Warum wir die Freiheit des Glaubens feiern sollten
Streit ums Jubiläum

Von: Ulrich Beuttler
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Große Ereignisse werfen ihre Schatten voraus, aber jetzt gibt es richtig Ärger um das Reformationsjubiläum. Der Streit betrifft einerseits die ökumenische Ausrichtung der Feierlichkeiten durch die EKD, namentlich den Ratsvorsitzenden, und andererseits die Deutungshoheit darüber, was und warum beim Jubiläum zu feiern ist.

Hintergrund ist, dass Heinrich Bedford-Strohm vor zwei Jahren Kardinal Marx eingeladen hat, aus Anlass der »Erinnerung« an das »Symboldatum« am 31.10.2017 »gemeinsam ein Christusfest zu feiern.« Zunächst hatte die römisch-katholische Bischofskonferenz gegen ein »Reformationsjubiläum« protestiert, da man schwerlich die »Spaltung« der vormals einen Kirche feiern könne. Daraufhin verständigten sich EKD und Bischofskonferenz auf das »ökumenische Christusfest«. Nach vielen Jahrhunderten der polemischen Abgrenzung und der nationalen Aufladung des Symboldatums und nach Jahrhunderten der protestantischen Selbstvergewisserung, weil es heute dringendere Fragen gäbe und man in der Frage nach Gott geeint sei, wollen Kardinal Marx und Bischof Bedford-Strohm das Jubiläum »in ökumenischer Gemeinschaft feiern«, sie wollen die getrennte Geschichte aufarbeiten, die »Erinnerung heilen«, wie es im Grundlagenpapier von EKD und Bischofskonferenz heißt. Dem dienen auch eine gemeinsame Pilgerfahrt ins Heilige Land und jüngst der ökumenische Versöhnungsgottesdienst in Hildesheim.


Ausgerechnet evangelischer Ablasshandel im Reformationsjubeljahr

Nun hat Friedrich Wilhelm Graf in gewohnt überheblicher Manier beiden »theologische Gedankenlosigkeit« vorgeworfen, weil sie die »Heilung der Erinnerung« mit dem Thema Schuld im religiös-moralischen Sinn verquickt haben und nicht unterscheiden könnten zwischen Schuld als Verpflichtung wegen eines Fehlers oder Irrtums (debitum) und zwischen Sünden-Schuld (culpa), die man nicht für andere und nicht für die Vorväter abtragen könne. Das Projekt »Heilung der Erinnerung« sei nichts anderes als die Umwandlung von Sündenschuld in äußere Entschuldung und damit »Handelsverkehr mit den Sündenschulden … genannt Ablass« (so Graf mit gelehrtem Zitat von W. Krug, Nachfolger I. Kants, und der implizierten Spitze: der Aufklärungs-Philosoph ist noch der bessere Theologe als die ganze EKD-Spitze und Bischofskonferenz zusammen, in: Zeitzeichen 10/2016, 11).

Das war nun der schärfste mögliche theologische Vorwurf: Die evangelische Kirche macht gerade zum Jubiläum der Anti-Ablass-Thesen Luthers einen Ablasshandel mit den Katholiken.

Dagegen hat Thies Gundlach, Vizepräsident des EKD-Kirchenamts scharf geschossen: Die ganze akademische Professorenschaft sei gefangen in »grummeliger Meckerstimmung« und »besserwisserischer Ignoranz«, und hätte doch selbst keinen »tragenden Gedanken«, um ihrer Aufgabe nachzukommen, »öffentlich« zu entfalten, welche »zukunftsfähigen Botschaften heute in der Reforma­tion« schlummern (Zeitzeichen 3/2017).


Reformationspopulistische Fake News

Die Angegriffenen schießen ihrerseits zurück, besonders Thomas Kaufmann, einer der führenden Reformationshistoriker: Erstens kritisiert er die EKD, sie habe in der Sache nichts Substantielles beizutragen und wolle nun die wissenschaftliche Theologie als Erfüllungsgehilfin dafür, der Öffentlichkeit von Bundestag, Rotary-Club und Deutscher Bahn deren demokratisches Selbstverständnis ungebrochen durch die Reformation zu rechtfertigen. Das sei Instrumentalisierung der Wissenschaft »zum Zwecke staatlich-ideologischer oder kirchlicher Nützlichkeit«. Die EKD, so poltert Kaufmann zusammen mit seinem systematisch-theologischen Kollegen Martin Laube, rase in einer »theologischen Geisterfahrt« auf den 31.10. zu und verbreite »in eklatanter Geschichtsvergessenheit« »reformationspopulistische Fake News« über die Reformation.

Zweitens kritisiert er die Haltung der EKD-Spitze mit ihrer ökumenischen Ausrichtung und der Umetikettierung des Reformationsjubiläums zum gemeinsamen Christusfest als nahe am »Verrat gegenüber der evangelischen Sache«, da sich die EKD-Oberen »wie Konfirmanden aufgereiht« im Vatikan hinstellen, bloß um mit dem Papst und den Kardinälen auf ein symbolträchtiges Bild zu kommen (Zeitzeichen 4/2017, 20-22). Dagegen hat nun im jüngsten »Zeitzeichen« EKD-Ratsmitglied und Delegationsteilnehmerin Elisabeth Gräb-Schmidt die EKD-Spitze verteidigt. Die Leitlinie des Rom-Besuchs sei die Ökumene der versöhnten Verschiedenheit und nicht »Unterwerfung« unter die römische Kirche (Zeitzeichen 6/2017, 14).


Die Pluralität der Kirchen feiern

Genug der Polemik. Die Sache ist ernst. Auch die württembergische Kirche hat von Bischofsseite beschlossen, das Jubiläum ökumenisch im Sinne eines »Healing-of-memories«-Gottesdienstes zu feiern, wie in Biberach im März geschehen. Der Papst ist nach Wittenberg eingeladen, in Lund feierte er mit Vertretern des Lutherischen Weltbundes. Was eigentlich? Den vorreformatorischen Gottsucher?

Wenn man nämlich vom Ergebnis der Kirchenspaltung her zurückblickt und die nach wie vor nicht zurückgenommene Exkommunikation Luthers als formalen amtskirchlichen Trennungsgrund ansieht, dann kann man angesichts der nach wie vor trennenden Kirchen-, Sakraments- und Amtsfragen (wie das gemeinsame Dokument »Erinnerung heilen – Christus bezeugen« von EKD und Bischofskonferenz eingesteht) kaum ökumenisch feiern.

Je ungenauer der Feiergrund (Freiheit, Demokratie, Christusfest), desto mehr können mitfeiern, je genauer der Trennungsgrund (Grundeinsichten der Reformation zu Sünde, Glauben, Rechtfertigung), desto weniger.

Ich frage: Warum kann man nicht auch die Pluralität der Kirchen feiern? Als Gewinn begreifen? Wenn man doch in wesentlichen Fragen des Heils, der Gnade und Rechtfertigung einig ist (seit »Lehrverurteilungen – kirchentrennend?« und der »Gemeinsamen Erklärung zur Rechtfertigungslehre«, 1999). Und nicht nur als Verlust der Kircheneinheit. Die verschiedenen Kirchen sprechen mit je ihrem Profil auch unterschiedliche kulturelle und existentielle Selbstverständnisse an, seit dem Neuen Testament. Schleiermacher hat gesagt, im Protestantismus komme man vom Glauben des Einzelnen zur Kirche, im Katholizismus jedoch andersherum von der Kirche zum Glauben. Das eine Verständnis, der Protestantismus, entspricht mehr dem heutigen, durch die Reformation mit ausgelösten, individuellen Glaubensverständnis, das andere, katholische, mehr der heute immer noch gesuchten Traditionsverbundenheit.


Protestantismus – die Religion der Moderne

Und auch wir Evangelischen können 2017 nur feiern, wenn wir zugleich die historische Differenz anerkennen zwischen Luther und uns und erkennen, dass der Protestantismus die Religion der Moderne wurde. Luthers Berufung auf Vernunft, auf die Freiheit des Glaubens und Gewissens in Worms gibt der aufgeklärten Gesellschaft Motiv, den 31.10. als bürgerlichen Feiertag mitzufeiern, hat aber auch – seit der Halbzeit, 250 Jahre später – den Pluralismus, den Säkularismus und Individualismus mit befördert, der Gesellschaft wie evangelische Kirchen heute prägt.

Aber dass wir uns bei den Feierlichkeiten auf den ökumenischen, vorreformatorischen, mystischen Luther der Bußfrömmigkeit (Volker Leppin) und der Suche nach dem gnädigen Gott beschränken (so Benedikt damals in Erfurt) oder auch nur die Berufung auf die Bibel (so Franziskus in Lund), das will ich nicht mitmachen.

Luthers Reformation war eine theologische Erneuerung, die ebenso papst-kirchenkritisch wie gesellschaftspolitisch relevant war. Hegel nennt den Protestantismus nicht zu Unrecht, in Potential und Wirkung, die Religion der Freiheit. Denn das theologische Programm der Rechtfertigung sola fide, das Luther in der Freiheitsschrift entfaltet, heißt: Im Glauben ist jeder Christ ein souveräner Herr über alles, was sich als Heilsbedingung und Heilshindernis zwischen ihn und Gottes vergebende Güte schieben will; und er ist in dieser Hinsicht niemandem untertan, d.h. er ist auch frei vom Papst, der die Schlüsselgewalt über das Jenseits, über Fegefeuer und Himmel, für sich beanspruchte. Gegen das System des Monopols der Heilsvermittlung durch die Papst- und Priesterkirche stellt Luther die prinzipielle Gottunmittelbarkeit des glaubenden Menschen, jedes Christen und jeder Christin.


»Demokratisierung der Heiligkeit«

Die evangelische Freiheit enthält nicht nur das gut katholische sola gratia, sondern eben auch das evangelische sola fide. Die Rechtfertigung vor Gott und die Heilsgewissheit ist wirksam im vertrauenden Glauben an die göttliche Verheißung, die promissio, die wirkt, was sie sagt. Diese evangelische Einsicht, die Herausstellung des Glaubens und der Heilsgewissheit, war damals mit der katholischen Kirchenlehre nicht vereinbar. Aber wäre sie nicht heute wieder eine gut katholische, evangeliumsgemäße und damit ökumenische Erkenntnis?

Der Zugang zum Evangelium ist nicht, wie bisher und nachher, durch die guten Werke und über die Ämter der Kirche vermittelt, sondern allein aus Gnade durch Glauben. Diese »Demokratisierung der Heiligkeit« wurde leitend für die Theologie der Reformatoren (B. Hamm/M. Welker: Die Reformation, Potentiale der Freiheit, 56).

Die Seele ist frei im Glauben, sagt Luther in der Freiheitsschrift »De libertate christiana«. Als Religion der Freiheit ist Luthers Theologie allerdings auch eine Kritik der eigenen Wirkungsgeschichte und weist darauf hin, Freiheit als eine geistliche, innere Dimension zu begreifen und nicht in äußerer, politischer, gesellschaftlicher oder Religionsfreiheit aufgehen zu lassen, so hochzuschätzen diese sind. Die Freiheit des Glaubens, nicht mehr und nicht weniger, gilt es zu entdecken, zu feiern, zu leben.


Ulrich Beuttler

 

Über den Autor

Prof. Dr. Ulrich Beuttler, Pfarrer an der Markuskirche Backnang, apl. Prof. für Syst. Theologie an der Universität Erlangen-Nürnberg.

Aus: Deutsches Pfarrerblatt - Heft: 8/2017

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