Der Interreligiöse Chor Frankfurt und das Tehillim-Projekt
Von wandernden Psalmen und dem Klang der Religionen

Von: Helwig Wegner-Nord
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In diesem Augenblick ist das Konzertpublikum sehr still, stiller und aufmerksamer noch, als es vor dem ersten Ton eines Stückes ohnehin zu sein pflegt. Die rund 350 Besucherinnen und Besucher halten förmlich den Atem an. Saad Thamir, ein 1972 in Bagdad geborener Musiker, rezitiert einen Vers der 10. Sure des Koran im Festsaal der Jüdischen Gemeinde im Frankfurter Westend. Thamir ist Komponist und die Koranrezitation ist der Beginn der Frankfurter Erstaufführung seines Werkes Ihr Ausruf wird sein: Preis sei Dir, o Allah! – Psalm 104 in Bibel und Koran.


Ausdruck religiöser Vielstimmigkeit

Dass Psalmen für Judentum und Christentum bedeutsam sind, ist bekannt – aber für den Islam? Und was soll das, dass ausgerechnet in einem jüdischen Haus Allah gepriesen wird? Die Komposition Thamirs verschränkt in der Tat Verse des 104. biblischen Psalms (»Lobe den HERRN, meine Seele! HERR, mein Gott, du bist sehr herrlich; du bist schön und prächtig geschmückt«) mit ausgewählten Zeilen aus drei Koransuren (10, 78 und 55), deren Gedanken und Wortwahl auf eine große Nähe zum Ps. 104 hinweisen. Nach der genannten Eingangsrezitation singen Solostimmen die Korantexte in deutscher Übersetzung. Dann folgen ausgewählte Verse des Psalms, die der Chor jedoch in osmanischer Sprache singt, bereits im 17. Jh. übersetzt von einem aus Polen stammenden Christen, der in Konstantinopel zum Islam konvertiert ist.

Was wie ein provozierendes Verwirrspiel anmuten mag, ist Ausdruck religiöser Vielstimmigkeit. Diese sprachliche, musikalische und religiöse Polyphonie ist ein Charakteristikum in der Chorarbeit, die sich der Interreligiöse Chor Frankfurt am Main (http://ircf-frankfurt.de) auf die Fahnen geschrieben hat. Zweimal im Jahr lädt er gemeinsam mit der Evang. Akademie Frankfurt zu Konzerten ein, so auch im Mai 2016 zu diesem Gesprächskonzert: Tehillim – Psalmen im Dialog; Wort und Musik aus Judentum, Christentum und Islam zu Psalm 104. So sperrig die Überschrift klingt, so vielfältig ist das Anliegen, das diesem Projekt zugrunde liegt.

Das Buch der Psalmen, hebr. sefer tehillim, gehört mit seinen Gebeten und Liedern nicht nur in die je verschiedenen Frömmigkeitsgeschichten jüdischen und christlichen Lebens, sondern eine Vielzahl seiner theologischen Bilder lassen sich auch im Koran entdecken. Damit bieten sich Psalmen als gemeinsame und doch unterschiedlich erlebte Religionstexte geradezu an, um mit ihnen das interreligiöse Gespräch zu beginnen.


Musik als Gespräch der Sinne

Der Grundgedanke, der zu dem Tehillim-Projekt geführt hat: Menschen verschiedener Religionen kommen zusammen und eignen sich jeweils einen Psalm und seine Vorstellungswelt an, indem sie die dazu entstandenen musikalischen Bearbeitungen einüben und miteinander musizieren. Denn die Begegnung der Religionen erfährt eine weitere, sehr lebendige und alle Sinne umfassende Dimension, wenn gemeinsam gesungen wird.

Es ist das Verdienst der evangelischen Kantorin Bettina Strübel und des jüdischen Chasan Daniel Kempin, das Tehillim-Projekt 2013 initiiert zu haben. Kempin ist Kantor des Egalitären Minjans, einer Synagogengemeinschaft liberaler Jüdinnen und Juden, die zur Einheitsgemeinde der Frankfurter Westendsynagoge gehört. Strübel ist freischaffende A-Musikerin mit einem Schwerpunkt im interreligiösen Zusammenhang. Die Gründung des Interreligiösen Chors 2013 für das erste Projekt zu Ps. 23, die Recherche, Auswahl und Bearbeitung von geeigneter Literatur aus den verschiedenen religiösen und musikalischen Traditionen und die Einladung jüdischer und christlicher Fachleute für ein Gespräch zur Musik bildeten das Grundmuster auch der folgenden bislang sechs Projekte zu den Ps. 115, 130, 91, 90, 121 und jetzt 104.


Religionen mit Migrationshintergrund

Wer in das Projekt des IRCF einsteigt, lernt aufeinander zu hören – nicht nur mit dem Ziel musikalischer Stimmfindung, sondern auch in religionssensibler Hinsicht. Der musikalischen Mehrstimmigkeit des Chorgesangs entspricht die religiöse Polyphonie. Diese Polyphonie entsteht auch deswegen, weil heilige Texte, Elemente gelebten Glaubens, Religionen überhaupt in Bewegung sind. Sie migrieren seit Jahrtausenden, treffen in fremden Welten auf neue Vorstellungen, werden aufgenommen, werden verändert und entwickeln sich zum Ausdruck der eigenen Religion. Nicht nur viele Menschen haben einen Migrationshintergrund, sondern auch Religionen.

Es ist erstaunlich, wie groß die Zahl von Psalmvertonungen ist, wie unterschiedlich die musikalischen Umsetzungen klingen, denen derselbe Psalm zugrunde liegt. Die Recherche fördert neben den erwartbaren Stücken von Bach, Schütz oder Mendelssohn bisweilen echte Überraschungen zutage, auch abseits des kirchenmusikalisch Gängigen, z.B. von Arvo Pärt oder Philip Glass oder eine nicht edierte Telemann-Kantate.

In der Stadt- und Universitätsbibliothek Frankfurt a.M. lagert die »Freimann-Sammlung«, die u.a. einen großen Fundus synagogaler Musik umfasst. Für das Tehillim-Projekt werden Psalmvertonungen aus dieser Sammlung vom Laurentius-Verlag neu verlegt und aufgeführt. Der Verleger ist Mitglied des IRCF. In der Vergangenheit hat es darüber hinaus eigens für das Tehillim-Projekt geschaffene Kompositionen gegeben (Alon Wallach zu Ps. 91, Jack Kessler zu Ps. 90 und aktuell Saad Thamir zu Ps. 104).

Etwa 50 Sängerinnen und Sänger bilden den Chor. Es gibt einen eher festen Stamm, der bereits über mehrere Projektphasen dabei geblieben ist und weitere, temporär für ein oder zwei Halbjahre Mitwirkende. Muslimische und jüdische, christliche und konfessionell ungebundene Chormitglieder singen nicht nur miteinander, sondern lassen sich in unterschiedlicher Weise auf die inhaltliche Erarbeitung des jeweiligen Psalms ein. So besteht an einem der Probentermine das Angebot, den Psalm im Bibliolog kennenzulernen.


Psalm 104 und der Sonnenhymnus des Echnaton

Fester Bestandteil der Tehillim-Konzerte sind – wie oben angedeutet – zwei oder drei moderierte Gesprächsteile mit fachkundigen Gästen über die Bedeutung, Interpretation und Wirkungsgeschichte des jeweiligen Psalms in den verschiedenen Religionen und deren liturgischen oder lebensgeschichtlichen Zusammenhängen. Zu diesen Gästen zählten neben anderen die Frankfurter Rabbinerin Elisa Klapheck, der Marburger Theologe Gerhard Marcel Martin, die Heidelberger Judaistin Hanna Liss, die Frankfurter Alttestamentlerin Melanie Köhlmoos und der dem christlich-jüdischen Dialog besonders verbundene Martin Stöhr aus Bad Vilbel.

Der Ägyptologe Jan Assmann aus Konstanz erläuterte im Rahmen des jüngsten Konzerts den erstaunlichen Zusammenhang des Ps. 104 mit dem Großen Sonnenhymnus des Echnaton aus dem 14. vorchr. Jh. Wie ist das zu erklären, dass rund 900 Jahre, nachdem der ägyptische Pharao Echnaton – wahrscheinlich ist er selbst der Verfasser – seinen Großen Sonnenhymnus gedichtet hat, dessen Gedanken und religiöse Bilder verändert, aber unübersehbar, im hebräischen Psalm eine neue Heimat finden? Zu der Zeit war Echnatons religiöse Vorstellungswelt samt Sonnenhymnus in Ägypten längst in Vergessenheit geraten. Offensichtlich hatte man noch zu Echnatons Lebzeiten diesen für die von ihm eingeführte neue Religion zentralen Text in andere Länder verschickt, nicht aber mit der Absicht zu missionieren, wie Assmann betonte, sondern um über die neue Linie in Ägypten zu informieren und damit diplomatische Fauxpas zu vermeiden. Bereits bei der Wiederentdeckung des Sonnenhymnus Ende des 19. Jh. erkannte man die Nähe zu Ps. 104, manche hielten den Psalm auch für eine Übersetzung des ­Hymnus.

Diese Nähe von Ps. 104 und dem Sonnenhymnus wird musikalisch deutlich in der Komposition des US-amerikanischen Musikers Philip Glass Akhnaten, die der IRCF instrumental und solistisch unterstützt vortrug. Die 1984 in Stuttgart uraufgeführte Oper über den ägyptischen Pharao Echnaton umfasst Texte des Großen Sonnenhymnus und Verse des Ps. 104. So wurde auch hier hörbar, wie heilige Texte durch Jahrtausende und durch Kontinente gewandert sind.


Auch der Genfer Psalter wandert durch die Welt

Bereits mehrfach waren in Tehillim-Konzerten des IRCF Kompositionen aus dem Genfer Psalter zu hören. Das ist eine Sammlung der biblischen Psalmen, die in Versform gebracht und ins Französische übertragen worden sind. Der Genfer Psalter, später auch »Hugenottenpsalter« genannt, ist 1562 erstmals komplett als Buch erschienen.1

Während der Zürcher Reformator Ulrich Zwingli jede Musik aus dem Gottesdienst verbannen wollte, weil er fürchtete, dass Musik vom nüchternen Hören auf das Wort Gottes ablenken könnte, hat der zweite Schweizer Reformator Johannes Calvin in Genf eine etwas andere Sicht: Die Orgel hat auch er aus der Kirche verbannt, aber weil die Psalmen als Wort Gottes ja auch Lieder sind, macht er hier eine Ausnahme und spricht sich dafür aus, Psalmen im Gottesdienst zu singen. Es entsteht der Genfer Psalter. Eigentlich dachte Calvin sich die Sache einstimmig. Aber nicht zuletzt durch die Kompositionen von Claude Goudimel setzt sich in den Gemeinden mehr und mehr das mehrstimmige Singen durch.

Der Genfer Psalter hat dann aber auch eine Migrationsgeschichte, er bleibt nicht in Genf. Er wandert nach Amsterdam aus, nachdem dort 1578 ein calvinistischer Rat die katholische Stadtregierung abgelöst hatte. Und die Reise geht weiter: Spätestens seit im 17. Jh. 200.000 Hugenotten vor Verfolgung fliehen müssen, wird aus dem Genfer Psalter auch in Irland und Dänemark, in Südafrika und in Nordamerika gesungen – und in England, wo etwa 50.000 Reformierte Asyl finden. Die alte Genfer Melodie des Ps. 104 von 1548 bekommt nun in Großbritannien einen neuen mehrstimmigen Satz. Dafür sorgt der Komponist John Dowland, zunächst selbst Migrant in Deutschland, Italien und Dänemark, bevor er eine Anstellung als Musician for the lute am königlichen Hof in England erhält.

Die Melodien des Genfer Psalters wanderten noch weiter, u.a. ins Osmanische Reich. Verantwortlich für den Sprung nach Konstantinopel ist der um 1600 im damals polnischen Lwów geborene Wojciech Bobowski. Er wuchs in einer evangelischen Familie auf und lernte da den Genfer Psalter kennen. Er wurde Kirchenmusiker, studierte Musikwissenschaften, gerät dann auf der Krim jedoch in osmanische Gefangenschaft. Als man merkt, was der polnische Kriegsgefangene musikalisch kann, wird er Hofmusiker in Konstantinopel, komponiert und übersetzt im Übrigen die Bibel ins Osmanische. Schließlich konvertiert er zum Islam und nennt sich seitdem Ali Beg Ufqi. Der osmanische Text des Ps. 104 in der oben erwähnten Komposition von Saad Thamir stammt aus dieser Übersetzung.


Mit Neugier, Respekt und Empathie gemeinsam musizieren

Das Anliegen des IRCF stößt auf wachsendes Interesse und Anerkennung. Es gab neben den Frankfurter Gesprächskonzerten Konzerte in Stuttgart (Kirchentag) und Worms, ein weiteres ist in Köln geplant. Neben anderen bezuschussen die Evang. Kirche in Hessen und Nassau und das Evang. Stadtdekanat Frankfurt diese Projektarbeit auf verschiedene Weise. Auch die Jüdische Gemeinde und die Jüdische Volkshochschule Frankfurt unterstützen die Arbeit. Trotzdem muss von Projekt zu Projekt nicht nur das Programm neu erarbeitet, sondern auch die materielle Basis neu gesichert werden.

Nach inzwischen sieben interreligiösen Tehillim-Projekten des Frankfurter Chors ist den theologisch wie musikalisch Beteiligten und wohl auch mehrheitlich dem Publikum deutlich, dass interreligiöser Dialog weder darin besteht, die eigene Position bis zur Unkenntlichkeit vom spezifischen Profil zu befreien, noch darin, die eigene Ansicht unbeeindruckt von den Vorstellungen anderer vor sich her zu tragen. Die Grundlagen eines aussichtsreichen interreligiösen Gesprächs sind viel mehr Neugier und Empathie, Freude an Gemeinsamkeiten und Respekt vor Verschiedenheit. Es gilt, eigene Wahrheitsansprüche weder zu verleugnen noch absolut zu setzen.2

Am Ende des Frankfurter Konzertabends im Mai 2016 gibt es nach langem Applaus eine Zugabe. Zusammen mit Daniel Kempin singt der Chor noch einmal das erste Stück des Abends: den von Shlomo Carlebach (1925-1994) komponierten und von Daniel Kempin bearbeiteten ersten Vers des Ps. 104: »bar’chi nafschi et Haschem« – »Meine Seele lobe den Ewigen!« Die Sängerinnen und Sänger haben inzwischen die Bühne verlassen und sich in einem weiten Kreis um ihre bisherigen Zuhörerinnen und Zuhörer herumgestellt, die nun eingeladen werden mitzusingen. So werden alle einbezogen in das Erlebnis der interreligiösen Begegnung.

Während in vielen aktuellen politischen Diskussionen die Frage scheinbar notwendiger kultureller und religiöser Abgrenzungen verhandelt wird, wird in der interreligiösen Chormusik auf sehr konkrete Weise Gemeinsamkeit erlebt.


Helwig Wegner-Nord


Anmerkungen:

1 Vgl. dazu auch: Peter Ernst Bernoulli, Frieder Furler (Hrsg.): Der Genfer Psalter – eine Entdeckungsreise, Zürich 2001.

2 Vgl. dazu: Klaus von Stosch: Komparative Theologie als Wegweiser in der Welt der Religionen (Beiträge zur Komparativen Theologie), Paderborn 2012, und Henning Wrogemann: Theologie Interreligiöser Beziehungen. Religionstheologische Denkwege, kulturwissenschaftliche Anfragen und ein methodischer Neuansatz. Lehrbuch Interkulturelle Theologie/Missionswissenschaft Bd. 3, Gütersloh 2015.


Über den Autor

Helwig Wegner-Nord, Theologe und Publizist, Frankfurt/Main, bis 2012 Geschäftsführer der MEDIENHAUS GmbH – Zentrum für evang. Publizistik und Medienarbeit in Hessen und Nassau.

Aus: Deutsches Pfarrerblatt - Heft: 7/2016

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