Von Amos bis Oz

Von: Peter Haigis
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Selten war der Andrang am Stand des Pfarrverbands so groß wie dieses Jahr auf dem »Markt der Möglichkeiten« während des Deutschen Evangelischen Kirchentags in Berlin. So habe ich es jedenfalls während meiner »Standschichten« erlebt. Gewiss, auch dieses Mal gab es Gezeiten: Ebbe und Flut. Während der Großveranstaltung mit Barack Obama und Angela Merkel gleich am Donnerstagvormittag beispielsweise war es recht ruhig in den Messehallen. Wer sollte da auch Zeit für die Messe haben, wenn bereits mehr als die Hälfte der Kirchentagsbesucher sich vor dem Brandenburger Tor tummelte! Für den Einstand in Halle 2.2 im Bereich »Kirchliche Berufe und Ausbildung« war es freilich nicht schlecht, vom großen Ansturm erst einmal verschont zu bleiben. Der setzte dann um die Mittagszeit des ersten ganzen Veranstaltungstages noch früh genug ein.

Zahlreich waren die Begegnungen, bunt und unterschiedlich: Da schauten Kollegen und Kolleginnen vorbei, die einfach nur kurz »Guten Tag« sagen oder einen Bekannten treffen wollten. Es gab Gespräche mit Passanten über deren Sicht auf Pfarrer/Pfarrerinnen und Kirche (»Du siehst mich« – lautete das mehrdeutige Kirchentagsmotto. Und wie sehen Kirchentagsbesucher ihre Pfarrer; sehen sie sie überhaupt? – Ein spannender Gesprächseinstieg …). Mancher Kollege wollte sich über die Arbeit des Verbandes informieren, andere suchten einen Ort, um sich über ihre Frustrationen mit Kirchengemeinden oder Kirchenleitungen aussprechen zu können. Es ergaben sich Diskussionen zu theologischen Themen oder zu aktuellen politischen und gesellschaftlichen Sachfragen, zum Teil ausgelöst durch Veranstaltungen auf dem Kirchentag. Wir hatten ausländische Gäste aus anderen Kirchen in Asien oder Afrika am Stand, Kollegen und Kolleginnen aus Osteuropa und – besonders erfreulich – eine ganze Reihe von Gesprächen mit Theologiestudierenden oder Schülerinnen und Schülern, die sich für das Theologiestudium interessieren. Gefühlt mehr als in vergangenen Jahren!

Und der übrige Kirchentag? Da wird jeder und jede – wie immer – eine ganz subjektive Geschichte zu erzählen haben. Für mich war eines der ganz großen Highlights die Veranstaltung mit Amos Oz im Zentrum »Juden und Christen« im Konzertsaal der Universität der Künste; Thema: »Auf der Suche nach einer nicht antijüdische Christologie«. Basierend auf seinem Roman »Judas« rückte Oz die biblische Figur desjenigen Jüngers Jesu ins Licht, der gemeinhin als »Verräter« gilt. Oz rollte die schwer belastete Rezeptionsgeschichte der Judasfigur in Theologie, Literatur und Kunst auf, die ihre maßgeblichen, weil weichenstellenden Wertungen bereits auf der ersten Traditionsstufe, den biblischen Evangelien, erhält. Der Literat Oz dekonstruierte die Judasfigur in den Evangelien, deckte Widersprüche und Ungereimtheiten auf und versuchte, zu einem Kern jenes Charakters vorzudringen, der Judas – fernab des Verratsmotivs – als einen zutiefst messiasgläubigen Anhänger Jesu zu erkennen gibt.

Das ist im Ansatz nicht neu, in seiner konsequenten Fortführung bei Oz (sowohl in dessen Roman wie in seinem Vortrag in Berlin) jedoch ausgesprochen spannend und anschlussfähig für einen jüdisch-christlichen Dialog auf veränderter christologischer Grundlage. Dass Judas in seiner Erwartungshaltung ebenso enttäuscht wurde und scheiterte wie Jesus selbst (messianologisch gesehen sind beide literarische Zwillinge), treibt die Unerträglichkeit des Kreuzestodes Jesu auf die Spitze – hier wie dort, auf jüdischer wie auf christlicher Seite. Zugleich wird deutlich, dass nur ein Wunder Jesus als den Messias »retten« konnte. Und hier haben wir die Anschlussstelle, über die dann weiter theologisch verhandelt werden darf, denn Jesus ist zwar nicht, wie Amos Oz’ Judas hoffen mochte, in letzter Sekunde vom Kreuz herabgestiegen, um sich doch noch aller Welt als Messias zu erkennen zu geben, sondern er ist am dritten Tage auferstanden von den Toten und hat sich zuerst den Frauen, die ihm nachfolgten, gezeigt … Das mag nun in der einen Hinsicht ganz und gar unmessianisch sein, gemessen an bestimmten Kriterien für das, was man den »Gesalbten« nennen mag. Doch wo war die Geschichte Gottes mit seinen Menschen schon einmal singulär-linear konsequent und eindimensional berechenbar statt neu, überraschend, irritierend und verwandelnd?


Herzlich grüßt Sie Ihr

Peter Haigis.

Aus: Deutsches Pfarrerblatt - Heft: 6/2017

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