Zum 100. Todestag des fränkischen Theologen
Hermann Bezzel und die Anforderungen an den Pfarrberuf

Von: Joachim Schnürle
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Was waren die Kriterien in früheren Zeiten für Aspiranten des Pfarrberufs? Was waren die entscheidenden Merkmale? Zum 100. Todestag von Hermann Bezzel will Joachim Schnürle dessen Aussagen zu diesen Fragen darlegen. Sie stammen aus einer anderen Zeit mit anderen Erfordernissen und scheinen doch auch für die heutige Zeit von einer bestechenden Einfachheit und Klarheit.

Zur Erinnerung an Prof. Dr. Manfred Seitz

In den letzten Jahrzehnten wird eine Wandlung im Bild der Pfarrerin, des Pfarrers wahrgenommen, das nicht zuletzt von den Veränderungen in unserer Gesellschaft abhängt. Nicht nur die traditionellen Bezüge in Dorf und Stadt unterlagen einem erheblichen Wandel, auch das Selbstverständnis über Beruf und Berufung, über Arbeitszeit und Dienstauftrag haben sich im gesellschaftlichen Kontext verändert – auch der Stand der Pfarrerin, des Pfarrers blieb da nicht außen vor. In einer Umwelt, in der viele Prozesse an Geschwindigkeit gewonnen haben, nicht nur Arbeitsabläufe, sondern insbesondere auch die Zunahme an Wissen und die Informationsdichte, der sich der einzelne Mensch ausgesetzt fühlt. Die Erwartungen in Hinblick auf eine professionelle Berufsausübung haben sich gewandelt und das nicht nur in der Industrie und der Ausbildung sondern auch gegenüber dem Pfarramt. Nicht von ungefähr kommt es, dass gerade auch für den Pfarrberuf eine erhebliche psychosoziale Belastung dokumentiert wurde: u.a. die Studie zum Belastungserleben und Gesundheit im Pfarrberuf, die im Frühjahr 2008 auf Anregung des badischen Pfarrvereinsvorsitzenden Traugott Schächtele unter den PfarrerInnen der Evang. Landeskirche Baden durchgeführt wurde. Ziel war es, insbesondere die psychischen Belastungsfaktoren im Pfarrberuf zu ana­ly­sie­ren.1 Inzwischen liegen verschiedene Ratgeber und Hilfen zur Vermeidung von Burnout-Phänomenen bei Pfarrerinnen und Pfarrern vor, die ein verstärktes Problembewusstsein dokumentieren.2


Die Situation heutiger Pfarrerinnen und Pfarrer – geprägt von Verunsicherung?

Der Blick in ein aktuelles Lehrbuch über das Pfarramt (Michael Klessmann, Das Pfarramt3) zeigt den Wandel der Anforderungen an den Amtsinhaber. Klessmann sieht das Pfarramt als »Kommunikationsberuf«4. Er beschreibt die Persönlichkeit der Pfarrerin/des Pfarrers, indem er die vier Grundströmungen der Persönlichkeitspsychologie von Fritz Riemann modifiziert nach Christoph Thomann zu Grunde legt. Dies um die Außenwirkung der Pfarrerin/des Pfarrers zu klassifizieren. Ihm sind die Kategorien Dauer/Wechsel und Nähe/Distanz dabei richtungsweisend.

Klessmann gibt auch einen geschichtlichen Abriss der Pastoraltheologie des 20. und 21. Jh. In der Durchsicht von pastoraltheologischen Konzeptionen versucht er »Pfarrerbilder« zu verdeutlichen und die wechselvollen Anschauungen darzustellen. Dabei steht der Pfarrer in der Pflicht des Gemeindereformers nach Emil Sulze5, in der Position des Zeugen des Wortes Gottes im Sinne der dialektischen Theologie, wird als Kommunikator des Evangeliums gezeichnet nach Ernst Lange oder als Theologen/Theologin im Sinne von Albrecht Grötzinger und Christian Grethlein.6 Neuere Konzeptionen sehen in der Pfarrerin und dem Pfarrer die Person des Professionellen (Isolde Karle)7 oder auch den Schwellenkundigen (Ulrike Wagner-Rau)8. Von den Kirchenleitungen werden mehr und mehr kompetenzorientierte Pfarrbilder propagiert, wie im »Pfarrbild 2000« der EKiR und dem Leitbild des Verbandes der Vereine Evangelischer Pfarrerinnen und Pfarrer von 2002.9

Somit umfasst das Aufgabenspektrum neben primär theologischen Aufgaben wie Predigtamt und Verwaltung der Kasualien ebenso betriebswirtschaftliche Elemente und organisationssoziologische Aufgaben. Klessmann spricht von der »überkomplexen Struktur des Pfarramts,10 die aus den verschiedenen Aufgabenfeldern resultiert, aber auch aus den sich in immer schnellerem Fluss befindlichen Veränderungen in der Gesellschaft herrührt. Nicht zuletzt von der erhöhten Migrationsrate, von den in zeitlichem Verlauf viel komplexeren Lebensstilkonzeptionen sowohl des Individuums und genauso von Gruppen in der Gesellschaft herkommend. Es besteht eine nie zuvor in solcher Diversität vorfindliche Rollenvielfalt und Rollendiffusion im beruflichen, im sozialen und privaten Umfeld der Kirchengemeinden.


Einübung pastoraler Spiritualität

Michael Heymel stellt die Frage zur Situation der heutigen Pfarrerinnen und Pfarrer, ob in den anstehenden Wandlungsprozessen auch ein Reformieren hin zu den theologischen Grundlagen erfolgen wird.11 Er sieht eine Notwendigkeit in einer Prioritätensetzung des pfarrberuflichen Handelns und in der Einübung einer pastoralen Spiritualität.12 Nicht nur der Blick auf die Aufgaben sollte das Berufsbild leiten, sondern auch ein Blick auf die Ressourcen des Aspiranten ist unvermeidlich, um den Anforderungen der Umwelt und dem eigenen Berufsethos gegenüber gerecht zu werden. Heymel sieht in der Diskussion um das »Pfarrbild 2000«, das aus einer Dienstrechtsreform für Gemeindepfarrerinnen und -pfarrer der rheinischen Kirche erwachsen ist und in dem Diskussionsentwurf »Zeit fürs Wesentliche – Perspektiven auf den Pfarrberuf in der Ev. Kirche im Rheinland« vom 5. Juli 201313 wichtige Impulse, um den Anforderungen der Zeit zu begegnen. Er begrüßt die im Diskussionspapier »Zeit fürs Wesentliche« dargestellten fünf Kernaufgaben: Verkündigung, Seelsorge, Bildung, Diakonie und Leitung. »Diese Aufzählung stimmt überein mit dem, was alle theologischen Entwürfe zum Pfarrbild in den letzten Jahren herausgestellt haben.« Heymel betont zustimmend, dass: »Verkündigung und Seelsorge hier an erster Stelle genannt werden, weil sie für den pastoralen Dienst von TheologInnen besonders kennzeichnend sind.«

Im Blick auf diese Wahrnehmungen und Impulse zeigt sich eine nicht unerhebliche Verunsicherung über Aufgaben, Erwartungen und die dazu notwendigen Begabungen und Ressourcen, denen die Amtsträger gegenüberstehen. Für die Situation der Ausbildung, der universitären Studiengänge und die weitere praktische Anleitung stellt dies auch erhebliche Anforderungen. Bereits in der Auswahl geeigneter KandidatInnen wäre auf vieles zu achten, manches zu fordern, wenn denn genügend Bewerberinnen und Bewerber zur Auswahl ständen. Auch in der Berufsbegleitung muss gesundheitsförderndes Verhalten gestärkt und solches immer wieder vermittelt werden. Dies sollte strukturell durch Weiterbildungsmaßnahmen und gegebenenfalls durch rehabilitative Maßnahmen gesichert werden. Hier soll nun an einem historischen Beispiel über Anforderungen für den Pfarrberuf nachgedacht werden und »die Geschichte« auf gesundheitsfördernde Faktoren befragt werden.


Mit der Schule tat sich Bezzel anfangs schwer

Hermann von Bezzel, der 1910 in den Adelsstand erhoben wurde, stammt aus einem alten Pfarrersgeschlecht. Schon mehrere seiner Vorfahren waren als Pfarrer in der kleinen Gemeinde Wald bei Gunzenhausen tätig. Unter seinen Vorfahren waren auch österreichische Exulanten, aus dem Ländlein ob der Enns, die sich im Gräfenberger Land ansiedelten und die Spiritualität der Nachkommen mit prägten. Der am 18. Mai 1861 geborene Hermann war das erste von 12 Kindern. In dieser großen Geschwisterschar, im ländlichen Pfarrhaus wuchs Bezzel auf. »Die damals gewonnene Nähe zu einfachen Menschen behielt er sein ganzes Leben bei«14. Der Vater Ludwig Bezzel unterrichtete den begabten Erstgeborenen selbst bis zum Stand der vierten Klasse der Lateinschule – nicht früh genug konnte er mit dem Unterricht beginnen, hatte der Vater doch selbst mit 17 Jahren schon das Abitur in der Tasche. Hermann war nicht der fleißigste Schüler und hatte nicht unerhebliche Schwierigkeiten, die Erwartungen seines Vaters zu befriedigen. Die Prüfung zur Aufnahme am Ansbacher Gymnasium Carolinum hatte er bestanden, nicht jedoch die Übertrittsprüfung von der Lateinschule ins Gymnasium. Der Vater war enttäuscht und äußerte seinen gekränkten Stolz: »aus dir wird nichts, du bist ein bleibst ein Träumer.« Nächtelang hat Hermann in den Ferien deshalb geweint, wie sein Bruder berichtet.15 Das Carolinum wurde ihm zu einer Stätte schulischer Qual, musste er doch die erste Klasse wiederholen.16 Viel lieber war Hermann in Feld und Wald unterwegs mit seinen Geschwistern und Altersgenossen, um ihnen Geschichten zu erzählen oder aus Märchenbüchern zu erzählen – Erzählen war seine Leidenschaft, wie sein Bruder betont.

Von 1879 bis 1883 studierte Hermann dann doch als einer der Ersten im Abitur in Erlangen klassische Philologie und Theologie. Dort wurde er geprägt von Lehrern wie Iwan von Müller, August Luchs, Reinhard Frank, Theodor von Zahn und Gerhard Zezschwitz. Letzterer hatte als praktischer Theologe nachhaltigen Einfluss auf den Studenten Hermann – »dessen Grundanschauungen treten im kirchlichen Handeln Hermann Bezzels und in seinen Schriften zur Praktischen Theologie unverkennbar zutage.«17 Während des Studiums vertiefte er den Grundbau seiner ausgedehnten Allgemeinbildung. Er prägte sich täglich mehrere hebräische Vokabeln ein und memorierte sechs Geschichtszahlen.18


Liebe zur Geschichte und zu alten Sprachen

Die Liebe zu den alten Sprachen und zur Geschichte konnte er dann an seiner ersten beruflichen Wirkstätte ausleben. 1883 kam er nach Regensburg als Assistent ans dortige Gymnasium. Seine Aufgaben waren der Lateinunterricht und die Geschichte, in die er nun auch von Berufs wegen eintauchen durfte. Schon im Folgejahr wurde ihm die Leitung des Alumneums übertragen. Später übernahm er zusätzlich den gesamten Religionsunterricht. Die biographischen Arbeiten über ihn betonen den unermüdlichen Fleiß, mit dem er arbeitete und dem Tag deutlich mehr als acht Arbeitsstunden abtrotzte.

Neben den Impulsen aus der Geschichte war Hermann auch auf der Suche nach Manifesten des Christlichen in verschiedenen Werken und Anstalten in Deutschland. Er machte Studienreisen nach Bad Boll und nach Neuendettelsau. An diesen Stätten spürte er das Wirken Gottes, das in folgenden Ausruf mündete: »Wer an der Wahrheit des Christentums zweifelt, der schaue es in Boll; wer aber die Herrlichkeit der evangelischen Kirche in ihrer geschichtlichen Ausprägung kennen möchte, der wird sie in Dettelsau finden.«19 Wen mag es da verwundern, dass er den Ruf als Rektor der Neuendettelsauer Diakonissenanstalt im Jahr 1891 als Gottes Weg empfand, dem er gerne folgte. In der Nachfolge Wilhelm Löhes wirkte er dort als Prediger, Lehrer und Seelsorger für die große Schar der Schwestern. An dieser bekannten Einrichtung blieb er auch für die Kirchenleitung nicht unbemerkt. Er wurde 1909 zum Präsidenten des Oberkonsistoriums ernannt. Er übte das Kirchenregiment »durchaus persönlich, was sich auch in den Kämpfen um das ›Bekenntnis‹ zeigte«20. So hat er zunehmend Verantwortung übernommen für die Bayerische Pfarrerschaft. Das Amt des Pfarrers war ihm ein Anliegen, das er nicht zuletzt in seinem Werk »Der Dienst des Pfarrers« darlegte. Verstorben ist der erst 56-Jährige mitten aus einem arbeitsreichen Leben am 8. Juni 1917.


Der Dienst des Pfarrers in der Gefolgschaft des Dienstes Jesu und der Apostel

In »Der Dienst des Pfarrers«, die eine kleine Pastoraltheologie darstellt, begründet Bezzel den »Dienst des Pfarrers und seine Vorbedingungen«21 aus den vorhergehenden Überlegungen zum »Dienst Jesu« und dem »Dienst der Apostel«. Kennzeichnend für den Dienst Jesu sieht Bezzel die zwei kategorialen Bezeichnungen von leiturgia und diakonia. Der Gott der Bibel hat aus »unerfindlicher Willensrichtung«22 das Dienen erwählt. »In heiligem Vorgang seiner Kondeszendenz«23 – hier leuchtet wieder einer der von Bezzel immer wieder betonten Grundgedanken der Zuwendung Gottes in Christus der gefallenen Welt gegenüber auf. Dieser Gedanke der Kondeszendenz wird wiederholt als Grundstruktur der Theologie Bezzels dargestellt, so von Johannes Rupprecht und von Manfred Seitz.24. In Bezug auf den Dienst der Apostel stellt Bezzel die Eigentümlichkeiten der Charaktere und des Dienstes von Jakobus, Johannes, Petrus und Paulus dar. Die Ausführungen münden in dem Hinweis auf den Philipperbrief, mit dem Blick auf die Freude, die das Lebenselement des Christen sei.25

Von hier aus, der Freude des Christen, entwickelt sich dann der Dienst des Pfarrers – so sollen sie Nachahmer der Apostel und Jesu sein nach dem Wort aus 1. Kor. 4,16: »Werdet meine Nachahmer wie ich Christi.«26 So ergeben sich für Bezzel die Aufgaben und Dienstpflichten an einem fröhlichen Orientieren an den Aposteln und an Christus selbst – nicht von ungefähr hat er diese Hinführung zum dritten Kapitel gewählt. Die biblischen Vorbilder sollen auch den Heutigen zu Leitbildern dienen. Weniger orientiert er sich an den Anforderungen der Zeit, den geänderten gesellschaftlichen Strukturen, den besonderen Erfordernissen im Umgang mit den Menschen, die sich im Rahmen der Industrialisierung in eine zunehmende Vereinsamung begeben haben, heraus aus den dörflichen Strukturen, hinein in die Städte.


»Begeisterung und Feuer der ersten Liebe«

Aus dem von ihm gewählten Duktus resultiert die »einzige Bedingung«, die die Kirche den künftigen Dienern stellen sollte: »… daß sie Begeisterung und Feuer der ersten Liebe haben, in der das Herz brennt, wenn er die Schrift öffnet, der Exeget ›ohne Gleichen‹ (Delitzsch, Luk. 24, 32), daß sie nicht ein ödes Trümmerfeld sei, auf dem die Zijjim und Ohim hausen, noch ein Tummelplatz aller strebsamen Geister, denen das Unglaubliche immer am glaubhaftesten ist, nicht eine religionsgeschichtlich zu wertende Urkunde, an der das Gute nicht original und das Originale nicht gut ist, sondern ein Werk, das Gott atmet, in seiner Lebensatmosphäre erzeugt, von ihr durchweht und geheiligt und nach ihr Verlangen zu erwecken bereit und geschickt, nicht Urkunde, sondern Freudenwort aus Mißklang und falschem Ton, aus Tränen und Trauer, aus Fehlsamkeit der Menschen und ihrer Schuld zur wahren Harmonie gestimmt und bestimmt. Solche erste Liebe geht dem Herrn nach, wohin er geht (Offbg. 14,4) und folgt dem àρ¯ηγeς καd ­τελειωτcς της πστεως durch die Geschichte und läßt sich von ihm die Wolke der Zeugen deuten, die über die kampfesreiche Erde leuchtend hinzieht.«27

Bezzels Grundlage ist ein persönliches Ergriffensein von der Botschaft Jesu und der Apostel, die in Begeisterung und »Feuer der ersten Liebe« münden. Darin sieht der Präsident des Oberkonsistoriums in München die entscheidende Grundvoraussetzung zum Pfarramt und auch zum weiteren Dienst in der Kirche. Die Frage nach der Wertung der Schrift, die Auffassung als Dokument, als Urkunde aus Gottes Lebensatmosphäre ist ihm die entscheidende Weiche, die gestellt sein muss, für den rechten Dienst in der Kirche. Bezzel fragt hier nicht nach der erforderlichen Schulbildung, nach der Beherrschung der Ursprachen, nach sozialen Kompetenzen oder sonstigen persönlichen Ausstattungen der Anwärter – allein die geeignete Stellung zur Aufgabe scheint ihm wichtig.

Solche Betonungen sind auch an anderer Stelle von ihm verlautet. So schreibt Bezzel im Jahr 1912 zum Amt des Theologen als Pia Desideria: »Begeisterte Theologen, selbst mit dem leisen Anflug der Schwärmerei, sind doch hoffnungsfreudiger und mehr Gegenstand der Hoffnung, als die allzeit Fertigen, welche mißmutig über Zweifel lächeln oder den Kinderglauben, der zum männlichen erstarken will, die ernste Selbstfindung als Rückständigkeit vornehm ablehnen und die sich innerlich bindende Pietät Schwachheit nennen. Kein Studium bedarf mehr Anregung als das theologische, dessen Träger späterhin in eine Einsamkeit gehen soll, die zuerst ertragen und durchkostet werden will, ehe sie gepriesen werden darf.«28

Wenn dies nun vermuten lässt, dass der Präsident des Oberkonsistoriums aller Wissenschaft und aller Bildung auf »seine alten Tage« abhold geworden ist, der er doch selbst seinen beruflichen Werdegang in der Schulung der Sprachen, Geschichte und Religion begonnen hat, der irrt. Schon in Kapitel IV (»Die Vorbereitung zur Predigt«) wird deutlich, welchen Wert Bezzel der gründlichen exegetischen Arbeit, der umfassenden Bildung sowohl in der kirchlichen Literatur wie auch der Lebenswelt der Predigthörer voraussetzt. »Daß der Sprachschatz des Bürgertums noch manche Perle aufweist, letzte Reste einer kernigen und ehrenfesten Vergangenheit, wird beachtlich sein.«29


Bildungsbürgerliches Schatzkästlein

Bezzel empfiehlt ganz praktisch das Anlegen eines Sammelheftes für »Gottesgedanken, Gedanken über Zeit und Ewigkeit, Altes und Neues – was kann Hamann, ja auch Jean Paul Friedr. Richter und Bogumil Goltz dabei nützen«.30 Auch für die anderen pfarramtlichen Aufgaben hat Bezzel praktische Ratschläge bereit. In seinen Schriften und Predigten tauchen immer wieder Zitate von geschichtlichen Persönlichkeiten auf, die seine Belesenheit und seine umfassende Bildung aufzeigen. Er verstand sich als Lernender, der in der Gemeindearbeit, die er auch als Präsident des Oberkonsistoriums weiter liebte und in Sendlingen übte, das Lebensgefühl seiner Mitmenschen, deren Erfahrungen gerade auch in der Zeit des beginnenden Ersten Weltkrieges sehr ernst nahm und in seinen Predigten verarbeitete. Hat er doch gerade auch in dieser Zeit von 1914-1916 seine Ideale »an der Basis« verwirklicht und erprobt.

Bezzel gibt eine überaus einfach klingende Antwort auf die Frage nach der Kraftlosigkeit im Amt. Die simplifizierend einseitige Antwort wird von Heinrich Kemner in einer Sammlung von Reden und Aufsätzen Bezzels unter dem Titel »Geheimnis der Kraft – Das Gebet« im Jahr 1968 dargeboten:

»Die Wissenschaft in der Nachfolge der Wahrheit betet, und ihrem Gebet wird als Erhörung die Einfalt (zuteil), die nicht konstruiert, sondern bekennt. Die Kraft des Gebets, welches unsere Väter treulich und innerlich geübt haben, umschützt uns und unsere Kirchen in diesen auf Katastrophen sich rüstenden und sie vorbereitenden Zeiten. Sie haben Sorgenberge und Aussichtslosigkeiten, die ganze Trübsal ihres Erden- und Arbeitslebens in Gottes Erbarmen versenkt, das am Kreuz ihnen entgegenleuchtete; und sie haben über dem eigenen bösen Tag unser, der Nachfahren, nicht vergessen – nicht daß wir glücklich, sondern daß wir treu würden. So oft, der diese Zeilen schreibt, in die Akten der vergangenen Zeiten sich vertieft, tritt ihm ein kraftvolles, klares, tapferes Geschlecht entgegen, das kein anderes Geheimnis der Kraft kannte als das Gebet und keine kraftvollere Tat als die Treue. Von diesem Segen umgeben und gestärkt, beten wir nicht um neue Mittel, sondern nur um die rechte, zeitgemäße Anwendung und Ausnutzung der in Wort und Sakrament gegebenen alten. Wir beten um Persönlichkeiten, die nicht von allerwärts Anleihen machen, um die Zuhörer religiös zu interessieren, sondern bei dem ihnen zur Lebenskraft gewordenen Gotteswort bleiben, um die Gemeinde zu erbauen.«31


Das Gebet als Kraftquelle und Gesundheitsfaktor im kirchlichen Dienst

Auch wenn die Lebenswelt im Pfarrberuf sich seit dem Beginn des 21. Jh. in den nun vergangenen 100 Jahren deutlich gewandelt hat, lässt sich von den Schwierigkeiten in der Zeit des Ersten Weltkrieges, dem Beginn des neuzeitlichen Weltenbrandes sicherlich auch annehmen, dass Belastungen, die alle Kraft des Amtsträgers übersteigt, vorhanden waren. Was heute an Zeitdruck und organisatorischen Aufgaben auf dem Einzelnen lastet, waren damals die Überhandnehmen der Einzelschicksale, die sich in der Gemeinde von Familie zu Familie ereigneten und deren Bewältigung den Seelsorger vor unmenschliche Nöte stellte. Bezzel sucht in dieser Situation nach den Kraftquellen der Vorhergegangenen – Ressourcen würden wir heute sagen – und kommt dabei zu der skizzierten Antwort: »Sorgenberge und Aussichtslosigkeiten, die ganze Trübsal ihres Erden- und Arbeitslebens …« diese alle erkannte er als »in Gottes Erbarmen versenkt«. In der persönlichen Begegnung mit dem Gott der Väter, dem Gott der Bibel, in einer persönlichen pastoralen Spiritualität, die von Gebet und dem Wort der Schrift gespeist wird, sieht er Hilfe, ja Kraftquelle und somit einen Gesundheitsfaktor.

In den einleitend genannten Hinweisen auf Einübung einer pastoralen Spiritualität, die von Michael Heymel betont wird, steht dieser in einer Tradition, in der Nachfolge von Impulsen von z.B. Manfred Seitz, die nicht zuletzt auf Gedanken von Herrmann Bezzel beruhen. Seit den 70er Jahren des letzten Jahrhunderts wurden auf den Universitäten wieder mehr Stimmen laut, die neben dem Fokus auf die Amtsaufgaben den Blick mehr auf die Person des Pfarrers/der Pfarrerin wenden und die Notwendigkeit einer persönlichen Spiritualität auch im Sinne eines »Nehmens« im Ausgleich zu allem »Geben« betonen. Manfred Seitz der frühere Lehrstuhlinhaber für Praktische Theologie in Erlangen hat hier richtungsweisend gearbeitet und publiziert.32 Dieser Biograph Bezzels, der Bezzels Theologie auch unter dem Gesichtspunkt der Predigttätigkeit untersuchte, hat so Impulse des Oberkonsistorial-Präsidenten auch in die Zeit des 21. Jh. transformiert. Erträge, die die Breitenwirkung in die Pfarrerschaft dokumentieren sind die Zeugnisse seiner Schüler33, die weit in die deutsche protestantische Welt hinein wirkten.


Spiritualität als Ressource zur Gesundheit im Pfarrerberuf

Der Bezug auf das Wort Gottes, nicht allein die Arbeit mit dem Wort, sondern auch ein sich »Dienen-Lassen«, ein Einüben von Rückzug und Spiritualität auch in den Anforderungen des Pfarrberufs im 21. Jh. wird zu den entscheidenden Faktoren gehören, um die von Bezzel geforderte Freude am Dienst in der Nachfolge der Apostel zu erhalten und zu leben. Dazu kann die von Hermann Bezzel als hohes Ziel formulierte Begeisterung am Wort, das Überwältigtsein von der Kondeszendenz Gottes, die in der Besinnung, im Üben einer persönlichen Spiritualität gehegt und gepflegt wird, helfen. Dazu sind Freiräume notwendig, die zuerst erkannt und dann auch gegenüber den Amtspflichten »verteidigt« werden müssen.

Dies sind Impulse, die ein fleißiger Arbeiter wie Bezzel auch der heutigen Pfarrerschaft mit ins Stammbuch schreibt. Diese gelten sowohl für den Studenten, der sich über die Voraussetzungen zum Pfarrberuf Gedanken macht wie auch für den in Amt und Würden Stehenden, der seine Ressourcen erkennen sollte, der die Notwendigkeit der Selbstsorge und eigenen Spiritualität immer wieder neu bedenken und erkämpfen sollte. Diese Gedanken sollten noch fester im Studium und der Begleitung in den ersten Amtsjahren verankert werden. Eine persönliche Spiritualität sollte im Berufsalltag gepflegt werden und auch durch Einkehrtage vertieft werden. Bei Erschöpfungszeichen und daraus resultierenden somatischen Beschwerden sollte Hilfe gesucht werden, z.B. auch in einer geistlich begleiteten psychosomatischen Rehabilitation oder pastoralpsychologischen Begleitung.


Anmerkungen:

1 Siehe die Darstellung im Deutschen Pfarrerblatt: Joachim Bauer, Traugott Schächtele, Ruth Pfeifer, Klaus Muke, Angelika Walter, Thomas Unterbrink, Michael Wirsching: Belastungserleben und Gesundheit im Pfarrberuf, DPfBl, 109/9 (2009), 460-466.

2 Z.B. von Andreas von Heyl: Sie laufen und werden nicht müde … Betrachtungen zum pastoralen Dienst aus arbeitspsychologischer Perspektive, Leipzig 2014.

3 Michael Klessmann: Das Pfarramt: Einführung in Grundfragen der Pastoraltheologie, Göttingen 2012.

4 Klessmann, 120.

5 Klessmann, 150.

6 Klessmann, 166ff.

7 Klessmann, 169ff.

8 Klessmann, 172ff.

9 Klessmann, 175f.

10 Klessmann, 98ff.

11 Michael Heymel: Pfarrbild und Pfarrer/innenbildung heute – Möglichkeiten des reformatorisch verstandenen Pfarramts, DPfBl, 114/6 (2014), 319-323.

12 Dies wurde in den letzten Jahrzehnten immer wieder in den Blick genommen, so bei Joachim Heubach: Das Geistliche Leben des Pfarrers. In: Diestelmann, Jürgen und Schillhahn, Wolfgang (Hg.): Einträchtig lehren. Festschrift für Bischof Dr. Jobst Schöne, Groß Oesingen 1997, 156-166.

13 Zugänglich unter: http://www.ekir.de/www/downloads/ekir2013-07-05perspektiven_pfarrberuf.pdf.

14 Manfred Seitz: Hermann Bezzel Theologie Darstellung – Form seiner Verkündigung, 1960, 22.

15 Ernst Bezzel: Die Werdezeit. In: Zum Gedächtnis Hermann von Bezzels – gesammelte Aufsätze, Leipzig, 1917, 2.

16 Ebd.

17 Seitz, 26.

18 Seitz, 27.

19 Johannes Rupprecht: Hermann Bezzel als Theologe, München 1925, 48.

20 Ludwig Turtur: »Bezzel, Hermann von«. In: Neue Deutsche Biographie 2 (1955), 213 [Online-Version]; URL: https://www.deutsche-biographie.de/gnd11851055X. html#ndbcontent.

21 Hermann Bezzel: Der Dienst des Pfarrers, 1917, 25-33.

22 Bezzel, Dienst, 3.

23 Ebd.

24 Rupprecht, a.a.O., Manfred Seitz, a.a.O.

25 Bezzel, Dienst, 24.

26 Bezzel, Dienst, 25.

27 Bezzel, Dienst, 28f.

28 Hermann Bezzel: Pia Desideria. In: Kirchliches Jahrbuch 1912, 1-16.

29 Bezzel, Dienst, 39.

30 Bezzel, Dienst, 38.

31 Hermann Bezzel: Wächter im Bischofsamt – Reden, Betrachtungen, Aufsätze. Hrsg. von Heinrich Kemner, Metzingen 1968, 159.

32 Bereits 1962 erschien von ihm: Seelsorge und geistliches Leben – Persönliche Voraussetzungen zum Üben der Seelsorge, Nürnberg. Für den Pfarrberuf hat er dies nochmals konkretisiert: Der Beruf des Pfarrers und die Praxis des Glaubens. In: Manfred Seitz: Praxis des Glaubens – Gottesdienst, Seelsorge und Spiritualität, Göttingen, 1978, 218-226.

33 Siehe unter anderen Zeugnissen die Festschrift zum 75. Geburtstag von Manfred Seitz: Spirituelle Aufbrüche – Perspektiven evangelischer Glaubenspraxis, Hrsg. von Michael Herbst, Göttingen 2003.

 

Über den Autor

Dr. Joachim Schnürle, Jahrgang 1970, Mediziner, tätig in der Altmühlseeklinik Hensoltshöhe in der Rehabilitation von onkologischen und psychosomatischen Patienten; Interessenschwerpunkt: Psychotherapie und Seelsorge unter Rückgriff auf das Glaubensgut in Kirchenliedern und Erbauungsliteratur; Veröffentlichung zum seelsorgerlichen Gebrauch von Schriften Gerhard Tersteegens, Philipp Friedrich Hillers und Thomas von Kempens.

Aus: Deutsches Pfarrerblatt - Heft: 6/2017

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