Religionssoziologische Beobachtungen und vier Vorschläge (Teil II)
Was wird aus der Kirche?

Von: Detlef Pollack
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Dass die Verbundenheit mit der Kirche in Deutschland stetig zurückgeht, wird von Statistiken seit Jahren klar belegt. Doch was sind die Gründe für diesen Prozess – und wie ist er zu deuten? In den 60er und 70er Jahren hat vor allem das Säkularisierungstheorem die ­religionssoziologische Deutungshoheit besessen. Detlef Pollack präsentiert in seinem dreiteiligen Beitrag Daten und Fakten kirchlichen ­Lebens in Deutschland, diskutiert ihre Interpretationen und kommt hieraus zu konkreten Orientierungen für das kirchliche Handeln.1


3.2. Religiöse Praxis

Der Kirchgang gilt als eine Variable, die über die Religiosität eines Menschen wenig aussagt (Luckmann 1991; Davie 2002; Hervieu-Léger 2004; Knoblauch 1999: 94; 2009). Wie eine genaue Prüfung der Empirie zeigt, ist der Gottesdienstbesuch jedoch ein erstaunlich guter Indikator für die ausgeübte religiöse Praxis und die individuelle Reli­giosität. Er steht mit vielen anderen religiösen Praktiken, etwa der Teilnahme an Evangelisationen, an theologischen Seminaren, an Bibel-, Frauen-, Mütter- oder Seniorenkreisen, an kirchenmusikalischen und anderen kirchlichen Veranstaltungen (Kirchenamt der EKD 2003: 23), aber auch mit religiösen Einstellungen und Überzeugungen in einem engen positiven Zusammenhang.



Gottesdienstbesuch

Wie Tab. 3 und 4 zeigen, waren die Jahre zwischen 1950 und 1965 noch durch einen hohen Gottesdienstbesuch auf nahezu gleichbleibendem Niveau gekennzeichnet. Nach den Selbstaussagen der Befragten stieg der Anteil der regelmäßigen Gottesdienstbesucher sowohl in der katholischen als auch in der evangelischen Kirche zwischen 1952 und 1963 sogar leicht an (Tab. 3). Den statistischen Erhebungen zufolge, die allerdings nur für die katholische Kirche vorliegen, verringerte er sich von 1950 bis 1965 moderat (Tab. 4). Für das Dezennium von 1965 bis 1975 aber müssen wir von einem Einbruch des Gottesdienstbesuches sprechen. In den Jahren nach dem Umbruch der End-60er und der beginnenden 70er Jahre senkte sich die Gottesdienstbesucherrate zwar weiter ab, allerdings in einem geringeren Tempo. In den 1980er Jahren lassen sich bei den Rückgangstendenzen sowohl in der evangelischen als auch in der katholischen Kirche leicht retardierende Momente bemerken (vgl. Tab. 3). Interessant ist, dass bei den Katholiken erst in den 1980er Jahren die Selbstaussagen und die kirchlichen Zählungen stark auseinandergehen.2

Man könnte dieses Auseinandertreten von Selbsteinschätzung und Zählung als Vorauslaufen der kirchlichen Praxis gegenüber dem kirchlichen Selbstverständnis der Kirchenmitglieder lesen. Insgesamt sind die Verluste allerdings auch nach 1975 beachtlich. Sie erfassen die katholische Kirche stärker als die evangelische und sind überproportional hoch in der jungen Generation. Lag der Gottesdienstbesuch der 16-29-Jährigen in der ersten Hälfte der 1960er Jahre sowohl in der evangelischen als auch in der katholischen Kirche noch fast im Durchschnitt, so macht er heute in beiden Kirchen weniger als ein Zehntel des Anteils der Gottesdienstbesucher unter den über 60-Jährigen aus (Tab. 3). Der Kirchgang wird also auch in Zukunft weiter fallen, und dieser Rückgang dürfte sich zukünftig wohl sogar noch beschleunigen.



Auf dem Land ist der Gottesdienstbesuch höher als in der Stadt. Bildung übt einen positiven Einfluss auf den Gottesdienstbesuch aus. Unter Personen mit Hochschulreife ist der Anteil der Gottesdienstbesucher höher als bei denen ohne Hochschulreife. Außerdem ist es von Bedeutung, ob und wie viele Kinder man hat. Wer von den Evangelischen vier Kinder hat, weist eine 50-prozentige Chance auf, den Gottesdienst mindestens einmal im Monat zu besuchen, wer drei Kinder hat, eine 30-prozentige, wer kein Kind hat, aber nur eine 17-prozentige (Pollack/Rosta 2015: 122). Die familiäre Situation erweist sich also als einflussreicher Faktor der kirchlichen Bindung.

Wie bedeutsam die Familie für die Beteiligung am kirchlichen Leben ist, zeigt sich auch darin, dass von denen, die zumindest gelegentlich mit anderen zum Gottesdienst gehen, die meisten der eigenen Familie angehören. 94% von ihnen sagen, dass sie mit dem (Ehe-)Partner in den Gottesdienst gehen; mit der Familie gehen 64%, mit Freunden und Bekannten aber nur 36%, mit Nachbarn 21% und mit Arbeitskollegen sogar nur 6% (KMU V).

Wer als Evangelischer in einer Gegend wohnt, in der überwiegend Evangelische wohnen, neigt stärker zum Gottesdienstbesuch als der, bei dem das nicht der Fall ist (KMU V). Und für die katholische Kirche gilt ebenfalls, dass der Kirchgang in Gegenden, in denen Katholiken die Mehrheit stellen, über dem Niveau von Regionen liegt, in denen Katholiken in der Minderheit sind (Arbeitshilfen 2007: 23). Die vom Marktmodell unterstellte Mobilisierungskraft religiös pluraler Situationen lässt sich mithin auch hinsichtlich des Gottesdienstbesuchs nicht nachweisen.



Anderweitige Präsenz bei kirchlichen Angeboten

Gefragt danach, ob sich evangelische Kirchenmitglieder abgesehen vom Gottesdienstbesuch am kirchlichen Leben beteiligen, antwortet etwa ein Viertel mit Ja (KMU V). Drei Viertel nehmen unabhängig vom Gottesdienst an keiner einzigen kirchlichen Veranstaltung teil, seien es kirchliche Konzerte, Seminare, Vorträge, Frauen- oder Seniorenkreise oder Meditationsabende, und engagieren sich auch sonst nicht in der Kirchgemeinde. Von ihnen geht zwar immerhin knapp ein Fünftel zumindest monatlich einmal in den Gottesdienst. Von denen, die sich an mindestens einer außergottesdienstlichen Aktivität der Kirche beteiligen, sind es hingegen vier Fünftel, die mindestens einmal im Monat den Gottesdienst besuchen; von denen, die sich an zumindest drei kirchlichen Aktivitäten beteiligen, sogar mehr als 90%. Bei denen, die weniger als einmal im Monat im Gottesdienst zu finden sind, macht der Anteil der anderweitig kirchlich Engagierten gerade einmal 5% aus. Von ihnen besuchen nicht mehr als 2% kirchliche Konzerte und andere kulturelle Veranstaltungen in der Kirche und nur 0,9% Vorträge und Seminare. Und von denen, die den Gottesdienst nie besuchen, nimmt nach den Erhebungen der KMU V auch niemand an anderen Formen des kirchlichen Lebens teil.

Das heißt, der Gottesdienst ist nicht nur theologisch, sondern auch kirchensoziologisch die zentrale kirchliche Veranstaltung, die die Kirchenmitglieder zu binden vermag, sofern sie sich überhaupt auf die Kirche einlassen. Andere kirchliche Aktivitätsformen spielen kaum eine selbstständige Rolle. Die oft zu hörende Behauptung, dass es unabhängig vom Gottesdienst eine Vielfalt unterschiedlicher kirchlicher Engagementformen gibt, die darüber hinaus vielleicht sogar in der Lage sind, unterschiedliche Typen von Kirchenmitgliedschaftsverhältnissen zu begründen – ein altruistisch-solidarisches Christentum, ein Bildungschristentum, ein Kulturchristentum, ein projektbezogenes Christentum – steht in Konflikt mit den empirischen Befunden. Zwar beteiligen sich nicht wenige an anderen kirchlichen Aktivitäten. Aber in der Regel tun sie das als Teil der Gottesdienstgemeinde.

Obschon die Beteiligung am kirchlichen Leben im Großen und Ganzen rückläufig ist, hat sie sich in wenigen Bereichen erhöht. So ist der Weihnachtsgottesdienst in den letzten vier Jahrzehnten nicht gefallen, sondern angestiegen und hält sich seit Jahren in etwa auf dem gleichen Stand, in Westdeutschland bei etwa 30% der evangelischen Kirchenmitglieder und in den östlichen Gliedkirchen bei etwa 50% (Evangelische Kirche in Deutschland 2011: 15). Die hohen Besucherzahlen zu den Weihnachtsgottesdiensten weisen wiederum auf die besondere Bedeutung der Familie für die Bereitschaft zur Inanspruchnahme kirchlicher Angebote hin, denn zu den Christvespern und Metten am Heiligen Abend geht man nicht allein, sondern im Kreis seiner nächsten Angehörigen.



Kasualien

Die Dimension der religiösen Praxis umfasst auch den ganzen Bereich der sog. Kasualien. Auch wenn sich die Kirchenmitglieder in der evangelischen und katholischen Kirche mehrheitlich nicht intensiv am kirchlichen Leben beteiligen, so sind die kirchlichen Rituale wie Taufe oder Beerdigung doch stark nachgefragt. Etwa 90% der Kinder, von denen mindestens ein Elternteil evangelisch oder katholisch ist, werden in Westdeutschland getauft (Evangelische Kirche in Deutschland 2009: 6; Arbeitshilfen 2007: 12). Die Bestattungsrate beträgt bei den Katholiken über 90%, bei den Evangelischen 85% (Arbeitshilfen 2007: 17; Evangelische Kirche in Deutschland 2011: 17).

Der Grund, warum die Menschen nicht stärker am kirchlichen Leben teilnehmen, liegt nicht so sehr darin, dass sie an der Kirche sehr viel stört, dass sie sie ablehnen und kritisieren. Vielmehr ist ihnen das Engagement in der Kirche nicht so wichtig. In der Zeit des Gottesdienstes gibt es Dinge zu tun, auf die es ihnen mehr ankommt: Ausschlafen, Zeitung lesen, der Besuch von Freunden, ein Ausflug mit der Familie, die Erledigung liegen gebliebener Arbeit. Unter allen Gründen, warum die Menschen nicht zur Kirche gehen, ist der, dass sie den Gottesdienst für ihren Glauben als unwichtig einschätzen, der wichtigste, gefolgt von dem, dass sie am Wochenende ausspannen wollen (Huber u.a. 2006: 455). Offenbar gehören beide Motive zusammen. Man hält den Gottesdienst für den eigenen Glauben für entbehrlich und hat anderes, das man als wichtiger einschätzt, zu tun. Demgegenüber ist es nur eine Minderheit, die sich durch die Predigt, den Gesang der Kirchenlieder oder die Atmosphäre, die in der Gemeinde herrscht, davon abgehalten fühlt, am Gottesdienst teilzunehmen.



3.3. Religiöse Überzeugungen und Erfahrungen

Nicht nur die Kirchenbindung, sondern auch der Glaube an Gott ist seit Jahrzehnten rückläufig. 1949 gaben noch knapp 90% der deutschen Bevölkerung an, an Gott zu glauben, 78% ohne Vorbehalte und weitere 10% nach eigenen, nicht kirchlich-dogmatischen Vorstellungen (Pollack/Rosta 2015: 132). Zwanzig Jahre später, 1968, stellten die Gottesgläubigen noch immer mehr als 80% der westdeutschen Bevölkerung. Inzwischen hat sich der Anteil der Gottesgläubigen auf einen Wert deutlich unter der Marke von 70% eingependelt (ebd.).

Wie diese Befragungsergebnisse deutlich machen, kann weder von einer Unabhängigkeit des individuellen Gottesglaubens von der Kirchenzugehörigkeit (»believing without belonging« – Grace Davie) noch gar von einer Wiederkehr der Götter (Friedrich Wilhelm Graf) die Rede sein. Im Gegenteil: Wie die Beteiligung am kirchlichen Leben und die Kirchenmitgliedschaft schwächt sich auch der Glaube an Gott ab, allerdings in einem geringeren Tempo.

Doch nicht nur die Verbreitung des Gottesglaubens ist zurückgegangen; mit dem Rückgang hat sich auch eine Veränderung der dominanten Form des Gottesglaubens vollzogen. Immer mehr Menschen glauben nicht mehr an einen persönlichen Gott, sondern an eine höhere Macht oder ein höheres geistiges Wesen. In Westdeutschland glauben inzwischen sogar mehr an ein höheres Wesen als an einen persönlichen Gott (Allbus 2012: Variable 185). Damit liegen die Westdeutschen im Trend, denn auch in den meisten anderen westeuropäischen Ländern verschiebt sich das Gottesbild von einer konkret-personalen hin zu einer abstrakt-apersonalen Vorstellung. Im Osten Deutschlands macht der Anteil der Gottesgläubigen nur 28% (Allbus 2012) beziehungsweise 26% (EVS 2008) aus. Und auch dort bevorzugen die wenigen, die überhaupt noch an Gott glauben, die Vorstellung eines unpersönlichen höheren Wesens gegenüber der Idee eines persönlichen Gottes.

Aber hat sich gegenläufig dazu nicht der Anteil derer erhöht, die esoterische, magische und okkultistische Vorstellungen bejahen? In der Studie »Church and Religion in an Enlarged Europe« (C&R 2006) gaben 25% der Westdeutschen an, sie würden zumindest etwas daran glauben, dass Amulette, Steine oder Kristalle hilfreich sein könnten (Pollack/Rosta 2015: 142), 12% erklärten, sie würden an die Wirksamkeit von Magie, Spiritualismus und Okkultismus glauben, und 18%, sie würden an Astrologie und Horoskope glauben. Im ISSP (2008) belief sich der Glaube an die Reinkarnation auf 28% und der ans Nirwana auf 12%.

Trotz des in den Massenmedien vielfach behaupteten Esoterik-Booms, liegt der Glaube an diese Vorstellungen und Praktiken weit unter der Akzeptanz des Glaubens an Gott. Während den Daten des Religionsmonitors 2012 zufolge 47% der Westdeutschen fest und weitere 13% ziemlich fest daran glauben, dass Gott oder etwas Göttliches existiert, und noch einmal 13% moderat von seiner Existenz überzeugt sind, macht der Anteil der streng Glaubenden im Falle von Magie, Spiritualismus, Okkultismus und Nirwana 3% aus und der der moderat Glaubenden 9%. Zwar haben über die Hälfte der Westdeutschen schon einmal religiös-alternative Praktiken ausprobiert. Aber die meisten halten nicht viel davon. Ein Anteil von 10-25% glaubt ein wenig an die Wirksamkeit bestimmter religiös-alternativer Praktiken. Die Gruppe der fest überzeugten Esoteriker indes überschreitet nicht die Zehn-Prozent-Marke und liegt wohl eher bei 5% als bei 10% (Pollack/Rosta 2015: 139-142). Als Ideengut und als Ressource praktischen Verhaltens wirkt die Esoterik weit in die Gesellschaft hinein, aber Akzeptanz finden esoterische Vorstellungen und Praktiken nur bei einer Minderheit.


(Teil III und Schluss im nächsten Heft)


Anmerkungen:

1 Die Referenzliste für die verwendete Literatur findet sich am Ende des ersten Teils in DPfBl 7/2016, 378f.

2 Wahrscheinlich verhält sich dies bei den Evangelischen ähnlich; freilich fehlen uns hier verlässliche Vergleichszahlen für die 1950er und 1960er Jahre.

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Über die Autorin / den Autor:

Prof. Dr. Detlef Pollack, Jahrgang 1955, Theologiestudium in Leipzig, 1984 Promotion über Luhmanns Religionstheorie, 1994 Habilitation an der soziologischen Fakultät der Universität Bielefeld, seit 2008 Professor für Religionssoziologie an der Universität ­Münster.

Aus: Deutsches Pfarrerblatt - Heft: 8/2016

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