Kirche als das Andere
Braucht es Kirchen – und wenn ja, wozu?

Von: Ulla Hoffmann
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In Zeiten großer Veränderungen und damit auch Verunsicherungen innerhalb kirchlicher ­Institu­tionen ist der hohe Gebäudebestand eine ständige Herausforderung. Dies gilt für Kirchen­gemeinden wie für zuständige landeskirchliche Baubehörden. Wer sich etwa dafür einsetzt, dass Sakralbauten die oberste Priorität haben müssen, sollte die Frage beant­worten können: »Braucht es Kirchen – und wenn ja, wozu?«

Kirchliche Organisation braucht sakrale Räume, weil damit ihre Identität verbunden ist. Nicht umsonst trägt die Organisation den Namen ihrer Gebäude und umgekehrt. Allerdings geht es mir nicht darum, aufzuzeigen, dass eine bestimmte Klientel, die sich gerade zur Kerngemeinde zählt, »ihre« Kirche braucht, und diese deshalb zu erhalten ist. Meine These lautet vielmehr: Auch wenn eine Kirche primär ein Raum für die gottesdienstliche Feier ist, dann ist sie doch mehr als das. Ein Kirchengebäude ist Ausdruck und Gestalt. Es hat seine eigene Botschaft.

In Anlehnung an den französischen Philosophen Michel Foucault spreche ich von »anderen Räumen«1. Sakrale Räume sind anders. Sie heben sich heraus aus dem Alltag einer im hohen Maße säkularisierten Gesellschaft. Diese These habe ich weiter entwickelt. Pointiert ausgedrückt, geht es mir um:

• den Ander-Raum
• die Ander-Zeit
• die Ander-Sprache
• die Ander-Wirklichkeit
• den Ander-Besitz


Ander-Raum

Wer eine Kirche betritt, geht über eine Schwelle. Er tritt aus dem Alltag heraus, hinein in einen anderen Raum. Der Raum lädt ein, will sprechen und ansprechen. Anders will er der Seele Raum geben, das Alltägliche zu überschreiten, sich selbst zu transzendieren. Der Ander-Raum steht für Transzendenz. Der Raum will hinweisen darauf, dass das Leben mehr ist als Alltag und Irdisches. Der Raum lädt ein zur Stille. Er will trösten, aufatmen lassen, das Herz weiten, den Geist anregen. Es geht um Geist, es geht um Ewigkeit.

Ein großer sakraler Ander-Raum unserer Zeit ist die Sankt Moritz-Kirche zu Augsburg. Klar, rein, Licht durchflutet, erlaubt sie den Eintretenden dieses »Andere« zu erspüren, zu atmen und zu erleben. Hier ist zu sehen, wie wichtig Ordnung innerhalb des sakralen Raumes ist. Alles ist an seinem Platz. Sich dem Chorraum, dem Auferstandenen zu nähern, wird zu einem Erlebnis, zur Andacht: Der Auferstandene, Gott selbst, kommt dir entgegen. Der geliebte, demütige Mensch nähert sich dem Heiligen. Dieser Raum lädt ein zum Gottesdienst, ganz selbstverständlich. Das Dasein wird zum Gebet. Der Bedürftige erfährt Trost, der Sünder Barmherzigkeit. In aller Klarheit wird deutlich, was es heißt, ein Gotteshaus zu betreten. »Im Gewand des Lichts«2 heißt das Motto der Konzeption, die bei der Renovierung der St. Moritz-Kirche umgesetzt wurde und den Ander-Raum erfahrbar werden lässt.

Es ist schade, dass viele Kirchen nicht aufgeräumt, manche sogar schmutzig sind. Wie oft werden Altarräume als Stuhllager missbraucht, der Raum hinter dem Altar als Abstellraum genutzt. Gelebt wird eine platte Geistlosigkeit. Diese Geistlosigkeit wirkt.

Ein Raum, der sprechen soll, braucht eine angemessene Ästhetik. Ein Minimum ist Ordnung und Sauberkeit. Es ist unangemessen, wenn Hauptamtliche und Entscheider, oft unreflektiert und unwissend ihre persönlichen Geschmacksvorlieben ausleben. So werden die Kirchen zu Wohnzimmern der sogenannten Gemeinde, sprich Kerngemeinde. Hier werden die Kategorien verwechselt. Ein sakraler Raum ist eben kein Gemeindehaus, sondern ein Gotteshaus. Dies soll und will zum Ausdruck kommen, Gestalt werden.

Die Organisation Kirche ist gut beraten, sich als Bewahrerin und Hüterin der Gotteshäuser für unsere Gesellschaft zu verstehen. Dies ist ihre ureigene Aufgabe. Es ist höchste Zeit, dass wir diese ureigene, andere Aufgabe wieder entdecken und schätzen lernen. Es geht letztlich um Ausdruck und Gestalt. Dafür stehen die Kirchen, nicht nur heute, sondern durch die Zeiten, durch die Vergangenheit, in der Gegenwart, für die Zukunft.


Ander-Zeit

Sowohl der Kirchenraum wie die Institution sind geprägt von einem eigenen, anderen Verständnis von Zeit. Ander-Zeit bedeutet, dass die unterschiedlichen Zeiten in einer Gleichzeitigkeit aufgehoben sind. Die Vergangenheitsgestalt einer Kirche ist wenig veränderlich. Eine romanische Kirche sollte als solche erkennbar bleiben. Die Gegenwart hat ihre Bedürfnisse und Erwartungen. Gleichzeitig liegt die Herausforderung in der Gestaltung der Zukunft. Dabei ist die Zukunft Hoffnungsgeber mit Blick auf die Ewigkeit.

In der gottesdienstlichen Feier kommt das in besonderer Weise zum Ausdruck: In der romanischen Urgestalt des Raumes, durchflutet von Licht modernster Technik hören wir Orgelmusik der Romantik und eschatologische Texte. Der Zusammenfall der Zeiten geschieht in einem Augenblick. Raum, Wort und Gestalt erschaffen das andere, das Menschen ansprechen, trösten und stärken will.

Umso wichtiger ist, dass jede Zeit ihren genuinen Ausdruck findet, ob in der räumlichen Gestaltung, im liturgischen Vollzug. Das mag für manche Menschen eklektizistisch wirken und einem kitschigen einheitlichen Stilempfinden entgegenstehen, entspricht aber dem Selbstverständnis des »anderen Raumes«. Jede Zeit hat ihren Raum und ihre Gestalt. Die Herausforderung der Zeitgenossen besteht darin, die Vergangenheit zu respektieren, sie in die Gegenwart zu bringen und entsprechend den gegenwärtigen Anfordernissen anzupassen. Letztlich geht es darum, die Räume an die Zukünftigen weiterzugeben.

Jede Zeit sollte die Kontingenz alles Irdischen verinnerlichen. Alles ist vorübergehend und zeitbedingt. Dies gilt auch für die Gegenwart. Umso wichtiger ist es, das Gesamte im Auge zu behalten. Das setzt voraus: Respekt, Bildung, Demut und Mut. Auch die Pflicht, sich mit der Vergangenheit und der Geschichte unserer Kirchen auseinanderzusetzen, ihre Ursprünge zu kennen. Nur so wird das Gedächtnis des Kollektivs – und dafür stehen unsere Kirchen auch – spürbar. »Die Kirche im Dorf lassen« ist hier wörtlich zu nehmen.

Unsere kirchlichen Institutionen sollten investieren in Qualifikation, Bildung in Ästhetik, Kunst- und Baugeschichte. Entscheider müssen wissen, was sie tun, wenn sie entscheiden. Das setzt Wissen und Bildung voraus. In diesem Kontext ist die Denkmalpflege in einem völlig anderen Licht zu sehen und zu bewerten. Sie ist kein Störfaktor. Sie ist entscheidend wichtig, wenn es um den Erhalt des Besonderen geht, ohne ins Museale zu übergehen. Ein anderer Raum ist anders, auch kein Museum.

Die wertigen und aussagekräftigen Objekte der Raumgeschichte sprechen ihre Sprache. Entstanden in der Vergangenheit, tradiert in die Gegenwart, für die Zukunft. Dass die Ander-Zeit immer eine Spannung in sich trägt, ist logisch und selbstverständlich. Diese Spannung will nicht aufgehoben, sondern fruchtbar gemacht werden für das Jetzt und für die Zukunft.

Manchmal wird das Zusammenkommen der unterschiedlichen Zeiten zum Kairos, das ist dann göttlich.


Ander-Sprache

Die Sprache der Kirche entspringt einer tiefen Vergangenheit. Das gilt für die Sprache der Symbolik wie für die Sprache des Wortes. Und obwohl sie nicht mehr auf den ersten Blick verstanden wird in unserer säkularisierten Welt, spricht sie doch an. Ein romanischer Wasserspeier zeigt mir, dass da etwas anders ist, auch wenn ich nichts von apotropäischen Symbolen weiß. Seine Fratzenhaftigkeit irritiert, ist nicht alltäglich. Ein barockes Kruzifix voller Schwären und Blut, noch dazu im Halbdunkel, wie in der Jesuitenkirche zu Landsberg zu sehen, lehrt mich das Gruseln. Die Kreuzigung Petri, ein Gemälde von Peter Paul Rubens in der Peterskirche zu Köln, ins rechte Licht gesetzt, bringt mich zum Staunen. Der barocke Christus von Meister Petuel in St. Moritz macht mein Herz weit.

Die Symbole wirken. Sie machen etwas mit uns Menschen. Umso wichtiger ist es, diese Symbole wirken zu lassen. Dazu müssen sie in einem entsprechend restaurierten Zustand sein und einen angemessenen Raum haben. Umso schlimmer ist es, wenn zuständige Zeitgenossen nicht wissen, was sie besitzen und den Schatz aus der Vergangenheit nicht schätzen können. Mit Kunst und Ausdruck aus der Gegenwart ist es in der Regel genauso bestellt.

Interessant finde ich, dass sich im liturgischen Gebrauch die Alltagssprache nicht durchsetzen konnte. Nach wie vor ist die Altarbibel nach Martin Luther übersetzt. Auch gegen das Apostolikum ist nicht anzukommen. Jeder Konfirmand lernt es auswendig. Warum? Weil es verbindet. Es bringt uns in Kontakt weltweit und mit unseren Vorfahren. Es ist anders. Eine banale Alltagssprache, mit all den Erklärungen, die sicherlich notwendig sind, wird das gemeinsame Sprechen des Apostolikums mit seinen archaischen Bildern und seiner formalisierten Sprache nicht ersetzen: »Die alte Formel erinnert mich daran, dass wir älter sind als wir selber; dass wir nicht anfangen mit unserer Geschichte. […] Sie erinnert uns daran, dass es mehr gibt und gegeben hat als unsere eigene Gegenwart und unsere eigene Sprache.«3

Auch wenn wir Protestanten seit der Reformation mehr auf das Ohr als auf das Auge geben, dann sieht das Auge eben doch. Die Frage ist, was wir sehen. In einer Zeit, in der der ganze Fokus auf der Visualisierung liegt, sollten wir zumindest nicht blind sein für unsere Möglichkeiten und unsre Schätze, die uns mit unseren Kirchen anvertraut sind. Natürlich ersetzen Bilder und Symbole, räumliche Wirkung, nicht das Göttliche. Sie sind Ausdruck. Sie sind Einladung. Sie sind Sprache. Ob wir das wollen oder nicht: Eine ungepflegte, kitschige Kirche ist nicht einladend.

Der sakrale Raum ist Raum der Verkündigung mit allen Mitteln. Die Menschen, die kommen, können selbst entscheiden, ob sie sich ansprechen lassen oder nicht. Unsere Aufgabe ist es, den Raum sprechen zu lassen, dem guten Geist Raum zu geben durch Ordnung, Raum und Sprach-Gestalt und manchmal Sauberkeit. Das sind eigentlich Selbstverständlichkeiten.


Ander-Wirklichkeit

Sprache schafft Wirklichkeit. Unsere Kirchen sprechen die Sprache der Christenheit. Sie sind Hüterinnen unseres kulturellen Gedächtnisses, Zeuginnen aus Stein einer oft großen Geschichte. Unsere Kirchen führen uns zum Ursprung, erzählen uns von den Wirklichkeiten unserer Vorfahren, nehmen uns hinein in die Wirklichkeit des Glaubens.

Der sakrale Raum ist Verkündigung und weist hin auf die Wirklichkeit des Evangeliums. Er spricht von den vielen Gebeten, von Freud und Leid all derer, die lange Zeit vor uns hier beheimatet waren. Er zeigt uns, dass wir mit all dem Menschlichen und allzu Menschlichen auch heute nicht alleine sind. Er spricht die große Hoffnung aus, dass die Zeit eines Tages eingehüllt sein wird in der Ewigkeit. Die Ander-Wirklichkeit weist hin auf das Ewige, auf das, was unser Begreifen übersteigt. Es geht um das, was uns unbedingt angeht – und unsere Grenzen aufhebt.


Ander-Besitz

Auf den ersten Blick ist die Kirchengemeinde oder eine Landeskirche die Besitzerin einer Kirche. Juristisch und praktisch. Schaut man sich die Geschichte einer Kirche an, so sieht man sehr schnell, dass dies nicht immer so war. Wie oft haben die Besitzer des Gotteshauses gewechselt durch die Zeiten. Nicht alles, was heute selbstverständlich scheint, ist es auch. Und was spricht dagegen, den Besitzer zu wechseln, wenn wir keinen Sinn darin sehen, die Gebäude zu bewahren? Davor sollten wir uns hüten, denn die Gotteshäuser sind ein Geschenk und ein Schatz, der auf uns gekommen ist. Nicht nur für die Kirchengemeinde und die Institution, sondern sie sind ein Geschenk und ein Schatz für die Stadt, für das Dorf, für die Welt.

Der christliche Glaube sucht die Öffentlichkeit, will nicht in den Wohnstuben gefeiert und gelebt werden. Kirche mischt sich ein. Sie ist sichtbar. Sie zeigt mit allen Mitteln, auch mit Baumitteln, dass sie da ist. Umso logischer und wichtiger ist es dann, dass die »anderen Räume« geöffnet sind. Unsere Kirchen sollen offen und für jeden Menschen zugänglich sein.

Dafür stehen wir als Kirche ein: Die Botschaft unserer Kirche, des »anderen Raums« gilt allen Menschen. Sie ist nicht begrenzt auf eine bestimmte kirchliche Klientel oder ein bestimmtes kirchliches Milieu. Der »andere Raum« gehört auch anderen, und letztlich einem ganz ANDEREN.


Diese Gedanken entstanden während zweier Kirchenrenovierungen im letzten Jahr. Dabei ging es um eine romanische Kirche, die sich im Laufe der letzten Jahre zu einer Kasualkirche entwickelt hat: die Klosterkirche zu Seebach mit ihrem Kolumbarium. Bei der anderen, im Ursprung gotischen Schlosskirche, wurde ein barocker Kanzelaltar wieder aufgefunden, der nun in eine neue Gesamtkonzeption integriert werden soll. Über diese Erfahrungen ist mir die Wichtigkeit und Dringlichkeit grundsätzlicher Überlegungen deutlich geworden. Mit meinem Beitrag möchte ich vor allem junge Kolleginnen und Kollegen ermutigen und für diese Thematik sensibilisieren.


Literatur

Erne, Thomas/ Schüz, Peter( Hg.): Die Religion des Raumes und die Räumlichkeit der Religion, Göttingen 2010

Foucault, Michel: Andere Räume, in: Barck, Karlheinz u.a. (Hgg.): Aisthesis. Wahrnehmung heute oder Perspektiven einer anderen Ästhetik, Leipzig 1992

Joas, Hans: Braucht der Mensch Religion?, Freiburg 22007

Katholische Kirchenstiftung Sankt Moritz: Gewand aus Licht. Eine Festschrift zu 10 Jahren Cityseelsorge und Neugestaltung der Moritzkirche, Augsburg 2013

Steffensky, Fulbert: Das Haus, das die Träume verwaltet. Von der Schönheit tradierter Glaubensformen, Würzburg 2014

Ders.: Der Seele Raum geben. Kirchen als Orte der Besinnung und der Ermutigung, Texte zum Sachthema der 10. Synode der Evangelischen Kirche in Deutschland (EKD), 22.-25. Mai 2003, Leipzig

Tillich, Paul: On Art and Architecture, New York 1987


Anmerkungen:

1 Foucault, Michel:. Andere Räume, in: Barck, Karlheinz u.a. (Hg.): Aisthesis. Wahrnehmung heute oder Perspektiven einer anderen Ästhetik, Leipzig 1992, 34-46.

2 Pfarrei St. Moritz: Gewand aus Licht. Eine Festschrift zu 10 Jahren Cityseelsorge und Neugestaltung der Moritzkirche, Augsburg 2013.

3 Steffensky, Fulbert: Das Haus, das die Träume verwaltet. Von der Schönheit tradierter Glaubensformen, Würzburg 2014, 63.

 

Über den Autor

Pfarrerin und Dekanin i.R. Ulla Hoffmann, Beratung im kirchlichen Gebäudemanagement in der Evang. Kirche der Pfalz.

Aus: Deutsches Pfarrerblatt - Heft: 6/2017

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