Luthers Theologie der Ökonomie, Teil II
»Der Mammon klebt der Natur an bis in die Grube«

Von: Gebhard Böhm
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Hat Martin Luther – etwa durch seinen Ansatz bei der Rechtfertigungslehre – nicht nur im Blick auf die Theologie Bahnbrechendes geleistet, sondern auch Richtungsweisendes für eine Ethik der Ökonomie und des Geldes geleistet? Dieser Frage widmet sich ein drei­teiliger Aufsatz von Gebhard Böhm, dessen zweiter Teil mit Luthers Überlegungen zur ­Bergpredigt beginnt.


IV Wirtschaftethik nach der Bergpredigt

Da die Bergpredigt Jesu in Luthers Verständnis gerade keine elitäre »geistliche« Ethik ist, kann Luther diesen »evangelischen Ratschlag« zum Ausgangspunkt seiner wirtschaftsethischen Grundsatzpredigt, dem »Sermon vom Wucher« (1519), nehmen:

»Erstens ist zu wissen, daß unser Herr Jesus Christus Matth. 5, 40 – 42, wo er sein Volk lehrt, wie sie sich sollen verhalten gegeneinander beim Geben und Leihen von zeitlichen Gütern, drei verschiedene Grade setzt:

• Wenn jemand uns etwas mit Gewalt nimmt, sollen wir's nicht nur fahrenlassen, sondern auch bereit sein, ihm, wenn er mehr nehmen will, auch dieses zu lassen. … Dies ist der höchste Grad in diesem Werk.

• Der zweite Grad ist, daß man ihn (gemeint: den Mantel) geben soll jedermann, der ihn bedarf und begehrt.43

• Der dritte Grad ist, daß man willig und gerne leiht oder borgt ohne jeden Zins. … Dieser dritte, letzte Grad ist der geringste, sogar so gering, daß er im Alten Testament geboten ist dem einfachen, unvollkommenen Volk der Juden.« (Dtn. 15,7f)44

Auch in den späteren programmatischen wirtschaftsethischen Schriften »Von Kaufshandlung und Wucher« (1524)45 und »An die Pfarrherrn, wider den Wucher zu predigen. Vermahnung« (1539/40)46 wird dieses »Gebot«47 zur Grundlegung seiner wirtschaftsethischen Orientierung herangezogen.48

Die »Goldene Regel« (Mt. 7,12) sieht Luther in diesem Wort Jesu auf den Bereich des wirtschaftlichen Handelns hin konkretisiert: »Alles, das ihr wollt, dass euch die Leute tun sollen, das tut ihnen auch!« Das ist keineswegs lediglich eine »Klugheitsregel«, nicht nur ein »Regulativ für Wohlanständigkeit«49. Sie ist als »geistliches Gesetz« (lex spititualis) die Anleitung dazu, die Bedürftigkeit des Nächsten in der Liebe so ernst zu nehmen, wie man in der Ichbezogenheit die eigenen Strebungen ernst nimmt.50 Insofern macht die Goldene Regel für den Glaubenden den eigenen »Egoismus ganz für den Dienst des Nächsten fruchtbar«51, wogegen das Naturrecht nur in abstrakter Weise die Berechtigung der Bedürftigkeit aller Menschen anerkennt und die konkrete Durchsetzung der jeweiligen Bedürfnisse dann darin begrenzt, dass es die Bedürfnisse des anderen nicht verletzen dürfe.52


Christliches Zinsverbot

Daraus ergeben sich für ihn ganz konkrete Konsequenzen, am intensivsten – thematisch einander entsprechend53 – in seinen drei wirtschaftsethischen Schriften, dem »Sermon vom Wucher« (1519), »Von Kaufshandlung und Wucher« (1524) und in der »Vermahnung – An die Pfarrherren, wider den Wucher zu predigen« (1539/40) dargelegt.

Luther schließt aus, »Wein, Korn, Geld und was dergleichen (dem) Nächsten so zu leihen, daß sie diese verpflichten oder beschweren und überladen, übers Jahr Zinsen zu zahlen, so daß sie mehr oder ein Besseres, als sie geborgt haben, wiedergeben müssen. Das sind jüdische Stücklein und Tücklein. Es ist ein unchristliches Verhalten, wider das heilige Evangelium Christi, ja wider das natürliche Gesetz und Recht.«54 Und er fährt unter Bezug auf Lk. 6,31 fort: »Es ist niemand, der nicht wollte, daß man ihm ohne Zinsen leihe. Warum tut er dann das Gegenteil einem anderen gegenüber?«55

Diese theologisch-biblische Begründung der Ablehnung des Leihens auf Zins ist klar zu unterscheiden von der auf Aristoteles56 zurückgehenden im Mittelalter vorherrschenden geldtheoretischen – und naturrechtlichen – Begründung des kirchlichen Zinsverbotes57, die damit argumentiert, dass Geld »unfruchtbar« sei58, dass also eine Vermehrung des Geldwertes nur durch menschliche Arbeit erfolgen könne. Luther teilt diese Auffassung durchaus: Geld will nicht »wudelln« (sich vermehren)59. Luthers Begründung aber geht vom Gebot der Liebe und von der gemäß diesem Gebot verstandenen »Goldenen Regel« aus: Er sieht, dass bei Leihen auf Zins »allezeit des Darlehensgebers Vorteil größer, besser und von jedermann gefälliger angesehen ist als der des Darlehensnehmers«60. Und er urteilt, dass solch einseitiger Vorteil nicht nur unfair, sondern ganz gegen »das natürliche Gesetz« und erst recht gegen »der Liebe Art« sei, von der Paulus sagt, »dass sie nicht ihren eigenen Nutzen noch Vorteil, sondern den der andern sucht«61. Beim Zinsnehmen sei dagegen »zu vermuten, dass der Darlehensgeber nie oder höchst selten seines Nächsten, des Darlehensempfängers, Besserung und Vorteil in diesem Geschäft mehr oder wenigstens ebenso viel sucht und begehrt wie seinen eigenen«.62


»Raubkredite« und »Notwucher«

Es ist dabei deutlich, dass Luther hier Kredite im Blick hat, die der Kreditnehmer aus Not aufnehmen muss63 und die er in seiner Not zur Deckung des notwendigen Konsums, also letztlich zum Verbrauch, benötigt und die er nur aufnimmt in der Hoffnung, sie später aus einem Ertrag aus eigener, mit anderen Mitteln erfolgender Produktivität zurückzahlen zu können. Solche verzinslichen Kredite gar unter dem Vorwand zu gewähren, damit diene man dem Kreditnehmer, ist für Luther ein listiges, falsches Vorgehen: »Wenn einer sagt: Ich tue meinem Nächsten einen Dienst – er braucht das Darlehen, das ich ihm auf angemessenen Zins gebe – das nennt sich ›Dienst‹ am Nächsten, aber es ist einem fremden Gott, dem Teufel, gedienet und wohlgetan.«64

Zinsgewinn aus einem dem Nächsten gewährten Konsumdarlehen ist daher in Luthers Sicht ethisch gleichzustellen mit dem »Geld, das auf dem Spiel gewonnen« wurde oder gar mit »der gemeinen Frauen Lohn«65, bzw. es ist schlicht »Raub« und »Diebstahl«66. Daher lautet im »Zehn-Gebote-Lied« die dem Diebstahlsverbot gewidmete Strophe:

»Du sollst nicht stehlen Geld noch Gut,

nicht wuchern67 jemands Schweiß und Blut«68.

So sehr sich für Luther die Ablehnung von Zinsgeschäften aus dem Gebot der Liebe und aus der Goldenen Regel ergibt, so sehr ist er in der Anwendung dieser Ablehnung pragmatisch:

Sofern beispielsweise einem Armen, einer Witwe, einem Waisen, je ein Geld in die Hände fiele und er könnte ggf. davon leben, sofern er es auf Zins verleihen würde, so wäre das nicht in gleicher Weise zu verdammen wie beim »mutwilligen, geizigen, unnötigen Wucher (der großmaßstäblichen Wucherer – G.B.), der nur auf eitel Handel und Gewinn aus« ist. Luther würde das nicht verwerfen, sondern – nach dem Grundsatz »Not bricht Eisen«69 – als »Nothwuecherlein«70 durchgehen lassen.



Gewinnbeteiligung

Sofern es sich bei einem Darlehen dagegen nicht um »Konsumkredit«, sondern um einen »Produktivkredit« handelt und der Darlehensempfänger damit einen Gewinn erwirtschaften kann, hält Luther eine gewisse Gewinnbeteiligung für vertretbar.71 Die Einsicht, dass nicht jeder Kredit nur auf den »Verbrauch«72 des Geliehenen zielt, sondern dass ein Kredit durchaus auch der Steigerung der Produktivität auf Seiten des Darlehensempfängers dienen kann, kommt im ausgehenden Mittelalter73 in der ethischen Reflexion des Zinswesens auf.

Für Luther wäre allerdings diese Gewinnbeteiligung bei »Produktivdarlehen« – wie ganz entsprechend bei Johann Eck und anderen zeitgenössischen (katholischen) Theologen auch74 – an bestimmte Bedingungen gebunden: Es müsste ein mäßiger75, am besten ein flexibler76, gewinnabhängiger Zinssatz sein und es müsste tatsächlich ein Gewinn77 vorliegen.

Doch auch dann noch bleibt bei Luther Skepsis: »Summa: Ich urteile, der Zinskauf ist nicht Wucher. Mich dünkt aber, es sei seine Art, daß ihm leid ist, daß er nicht darf Wucher sein. Es gebricht am Willen nicht, aber er muß leider rechtschaffen sein.«78

In der Erklärung des siebten Gebotes im Großen Katechismus verweist er darauf, dass es beim Zinsverbot um jedes Handeln gehe, in dem der eigene Vorteil zum Nachteil des Nächsten gesucht wird79, er erwähnt ausdrücklich »seltsame Finanzen«80 und nennt diejenigen, die so handeln »Stuhlräuber«81.


Verantwortlicher (fairer) Handel

Genauso wie das Zinsnehmen ist für Luther daher auch jeder Handel, der zu höchst möglichem Preis erfolgt, Raub und Diebstahl. In der Schrift »Von Kaufshandlung und Wucher« (1524) erörtert er dies bis ins Detail. Auf die Vielzahl der illegitimen Mittel und Wege, die dafür gang und gäbe sind und die Luther im Einzelnen bespricht, wurde bereits hingewiesen.82

Auch hier: der Grundsatz ist klar, die Anwendung aber muss verantwortlich-pragmatisch erfolgen. Es ist ja nicht einfach und objektiv zu bestimmen, was der Wert einer Ware – oder auch einer Dienstleistung – ist: »Fragst du: ›Ja, wie teuer soll ich’s dann verkaufen? Wo treffe ich das Recht und die Billigkeit, so dass ich meinen Nächsten nicht übervorteile?‹ Antwort: ›Das wird freilich mit keiner Schrift oder Rede verfasst (objektiv festgelegt – G.B.) sein. Es hat auch noch niemand sich vorgenommen, den Preis jeder Ware festzusetzen, zu erhöhen oder zu mindern. Der Grund liegt darin, dass die verschiedenen Waren nicht gleich einzuschätzen sind: die eine holt man von weiter her als die andere, für die eine ist ein höherer Aufwand nötig als für die andere. Auch kann eine Ware, die heute auf gleicher Straße aus derselben Stadt herkommt wie vor einem Jahr, heute mehr kosten, weil z.B. das Wetter schlechter ist oder sonst ein Zufall eintritt, der die Unkosten hochtreibt. Und es ist billig und recht, dass ein Kaufmann an seiner Ware so viel Gewinn mache, dass seine Kosten gedeckt sind und seine Mühe, Arbeit und sein Risiko bezahlt werden. …‹ Wer kann umsonst dienen oder arbeiten? So spricht das Evangelium: Ein Arbeiter ist seines Lohnes wert.« (Lk. 10,7)83


Festsetzung von Preisen?

Für die Festsetzung von Preisen würde Luther als geeignetsten Weg ansehen, dass die Obrigkeit »vernünftige, redliche Leute«, also gewissermaßen eine Kommission beruft, die »allerlei Ware« einschätzen und angemessene Preise festsetzen sollte84. Weil aber das »nicht zu hoffen«, d.h. nicht umzusetzen, ist, ist es Luthers nächster und bester Rat, dass man die Ware so viel wert sein lässt, wie gemeinhin auf dem Markt dafür verlangt und gezahlt wird oder wieviel es eben in einem Land Gewohnheit ist zu geben und zu verlangen. Luther erinnert an das Sprichwort: »Tu wie andere Leute, so handelst du nicht närrisch!«85 Dass Luther damit nicht der modernen Vorstellung des »freien Marktes« das Wort redet86, folgt eindeutig aus seinen vielen einschränkenden Bedenken gegen »ethikfreies« wirtschaftliches Handeln und aus seinen – unten zu besprechenden – strukturbezogenen Überlegungen.

Wo diese beiden Ratschläge nicht anwendbar wären, muss man es dem Kaufmann »auf sein Gewissen heimgeben«87 damit er nicht seinen Nächsten übervorteilt und nicht Geiz, sondern (nur) den ihm geziemenden Gewinn88 sucht.

Luther will also hier nicht zu genau die Dinge festlegen, »als müsste man das Maß so treffen, dass es nicht um einen Heller verfehlt würde. Denn das ist nicht möglich.«89 »Es ist genug, dass du mit gutem Gewissen danach trachtest, dass du möglichst das rechte Maß triffst, und doch ist es dem Handel eigentümlich, dass es nicht möglich ist, das immer ganz genau zu erreichen. Nach dem Sprichwort: ›Ein Kaufmann kann kaum ohne Sünde handeln‹. Und wenn du – unwissend und nicht absichtlich – ein wenig zu viel nehmen würdest, so nimm das mit ins Vaterunser, in dem man ja bittet: ›Vergib uns unsere Schuld!‹«90

»Wenn du zum Beispiel ein Geschäft betreiben würdest, das dir übers Jahr hin hundert Gulden einbrächte als Ausgleich für alle Kosten und als geziemender Lohn für deine Mühe, Arbeit und dein Risiko und du würdest etwa einen Gulden oder zwei oder drei darüber hinaus einnehmen, dann sehe ich das an als eine Ungenauigkeit im Handel, die man nicht gut vermeiden kann. Darum sollst du dein Gewissen damit nicht beschweren, sondern dies als eine unvermeidliche Sünde mit dem Vaterunser vor Gott bringen.«91 »Zu solchem Fehler kommst du aus Not und Art des Werks, d.h. notgedrungen in dieser besonderen Tätigkeit, und nicht aus Mutwille oder Geiz.«92 Im Übrigen würde man ja vielleicht auch einmal den Preis zu niedrig ansetzen (»dass du für deine Mühe etwa zu wenig nehmen würdest«) – und das gleiche sich dann auch aus.

Um den eigenen gerechtfertigten Gewinn abschätzen zu können, sei es am einfachsten, den Vergleich mit einem gewöhnlichen Arbeiter93 zu suchen. Dessen Tagelohn soll das Maß zur Schätzung deines Gewinns sein: »Was der an einem Tag verdient, danach rechne, wie viel Tage du dich gemüht hast, die Ware zu holen und zu erwerben, und wie viel Arbeit dir das gemacht und wie viel Risiko es dich gekostet hat.« Denn: »Große Arbeit und viel Zeit soll auch desto größeren und mehr Lohn haben.«94 »Näher und besser und gewisser kann man in dieser Sache nicht reden oder lehren.«95


(Teil III und Schluss im nächsten Heft)


Anmerkungen:

43 Das sei freilich auch im AT schon »den Juden« geboten, wie Luther unter Verweis auf Dtn. 15,4.11 betont.

44 Sermon vom Wucher, Bornkamm/Ebeling (Hg.), Martin Luther – Ausgewählte Schriften, 4. Bd., 1982, 10f.

45 Von Kaufshandlung und Wucher, WA 15, 293ff/Clemen, 1ff.

46 Martin Luther, Sämtliche Werke: nach den ältesten Ausgaben, Band 23 (»Google-Books«).

47 »Es ist schlicht ein Gebot.« Sermon vom Wucher, Bornkamm/Ebeling (Hg.), Martin Luther – Ausgewählte Schriften, 2. Bd., 1982, 11.

48 Indem Luther »seine wirtschaftsethischen Prinzipien aus der Bergpredigt ableitet, hat er einen durchaus originellen Ansatz.« (Prien, 84)

49 Heinz-Horst Schrey, »Goldene Regel«, in: TRE 13 (1986) 577.

50 Darin entspricht die »Goldene Regel« ganz und gar dem Gebot der Nächstenliebe, das ebenfalls den Maßstab der Nächstenliebe in der maßlosen Selbstliebe findet.

51 Johannes Heckel, Lex Charitatis. Eine juristische Untersuchung über das Recht in der Theologie Martin Luthers 21973, 92f.

52 Während also naturrechtlich im Konfliktfall die Aufrechterhaltung einer Patt-Situation anzustreben ist, zielt die »Goldene Regel« im Konfliktfall auf die Überwindung jeder Patt-Situation.

53 »Wucher« ist die Metapher für ökonomisches Unrecht.

54 Sermon vom Wucher, in: Bornkamm/Ebeling (Hg.), Martin Luther – Ausgewählte Schriften, 2. Bd., 1982, 12.

55 A.a.O., 12.

56 »pecunia pecuniam parere non potest« (Ethik I, 8ff – zit. n. Prien, 59).

57 Das V. Laterankonzil (1515) beispielsweise – ähnliche Erklärungen finden sich auch in vielen vorangehenden Konzilien und in zahlreichen päpstlichen Äußerungen des Mittelalters – erklärt: »Wenn eine Sache, die nichts erzeugt, dazu benutzt wird, durch ihren Gebrauch Gewinn und Profit ohne Arbeit, ohne Unkosten und ohne Risiko zu erwerben«, dann liege »Wucher« vor (zit. n. Prien, 56, Anm. 86 – Hier finden sich zahllose weitere Belege).

58 Luther kennt diese Argumentation zwar durchaus und verweist gelegentlich auf sie: »Das Geld ist eine unfruchtbare Sache.« (Kurt Aland (Hg.), Tischreden, 269) »Auch alle weisen, vernünftigen Heiden haben den Wucher überaus übel gescholten, wie (z.B.) Aristoteles … spricht: Geld ist von Natur unfruchtbar, und mehrt sich nicht, darum, wo sich’s mehrt, wie im Wucher, da ist's wider die Natur des Geldes.« (An die Pfarrherrn, wider den Wucher zu predigen. Vermahnung, 1539/40, 299f)

59 Vgl. Prien, 55.

60 Von Kaufshandung und Wucher, WA 6, 51f/Clemen, 36.

61 Von Kaufshandung und Wucher, WA 6, 52/Clemen, 36f.

62 Von Kaufshandung und Wucher, WA 6, 51f/Clemen, 36.

63 »… wenn man von denen Zins verlangt, die es ohne Zweifel nötig haben, daß man ihnen umsonst leiht oder gibt.« Sermon vom Wucher (Bornkamm/Ebeling (Hg.), Martin Luther – Ausgewählte Schriften, 4. Bd., 1982, 14).

64 An die Pfarrherrn, wider den Wucher zu predigen. Vermahnung (Martin Luther, Sämtliche Werke: nach den ältesten Ausgaben, Band 23, 288 – zit. n. »Google-Books«); Zitate hieraus sind sprachlich modernisiert.

65 Hurenlohn – Von Kaufshandung und Wucher, WA 6, 53/Clemen, 37.

66 Da es nach damaliger Vorstellung nur zwei Produktionsfaktoren gab, nämlich Boden und Arbeit, und da Boden der menschlichen Arbeit bedarf, um ihm abzugewinnen, wozu er fähig war, erblickte man in der Arbeit den allein berechtigten Anspruch auf Einkommen. Geld wurde zwar als eine mögliche Voraussetzung der Gewinnerzielung anerkannt, aber die eigentliche Ursache, die causa activa, des Gewinns ist die menschliche Arbeit. »Ließ sich nun der Darlegensgeber Zinsen zahlen, so bedeutete dies nichts anderes, als daß er die Arbeit des Schuldners ausbeutete, indem er sich einen Teil seines Arbeitsertrages aneignete. Das galt als unsittlich.« (Helmut Hesse, Wirtschaft und Moral, Bursfelder Universitätsreden 6, 1987, 35f – zit. n. Prien, 57, Anm. 87). »Die solches tun sind so fromm wie Räuber und Mörder und entreißen dem Armen sein Gut und seine Nahrung. Wehe ihnen!« (Von Kaufshandung und Wucher, WA 6, 57/Clemen, 42)

67 »Wucher« als Metapher für rücksichtsloses ökonomisches Verhalten insgesamt, bezeichnet hier den Zins auf Geliehenes.

68 »Dies sind die heilgen zehn Gebot« (1524), EG 231 – Wie in den beiden Katechismen, so ist auch hier im Lied die biblische Weisung nicht nur nach der Verbotsseite hin ausgelegt, das darin intendierte positive Verhalten wird ebenfalls expliziert: »Du sollst auftun dein milde Hand/den Armen in deinem Land.«

69 Vermahnung, 307.

70 A.a.O., 306.

71 Die Auffassung, Luther habe »Produktions- und Konsumkredite« nicht zu unterscheiden vermocht (so viele, z.B. auch Prien, a.a.O., 119 – andererseits findet sich bei Prien, 233f, eine differenziertere Sicht, nach der Luther diesbezüglich durchaus unterschieden hat) ist mit Sicherheit unrichtig. Er kennt zwar diese begriffliche Unterscheidung nicht, in der Sache jedoch differenziert er sehr wohl. Daher ist es auch falsch, diesbezüglich von einer »Schwachstelle seiner Argumentation« zu reden (Prien, a.a.O.).

72 Thomas von Aquin versteht Geld nur als Mittel zur Regelung des Warenaustauschs und bezeichnet es daher als »res consumptibilis« (vgl. Prien, 59).

73 Z.B. Konrad Summenhart (1500), »Opus de contractibus« (s. Prien, 64); Johann Eck, bestens bekannt als Gegner Luthers, z.B. in der Leipziger Disputation (1519), schlägt im »Tractatus de contractu quinque de centum« (1515) einen 5%-Zins vor, sofern es sich nicht um ein unproduktives Darlehen handle, vielmehr um eines, das der Darlehensnehmer nicht aus Not, sondern in der Absicht, seine Produktivität zu steigern, aufnimmt – und der Ertrag dann auch tatsächlich über 5% liegt. Er begründet diesen Vorschlag damit, der Darlehensgeber überlasse die Nutznießung seines Kapitals einem anderen zu produktiver Tätigkeit. Daher könne er »für sich einen Teil des Geschäftsgewinns beanspruchen.« (s. Prien, 67) Im Übrigen ist zu wissen, dass die »Reichspolizeiordnung von 1530« eine »Zinsbegrenzung von 5% verfügt hat, so dass »ein Zins bis 5% nicht mehr als Wucher galt« (vgl. Prien, 123, Anm. 274).

74 Bei diesen ist allerdings die Begründung eine andere: sie argumentieren aus dem (berechtigten) Gewinninteresse des Kreditgebers, Luther denkt – von der Bergpredigt her – an die Notwendigkeit des Kredits zum Nutzen des Nächsten. Da die Zinsnahme dieser Notwendigkeit nicht hinderlich sein darf, kann sie auch nicht einfach grundsätzlich und bedenkenlos in einer bestimmten, auch nicht in einer bescheidenen Höhe für ethisch legitim gelten, sie muss immer allenfalls »mit furchten« (WA 6, 59/Clemen, 43), also mit Bedenken, geschehen. »Je weniger aufs Hundert, desto gottgefälliger und christlicher ist der Kauf.« Sermon vom Wucher (Bornkamm/Ebeling (Hg.), Martin Luther – Ausgewählte Schriften, 4. Bd., 1982, 15)

75 Von Kaufshandung und Wucher, WA 6, 59/Clemen, 43: Hier schlägt Luther vor, »mit furchten vier odder funff« … »auffs hundert« (Prozent) zu nehmen. Den vermeintlichen Sonderfall, dass ein Zinsertrag einem kirchlichen Zweck zufließen und daher so hoch als möglich ausfallen solle, also auch einen höheren Zins erlaube, lässt Luther nicht gelten: »Hie farn sie denn daher vnd sagen; Die Kirchen vnd Geystlichen thuen das und habens macht, die weyl solch gellt zu Gottis dienst gelangt. Furwahr hat man keyn ander sach den wucher zu rechtfertigen, so ist er nie vbeler geschullten (gerechtfertigt worden). Denn er will yhe die vnschuldige kirche vnd geystlichkeyt mit yhm zum teuffel furen vnd ynn die sunde zyhen.« (a.a.O., WA 6, 58 f/Clemen, 43). Der Zweck heiligt also nicht die Mittel.

76 Von Kaufshandung und Wucher, WA 15, 321/Clemen, 45, schlägt Luther vor, »keyn bestympte gewisse summa« zu nehmen.

77 Wenn ich »hundert gulden habe« und statt »eyn iar lang« … »ym handel durch meyne mühe vnd sorge« … »funff, sechs odder mehr gulden (zu) erwerben«, diese »von myr zu eynem andern (thue) auff eyn fruchtpar gut, das nicht ich, sondern er mag also damit handeln. Drum nym ich von yhm funff gulden, die ich het mocht erwerben, vnd also verkeufft er myr die zinse, funff gulden fur hundert, vnd byn ich keuffer vnd er verkeuffer«. (Von Kaufshandung und Wucher, WA 6, 53/Clemen, 38). Entsprechend: »wo yhm nach gethanem vleys seyn erbeyt nicht gelinget, sol er vnd mag sagen zu seynem zynsherrn frey: Dis iar byn ich dyr nichts schuldig, denn ich hab dyr meyn erbeyt vnd mühe zyns zu bringen auff dem vnd dem gut verkaufft. Das ist myr nicht geraten, der schade ist deyn vnd nicht meyn. Denn wiltu eyn interesse mit haben zu gewynnnen, mustu auch eyn interesse mit haben zu verlyren« (a.a.O., WA 6, 57/Clemen, 41f) »Wenn (sc. in solch einem Fall) … der Käufer seinen Zins will voll haben, unangesehen, ob der Verkäufer auf dem Grundstück oder Unterpfand hat Schaden erlitten, wie das oft geschieht ohne sein Verschulden, so ist der Käufer ein Räuber vor Gott und der Welt und nimmt jenem seinen Schweiß und sein Blut. Denn des Grundstücks Risiko soll auch stehen auf seiten des Käufers, damit er seines Zinses so unsicher sei wie jener seines Kapitals und beide in Gottes Hand seien ihrer Güter wegen.« Sermon vom Wucher (Bornkamm/Ebeling (hg), Martin Luther – Ausgewählte Schriften, 4. Bd., 1982, 17f)

78 Sermon vom Wucher (Bornkamm/ Ebeling (Hg.), Martin Luther – Ausgewählte Schriften, 4. Bd., 1982, 18).

79 Die Bekenntnisschriften der Evangelisch-Lutherischen Kirche, 1930 (Neuauflagen), 616.

80 A.a.O., 617.

81 A.a.O., 618 – die Herausgeber der Bekenntnisschriften zitieren hierzu Luthers Etymologie: »Ein Wucherer ist ein schöner Dieb und Räuber und sitzt auf einem Stuhl, daher man sie ›Stuhlräuber‹ heißt«. Diese Herleitung sei jedoch unzutreffend. Das Wort leite sich vielmehr her entweder von »Stehlen« oder es sei abzuleiten von niederdt. »stol« = auf Zins ausgeliehenes Kapital.

82 S.o.

83 Von Kaufshandlung und Wucher, WA 15, 295f/Clemen, 4f.

84 A.a.O., WA 15, 296/Clemen, 4.

85 A.a.O.

86 Diesbezüglich ist das Verständnis Krumwiedes (s. Prien, 115) u.a. nicht zutreffend.

87 A.a.O.

88 »zymliche narunge« (Von Kaufshandlung und Wucher, WA 15, 296/Clemen, 5).

89 A.a.O., WA 15, 297/Clemen, 5. Aus dieser unvermeidbaren relativen Ungenauigkeit im ökonomischen Umgang der Menschen untereinander folgt aber für Luther nicht Gleichgültigkeit, sondern, dass es sich hier um Vorgänge handelt, die, weil sie nicht »prinzipiell« zu regeln sind, in der konkreten Verantwortung des Handelnden stehen und daher seines Gewissens bedürfen.

90 A.a.O., WA 15, 297/Clemen, 5.

91 A.a.O., WA 15, 297/Clemen, 5.

92 A.a.O., WA 15, 297/Clemen, 5.

93 »gemeynen tagloner«.

94 A.a.O., WA 15, 297/Clemen, 6.

95 A.a.O., WA 15, 297/Clemen, 5.

 

Über den Autor

Pfarrer i.R. Gebhard Böhm, Jahrgang 1948, 1966-1971 Studium der Theologie in Tübingen und Göttingen, Pfarrer der Württ. Landeskirche, ab 1984 im Religionsunterricht am Gymnasium, 1993 Studiendirektor in der staatlichen Schulaufsicht, ab 2003 im Evang. Oberkirchenrat Stuttgart, seit 2012 im Ruhestand; Engagement bei Oikocredit (seit 1980) und in diesem Zusammenhang diverse theologische Publikationen, zuletzt »Versuchung und Chance – der Glaube und das Geld« (Fromm-Verlag 2016).

Aus: Deutsches Pfarrerblatt - Heft: 6/2017

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