Ein anglo-amerikanisches Paulus-Potpourri im Lutherjahr, Teil 1
Neue Perspektiven neutestamentlicher Wissenschaft

Von: Wichard von Heyden
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Die kontinentale Entwicklung der theologischen Wissenschaft und die diesbezüglichen Strömungen in Übersee gehen oftmals wenig Hand in Hand, ja werden sogar nur selten wechselseitig wahrgenommen. Wichard von Heyden möchte hier Abhilfe schaffen und stellt in einem dreiteiligen Beitrag Paulusliteratur der Gegenwart aus der englischsprachigen Welt vor, deren Kenntnis Gewinn verspricht und »uns« neu auf die Spur zu setzen vermag.


1. Die Notwendigkeit, im Lutherjahr über Paulus zu schreiben

Restaurative Museumspädagogik an Stelle einer Re-Formation von Kirche und Glaube

»Kirche war gestern«, unter dieser Überschrift zum 1. Weihnachtstag 2016 (!) resümierte Markus Günther in der »Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung« seine kritische Sicht auf Theologie und Kirche heute:

»Wie reagieren die Kirchen darauf, dass sich der Glaube in Luft auflöst? Der finanzielle Reichtum und die spirituelle Armut führen zu einem blindwütigen Aktionismus, der auf gesellschaftspolitischen Nebenkriegsschauplätzen den Boden gutmachen will, der auf dem zentralen Schlachtfeld des Glaubens verlorengegangen ist.« – »Leute wie Bonhoeffer, Martin Luther King oder Mutter Teresa sind zwar immer noch Vorbilder, aber es wird oft unterschlagen, dass sie die Kraft für ihr Heldentum aus Glauben und Gebet schöpften. Unbeugsamkeit, Nächstenliebe und der Kampf für Menschenrechte passen nach wie vor gut in die Zeit, die Beziehung zu Gott wird dagegen zur Fußnote. Oder schlimmer noch: Der Hochmut der Heutigen schreibt die Gottesbeziehung solcher Helden der Unaufgeklärtheit früherer Generationen zu. Glaube war gestern.«

Nicht nur die spirituelle Komponente von Kirche verblasst; die intellektuelle oder konzeptionell-theologische marginalisiert sich in erschreckendem Maße ebenfalls selbst: Luther 2017, eine »neue« Lutherbibel mit historisierendem, restauriertem Textbestand. Sprachdokument und literarischer Genuss, geradezu Musik! Leider museal. Dazu das Spektakel »500 Jahre Reformation« – ohne erkennbare theologische Diskussion in der Gegenwart, sieht man mal von der Aufarbeitung von Themen wie »Luther und die Juden« ab.1 Wenn auch dringend nötig, so doch eine Verengung.

Theologie als Leitwissenschaft für Kirche und Gemeinde, gar für gesellschaftliche Diskussionen oder politische Entscheidungsfindungen? Eine Referenz der Vergangenheit. Wer aber die ursprüngliche Flughöhe der eigenen Disziplin verlässt, wird kaum in der Lage sein, mit anderen Wissenschaften oder in den gesellschaftlichen Kontexten auf Augenhöhe mitreden können.


»Amerika, du hast es besser!«

Schon vor knapp 20 Jahren resümierte W. Stegemann, die deutsche neutestamentliche Exegese sei a) provinziell, b) eine zunehmend selbstreferentielle Fachwissenschaft und dabei ignorant gegenüber c) anderen Wissenschaftsdiskursen sowie gegenüber d) weiteren zeitgenössischen Themen geworden.2 Auch Systematik oder Praktische Theologie werden eher nicht von der neutestamentlichen Wissenschaft beeinflusst. Obwohl es dort viel zu entdecken gäbe. Auch und gerade deutschsprachige Literatur bietet viel. Aber wenig wirkmächtig, wenig dynamisch.

Stegemann seufzt: »Amerika, du hast es besser!« Aber nicht nur Amerika: Es ist die englischsprachige, im Grunde die gesamte internationale neutestamentliche Diskussion. Warum? Vielleicht weil die Vielfalt zu groß dafür ist, dass Einzel-Schulen dominant werden. Ideologische Einseitigkeiten werden schneller kritisch diskutiert. Offenheit für Neues oder Anderes ist so unumgänglich.


Paulusliteratur, die zu lesen lohnt!3

Das Vorhaben: Ich möchte an dieser Stelle in mehreren Sequenzen Paulusliteratur der Gegenwart aus der englischsprachigen Welt vorstellen, deren Kenntnis »Gewinn« verspricht und uns neu auf die Spur setzt: Denn auch wenn wir Griechisch gelernt haben, irgendwann, irgendwie, irgendwo, sind wir doch alles andere als »Muttersprachler«. Und in unserem Alltagsbewusstsein kommen das zeitgenössische Judentum, die pagan-hellenistischen Kulte und das römische Imperium nur in Schablonen vor. Unsere Vorstellungen der neutestamentlich Handelnden sind schubladenhaft.

Besonders der Völkerapostel wird nach Lust, Laune und Erkenntnisstand hin- und her-etikettiert. Nicht nur, weil er auf mehreren Klaviaturen zu spielen vermochte. Nicht nur, weil er so komplex dachte und handelte. Sondern auch, weil seine Gedanken grundlegend für die Bildung systematischer Lehrsätze wurden, an denen wir uns reiben. Schon seine Briefe selbst geben Anlass, ihn für arrogant, uneinsichtig und streitsüchtig zu halten.

Wenn man dagegen historisch einen Zugang gewinnen will, gilt: »Um Paulus zu verstehen, müssen wir uns bemühen, ihn so weit wie möglich in seiner eigenen Zeit und Situation zu sehen und zu fragen, warum seine Berufung ihn so leidenschaftlich beschäftigte und warum er so reagierte, wie er es tat.« Paulus »war zweifellos ein tiefer Denker, dessen Verständnis des Evangeliums – wenn auch leider häufig missverstanden – für die spätere Theologie und Spiritualität von enormer Bedeutung war. (…) Wenn er heute ignoriert und missbraucht wird, wäre er nicht überrascht; er hat in seiner Zeit weit Schlimmeres erlitten. Auf jeden Fall verdient er, die Anerkennung zu erhalten, die er nie beansprucht hat, nämlich als der größte und einflussreichste aller christlichen Denker gewürdigt zu werden.«4

In ihrer lesenswerten, die neueren britischen Paulus-Ergebnisse bündig zusammenfassenden Arbeit »Paul. A Beginners Guide« stellt die Methodistin Morna D. Hooker, inzwischen emeritierte Professorin in Cambridge (erste Neutestamentlerin Großbritanniens), dar, was es bedeutet, dass »Paulus im wesentlichen ein praktischer und pastoraler Theologe war, (…) der keineswegs eine ‚systematische‘ Theologie schreiben wollte, sondern sich intensiv um die einzelnen Fragestellungen kümmerte, die seine Gemeinden bekümmerten.«5 Viele moderne Vorurteile Paulus gegenüber werden dadurch hinfällig. Die Theologie des Paulus ist auf Christus konzentriert, der in ihm wirksam ist, wie auch in seinen Gemeinden. Es entwickelt sich daraus eine Kultur des Nachahmens der Gegenwart Christi im jeweils anderen.


2. »Meeting God in Paul«

Um einen Einstieg zu finden, gehe ich von zwei kleinen Büchern der letzten Jahre aus, feuilletonartig geschrieben mit klaren Positionen. Zunächst: Rowan D. Williams, Meeting God in Paul, London 2015 (96 S.). Williams ist international anerkannter Patristiker. Als Erzbischof von Canterbury war er 10 Jahre Oberhaupt der weltweiten anglikanischen Kirche.

Ein Grundproblem: Viele Kirchgänger und viele der Kirche Fernstehende haben keine Vorstellung von den Umständen, in denen Paulus gelebt hat. Daher fällt es schwer, seine brieflich übermittelten Vorstellungen einzuordnen und in der Gegenwart anzuwenden. Williams möchte das Informationsdefizit in einigen Punkten ausgleichen und zeigen, welche Bedeutung Paulus für das gegenwärtige Leben der Glaubenden hat.


Draußen und drinnen

Mit den soziologischen Schlagworten »Outsiders and Insiders« beschreibt Williams die Welt des Paulus und stellt zugleich eine zentrale Erkenntnis der Paulusforschung an den Anfang: Es geht auch bei der Rechtfertigungslehre des Paulus nicht in erster Linie um subjektives Befinden im Angesicht des Schöpfers, sondern um die Frage, ob jemand »dazu« gehört (zum Volk Gottes) – oder nicht – und woran man das festmacht. Während Fragen der Abgrenzung nicht nur im zeitgenössischen Judentum sondern auch in der griechisch-römischen sozialen Umwelt immer wieder limitierend waren, begegnet bei Paulus eine Durchbrechung dieses Schemas. Limitierend war: Wer hat welches Bürgerrecht – und wer nicht. Wer ist wohlhabend, wer nicht? Wer ist Bürger einer Stadt oder gar römischer Bürger, wer nur zugereister Migrant? Wer ist Sklave, wer Sklavenbesitzer? Wer ist Mann, wer Frau, wer Kind, wer Erbe, wer erwachsen, wer frei, wer unfrei? Wer gehört in welche Gruppe, hat welche Rechte, kann sich welche Rechte herausnehmen?

Williams stellt grundlegende Ordnungsvorstellungen der Zeit dar und zeichnet Paulus in das sich ergebende Netzwerk ein: zwischen Rom, Athen und Jerusalem angesiedelt in Zugehörigkeit und Bildung, als Handwerker arbeitend und gleichwohl in der Lage, über Personen, Material, Zeit und zwischenzeitlich auch Luxus zu verfügen; zugleich Bürger mehrerer irdischer »Welten«, als auch mit »Bürgerrecht im Himmel« ausgestattet. Ein Migrant mit allen Unsicherheiten und gleichzeitiger Zugehörigkeit zu einer übergeordneten Sphäre, die den Mitmenschen zunächst unbekannt ist.


Die überraschende Willkommenskultur Gottes

Williams überführt die genannten kurzen Darstellungen in sein Kapitel 2 »Ein umfassendes Willkommen: Das verwirrende Konzept des Paulus«6: Zugespitzt in Gal. 3,28 (»Hier ist nicht Jude noch Grieche, hier ist nicht Sklave noch Freier, hier ist nicht Mann noch Frau; denn ihr seid allesamt einer in Christus Jesus«) zeigt Paulus, dass Christen einer weiteren Welt angehören, bei der all die Fragen von Status, Ehre und Gruppe »immateriell« werden.7 Es geht um ein »Willkommen«, in dem Mauern und Schranken fallen. Das Willkommen selbst geht von Gott aus: Er nimmt uns in die Gemeinschaft, die er selbst will und prägt, auf. Wir haben daraufhin die anderen Mitglieder der Gemeinschaft wie Christus selbst anzusehen. So stiftet die neue Gemeinschaft Frieden zwischen zuvor unversöhnten Fraktionen der Gesellschaft.8

Das »Willkommen« in der Gemeinde ist verknüpft mit dem Begriff der »Freiheit«. Nicht, dass Freiheit bedeutet: »Früher war ich durch alle möglichen Einschränkungen behindert; jetzt kann ich endlich machen, was ich will«, sondern eher: »Früher hatte ich keine Macht, mein eigenes Leben zu gestalten. Jetzt kann ich das«.9 Vor allem aber geht es um die »Freiheit von der Vorstellung, du müsstest Gott durch irgendetwas glücklich machen, bevor Gott dich willkommen heißt«.10

Die »Freiheit« ist nicht modern-individualistisch. Denn zugleich »gehören« wir Jesus wie einem Sklavenhalter: Sein Leben formt immer mehr unser eigenes.11 Indem Sklaverei (Knechtschaft) Jesus gegenüber in diesem Sinne definiert wird, verliert die reale Sklavenwirtschaft ihre Bedeutung und kann im konkreten Fall (Philemon) auf eine in diesem Sinne grundlegende Veränderung hinauslaufen. Eine neue Gemeinschaft über soziale Grenzen hinweg wird möglich. Innerhalb dieser Gemeinschaft gibt es Möglichkeiten, von destruktiven Mächten der Selbstzerstörung, die jedem Menschen und jeder Gemeinschaft inhärent sind, befreit zu werden. Der Befreier ist Gott bzw. Gottes Geist, der eine umfassende Erneuerung beginnt. »Paulus bewertet das ganze Universum, in dem er lebt, neu, in dem er alles um-denkt. Das bezieht sich nicht nur auf die soziale, sondern auch auf die materielle Welt. Er versucht, uns zu zeigen, wie die Gesamtheit aller Dinge aussehen könnte, wenn die Annahme und das Willkommen durch Gott einzigartig neu sichtbar und wirksam wird.«12


Die neue Schöpfung

Wie das denkbar wäre, stellt Williams im dritten Kapitel dar: »Die neue Schöpfung: die christliche Welt des Paulus«:13 Diese neue Schöpfung beginnt mit einem Zeitgenossen aus seiner eigenen jüdischen Welt. Es hat sich herausgestellt, dass dieser Mensch das Ebenbild Gottes verkörperte. In ihm ist der strahlende Glanz der Gegenwart des Schöpfers erschienen. Sich von diesem Bild prägen zu lassen, bedeutet, ihm selbst ähnlicher zu werden. Gebunden ist die Erfahrung von Gott-Vater, Sohn und Heiligem Geist an die Grunderfahrung des Gebets.14 Denn im Gebet gibt der Geist Jesu selbst dem Beter die Worte ein, mit denen die unbeschreibbare Quelle aller Dinge erreicht und »Vater« genannt werden kann. Der Geist bewirkt schon jetzt einen Vorgeschmack oder einen Anfang des Kommenden bei den Betenden.

Wer danach fragt, wo sich die Humanität in ihrer Tiefe und Reife erfüllt, wo die menschliche Identität ihre wahre Bestimmung findet, der findet die Antwort in der Person Jesus.15 Obwohl die Gemeinden des Paulus voll Versuchungen und Abweichungen waren, war er sich sicher, dass der »energetische Strom« nicht mit Abfall und Dreck blockiert werden könne, egal wie energisch wir daran arbeiten.16 »Indem wir anfangen, als Christen zu reifen, dämmert uns die Erkenntnis, dass unsere Hoffnung auf Christus sich nicht nur auf ein künftiges Ereignis richtet. Es geht um eine Zukunft, die schon begonnnen hat, greifbar in unserer Beziehung zueinander, zu Jesus und zu dem Einen, den Jesus ›Abba, Vater‹ nennt. Es ist das Leben des dreieinigen Gottes, das sich für uns öffnet und in unserem eigenen Leben lebt, im gegenwärtigen Moment, ja; aber auf eine Art, die uns wissen lässt, dass es weiter wachsen wird in eine Tiefe, für die wir keine Worte oder Bilder finden können – ›die Tiefe der Reichtümer der Weisheit und Erkenntnis Gottes‹« (Röm. 11,33).17


3. Paul among the People18

Wenden wir uns nun dem mit heißem Herzen geschriebenen, essayhaften Buch von Sarah Ruden zu. Die Autorin ist Quäkerin, Pazifistin, Feministin. Nebenbei: Sie ist nicht Theologin, sondern preisgekrönte Gräzistin mit umfassender Kenntnis hellenistisch-römischer Literatur. Ruden nähert sich Paulus von einer vernachlässigten Seite: Wie haben polytheistisch erzogene Zeitgenossen bzw. Gemeindeglieder den Apostel wahrgenommen? Ruden hält Paulus zunächst für schroff, frauenfeindlich, strukturkonservativ, lustfeindlich, homophob.19 Umso überraschter ist sie, dass ihre Vorurteile so nicht haltbar sind: »Vermutlich die größte Ironie in der Wahrnehmung dieser Briefe entdeckt man in den Abschnitten, die der moderne Leser für besonders intolerant hält. Eine genauere Untersuchung des Zusammenhangs zeigt, dass gerade hier Paulus der Brutalität auf besonders menschenfreundliche Weise entgegentritt.«20


Unzucht

Die Frage nach der Lustfeindlichkeit des Christentums stellt sich für Ruden anhand traditioneller puritanischen Lesarten. Sie geht die Liste der zu meidenden Dinge aus Gal. 5 durch. Von vielen Einzelbeobachtungen nur so viel: »Unzucht« (porneia) ist im Griechischen das Vergehen der Ehefrau, während der Mann sich jederzeit eine porne (Prostituierte) nehmen kann oder ein Sklavenmädchen (bzw. einen Jungen), ohne dass diese einverstanden sein müssen. Nicht nur, dass Sexualität hier durch männliche Brutalität bestimmt wird. Weibliche »Vergehen« werden demgegenüber streng bestraft und als »Unzucht« gekennzeichnet. Nachkommen aus weiblicher Porneia haben im griechischen Raum kein Bürgerrecht. Allein der Verdacht zerstört den Status einer Familie.

Was Paulus hier tut, ist nun keineswegs die Übernahme dieser Vorstellungen, sondern deren vollständige Neuinterpretation. Jetzt ist auch der Gang des männlichen Haushaltsvorstandes zum Sklavenmädchen oder zur Prostituierten »Unzucht«. Nicht nur der Verstoß der Frau wird moralisch geächtet, sondern in gleicher Weise der des Mannes. Das ist bemerkenswert. Denn die Mehrzahl der heidnischen Gemeindeglieder dürfte bis dato genau anders herum gedacht, gefühlt und gehandelt haben.

Eine nähere Betrachtung der alltäglichen Umwelt der paulinischen Gemeinden ergibt, dass diese keineswegs ideal, sondern durch Brutalität und mangelnde Humanität bestimmt war. Das Recht und die Ehre des Stärkeren war hier alles. Die paulinische Gemeinde stellt demgegenüber eine innovative Gegenwelt dar. »Mein Bild von Paulus wird nie mehr das alte sein, nachdem ich jetzt diesen Abschnitt auf Griechisch gelesen habe und einige der verwendeten Wörter ›bis nach Hause verfolgt habe‹. Wie konnte ich jemals das Märchen akzeptieren, wonach der Apostel in Gemeinschaften glücklicher Heiden hineinspaziert sei, die in Frieden lebten und mit der Natur und ihren eigenen Körpern eins waren? Wie konnte ich die Mär glauben, wonach Paulus die fröhlichen Maibaumtänze beendete und die vormaligen Tänzer sich darüber unbegreiflicher Weise freuten? Stattdessen: Paulus opferte sein Zuhause, seine Gesundheit, seine innere Ruhe und vermutlich sein Leben für die Griechen und Römer. Da diese jetzt schon lange tot sind, sollte es nicht politisch unkorrekt sein, wenn man sie ›Kindergartenkinder mit Messern in der Hand‹ nennt. Er muss sie bis zur Bewusstlosigkeit leidenschaftlich geliebt haben.«21


Homosexualität

Was hat er selbst erlebt, wenn er in Tarsus aufgewachsen sein sollte? Pädophile, die den Schuljungen auf dem Weg zum Unterricht nachstellten, sodass die besorgten Eltern einen »Paidagogos« mitgehen lassen mussten, um ihre Söhne zu schützen? Wenn es dann doch zu einem Überfall gekommen war, war der Überfallene, der »schwache Part«, entehrt und konnte seine Bürgerrechte verlieren. Sklavenjungen hatten keine Rechte und mussten im Zweifel damit rechnen, von ihren Herren oder deren Freunden missbraucht zu werden.

Nachdenkenswert ist auch der Schluss, den Ruden zieht: Viele Hörer wären verwundert gewesen, dass Paulus die Kategorie »Gerechtigkeit« auch auf Homosexualität anwandte, was unüblich war. Denn das galt nicht als Unrecht. »Aber einige unter ihnen – Sklaven, Freigelassene, die Armen, die Jungen – sollten es einen Moment später verstanden haben: Christus, der einzige Sohn Gottes, hat seinen Körper preisgegeben, um die Menschheit zu retten. Welcher Kontrast könnte größer sein gegenüber dem Brauch, einen schwächeren Körper für selbstbezogene Lust oder einen ›Power-Trip‹ zu benutzen? (…) Paulus führt einen kühnen und effektiven Schlag gegen die Machtstrukturen. Er fordert eine über Jahrhunderte übliche abscheuliche Gepflogenheit heraus, indem er eine gerechtere und liebevollere Gesellschaft sucht.«22

Ruden lässt alle Folgerungen zur Frage, wie mit Homosexualität heute umgegangen werden sollte, offen. Auch die schöpfungstheologischen Einordnungen des Paulus sind nicht ihr Thema. Ihr geht es nur darum, was polytheistische Griechen und Römer verstanden haben mögen.


Frauen und Sexualität

Ruden beschreibt eine weitere Innovation. Mitsprache junger Frauen bei der Auswahl des Bräutigams sei unüblich gewesen. Sexuelle Bedürfnisse der Frauen wurden nicht beachtet. Genau das fordert Paulus: Gegenseitigkeit und Achtung in der Ehe. Ehe nicht nur zum Zweck der Kinderaufzucht, sondern auch für die sexuelle Lust.

Paulus und die verschleierten Frauen: Der Schleier zeigt, ob eine Frau aus einem Power-Status kommt, ob sie Ehre, Würde, Reichtum, Adel hat. Wer keinen Schleier trägt, ist Sklavin, Prostituierte, Ehebrecherin oder auf sonst eine Weise entehrt. Dass in der quasi-öffentlichen Versammlung der Ekklesia Frauen überhaupt dabei sein dürfen, ist aus griechischem Blickwinkel verwunderlich. Der gleiche Schleier für alle bedeutet die demonstrative Herstellung gleicher Würde für alle anwesenden Frauen.


Untertan der Obrigkeit

Ruden hält fest, dass Paulus selbst in manchen Konflikt verwickelt ist. Die Aufforderung, dem Staat untertan zu sein (Röm. 13), scheint dem zu widersprechen. Ruden zeigt, dass Paulus in diesem Zusammenhang Militär-Vokabular benutzt. Gerade in den von Paulus besuchten römischen Kolonie-Städten gehörte Militärdienst zu den positiv besetzen Aufgaben. Denn das Militär stellte Sicherheit für Handel und Leben her. Es war rational organisiert. Die übliche Willkür begegnete hier weniger. Wer sich im Militärdienst bewährte, hatte Möglichkeiten, gesellschaftlich aufzusteigen, gar Bürger Roms zu werden. Paulus schreibt vor der Christenverfolgung Neros. Seine Vorstellungen entsprechen Jesu Motto: Dem Caesar, was dem Caesar gebührt; Gott, was Gott gebührt.

Ruden beendet ihr Buch mit einer bewegenden Auslegung zu 1. Kor. 13. Es geht eigentlich ganz und gar um Liebe (Agape). Es geht um Kindheit und Erwachsensein. Es geht um Erkennen und Verstehen. Es geht um Geschwisterlichkeit trotz oder auch gegen Herren-Sklaven-Verhältnisse. »Heute denke ich, dass es für mich besser ist, die Briefe zu lesen als die Evangelien. Was kann ich verstehen davon, wie Jesus empfunden hat? Aber ich fühle, wie Paulus empfunden haben muss.«23


4. Fazit und Ausblick

Wir begegnen einer besonderen Stärke angelsächsischer Paulus-Lektüre: Weder rechtsförmiges Rechtfertigungsvokabular noch Fokussierung auf restriktive Einzelaussagen dominiert. Dadurch war der Zugang zu Paulus und seiner Theologie für viele versperrt. Es wird sich zeigen, dass weder die Rechtfertigung aus Glauben noch sämtliche situativ bedingten Einzelvorstellungen ausgedient haben. Aber ganz offensichtlich gibt es eben auch mindestens einen weiteren Zugang zu Paulus, wenn man versteht, dass es ihm um die transformierende Gegenwart Jesu und seines Geistes in uns (Ruden) geht.

Vielleicht käme man mit ethischen Fragen, die für viele »Bekenntnisqualität« haben, auf einen zwangloseren Weg, wenn nicht Dirigismus, Ideologie und öffentliche Anerkennung im Mittelpunkt stünden, sondern die Frage, was der Gegenwart Christi in uns, in seiner Gemeinde, entspricht. Nicht kulturell bedingte Moral, Status oder Gruppenzugehörigkeit des Einzelnen, sondern die Formung durch den Neuen Menschen – Christus – ist der Dreh- und Angelpunkt gelebten Christseins.

Abschließend Worte von Ruden, vielleicht speziell für die Verfasser all der kirchlichen Denkschriften: »It is a common – and fundamental – misconception that Paul told people how to live. Apart from forbidding certain abusive practices, he never gives any precise instructions for living. It would have violated his two main social principles: human freedom and dignity, and the need for people to love one another.«24


(Teil 2 im nächsten Heft)


Wichard von Heyden


Anmerkungen:

1 Damit sollen nicht die vielen Vorträge, Bücher, Aufsätze und ökumenischen Diskurse abgetan sein, die gerade jetzt verstärkt entstehen. Insgesamt aber wirkt das Jubiläum wie eine Umsetzung von »des Kaisers neuen Kleidern«.

2 W. Stegemann, Amerika, du hast es besser. Exegetische Innovationen der neutestamentlichen Wissenschaft in den USA in: R. Anselm u.a. (Hg.), Die Kunst des Auslegens. Zur Hermeneutik des Christentums in der Kultur der Gegenwart, Frankfurt 1999, 99-114. Die heutige ntl. Wissenschaft in Deutschland hat das Problem grundsätzlich erkannt.

3 Vgl. auch die Themenhefte der ZNT (14/2004) und der WuB (2/01; 1/09) zu Paulus sowie z.B. die Paulus-Theologie von M. Wolter, Neukirchen 2011. Einen guten, intensiv über den Stand deutscher Paulusforschung informierenden Überblick bieten U. Schnelle, Paulus. Leben und Denken, Berlin/Boston 22014, sowie Fr. W. Horn (Hg.), Paulus-Handbuch, Tübingen 2013.

4 M. D. Hooker, Paul. A Beginner’s Guide, Oxford 2008 (214 S.), 170. Übersetzung hier wie auch im Folgenden, wenn nicht anders notiert, von mir.

5 Ebd., 31f.

6 »The universal welcome: Paul’s disturbing idea«.

7 Ebd., 29.

8 Ebd., 30f. Williams bezieht sich auf Eph. 2: Aus seiner Sicht ein »echter« Paulusbrief.

9 Ebd., 33.

10 Ebd., 35.

11 Ebd., 38f.

12 Ebd., 55.

13 Ebd., 59-85.

14 Williams deutet die paulinischen triadischen Formeln in Richtung Dreieinigkeit.

15 Ebd., 73f.

16 Ebd., 68f.

17 Ebd., 81.

18 Sarah Ruden, Paul Among the People: The Apostel reinterpreted and reimagined in his own Time, Pantheon-Books, New York 2010 (214 S. inkl. Register).

19 Die Kapitel orientieren sich an den eigenen Vorurteilen: »The End of Fun? Paul and Pleasure.« – »No Closet, no Monsters? Paul and Homosexuality.« – »An apostolic Oinker? Paul and Women.« – »Just following orders? Paul and the State.« – »Nobody here but us Bondsmen. Paul on Slavery.«

20 Ebd., XVIf.

21 Ebd., 43f.

22 Ebd., 71.

23 Ebd., 186. Natürlich ist Rudens Beitrag einseitig: Ob die griechisch-römische Gesellschaft überall so schwarz zu malen ist, wie Ruden es tut? Da gäbe es Korrekturmöglichkeiten. Auch ist Rudens Darstellung keinesfalls umfassend, sondern orientiert sich an wenigen Einzelpunkten. Umfassender wird man in Deutschland durch die Beiträge der Brüder Stegemann, von Gerd Theißen oder in Werken wie dem NTAK informiert.

24 Zitat aus dem Klappentext des Buches.

 

Aus: Deutsches Pfarrerblatt - Heft: 6/2017

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