Anstöße zu einer christlichen Pneumatologie
»Ich glaube an den Heiligen Geist«

Von: Christan Danz
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Das Pfingstfest, das wir im Juni feiern, ist dem Heiligen Geist gewidmet. Doch was oder wer ist der Gottesgeist? Worüber predigt man, wenn man über den Heiligen Geist zu reden hat? Über einen göttlichen Atem, eine Energie oder eine göttliche Person? Vielleicht über die Kirche und das ewige Leben, welche das Glaubensbekenntnis zusammen mit dem Geist nennt? Nicht nur Pfarrerinnen und Pfarrer tun sich schwer, wenn es um den Gottesgeist geht. Auch in der Theologie wurde über eine Geistvergessenheit geklagt. Während weltweit geistbewegte Kirchen, Pentecostals und Charismatiker einen enormen Zulauf erfahren und zu den am stärksten wachsenden religiösen Bewegungen gehören, wisse die akademische Theologie nur wenig über den Heiligen Geist zu ­sagen.


Vom Vorwurf der Geistvergessenheit …

Der Vorwurf einer Geistvergessenheit, der in der zweiten Hälfte des 20. Jh. gegenüber der protestantischen und römisch-katholischen Theologie erhoben wurde, meint indes nicht, dass der Gottesgeist einfach vergessen wurde. Die Kritik richtete sich vielmehr gegen eine bestimmte Fassung der theologischen Lehre vom Geist. Man meinte, die überlieferte enge Bindung des Gottesgeistes an Jesus Christus und – vor allem im Luthertum – an die Bibel führe zu einer Engführung. Die von der Theologie gepflegte Konzentration auf das Heil des Menschen lasse die drängenden gesellschaftlichen Probleme aus dem Blick treten. Um dem zu begegnen, plädierte man auf breiter Front für eine Ablösung des Geistes von der Bibel und der Soteriologie, der Lehre vom Heil. In zahlreichen Publikationen zum Gottesgeist, die am Ende des 20. Jh. erschienen sind, wurde dieser auf die Schöpfung und die Welt der Religionen bezogen. Gott, so die Überzeugung, sei nicht nur in seiner Offenbarung in Christus zu finden, sondern auch in der Weltwirklichkeit und in den vielen Religionen.


… zur Verflüchtigung des Geistes

Eine Ausweitung des Geistes hat jedoch ihren Preis. Wenn der Heilige Geist in der Schöpfung am Wirken ist und gleichsam jede Aufbruchsstimmung, jede erfahrene Befreiung etc. sich seinem Wirken verdankt, dann verflüchtigt er sich. Er wird unbestimmt, er ist nun alles, aber damit auch nichts. Ebenso problematisch ist die Behauptung, der Gottesgeist wirke auch in den nichtchristlichen Religionen. Behält man die traditionelle Bindung des Geistes an Jesus Christus bei, dann werden diese zu einem verkleideten Christentum. Löst man den Heiligen Geist von Christus, verstanden als der besonderen Offenbarung Gottes im Christentum, ab und deutet jenen als allgemeines Wirken Gottes, dann wird der Gottesbegriff tendenziell aufgelöst. Der Geist »sagt« dann in den nichtchristlichen Religionen etwas anderes als im Christentum.


Christi kulturelles Gedächtnis

Wie aber ist der Heilige Geist zu verstehen? Er erinnert an Christus. Das ist sein Amt. Der Gottesgeist vermittelt Christus an den Einzelnen. Ohne Kommunikation ist das nicht möglich. Bei dem Heiligen Geist geht es folglich um die Abhängigkeit der christlichen Religion von einer ganz konkreten Tradition der religiösen Rede. Die religiöse Kommunikation lässt Christus anwesend sein. Der Gottesgeist symbolisiert das eigenartige Phänomen der Anwesenheit eines Abwesenden. Der Heilige Geist ist also keine anonyme Macht, die irgendwie überall am Wirken ist, oder eine gleichsam göttliche Energie. Er ist die Erinnerung an Christus, sein kulturelles Gedächtnis (Jan Assmann).

Das geschieht in und durch die religiöse Rede. Sie führt zu einem neuen Verständnis des Menschen. Dass sich ein solches bei dem Einzelnen in der religiösen Kommunikation einstellt, lässt sich weder erzwingen noch irgendwie hervorbringen. Kommt es jedoch zu einem veränderten Selbstverständnis des Menschen, so ist das ein weit größeres Wunder, als es irgendein noch so göttliches Kraftfeld zu bewirken vermag.


Christan Danz

 

Aus: Deutsches Pfarrerblatt - Heft: 6/2017

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