Brief aus der Bundeshauptstadt

Von: Siegfried Sunnus
0 Kommentare zu diesem Artikel / Artikel kommentieren

Es gibt viele Romane, die in Berlin spielen – ich nenne nur »Berlin Alexanderplatz« von Döblin. Das gäbe Stoff für viele Briefe aus der Bundeshauptstadt… Aber es reizt mich, einen Roman vorzustellen, der in das Nachkriegsberlin führt, schon 1962 bei Rütten & Loenig in Hamburg veröffentlicht wurde und 1959 bei Little, Brown and Company in Boston/Toronto erschienen ist und nun in einer Neuausgabe 2016 im Aufbau Verlag vorliegt: »Zurück in Berlin« heißt er und seine Autorin ist Verna B. Carleton. 1914 wurde sie in New Hampshire geboren und erlag schon 1967 in New York einem Krebsleiden.

Die Herausgeberin, Ulrike Draesner, eine profilierte deutschsprachige Autorin, Jahrgang 1962, schreibt in ihrem Nachwort »Landschaften der Verluste, Landschaften der Wiederkehr«: »Ich las – und staunte. Das Berlin der fünfziger Jahre vor dem Mauerbau, war mir aus historischen oder fiktiven Büchern, von Fotos und Erzählungen in der Familie nicht unvertraut. Bei Carleton indes stieß ich auf einen anderen Ort: erkennbar in seiner Mischung aus Trümmern, Ku’damm Leben und Beschreibungen des provisorischen Grenzüberganges, doch erfrischend neu mit den Augen einer Amerikanerin gesehen … nimmt die Stadt in verschiedensten Schichten wahr, tastet ihre historischen Spuren ab – hier stand Hitlers Bunker, hier das Schloss – und betrachtet unvoreingenommener, als jeder Deutsche es könnte, was sich westlich und östlich des Brandenburgers Tors entwickelt.«

Draesner erschließt sich die Autorin über Gisèle Freund. In deren Fotoband »James Joyce in Paris« findet sich eine Danksagung an Verna B. Carleton, von der die Texte stammten. Die beiden Frauen hatten sich in Freunds Exiljahren in Südamerika kennengelernt und lebten nach 1952 immer wieder für längere Zeit in Paris. Ihren Vaternamen »Kessler« wollte sie vergessen und ließ sich vom Namen des berühmten Hotels zu »Carleton« inspirieren … 1957 reisten die beiden nach Deutschland. Freund war 1908 in Berlin-Schöneberg geboren als Sophie Gisela, ging Anfang der 30er Jahre nach Paris ins Exil und wurde berühmt mit ihren Schwarzweißfotoserien von Schriftstellern. Nach der Besetzung Frankreichs 1940 floh sie nach Südamerika und ging 1952 wieder zurück nach Paris. Von den Deutschen wollte sie nichts mehr wissen und kam doch von ihnen nicht los. »Verna ermutigte sie zu der Reise – und widmete Zurück in Berlin ihrer Freundin ›Sophie‹«, schreibt die Herausgeberin.

Das Buch ist auch heute noch lesenswert, »nicht nur weil wir in einem Europa leben, das sich auf Jahrzehnte hin mit Flüchtlingen und Migrationsfragen konfrontiert sehen wird. Unser Selbstbild ist angesprochen. Noch leben wir in einer Generationenverbindung, die zurück in die Kriegszeit reicht. Und auch die Teilung Deutschlands erscheint nach der Lektüre in einem anderen Licht. Wir denken an Grenzübergänge, Autobahnfahrten nach Berlin, an Ost und West. Carletons Erzählen setzt weitere Teilungen hinzu: Welcher Generation gehört man an? War man im Exil oder nicht? Hat man ein Kind verloren? Wie kam man wieder auf die Beine? Der Roman profitiert von der dreifachen Perspektive einer Amerikanerin mit teilweise deutschen Wurzeln, die in Mexiko und später in Europa lebte. Sie begleitet einen Briten, der, mit 23 Jahren aus Deutschland ins Exil gezwungen, eine fremde Identität annahm und nun, zum Ende des Buches, Weihnachten 1958, in einer Familienkonstellation, die man heute als Patchwork bezeichnen würde, wieder in seinem Elternhaus lebt.« Und die Herausgeberin schließt ihr Nachwort: »Und liest, was seine Verfasserin ein Leben lang mit erstaunlicher Akribie und Einfühlungsvermögen beobachtete: Landschaften des Verlustes, Landschaften der Wiederkehr.«

Ein erstaunliches Buch und eine geglückte Wiederentdeckung, meint Ihr


Siegfried Sunnus

 

Aus: Deutsches Pfarrerblatt - Heft: 6/2017

0 Kommentare zu diesem Artikel


Kommentieren Sie diesen Artikel










Bitte geben Sie die angezeigte Zahl in das nachfolgende Textfeld ein



Sicherheitszahl


zurück

Die Reformation geht weiter
Luthers Theologie für das 21. Jahrhundert
Artikel lesen
Brief aus der Bundeshauptstadt

Artikel lesen
Freiheit
Potential der Reformation
Artikel lesen
Ein »jüdischer Neutestamentler«
Zum 100. Geburtstag von David Flusser
Artikel lesen
Dem Menschen gerecht werden
Gerechtigkeit bei Luther und in der protestantischen Theologie
Artikel lesen
19. Sonntag nach Trinitatis
22. Oktober 2017, Markus 1,32-39
Artikel lesen
Luther und Paulus
Rechtfertigung durch den Glauben
Artikel lesen

PDF

Sie können diesen Artikel als PDF-Dokument runterladen.

PDF-Dokument

Impressum

Dieser Text wurde im Deutschen Pfarrblatt veröffentlicht. Weitere Informationen finden Sie hier:

Impressum


Hinweis

Für Adressänderungen sowie Abonnementbestellungen oder –kündigungen wenden sie sich an ihren zuständigen Pfarrverein.

Nur dort können die Daten geändert werden. Vielen Dank!