Ein innovativer Aufbruch in der Theologie des Neuen Testaments
Wege aus der Babylonischen Gefangenschaft der Exegese

Von: Dieter Müller
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Ulrich Wilckens’ Theologie des Neuen Testaments in sieben Teilbänden (vollendet 2016) erschließt das NT in allen Teilen unter allen wesentlichen Gesichtspunkten. Ausgangspunkt ist die exegetisch gewonnene Einsicht, dass Gott selbst in der Bibel vernehmbar spricht und wahrnehmbar handelt. Der Leser begegnet in den Aussagen über Gott der Wirklichkeit Gottes selbst, wenn er sich auf die Worte der Autoren einlässt. Dieter Müller stellt das Opus magnum vor.


Die souveräne Kenntnis der wissenschaftlichen Diskussion und die ein Forscherleben lang geschulte Fähigkeit, die ideologische Anfälligkeit auch der bibelwissenschaftlichen Arbeit wahrzunehmen, verleihen der neutestamentlichen Theologie von Ulrich Wilckens ihre Überzeugungskraft für die Gegenwart, deren Welt- und Lebenssicht durchgreifend von Wissenschaft bestimmt ist. Zugleich ist diese Theologie bei aller Gelehrsamkeit des Verfassers ein faszinierend lebendiges Buch, weil sich hier die präzis wahrnehmende Kompetenz des Bibelwissenschaftlers mit dem befreiend erfahrenen Glauben des Christen Ulrich Wilckens verbindet. In dieser Haltung legt er das ganze NT aus.


»Babylonische Gefangenschaft« der Exegese

Ulrich Wilckens hat in seiner umfassenden Theologie des Neuen Testaments den bahnbrechenden Versuch unternommen, die biblische Exegese aus der »Babylonischen Gefangenschaft« zu befreien, in die sie weithin in Kirche und Wissenschaft geraten ist, seit sie sich vom 18. Jh. an zunehmend vom Geist der europäischen Aufklärung und deren philosophischem Verständnis von Wirklichkeit fesseln ließ. In seiner »Historischen Kritik der historisch-kritischen Exegese von der Aufklärung bis zur Gegenwart«, dem 3. Band, hat er sich der immensen, aber zweifellos notwendigen Aufgabe gestellt, diese erkenntnistheoretischen Fesseln zu identifizieren, zu verstehen und auf ihre theologische Legitimität zu prüfen. Im jetzt veröffentlichten abschließenden, dem 7. Teilband seiner innovativen Zusammenfassung der Früchte eines langen Lebens in universitärer Forschung und Lehre, reflektiert er die theologischen Fundamente und hermeneutischen Prämissen seiner exegetisch-theologischen Arbeit. Er setzt historisch an, indem er sich, wie er schreibt, »auf einen Weg zurück in die Zeit der Aufklärung begeben (habe), in der die Bibelkritik entstanden … ist«, um den Verlauf dieser epochalen theologiegeschichtlichen Revolution einer historisch-kritischen Untersuchung zu unterziehen.

Zunächst beschreibt Wilckens in fünf Punkten, wie die Vernunft als vorzügliche Gabe des Schöpfers an die Stelle der bisher normativen Macht von Bibel und Tradition tritt. Diese revolutionäre Wende gewann zuerst kraftvoll Raum im Bereich der Philosophie, in der die Vernunft um ihre Autonomie kämpfte; dann erwies diese ihre weltverändernde Erklärungsmacht in den Naturwissenschaften; einmal auf der Erfolgsstraße konnte das kritische Potential der Aufklärung die Religion nicht schonend überspringen; im Schwanken der Staatsrechtslehre zwischen absolutistischer Macht und demokratisch ermächtigter Toleranz zeigte sich, wie die Vernunft zunehmend die Herrschaft über die gesamte Lebenswelt des Menschen übernimmt, und das wurde als epochaler Fortschritt wahrgenommen. Unwiderstehliche Sprengkraft gewann die Vernunft basierte Religionskritik als Kritik der Kirchen vor allem jedoch aus den Entsetzen und Empörung auslösenden Folgen der Kirchenspaltung, deren Konfessionsparteien, aufgeladen mit politischen Macht- und Besitzinteressen, sich zunehmend militarisiert und brutalisiert hatten, bis am Ende des Dreißigjährigen Krieges weite Teile Deutschlands entvölkert und verwüstet waren. Die Bilder zahlloser im Namen des vermeintlich wahren christlichen Dogmas geplünderter, gefolterter, geschändeter und gemordeter Menschen waren aus dem Bewusstsein nicht mehr zu vertreiben.


Geistes- und theologie­geschichtlicher Durchblick

In seinem Parforceritt von Leibniz bis Nietzsche und Kierkegaard, von Reimarus und Semler bis Bultmann und Barth und Epigonen, in dieser seiner weitgespannten philosophisch-theologischen Forschungsreise durch Aufklärung, Idealismus und Pietismus und die unter ihrem Einfluss entstandenen theologischen Systeme und geübten exegetisch-hermeneutischen Methoden sucht Wilckens einen Weg, »die Lebens- und Denkbehinderungen zu überwinden, die aus dem Aufbruch der Aufklärung entstanden sind und sich in unserer gegenwärtigen Welt und Kirche immer mehr als tiefe Problematik erweisen und auswirken.«1

Der lebens- und geistesgeschichtliche Bruch mit der Autorität Gottes und der Bibel vollzieht sich zunächst unter den Gebildeten, seit die dem Menschen eigene denkmächtige Vernunft durch »Aufklärung« das Terrain der Handlungsmöglichkeiten Gottes in Schöpfung und Geschichte in autonomer Autorität abzustecken beginnt und auf dieser durchaus fruchtbaren Parzelle Gottes Wirken einschränkt auf das, was der menschlichen Vernunft als Zensor und Kriterium einleuchtet. Genau damit aber verschließt gerade die Vernunft dem Menschen die wirkmächtige Gegenwart des biblischen Gottes, der in der Geschichte als »Ich« – also dem Menschen gegenüberstehendes Subjekt – das Wort nimmt und Geschichte kontingent »wunderbar« gestaltet. Wilckens analysiert diese aufgeklärte Verschlossenheit der erkennenden Vernunft für das Sprechen und Wirken Gottes aufgrund eines eindringenden philosophiegeschichtlichen Quellenstudiums.


Anthropozentrik statt Theozentrik

Der erkenntnistheoretische Prozess, in dem sich die Theologie zwingen ließ, die philosophische Wende von der Theozentrik zur Anthropozentrik nachzuvollziehen, nötigt die Theologen, dem unverfügbaren Gott und seinem Wort Fesseln anzulegen. So wird »die Bestreitung der geschichtlichen Wahrheit der Auferstehung Jesu eines der zentralen Themen historischer Bibelkritik.«2 Diese epochale Wende ging einher mit Subjektivismus und spirituellem Individualismus, immer dicht an der gefährlichen Grenze zum naheliegenden, aber weder gewollten noch gewagten Atheismus. Nietzsche war am Ende dieses Prozesses nur authentisch, als er prophetisch für seinen Atheismus warb.

In der Konsequenz dieses Wechsels der Erkenntnis freisetzenden Macht weg vom offenbarenden Gott hin zum Vernunft basiert denkenden Menschen wurde unausweichlich das geistmächtige Sprechen Gottes in der »Heiligen Schrift« historisiert zum Zeugnis des glaubenden Menschen. Gott, Christus und Gottes Geist lassen sich zunehmend nur noch durch die Vernunft des individuellen religiösen Subjekts gefiltert und im Kern entpersonalisiert denken. Zugespitzt: Gott wird sein Geschichte wirkendes »Ich« entzogen, Christus zum Lehrer vernünftiger Moral, darin ausschließlich Mensch, und Gottes Geist geht als Vernunft im menschlichen Geist auf. In dieser Wende hat die biblische »Wunder«-Wirklichkeit keinen Raum mehr, weil es sie nach dem Urteil aufgeklärter Vernunft nicht geben könne. In der biblischen Exegese begegnet nicht mehr das »Ich« des kontingent-kreativen Gottes, sondern Gegenüber des Exegeten sind die Lehren und Narrative der biblischen Zeugen. Das »aufgeklärte« Denken ersetzt den im NT zentralen Glauben an Christi sühnendes Kreuz und seine ewiges Leben eröffnende Auferweckung durch den vor allem von Kant erkenntnistheoretisch durchgesetzten Moralismus: »Ungleich wichtiger aber als die Auferstehung Jesu zu glauben und zu verkündigen war es, Gott als Ursprung alles moralisch Guten und das Gewissen des Menschen als dessen Ort zu denken … Dass Gott die Menschen mit einem autonomen Gewissen geschaffen hat und sein Wille als Vater aller Menschen darauf zielt, diese zum Tun des Guten zu erziehen und darin zur sittlichen Vollkommenheit zu führen, war von Anfang an der Grundgedanke der Aufklärung.«3 Der durch die Vernunft präparierte Gott weckt keinen Toten auf, und der Gedanke, dass jemand die Schuld eines anderen sühnen könne, widerspricht der Würde des autonomen Menschen.


Gewinn- und Verlustrechnung der historisch-kritischen Exegese

Der Neutestamentler Ulrich Wilckens hat hier einen luziden Durchblick durch die neuere deutsche Philosophie- und Theologiegeschichte erarbeitet, dessen Fokus immer den Auswirkungen auf das Bibelverständnis gilt. Er würdigt vornehm die historischen Zwänge, aus denen sich die historisch-kritische Exegese entwickelte, weiß den historischen Erkenntnisgewinn, den die historische Exegese in tiefenscharfen Bildern von der Geschichte Israels und der des Urchristentums geliefert hat, zu schätzen, zeigt dann aber nicht weniger klar die Widersprüchlichkeiten, die Brüche, den hypothetischen Charakter vieler Ergebnisse und die am Ende geistlich-theologische Sterilität des mit größtem Aufwand betriebenen historisch-kritischen Bibel-Projekts, also die historischen und theologischen Sackgassen, auf. Es mehren sich neben ihm die Stimmen in der Forschung, die das aufgeklärt historisierende Jesus-Projekt – Zentrum der historisch-kritischen Bibelforschung – für gescheitert erklären. Bultmanns historischer Jesus ist auf das abstrakte »dass« geschrumpft, das den Glauben als punktuelles Existential nicht wirklich zu tragen vermag, weil es die geschichtliche Wirklichkeit des handelnden Gottes durch radikale Subjektivierung völlig verfehlt. Marius Reiser bringt das Ergebnis der historisch-kritischen Jesus-Forschung in das Horaz-Bild: »Der Berg hat gekreißt, und geboren ward eine Maus.«4 Das historisierte Urchristentum zerfällt in eine Fülle von Traditionskomplexen, deren gemeinsame Mitte immer verschwommener wurde. Je präziser und detailgenauer das Bild des Urchristentums aufzuleuchten scheint, desto fremder wird es für den gegenwärtigen Menschen.


Welche Wege bahnt Wilckens aus der Krise?

Die Befreiung aus den Fesseln, in denen sich der Bibel-basierte Protestantismus selbst verfangen hat, kann – so Wilckens – nur in intensiven Durchgängen durch die Theologie, die der Bibel selbst zugrunde liegt, ­gefunden werden. Er sieht von Jesu Auferstehung her die Möglichkeit, »das ganze Geschichts­bild der historisch-kritischen ­Forschung in einer historischen wie theologischen Revision von Grund auf neu zu überprüfen«5 und nimmt seinerseits unter veränderten Umständen die theologische Offen­sive der Dialektischen Theologie auf tragfähigerem biblischen Fundament als Exeget erneut auf.


Gott begegnet als »Ich«, das Heil wirkend die »Pro-Existenz« lebt

Seinen innovativen Verstehensweg beschreibt Ulrich Wilckens in den beiden ersten Bänden seiner beeindruckend sprachmächtigen ntl. Theologie. Er geht konzentriert von der theologischen Prämisse aus, dass in den biblischen Schriften Gott in der Kraft des Heiligen Geistes gegenwärtig-wirkend handelt. Weil Gott als »Ich« einer ist, muss auch das sehr vielfältige Zeugnis des NT, ja der umfassenden Bibel, eine seinem »Ich« entsprechende soteriologische Identität aufweisen. Und darum »hat es eine am Kanon verbindlich orientierte Exegese in den biblischen Zeugnissen nicht nur mit den je verschiedenen theologischen Konzeptionen ihrer Verfasser zu tun, sondern entscheidend mit Gott selbst«6. Gott stellt sich in einzigartiger und völlig unvergleichbarer Absolutheit als radikal personales Ich vor: »Ich werde (für dich) da sein« (Ex. 3,14f). Wilckens sieht im Offenbarungsfortschritt von Ex. 3,14f über Ex. 20,2 zu Ex. 34,6f den entscheidenden Schlüssel zum Verständnis der Glaubensgeschichte Gottes mit seinem Volk. »Die Absolutheit seines Ich verbindet sich mit der Absolutheit seiner ›Pro-Existenz‹«7: Diese ist nämlich barmherzige Liebe zu den erwählten Menschen, die – mächtiger als der gerecht richtende, eifer-heilige Zorn – die Menschen nicht preisgibt. Diese Selbstoffenbarung Gottes ist, wie Wilckens zeigen kann, der cantus firmus, der die Gotteserfahrung des Ersten Testaments zur theologischen Einheit zusammenfügt, im NT in Jesus Christus inkarniert und so in letzter Konsequenz die Bibel als kanonische Ganzheit zur Heiligen Schrift wandelt.

Vor allem im 2. Band zeigt Wilckens an Hand einer Fülle von Belegen, wie dieses in Wirkworte gefasste Konzentrat der ich-starken Liebe Jahwes aus Ex. 34,6f durch alle Schichten des AT hindurch präsent ist. »In seiner ›Pro-Existenz‹ riskiert Gott gleichsam einen Widerstreit in sich selbst.«8 Die Existenz des Gottesvolkes hängt daran, dass Gottes Pro-Existenz trotz Abfall und Versagen Heil bringende Gestaltungskraft entfaltet; »dass also die Heilskraft seines Erbarmens und seine Liebe zu seinen Erwählten der Vernichtungskraft seines Zornes gegen deren Sünde letztlich immer überlegen bleibt«9. Ulrich Wilckens zeigt mit beeindruckender exegetischer Präzision, wie diese in der Geschichte Israels nicht wirklich aufgehobene erschreckende Spannung erst gelöst wird »durch die überraschende, total wunderbare Wende dieser Geschichte im Wirken und Geschick Jesu Christi, der die ganze Unheilswirklichkeit des Zornes Gottes stellvertretend für die Schuldigen auf sich genommen hat, um diese davon zu befreien«10.


Die gemeinsame Mitte aller »Modelle« urchristlicher Heilsverkündigung

Gemeinsame Mitte aller »Modelle« urchristlicher Heilsverkündigung sind Tod, Auferstehung und Erhöhung Jesu Christi. Wenngleich Ulrich Wilckens sorgfältig darauf achtet, dass bei der theologischen Zusammenschau die Eigenheiten der verschiedenen Deutungsmodelle nicht verloren gehen, wird ihm das Sprache gewordene Heil in Christus nie zu einem Kaleidoskop theologischer Vorstellungen, in dem sich je nach Geschmack verschiedenste Verstehensbilder erzeugen lassen. Im endzeitlichen Heilsereignis des Sühnetodes Christi löst sich für Wilckens die gespannte Symbiose zwischen Gottes bundestreuer leidenschaftlicher Barmherzigkeit und seinem eifer-heiligen Zorn, und Gottes Wesen offenbart sich in Kreuz und Auferweckung als die brennende Liebe, die sich unbeirrbar allen Menschen öffnet und darum Schuld und Leiden sühnend und versöhnend auf sich nimmt. Er zeigt erleuchtend, wie hier die aus der Ich-Offenbarung in Ex. 34,6f heraus gestaltete Verheißungs- und Glaubensgeschichte zur Vollendung gelangt. Gottes Pro-Existenz verwirklicht und offenbart sich radikal im Sühnetod seines Sohnes: »als Rettung seiner Feinde, die er als die Seinen liebt.«11


Das ganze Urchristentum lebt in der Macht des Geistes Gottes

»Das ganze Urchristentum mit allen seinen Erscheinungsformen ist durch den Geist gekennzeichnet«12 und der Heilige Geist wirkt im Rahmen einer trinitarischen Struktur. »Gottes Heiligkeit ist es, an der er ganz und gar teilhat und die er in all seinem Wirken Menschen zu erfahren gibt. Das innerste Wesen Gottes äußert sich in ihm. Nichts von dem, was Christen religiös erfahren, ist so tief geheimnisvoll wie Gottes Geist. Nichts aber zugleich ist so machtvoll-wirklich wie er. In seinem Wirken ist Gott selbst am Werk … Schöpferisch ist alles, was an Wirkungen von Gottes Geist ausgeht. Leben entsteht durch seinen Atem, neues Leben aus Tod und Vernichtung durch seine Kraft. Wie Gott sein Heilshandeln vollendet hat, in der Auferweckung Jesu, seines Sohnes, aus dem Tod, den er durch Menschenhand gestorben ist und den er für uns Menschen allesamt erlitten hat, so ist sein Geist eigentlich und letztlich die Kraft, durch die Totes zum Leben kommt.«13

Weil Wilckens nicht nur Texte analysiert und exegesiert, sondern sich durch seine exegetische Arbeit der Wirklichkeit des sprechenden Gottes öffnet, nimmt er den Leser in den Prozess geistvollen Hörens hinein. Und weil der biblische Gott nie »Es«, nie Objekt sein kann, hat wahre Rede von Gott Bekenntnischarakter. In diesem Kontext gewinnt Wilckens’ opus magnum eine faszinierende Lebendigkeit: Hier vereint sich die umsichtig eingesetzte Kompetenz des Bibelwissenschaftlers mit dem befreiend erfahrenen Glauben des Christen Ulrich Wilckens und der zehnjährigen kirchlichen Erfahrung des Bischofs, ohne dass die umsichtig eingesetzte exegetische Sorgfalt Schaden nimmt: Er schreibt eine gewissenhaft den bewährten exegetischen Methoden verpflichtete Theologie des NT, aber sie ist weit offen für das Leben in der Dynamik des Heiligen ­Geistes.


Kabinettstücke theologischer Interpretation

Band I, gegliedert in die Teilbände 1-4, enthält die Darstellungen der einzelnen biblischen Schriften. Hier bietet Ulrich Wilckens glänzende Kabinettstücke theologischer Interpretation. Präzis beschreibt er die dialogische Situation, in die hinein das einzelne Evangelium, der jeweilige Brief spricht, er zeichnet die Gedankenführung der Verfasser nach, erklärt die Überlieferungen, mit denen sie leben und sprechen und ordnet den jeweiligen Beitrag der einzelnen apostolischen Autoren in die Gesamtüberlieferung der biblischen Christusverkündigung ein. Je weiter man liest, desto klarer versteht man das Sprechen des Gottes, der in Jesus Christus leibhaftes Wort wurde. Manche dieser Darstellungen sind knapp gefasste Monographien. Der Abschnitt über den Römerbrief umfasst nicht weniger als 76, der über das Johannesevangelium und die Johannesbriefe ganze 104 Seiten. Nebenbei bemerkt: Mit Hilfe dieses Werkes lassen sich hervorragend Vortragsreihen entwickeln, die Menschen den Zugang zum NT öffnen.

Die ersten vier Teilbände zeigen, wie umfassend und tiefgreifend Wilckens das NT in seinem Leben forschend und glaubend durchdrungen hat. Aufbauend auf bedeutenden eigenen Kommentaren, wie denen zum Römerbrief und zum Johannesevangelium, auf gewichtigen Monographien, zahllosen Aufsätzen und jahrzehntelangen Universitätsvorlesungen hat er jetzt die Summe seines Lebens mit dem NT gezogen. Wer sich diesem großen, immer konzentriert geschriebenen Werk anvertraut, schärft seinen Sinn für das Sprechen Gottes und hört vieles bewegend neu.


Doxologie ist Ziel gelungener Exegese

Ulrich Wilckens scheut sich nicht, die einzelnen Abschnitte im zweiten systematischen Teil in doxologischen Gebeten zusammenzufassen. Das ist im Rahmen gewohnter Schul-Exegese außergewöhnlich, das wirkt auf Theologen, die an strenge Trennung der theologischen Disziplinen gewöhnt sind, zunächst befremdend, entfaltet aber – lässt man sich darauf ein – eine heilende und befreiende Sprachkraft, denn so öffnet Wilckens das theologische Laboratorium für Dimensionen, an denen auch Universitätstheologie nicht vorbei leben darf, will sie sich nicht selbst sterilisieren. Gotteslob und Anbetung sind zweifellos Ziel aller recht verstandenen theologischen Denkarbeit. »Ihr eigentlicher hermeneutischer Ort kann … nur der Gottesdienst der Kirche sein, in dem das Wort Gottes verkündigt, die Selbstvergegenwärtigung Christi in seinem Mahl gefeiert und in beidem das aktuelle Wirken des Geistes Gottes erfahren und darauf eucharistisch (in Dank und Lobpreis) geantwortet wird.«14 Hier entsteht im Rückgriff auf Bewährtes aus der Glaubensgeschichte ein Wissenschaftsstil, der ein grundlegender Beitrag zur geistlichen Erneuerung von Theologie und Kirche werden könnte. In Ulrich Wilckens Darbietung gewinnt das NT seine machtvolle Stimme in erstaunlicher Klarheit zurück.


Literatur:

Ulrich Wilckens, Theologie des Neuen Testaments

Bd. I: Geschichte der urchristlichen Theologie

Teilband 1: Geschichte des Wirkens Jesu in Galiläa, Neukirchen-Vluyn 2002, 343 S.

Teilband 2: Jesu Tod und Auferstehung und die Entstehung der Kirche aus Juden und Heiden, Neukirchen-Vluyn 2003, 289 S.

Teilband 3: Die Briefe des Urchristentums: Paulus und seine Schüler, Theologen aus dem Bereich judenchristlicher Heidenmission, Neukirchen-Vluyn 2005, 389 S.

Teilband 4: Die Evangelien, die Apostelgeschichte, die Johannesbriefe, die Offenbarung und die Entstehung des Kanons, Neukirchen-Vluyn 2005, 377 S.

Bd. II: Die Theologie des Neuen Testaments als Grundlage kirchlicher Lehre

Teilband 1: Das Fundament, Neukirchen-Vluyn 2007, 327 S.

Teilband 2: Der Aufbau, Neukirchen-Vluyn 2009, 364 S.

Bd. III: Historische Kritik der historisch-kritischen Exegese. Von der Aufklärung bis zur Gegenwart, Neukirchen-Vluyn 2017, 384 S.


Anmerkungen:

1 Theologie, Bd. III: Historische Kritik, 6.

2 A.a.O., 68.

3 Theologie, Bd. III: Historische Kritik, 34.

4 Marius Reiser, Kritische Geschichte der Jesusforschung, Stuttgarter Bibelstudien 235, 2015, 75ff.

5 Theologie, Bd. I, Teilbd. 1, 35.

6 Theologie, Bd. II, Teilbd. 1, 84.

7 A.a.O., 169f.

8 Ebd.

9 A.a.O., 162.

10 A.a.O., 99.

11 A.a.O., 267.

12 A.a.O., 269.

13 A.a.O., 312.

14 A.a.O., 166.

 

Über den Autor

Pastor em. Dr. Dieter Müller, 1957-1962 Studium der Theologie, 1963-1966 Wissenschaftlicher Assistent (NT) in Kiel und Bochum, 1981 Promotion in Kiel, 1967-2000 Pastor.

Aus: Deutsches Pfarrerblatt - Heft: 6/2017

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