»Haben nicht alle letztlich denselben Gott?«

Von: Peter Haigis
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… so hört man bisweilen in interreligiösen Gesprächen. Und man kann den Seufzer mit vernehmen – ganz nach dem Motto: »Nun lasst uns doch endlich mit aller Kraft nach dem Verbindenden, ja vielleicht dem Einenden zwischen den Religionen suchen und das Trennende zurücklassen!«

Die Vorstellung von dem einen Gott hinter allen Gotteserscheinungen ist ein Ausdruck tiefer Sehnsucht. Als solchen kann man auch die theoretischen Konstruktionen der sog. »pluralistischen« Religionstheologie verstehen, die den einen Bezugspunkt eines göttlichen Mysteriums hinter allen Namen und Religionsgestalten aufweisen wollen. Doch der Ausgriff auf einen solchen letzten Transzendenzbezug ist nicht mehr als eine Hypothese, eine Art fideistische Unterstellung, für die es mit gleichem Recht alternative Denkmodelle einer letzten Unvereinbarkeit der Religionen gibt.

Dass das Problem möglicher Unvereinbarkeit in monotheistischem Kontext mit größerer Schärfe hervortritt als im polytheistischen, ist zwar wahr, macht die Sache aber nicht einfacher – im Gegenteil: denn so gesehen könnten sich ja gerade die monotheistischen Religionen als »Fehlformen« in der Entwicklung der Religionen herausstellen. Ihr monopolistisch fokussierter Wahrheitsanspruch wäre dann eben nicht vollendeter Ausdruck einer höchsten Absolutheit, wie man es im 19. Jh. gerne gesehen hat, sondern eine Engführung, ein überzogenes, in seiner zutiefst auf menschlichen Bedürfnissen fußenden Exklusivität durchschaubares Konstrukt, schlicht: Hybris.

Also alles eine Sache der Anschauung? Nicht ganz! Religionsgestalten sind – gleich welcher Couleur und welchen Grades – reichlich komplexe Resonanzprodukte konkreter Erfahrungen und ihrer Deutungen. Erfahrungen sind aber immer partikular, kontextbezogen und damit relativ zu psychischen, sozialen und kulturellen Gegebenheiten. Am Ende bleibt uns daher wohl gar nichts anderes übrig als uns über diese Erfahrungen samt der Deutungsmodelle, die wir für sie bereithalten, auszutauschen – in aller Offenheit, in aller Unvollkommenheit, in aller Vorläufigkeit … Wenn uns dabei die Hoffnung verbindet, es könne – so sehr wir in allen Menschen immer nur den Menschen finden – am Ende auch nur einen Gott geben, umso besser!

Herzlich grüßt Sie Ihr

Peter Haigis


Aus: Deutsches Pfarrerblatt - Heft: 8/2017

3 Kommentare zu diesem Artikel

29.08.2017
Ein Kommentar von Kim Min


Sehr geehrter Herr Haigis auch wenn man alle internen Widersprüche und die oft diametrale Verschiedenheiten in Religiosität, Glaubenspraxis und Jenseitsvorstellung der verschiedenen Religionen einmal kurz beiseite nimmt: Die Aussage, auch im Konjunktiv formuliert: "am Ende könne es auch nur einen Gott geben" ist nicht weniger exklusivistisch als die aller anderen Religionen, welche einen Wahrheitsanspruch hegen. Im Christentum dienten die Worte Jesu immer als Mahnung und Hoffnung, welche sich in seinem Leben, Tod und Auferstehung gründen: "Das ist aber das ewige Leben, daß sie dich, der du allein wahrer Gott bist, und den du gesandt hast, Jesum Christum, erkennen" Johannes 17,3
29.08.2017
Ein Kommentar von Peter Haigis


Richtig! Man muss hier - glaube ich - zwei Ebenen der Betrachtungsweise oder der Argumentation unterscheiden: die theologische oder auch die religiöse einerseits und die religionsphilosophische andererseits. Theologie hängt an einem religiösen Bekenntnis, auf das sie bezogen ist. Joh. 17,3 ist eines davon. Die Bibel ist noch voller anderer Beispiele. Als Christ bekenne ich mich zu diesem meinem Glauben an den Gott, der sich in Wahrheit in Jesus Christus geoffenbart hat. Das ist ein religiöser bzw. theologisch formulierter Wahrheitsanspruch. Demgegenüber gibt es andere Wahrheitsansprüche religiöser Art, die ich jedoch für mich nicht als bindend ansehe. Ich kann allerdings von meiner Glaubensperspektive auch abstrahieren und religionsphilosophisch argumentieren. Das ist dann hilfreich, wenn ich mit Menschen zu tun habe, die meine Glaubensvoraussetzungen nicht teilen. Die Religionsphilosophie dispensiert sich von der Wahrheitsfrage im offenbarungstheologischen Sinn. Sie kann nur darlegen, ob es sinnvoll ist, so etwas wie "Gott" zu denken und unter welchen Voraussetzungen. In diesem Zusammenhang kann man dann auch diskutieren, ob eine monotheistische Auffassung gegenüber einer polytheistischen eher Sinn macht (oder umgekehrt) etc. Mein Schlusssatz (im Konjunktiv formuliert wegen der menschlichen "Hoffnung" oder "Sehnsucht", von der ich sprach) ist natürlich ein religionsphilosophischer Satz und kein religiöses Bekenntnis!
31.08.2017
Ein Kommentar von Bernd Kehren


Wenn man einen Mathematiker fragen würde, so würde er aus der Tatsache, dass mehrere Religionen behaupten, es gebe nur einen Gott, sofort schließen, dass alle diese Götter identisch sein müssen. Andernfalls wäre die Behauptung, es gibt nur einen Gott, falsch und es gäbe mehrere Götter. Warum ist es so schwer, seinen eigenen Glauben zu bekennen und stehen zu lassen, dass andere auch ihren Glauben bekennen? Wenn man zugeben könnte, dass niemand selber Gott ist und somit immer nur Teile von Gott kennt, könnte man über diese Erkenntnis ins Gespräch kommen und staunen, wo es alles Übereinstimmung gibt, und den eigenen Glauben profilieren, wo es Unterschiede gibt. Wenn Gott doch jeden Menschen als sein Ebenbild geschaffen und ihm Würde verliehen hat, unabhängig von seiner Religion oder Konfession, müsste da doch aus christlicher Sicht ein Gespräch zwischen Ebenbildern möglich sein.

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