Ein Pfarrer liest den Koran
»Die Hölle ist in allen Suren offen«

Von: Frieder Dehlinger
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Über die Medien ein Bild vom Islam zu bekommen, ist eine Sache, den Islam durch Studium des Korans kennenzulernen, eine andere. Frieder Dehlinger nutzte im Sommer 2016 die Gelegenheit eines »Kontaktsemesters«, um mit dem exegetischen Handwerkszeug ­eines Pfarrers den Koran für sich zu erschließen und parallel dazu in Tübingen Lehrveranstaltungen zum Koran zu besuchen. Seine Hoffnung war es, durch ein vertieftes Verständnis des Korans in seinem Umfeld zum Brückenschlag zwischen den Religionen beitragen zu ­können.*


1. Einige Daten und historische Fakten zum Koran und zu seiner Entstehung

Der Koran versteht sich durchgängig als Rede Gottes zu seinem Propheten Mohammed. Über einen Zeitraum von 22 Jahren teilt Gott Mohammed Sure um Sure den Koran mit. Mohammed beschreibt den Empfang der Offenbarung als ein heftiges übermächtigendes Geschehen, in dem der Engel Gabriel stellvertretend für Gott ihm die Suren übermittelt.

Für Mohammed ist der Koran die Offenbarung Gottes in arabischer Sprache für die Araber. Das heißt:

(1) Der Koran versteht sich in jedem Vers als unmittelbares verbalinspiriertes Gotteswort.

(2) Die Person Mohammeds ist der eine und einzige Gewährsmann, an dem die Zuverlässigkeit der Offenbarung Gottes hängt.

Mohammed lebte von ca. 570 bis 632 n.Chr. in Mekka und Medina. Die Berufung zum Propheten, also dass Mohammed Gottes Stimme hörte, begann etwa mit seinem 40. Geburtstag, vermutlich im Jahr 610. Aus dieser Zeit stammen die ersten Suren. – Die letzten Suren stammen aus der Zeit kurz vor Mohammeds Tod im Jahr 632.

In der heutigen Koranforschung werden die Suren vier Epochen zugeordnet:

1. Die 48 kurzen Suren der Epoche Mekka 1 (610-615) enthalten eine Prophetie des Monotheismus und des nahen Weltendes. Mohammed lebt noch im Verborgenen. Der Gottestitel ist »raab«/Herr.

2. In der Epoche Mekka 2 (615-620) findet Mohammed erste Anhänger. Die 21 Suren werben um Zustimmung. Der Gottestitel ist »der Allerbarmer«.

3. In der Epoche Mekka 3 (620-622) entstehen 21 Suren, die den sich zuspitzenden Konflikt der Mohammed-Bewegung mit dem Establishment in Mekka spiegeln. Es geht um eine immer schärfere Abgrenzung, die im Jahr 622 zum Auszug nach Medina führt. Der Gottestitel nun ist »Allah«.

4. In den 24 oft sehr langen medinensischen Suren geht es um die Ordnung des ersten islamischen Gemeinwesens, um Machterhalt und -ausbau, um Recht, Riten, Krieg und Expansion.

Im Koran selbst sind die Suren nicht chronologisch geordnet, sondern nach Länge: die langen Suren stehen vorne, die kurzen hinten – was die Lektüre nicht vereinfacht. Darum empfiehlt es sich, bei der Lektüre des Korans hinten zu beginnen!


2. Die Sprache des Korans

Die Sprache des Korans ist arabisch. Er soll – auch wenn das etwa den Persern im Iran nicht gefällt – arabisch rezitiert werden. Die Sprache des Korans ist rhetorisch-poetische Sprache: für den Vortrag, nicht für die Buchlektüre. Die Suren sind fast durchgehend rhythmisiert und zum Teil in Reime gefasst. Viele Texte sind suggestive Texte, die nach allen Regeln der Redekunst beeindrucken und wirken wollen.

Die Schönheit der Sprache und der Schrift spielen in der Wirkungsgeschichte eine große Rolle – und sind bei der Übersetzung etwa ins Deutsche eine entsprechend hohe Herausforderung (in diesem Aufsatz folge ich der deutschen Übersetzung von Hartmut Bobzin).

Sprache und Bildwelt klingen biblisch vertraut. Lesen wir dazu die 1. Sure:

Die Eröffnung
Im Namen Gottes, des barmherzigen Erbarmers
Lobpreis sei Gott, dem Herrn der Weltbewohner,
dem Erbarmer, dem Barmherzigen,
dem Herrscher am Tage des Gerichts.
Dir dienen wir, dich rufen wir um Hilfe an.
Leite uns den rechten Weg,
den Weg derer, denen du gnädig bist,
nicht derer, denen gezürnt wird,
noch derer, die irregehn!

Für mich klingt das sehr vertraut! Sehr biblisch! Sehr nahe am Ps. 1, der Eröffnung des Psalters!

Während die Bibel, etwa in den Vätergeschichten oder den Evangelien, über weite Strecken Erzählungen tradiert oder – etwa im 3. und 4. Buch Mose – eine Rechtssammlung wiedergibt, ist der Koran durchgängig Gespräch. Die erste Ebene ist ein Gespräch Gottes mit Mohammed. Doch in diese Ebene sind weitere Gespräche eingebaut, etwa Gespräche, die Mose mit dem Pharao geführt hat oder Streitgespräche, die Mohammed mit den Herrschenden in Mekka führt. Ein Beispiel dazu aus Sure 6, 147-149:

Wenn sie dich (Mohammed) einen Lügner nennen, so sprich: »Euer Herr ist von umfassender Barmherzigkeit. Doch seine Gewalt macht vor dem verbrecherischen Volk nicht Halt.«
Die Beigeseller werden sagen: »Hätte Gott gewollt, dann …«
Dann sprich Du: »Bei Gott ist der schlagende Beweis. Herbei mit euren Zeugen …«

Es ist ein ganzes theologisches Streitgespräch, das hier in der Gottesrede quasi in indirekter Rede wieder gegeben wird. Mohammed bekommt von seinem Gott ganz direkte Anweisungen, was er zu sagen hat. Diese Verschachtelung der Redeebenen macht das Lesen des Korans schwierig. Man muss immer genau schauen, wer gerade zu wem spricht: Gott/der Offenbarungsengel zu Mohammed, oder eben Mohammed in der Auseinandersetzung mit den Juden, den Christen, den Beigesellern, den Gläubigen, den Ungläubigen, den Gegnern in Mekka, den Gegnern in Medina, den Beduinen. – Fast immer lässt sich bei genauem Hinhören feststellen, wer gerade der konkrete Adressat einer Sure oder eines Teils einer Sure ist. Und fast immer ist die Redeweise eine polemische. Nach meinem Eindruck ist jede Sure Teil eines Streites, eines Kampfes zwischen Mohammed und seiner Umgebung. Die konkreten Kontexte einer Sure spielen dann eine wichtige Rolle bei der Interpretation.


3. Als erstes: Verblüffung über Vertrautes!

Aber nun zu meiner eigentliche Koranlektüre. – Beim Lesen des Korans stoße ich in vielen Suren auf die Bibel! Biblische Stoffe – fast überall, ständig treten die Hauptpersonen der Bibel als Zeichen und Zeugen auf! Ausführlich Bezug genommen wird

– auf Adam, auf die Erschaffung des ersten Menschen und den Sündenfall
– auf Noah (im Koran: Nuh): Er ist der Prototyp eines von Gott gesandten Warners (Noah wird von seinen Zeitgenossen nicht ernst genommen. Als dann die Sintflut kommt, ist Gott erbarmungslos: für eine Umkehr ist es nun zu spät.)
– auf Abraham: der koranische Ibrahim steht für die Auseinandersetzung zwischen Vielgötterei (Polytheismus) und Monotheismus
– auf die Geschichte von Abraham und seinen beiden Söhnen Isaak und Ismael (Wie Isaak Stammvater Israels ist, ist Ismael Stammvater der arabischen Stämme. Abraham und Ismael haben laut islamischer Tradition gemeinsam die Kaaba gestiftet.)
– auf Jakob und Josef (Yusuf) (Ihre Geschichte wird in Sure 12 zusammenhängend als Geschichte vorbildlicher Frömmigkeit (Gottergebenheit = muslim) erzählt.)
– auf Mose und den Pharao (Sure 20): die Geschichte eines Konfliktes zwischen dem Muslim Mose und der politischen Gewalt
Dazu kommen weitere Bezüge auf Johannes den Täufer, Maria (Maryam) (Sure 19) und Jesus (Isa) in Auseinandersetzung mit der christlichen Lehre von Christus.

Als Beispiel dazu Sure 20,115ff, die koranische Bearbeitung der Geschichte vom Sündenfall aus Gen. 3:

Wir (Gott) hatten früher schon mit Adam einen Bund abgeschlossen, doch er vergaß ihn; wir fanden bei ihm keinen festen Willen. (…)
Da flüsterte ihm der Satan zu: »Adam, soll ich dich zum Baum des ewigen Lebens führen und zu einer Herrschaft, die nie vergeht?« Da aßen beide
(Adam und Eva) von ihm, und ihre Blöße wurde ihnen bewusst. Und sie begannen, sich mit Blättern aus dem Garten zu bedecken, die sie zusammenfügten.
So trotzte Adam seinem Herrn und irrte ab. Doch dann erwählte ihn sein Herr, kehrte sich zu ihm und leitete ihn recht.

Die Nähe zu Gen. 3 ist groß. Unterschiede gibt es aber auch. In Gen. 3 isst der Mensch vom Baum der Erkenntnis, im Koran vom Baum des Lebens. Es ist sehr wahrscheinlich, dass Mohammed nicht lesen konnte und die biblischen Stoffe aus mündlichen Erzählungen kannte – mit den Abweichungen, die durch erzählte Traditionen zustande kamen.

Karl-Josef Kuschel hat unter dem Titel »Die Bibel im Koran« (neu bearbeitet im Januar 2017, erschienen bei Patmos) die Fülle biblischer Erzählstoffe im Koran sehr schön herausgearbeitet. Adam, Nuh, Ibrahim, Yusuf, Moses, Maryam, Isa – die großen Personen der Bibel werden durchweg als Gesandte Gottes dargestellt. Sie bilden eine Reihe von Propheten, die Gott gesandt hat, um sich kundzutun. Für den Koran läuft diese Reihe auf Mohammed zu. Er ist der letzte, der endgültige Künder und Warner, das Siegel der Propheten.

Nun haben wir zwei wesentliche Gemeinsamkeiten zwischen der biblischen und der koranischen Tradition: (1) das klare Bekenntnis zum einen Gott – also der Monotheismus, und (2) die Verwurzelung in den Erzähltraditionen der Bibel, insbesondere der hebräischen Bibel. Es gibt noch eine dritte Gemeinsamkeit, nämlich in der Ethik, in den Geboten. Kein Materialismus! Keine Verschwendung! Keine Gier! Stattdessen: Barmherzigkeit! Gutes tun! Und für das Sozialwerk der islamischen Gemeinde Geld geben!

Dazu Sure 2,177 (Medina):

Die Frömmigkeit besteht nicht darin, dass ihr euer Angesicht gen Osten oder Westen wendet.
Vielmehr ist Frömmigkeit,
an Gott zu glauben und an den jüngsten Tag und an die Engel, an das Buch und die Propheten;
und das Geld, auch wenn man’s liebt, für die Verwandten, die Waisen und die Armen auszugeben und für den ›Sohn des Weges‹ und die Bittenden und für den Sklavenfreikauf;
und das Gebet zu verrichten und die Armensteuer zu entrichten.
Die den Vertrag einhalten, wenn sie ihn abgeschlossen haben, und die geduldig sind in Not und Missgeschick und Kriegszeit – die sind es, die wahrhaftig sind, die sind es, die Gott fürchten.

Das starke gesellschaftsordnende, soziale Interesse des Korans wird deutlich in einer Liste mit Zwölf Geboten aus Sure 17,22-36 (Mekka 2):

1. Setze neben Gott nicht einen anderen Gott.
2. Behandelt eure Eltern gut.
3. Gewähre dem Verwandten sein Recht,
4. ebenso dem Armen und dem »Sohn des Weges«!
5. Du sollst nicht verschwenden.
6. Sei nicht knausrig, doch öffne deine Hand auch nicht zu weit …
7. Tötet eure (neugeborenen) Kinder nicht aus Furcht vor Armut, denn wir versorgen sie und euch.
8. Naht euch nicht der Unzucht …, was für ein schlimmer Weg.
9. Tötet keinen, den Gott zu töten verboten hat, es sei denn rechtens.
10. Vergreife dich nicht am Gut der Waise, es sei denn, es dient einem guten Zweck.
11. Wenn ihr zumesst, haltet ein das Maß und wiegt mit guter Waage.
12. Folge dem nicht nach, wovon du gar nichts weißt … All dieses Böse ist verhasst bei deinem Herrn.

Parallelen zu den biblischen Zehn Geboten sind deutlich. Es fehlen das Verbot der Götzenbilder, doch das ist im Koran an anderer Stelle sehr klar ausgesprochen, das Gebot, den Feiertag zu heiligen, das es im Koran nicht gibt und das Gebot, kein falsches Zeugnis zu sprechen. Deutlich taucht das biblische 5. Gebot Du sollst nicht töten an neunter Stelle der koranische Liste auf – allerdings mit einer markanten Einschränkung. Typisch für die soziale Seite des Korans ist das 7. Gebot: die Gemeinde – die Umma – wird für die Kinder der Armen und ihre Mütter/Eltern sorgen, sodass sie leben können.


4. Ich ziehe eine erste Bilanz

Es ist ohne Zweifel derselbe Gott. Mohammed bezieht sich ohne Zweifel auf den Gott Abrahams, Isaaks und Jakobs. Adam, Nuh, Ibrahim, Yusuf, Moses, Maryam, Isa: die großen Personen der Bibel werden durchweg als Gesandte Gottes positiv dargestellt. Sie bilden eine Reihe von Propheten, die Gott gesandt hat, um sich kund zu tun. Dabei geht es immer (1) um den Monotheismus, (2) um die Warnung vor dem drohenden jüngsten Tag, an dem Gott Gericht nach den Werken halten wird, und (3) um die Ermahnung, im Licht des nahenden Gerichts ein gottergebenes Leben zu führen und Gott, seinem Propheten und seinen Geboten unbedingt gehorsam zu sein.

Abgesehen von Person, der Rolle und heilsgeschichtlichen Funktion Mohammeds sind diese Themen nichts Neues! Alle Themen, Topoi, Fragestellungen, Probleme finden sich bereits im Ersten und im Neuen Testament. Der iranisch-amerikanische Religionswissenschaftler Resa Aslan fasst dies in seinem Buch »Kein Gott außer Gott« (C.H.Beck 2006, 37f) so zusammen: »Wie viele Propheten vor ihm beanspruchte Mohammed nie, ­eine neue Religion gegründet zu haben. Nach eigenem Bekunden war seine Botschaft ein Versuch, die herrschenden Glaubensvorstellungen und kulturellen Praktiken des vorislamischen Arabien zu reformieren und so dem arabischen Volk den Gott der Juden und der Christen nahezubringen. (…) So einzigartig und göttlich inspiriert die islamische Bewegung auch ist, ihre Ursprünge liegen unzweifelhaft in der multiethnischen und multireligiösen Gesellschaft, in der Mohammed aufwuchs.«

Ich meine: In dieser Fülle an Gemeinsamkeiten zwischen den drei Religionen, die sich auf Abraham berufen, liegt die Chance auf eine friedliches Zusammenleben von Juden, Christen und Muslimen. – Gott sei Dank!


5. Als zweites: Befremden

Juden, Christen und Muslime beten zu demselben Gott. – Also alles gut?

Im vollbesetzten Hörsaal beim Studium Generale bei Prof. Kuschel allseits große Zustimmung, wenn er die Gemeinsamkeiten von Bibel und Koran heraushebt. Und im Seminar, bei Prof. Schwöbel und Prof. Demiri: Das war sehr schön, wie die jüdischen, christlichen und muslimischen Studentinnen und Studenten miteinander über ausgewählte Texte der hebräischen Bibel, des Neuen Testamentes und des Korans nachdachten – die einen mit, die andern ohne Kopftuch, aber alle mit Respekt, mit Interesse, mit Wohlwollen.

In meiner Studierstube oben unter dem Dach des Pfarrhauses habe ich dann versucht, möglichst den ganzen Koran durchzuarbeiten. Und je mehr ich las, umso mehr wich mein anfängliches Erstaunen über die Gemeinsamkeiten, und umso größer wurde mein Befremden. Ich will dies an einigen Beispielen klar machen.


5.1 Die Reihe der Propheten

Ja, alle wichtigen Figuren aus der Urgeschichte und der Vätergeschichte der Hebräischen Bibel, dazu Johannes der Täufer, Maria und Jesus werden im Koran erwähnt und in ihrem Wirken als Propheten, als Gottesboten anerkannt! Je genauer man die Texte jedoch studiert, umso deutlicher wird, dass Mohammed an ihnen kein eigentliches Interesse hat. Er wertet die biblischen Stoffe aus (1) im Sinne seiner Theologie (Monotheismus und Gericht) und (2) um seinen eigenen prophetischen Anspruch zu begründen.

An Abraham interessiert ihn, wie dieser gegen seinen Vater mit Entschiedenheit die Vielgötterei bekämpft hat – denn das ist der Kampf, den er, Mohammed, in Mekka gerade kämpft. Mose etwa und Josef führt er ein, um zu sagen: So wie diese beiden, so bin auch ich! Und wenn ihr euch gegen mich stellt, wird es euch gehen wie denen, die sich gegen Mose oder gegen Josef gestellt haben: Gott wird euch vernichten und beschämen.

Die Geschichte und die Erwählung Israels interessieren ihn nicht, er erzählt sie nicht. Die Väter Israels versteht er als Propheten, als Mahner und Warner. Die biblischen Propheten Jesaja, Jeremia, Micha, Amos und ihr Ruf nach Gerechtigkeit interessieren Mohammed nicht. – Ich vermute, er kannte sie nicht.

Von Jesus interessiert Mohammed nur die Geburt und die Kreuzigung. Zur Kreuzigung steht im Koran (Sure 4,157): an Jesu Stelle wurde ein anderer gekreuzigt. Dass Jesus jungfräulich von Maria geboren wurde und dass er aus der Kraft Gottes Wunder getan hat, steht für Mohammed nicht in Frage. Die Auferweckung, Himmelfahrt und Pfingsten streitet der Koran ab.

Das stört mich eigentlich auch nicht. Was mich stört ist, dass die Inhalte der Lehre Jesu im Koran keine Rolle spielen. Keine Seligpreisungen. Kein Vaterunser. Keine Nächstenliebe. Kein Kommt her zu mir, alle die ihr mühselig und beladen seid! Jesus wird darauf reduziert, dass er ein Prophet von Gott ist, und dass er das nahende Gericht verkündet hat.

Der Koran führt also die biblischen Personen auf – jedoch in deutlich verengter Wahrnehmung. So bleiben etwa von Jesus nur wenige Striche übrig.

Allerdings ist solch ein Umgang mit alten heiligen Texten nichts Neues: Paulus – etwa in 2. Kor. 3,7-15 – ist in seinen Briefen mit den Texten der Hebräischen Bibel ähnlich karikierend verfahren. Ein Unterschied zum Koran liegt darin, dass die Bibel die Ursprungstexte mit überliefert, sodass jeder nachprüfen kann, ob das, was Paulus in 2. Kor. 3 über Mose schreibt, in 2. Mos. auch tatsächlich so erzählt wurde.


5.2 Mohammeds frühe und späte Äußerungen über die Schriftbesitzer

Juden und Christen haben für Mohammed in den ersten Phasen der koranischen Überlieferung eine hohe Würde: sie sind Schriftbesitzer. Gott hat den Juden durch Mose die Thora und durch David den Psalter geschenkt. Gott hat den Christen durch Christus das Evangelium gegeben, dass sie danach leben und sich an das ihnen Gebotene halten.

Juden und Christen mit ihren Schriften sind für Mohammed das Modell, nach dem nun Gott seine Offenbarung abschließt: Jetzt endlich gibt Gott den arabischen Stämmen auch eine eigene Schrift in ihrer eigenen Sprache: nämlich den arabischen Koran. Darin sieht Mohammed seine Berufung, dass Gott durch ihn den Arabern eine heilige Schrift und eine darin gegründete Ethik gibt.

Vergleicht man nun die Aussagen des Korans zu Juden und Christen, dann fällt auf, dass Mohammed erst wirbt, und dann immer schroffer sich abgrenzt. Insbesondere in der 2. und 3. Phase in Mekka hat Mohammed Juden und Christen als Verbündete gegen die Vielgötterei angesehen. Aus dieser Zeit stammen viele freundliche Worte über Juden und Christen. Zum Beispiel Sure 29,46:

Streitet mit den Buchbesitzern nur auf schöne Art,
doch nicht mit denen von ihnen, die freveln.
Sprecht: Wir glauben an das,
was auf uns herabgesandt wurde
und was auf euch herabgesandt wurde.
Unser Gott und euer Gott sind einer.
Ihm sind wir ergeben.

Als Mohammed mit seinen Frommen im Jahr 622 von Mekka nach Medina flieht, leben dort sehr viele Juden. Mohammed will sie als Verbündete und wirbt zunächst um sie. Aus dieser Zeit stammen Suren, in ­denen auf die Hebräische Bibel sehr wohlwollend zurückgegriffen wird.

Die Juden in Medina sind bereit, mit Mohammed Verträge zu schließen. Aber sie erkennen das nicht an, was für sein Selbstwertgefühl entscheidend war: nämlich seinen Anspruch, ein Prophet des einen Gottes zu sein, der Juden, Christen und Muslime verbindet. Und sie weigern sich, mit Mohammed in den Krieg gegen seine Feinde zu ziehen. Darum erklärt Mohammed die Juden jetzt zu seinen Feinden. Er beginnt, die Juden mit seiner ureigenen Waffe zu bekämpfen: mit zunehmend schärferen Suren, also mit Worten, die er mit dem Anspruch, sie wären Wort Gottes, verkündet.

Und auf dieser Grundlage, dass Gott diese Juden verurteilt hat, vertreibt er dann einen Stamm um den anderen die Juden aus Medina. Als Mohammed stirbt, gibt es in Medina keine Juden mehr. Diese Erkenntnis meiner Koranlektüre hat mich bestürzt.

Was ist nun der Vorwurf, den Mohammed in seinen Suren den Juden wie den Christen macht? Als Mohammed nicht mehr um Christen und Juden wirbt, wirft er den Schriftbesitzern (= Juden und Christen) vor, dass sie der an sie ergangenen Offenbarung nicht folgen. Ethische Laxheit und Halbherzigkeit im Glauben sind der erste Vorwurf Mohammeds. Ich vermute, dieser Vorwurf war damals so berechtigt, wie heute.

In seinen späten Jahren, als er nicht mehr auf ein Zusammenleben von Juden, Christen und Muslimen setzt, sondern auf eine muslimische Vorherrschaft, geht Mohammed noch einen Schritt weiter. In der Lehre von der Schriftverfälschung (Sure 2,75; 4,46 u.ö.) behauptet er, dass die vor dem Koran offenbarten Schriften (von den Juden) verfälscht worden sind. Ein Beispiel dafür ist Sure 5,12-15:

Gott nahm den Bund an von den Kindern Israels … und sprach: »Ich will mit euch sein! Wenn ihr das Gebet verrichtet und die Armensteuer gebt und an meine Gesandten glaubt und sie unterstützt und Gott ein schönes Darlehen gebt, dann will ich eure Missetat tilgen und euch in Gärten führen, unter denen Bäche fließen. Und wer danach von euch untreu wird, der ist vom Weg abgewichen.«
Wegen ihres Bundesbruchs haben wir sie verflucht und ihre Herzen verhärtet. Sie rücken Wörter weg von ihrem Platz und haben einen Teil von dem vergessen, womit sie ermahnt waren. …
Auch von denen, die sagen »Wir sind Christen!« nahmen wir ihren Bund entgegen. Doch auch sie vergaßen einen Teil von dem, womit sie ermahnt waren. …
Ihr Buchbesitzer! Unser Gesandter
ist zu euch gekommen, um euch viel von dem klarzumachen,
was ihr vom Buch verborgen hattet und um viel
(aus eurem Buch) zu tilgen. Licht und ein klares Buch sind zu euch von Gott gekommen. …
Ungläubig sind die, die sagen: »Siehe Gott ist Christus, Mariens Sohn.
Sie rücken Wörter weg von ihrem Platz.

Mit dieser Lehre von der Verfälschung der hebräischen Bibel wie auch des Neuen Testaments ist jedes biblische Argument gegen Lehren des Korans ausgehebelt. Die koranische Offenbarungslehre ist zum hermetischen System geworden. Der Koran als letzte Offenbarung beansprucht, auch die letztgültige Wahrheit und eine Korrektur der zuvor offenbarten biblischen Schriften zu sein.


5.3 Der Vorwurf gegen das Christentum

Je mächtiger Mohammed wird, je weniger er auf seinem Weg zur Macht Juden und Christen braucht, umso schärfer werden seine Worte gegen die anderen monotheistischen Religionen. Der letzte zitierte Satz aus Sure 5 weist den Weg, wohin es vollends gehen wird:

Ungläubig sind die, die sagen:
»Siehe Gott ist Christus, Mariens Sohn.«

Der immer schärfer vorgebrachte Vorwurf gegen die Christen ist, dass wir mit der Lehre der Dreieinigkeit Gottes – Gott Vater, Gott Sohn und Gott Heiliger Geist – den Monotheismus verlassen hätten und Gott etwas beigesellen. Gott einen Sohn zusprechen, dem einen Gott etwas beigesellen, das geht gar nicht. Das ist Frevel gegen den ersten Teil der Schahada, das islamische Gottesbekenntnis: Es gibt keinen Gott außer Gott. ­(Sure 37,35 u. 47,19)

Mir scheint, dass Mohammed die christliche Trinitätslehre schlicht nicht verstanden hat und dass sein Vorwurf uns Christen nicht in unserem Selbstverständnis trifft. Mein Eindruck in dieser späten Phase in Medina ist, dass Mohammed nicht besser verstehen will. Er sucht Munition, um seine Lehre zuletzt als die allein wahre hervorzuheben.

In seinen frühen Phasen hat Mohammed die Christen als Schriftbesitzer gegenüber Gott in einem würdevollen Stand dargestellt. In den späten Suren bezeichnet er die Christen als Ungläubige. Was von den Ungläubigen zu halten ist, steht etwa in Sure 3,31:

Wenn ihr Gott liebt, dann liebt euch auch Gott.
Doch wenn sie sich abwenden, dann – .
Siehe, Gott liebt die Ungläubigen nicht.

Und noch deutlicher in Sure 71,26f:

Noah sprach: Mein Herr!
Lass auf der Erde keinen wohnen bleiben von den Ungläubigen.
Siehe, wenn du sie übrig lässt, führen sie deine Knechte in die Irre und zeugen nichts anderes als einen Gottlosen, Gottfernen.

Und dazu in der Sure der Kommentar Gottes:

Ihrer Sünden wegen wurden sie ertränkt
dann in ein Feuer geworfen.

Das Problem wird dadurch noch größer, dass in vielen islamischen Auslegungstraditionen eine einfache Regel gilt, das sogenannte Prinzip der Abrogation: Wenn zwei Suren zum selben Thema sich unterschiedlich äußern, dann hat die spätere Sure gegenüber der früheren Sure das Übergewicht. Deswegen hat es ein besonderes Gewicht, wenn Sure 8,39, eine der späten medinensischen Suren, schreibt:

Kämpft gegen sie (die Ungläubigen) bis es keine Versuchung mehr gibt,
und der Kult insgesamt dem
einen Gott gilt.


5.4 Hass und Bestrafung im Koran

Nun, lassen wir beiseite, was der Koran in seinen späten Suren gegen die Christen schreibt. Doch ist die stete Ankündigung von Gericht und Höllenstrafen nicht nur ein Motiv aus der letzten Phase des Wirkens von Mohammed. Von Anfang an spricht aus Mohammed ein unverblümter Hass gegen alle, die sich ihm in den Weg stellen. Nehmen wir als Beispiel Sure 111, die als die dritte offenbarte Sure gilt:

Die Palmfaser
Im Namen Gottes, des barmherzigen Erbarmers
Verdorren sollen Abu Lahabs Hände und abermals – verdorren!
Sein Gut soll ihm nichts nützen, und was er erworben.
Brennen wird er in einem Feuer, das Flammen schlägt, samt seiner Frau, die das Brennholz trägt – um ihren Hals einen Palmfaserstrick gelegt.

Abu Lahab, ein Onkel Mohammeds (s. Artikel »Abu Lahab« in Wikipedia), hat in Mekka Mohammed öffentlich widersprochen. Mohammed hat ihm daraufhin im Namen des barmherzigen Gottes den in Sure 111 überlieferten Fluch entgegengeschleudert.

Auch in der Bibel finden wir unerträgliche Fluchworte, etwa in Ps. 139,19: Ach Gott, wollest du doch die Gottlosen töten. Doch wenigstens ist es hier im Psalter der Mensch, der zu Gott spricht, dort im Koran aber ist es Gott selbst, der einen konkreten Menschen samt seiner Frau mit übelsten Qualen verflucht.

Ähnliches findet sich fortwährend im gesamten Koran. Sure 96,9f und 15-18, die als erste offenbarte Sure gilt:

Im Namen Gottes, des barmherzigen Erbarmers
Sahst du denn den, der einen Knecht behindert, wenn er betet? …
Wahrlich, wenn er nicht davon ablässt,
dann werden wir ihn an der Stirnlocke packen,
einer lügenhaften sündigen Stirnlocke!
Soll er doch seine Spießgesellen rufen!
Wir werden dann die Höllenwächter rufen.

Und Sure 74, die zweite offenbarte Sure, aus den Versen 11-31 (man beachte auch die Reimstruktur):

Lass mich allein mit dem (Menschen),
dem ich verlieh das Leben.
Ich habe ihm reichlich Gut gegeben
und Söhne, die ihn umgeben,
und machte die Bahn ihm eben.
Doch nach mehr ist sein Streben.
O nein!
Gegen unsre Zeichen war sein Widerstreben.
Ich werde ihm Beschwernis geben.

Siehe, er dachte und entschied.
Doch verflucht sei, wie er entschied.
Und nochmals: verflucht sei, wie er entschied!
Dann schaute er,
dann runzelte er die Stirn und blickte starr umher,
dann wandte er sich um, hochmütig,
und sprach: »Das hier ist nicht als Zauber, wie gewohnt. Das hier ist nichts als Menschenwort.«
Ich werde ›Saqar‹
(das Höllenfeuer) ihn verbrennen lassen. Was lässt dich wissen, was ›Saqar‹ ist?
Sie lässt ganz und gar nichts übrig, da sie die Haut versengt …

Im Vergleich dazu: Der Fluch Gottes in Gen. 3 gegen den ungehorsamen Menschen verhängt nicht Höllenqualen, sondern alltägliche Mühe und Arbeit.

Also, je mehr Koran ich las, umso deutlicher wurde: Die Hölle ist in allen Suren offen. Wer auch immer in den Suren des Koran spricht, diese Stimme hat Freude an Qualen und an deren Beschreibung. – Etwa in Vers 56 aus der medinensischen Sure 4:

Siehe, diejenigen, die nicht an unsere Zeichen glauben, die werden wir im Höllenfeuer brennen lassen.
Ist ihre Haut verbrannt, so tauschen wir sie ihnen gegen eine andere, damit sie die Strafe schmecken.
Siehe Gott ist mächtig, weise.

Ich will es mir und der Leserschaft jetzt ersparen, weitere Beschreibungen der Höllenqualen zu zitieren. Ich habe nur noch gezählt – anhand des Stichwortverzeichnisses in der Koranausgabe von Bobzin –, wie oft die Worte Hölle, Höllenfeuer, (Gerichts-)Tag, Strafe und Satan in den 114 Suren mit insgesamt ca. 6300 Versen des Korans auftauchen:

Hölle(nfeuer): in 300 Versen, in nahezu jeder Sure.
Strafe, bestrafen: 363mal in 63 Suren.
Der (jüngste) Tag: 190mal in 73 Suren
Satan: 135mal.

Zum Vergleich die mit 31.179 Versen deutlich umfangreichere Bibel:
Hölle und Höllenfeuer werden 20mal genannt.
Die Wörter »Strafe« und »bestrafen« tauchen 92mal auf.
Der Begriff »Jüngster Tag« wird sechsmal verwendet – allerdings ist er mit synonymen Bezeichnungen noch mehrfach ein Thema, insbesondere in der Offenbarung des Johannes.
Vom Satan wird 49mal gesprochen, 16mal in der hebräischen Bibel, 33mal im Neuen Testament.

Zusammengefasst: Wer nicht an Allah glaubt und nicht seinem Propheten Mohammed gehorcht, wird nach dem Tod im Gericht grausam bestraft. Die zu Bestrafenden werden die Verlierer sein. Sie werden entwürdigt, werden brennen, werden ewige Qualen erleiden. Ganz sicher. Für die Ungläubigen, die Beigeseller, die Abweichler und Frevler wird es, wenn der Tag da ist, von Gott kein Erbarmen geben. Dies wird in nahezu allen koranischen Texten den Lesern eingebläut.


6. Was bedeutet das?

Zunächst einmal erlebt jeder, der den Koran vorgetragen bekommt oder liest, ein permanentes Einschüchtern und Drohen, mit dem der Glaubensgehorsam erzwungen werden soll. Ja, auch dafür gibt es in der Bibel Belege. Auch Jesus redet an einzelnen Stellen vom Heulen und Zähneklappern in der Finsternis. Es sind aber ganz wenige Stellen, wo die Bibel droht. Im Koran geschieht dies in jeder Sure.

Zum andern liegt hier eine im Gottesbild verwurzelte sadistische Seite: Der Gott Mohammeds hat Freude am Strafen. Er sagt: Es geschieht euch recht! Hättet ihr mir gehorcht, wärt ihr jetzt bei den Siegern. Ja, das habt ihr nun davon. (vgl. Sure 45,31-35)

In der ständig wiederholten Drohung mit schrecklichen Höllenqualen für diejenigen, die die Grundforderungen des Korans nicht erfüllen, sehe ich das eigentliche Gewaltpotential des Islam. Ich stelle mir einen Muslim vor, der den Koran so nimmt, wie dieser sich selbst versteht: nämlich als verbalinspiriertes Wort Gottes. Für einen solchen Muslim werden wir alle hier als Ungläubige von Gott auf sadistische Weise entwürdigt und auf ewig gequält werden! Wie soll dieser Muslim uns Würde und Respekt entgegenbringen, wenn der Gott, an den er glaubt, uns »Ungläubigen« jede Würde abspricht und solche Folterqualen auf ewig mit uns vorhat?

Hier ist für mich das größte Problem: eine ungehemmte verbale Aggression gegen alle Andersgläubigen, keine Toleranz, keine unantastbare Würde, vielmehr eine Freude am Drohen und am Ausmalen sadistischer Strafen und Folter, eine Aggression und Verachtung, die nach dem, was ich im Koran lese, tief im Gottesbild Mohammeds und des Korans wurzeln.

Nun, wie gesagt, das alles gibt es so ähnlich auch in Teilen der Bibel und noch mehr in der aus der Bibel sich speisenden christlichen Tradition. Und doch ist die Bibel grundlegend anders. Ich will dies zeigen an einem Vergleich der Schriften Mohammeds und der Schriften Paulus’, der etwa in seinem Verdikt Das Weib schweige in der Gemeinde! auch weit weg ist von unseren heutigen Werten. Für einen reflektierten Christen ist klar: Insofern in den Briefen des Paulus Gott spricht, dann spricht Gott durch die Person des Paulus gefiltert. Wenn Paulus im Widerspruch steht zu anderen biblischen Zeugen Gottes, steht der Offenbarungscharakter seiner Worte in Frage.

Anders im Koran. Da gibt es keinen vielstimmigen Kanon. Da gibt es eben nur Mohammed. Auch da gilt aus theologischer Sicht: Insofern in den Schriften des Mohammed Gott spricht, dann spricht Gott durch die Person des Mohammed gefiltert. Nur gibt es für einen korangläubigen Moslem kein Korrektiv. In der Bibel ist der Kanon das Regulativ für den einzelnen Autor und Offenbarungsträger. Im Koran gibt es dieses Regulativ nicht. Jedes Wort ist von Gott selbst so gesprochen.

Das ist sehr einfach – und Einfachheit ist heute attraktiv! Und die Erlaubnis zur Gewalt: auch das ist heute für viel zu viele wieder sehr attraktiv – im Spiel am Computer, aber eben auch in der Realität. Zugespitzt formuliert: ein Trump und ein Putin würden sich mit Mohammeds Koran sehr viel leichter tun als mit den Evangelien des Jesus von Nazareth.


7. Schlussthesen

1. Warum ist die Auseinandersetzung mit dem Islam für viele Christen so schwierig?

Weil sie uns mit den schwierigsten Themen unserer eigenen Tradition konfrontiert, auch mit Themen, die wir eigentlich schon überwunden zu haben glaubten.

2. Mohammed und Luther

Wir sind im Reformationsjahr. Ich kann Mohammed nicht mit Christus vergleichen. Mit Paulus könnte ich ihn vergleichen, aber noch näher liegt mir Luther.

Ich würde gerne den Koran als religiöse Schrift ernst nehmen, in ähnlicher Weise, wie ich die Schriften Martin Luthers ernst nehme. Ich würde gerne Mohammed würdigen als Religionsreformer, so wie ich Martin Luther würdige als Reformator der mittelalterlichen Kirche. Würdigen kann ich Mohammed als Reformer der Religion der arabischen Stämme hin zum Monotheismus und hin zu verbindlichen Gesetzen.

Ich will gerne würdigen – an Luther, an Mohammed –, was zu würdigen ist, und kritisieren, was zu kritisieren ist. Göttlich-verbalinspirierte Worte finde ich bei beiden nicht.

3. Worauf können Muslime und Christen gemeinsam aufbauen?

Auf das gemeinsame Bekenntnis zum einen Gott als Gegenpol zum grassierenden Materialismus. Auf die in Koran wie Bibel gegebene Verpflichtung zum Schutz des Lebens, zu Barmherzigkeit und sozialer Gerechtigkeit. Auf die in Bibel und Koran gemeinsamen Erzähl­tradi­tionen.

4. Gehört der Islam zu Deutschland?

Die Religionsfreiheit gehört zu Deutschland.

5. Ist der Koran mit dem Grundgesetz vereinbar?

Das kommt darauf an. Ein Koran, der so verstanden wird, wie er sich selbst versteht, also verbalinspiriert, also fundamentalistisch, ist nicht mit dem Grundgesetz vereinbar. Die Würde des Menschen wird im Koran sehr heftig angetastet. Eine Freiheit des Glaubens gibt es nicht. Viele der im Koran genannten Rechtssätze stehen im Widerspruch zu unserem heutigen Recht.

Genau dasselbe gilt auch für die Bibel: Eine in Gänze verbalinspiriert, also fundamentalistisch verstandene Bibel wäre nicht mit dem Grundgesetz vereinbar. Der Unterschied liegt darin, dass die Bibel sich selbst nicht als verbalinspiriert versteht. Leider haben das noch nicht alle meiner Brüder und Schwestern im Glauben verstanden. Der biblische Kanon ist ein über Jahrhunderte gewachsener Schatz an Erfahrungen mit Gott. Er ist vielstimmig, diskursiv und komplex angelegt. Darin liegt einerseits seine Stärke in dynamischen und komplexen Zeiten, andererseits unsere Schwäche in Zeiten, in denen viele Menschen sich sehnen nach starken Männern und einfachen Lösungen, wenn’s sein muss mit Mauern und Gewalt.

Ein Koran, der so verstanden wird, wie er sich nach seinem Wortlaut selbst versteht, also verbalinspiriert, also fundamentalistisch, ist nicht mit dem Grundgesetz vereinbar. Für das öffentliche Leben gilt: Ein fundamentalistischer Islam kann sich nicht auf die im Grundgesetz garantierte Religionsfreiheit berufen. Umgekehrt muss eine wehrwillige Demokratie ihre Religionsfreiheit gegenüber einem fundamentalistischen Verständnis des Korans verteidigen.

6. Kann der europäische Islam sich entwickeln?

Ja, er kann – und er tut es. Ein Beispiel ist das schöne Buch von Mouhanad Khorchide, Professor für islamische Religionspädagogik an der Uni Münster: Islam ist Barmherzigkeit (Herder 2015). Es gibt Wege, heilige Bücher anders zu achten und sie anders zu verstehen, als sie von ihren Autoren verstanden wurden. Dazu könnte es hilfreich sein, wenn Muslime die Bezugstexte des Korans in der Bibel lesen.

Der Islam in Europa wird seinen eigenen Weg finden müssen zu einem neuen Verständnis des Korans, wenn er dauerhaft ein Teil unserer Gesellschaft werden will. Und das wäre überaus wünschenswert, angesichts der vielen wunderbaren Menschen in unserem Land und unserer Stadt, die Muslime sind – und mit dem Koran vermutlich ähnlich wenig vertraut sind, wie die meisten Christen mit der Bibel nicht vertraut sind.

Vor einiger Zeit hatte ich ein kleines Gespräch mit der türkischen Muslima, die unsere Büros putzt. Über ihren kranken Vater, über die Lasten, die sie trägt. Über ihr Vertrauen in Gott, dass er ihr nicht mehr auflegen wird, als sie tragen kann. Da war es da: das Gottesleuchten, der Gottesfrieden, sie die Muslima, ich der Christ, und um uns der eine Gott des Friedens.


Anmerkung:

* Vortrag am 30.11.2016 im Gemeindehaus der Christuskirchengemeinde Eislingen-Ottenbach.

 

Über den Autor

Pfarrer Frieder Dehlinger, Studium in Tübingen und Hamburg, Ausbildungen in Systemischer Beratung, Kirchenmusik und Bibliodramaleitung, Studienassistent im Pfarrseminar der württ. Landeskirche (1995-1998), Geschäftsführung für den Prozess »Notwendiger Wandel« in der württ. Landeskirche (1998-2003), seit 2003 Gemeindepfarrer in Eislingen an der Fils.

Aus: Deutsches Pfarrerblatt - Heft: 8/2017

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