Die Zeichen der Zeit

Von: Andreas Kahnt
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»Die Zeichen der Zeit stehen zwar nicht auf Sturm, aber sie zeigen mancherlei besorgniserregende Tendenzen auf, denen sich Pfarrerinnen und Pfarrer zunehmend ausgesetzt sehen und denen sie sich stellen müssen, um in ihrem Beruf zu bestehen« – so der Vorsitzende des Verbandes Evang. Pfarrerinnen und Pfarrer in Deutschland in seinem Vorstandbericht vor der Mitgliederversammlung in Travemünde am 26. September 2016. Der Bericht ist nachstehend auszugsweise dokumentiert.


Gesund im Pfarramt

Seit Anfang 2013 beschäftigen Verband, Vereine und Vertretungen das Thema »Pfarrer und Gesundheit«. Jahre zurück liegen auch die Umfragen nach der Zufriedenheit von Pfarrerinnen und Pfarrern in ihrem Beruf. Zufriedenheit und Gesundheit hängen zusammen. Die notwendigen Folgerungen sind hinlänglich bekannt. Im Deutschen Pfarrerblatt wurde das Thema aufbereitet. Zeichen der Zeit im Blick auf gesteigerte Anforderungen im Beruf, eine älter werdende Pfarrerschaft, auf längere Lebensarbeitszeit und heraufziehenden Pfarrermangel.

Einige Landeskirchen haben die Zeichen erkannt und sich der Thematik angenommen. So gibt es zum Beispiel in westfälischen Kirchenkreisen mit Stellenanteilen Beauftragte, die sich um die Gesundheit im Pfarramt kümmern. Ebenfalls in Westfalen wurde ein sogenanntes Terminstundenmodell entwickelt, das helfen soll, pfarramtliche Aufgaben in angemessenem Umfang in angemessener Zeit zu bewältigen. In der Pfalz wurde eine Steuerungsgruppe zur Einführung eines verpflichtenden Wiedereingliederungsmanagements eingerichtet. Außerdem gibt es dort eine Pfarrstelle mit dem Auftrag, die Barrierefreiheit zu fördern. In Bayern geht der Versuch, mit verbindlichen Dienstordnungen Zufriedenheit und Gesundheit im Beruf zu fördern, auf die Einsicht zurück, dass die Aufgaben im Pfarrberuf überschaubar und machbar sowie freie Zeit planbar sein müssen.

Gut, dass einige Kirchen die Zeichen der Zeit erkannt haben: Es muss damit vorbei sein, Pfarrerinnen und Pfarrern immer wieder und immer mehr Aufgaben aufzubürden und sie mit den Folgen allein zu lassen. Denn die bittere Erfahrung zeigt, dass Menschen, die jeden Morgen vor einer für sie unüberschaubaren Aufgabenfülle stehen, immer häufiger nicht wissen, womit sie beginnen sollen. Irgendwann fangen sie dann gar nicht mehr an. Wenn es aber soweit ist, ist es meist zu spät, um ohne Hilfe wieder Tritt zu fassen. Die Folgen für die Betroffenen sind bekannt, mitbetroffen sind die Familien. Es ist gut, dass es Häuser wie Respiratio und Inspiratio gibt. Dass es sie geben muss, zeugt allerdings von erheblichen Defiziten in der Fürsorge der Dienstgeber an den ihnen anvertrauten Menschen.

Anfang Juli letzten Jahres veranstaltete die Akademie der Versicherer im Raum der Kirchen (vrk) ein Symposium zum Thema »Pfarramt und Gesundheit«. Zielgruppe waren Leitende in Personalverantwortung der Landeskirchen. Wenn schon nicht vorher, so hätte das Signal, das von Loccum ausging, in allen Kirchen Initiativen auslösen müssen, sich ihrerseits des Themas anzunehmen. Stattdessen waren und sind es vor allem die Vereine und Vertretungen, die das Thema auf der Tagesordnung halten und sich bemühen, die Leitungsebene der Kirchen zu erreichen. Bezeichnend zudem, dass die Evangelische Fachstelle für Arbeits- und Gesundheitsschutz (EFAS), eine Einrichtung der EKD, sich neuerdings auf die Fahnen geschrieben hat, die allgemein gültigen Anforderungen an die Arbeitssicherheit auch auf Pfarrerinnen und Pfarrer anzuwenden. Warum sind Pfarrerinnen und Pfarrer bisher ausgeschlossen? In Leitungsfunktionen in ihren Gemeinden und Einrichtungen haben sie selbstverständlich für Sicherheit an den verschiedenen Arbeitsplätzen zu sorgen. Doch wer sorgt für sie?

Im Nachgang zu der Tagung in Loccum haben die Akademie der vrk, die EFAS und der Verband eine Arbeitsgruppe mit dem Ziel gebildet, ein Internet-Forum zur Pfarrergesundheit zu verwirklichen. Es soll aktuelle Informationen aus Verband, Vereinen, Vertretungen, Landeskirchen und Akademien zum Thema »Gesundheit im Pfarramt«, aber auch grundlegendes Material enthalten. Das Forum wird unter pfarrerverband.de erreichbar und somit für die Zielgruppe leicht zugänglich sein. Vielleicht nutzen es ja mit der Zeit auch die Kirchen, in denen die Gesundheit von Pfarrerinnen und Pfarrern noch kaum Beachtung findet, und werden auf diese Weise tätig.

Letztes Jahr in Loccum beeindruckten Vertreterinnen und Vertreter von Betrieben mit der Einsicht, dass die Gesundheit von Mitarbeitenden eine Leitungsaufgabe ist, die allen dient, also dem gesamten Betrieb. Diese Einsicht erwartet der Verband auch von den Kirchen. Pfarrerinnen und Pfarrer dürfen von umfänglichen Maßnahmen zum Arbeits- und Gesundheitsschutz nicht ausgenommen werden!


Unschätzbare Dienste für die Zivilgesellschaft

Die Notwendigkeit, die 5. Kirchenmitgliedschaftsuntersuchung als ein für unseren Berufsstand und damit für die gesamte Kirche besonderes Zeitzeichen erneut aufgreifen zu müssen, zeugt von der Brisanz und von der enormen Bedeutung der Ergebnisse dieser Untersuchung. Es kann hier nicht der Ort sein, die Ergebnisse noch einmal im Detail zu bewerten. Aber hingewiesen sei doch auf die deutliche Tendenz, in der die Protagonisten der Untersuchung zurückrudern. Spätestens nachdem Herbert Dieckmann, der Dienstrechtsberater des Hannoverschen Pfarrvereins nachgewiesen hat, dass die Befragung bewusst im eher städtischen Bereich durchgeführt wurde, obwohl die überwiegende Zahl der Evangelischen in kleinstädtischen und ländlichen Regionen lebt, kann kaum mehr behauptet werden, die Ortsgemeinde sei provinziell und eine zu vernachlässigende Größe, wie im Papier »Kirche der Freiheit« geschehen. Es muss nun auch dem Letzten klar sein, was evangelische Christinnen und Christen von ihrer Kirche erwarten, nämlich Ortsnähe und Pfarrerinnen und Pfarrer, die Zeit haben und nahe bei den Menschen sind. Das ist ein unüberhörbares Votum gegen die Verlagerung von Kirche auf die mittlere Ebene oder gar auf städtische Leuchtfeuer. Kirche soll da sein, wo die Menschen leben. Und nirgendwo sonst können Pfarrerinnen und Pfarrer den Themen und Bedürfnissen der Menschen näher sein und das Evangelium zeitgemäßer und situationsgemäßer verkündigen. Das tun sie gemeinsam mit den Funktionspfarrämtern in Schule, Krankenhaus oder Gefängnis, die Dienste gewährleisten, die die Ortsgemeinde aus eigener Kraft oft nicht leisten kann. Stellenstreichungen sind also der falsche Weg. Dringend nachzudenken ist hingegen über die »Reform der Reform«, wie Herbert Dieckmann sie in seiner Untersuchung anmahnt.

Stellenstreichungen sind auch deshalb der falsche Weg, weil sie die Ortsgemeinden entmündigen. Wichtig und notwendig ist in diesem Zusammenhang der Hinweis, dass Pfarrerinnen und Pfarrer es nie nur mit den eigenen Gemeindegliedern zu tun haben. Die Erwartungen an Kirche und Pfarrdienst werden weitgehend von allen Menschen vor Ort geteilt. Deshalb sind Gemeindegliederzahlen als Richtschnur für Bestand oder Nicht-Bestand einer Ortsgemeinde unzureichend. Das hat in eindrucksvoller Weise zuletzt die Herausforderung gezeigt, Schutzsuchende in Städten und Gemeinden willkommen zu heißen, sie unterzubringen und mit dem Nötigsten zu versorgen, Gemeindehäuser – zum Teil unter Zurückstellung des üblichen Programms – zu öffnen, Gespräche mit Behörden zu führen, in Konflikten zu vermitteln oder Konflikte auszuhalten – nicht selten mit dem eigenen Gemeindekirchenrat oder anderen Gemeindegliedern –, Treffpunkte für Einheimische und Fremde zu organisieren, Sprachkurse anzubieten, Kontakte mit Kindertagesstätten, Schulen und Firmen aufzunehmen, Teilnahme an Gottesdiensten und Taufbegehren seelsorglich wahrzunehmen und vieles mehr. Pfarrerinnen und Pfarrer leisten damit unschätzbare Dienste für die Zivilgesellschaft – weit über das hinaus, was von ihnen gemeinhin zu erwarten wäre und neben ihren ohnehin schon umfangreichen Aufgaben! Es ist ihre Ortsnähe, die sie in die Lage versetzt, auf aktuelle Herausforderungen angemessen und schnell zu reagieren. Pfarrerinnen und Pfarrer vor Ort haben stets alle Menschen im Blick, weil es um Gottes Willen kein Ansehen der Person gibt! Mit einem Abzug von Pfarrerinnen und Pfarrern aus der Fläche zugunsten von regionalen, eher städtischen Zentren kann Kirche nur verlieren, denn sie verliert die Nähe zu den Menschen und damit die Möglichkeit angemessener Verkündigung des Evangeliums in vielfältiger Form.


Entlastung von Pfarrerinnen und Pfarrern

Statt Stellenstreichung bedarf es also der Stärkung der Ortsgemeinde. Hinzukommen muss allerdings die Entlastung der Pfarrerinnen und Pfarrer von Aufgaben, die nicht unmittelbar der Verkündigung in Gottesdienst, Seelsorge, Unterricht und Gemeindeleitung dienen, damit genügend Freiraum für aktuelle Herausforderungen sowie für eigene theologische Fortbildung und Erholung entsteht. Die Diskussion um das Berufsbild Pfarrerin/Pfarrer hält an, die Ansätze sind aber teils so unterschiedlich, dass sie kaum miteinander verglichen werden können. Das liegt möglicherweise an den höchst unterschiedlichen Bedingungen in Ortsgemeinden, Werken und Einrichtungen mit ihren je eigenen Anforderungen an das Profil der Pfarrpersonen, die in ihnen tätig werden sollen. Entlastung wird also eher da zu erreichen sein, wo die Verantwortlichen vor Ort sich ihrer dauernden Aufgabe bewusst sind, den Pfarrdienst machbar und lebbar zu gestalten. Wo darüber Konflikte entstehen, bedarf es einer klaren Aussage zu Schutz und Fürsorge für Pfarrerinnen und Pfarrer durch Leitende. Besonders an dieser Stelle ist eine ausdrückliche Anerkennung des Dienstes hilfreich und entlastend. »Gutes von ihm reden und alles zum Besten kehren«, soll nicht heißen, dass Konflikte unter den Tisch gekehrt werden. Aber Konflikte dürfen auch nicht einseitig zu Lasten von Pfarrerinnen und Pfarrern »gelöst« werden!

Im Zusammenhang mit der Entlastung von Pfarrerinnen und Pfarrern wird regelmäßig die Verwaltung ins Spiel gebracht – und zwar zu Recht, denn der Aufwand an Verwaltung im Pfarramt hat unabhängig von Ort und Funktion kontinuierlich zugenommen. Das hängt nicht zuletzt mit ständig sich verändernden Regelungen im staatlichen und kirchlichen Bereich zusammen, die vor Ort zu beachten und umzusetzen sind. Es hängt aber auch damit zusammen, dass vor Ort die Stunden in Kirchenbüros zum Teil erheblich gekürzt worden sind, während sie in regionalen Ämtern ausgedehnt werden, ohne entsprechende Leistungen für Gemeinden und Einrichtungen zu erbringen. Wenn in der Verwaltung die Arbeit in der tariflich zur Verfügung stehenden Zeit nicht mehr leistbar ist, wird eine neue Stelle geschaffen. Wenn eine Pfarrperson ihre Aufgaben nicht mehr schafft, gibt es gewöhnlich keine Entlastung, »ein Pfarrer ist halt immer im Dienst«, und wenn in der Nachbarschaft eine Stelle gestrichen wird, ist ja nicht plötzlich die Arbeit dort weg, sondern irgendjemand muss diese Arbeit halt zusätzlich erledigen. Das Land Niedersachsen hat vor einiger Zeit eine Stunde Mehrarbeit für Gymnasiallehrerinnen und -lehrer verfügt. Die Maßnahme hat einer Klage vor Gericht nicht standgehalten. Die Mehrstunde wurde gekippt. Bei Pfarrerinnen und Pfarrern geht es nicht um eine Stunde Mehrarbeit, sondern sie bekommen eine Vakanz, einen Dienstauftrag, eine Pfarrstelle dazu, egal, ob sie bereits am Limit arbeiten oder schon darüber hinaus sind. Entlastung von Verwaltungsaufgaben, die genauso gut (!) woanders erledigt werden können, ist hilfreich, aber angesichts der angespannten Situation im Pfarrdienst allgemein längst nicht ausreichend, vor allem, wenn mit einer Verlagerung von Verwaltung die Selbständigkeit von Gemeinden und Einrichtungen verloren geht. Es darf nicht nur um die Verlagerung von Verwaltungsaufgaben gehen, sondern um einen Abbau von Verwaltung allgemein. Kosten sparen beim Pfarrdienst bei gleichzeitiger Vermehrung von Verwaltungsstellen kann nicht im Sinne der Kirche sein, deren Aufgabe doch allein darin besteht, den Dienst der Verkündigung des Evangeliums sicherzustellen. Hier gilt es, sichtbare Zeichen zu setzen!


Zehn Jahre Impulspapier »Kirche der Freiheit«

Zehn Jahre ist es inzwischen her, dass der Rat der Evangelischen Kirche in Deutschland das Papier »Kirche der Freiheit« veröffentlicht und damit einen »Reformprozess« in Gang gesetzt hat, der sich bis heute fortsetzt. Der Aufbruch war enorm, der Aufruhr und die Kritik waren es auch. Von Anfang an angezweifelt wurde die Analyse, die als Grundlage für die sogenannten »Leuchtfeuer« herangezogen wurde. Theologische Defizite und betriebswirtschaftliche Fehler wurden festgestellt. Finanzielle Erwägungen als Ursache für ein Papier, das organisatorische und geistliche Impulse für eine zukunftsfähige Kirche setzen wollte, wurden als demotivierend verworfen.

Insbesondere auf die im Papier geäußerten Thesen zum Pfarrdienst und zur Ortsgemeinde hat der Verband ausführlich und konstruktiv-kritisch reagiert. Die wesentlichen Punkte aus der Stellungnahme des Verbandes zum Impulspapier seien hier kurz in Erinnerung gerufen:

Der Verband begrüßt »das Anliegen des Rates der EKD, die vorgelegten Thesen in einem breiten Diskurs … zu behandeln«. Mit dieser Einleitung wurde deutlich gemacht, dass der Verband das Impulspapier als Diskussionsgrundlage und den »Reformprozess« als offenen Prozess verstand und nicht als Handlungsanweisung auf dem Weg nach 2030, der sich alle fortschrittlich Denkenden sicherlich gern anschließen würden.

Weiter heißt es in der Stellungnahme des Verbandes: »Wir begrüßen, dass im Impulspapier die Kernaufgaben (Gottesdienste und Kasualien) in den Mittelpunkt kirchlicher Aufmerksamkeit gerückt werden. Das entspricht dem Mehrheitswillen der Kirchenmitglieder (vgl. die verschiedenen Mitgliedschaftsuntersuchungen der EKD). Deshalb sollte das Qualitätsniveau gelingender pastoraler Arbeit gesichert werden durch qualifizierte Aus- und Fortbildung, überschaubare Pfarramtsbezirke, kollegiale Beratung und wertschätzende Anerkennung und Begleitung durch eine pastoral-kompetente Kirchenleitung«. Und weiter: »Wir begrüßen, dass verschiedene Beteiligungsformen neben der klassischen Ortsgemeinde wahrgenommen werden. Dies darf jedoch nicht auf Kosten der Menschen gehen, die hier ihre Heimat gefunden haben. Unterschiedliche Beteiligungsformen müssen aufeinander bezogen sein und dürfen nicht in Wettbewerb gegeneinander treten. Wir fürchten eine Milieuverengung bei einer deutlichen Zunahme der Profilgemeinden.« … Wir kritisieren »die Widersprüchlichkeit, einerseits volkskirchliche Beheimatung durch ‚kirchliche Kernvollzüge‘ anzustreben und andererseits die Orte dieser Kernvollzüge, die Parochialgemeinden, auf 50 Prozent zurückzudrängen«. Schon erstaunlich, dass es der 5. KMU bedurfte, um deutlich zu machen, was seit langem bekannt und bereits Teil der Analysen zum Impulspapier war!

In der Stellungnahme geht es dann weiter mit der Frage nach einer Qualitätssicherung der Arbeit, und sie mahnt sogleich Inhalte und Standards von Qualität an, die im Impulspapier kaum definiert sind. Der Verband setzt sich »nachdrücklich für die Qualitätssicherung der gesamten kirchlichen Mitarbeiterschaft (einschließlich der Kirchenleitungen!)« ein. Ob die Kompetenzzentren einen nachhaltigen Beitrag dazu leisten konnten und können, muss sich aber erst noch erweisen.

Schließlich widmet sich die Stellungnahme dem »oft in Frage gestellte(n) Schlüsselberuf der Pfarrerinnen und Pfarrer mit seiner klaren Leitungsaufgabe«, der im Impulspapier »für die kirchliche Zukunftsgestaltung vorbehaltlos anerkannt wird«. Dabei verwundert es den Verband, »wie negativ das EKD-Papier neben der auch angeführten Wertschätzung Pfarrerinnen und Pfarrer als desorientiert, unterqualifiziert, separatistisch und umstritten beschreibt.« Das sehr positive Bild der überwiegenden Mehrheit der Kirchenmitglieder von Pfarrerinnen und Pfarrern als »wesentliche(n) Garanten kirchlich-religiöser Sozialisation und anerkannte(n) Repräsentanten der Gemeinden« wird ausgeblendet. Entsprechend kritisch fragt der Verband, »warum das Impulspapier immer wieder den Anstieg der Zahl der Pfarrerinnen und Pfarrer in den letzten Jahrzehnten mit dem Rückgang der Kirchenmitgliederzahl in Zusammenhang« bringt. Außerdem werde in diesem Zusammenhang nicht »auf den starken Anstieg der Zahl der Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter hingewiesen«. Am Ende sieht der Verband »mit Sorge, dass die Bemühungen um den qualifizierten Nachwuchs für den Pfarrdienst nicht die notwendige Aufmerksamkeit gefunden haben«. Aus den Ausführungen zum Schlüsselberuf Pfarrerin/Pfarrer folgen für den Verband »die Notwendigkeit einer akademischen Ausbildung, die Besoldung nach den Grundsätzen des höheren Dienstes und der Erhalt einer möglichst hohen Pfarrstellenzahl bis 2030«.


Überfällige Kurskorrekturen

Warum wurden die Folgerungen aus der Stellungnahme des Verbandes insgesamt nicht gezogen? In den Diskussionen zum Pfarrdienstgesetz und zum Besoldungs- und Versorgungsgesetz der EKD hat der Verband sich zu vielen Themen zur Zukunft des Pfarrberufes geäußert und Defizite offen gelegt. Während der vergangenen Jahre hat der Verband sich im Rahmen der Fuldaer Runde intensiv mit der Situation des theologischen Nachwuchses an den Fakultäten und in der zweiten Ausbildungsphase beschäftigt. Im Deutschen Pfarrerblatt wurde ausführlich darüber berichtet. In den Zufriedenheitsbefragungen zum Pfarrdienst wurden die Defizite im Verhältnis von Pfarrerinnen und Pfarrern zu ihren Kirchenleitungen benannt: Gängelung statt Unterstützung, Hierarchie statt Dienstgemeinschaft, bei Anfragen oft und lange keine Antwort. Mit dem Erstarken der mittleren Ebene werden die Probleme lediglich verlagert, wenn nicht gar vermehrt. All das ist bekannt, hat aber dennoch nicht dazu geführt, das Ruder in den Kirchen umzulegen und den Kurs, wie er im Impulspapier vorgegeben war, zu korrigieren. Bereits am 28. Januar 2007 gab der Pfarrer und Unternehmensberater Dieter Becker in der »Sonntagszeitung« auf S. 6 zu bedenken: »Das Dokument konstatiert eklatante Mängel in der Kirche. Wenn aber der Kurs falsch ist, dann ist die Frage erlaubt, ob daran die Ruderer oder die Steuermänner schuld sind. Diejenigen, die sich aus der Führungsriege in dem Papier exponiert haben, disqualifizieren die Führungsriege selbst. Sie beschreiben ihre eigenen Fehler und werfen sie anderen auch noch vor«.

Und warum ist aus den Impulsen zur Stärkung pastoraler Arbeit kaum etwas geworden? Warum wird derzeit darüber diskutiert, ob die akademische Ausbildung von Pfarrerinnen und Pfarrern noch zielführend ist? Und wer denkt ernsthaft über überschaubare Pfarramtsbezirke nach? Die Impulse in der Stellungnahme des Verbandes wurden nicht zur Kenntnis genommen – vermutlich, weil längst vorbestimmt war, wohin die Reise der Kirchen in Deutschland gehen sollte. Innehalten, einen echten Diskurs suchen, das Steuer herumreißen, die »Mannschaft« mitnehmen: Das alles hätte Menschen guten Willens in den Kirchen manche Enttäuschung, manche Frustration, mache Kränkung, manche Erschöpfung erspart.

Das gilt insbesondere hinsichtlich des Mottos »Wachsen gegen den Trend«. Umso erfreulicher, dass Thies Gundlach im Interview der idea-Ausgabe vom 22. Juni 2016 einräumt, dass dieses Motto »im Rückblick gesehen ein Fehler« war: »(Es) hat sicher auch manche Mitarbeiter entmutigt – das muss ich fairerweise sagen.« Und Wolfgang Huber räumt in einer Sendung des Südwestrundfunks vom 26. Juni 2016 ein: »Ja, wir haben vergessen, dass wir bei der Lust an Zukunftsperspektiven noch stärker die Menschen dort abholen müssen, wo sie jetzt sind. … Dass die Art und Weise, in der wir diese Hoffnung auf Veränderungsprozesse eingebracht haben, mit einer Kritik am damals aktuellen Zustand verbunden war, die Pfarrerinnen und Pfarrer als kränkend und verletzend empfunden haben, das habe ich natürlich in diesen zehn Jahren seitdem auch besser verstanden. Und ich wünsch‘ mir seitdem Formen für einen solchen Reformprozess, die den Veränderungsbedarf so artikulieren, dass man ihm nicht ausweichen kann, aber trotzdem diese Beschreibung des Veränderungsbedarfs nicht als demotivierend, sondern als motivierend empfindet.«

Dennoch tut sich die EKD nach wie vor schwer, den Verband als Vertretung der Mitarbeitenden im Pfarrdienst in Strukturveränderungen zu hören und mit entsprechenden Beteiligungs- und Mitbestimmungsrechten auszustatten. Dabei gäbe es noch eine Menge von Themen aus dem Impulspapier, für deren Erörterung verbindliche Formen eines konstruktiven Miteinanders wünschenswert wären. Der Vorstoß des Verbandes zu einer verlässlichen Begegnungskultur mit der EKD hat indes noch nicht zu einem zufriedenstellenden Ergebnis geführt. Manches braucht halt seine Zeit.


Den Pfarrberuf zukunftsfähig machen

Aufgrund der erschreckenden Zahlen aus Fakultäten und Predigerseminaren, hat sich der Verband mit der Situation des theologischen Nachwuchses beschäftigt. Allen beschwichtigenden Äußerungen mancher Kirchenleitenden zum Trotz sind die Zahlen im Vergleich zu den bald anstehenden Pensionierungen in den Reihen der geburtenstarken Jahrgänge weiterhin mehr als besorgniserregend. Es reicht nicht, auf abnehmende Mitgliederzahlen zu schielen. Wie bereits oben erwähnt und durch die jüngste Umfrage zur Kirchenmitgliedschaft bestätigt, wird die Arbeit nicht in gleichem Maße abnehmen. Im Gegenteil: Zukünftige Generationen von Pfarrerinnen und Pfarrern werden in deutlich stärkerem Maße Zeichen setzen müssen und das Evangelium in einer Gesellschaft verkünden, die von ihren religiösen Traditionen zunehmend weniger weiß und deshalb einer differenzierten seelsorglichen und zugleich theologisch fundierten Ansprache auf die Frage nach Gott bedarf.

Nach Auskunft von Studienleitern und Professoren gibt es viele motivierte Studierende der Theologie. Gegen deren Motivation stehen Studienkataloge und -inhalte nicht zuletzt in Predigerseminaren und Prüfungsordnungen, die eher abschrecken als dazu einladen, den Pfarrdienst aufzunehmen. Zudem weiß niemand, wie viele der Studierenden am Ende tatsächlich Pfarrerin oder Pfarrer werden oder doch lieber – zum Beispiel – ins Lehramt gehen.

Diskutiert werden inzwischen wieder verstärkt alternative Zugänge zum Pfarrberuf. Das Marburger Modell bietet eine solche Möglichkeit ebenso wie die Pfarrverwalterausbildung in Neuendettelsau. Auch in der Schweiz werden seit einiger Zeit Erfahrungen mit Menschen gesammelt, die nach vielen Jahren in einem anderen Beruf sich motivieren lassen, gezielt aufs Pfarramt hin Theologie studieren. Modelle dieser Art reagieren auf den heraufziehenden Pfarrermangel. Insofern sind sie gut und richtig und knüpfen an Erfahrungen der 1970er und 1980er Jahre an. Sie dürfen aber nicht die übliche und für eine verantwortungsvolle Verkündigung notwendige akademische Ausbildung von Theologinnen und Theologen aushöhlen, geschweige denn ersetzen. Reformbedarf in den Ausbildungsphasen kann nicht bedeuten, das wissenschaftlich fundierte Studium zu verwässern. Das Studium der Theologie ist ein Wert an sich. Es darf in seiner Gestaltung nicht für kirchliche Zwecke instrumentalisiert werden. Die Kirchen werden einer Entwertung des Amtes der Verkündigung vernünftigerweise nicht das Wort reden und nicht darauf verzichten, von ihren Pfarrerinnen und Pfarrern ein wissenschaftlich-theologisches Studium zu erwarten, denn sie sind einer sachkundigen Verkündigung verpflichtet.

Dem gegenüber muss allerdings ein Berufsbild stehen, dass dem Verkündigungsauftrag entspricht. Dabei wird sorgfältig darauf zu achten sein, dass die Interessen, Erwartungen, Fragen und Sorgen der nachkommenden Generationen wahrgenommen und mit den Bedingungen im Pfarrberuf sorgsam in Beziehung gesetzt werden. Zu diesen Bedingungen gehören nicht zuletzt eine gesunde work-life-Balance inklusive der Vereinbarkeit von Beruf und Familie bei Berufstätigkeit beider Lebenspartner, überschaubare Dienstbereiche, die Weiterentwicklung des Berufsbildes im Blick auf längere Lebensarbeitszeit, angemessene Besoldung und Versorgung sowie spürbar und verlässlich Schutz und Fürsorge durch die Verantwortlichen in den Kirchen gegenüber unangemessenen, überzogenen Erwartungen oder Anfeindungen von Dritten. Die Rahmenbedingungen für den Beruf sind so zu gestalten, dass junge Menschen – bewusst und fundiert als Theologen – gern Pfarrerinnen und Pfarrer werden, begeistert ihren Dienst tun, die Zeichen der Zeit erkennen und selber Zeichen setzen – und damit ihrerseits ausstrahlen auf nachkommende Generationen.


Dienstrechtliche Herausforderungen beherrschen die Tagesordnungen

In den Gremien des Verbandes haben wir es längst wahrgenommen und ein Blick in die Tagesordnungen der Mitgliederversammlungen der Vereine bestätigt es: Die dienstrechtlichen Herausforderungen beherrschen die Tagesordnungen. Referate in den Vereinen behandeln häufiger standesrechtliche als theologische Themen – ein auffälliges Zeichen der Zeit, über das sich lohnt, nachzudenken.

Im Berichtszeitraum hat sich der Verband mit einer Gesetzesvorlage der EKD beschäftigt und gemäß § 107 des Pfarrdienstgesetzes der EKD eine mit der Konferenz der Pfarrervertretungen abgestimmte Stellungnahme abgegeben. Im Folgenden sollen die wichtigsten Inhalte und die Haltung des Verbandes dazu wiedergegeben werden.

Ablehnend steht der Verband Regelungen gegenüber, die eine elektronische Führung von Personalakten vorsehen. Personalakten sind ein äußerst sensibler Bereich. Bereits die herkömmliche Personalaktenführung stellt eine besondere Herausforderung für die Kirchenämter dar. Elektronische Aktenführung erhöht den Bedarf an einen äußerst sorgsamen Umgang mit den Daten. Aus Sicht des Verbandes kommt eine Automatisierung – zusätzlich zur herkömmlichen Führung – lediglich für die Teilakten infrage, die für den Austausch mit anderen Stellen, zum Beispiel der Beihilfestelle, nötig sind. Um Pfarrerinnen und Pfarrern Einsicht in die Grundakte zu gewährleisten, soll diese weiterhin stets herkömmlich geführt werden. Andernfalls benötigen Akten führende Stellen spezielle Rechner, an denen Akteneinsicht ermöglicht wird, sowie personalintensive Begleitung der technischen Voraussetzungen. Besonderer Bedarf an Personal und damit Finanzkraft dürfte außerdem die fehlerfreie Beobachtung des Verzeichnisses aller Teilakten in der Grundakte verursachen. Automatisierung ist zudem anfälliger für versehentliche Löschung von Daten und erleichtert Manipulationen.

Ebenfalls abgelehnt hat der Verband das Vorhaben, zukünftig anonyme Schreiben in die Personalakte aufzunehmen. Dies stellt eine gravierende Änderung dar! Aus gutem Grund wurden solche Schreiben bisher nicht aufgenommen. Wenn es dem Gesetzgeber, wie in der Begründung zu dieser Änderung vermerkt, um »ein besonderes Schutzbedürfnis« des Pfarrers/der Pfarrerin geht, gehören anonym vorgebrachte Vorwürfe niemals in die Personalakte. Andernfalls kann der Eindruck entstehen, es ginge nicht um Opferschutz, sondern um Täterermittlung. Dafür sind aber anonyme Äußerungen keinesfalls heranzuziehen, sondern in jedem Falle »Ross und Reiter« zu nennen.

Kritisch sieht der Verband auch Änderungen im Nebentätigkeitsrecht sowohl im aktiven Dienst wie im Ruhestand. Hier scheint aus wenigen Einzelfällen, in denen Nebentätigkeiten zu Interessenkollisionen zwischen diesen Tätigkeiten und dem kirchlichen Dienst geführt haben, die Notwendigkeit zu Verschärfungen abgeleitet worden zu sein. Es kann der Eindruck entstehen, es ginge hier eher um Interessenkontrolle. Der Verband gibt zu bedenken, dass – insbesondere bei Teildienst – grundsätzlich eine Tätigkeit gestattet sein muss, um volle Erwerbstätigkeit und auskömmliches Einkommen zu gewährleisten.

Äußerst kritisch sieht der Verband die vorgeschlagene Einführung einer Interessenvertretung für ins Ausland entsandte Pfarrerinnen und Pfarrer. Auch die Entsandten brauchen eine ordentliche und unabhängige Pfarrervertretung. Eine reine Interessenvertretung unterliegt großen Zufälligkeiten und gewährleistet keine dauerhafte Vertretung aller mit dem Pfarrdienst verbundenen Belange. Der Dienst der Entsandten beruht meist auf mit Kirchen oder Gemeinden geschlossenen Verträgen, die nicht verlässlich mit dem Pfarrdienstgesetz in Einklang stehen. Die Regeln, nach denen entsandt wird, bestimmt ein EKD-Gesetz, Entsandte bleiben unter Aufsicht ihrer Gliedkirche und der EKD, ihr Dienst jedoch wird durch die Auslandsgemeinden bestimmt und vertraglich geregelt. Diese Situation verhindert klare Zuständigkeiten im Falle von Problemen im Dienst im Ausland und beim Übergang in ein Dienstverhältnis im Heimatland. Der Verband fordert deshalb eine Vertretung der Belange der Entsandten im Rahmen der Verbandsgremien, hier vor allem der Konferenz der Pfarrervertretungen. Dadurch wird die Unabhängigkeit der Vertretung gewahrt, Kontinuität der Ansprechbarkeit gewährleistet und geschwisterlicher Kontakt zu Vertreterinnen und Vertretern der beurlaubenden Kirchen ermöglicht.


Bessere Vereinbarkeit von Familie und Beruf

Ausdrücklich begrüßt der Verband die vorgeschlagenen Regelungen zur besseren Vereinbarkeit von Familie, Pflege und Beruf, also zu Beurlaubung und Teildienst aus familiären Gründen, wie zum Beispiel die Pflege naher Angehöriger.

Die Vorlagen zum Änderungsgesetz wurden ausführlich in der Dienstrechtlichen Kommission der EKD vorgestellt und diskutiert. Darüber hinaus hat sich die Kommission mit Regelungen zum Erholungsurlaub in den Gliedkirchen befasst, die in den letzten Monaten auch die Konferenz der Pfarrervertretungen beschäftigt haben. Der Verband machte dabei darauf aufmerksam, dass viele Pfarrerinnen und Pfarrer ihren Jahresurlaub aus dienstlichen Gründen nicht in vollem Umfang nehmen können, und dass auch der freie Tag pro Woche sehr häufig dienstlichen Belangen zum Opfer fällt. Der Verband fordert vergleichbare Regelungen in den Kirchen mit verlässlicher Ermöglichung von Urlaub, freien Tagen, freien Wochenenden, Freizeitausgleich nach mehrtägigen dienstlich motivierten Veranstaltungen oder Sonderdiensten sowie Unterstützung bei Vertretungsregelungen. Letzteres gilt insbesondere bei Teildienst. Der Verband erinnert die Kirchen daran, dass die Gewährleistung eines geordneten Dienstes eine Leitungsaufgabe ist. Schutz und Fürsorge sind hier besonders gefordert; das Thema ist einzuordnen in Maßnahmen zum Gesundheitsschutz. Ziel müssen verlässliche Regelungen sein, in deren Rahmen Pfarrerinnen und Pfarrer ihrer dienstlichen Pflicht zu Erholung nachkommen und sie weitgehend selbst organisieren können.

Im laufenden und im nächsten Jahr wird der Verband das Thema »Zwangsteildienst« in die Dienstrechtliche Kommission einbringen. Hintergrund sind gesetzliche Regelungen oder ohne Rechtsgrundlage ausgeübter moralischer Druck in den Kirchen, mit denen Berufsanfängerinnen und Berufsanfänger und vor allem Ehepaare in Zeiten hoher Bewerberzahlen nur im Teildienst übernommen wurden. Die Betroffenen haben erhebliche Nachteile im Ruhestand zu erwarten, wobei die Hauptlast bei den Frauen liegt, die zusätzlich zum Teildienst aufgrund von Kindererziehungszeiten häufig weniger Dienstjahre aufweisen. Wer den Betroffenen heute vorwirft, sie hätten freiwillig dem Teildienst zugestimmt, verkennt die Verantwortung, die damals hinsichtlich der Dienstgemeinschaft und der finanziellen Ressourcen von ihnen übernommen wurde. Der Verband fordert die Kirchen angesichts der guten Finanzlage auf, unbürokratisch für Anpassungen bei der Versorgung der betroffenen Pfarrerinnen und Pfarrer zu sorgen. Es sei an dieser Stelle noch einmal daran erinnert, dass im Gegensatz zu den ursprünglich in Erwägung gezogenen Maßnahmen bei den Gehältern aller im kirchlichen Dienst Beschäftigten am Ende nur die Pfarrgehälter gekürzt wurden.

Ein weiteres Thema, dass der Verband in die Dienstrechtliche Kommission einbringen wird, betrifft den Dienst über die Altersgrenze hinaus. Viele Kirchen ermöglichen einen solchen Dienst inzwischen, wenngleich mit unterschiedlichen Regelungen. Mit dieser Maßnahme erhalten die Kirchen die Möglichkeit, den heraufziehenden Mangel an Pfarrerinnen und Pfarrern etwas abzufedern und Strukturveränderungen maßvoller zu gestalten. Pfarrerinnen und Pfarrer hingegen können ihre Kompetenzen weiterhin einbringen, begonnene Projekte abschließen oder Übergänge in Veränderungsprozessen mittragen. Zudem gewinnen sie Zeit, den eigenen Ruhestand vorzubereiten, in der Ausbildung befindliche Kinder zu unterstützen oder für die Versorgung nötige Dienstjahre zu erreichen. Der Dienst über die Altersgrenze hinaus stellt also eine echte Chance dar – sie sollte nicht vergeben werden, indem der Dienst nach Gutdünken oder persönlicher Sympathie genehmigt wird.


Pfarrdienst in »Gestaltungsräumen«?

Mit Sorge beobachtet der Verband Tendenzen in einigen Kirchen zur Stärkung der mittleren Ebene und zur Organisation des Pfarrdienstes in Gestaltungsräumen. Solche Tendenzen gehen zu einem guten Teil auf Kosten der Selbständigkeit der Gemeinden. Pfarrerwahl durch Gemeinden findet nicht mehr statt. Pfarrer und Gemeinde sind nicht mehr aneinander gewiesen. Das Pfarramt wird marginalisiert, die Gemeinden werden entmündigt. Ursprünglich zum Pfarramt gehörende Kennzeichen wie die Unabhängigkeit der Verkündigung, Residenzpflicht und Unversetzbarkeit werden aufgegeben. Entscheidungskompetenzen werden verlagert, wenn Kirchenkreise Anstellungsträger von Pfarrerinnen und Pfarrern werden. Die mittlere Ebene entscheidet über Zahl und Besetzung von Pfarrstellen. Kostspielige Verwaltungen werden aufgebaut – mit Geld, das vor Ort fehlt.

Mit solchen Tendenzen wird Verantwortung von den Landeskirchenämtern auf die mittlere Ebene verlagert – auch Personalverantwortung. Die Haltung der Pfarrerschaft in den verschiedenen Kirchen dazu ist unterschiedlich. Probleme werden damit nicht gelöst. Denn wem nützen Gestaltungsräume, wenn ihnen in absehbarer Zeit das Personal ausgeht? Dann wird unter der Hand der Gestaltungsraum zur »Gemeinde« einer Pfarrerin oder eines Pfarrers. Der eigentlich gute Gedanke, dass in solchen Räumen Pfarrerinnen und Pfarrer eher gabenorientiert arbeiten können, wird damit bald hinfällig. Dem Wunsch vor allem jüngerer Pfarrerinnen und Pfarrer, den Dienst ihren Neigungen entsprechend zu gestalten, kann auf diese Weise ebenfalls nicht begegnet werden. Zudem besteht die Gefahr, dass sich unter der Hand ein Arbeitnehmer-Arbeitgeber-Verhältnis entwickelt, weil das Gegenüber der Gemeinden und die Autonomie im Amt fehlen. Welche Rolle in diesem Zusammenhang die Vereinbarungen in Dienstordnungen spielen, wird noch zu untersuchen sein. In den Gemeinden macht sich indes hier und da Resignation breit oder Menschen verlassen ihre Kirche, unterstützen zugleich aber tatkräftig ihre Gemeinde, in der sie sich zu Hause fühlen und deren Pfarrerin oder Pfarrer sie kennen und schätzen.

Wohin auch immer die Reise geht: Es darf nicht dahin kommen, dass die Veränderungen, die der Berufstätigkeit von Pfarrerinnen und Pfarrern zugemutet werden – und die nicht von ihnen zu verantworten sind –, am Ende auf deren Rücken ausgetragen werden. Und es ist auch nicht Aufgabe von Pfarrerinnen und Pfarrern, ihre Gemeinden auf einen Veränderungskurs einzustimmen, den die Gemeinden nicht wollen.


125 Jahre Verband

Am Reformationstag 1892 wurde in Wittenberg der Verband der Pfarrervereine gegründet. Damit wurden vor fast 125 Jahren die Zeichen der Zeit für eine starke und deutschlandweite Interessenvertretung der Pfarrerschaft erkannt und zielstrebig verfolgt. Der Verband nimmt auch heute die Zeichen der Zeit wahr und setzt sich für die Belange unseres Berufsstandes ein. Dies umso mehr, als die Zeiten vielleicht nicht auf Sturm stehen, der Ton aber rauer wird und sich mancherlei besorgniserregende Tendenzen zeigen, denen sich Pfarrerinnen und Pfarrer zunehmend ausgesetzt sehen, denen sie begegnen und denen sie sich stellen müssen, um in ihrem Beruf zu bestehen.


Aus: Deutsches Pfarrerblatt - Heft: 11/2016

1 Kommentar zu diesem Artikel

20.12.2016
Ein Kommentar von erhard Graf


Gesund im Pfarramt ist leider gar nicht gewollt. Der ideale Pfarrer/Pastor quält sich bis zum letzten Tag seiner Pensionierung durch den Gemeindealltag und geht danach schnell zu seinen Väter. Nur bösartige Kollegen, die durch lange Pensionszahlungen ihren Dienstherren schädigen wollen halten sich selbst lange gesundheitlich fit. Vertrödeln dabei Ihre Arbeitszeit mit Sport. Laufen, schwimmen, fahren Rad, gehen wandern, pilgern, machen Yoga und vieles andere mehr. Alles arbeitszeitfressende Dinge. Wer dafür Zeit hat muss einfach mehr Aufgaben bekommen. Oder nicht? In der modernen Arbeitswelt gehört heute der gesunde Ausgleich durch Entlastung, Entspannung und Sport selbstverständlich dazu. Unternehmen die kein eigenes Fitnessstudio oder Programm vorhalten kooperieren mit entsprechenden Anbietern. Wenn der Dienstherr Kirche wirklich daran interessiert wäre, das seine Mitarbeiter lange gesund zur Verfügung stehen würde es ähnlich Angebote geben. Oder es gäbe wenigstens die Kostenübernahme von entsprechenden Kursen oder den Monatsbeitrag in einem Studio oder Verein. Dazu müsste es in jedem Kirchenkreis jemanden geben der dafür sorgt das Gemeindepfarrer wirklich ein dienstfreier Tag, einen predigtfreien Sonntag im Monat und ihren Jahresurlaub konsequent, weil gesundheitsfördernd bekommen. Gesund im Pfarramt wäre möglich aber wer will das schon? Außer den Betroffenen vielleicht. Stattdessen werden regelmäßig die Beihilfesätze so angepasst das Gesundheit immer teurer wird. Die Kirchengesetzte sind in allen Landeskirchen so gestaltet, das einmal aus der Gemeinde für wichtige Aufgaben freigestellt nie wieder eine Rückkehr nötig ist. Die Pfarrbesoldung ist ein Kirchengesetz. Es gibt keinen biblischen Beleg darüber, wer in welchen Aufgabenbereich wie viel Gehalt bekommen soll. Namen und Titel sind bekanntlich Schall und Rauch. Allein die Arbeit vor Ort in der Gemeinde trägt und prägt die Kirche. Das habe alle Untersuchungen und Befragungen auch für den letzten Zweifler mehrfach ergeben. Deshalb sollten die Gemeindepfarrer die höchsten Gehälter bekommen. Sonderpfarrämter und Leitungsämter entsprechend weniger. Vielleicht würde das den Anreiz erhöhen wieder in eine Gemeinde zu wechseln. Gemeindearbeit, das soll zumindest bei einigen Kollegen einstmals das Ziel vor dem Theologiestudium gewesen sein. Selbstverständlich sind Leitungsämter auf allen Ebenen notwendig, aber warum sollen die deutlich besser besoldet und dazu mit dem Bonus der freien Wohnungswahl und Ruhestandszulagen vergoldet werden? Doch wir wissen, im 500. Jahr des Reformationsjubiläum erst recht, Veränderungen kommen nicht von oben. Von oben wird immer mit allen rechtlichen und unredlichen Mitteln abgewehrt. Deshalb ist es nicht verwunderlich das die Pfarrvereine oder der Pfarrertag mit all seinen Stimmen nicht gehört werden. Die Reformation hat von unten stattgefunden. Dabei ging es dem überzeugten Christen Luther nicht um die Verbesserung seiner persönlichen Situation, sondern um die Kirche Jesus Christi. Wie hieß es noch bei Luther: Allein durch die Schrift, Allein durch den Glauben, Allein Christus und Allein durch die Gnade. So soll es doch bitte für immer bleiben. Alles andere würde nur krank machen.

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