Biblische Herausforderungen zum Umgang mit Fremden
»Gott hat den Fremdling lieb«

Von: Dietrich Heyde
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Der Zustrom der Flüchtlinge aus den Krisengebieten der Erde nach Europa ist ein Thema, das Kirche und Gesellschaft stark bewegt und herausfordert. Was ist aus theologischer Sicht dazu zu sagen? Wie gehen wir um mit Fremden und Flüchtlingen? Ausgehend von biblischen Grundgedanken entwickelt Dietrich Heyde Überlegungen zu einer weltumspannenden Ökumene der Menschen und der Religionen.1


In der öffentlichen Diskussion heißt es, die Menschen, die zu uns kommen, müssten sich ändern. Ohne Bereitschaft, sich den hiesigen Verhältnissen anzupassen, ginge es nicht. Nicht zu Unrecht wird gefordert, dass keine Parallel-Gesellschaften entstehen dürften. Begreifen wir die Flüchtlingsfrage jedoch als biblische Herausforderung, dann ist die erste Frage nicht, worin Andere sich zu ändern haben, sondern: Was ist uns aufgetragen? Wo haben wir uns zu ändern, um dem gewachsen zu sein, womit wir es heute zu tun haben und was morgen, wie ich meine, noch verschärft auf uns zukommt – eine Flüchtlingswelle größten Ausmaßes und globale Revolution der Armen?

Nun kann man darauf hinweisen, dass es Vertreibungen und Fluchtwellen immer schon in der Geschichte gegeben hat. Denken wir an die Vertreibung der Juden aus Spanien im ausgehenden Mittelalter oder an die Vertreibung der Hugenotten aus Frankreich. Doch waren alle früheren Vertreibungen, soweit ich sehe, regional begrenzt. Demgegenüber hat die Fluchtwelle, die wir jetzt erleben, globalen Charakter und nicht mehr primär religiöse, sondern politisch-soziale Ursachen. Und sie ist anscheinend erst der Anfang. Fliehen Menschen jetzt vor Bomben, Terror, Gewalt und Bürgerkrieg, werden wir es in absehbarer Zeit nach Einschätzung von Fachleuten darüber hinaus mit Klimaflüchtlingen zu tun bekommen, weil auf der südlichen Halbkugel der Erde aufgrund der Klimaveränderung die Dürreperioden und Missernten zunehmen. Das größte Hindernis für den Frieden in der Welt aber sind die Hungernden und Millionen Menschen, die unter der Armutsgrenze leben. Die Kluft zwischen Arm und Reich wird immer größer. Sie wächst regional und global und birgt weltweit ein schwer einzuschätzendes Gewaltpotential. Davon hat schon der 1999 gestorbene brasilianische Bischof Helder Camara gesprochen, der eine Revolution der Armen in naher Zukunft prophezeite und darum für eine Kirche von unten plädierte, für eine Kirche, die an der Seite der Armen steht und vor allem auch selbst danach lebt – eingedenk des Wortes Jesu in der Feldrede nach Lukas: Selig seid ihr Armen; denn das Reich Gottes ist euer. Selig seid ihr, die ihr jetzt hungert; denn ihr sollt satt werden. (Lk. 6,20f)


1. Eine weltumspannende Menschheitsfamilie

Die Flüchtlinge, die aus anderen Ländern und Kulturen den Weg nach Europa suchen, stellen uns biblisch vor die Frage, ob wir Menschen und Völker, so verschieden wir sind, uns als zusammengehörig, ja, als eine einzige große weltumspannende Familie verstehen können. Wir müssen uns von der Bibel fragen lassen und prüfen, ob uns nicht das Bewusstsein der schöpfungsgemäßen Einheit aller Menschen verloren gegangen ist. Wir haben in unserem Land mehrheitlich (noch) so etwas wie eine Willkommens-Kultur. Doch wie ist sie begründet? Wo hat sie ihre Wurzeln? Wissen wir noch darum? Eben das will der biblische Schöpfungsbericht vermitteln, der eine deutliche, klare Sprache spricht.

Gott schuf den Menschen, heißt es. Er schuf ihn als Mann und Frau. Das hebräische Wort für »Mensch« heißt »Adam«. Nach biblischem Verständnis ist der Mensch von Gott beseelte Erde. »Erde« heißt hebräisch »adama«. Wer also »Mensch/adam« sagt, hört »adama/Erde« mit. Es ist bezeichnend, dass »Land« hebräisch »eretz« heißt. »Land Israel« ist also nicht »adama Jisrael«, sondern »Eretz Jisrael«.

Die Unterscheidung von »adama« und »eretz« ist bedeutsam. Mögen die Länder unterschiedlich sein und sich voneinander abgrenzen. Nicht so die Erde/adama. Das hebräische Wort »adama« weist uns darauf hin, dass die Erde nicht teilbar ist. »Die Erde ist des Herrn«, heißt es (Ps. 24,1). Sie gehört Gott. Sie ist Gottes Eigentum und ist den Menschen als Seine Schöpfung nur geliehen, nur auf Zeit anvertraut. Wir tragen wohl Verantwortung für sie und müssen vor Gott, dem Eigentümer der Erde, einmal Rechenschaft ablegen, wie wir mit seiner (Leih-) Gabe umgegangen sind. Aber sie gehört dem Menschen nicht.


2. Eine Erde für alle Menschen

Diese Sicht hat Konsequenzen für das Verständnis von Mensch und Erde: »Adama/Erde« darf nicht zerstückelt werden, nicht mit ihren Bodenschätzen in Besitztümer aufgeteilt werden. Vom Schöpfungsgedanken her geht es nicht an, dass einige wenige an sich reißen und ausbeuten, was allen gehört. Das verbietet der biblische Schöpfungsbericht. »Die Erde ist des Herrn und was darinnen ist …«, bekennt der Psalmbeter pointiert und fährt fort: »… der Erdkreis und die darauf wohnen.«

Damit wird deutlich: Wie Adama/Erde eine Einheit, ein untrennbar Ganzes ist, so auch die Menschen, alle Menschen. Der einzelne Mensch ist untrennbar mit der Gesamtheit verbunden. So gesehen gehören die Menschen aller Kontinente zusammen. Wir sind füreinander verantwortlich. Der einzelne Mensch ist keine Insel, sondern ein Stück des Kontinents, ein Teil des Ganzen. Wir sind Adam/adama. Jede Abschottung anderen Menschen gegenüber verbietet sich deshalb. Es ist so, wie es in alter rabbinischer Tradition heißt: »Wer einen einzelnen Menschen rettet, rettet die Menschheit«.


3. Gott – ein Liebhaber der Vielfalt

Eine weitere Konsequenz aus dem Schöpfungsbericht betrifft den Umgang von Mensch zu Mensch: Wenn Gott als Schöpfer aller Menschen (ohne Ausnahme) verstanden wird, dann dürfen wir genetisch unterschiedlich sein und aussehen und von verschiedenen Kulturen und Religionen geprägt sein. Gott ist ein Liebhaber der Vielfalt. Das zeigt die gesamte Schöpfung. Die Vielfalt in der Natur ist Ausdruck der Schönheit Gottes.

Gleichwohl sind die Menschen, so verschieden sie sind, eine Einheit – eine versöhnte Verschiedenheit. Wer das erkannt hat, kann unmöglich ein Rassist sein und die Überlegenheit einer »Rasse« behaupten. Jeder Einzelne für sich und alle zusammen sind Gottes Lieblingspflanzung. Darum darf sich kein Mensch über den anderen erheben. Der Sünde der Überlegenheit, die herrscht, wo Menschen aufgrund ihrer Hautfarbe oder Andersheit diskriminiert werden, ist entschlossen zu widerstehen. Rassenkrawalle sind nichts anderes als der Ausdruck weißen Hochmuts. Wer einmal erkannt hat und glaubt, dass die Schöpfung ein Wort aus Gottes Mund ist, wie die Schrift sagt, wird sich als Mensch nicht überlegen oder besser dünken als Andere und sie aufgrund ihrer Religion, ihres Geschlechts oder ihrer sexuellen Orientierung geringer achten.

Ein dunkles Kapitel europäischer Geschichte ist im 19. und beginnenden 20. Jh. der europäische Kolonialismus. Er ist Ausdruck weißen Hochmuts, mit dem Machtstreben und Expansion, Unterdrückung und Ausbeutung, Mord und Vernichtung einhergegangen sind. Könnte es nicht sein, dass wir es heute (und in Zukunft noch intensiver) mit den Folgen der verfehlten Politik Europas von damals zu tun haben? Möglicherweise geht in unseren Tagen nur die Saat auf, die vormals auf anderen Kontinenten, vor allem in Afrika, gesät wurde. Vielleicht kommt nur Vergangenes wie ein Bumerang auf die einstigen Kolonialmächte Europas zurück. Es ist hier nicht der Ort, das näher ausführen, aber fragen und prüfen sollten wir das.

Die biblischen Propheten haben Ereignisse der Gegenwart nicht zuerst als Gefahr oder Bedrohung bedacht, wie es heute in der Regel geschieht, sondern als Schuld. Vergangenes Unrecht und vergangene Schuld, von der wir meinen, sie seien unter der Zeitdecke verschwunden und erledigt, sind aber bei Gott unvergessen. Können wir ausschließen, dass Gott, der nach biblischem Zeugnis Gedächtnis ist, von uns Menschen Vergessenes oder Verdrängtes wieder heraufholt und das heutige Europa auf den Prüfstand stellt?

Ich erinnere mich an ein Gespräch in Israel mit Rabbinern, in dem einer von ihnen zu unser aller Überraschung erklärte, ob nicht die heutigen Probleme, die Israel mit den Palästinensern und den Muslimen insgesamt habe, in dem Fehlverhalten Abrahams Hagar und ihrem/seinem Sohn Ismael gegenüber begründet sind. (1. Mos. 16) Das mag uns weit hergeholt vorkommen. Aber wenn für Gott tausend Jahre nur wie ein Tag sind, wie es in der Schrift heißt, wir also einen Gott haben, für den alles Vergangene ewige Gegenwart ist, dann ist dieser Gedanke alles andere abwegig. Vor Gott ist nichts vergessen und niemand vergessen.

Faktum ist, dass die Kolonialmächte Europas vor allem den Völkern indigener Herkunft Achtung und Respekt schuldig geblieben sind und ihre fremd anmutende Kultur abschätzig beurteilt haben. Der biblische Schöpfungsbericht war und ist bis heute eine Herausforderung, wenn er feststellt, dass vor Gott, dem Schöpfer, alle Menschen gleich zu achten sind und dieselbe Würde haben. Es gibt biblisch gesehen keine Alternative zur Willkommens-Kultur. Flüchtlinge, so anders sie sind, müssen uns willkommen sein. Wenn Menschen und Völker einvernehmlich leben und überleben wollen, können sie sich Individualismus und Egoismus auf persönlicher und nationaler Ebene nicht leisten.


4. Die Angst vor Überfremdung

Nun gibt es angesichts der vielen Flüchtlinge, die nach Europa bzw. nach Deutschland kommen, Ängste und Sorgen in der Bevölkerung. Nicht nur Ängste und Sorgen, wie alles organisatorisch zu schaffen ist und wie die Integration gelingen kann. Es gibt darüber hinaus noch eine Angst, die tiefer reicht und nicht leicht zu fassen ist – die Angst vor Überfremdung, genauer: die Angst vor dem Fremden als dem ganz Anderen. Der Auftrieb, den eine Partei, wie die »Alternative für Deutschland« (AfD) bei den letzten Wahlen hatte, ist ja so etwas wie ein Ventil dieser Ängste und Sorgen. Die müssen ernst genommen werden, gewiss. Aber was steckt dahinter? Wie gehen wir mit der Angst vor dem Fremden um? Drei Aspekte sind zu nennen, die im Grunde alle zusammengehören – (1) ein allgemein menschlicher, (2) ein psychologischer und (3) ein biblisch-theologischer Aspekt.


4.1 Jeder ist anderswo fremd

Zunächst der allgemein menschlichen Aspekt: Man weist gern darauf hin, dass jeder Mensch woanders auf dieser Erde, also dort, wo er nicht zu Hause ist, auch ein Fremder ist. Und so könnte man ganz schlicht sagen: Verhalte dich in deinem Land Fremden und Flüchtlingen gegenüber so, wie du selbst woanders auf- und angenommen werden möchtest. Was du willst, dass man dir tue, das bleibe auch Fremden und Flüchtlingen nicht schuldig. Übe Gastfreundschaft! Es kann dann sogar geschehen, wie die biblische Geschichte von Abraham erzählt (1. Mos. 18), dass du heimlich Engel beherbergst. Biblisch ausgedrückt: Liebe deinen Nächsten wie dich selbst. Er ist wie du!


4.2 Der Fremde ist ein Teil von dir

Der psychologische Aspekt der Angst vor dem Fremden weist auf etwas anderes hin. Er versucht zu verdeutlichen, dass das Fremde, vor dem einer sich fürchtet, in Wahrheit ein Teil von ihm selbst ist. Zu dieser Einsicht zu kommen, scheint aber nicht so einfach. Vorurteile und Fremdenhass ließen z.B. jüngst den schwarzen Pfarrer Olivier Ndjimbi-Tshiende von seiner Pfarrstelle in Zorneding bei München zurückgetreten. Der aus dem Kongo stammende Geistliche, der die deutsche Staatsbürgerschaft besitzt, hatte der CSU-Ortsvereinsvorsitzenden widersprochen, die gegen Flüchtlinge hetzte. Als der Pfarrer sich dagegen stellte und zu Toleranz und menschenwürdigem Umgang mit Flüchtlingen aufrief, kamen anonyme Beleidigungen und Drohungen gegen den Geistlichen. Der Fall »Zorneding« sei kein Einzelfall, hieß es. Die »Süddeutsche Zeitung« titelte: »Dunkeldeutschland«. Olivier Ndjimbi-Tshiende hatte schon zuvor in Deutschland die Erfahrung gemacht, dass Rassismus verdeckt und ganz alltäglich sein kann. Als Student wurde er in einem Restaurant in München nicht bedient und musste nach einer Stunde Warten das Lokal verlassen. In der Pfarrei Buch aus Erlenbach bei Landshut, seiner ersten Seelsorgestation in Bayern, sagte ein Mitarbeiter: »Unter einem Neger arbeite ich nicht.« Und ein junges Ehepaar wollte sein Kind nicht von einem schwarzen Pfarrer taufen lassen.

Solcher Entgleisung und Diskriminierung ist mit Appellen nicht beizukommen. Der psychologische Aspekt der Angst vor Fremden hat tiefere Wurzeln. Zunächst ist festzustellen, dass Vorurteile und Fremdenhass ihren Grund nicht im Anderen haben, wie man gern vorgibt. Sie sind kein Problem des Gehassten, sondern des Hassers. Verkannt wird, dass das Fremde, die Andersheit des Anderen, ein Teil von mir selbst ist. Jeder andere Mensch ist ein Stück von mir, so wahr er wie ich Teil der Menschheit sind. Wo ich den Fremden mit Vorurteilen und Hass belege, da stelle ich mich fremd und verleugne das Andere und Fremde in mir. Ich lebe im Grunde im Zwiespalt mit mir selbst, wenn ich den Fremden in seiner Andersheit nicht annehme, wie er ist. Gott, der Schöpfer, will mich ermutigen, nicht nur den Anderen, auch mich selbst so anzunehmen, wie ich bin, damit ich das Fremde, den Anderen in mir nicht länger verleugne oder verdränge. »Eine ewige Satzung soll es sein«, heißt es in der Tora, »dass vor dem Herrn der Fremdling sei wie ihr«. (4. Mos. 15,16)


4.3 Notwendiges Erinnern

Damit bin ich beim biblisch-theologischen Aspekt der Angst vor dem Fremden. Ich beginne mit einem weiteren Zitat aus der Tora: »Ihr sollt den Fremdling lieben«, heißt es da. Und dann folgt eine überraschende Begründung. Es heißt: »Denn ihr seid auch Fremdlinge gewesen in Ägyptenland.« (5. Mos. 10,19) In diesem Schriftwort lässt Gott uns wissen, dass wir Menschen uns erinnern sollen. In Yad Vaschem, der Gedenkstätte an die Opfer des Holocaust in Jerusalem, findet sich am Eingang ein Wort, das lautet: »Das Vergessenwollen verlängert das Exil. Das Geheimnis der Erlösung heißt Erinnerung.« Sich zu erinnern, ist unerhört wichtig und unverzichtbar, ja, ein Akt von geradezu heilsgeschichtlicher Bedeutung.

Woran aber sollen wir uns hier erinnern? In einem Wort gesagt: an eine Befreiungsbewegung! Es wird erzählt, Gott habe das Schreien seines Volkes gehört und sein Elend gesehen. Er hat seine Leiden erkannt und ist herniedergefahren, es aus der Hand der Ägypter zu erretten und in ein Land zu führen, in dem Milch und Honig fließt. Und Mose, Prophet und Mann Gottes, war ausersehen, das geschundene, geknechtete Volk Israel aus dem Sklavenhaus Ägypten herauszuführen.

Das bedeutet mit anderen Worten: Wem Befreiung zuteil geworden ist, der darf nicht meinen und so tun, als gingen ihn die Menschen, die irgendwo auf dieser Erde unter einem Pharao und Gewalttäter leiden, nichts an. Der Pharao der Geschichte hat viele Gesichter. Mögen Zeit und Umstände sich wandeln. Das Tun von Machtbesessenen und Unterdrückern hat immer dasselbe Muster. Ihm folgen Zerstörung, Tränen, Blut und Tod. Einem Europa, das befreit wurde und seit über siebzig Jahren (weitgehend) Frieden haben durfte, obliegt es nicht nur, Gewalttätern in den Arm zu fallen. Es steht zugleich in einer untrennbaren Beziehung und Solidarität mit Flüchtlingen und Fremden. Sich zu erinnern, ist kein Selbstzweck. »Nur jenes Erinnern ist fruchtbar«, sagt der Philosoph Ernst Bloch, »das uns zugleich an das erinnert, was (noch) zu tun ist«. Das ist der Sinn des Wortes Gottes: Ihr sollt die Fremdlinge lieben, denn ihr seid auch Fremdlinge gewesen in Ägyptenland.


5. Unsere Seele bedarf der Vision

Aber in diesem Schriftwort steckt noch eine weitere Lehre für uns. Wer einem Pharao und Unterdrücker entfliehen will, braucht eine Vision. »Ohne Vision verkümmert der Mensch«, lautet ein Wort der biblischen Weisheit (Spr. 29,18)2. Darin steckt eine tiefe Wahrheit. Unsere Seele bedarf der Vision. Sie braucht eine gültige Perspektive und Hoffnung, wenn sie nicht verkümmern will. Was immer zur Asylpolitik der Bundeskanzlerin Angela Merkel sonst noch gesagt werden kann – den Flüchtlingen hat sie mit ihrem beharrlichen Wort von den offenen Grenzen und der Willkommenskultur einen bedeutsamen Dienst erwiesen. Sie hat Männern, Frauen und Kindern eine zeitliche Perspektive aufgezeigt, das Bild einer Zukunft ohne Krieg, Zerstörung und Gewalttat. Es ist ja leider so und statistisch erwiesen, dass vor allem junge Menschen (aus kaputten Familien), die ohne Lebens-Perspektive sind, kein Selbstwertgefühl haben und sich gesellschaftlich als Verlierer fühlen. Sie waren und sind der fruchtbare Boden für die Propaganda der Salafisten, neigen zum Extremismus und sind für Gewalttaten besonders anfällig. Es ist zutiefst wahr, dass ohne Vision, ohne tragfähige Perspektive und Hoffnung unsere Seele verkümmert.


6. Der Weg in die Freiheit

Dass mit einer Vision auch der Weg in die Freiheit beginnt (beginnen kann), ist an der biblischen Gestalt des Mose abzulesen. Für ihn wurde eine Vision zum Wendepunkt des Lebens: Als er in der Steppe die Schafe seines Schwiegervaters Jitro hütete und an den Berg Gottes kam, den Horeb, sah er einen Dornbusch, der in Flammen stand, aber nicht verbrannte. Und er hörte eine Stimme, die sprach: »Mose, Mose!« Was ihm in dieser Erscheinung widerfuhr, war der Ruf Gottes.

Hier war die Vision eines Einzelnen dazu bestimmt, das Geschick eines unterdrückten Volkes zu wenden. Klein, unscheinbar und persönlich fing hier an, was sich zu einem weltpolitischen Ereignis entwickeln und zum Archetypus aller Freiheitsbewegungen zukünftiger Generationen werden sollte.


7. Die Zukunft beginnt – mitten in der Katastrophe

Es gibt in der Bibel für Flüchtlinge und Fremde, die ihre vom Bürgerkrieg zerstörten Häuser und Städte verlassen mussten, einen merkwürdigen Trost. Der steht im Buch des Propheten Jeremia. Überschrift: Die Zukunft beginnt – mitten in der Katastrophe. Jerusalem wird belagert. Der Prophet ist im Gefängnis. Juda steht unmittelbar vor dem Zusammenbruch. In dieser politisch hoffnungslosen Situation erhält Jeremia plötzlich Besuch vom Sohn seines Oheims. Dieser bietet dem Propheten Land zum Kauf an (Jer. 32). Was für eine Situation: Die Welt erzittert, Himmel und Erde sind in Aufruhr. Und Jeremia, im Gefängnis, beschäftigt sich mit dem Kauf von Land. Wie ist das zu verstehen? Was hat das zu bedeuten?

Die Lehre ist wegweisend: Mitten in einer nationalen Katastrophe muss man weiter lernen und lehren, Brot backen und verkaufen, Bäume pflanzen und auf die Zukunft setzen. Man soll nicht das Ende der Katastrophe oder Tragödie abwarten, um (dann erst) mit dem Bau und Wiederaufbau des Lebens beginnen. Da in der Tiefe muss der Wiederaufbau seinen Anfang nehmen – zeichenhaft noch vor dem Ende! Die Stadt ist belagert, das Volk hat Hunger, Angst geht um und der Prophet ist im Gefängnis, das ist alles wahr. Aber Jeremia kauft Land und macht Verträge. Die Zukunft will beginnen – mitten in der Katastrophe, jeden Augenblick. Sie duldet keinen Aufschub.

Biblisch gesehen besteht unsere Aufgabe auch darin, den Flüchtlingen und Fremden Mut und Zuversicht zu geben mit Blick auf ihr eigenes Zuhause, ihre eigene Heimat in Syrien oder Afghanistan, und sie zu erinnern, dass die Zukunft auch in ihrem Land beginnen will – mitten in der Katastrophe und Zerstörung. So betrachtet können wir ihnen möglicherweise keinen besseren Dienst erweisen, als ihnen hier eine Ausbildung zu geben für ein Leben und den Aufbau in ihrem eigenen, zerstörten Land.


8. Der Beitrag des interreligiösen Dialogs

Welche Rolle spielt in unserem gesellschaftlichen Kontext der interreligiöse Dialog? Ich glaube, dass die Begegnung mit anderen Glaubensweisen eine Chance für alle Beteiligten ist. Sie kann für uns die Einübung in einen Dialog sein, der hilft, unser eigenes Glaubensprofil zu stärken und zu entwickeln. Wenn der interreligiöse Dialog recht geschieht, ist er ein wesentlicher Beitrag zum gesellschaftlichen Frieden.

Dafür sind allerdings einige grundlegende Voraussetzungen zu schaffen. Eine, vielleicht die wichtigste, betrifft das Verhältnis der Religionen zur Wahrheit. Unter der Überschrift »Die exklusive Haltung der Religionen« schrieb der Philosoph Martin Buber: »Jede Religion hat ihren Ursprung in einer Offenbarung. Keine Religion ist absolute Wahrheit, keine ist ein auf die Erde herabgekommenes Stück Himmel. Jede Religion ist eine menschliche Wahrheit. Das heißt, sie stellt die Beziehung einer bestimmten menschlichen Gemeinschaft als solcher zum Absoluten dar.«3

Jede Religion – nur eine menschliche Wahrheit? Das ist gegen den Strich des Selbstverständnisses der Religionen gebürstet. Erhebt nicht jede Glaubensweise den Anspruch, die einzige und absolute Wahrheit zu sein? Und eben keine nur menschliche, sondern die einzig wahre göttliche Wahrheit zu sein? Aber genau hier, in diesem Selbstverständnis, liegt der Grund, warum es in der Vergangenheit zu Glaubenskriegen gekommen ist und zu Ausgrenzung und damit auch zu Fluchtbewegungen. Jeder meinte, die absolute, die alleinige Wahrheit zu haben und dafür auch Kriege führen und Gewalt anwenden zu dürfen.

Vergessen freilich hatte man in allen religiös motivierten Kriegen Jesu Ablehnung jeglicher Gewalt. Sein Wort in Gethsemane ist eindeutig: »Stecke dein Schwert an seinen Ort! Denn wer das Schwert nimmt, der soll durchs Schwert umkommen.« (Mt 26,52) Der gewaltbereite Jünger wollte Jesus mit dem Schwert verteidigen und hielt das für einen legitimen Akt des Glaubens. Aber selbst der allerbeste Zweck heiligt nicht die Mittel. Verstehen wir recht: Es gilt, auch für die eigene Glaubenswahrheit zu »kämpfen«. Ja, das müssen wir – aber ohne Schwert, ohne Gewalt. Nur mit dem Wort. Ein anderes Mittel als das Wort Gottes ist den Christen nicht gegeben. Für Jesus ist Gottes Wort die Kraft, die am Ende den Sieg behält.

Der Theologe und Dichter Jeremias Gotthelf bringt es auf den Punkt, wenn er sagt: »Unendlich viel mächtiger als das Schwert ist das Wort, und wer es zu führen weiß in starker, weiser Hand, ist mächtiger als der mächtigste aller Könige. Wenn die Hand erstirbt, die das Schwert geführt, wird das Schwert mit der Hand begraben, und wie die Hand in Staub zerfällt, so wird vom Rost das Schwert verzehrt. Aber wenn im Tode der Mund sich schließt, aus dem das Wort gegangen, bleibt frei und lebendig das Wort. Über das Wort hat der Tod keine Macht, ins Grab kann es nicht verschlossen werden; und wie man die Knechte Gottes schlagen mag in Banden und Ketten, frei bleibt das Wort, welches aus ihrem Mund gegangen.«

Wenn das Wort unseres Gottes etwas so Großes, Dynamisches und Wirksames ist, dann ist die Frage – warum trauen wir diesem Wort nicht mehr zu?! Wir dürfen ihm vertrauen. Es löst unsere menschlichen Konflikte und kommt nicht leer zu Gott zurück. Darauf dürfen wir uns verlassen: Dem Wort wird gelingen, wozu es gesandt ist.


9. Die Wahrheit kann man nicht besitzen

Jede Religion ist nach Buber eine (nicht die!) menschliche Wahrheit. Damit ist keineswegs gemeint, dass die christliche Wahrheit beliebig ist. Jesus sagt nach Johannes: »Ich bin der Weg, die Wahrheit und das Leben; niemand kommt zum Vater denn durch mich?« (Joh. 14,6) Was aber bedeutet dieses Wort? Ist es so zu verstehen, dass nur die Christen die Wahrheit haben und ihr Glaube der einzig wahre Glaube ist? Warum hat dann aber Gott, so könnte man immerhin fragen, all die anderen Religionen und Glaubensweisen zugelassen? Was bedeutet ihr Dasein für uns?

Versuchen wir eine Antwort aus christlicher Sicht: Für Jesus ist fraglos sein himmlischer Vater, der lebendige Gott und Schöpfer Himmels und der Erde, die alleinige (göttliche) Wahrheit. Weil aber Vater und Sohn eins sind, wie die Abschiedsreden Jesu nach dem Evangelisten Johannes deutlich machen, und der Sohn die göttliche Wahrheit seines himmlischen Vaters bis zum Tode am Kreuz gehorsam gelebt hat, konnte und durfte auch Jesus sagen: »Ich bin die Wahrheit!«

Die Wahrheit aber, die Gott selbst ist, kann man nicht haben oder besitzen – so wenig wie man Gott haben oder besitzen kann. Wir Menschen können die Wahrheit immer nur suchen und bezeugen. Eben das geschieht in den Religionen oder Glaubensweisen, die uns gegeben sind. Mag unsere Suche nach der Wahrheit, die allein Gott ist, verschieden sein nach Offenbarung und menschlichem Ausdruck und Zeugnis von dieser Offenbarung – die göttliche Wahrheit, die allen Menschen und Völkern gilt, verbindet uns. Mögen die Akzente, die wir vor Ort und kulturell setzen, unterschiedlich sein, wir sind und bleiben miteinander verbunden. Weil Gott unser aller absolute Wahrheit ist, sind wir in Ihm eine Einheit, eine versöhnte Verschiedenheit. Das ist der entscheidende Punkt: In Gott und durch Gott sind wir eine versöhnte Verschiedenheit.

In Frage gestellt wird nicht der Offen­barungs­charakter einer Religion. Und auch nicht, dass sie Wahrheit ist. In Frage gestellt wird ihre Exklusivität. Ihre Absolutheit. Ihr Anspruch, die alleinige Wahrheit zu sein. Von diesem Anspruch müssen die Religionen abrücken. Buber erklärt, worauf es ankommt: Man muss das »Realverhältnis des anderen zur Wahrheit anerkennen«; zur Wahrheit, die Gott selbst ist. Das aber gelingt nur in der Demut. Ohne Demut lässt sich der interreligiöse Dialog nicht führen. Ohne Demut kann er nicht gelingen.

Wie aber kommen wir dahin, das »Realverhältnis des anderen zur Wahrheit« vorbehaltlos anzuerkennen? Buber: »Sobald es uns, Christen und Juden (wir könnten die Muslime hinzunehmen), wirklich um Gott selber und nicht bloß um unsere Gottesbilder zu tun ist, sind wir, Juden und Christen (und Muslime), in der Ahnung verbunden, dass das Haus unseres Vaters anders beschaffen ist, als unsere menschlichen Grundrisse meinen.4 Nicht indem wir uns jeder um seine Glaubenswirklichkeit drücken, nicht indem wir trotz der Verschiedenheit ein Miteinander erschleichen wollen, wohl aber indem wir unter Anerkennung der Grundverschiedenheit in rückhaltlosem Vertrauen einander mitteilen, was wir wissen von der Einheit dieses Hauses.«5


Anmerkungen:

1 Vortrag im Schleswiger Bibelzentrum der Nordkirche am 21. April 2016.

2 Wörtlich heißt es: »Wo keine Offenbarung ist, wird das Volk wild und wüst.«

3 Martin Buber, Nachlese, Verlag Lambert Schneider, Heidelberg 1966, 110.

4 Martin Buber, Der Jude und sein Judentum, Joseph Melzer Verlag, Köln 1963, 211.

5 Martin Buber, Der Jude und sein Judentum, a.a.O., 563.

Über die Autorin / den Autor:

Propst i.R. Dietrich Heyde, Studium der Theologie und der Germanistik in Göttingen und Tübingen, Vikariat in Bremen und Jerusalem, Pastor in Bremen und langjähriger Vorsitzender der Bremischen Gesellschaft für christlich-jüdische Zusammenarbeit, danach Propst im Kirchenkreis Schleswig.

Aus: Deutsches Pfarrerblatt - Heft: 8/2016

3 Kommentare zu diesem Artikel

06.09.2016
Ein Kommentar von Gerhard Kuppler


Es ist schon sehr erstaunlich, wie vehement Diedrichs behauptet, das Christentum habe die absolute Wahrheit, diese jedoch gewissermaßen in wesentlichen Punkten gleich wieder aussetzt, indem er sie als nur eschatologisch, d.h. zukünftig (Versöhnung, Heil) erklärt - christliche Eschatologie lebt jedoch in der Spannung des "schon jetzt" und "noch nicht" oder sie für weite Bereiche des Lebens für nicht gültig erklärt, indem er sich auf die sogenannte 2-Reiche-Lehre beruft, die doch nur ein zeitlich bedingtes Denkmodell ist; wir leben ja nicht mehr in der Zeit des absolutistischen Nationalstaates, der die Bösen mit dem Schwert bestraft, sondern in den Zeiten der demokratischen Staatenbünde, die vielleicht doch von Jesus gelernt haben, dass es auch andere Mittel gibt, mit den "Bösen" umzugehen als nur die Strafe. Doch auch mir ist der Artikel von Heyde viel zu moralisch. Und wenn die Kirche hier den Mund so voll nimmt, warum belegt sie nicht leerstehende Pfarrhäuser, leerstehende Zimmer in riesigen Pfarrhäusern, wo eine Einzelperson lebt, leerstehende Gemeindehäuser mit Füchtlingen? Wieviele Zimmer stehn im bayrischen Bischofspalais leer? Wer als redlich gelten will, sollte bei sich selbst anfangen. Noch schlimmer ist, wie Gott ins Spiel der Geschichte gebracht wird: Nein, die gräßlichen Auseinandersetzungen zwischen Palästinensern und Juden sind keine Folge des Fehlverhaltens Abrahams gegenüber Hagar, falls es diese beiden Figuren überhaupt gegeben hat. Sie haben ihre Ursache in Rassismus und mangelndem Friedenswillen. Geschichte ist kein Straffeldzug Gottes. Geschichte hat aber Konsequenzen. Diese sollten gerade von der Kirche klar und deutlich gemacht werden etsi deus non daretur. Einige Beispiele: Menschen wandern schon immer dahin, wo sie hoffen, dass es ihnen besser geht. Da helfen Mauern und Zäune vom Limes bis zu Honeckers Schutzwall nur vorübergehend. Die Geschichte hat sie alle weggespült. Kriege produzieren Flüchtlinge. Das Schlimme ist, dass alle Verantwortlichen das erst merkten, als Hunderttausende vor einem Jahr schon mitten in Europa waren. Im Irak wurde 2003 ein Krieg angefangen, ohne diese Konsequenzen zu bedenken. Die westlichen Kriegstreiber hatten auch nicht die geringsten Überlegungen angestellt, wie es nach dem Sturz Husseins weiter gehen sollte - so entstand die Terrororganisation Islamischer Staat. 2003 hieß es, unsere Freiheit werde am Hindukusch verteidigt - jetzt kommen die Flüchtlinge von dort zu uns. Die Zuwendungen der UN an die Flüchtlingslager rund um Syrien wurden vor etwas mehr als einem Jahr um etwa 2/3 gekürzt, das löste dann die riesige Flüchtlingswelle aus, wo es dann natürlich menschlich notwendig war, zu helfen und diese Menschen willkommen zu heißen. Da hat Heyde sicherlich recht. Dennoch ist es unmöglich, dass die 80 % der Menschheit, denen es schlechter geht als uns, zu uns kommen. Man kommt auch nüchtern nicht daran vorbei, dass sie aus anderen Kulturkreisen stammen, mit Traditionen, die ein gelingendes Zusammenleben hier sehr schwierig machen, nicht zuletzt für die der Heimat Entrissenen selbst. Die Konsequenz kann aber nicht das Dichtmachen von Grenzen und das Festlegen von Obergrenzen sein, sondern eine nachhaltige Bekämpfung der Fluchtursachen: Strikte Begrenzung von Waffenexporten, ein Ende der Stellvertreterkriege (man meint nicht Assad, sondern will den Einfluss Russlands im Vorderen Orient möglichst eindämmen), eine gerechtere Wirtschafts- und vor allem Finanzordnung, die nicht beständig die Reichen immer reicher macht.
22.08.2016
Ein Kommentar von Matthias Hertel, P.i.R.


Ich bin dem Pfarreblatt für die Vöffentlichung des Essays "Gott hat den Fremdling lieb" von Propst i.R. Dietrich Heyde sehr dankbar. Denn ganz im Gegensatz zu Herrn Pastor Diederichs bin ich der Auffassung, dass den Sätzen Dietrich Heydes in allen Punkten zuzustimmen ist, ist doch die theolo- gische Argmetation klar, gründlich und überzeugend, ja über den aktuellen Stand der Diskussion und des staatlichen wie kirchlich diakonischen Handelns hinausweisend grundegend und zukunfstorientiert. Dankbar bin ich für dieses biblisch orientierte Nachdenken über ein bedrängendes Thema, das uns noch lange Zeit beschäftigen muss. Dankbar auch deshalb, weil es dem kirchlichen und diakonischen Handeln so vieler haupt- und ehrenamtlich Mitarbeitenden aus der Füllkraft biblischer Botschaft Mut und Kraft zuspricht. Es kann kein Zweifel meines Erach- tens darüber bestehen, dass eine Zukunft der Menschheits- familie in Frieden und Gerechtigkeit davon abhängig ist, dass wir uns in dem von Dietrich Heyde dargestellten Sinn verstehen und (wieder)entdecken. Schon in den 80er Jahren hatte Carl Friedrich von Weizsäcker zu Recht gefordert, dass im Angesicht der drohenden globalen Probleme ein Konzil der Religionen notwendig weil Not wendend sei.
17.08.2016
Ein Kommentar von Pastor Christian Diederichs


Sehr geehrte Damen und Herren, ich habe dem Autor folgende Mail geschrieben (und frage mich, wie das Pfarrerblatt einen derart schwachen Artikel veröffentlichen kann) - wie weit wollen Sie eigentlich die Selbstrelativierung des christlichen Glaubens noch treiben? Hier nun meine Mail. "Sehr gehrter Herr Propst i.R. Heyde, mit Interesse habe ich Ihren Artikel gelesen zum Thema "Gott hat den Fremdling lieb". Es gibt kaum eine Aussage, der man nicht widersprechen müsste. Verzeihen Sie, aber nichts ist zu Ende gedacht oder hinreichend reflektiert. Ich mache meine scharfe Kritik deutlich an einigen Beispielen: 1. Sie berufen sich auf die Schöpfungsordung bzw. auf die Erde / Adama als das alle Menschen Verbindende. Aber das AT selbst geht von einer gefallenen Welt aus, in der Gott selbst die Völker und Sprachen getrennt hat (Turmbau zu Babel). In Abraham als Stammvater Israel beruft Gott nicht die Welt in den Bereich seiner Gnade, sondern (proleptisch) eine Ethnie: Israel. 2. Sie suggerieren, dass die Schöpfungsordnung als solche schon die Basis versöhnter Verschiedenheit sein könne. Aber Versöhnung (als Sündenvergebung bzw. als Befreiung von der Sünde als Macht) ist neutestamentlich betrachtet kein Schöpfungs-, sondern ein Heilsgeschehen, d.h. es ist ein eschatologisches Geschehen (am Ende der Zeit in Christus). Versöhnung steht aus oder alttestamentlich geredet: die Völkerwallfahrt zum Zion steht aus, solange nicht alle eins geworden sind in Christus (atl. in der Proskynese vor Jahwe). Sie verwechseln Schöpfungs- und Heilsordnung. Heil aber ist im NT exklusiv an Christus gebunden (übrigens auch für Juden und auch in Römer 9-11). Wer an Allah glaubt, dessen Prophet Mohammed ist, glaubt nicht an den Gott, der der Vater Jesu Christi ist und sich in Jesus inkarniert (dies sieht der Koran als Abfall von Gott an). Hier kann es nur eine exklusive Konkurrenz von Wahrheitsansprüchen geben ( m.E. arbeiten Sie mit einem unreflektierten, relativistischen Wahrheitsbegriff). Sie übergehen auch, dass dem Islam anders als dem Christentum von Anbeginn Gewaltausübung eingestiftet ist als Verbreitung der Religion. Mohammed hat seinen Glauben mit dem Schwert verbreitet, Petrus und Paulus nicht. Wo der christliche Glaube später mit Gewalt verbreitet wurde, kann das anders als im Islam nur als Abfall von Jesus und den Aposteln betrachtet werden. Das friedliche Zusammleben der Religionen kann nicht erschlichen werden, indem man ihre Wahrheitsansprüche relativiert, sondern der säkulare Staat hat den Religionen ihr Gewaltbereitschaft auszutreiben - und hat es auf dem Boden des alten Europa ja auch getan. Der säkulare Staat mit seiner Glaubens- und Gewissensfreiheit ist der wahre Garant des Friedens der Religionen - nicht diese an sich selbst. 3. Wenig überzeugend ist auch Ihre Berufung auf die Befreiungserfahrung Israels. Dass sie in der Form, wie sie im AT dargeboten wird, weithin Fiktion ist, lasse ich hier auf sich beruhen. Viel heikler ist für Ihre Argumentation ein anderer Punkt: Wie soll diese Befreiungserfahrung die Ihre werden können, wenn Sie selber kein Israelit sind? Es handelte sich um eine partikulare, wahrscheinlich auf eine sehr beschränkte Gruppe bezogene Erfahrung. Mit unseren Freiheitserfahrungen hat der Exodus nichts zu schaffen. Auf welcher hermeneutischen Basis machen Sie die fremde Exoduserfahrung zu der Ihren? Wo im NT Paulus von Freiheit redet, meint er überdiese eine ganz andere als Sie und die politischen Theologen unserer Tage. Bei Paulus geht es um die Freiheit von Gesetz, Sünde und Tod - nicht um politische Freiheit. Denn Freiheit ist, wo der Hl. Geist ist - und den empfängt nur der Glaube an Christus. Und so haben sich denn die paulinischen Gemeinden auch nicht eingemischt in die Politik des römischen Staates. 4. Sätze wie "Unsere Seele bedarf der Vision" sind nichts als emphatische Behauptungen ohne jede anthropologische Fundamentierung. 5. Völlig außer Acht bleibt bei Ihnen jeder pragmatische Realitätsbezug bzw. die Frage, in welchem Maße ein Staat wie der unsere überhaupt in der Lage ist, zum Ankerplatz der Elenden dieser Welt zu werden. Es ist blauäugig zu glauben, Europa müsse seine Grenzen öffnen, ohne den Zuzug klar zu begrenzen und zu kontrollieren. Ich fände es hilfreich, Ihr Thema im Rahmen von Luthers 2-Reiche-Lehre zu bedenken. Moralische Maximalforderungen a la Heye oder EKD-Ratsvorsitzenden hätten (und haben schon) politisch verheerdende Folgen in unserem Land. Ich fürchte, Sie verwechseln Kirche und Staat, Reich Gottes und Reich der Welt. Mit freundlichen Grüßen Christian Diederichs"

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