauf zurückzuführen, dass Paulus hier an Mitarbeiter, nicht an Gemeinden schreibt. Situation und Form des Schreibens sind damit anders. Mit ein paar wenigen(!) Sätzen in 1. Tim. und Tit. kommt Paulus auf Strukturen/Dienste zu sprechen, die in den Gemeindebriefen nur als Andeutung begegnen. Mancher Unterschied ist durch diese verschiedene Adressaten-Situation erklärt.

James W. Aageson (Concordia College, Minnesota) hat die Thesen Johnsons monographisch ausführlich untersucht, indem er sowohl die theologischen Muster (patterns) der Briefe detailliert vergleicht als auch die chronologischen Möglichkeiten. Er kommt zu dem Ergebnis, dass letztlich die alte Auffassung der Pseudepigraphie überzeugender sei. Aber die Entscheidung zwischen »echt« und »pseudepigraph« liegt für Aageson nahe dem »Gleichgewichtspunkt« zwischen beiden Optionen.78

Hauptproblem, sich Johnson anzuschließen, ist, dass die persönlichen Bemerkungen der Pastoralbriefe in manchen Punkten überhaupt nicht mit dem Bild zusammenstimmen, das man sich aus den Gemeindebriefen und der Apg. von der Paulus-Chronologie machen kann. Johnson hält sich daher die genaue Zuordnung offen. Er gibt zu, es nicht genau zu wissen, hält aber die Lückenhaftigkeit unseres Wissens zur Abfolge der paulinischen Mission dagegen sowie die tatsächliche Existenz mehrerer zeitlicher Möglichkeiten für Paulus, auch noch einmal anders agiert zu haben, als der lk. Bericht es weiß. Konservativere Vertreter »lösen« das Problem, indem sie die Pastoralbriefe zu einer späten Frucht des gealterten Apostels machen. Dafür müssen sie aber die Freilassung des Paulus aus römischer Haft sowie eine anschließende Ägäis-Revival-Tour des Gemeindegründers annehmen, nur um ihn dann gerade noch rechtzeitig wieder in römische Haft geraten zu lassen, damit er in der neronischen Christenverfolgung das Martyrium erleiden kann. Nicht sehr wahrscheinlich!


11.2 Die Infragestellung von althergebrachten Modellen

Was man bei Exegeten wie Hays und Johnson generell sehen kann, ist, dass britische bzw. amerikanische Wissenschaftler eher den Mut haben, alte, anerkannte Denkmuster zu verlassen, systematische Konstrukte probehalber einmal nicht zu beachten und innerhalb eines Ausschnitts neu zu denken. Im Zweifelsfall wächst so ein neues Gesamtverständnis heran und irgendwann wird eine Ablösung des immer brüchiger werdenden allgemeinen Geschichtsmodells für die Zeit des frühen Christentums möglich. Bisher dominiert hier immer noch das Denken in dialektischen Gegensätzen mit fortschrittlichen oder dekadenten Tendenzen das Bild. Gleichzeitige Wahrnehmung vielfältiger Unterschiede und deren Verbundenheiten gehören eher nicht zu den Stärken des gängigen Konstrukts. Am noch nicht ausgereiften Beispiel der Pastoralbriefe kann man allerdings beispielhaft sehen, dass gerade unter Bedingungen historisch-kritischer Analyse noch vieles möglich und denkbar ist, dass die Geschichte der Erforschung und des Verstehens auch bei Paulus längst nicht abgeschlossen ist.


12. Epilog

Schaut man auf die »lebendigen« Merkmale des Paulus, rückt er auf jeden Fall näher, als wenn man ihn nur zu einem Theoretiker, Systematiker, eigentlichen Gründer oder dogmatischen Verfälscher des Christentums macht. In den gezeigten Perspektiven begegnet er eben nicht glatt, lebensfern, doktrinär oder moralistisch. Vielmehr finden wir einen überaus vielfältig begabten und vernetzten Menschen, der in seinen Grundüberzeugungen einen tiefgreifenden Wandel durchmachte, der dabei aber weiter offen und lernfähig blieb, zugewandt, situativ und seelsorglich reagierend, aber das vor dem Hintergrund einer konsistenten Verwurzelung in den Geschichten des Volkes Gottes, jetzt »frisch« und neu bewertet und interpretiert. Ich empfinde diese neueren Perspektiven durchaus als Anstoß, Theologie für die und in der Gemeinde neu zu denken.

Dabei sei noch einmal zugestanden: Es ist ein Ausschnitt aus der Debatte, auch der internationalen, die ich hier geboten habe. Wichtige Namen sind nicht vorgekommen, vor allem einige von denen nicht, die der pauschalisiert »deutsch« genannten älteren Forschung näher stehen. Es ist also nicht die englischsprachige Forschung, sondern es sind nur Teile, die mir begegnet sind auf der Suche nach anderen Sichtweisen auf Paulus als den aus dem Studium gängigen. Während die Thesen der »Neuen Paulus-Perspektiven« zur Rechtfertigungslehre vielfach anerkannt sind, sind die in diesem letzten Beitrag dargestellten Thesen von Hays und Johnson umstrittener.79 Aber das ist Wissenschaft: nicht Wissen wissen, sondern ­suchen.

Damit wären wir wieder im Jahr des Reformations-Jubiläums. Auch hier wird gesucht: Wie bringt man große theologische Entdeckungen den Menschen näher – oder wie verschleiert man sie weitmöglichst im Gewimmel der Wallfahrten, der Events und der hochglanzverliebten Papierfluten? Der Schriftbezug ist häufig nicht einmal Behauptung. Es wäre an der Zeit, die Reformation nicht mehr als Vorstufe von Aufklärung oder Idealismus zu tarnen und an deren Idealen zu messen. Und Reformatoren als Plastik-Maskottchen sind irgendwann albern.

Mit den Reformatoren darf man getrost die These wagen und sie auch laut hinausrufen: Das NT – und damit auch das AT! – hat viel mehr beizutragen! Zum Jubiläum und zum Gedenken. Aber eben auch zum Leben.

Luther hat an Paulus – in seiner Sicht, in seiner Zeit – gelernt, evangelische Theologie zu betreiben, als Lebensdeutung für die Menschen seiner Zeit. Wäre es möglich, dass wir heute dasselbe tun, in unserer Situation, mit unseren Fragen? Wäre nicht das das eigentliche und wesentliche Anliegen einer Reformationsfeier?

Wichard von Heyden


Anmerkungen:

55 L.W. Hurtado, How on Earth Did Jesus Become a God? Grand Rapids/Cambridge 2005, 180. Übersetzung aus dem Englischen hier wie in allen folgenden Fällen von mir.

56 A.C. Thiselton, The Living Paul. His Life, Letters and Thoughts, London 2009, 39.

57 Zur Intertextualität hat Hays u.a. auch diverse Beiträge gemeinsam mit S. Alkier, Frankfurt, veröffentlicht.

58 H. Hübner, Intertextualität – die hermeneutische Strategie d. Paulus, ThLZ 116 (1991), 881-898. In Deutschland ist diese Fragestellung neben ­Hübner v.a. von D.A. Koch und F. Wilk bearbeitet worden.

59 R.B. Hays, Echoes of Scripture in the Letters of Paul, Yale 1989, 177.

60 Ebd.

61 Echoes, 178.

62 Die Literatur zu diesem Thema ist in den letzten Jahren »Legion« geworden. Vgl. FS Hays: The Word leaps the Gap, Grand Rapids 2008.

63 E. P. Sanders, Paulus. Eine Einführung, Stuttgart (Reclam) 1995, 74-78. Sanders vergleicht das Vorgehen des Paulus mit fundamentalistischer Exegese. Hays rehabilitiert dagegen diese Exegese als »intertextuell«. Hays' Einsichten sind insbesondere für das Werk von N.T. Wright in wesentlichen Punkten grundlegend.

64 Hays, Echoes, 184.

65 Ebd.

66 Ebd., 185.

67 Ebd., 186.

68 R.B. Hays, The Conversion of the Imagination. Paul as Interpreter of Israel’s Scripture, Cambridge 2001, 190ff.

69 Ebd., VIII.

70 »Rechtfertigung und Freiheit« (2014), 84.

71 S.E. Porter, Pauline Chronology and the Pastorals, in: ders.: Paul and Pseudepigraphy, Leiden 2013, 84.

72 Diese Fragen dominieren auch sonst nicht mehr das Feld.

73 Gut lesbar ist sein 2012 erschienenes Büchlein »A Week in the Life of Corinth« (Downers Grove/Illinois), in dem er Paulus fiktiv eine Woche in der korinthischen Gemeinde mitleben lässt.

74 B. Witherington III, Letters and Homilies for Hellenized Christians, Downers Grove/Illinois (IVP) 2006, 50f.

75 Zu nennen sind z.B. G.D. Fee, D. Guthrie, L.T. Johnson, J.N.D. Kelly, G.W. Knight, W.D. Mounce, T.C. Oden. Teilweise Zustimmung z.B. von M. O’Connor, P.H. Towner, J.W. Aageson, in Deutschland noch etwas verhaltener bei J. Herzer (Leipzig) sowie seinen Schülern M. Engelmann und J. Luttenberger. Dagegen hält B. Fiore 2006 (Sacra Pagina) jüngst wieder ganz an der Pseudepigraphiethese fest.

76 L.T. Johnson, The First and Second Letters to Timothy, Anchor Yale Bible 2001.

77 Ich folge in dieser Darstellung dem mündlichen Überblick Johnsons: Paul, Kap. 11, TheGreatCourses.com (2013).

78 J.W. Aageson, Paul, the Pastoral Epistles and the Early Church, Grand Rapids 2008.

79 Das gilt insbesondere auch für deren individualethischen Ansätze, deren Zielrichtung manchenteils in die je diametral entgegengesetzte Richtung zeigt. Schön ist aber, dass eine ethische Diskussion von und mit dem NT geführt wird und nicht einfach geradewegs daran vorbei.

 

Aus: Deutsches Pfarrerblatt - Heft: 8/2017

1 Kommentar zu diesem Artikel

Ein Kommentar von Kim Min / 29.08.2017
Danke für den Artikel. Auch in der europäischen Paulusforschung gab es durchaus andere Stimmen, als das gros der theologischen Universitätswissenschaft. Leider wurde und wird gerade dort sehr engstirnig der einmal eingeschlagene Weg der "historischen Kritik" verfolgt, egal wie widersprüchlich und unlogisch dieser auch sein mag. Ein Beispiel für diesen "neuen" Ansatz über Paulus und die Pastoralbriefe, welcher aus der Vergangenheit stammt, lässt sich anhand dieses Vortrags vernehmen: "Eta Linnemann - Gibt es Pseudepigraphen?" (Google findet)

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