Über pastorale Identität
Führungskräfte der Kirche

Von: Martin Fedler-Raupp
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Pfarrerinnen und Pfarrer sind Führungskräfte. Sie sind Orientierungsgeber in ihren ­Gemeinden und sie sind zugleich führend verantwortlich dafür, wie Religion und Kirche in der Gesellschaft wahrgenommen werden. Im Blick auf ihre Leitungsverantwortung sollten Pfarrerinnen und Pfarrer – so Martin Fedler-Raupp – vor allem die Antwort auf drei Fragen klären: Wer bin ich? Was will ich? Wie erreiche ich effizient meine Ziele?


Die Rolle von »Leadern«, auf Deutsch »Führungskräften«, untersucht der amerikanische Erziehungswissenschaftler und Psychologe Howard Gardner in seinem Buch »Leading Minds« (dt. »Die Zukunft der Vorbilder«) im Jahr 1995. Dabei erarbeitet er drei Fragen, die erfolgreiche Leader für sich geklärt haben: (1) »Wer bin ich?«, (2) »Was will ich?« und (3) »Wie erreiche ich effizient meine Ziele?«

Auch Pfarrerinnen und Pfarrer sind Leader, Führungskräfte. Dies gilt zuerst im Hinblick auf die religiöse Ausrichtung einzelner Menschen und Gemeinden. Darüber hinaus sind Pfarrerinnen und Pfarrer aber auch führend verantwortlich dafür, wie Religion und Kirche in der Gesellschaft wahrgenommen werden. In kleinerem oder größerem Rahmen stehen sie sowohl in der öffentlichen Wahrnehmung als auch in der Wahrnehmung ihrer Gemeindeglieder für das, was Kirche und christliche Religion ausmacht (vgl. dazu erneut die Ergebnisse der Mitgliedschaftsstudie der Evangelischen Kirche aus dem Jahr 2014).

Dabei ist klar: Pfarrerinnen und Pfarrer führen Kirche nicht alleine. In den Gemeinden nehmen sie Leitungsverantwortung gemeinsam mit Kirchenvorständen wahr. Kirche in der Region wie Gesamtkirche leiten sie zusammen mit Nicht-Ordinierten, die im Haupt- oder Ehrenamt den Kurs mitbestimmen. Angesichts dieser Zusammenarbeit im Leitungshandeln mit anderen ist es vor allem ihre theologische Ausbildung, die Pfarrerinnen und Pfarrer zur Leitung der Kirche befähigt. In Anlehnung an Friedrich Schleiermacher kann heute wie vor 200 Jahren gesagt werden: Das Ziel des Theologiestudiums besteht wesentlich darin, Menschen zur Leitung des religiösen und kirchlichen Lebens zu befähigen.

Die drei Fragen, die nach Howard Gardner »Leading Minds« für sich beantworten, sollten deshalb auch Pfarrerinnen und Pfarrer für sich klären. Von diesem Ausgangspunkt her entwickele ich im Folgenden einen Vorschlag, wie Pfarrerinnen und Pfarrer diese Fragen aufnehmen und zur Bestimmung ihrer pastoralen Identität nutzen können.


1. Wer bin ich?

Die Arbeit im Pfarramt ist Arbeit mit Menschen. Der Mensch, von dem diese Arbeit immer wieder ausgeht und der an dieser Arbeit stets beteiligt ist, bin ich selbst. Damit ist klar, dass es in den Kernfeldern pastoralen Handelns, nämlich in Seelsorge, Verkündigung und Unterricht, immer auch um das Selbst der Pfarrerin und des Pfarrers geht.

Die Klärung der Frage »Wer bin ich?« lenkt den Blick zumindest in zwei Richtungen. Zum einen auf die eigene Lebensgeschichte und zum anderen auf die Menschen, mit denen ich in meinem privaten und beruflichen Alltag umgehe.


1.1 Die eigene Lebensgeschichte

Es ist eine Aufgabe, die Pfarrerinnen und Pfarrer ihr ganzes Berufsleben lang begleitet: Die eigene Lebensgeschichte in Beziehung zu ihrem Beruf zu setzen. Denn Pfarrerinnen und Pfarrer sind regelmäßig dann gefragt, wenn Menschen eine Krise erleben: wenn Jugendliche in der Pubertät nach Orientierung suchen; wenn – zumeist junge – Erwachsene sich dafür entscheiden, eine verbindliche Partnerschaft mit einem anderen Menschen einzugehen; wenn junge Familien ihre kleinen Kinder zur Taufe bringen; wenn Menschen von geliebten Wegbegleitern Abschied nehmen müssen.

Seelsorge und Lebensdeutung in diesen Krisen gelingt umso besser, je mehr Pfarrerinnen und Pfarrer sich selbst und ihren eigenen Umgang mit kritischen Lebenssituationen kennen. Zu erarbeiten ist deshalb von jeder und jedem einzelnen ein Verständnis für die eigene Geschichte. Wie habe ich mich in dieser oder jener Situation verhalten? Wie habe ich Trauer und Enttäuschung verarbeitet? Wie gehe ich mit Verletzungen um? Aber auch – auf der anderen Seite – was macht mir Freude? Was brauche ich, um zufrieden und glücklich zu sein? Welche Rolle spielen Zusagen und Rituale der Kirche in meinem Leben?

Dabei ist darauf zu achten, dass dieser Zugang zur eigenen Lebensgeschichte eine sehr persönliche, ja intime Sache ist. Jede und jeder hat die Frage, wie er oder sie so geworden ist, wie er ist, in erster Linie für sich selbst zu klären. In der Regel gehört diese höchstpersönliche Auseinandersetzung und Klärung nicht in die gemeindliche oder gar örtliche Öffentlichkeit. Angemessene Orte der Identitätsklärung sind hingegen berufsbegleitende Supervisionen oder der geschwisterliche Austausch mit Kolleginnen und Kollegen, Freundinnen und Freunden.

Das Ziel dieser Klärung besteht darin, sich selbst immer besser zu begreifen. Was sind meine Stärken und meine Schwächen? Wie kann ich reagieren, wenn mir alles zu viel wird, um meine innere Balance wiederzufinden? Welchen Menschen vertraue ich mich an?


1.2 Der Umgang mit anderen

Die zuletzt genannte Frage weist über den Blick auf die eigene Lebensgeschichte hinaus auf die Begegnung mit anderen. Wie erlebe ich mich hier und jetzt in meinem Handeln mir selbst und anderen gegenüber? Und was denken oder erwarten andere von mir?

Folgt man den Überlegungen Gardners, dann kann der Mensch umso klarer und freier Leitungsverantwortung übernehmen, je mehr er seine Möglichkeiten und Grenzen im Umgang mit anderen und mit sich selbst kennt; wenn er sich – kurz gesagt – seiner selbst bewusst ist.

Dieses Selbstbewusstsein ist keine statische, sondern eine dynamische Größe. Das heißt, es kann in jeder Begegnung anders bestimmt werden: Wer bin ich im Umgang mit dem Menschen, der mir da gegenübertritt? Leicht ist diese Behauptung nachzuvollziehen im Hinblick auf unsere Rollen im familiären Miteinander. Als Kinder unserer Eltern kommen uns andere Aufgaben zu als im Umgang mit dem Partner. Im Gespräch mit den eigenen Kindern verhalten wir uns anders als im Spiel mit den Enkeln. Wieder ein anderes Verhaltensmuster zeichnet uns aus, wenn wir mit unseren Geschwistern zusammen sind. – Vergleichbares lässt sich auch in den unterschiedlichen Aufgaben beobachten, die Pfarrerinnen und Pfarrer in ihrem Dienst wahrnehmen: als Seelsorger und Lehrer, auf der Kanzel und als Dienstvorgesetzte, im Kirchenvorstand und beim Geburtstags- oder Krankenbesuch haben sich Pfarrerinnen und Pfarrer in verschiedenen Rollen zu bewähren.

Und doch bleiben wir, bleibt jede und jeder einzelne in diesen unterschiedlichen Rollen, er bzw. sie selbst. Wir gehen nicht auf in dem, was wir nach außen darstellen und tun. Gerade in einer Vielfalt von Rollenzuschreibungen, wie sie dem Pfarrberuf eigen ist, ist es deshalb unabdingbar, diese grundlegende Frage für die eigene Person zu klären: Wer bin ich?

Die religiöse Dimension dieser Frage bringt Dietrich Bonhoeffer in einem Gedicht aus dem Jahr 1944 zur Sprache: »Wer bin ich? … Einsames Fragen treibt mit mir Spott / wer ich auch bin / du kennst mich / dein bin ich, o Gott.«

Dieser Impuls Bonhoeffers verdeutlicht: Die Frage nach der eigenen Identität beantwortet der religiöse Mensch letzten Endes, indem er sich Gott anvertraut. Vor diesem Hintergrund kommt die eigene Beschäftigung mit der religiösen Überlieferung in den Blick – die allwöchentliche Vorbereitung des Gottesdienstes und der Predigt, der Umgang mit Chorälen und Werken der Kirchenmusik sowie der regelmäßige Besuch des Gottesdienstes (ob aktiv gestaltet oder als Mitfeiernder): All das bietet Pfarrerinnen und Pfarrern Möglichkeiten, die Frage nach der eigenen Identität unter Aufnahme von Erfahrungen anderer und in Beziehung zu Gott zu stellen und zu beantworten (z.B. bieten die Choräle Paul Gerhardts eine schier unerschöpfliche Quelle zur Klärung der Frage, wie sich der Mensch im Gegenüber zu seinem Gott sieht).


2. Was will ich?

»Ich will alles und zwar sofort …« – diese Maximalforderung bringt ein Text der Popmusik zur Sprache. Hilfreich für die Klärung der eigenen Ziele im Pfarrberuf ist sie kaum. Denn hier, in diesem Beruf, geht es zum einen darum, gegenüber der Fülle der beruflichen und kirchlichen Möglichkeiten und Ansprüche die eigenen Möglichkeiten und Grenzen, die eigenen Ziele zu bestimmen. Und dies zum anderen nicht ausschließlich und abgeschlossen für alle Zeit, sondern so flexibel, dass es den angetroffenen Verhältnissen vor Ort und meiner Person entspricht. Daraus folgen erneut zwei Gedankengänge.


2.1 Welche Ziele verfolgt der Pfarrer/die Pfarrerin in der Kirche?

Seelsorge, Verkündigung und Bildungsarbeit – damit sind die beruflichen Aufgaben einer Pfarrerin oder eines Pfarrer, wie sie die Ordnungen der evangelischen Kirche vorgeben, umrissen. Daneben tritt die Wahrnehmung von kirchlichen Verwaltungsaufgaben als Kirchenbeamter vor Ort.

Damit ein Pfarrer bzw. eine Pfarrerin aus diesen beruflichen Aufgaben zum einen Zielvorgaben ableiten kann und zum anderen klärt, was er/sie selbst will, ist es notwendig, die eigene Rolle in den genannten Aufgaben zu bestimmen. Grundlegend lernen das Vikarinnen und Vikare während ihrer Ausbildung im theologischen Seminar.

Dieser grundlegenden Ausbildung folgt eine Selbstbestimmung: Welcher Arbeitsbereich der genannten vier ist mir besonders wichtig? Wofür schlägt mein Herz? Nachdem diese Frage geklärt ist, sind Pfarrerinnen und Pfarrern herausgefordert, »am Ball« zu bleiben. Das heißt hier, weiter zu arbeiten und weiter zu lernen.

Konkret kann dieses Lernen zum Beispiel im Bereich der Schule so aussehen, dass die Pfarrerin bei Kolleginnen im Unterricht hospitiert, um von ihnen Anregungen für die praktische Gestaltung des eigenen Unterrichts zu bekommen. Für den Konfirmandenunterricht ist es notwendig, sich mit neueren Programmen und Arbeitsweisen vertraut zu machen. Dies geschieht zum einen durch die berufsbegleitende Lektüre von Arbeitsmaterial. Weiter trägt dazu der Kontakt zu Pädagoginnen und Pädagogen in Gemeinde und Dekanat sowie der Austausch mit Kolleginnen und Kollegen in der Region bei.

Im Bereich der Seelsorge geht es darum, »sich selbst auf der Spur zu bleiben«, also den Weg zur Erkenntnis der eigenen Möglichkeiten und Schwächen, mithin den Weg der Selbsterkenntnis, weiter zu gehen. Anzuraten ist, dass dieser Weg von Fachleuten begleitet wird; Supervision und Coaching bieten dazu einen geeigneten Rahmen.

Für die Verkündigung ist das einfachste Mittel das offene Gespräch mit Gemeindegliedern. Dieses kann sowohl in der allwöchentlichen Diskussion des Predigttextes für den nächsten Sonntag geführt werden als auch im Predigtnachgespräch nach dem Gottesdienst. Nicht ohne Bedeutung ist dabei, ob die Pfarrerin/der Pfarrer bereit ist, selbst konkret nachzufragen (»Welcher Gedanke aus der Predigt hat Ihnen eingeleuchtet?«) und sich kritischen Fragen (»Ist denn das, was Sie gesagt haben, heute noch zeitgemäß?«) zu stellen. Eine weitere geeignete – durchaus kompetente und kritikfähige – Resonanzgruppe für die Akzeptanz des Gottesdienstes sind die regelmäßig anwesenden Konfirmandinnen und Konfirmanden.

Die Notwendigkeit einer Schulung gilt auch für das Verwaltungshandeln im Pfarramt. Die entsprechenden Kompetenzen sind in Kirchen- und Gemeindeverwaltung vorhanden. Pfarrerinnen und Pfarrer haben diese Kompetenzen ernst zu nehmen und sowohl im beruflichen Alltag als auch auf besonderen Schulungen durch Verwaltungsfachleute abzurufen. Wünschenswert wäre eine Ausbildung für den Verwaltungsbereich bereits während des Vikariats. In einigen Landeskirchen gehört ein Grundkurs »Verwaltung« wenigstens zum Pflichtprogramm der Fortbildung in den ersten Amtsjahren.


2.2 Welche Ziele verfolgt die Pfarrerin/der Pfarrer persönlich?

Gelingen und Scheitern, Erfolg und Misserfolg im Pfarrdienst hängen maßgeblich davon ab, wie sehr sich Pfarrerin und Pfarrer mit den genannten Aufgaben identifizieren, wie sehr sie diese also zu ihrer eigenen Sache machen. Gemeint ist damit nicht die unkritische Übernahme kirchlicher Zielvorgaben. Vielmehr geht es darum, durch die Reflexion der eigenen Stärken und Schwächen ein eigenes Profil zu entwickeln. Neben der Gewichtung der eigenen Vorlieben, die oben bereits angesprochen wurde, ist für dieses Profil eine eigene Haltung zu kirchlich formulierten Arbeitsaufträgen und Zielen auszubilden.

Einen Rahmen zur Entwicklung solch einer Haltung bietet beispielsweise der Ordinationsvorhalt. In ihm wird – zumindest in der Fassung, die in der EKHN verwendet wird – zum einen vom gemeinsamen »Zeugnis und Dienst in der Welt« gesprochen, zu dem alle Christinnen und Christen aufgrund der Taufe verpflichtet sind. Herausgehoben wird dann die Aufgabe, »das Evangelium öffentlich zu verkündigen«. Weiter heißt es, »in Gottesdienst, Seelsorge und Lehre sollst du am Aufbau der Gemeinde mitwirken«. Das »Zeugnis der Heiligen Schrift« diene dabei als »Quelle und Richtschnur«. Stärkung erfahren die Ordinierten durch das »Bekenntnis der Kirche« und »das Gespräch mit den Schwestern und Brüdern«. Sie werden von der »Gemeinschaft der Mitarbeitenden« und der »Fürbitte der Gemeinde« begleitet. Nach der Mahnung, die kirchliche Ordnung, »das Beichtgeheimnis und die seelsorgerliche Schweigepflicht« zu achten, schließt der Vorhalt mit einer Ermutigung: »In all deinem Dienst, auch wenn dich Zweifel anfechten und Enttäuschungen belasten, wenn dir Verzicht und Leiden auferlegt werden, gilt dir die Zusage unseres Herrn Jesus Christus. Er steht zu seinem Wort und verlässt die seinen nicht.«

Die dreifache Zielrichtung des christlichen Glaubens lässt sich anhand dieses Ordinationsvorhalts reflektieren. Diese Reflexion geht davon aus, dass in der Haltung des Glaubenden stets Gottesbewusstsein, Selbstbewusstsein und Weltbewusstsein miteinander verbunden und aufeinander zu beziehen sind:


Gottesbewusstsein

Die Vorstellung von Gott, die der Ordinationsvorhalt vermittelt, ist ausgespannt zwischen die Begriffe »Verheißung« und »Auftrag«. Auf die Seite der Verheißung gehört im Ordinationsvorhalt auch die »Zusage unseres Herrn Jesus Christus«, die Seinen nicht zu verlassen.

Mit diesen Begriffen sind die eigenen Erfahrungen mit Gott in Einklang zu bringen. Was bedeutet es für mich als Pfarrer/in, dass Gott mir durch die Taufe eine Verheißung geschenkt hat? Wo nehme ich die Zusage Jesu Christi wahr, alle Tage bei mir zu sein? Pfarrerinnen und Pfarrern wird zugemutet, diese allgemeinen Aussagen zu internalisieren und dadurch zur eigenen Sache zu machen. Dabei ist Martin Luthers grundlegende Einsicht zu berücksichtigen, dass Gott alleine das menschliche Herz durch den Heiligen Geist bewegen kann (so explizit in Luthers zweiter Invokavit-Predigt von 1522). Gilt diese für evangelisches Christsein wesentliche Einsicht auch hier, dann lässt sich eine solche Internalisierung nicht erzwingen, und zwar weder bei anderen noch bei sich selbst.

Eine Hilfe kann es an dieser Stelle sein, sich auf die ursprüngliche Motivation zur Entscheidung für diesen Beruf zurückzubesinnen: Was hat mich bewogen, Pfarrer zu werden? Welche Ziele, welche Vorstellungen hatte ich damals für diesen Beruf? Durch welche Ereignisse in meinem Leben haben diese Ziele und Vorstellungen Bestärkung oder Korrekturen erfahren? Wo kann ich heute Gottes Verheißung für mich wahrnehmen und mit welchem Auftrag betraut mich Gott?


Selbstbewusstsein

Das Selbstbewusstsein der Pfarrerin und des Pfarrers entwickelt sich als Selbstbewusstsein von Ordinierten. Ordiniert zu sein heißt nach evangelischem Verständnis in ein Amt eingesetzt zu werden. Daraus folgt, dass Pfarrerinnen und Pfarrer bestimmte, mit diesem Amt verbundene Aufgaben, wie oben beschrieben, wahrzunehmen haben. Dass »ein Pfarrer immer im Dienst« sei, ist ein kirchlicher Allgemeinplatz. Die Wahrheit, die sich in dieser Aussage spiegelt, besteht darin, dass mit der Ordination der Anspruch einhergeht, alle anderen Lebensbereiche und Lebensäußerungen auf genau diese Aufgabe zu beziehen. Zugleich werden Pfarrerin und Pfarrer in der Öffentlichkeit als die Vertreter der Institution Kirche vor Ort wahrgenommen. Den damit einhergehenden Ansprüchen mit einer klaren Vorstellung von den eigenen Aufgaben zu begegnen, auch darum geht es.

Keineswegs aber steht – folgen wir dem Vorhalt – die ordinierte Person alleine. Vielmehr ist er/sie in der Wahrnehmung seines Dienstes (so der Ordinationsvorhalt) an »andere Ämter der Kirche« gewiesen. Diese wiederum öffnen den Blick auf die »Gemeinschaft der weltweiten Christenheit«, zu der auch jede ordinierte Pfarrerin und jeder ordinierte Pfarrer gehört.

Neben den Begriff der Ordination tritt der Begriff der Berufung. Dieser weist auf das Berufsverständnis der Reformation zurück. Danach gibt es eine Berufung für jeden bürgerlichen Beruf, den Menschen in der Welt ergreifen. So wie Kfz-Mechaniker, Bäcker oder Bibliothekare in ihren Dienst berufen werden können, so eben auch die Pfarrerin und der Pfarrer. Über die Qualität der Wahrnehmung des Pfarr-Berufs entscheidet vor diesem Hintergrund nach evangelischem Verständnis keine »höhere Weihe«. Entscheidend ist vielmehr, auf welche Weise und mit welcher Haltung die jeweiligen Aufgaben wahrgenommen werden.

Sich selbst als Teil einer größeren Gemeinschaft zu begreifen, dazu fordert auch das »Gespräch mit den Schwestern und Brüdern« auf, das den Ordinierten nahe gelegt wird. Und ganz eigen ist dem ordinierten Amtsträger die Wahrung von »Beichtgeheimnis« und »seelsorgerlicher Schweigepflicht«. Besonders ermahnt werden sie, sich so zu verhalten, dass ihr »Zeugnis nicht unglaubwürdig wird«.

Schließlich wirft der letzte Absatz des Ordinationsvorhalts ein besonderes Licht auf das Selbstverständnis im Pfarrdienst. In jenem ist von »Zweifel« und »Enttäuschungen« die Rede, werden »Verzicht und Leiden« genannt. Gerade in diesen negativen Erfahrungen gilt Pfarrerinnen und Pfarrern »die Zusage unseres Herrn Jesus Christus«, der zu seinem Wort steht und die Seinen nicht verlässt.

Deutlich wird an dieser Stelle, dass es für Pfarrerinnen und Pfarrer darum geht ein »frommes Selbstbewusstsein« zu entwickeln. Als fromm wird hier das Selbstbewusstsein verstanden, das Friedrich Schleiermacher in den einleitenden Paragraphen seiner Glaubenslehre als »Bewusstsein der schlechthinnigen Abhängigkeit« bestimmt. Folgen wir dieser Bestimmung, so lässt sich Gott verstehen als »das in diesem Selbstbewusstsein mitgesetzte Woher unseres empfänglichen und selbsttätigen Daseins« (Schleiermacher, Der Christliche Glaube, §4.4). Für den Zusammenhang, um den es hier geht, heißt das: Pfarrerin und Pfarrer entwickeln ein Selbstbewusstsein, für welches Gott der Gebende und Setzende, der Ursprung der Welt und des eigenen Lebens ist.


Weltbewusstsein

Wie sehen Pfarrerinnen und Pfarrer die Welt? Zum einen als Ort für ihr Zeugnis und ihren Dienst. Zum anderen als den Zusammenhang, in dem die »weltweite Christenheit« zuhause ist. Zum dritten als Aufgabenfeld für die Gemeinde, die sie zum »Dienst in der Welt« ermutigen. Schließlich wohl auch als den Bereich, in dem die bereits angesprochenen »Zweifel« und »Enttäuschungen« ihren Ursprung haben und in dem es gilt, zu verzichten und zu leiden.

Diese Aussagen verdeutlichen zum einen, dass Kirche und Welt voneinander unterschieden werden sollen, aber nicht voneinander getrennt werden können. Vielmehr haben Pfarrerinnen und Pfarrer – wie alle Christenmenschen – einen Auftrag in der Welt wahrzunehmen, nämlich Christus zu bezeugen und den Menschen in seinem Namen zu dienen. Diesen Auftrag werden sie dann sachgemäß ausrichten, wenn sie wissen, was ihre Botschaft zu einer besonderen macht – und damit von dem, was »alle Welt« zu sagen hat, unterscheidet. Gerade hier geht es nach evangelischem Verständnis um den Kern der Sache: die Botschaft von der gnädigen Rechtfertigung des Sünders. Als mit der Welt und allen anderen Menschen verbunden, verstehen sich Pfarrerinnen und Pfarrer, indem sie sich selbst als Sünder begreifen. Genau wie alle anderen sind und bleiben sie angewiesen auf die »Erlösung, die in Jesus Christus geschehen ist« (Röm. 3,24). Von der Welt unterschieden sind sie aufgrund ihrer Glaubensgewissheit. Diese besagt, dass die Erlösung ihnen selbst von Gott in Christus geschenkt ist.


Innerhalb des genannten Rahmens – in Beziehung zu Gott, zu sich selbst und zur Welt – ist es Aufgabe der Pfarrerin und des Pfarrers die eigenen Ziele mit denen der Kirche in Einklang zu bringen.


3. Wie erreiche ich effizient meine Ziele?

Von den erarbeiteten Ausgangspunkten her lassen sich nun Wege entwickeln, wie Pfarrerinnen und Pfarrer ihre (Lebens- und Berufs-)Ziele erreichen können. Diese Wege sind – wie alles andere hier Bedachte – nur Vorschläge. Ob es lohnt, sich auf sie einzulassen, muss jede und jeder für sich selbst entscheiden.

Ein Mittel, die eigenen Ziele im Pfarrdienst zu erreichen, ist der Austausch mit kompetenten Gesprächspartnern. Pfarrerinnen und Pfarrer begegnen in ihrer täglichen Arbeit solchen kompetenten Gesprächspartnern: Sie treffen Menschen, die sich in ihren jeweiligen Lebensvollzügen Tag für Tag als sachkundig und erfolgreich erweisen. Es kommt nun darauf an, dass Pfarrerinnen und Pfarrer bereit sind, diese Kompetenzen anderer anzuerkennen und dankbar zu teilen. Der Schlüssel zu Anerkennung und dankbarer Teilhabe an den Begabungen anderer liegt im offenen Miteinander. Zum eigenen Glück muss keine evangelische Pfarrerin und kein evangelischer Pfarrer »Hochwürden« sein. Vielmehr dürfen sich evangelische Pfarrer einlassen auf den wechselseitigen und gleichberechtigten Austausch mit Gemeindegliedern, mit Mitarbeitenden, Kolleginnen und Kollegen. Nach evangelischem Verständnis bedeutet es für Pfarrerinnen und Pfarrer keine Zumutung, sondern eine Entlastung, andere Christen als ihnen grundsätzlich gleichgestellt wahr- und ernstnehmen zu können.

Neben der Gemeinde und ihren Aufgaben steht die private eigene Welt. Verwandtschafts- und Freundschaftsbeziehungen, die über den Beruf hinausgehen, erleichtern Pfarrerin und Pfarrer die Arbeit an den eigenen Zielen. Diese Beziehungen zu pflegen ist wichtig; trotz der vielen sozialen Kontakte im Beruf nicht asozial in der Gestaltung des privaten Lebens zu werden – das ist ein Ziel.

Zu klären sind von jeder und jedem in diesem Zusammenhang die persönlichen Ressourcen: Was tut mir gut? Bei welchen Tätigkeiten kann ich entspannen? Worauf freue ich mich? Je besser diese eigenen Ressourcen im Alltag entdeckt und gepflegt werden, je unkomplizierter sie zugänglich sind, desto leichter stehen sie in kritischen Zeiten, nach Stresssituationen, als Ausgleich und Entspannungsmöglichkeiten zu Verfügung.

Ein besonderer Schatz, sowohl zur Pflege der eigenen Ressourcen als auch für das Erreichen der eigenen Ziele, steht Pfarrerinnen und Pfarrern mit der theologischen Arbeit offen. Dieser Arbeit bewusst mit Zeit und mit Freude nachzugehen (z.B. in der Vorbereitung der Predigt, in der Gestaltung der Liturgie und auch in der Auseinandersetzung mit gesellschaftlich relevanten Themen) bedeutet, sich selbst immer wieder neu der eigenen Person und der eigenen Ziele zu vergewissern.

Eng damit verbunden ist die Entwicklung einer religiösen Praxis, die regelmäßig wahrgenommen wird. Dazu kann das tägliche Lesen der Herrnhuter Losung, das Tischgebet vor den Mahlzeiten, das Hören oder Singen von geistlicher Musik oder auch der Umgang mit theologischen Texten gehören. Nicht zu vernachlässigen ist die Pflege der gottesdienstlichen Gemeinschaft: Die Pfarrerin und der Pfarrer, die am Gottesdienst teilnehmen, der von anderen gestaltet wird, lernen nicht zuletzt, wie es sich anfühlt als Gemeindeglied einen Gottesdienst mitzufeiern. Wie von selbst führt diese Pflege religiöser Praxis zur Stärkung der Auskunftsfähigkeit in theologischen, ekklesiologischen und pastoralen Zusammenhängen.

Zur Effizienz des eigenen Handelns trägt auch die Fähigkeit bei, sich zu begeistern und von anderen begeistern zu lassen. Pfarrerinnen und Pfarrern eröffnet sich mit der Vielzahl ihrer Arbeitsbereiche eine Menge an Zielen, auf die sich ihre Begeisterung richten kann.

Weiter geht es im Pfarrdienst auch darum, ob ich bereit bin, das, was ich anderen sage, selbst zu hören und als Hilfe für das eigene Leben zu begreifen. Der Erfolg des seelsorgerlichen Handelns hängt nicht zuletzt davon ab, welche Erfahrungen mit Seelsorge ich selbst gemacht habe. In diesem Zusammenhang ist zu fragen, ob Pfarrerinnen und Pfarrer es zulassen und genießen können, Zuspruch und Unterstützung von anderen zu erfahren? Verhängnisvoll wäre es, wenn die eigene Profession dazu führte, dass die Fähigkeit zu empfangen und geschehen zu lassen auf der Strecke bliebe.

In der Arbeit im Pfarramt geht es um Menschen. Nehmen sie andere Menschen wahr und ernst, dann hören Pfarrerinnen und Pfarrer nicht auf zu lernen. Denn jede neue Begegnung, jede neue Aufgabe bietet ihnen die Chance, sich weiter zu entwickeln. Indem der Pfarrberuf so zur Offenheit, zum ­befreiten und befreienden Umgang mit anderen einlädt und befähigt, ist und bleibt er eine spannende und anspruchsvolle Herausforderung: sich selbst, der Welt und Gott ­gegenüber.


 

Über den Autor

Dekan Dr. Martin Fedler-Raupp, Jahrgang 1962, von 1994 bis 2013 Gemeindepfarrer in Haiger, Kelsterbach und Hochheim (Evang. Kirche in Hessen und Nassau); seit 2013 Dekan des Dekanats Kronberg, nebenberuflicher Lehrauftrag für Syst. Theologie an der Goethe-Universität Frankfurt/M.

Aus: Deutsches Pfarrerblatt - Heft: 6/2017

1 Kommentar zu diesem Artikel

Ein Kommentar von Michael Postzich / 20.06.2017
“Führungskräfte der Kirche” von Martin Fedler-Raupp DPfbl 6/2017 Kernfelder pastoralen Handelns sind “Seelsorge, Verkündigung und Unterricht” schreibt der Autor. Damit sind die Hauptaufgaben von Pfarrerinnen und Pfarrern ebenso wie die Tätigkeiten zutreffend beschrieben. Aber auch die Position. Menschen mit solchen Aufgaben sind Fachkräfte. Sie sind Fachkräfte ebenso wie Lehrerinnen und Lehrer und Ärzte. Leitungen und Führungen heißen in der Schule Rektorinnen und Rektoren bzw. Direktorinnen und Direktoren, und in den Kliniken sind das die Chefärztinnen und Chefärzte. Nicht das die keine fachlichen Aufgaben mehr hätten. Aber Sie werden auf Grund der leitenden Tätigkeit doch ihre fachlichen Tätigkeiten nur in reduziertem Maße wahrnehmen können. Lehrer leiten Schülerinnen und Schüler an. Ärzte behandeln und beraten Patienten. Wer will mag das Führung nennen. Dem Selbstverständnis der Lehrerinnen wie auch der Ärzte entspricht das aber nicht. Kaum jemand von ihnen wird sich als “Führungskraft” bezeichnen wollen, weil es ihnen bei weitem ausreicht, eine gute fachliche Arbeit zu machen und vor allem, weil sie realistisch genug sind, zu erkennen, dass ihnen niemand Leitung und Führung mit Verantwortung für Budget, Angebot und Personal übertragen hat. Eine kleine Ausnahme davon ist der niedergelassene Arzt, der natürlich auch in seiner Praxis Personal führen muss, die Budgets verantwortet und das Angebot gestaltet und entwickelt. Sie bzw. er ist in dieser Funktion ganz simpel selbständiger Unternehmer. Ich empfinde es zunehmend als Zumutung, wenn insbesondere Dekane und Professorinnen meinen, Pfarrerinnen und Pfarrern ein Führungsprofil zuordnen zu dürfen, ohne dass diesem Personenkreis von der Kirche - und deren Leitung - Steuerungsmöglichkeit und Verantwortung übertragen worden sind. Dass man sich dann auf Schleiermacher beruft macht die Sache nicht besser. Stattdessen ist es an der Zeit, Pfarrerinnen und Pfarrerinnen und Pfarrern für ihre ausgezeichnete fachliche Arbeit endlich die Anerkennung zukommen zu lassen, die sie verdienen, anstatt ihnen periodisch wiederkehrend hausgesponnene neue Identitäten zuzuschreiben. Pfarrer Dipl. Psych. Michael Postzich

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