Die »Gotteslehre« von Matthias Haudel
Antworten auf die Herausforderungen des Glaubens und des Lebens

Von: Martin Bock
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Ein Buch, das tiefgreifend in die Grundlagen des Glaubens und dessen zentrale Gegenstände einführt und zugleich Perspektiven für den interdisziplinären Dialog eröffnet, hat Matthias Haudel vorgelegt: »Gotteslehre. Die Bedeutung der Trinitätslehre für Theologie, Kirche und Welt« (Göttingen 2015). Haudel, der als Professor für Systematische Theologie an der Evang.-Theol. Fakultät der Universität Münster wirkt, einen Lehrauftrag für Systematik an der Universität Bielefeld wahrnimmt und für den Bereich Ökumene der Evang. Kirche von Westfalen arbeitet (ACK, Catholica), legt mit seiner Gotteslehre eine tiefgreifende Einführung für Theologiestudierende »aller Konfessionen« (10), für Lehrende und für alle am Glauben Interessierte vor. Dabei knüpft er an Veröffentlichungen an, in denen er die Bedeutung dieses Themas für das Gottes- und Kirchenverständnis entfaltet und sehr einleuchtend auf ökumenische Zusammenhänge zwischen Trinitätslehre und Ekklesiologie hingewiesen hat (ausführlich in: Die Selbsterschließung des dreieinigen Gottes. Grundlage eines ökumenischen Offenbarungs-, Gottes- und Kirchenverständnisses, Göttingen 2006; im vorliegenden Werk in einem zusammenfassenden Kapitel, 273-285 – für seine Werke »Die Selbsterschließung des dreieinigen Gottes« und »Die Bibel und die Einheit der Kirchen« erhielt Haudel als erster Theologe zweimal den Theologie- und Ökumene-Preis der Kath. Fakultät Regensburg).


Ein Hostienteller als Titel- und als Sinnbild

Wer auf den Umschlag von Haudels Gotteslehre blickt, fühlt sich im Reformationsjahr 2017 an Luthers Pfingstlied und -kerygma erinnert: »Leer uns den vater kennen wol, dazu Jhesum Christ, seynen sonn, das wir des glaubens werden voll, dich, beyder geyst, zuverstan« dichtet Martin Luther 1524 in seinem Kirchenlied »Komm, Schöpfer, Heiliger Geist«, das den altkirchlichen Hymnus »Veni, creator spiritus« nicht nur in die deutsche Sprache überträgt, sondern ihn – wie alle seine Kirchenlieder – zu einem Exempel seiner erfahrungsbezogenen Theologie macht. Christliche Theologie folgt und dient der Schrittfolge des Kirchenjahres, in dem Menschen singend und nachdenkend dem Wort Gottes folgen und staunend wahrnehmen können, welche revolutionären Verwandlungen und neue Perspektiven für Mensch und Welt (!) sich aus Gottes eigenem Sein und Handeln erfahren lassen.

Haudel hat nun – nicht dichtend, sondern in visueller Weise – zur Unterstützung seines enzyklopädischen Anliegens einen Hostienteller aus dem belgischen Namur für die Titelseite ausgewählt, der die dynamische und differenzierte Einheit des christlichen Gottesbegriffs mit der Handlung des Abendmahls verbindet: Die Taube als Symbol des Heiligen Geistes berührt gleichermaßen den Mund des Vaters wie den Mund des Sohnes, dessen Kreuzesstamm der Vater in seinen Armen hält. »Somit bezeugt der vom Vater gehauchte Geist den eingeborenen Sohn als das Wort (griech. logos) Gottes, das Fleisch wurde und sich als der menschgewordene Logos bzw. Sohn Gottes für die Menschen am Kreuz hingibt.« (11) Im gläubigen Empfang von Brot und Wein erfahren Christen so, wie Gott sich selbst uns erschließt – was im christlichen Gottesdienst zu singen und zu sagen ist: In der abgründigen Liebe seines Sohnes erschließt Gott sich endgültig »als die vollkommene Gemeinschaft der Liebe. Als Schöpfer, Erlöser und Vollender möchte er den Menschen und der gesamten Schöpfung dauerhaft Anteil an seiner Liebe gewähren« (9).

In seinem neuen Lehrbuch geht es Haudel darum, in die christliche Gotteslehre in fundamentaltheologischer sowie in dogmatischer Hinsicht so einzuführen, dass sich »die Gegenstände der Theologie in ihrer Bedeutung für die Herausforderungen des Lebens verstehen« (10) lassen. Der Zusammenhang von Fundamentaltheologie und materialer Dogmatik ist Haudel besonders deshalb wichtig, da dieser Zusammenhang – wie etwa bei Karl Barth oder Wolfhart Pannenberg (18) – transparent werden lässt, warum und in welcher Weise sich die Trinitätslehre der Selbsterschließung Gottes als theologischem Gegenstand widmet: »Weil der Mensch weder sein Woher noch sein Wohin letztgültig in der Hand hat, stoßen menschliches Bewusstsein und menschliche Vernunft bei den Fragen nach einem letzten Sinn und Grund und so auch bei der Frage nach Gott an ihre Grenzen. Deshalb kann sich begründete und tragfähige Gotteserkenntnis nur einstellen, wenn sich Gott den Menschen selbst erschließt.« (16) So liest Haudel die biblischen Zeugnisse und die altkirchlichen Bekenntnisse als Paradigmen jener heilsgeschichtlich fundierten »Grammatik« (17, mit Verweis auf W. Kasper) des christlichen Glaubens, in der »sich Gott zu unterschiedlichsten Zeiten verschiedensten Menschen erfahrbar macht« (16), und zwar als Vater, Sohn und Heiliger Geist.


Grammatik des Glaubens

In zwölf Kapiteln, die, didaktisch klug, jeweils mit zusammenfassenden Thesen beginnen, entfaltet Haudel diese »Grammatik« nach einer Einführung (Gotteslehre als Basis für die Grundfragen des Lebens und für die Theologie) (I) im Blick auf ihre religionsphilosophischen Zusammenhänge (II), auf ihre Grundlegung im biblischen Zeugnis und in der Alten Kirche (III) sowie auf ihre Engführungen und Aktualisierungen von der Spätantike bis in die aktuellen systematisch-theologischen Entwürfe des 20. und 21. Jh. (IV-VII), wobei auch der Horizont der Religionskritik oder die Problematik der Gottesbewiese zur Sprache kommen. Dann erörtert er in einem eigenen Entwurf die integrale Kraft der Trinitätslehre in einer Weise, die den dreieinigen Gott »als die vollkommene Gemeinschaft der Liebe« (VIII) und »als Lebenshorizont« (IX) hervortreten lässt, auch im Blick auf die Gottebenbildlichkeit des Menschen. Anschließend wird das Wirklichkeitsverständnis des christlichen Glaubens anhand der drei Glaubensartikel (X) hinsichtlich der zentralen Themen der Theologie entfaltet. Besonders in diesem Kapitel expliziert Haudel die urteilsbildende Kraft der Gotteslehre für den ganzen Zusammenhang der Dogmatik, indem er die jeweiligen Artikel des Glaubensbekenntnisses etwa mit Überlegungen zum Zusammenhang von Theologie und Naturwissenschaft (1. Artikel), zur Theodizee-Frage, zum Opfer- und Sühneverständnis, zum Zusammenhang von Sünde und Freiheit oder von Ethik und Weltverantwortung (2. Artikel) sowie zur Ekklesiologie und Eschatologie (3. Artikel) verknüpft.


Im Dialog mit Philosophie und Naturwissenschaften

Besonders aufgrund des ausführlichen Abschnitts zu »Theologie und Naturwissenschaft«, der zur Erschließung von Konvergenzen von Glaubens- und Wirklichkeitserfahrung beitragen soll, löst Haudels Gotteslehre auch unter Philosophen und Naturwissenschaftlern großes Interesse aus. Dadurch angeregt hat etwa der bekannte Berliner Philosoph und Wissenschaftstheoretiker Holm Tetens aus philosophischer Sicht versucht, eine rationale Trinitätslehre zu entwickeln. Ebenfalls inspiriert durch Haudels Buch entwickelte der Münsteraner Mathematiker und Informatiker Bernd Eylert einen mathematischen Gottesbeweis. Auch wenn sich die Grundlagen christlicher Gotteserkenntnis anders darstellen, wie Haudel zeigt, wird durch solche Versuche von Philosophen und Naturwissenschaftlern der Dialog vorangetrieben. Haudels Band bietet deshalb nicht nur einen allgemein verständlichen Überblick über die wichtigsten Grundlagen und Fragen des Glaubens, sondern eröffnet auch Perspektiven für den interdisziplinären Dialog. Das gilt ebenso für die ökumenische Weite des Bandes und für die Anregungen zum interreligiösen Dialog. So bietet das Buch zugleich Hilfestellung für die vielfältigen lebensweltlichen Herausforderungen in der Praxis vor Ort.

Einen bemerkenswerten Abschluss des vorgelegten Entwurfs bildet das Kapitel »Die Trinitätslehre im Dialog mit anderen Religionen« (XII). Nach Haudel kann Gottes Selbsterschließung in ihrer biblischen Bezeugung und altkirchlichen Zusammenfassung dem Dialog mit dem Judentum und mit anderen Religionen nicht im Wege stehen – wenn es die christliche Theologie in der Gegenwart versteht, die trinitätstheologischen Engführungen und heilsgeschichtlichen Einseitigkeiten (287), die in ihrer Geschichte zu unheilvollen Dialogkonzepten geführt haben, zugunsten einer differenzierten heilsgeschichtlichen und doxologischen Gotteslehre hinter sich zu lassen: das »Verhältnis von Komplementarität und Differenz« (289) des christlichen Gottesbegriffs zu anderen Gotteserfahrungen, das gerade durch das trinitarische Gottesverständnis gegeben sei, lasse zu, in ein spannungsvolles und differenziertes (292) Gespräch zu anderen Gottes-Lehren und -Erzählungen zu treten.

Dass insbesondere der eschatologische Charakter der Gotteslehre christliche Theologie als interessant und herausfordernd für das ökumenische und das interreligiöse Gespräch erweisen kann, halte ich für eine kluge und weitsichtige Perspektive in Haudels Werk, die der wissenschaftlichen Gesprächsfähigkeit der Theologie und ihrer Ausstrahlung für die kirchliche Praxis nur gut tun kann: Entfaltet sich Theologie, wie Haudel es durchführt, dezidiert als Nacherzählung der Selbsterschließung des dreieinigen Gottes, als »Basistheorie« (G. Greshake) des christlichen Wirklichkeitsverständnisses, dann werden auch die impliziten Spannungen des christlichen Gottesbegriffs umso greifbarer: Christen erfahren den dreieinigen Gott als Integral der Liebe gerade so, dass beispielsweise die Theodizee-Frage in der Christusgeschichte, insbesondere im Geschehen von Kreuz und Auferstehung, erzählt – und auf diese Weise letzte Fragen nicht »beantwortet«, sondern Gottes Gegenwart und sein endgültiges Kommen spannungsvoll und im Vertrauen auf seine Treue erwartet werden, was differenzierte Antworten und Perspektiven eröffnet. In dieser Sprachform muss christlich-theologische Urteilsbildung nicht notwendig abgrenzenden Charakter besitzen, sondern sie verweist in ihrem Bekenntnis auf die (für alle) »neue Welt in der Bibel« (Karl Barth).

Angesichts einer Welt, die in der Gegenwart so greifbar und erfahrbar »aus den Fugen« ist, kann eine trinitarische Gotteslehre, wie sie Haudel vorgelegt hat, nicht nur ein in hohem Maße nützlicher theoretischer, sondern auch ein praktischer Beitrag sein, evangelische Theologie und Kirche wieder vom Innersten des Glaubens aus sprachfähiger für die Nöte und die Heilung der Schöpfung Gottes werden zu lassen. Ein für das Reformationsjubiläum 2017 kaum zu unterschätzender Beitrag! Aufgrund des großen Interesses, das Haudels Gotteslehre über die Theologie hinaus auch bei Philosophen und Naturwissenschaftlern hervorgerufen hat, soll das Buch, das bald in 2. Auflage erscheint, in den USA ins Englische übersetzt werden.


Literatur:

Matthias Haudel, Gotteslehre. Die Bedeutung der ­Trinitätslehre für Theologie, Kirche und Welt, Vandenhoeck & Ruprecht/UTB Göttingen 2015 (ISBN 978-3-8252-4292-3), 333 S., 19,99 €


Martin Bock

 

Aus: Deutsches Pfarrerblatt - Heft: 4/2017

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