Reflexionen über das Tourismuskonzept der EKD
Kirche auf dem Weg des Menschen

Von: Heiderose Gärtner-Schultz
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Die veränderten Ansprüche an die persönliche Lebensgestaltung und die eigene Lebensinszenierung von Menschen stellen eine Herausforderung für Kirche und Diakonie dar. Die Gesellschaft von heute bietet vielen Menschen die Möglichkeit, ihr Leben so individuell wie möglich zu gestalten, vom Tattoo, der Schönheitsoperation bis hin zum Nacktwandern und vieles mehr. Was wollen Menschen heute von der Kirche, was brauchen sie, was suchen sie in exponierten Zeiten, wie im Urlaub?


Veränderung der Lebenswelten

Etwa bis zum Beginn des 20. Jh. bot den Menschen ihre Rolle, die sie in ihrer Gemeinschaft zu übernehmen hatten, Identifikation und Sicherheit. Die Rolle wird dabei als soziologischer Begriff verstanden, der beschreibt, welche Erwartungen an jeden gestellt werden, der eine bestimmt Aufgabe übernimmt. Derjenige, der die Rolle übernimmt, weiß, was ihn erwartet. Eine gesellschaftliche Verabredung, Verständigung versteckt sich im Begriff »Rolle«, eine bestimmte Verhaltensnorm ist vorgegeben. Die Erwartungen an die Ausführung der Rolle, die in der Tradition verankert sind, sind implizit vorhanden, sie werden in der Regel nicht ausgesprochen oder diskutiert. Sie sind sozusagen selbstverständlich und entlasten Menschen dadurch in ihrem Alltag, weil nicht bei jeder neuen Rollenübernahme eine eigene Definition erfolgt. Sozialhistorisch gesehen wandeln sich soziale Rollen und neue kommen hinzu.

Diese Rollen mit ihren vorgegebenen Verhaltensmustern haben sich aufgelöst. Auf der einen Seite ist diese Entwicklung durch die industrielle Revolution zu verstehen, auf der anderen Seite haben auch beide Weltkriege, insbesondere der Zweite Weltkrieg, zu Traditions- und Werteverlusten geführt. Die Veränderungen der Lebenswelten durch die explosionsartige Weiterentwicklung der Kommunikationstechnologien lassen ungeahnte Möglichkeiten der Selbstverwirklichung aufblitzen, so etwa ein weltweites Freundesnetz durch soziale Netzwerke, die durchaus trügerisch sein können.


Erwartungen

Mithilfe soziologischer Methoden werden Bedürfnisse und Erwartungen von Menschen analysiert. Mit der Kategorisierung z.B. durch den Milieubegriff werden Lebensstile von Menschen idealtypisch dargestellt. Dies hilft, gewisse Tendenzen und Entwicklungen zu erklären und zu verdeutlichen (vgl. Untersuchungen des Sozialwissenschaftlichen Instituts der EKD: Ahrens / Wegner: Lebensstile – Sozialstrukturen – kirchliche Angebote, Stuttgart 2013).

Wie bei allen Erfassungen von Phänomenen, führt diese Art von Untersuchungen zu plakativen Ergebnissen. Das heißt, was sich zeigt, ist als Denkmodell hilfreich und weiterführend, es ist gleichzeitig aber »nur« ein Extrakt aus nicht kategorisierbarem gelebtem Leben. Dieser ermöglicht, Bedürfnisse von Menschen an Kirche und Diakonie zu eruieren. Die Wirklichkeit des Alltagslebens einzelner Menschen bleibt individuell. Das Erkenntnismuster, das sich gewinnen lässt, kann nicht umgekehrt als Maßstab an Menschen und ihr Leben angelegt werden.

Die Untersuchung des sozialwissenschaftlichen Instituts der EKD zeigt zusammenfassend eine Verschiebung von traditionellen Wertvorstellungen, wie Pflichterfüllung und Ordnung zu einer modernen Lebensauffassung, die sich durch Individualisierung und Selbstverwirklichung auszeichnet. Jeder lebt sein eigenes Leben, oft verbunden mit dem Anspruch, gerade eines zu führen, das nicht so ist wie das der anderen. Welche Rolle kann in diesem Kontext Kirche spielen, die auf Gemeinschaft und Verständigung, wie sie z.B. in der Liturgie oder im Glaubensbekenntnis zum Ausdruck kommen, ausgelegt ist? Wenn auf eher kirchenfremde Menschen zugegangen wird, stellt sich die Frage: Was kann Menschen mit ihren oben genannten Lebensentwürfen geboten werden? Das Tourismuskonzept der EKD aus dem Jahr 2014 beschäftigt sich mit diesen Fragen.


Erfahrungen aus der Tourismusseelsorge

Die Begegnung mit Reisenden im Rahmen der Arbeit in der Tourismusseelsorge hat gezeigt, dass die Erwartungen an Kirche auf Reisen und in Tourismusgebieten, geprägt sind durch die verschiedenen Lebenssituationen und -alter der Reisenden, und sie sind damit oft vielfältig oder unklar. Zum einen handelt es sich um Urlauber im klassischen Sinn, zum anderen um Reisegruppen, die Kirchengebäude im Ausland bei Gelegenheit aufsuchen, nach emotional Berührendem im Fremden suchen. Ein Versuch, den unterschiedlichen Bedürfnissen nahezukommen, geschieht mithilfe der nachfolgenden Kategorisierung persönlicher Erfahrungen.

Im Rahmen der Arbeit in Gran Canaria Süd ist der Templo Ecuménico als Mittelpunkt für kirchliche Arbeit hervorzuheben. In ihm werden Gottesdienste unterschiedlicher Konfessionen und Sprachen gefeiert. Dänen, Schweden, Niederländer laden in dieses Gebäude ein. Die sonntäglichen Gottesdienste sind in der Saison (Oktober bis April) sehr gut besucht. Sie finden im Stundentakt statt. Im Anschluss an den Gottesdienst lädt das Tourismuspfarramt der EKD in einem Nebenraum zum Kirchencafé ein.


»Zufallsbekanntschaften«

Wie das beim Zufall ist, man kann ihn nicht steuern, er »fällt zu«. Mit einem Zitat, das Albert Schweitzer zugeschrieben wird, heißt das: »Der Zufall ist ein Pseudonym, das der liebe Gott wählt, wenn er unerkannt bleiben will«. Nicht selten ist es das Interesse am Kulturgut Kirchengebäude, das Menschen, die eher kirchenfern geprägt sind, in die Nähe von Kirchen lockt. Eine Vielzahl von Menschen, die sich sogar ausdrücklich nicht als Christen verstehen, sehen die Kirchengebäude als wesentliche Kulturgüter an und sind bereit für ihren Erhalt zu spenden.

Die Erfahrung zeigt, dass auch und gerade ein modernes Gottesdienstgebäude, wie z.B. das in Gran Canaria Süd, Interesse von Urlaubern weckt. Es fällt aufgrund seines Baustils und seiner Platzierung ins Auge. Der zentral gelegene Gottesdienstort im Templo Ecuménico liegt am Einkaufszentrum in der Fußgängerzone. Dieses Kirchengebäude gehört der spanisch-katholischen Kirche und ist ein Magnet für alle ausländischen und spanischen Touristen. Die Konstruktion des Kirchendachs, das wie eine übergroße Muschel wirkt, zieht das Augenmerk der Vorübergehenden auf sich. Wenn die Tore geöffnet sind, leuchtet eine große farbige Buntglashinterwand dem Besucher entgegen. Ein solches Gebäude erwartet man nicht auf der Einkaufsmeile in Strandnähe. Viele schauen es sich näher an und bleiben am Schaukasten mit dem vielfältigen deutschsprachigem Angebot der »Kirche im Tourismus« hängen. Sonntags um 19 Uhr bietet die evangelische Kirche einen Gottesdienst an – warum sollte man nicht einmal ganz unverbindlich und unerkannt dort hineingehen und schauen, was die so machen oder an einer angeboten Wanderung teilnehmen?


»Kasualreisende«

Eine zweite Gruppe sucht gezielt bestimmte Orte, um persönliche Feste zu begehen wie z.B. eine Trauung. Punktuelle persönliche Begleitung wird durch einladende Gottesdienste zu unverzichtbaren Elementen des individuellen Lebens, die spirituelle Spuren hinterlassen. Urlaub bedeutet »aus der Alltagszeit« zu sein, und diese besondere Zeit gibt Raum für die spirituelle Dimension des Lebens. Die Frage, die Zuhause oft zu kurz kommt, bricht sich im Urlaub Bahn, die Frage nach dem Sinn des Lebens.

Hochzeit in Las Vegas – bei einigen heute ein »Muss«. Sich im sonnigen Mallorca trauen lassen, das per Flug schnell zu erreichen ist, ist angesagt. Denn auch im Mai und Juni kann das Wetter in Deutschland schlecht sein und die Preise, um eine Fest in Deutschland zu feiern, sind enorm. Warum also nicht etwas exklusiver? Ein Hochzeitstourismus hat sich entwickelt.


»Situationschristen«

Begriffe können Gedanken fokussieren, sind plakativ und handhabbar, treffen den differenzierten Inhalt aber sicher nicht in Gänze. Die evtl. unzutreffende Bezeichnung meint Menschen, die ein oder mehrere Wochen Urlaub machen und dabei sehr differenziert auf Kirche im Tourismus reagieren. Sie informieren sich im Vorfeld über das Angebot, das sie erwartet. Gerade die Menschen, die zwei oder drei Wochen Urlaub machen, sollen erreicht werden. Denn eine gute Begegnung mit Kirche in der freien Zeit, kann Auswirkungen auf die Wahrnehmung von Kirche im Alltag haben.

Die Begegnungen während der Wanderungen oder Ausflüge mit den Pfarrern sind Seelsorgegelegenheiten par excellence. Die Natur öffnet das Herz, wie von selbst ergibt sich beim Nebeneinandergehen, die Möglichkeit, das offene Ohr der Pfarrerin zu finden. Zweimal pro Woche werden diese Ausflüge vom Tourismuspfarramt Süd seit vielen Jahren angeboten.

Gleichzeitig sollte das Erleben von Gemeinde über die Wahrnehmung der Webseiten nicht unterschätzt werden. Eine kontinuierliche Nähe zur Gemeinde und eine Art »Mitleben« entstehen dadurch, auch wenn Menschen nur wenige Wochen im Jahr am Urlaubsort sind. Ich traf einen allein reisenden Mann mittleren Alters auf einer von der Tourismusgemeinde angebotenen Wanderung. Von ihm erfuhr ich, dass er regelmäßig auf Gran Canaria Urlaub macht, in der Regel zwei bis drei Wochen dort bleibt und das Wanderangebot der Kirche wahrnimmt, ohne andere Angebote wie Gottesdienste anzunehmen. Für ihn war seine Teilnahme eine gute und wichtige Tradition. Bevor er die Reise antrat, informierte er sich über das ­Internet, den Webauftritt der Kirche von Gran Canaria Süd, über die geplanten ­Wanderungen.

Andere allein Mitwandernde nahmen diese Veranstaltung an, weil der Partner nicht mitwandern wollte und sie sich im »Schoß« des kirchlichen Angebots wohlfühlten. Eine Touristin berichtete mir, dass sie die Insel seit über 20 Jahren kennen würde, denn ihre Tante hatte einmal eine Wohnung dort. Sie war mit ihrem Mann auch schon etwas länger, also über einen Monat, in Urlaub auf Gran Canaria. Zurzeit kämen sie zweimal im Jahr vier Wochen. Sie sei Kirchgängerin und gehe in jeden Gottesdienst, erzählte sie mir, bei den anderen Sachen, die von der Kirche angeboten würden und die sie besuchen könnte, würde sie nicht mitmachen. Das kirchliche Leben der Gemeinde auf Gran Canaria Süd würde sie intensiv über die Webseiten verfolgen. Schließlich, so meinte sie, sei die Insel »ja so etwas wie ihre zweite ­Heimat«.


»Dauerurlauber«

»Daneben gibt es die Gruppe der Semiresidenten, d.h. der Deutschen bestimmten Alters (überwiegend Ruheständler), die im Winterhalbjahr Deutschland verlassen, um für mehrere Wochen bis Monate im Ausland zu leben. Diese Zielgruppe ist in ihrem Verhalten sehr heterogen, nicht nur in Bezug auf die Aufenthaltsdauer, sondern auch in Bezug auf ihre Bindung an die Gemeinde. Ein Großteil konsumiert die kirchlichen Angebote. Ein geringerer Teil engagiert sich aktiv. Diese ›Zugvögel‹ leben in zwei Lebenswelten, suchen ein begleitendes kontinuierliches Angebot, verlässliche Strukturen, soziales Netzwerk, deutsche Community, Beheimatung, Begegnung und Geselligkeit. Die Gruppe der Semiresidenten ist ein Spezifikum in der Auslandstourismusarbeit, das es in dieser Form und der quantitativ hohen Zahl im Tourismus in Deutschland nicht gibt.« (OKR Schneider, Tourismus als Ort kirchlichen Handelns der EKD im Ausland, 2014) Gemeinde auf Zeit ist geprägt durch saisonale Zeiten, wechselnde Zielgruppen, fehlende kontinuierliche Mitarbeit.

Die Semiresidenten haben den Beginn der Nachberufsphase mit dem Leben in »zwei Welten« geplant. Der Übergang in den Ruhestand kann eine »schwierige und belastende Phase werden« (6. Bericht zur Lage der älteren Generation in der Bundesrepublik Deutschland, kurz: Altenbericht 2010). Kirche im Tourismus ist an dieser Stelle präsent, es gilt, Menschen neue Aufgaben und Tätigkeitsfelder aufzuzeigen. Das Gefühl, dass sie gebraucht werden, kann vermittelt werden. Durch ehrenamtliche Tätigkeit kann das Individuum leichter ein Selbstbild als Gestalter des eigenen Lebens aufrechterhalten (6. Altenbericht 2010).


Neue Freiheit

Die nachberufliche Phase hat sich aufgrund der demografischen Entwicklung stark ausgedehnt. Gegenüber der Fremdbestimmung und dem Leistungsdruck im Berufsleben zeichnet sich für das dritte Alter für viele Jahre die Chance ab, Freiheit zu gestalten. Die eigenen Ressourcen können eingebracht werden, da die Menschen ihren Ruhestand bei relativ guter Gesundheit und oft materiellem Wohlergehen erleben. Die Gestaltung der Freiheit kann sich als schwierig erweisen, birgt aber die Chance, auch nach Berufs- und Familienphase persönliche Erfüllung zu finden. Nach der gesellschaftlichen und familiären Leistungsphase gibt es neue Aufgaben.

Unterschiedliche Studien zeigen, dass Menschen des Gefühls der Einmaligkeit bedürfen, dass sie Freiheit und Selbstbestimmung wollen und Heimat und Verortung brauchen. Gerade in der »bekannten Fremde« – ein halbes Jahr z.B. in Spanien – ist es möglich, diesen Sehnsüchten von Menschen im kirchlichen Kontext Raum und Erfüllung zu geben. Sie werden ermutigt, mit der neuen Freiheit umzugehen und sie zu nutzen.

In Gran Canaria Süd besteht neben der Kirche, dem Templo Ecuménico, auch ein evangelisches Gemeindehaus, das als Begegnungszentrum ansprechende Räume und eine gute Ausstattung bietet. Außer Wanderungen und Ausflügen, die zweimal in der Woche angeboten werden, gibt es Gesprächs-, Kino-, Literatur-, Kochnachmittage oder -abende. Hervorzuheben ist, dass sich die unterschiedlichen Gruppen von interessierten Reisenden, also »Situations- und Dauerurlauber«, wie sie in diesen Ausführungen genannt wurden, bei den Wanderungen und Ausflügen mischen und damit in Kontakt kommen. Die anderen Angebote werden in der Regel von den Semiresidenten wahrgenommen und getragen.


Der Gottesdienst als zentrales Angebot

Das Tourismuskonzept der EKD will den Gottesdienst als übergreifendes Angebot, am Urlaubsort im In- und Ausland, der zu den am häufigsten genutzten Veranstaltungsformen gehört und überdurchschnittlich gut besucht wird, als zentrales und verbindendes Element etablieren. Ein freundlich und einladend gestalteter Gottesdienst, verbunden mit einem guten und zentral gelegenen Standort, ist eines der Kernangebote der Tourismusseelsorge. Der Gottesdienst ist das Symbol von Kirchlichkeit und pastoraler Präsenz.

Die missionarische Chance der Kirche im Tourismus zielt darauf ab, Menschen positive Erfahrungen mit Kirche zu ermöglichen, die bis in ihre kirchliche Heimatsituation hinein nachwirken können. Dabei sind Formen der Begegnung zu ermöglichen, die sich am Ort und den Bedürfnissen der Urlauber orientieren und es den unterschiedlichen Besuchern erleichtern sich hineinzufinden. Der Gottesdienst ist einladend gestaltet mit verständlicher und nachvollziehbarer Liturgie und Sprache. Elementare, Glauben weckende Verkündigung prägt die gemeinsame Feier.


Ekklesiologische Bemerkungen

Eine gastfreundlich ausgerichtete Gemeinschaft fragt nicht danach, woher einer kommt, sie ist da und gibt, was der Mensch braucht. Was ein Mensch auf seiner Lebens-Wanderung braucht, findet sich exemplarisch im AT, beim Besuch von drei Männern bei Sara und Abraham (1. Mos. 18,1-16). Der Mensch wird als Ganzes mit körperlichen, psychischen und geistlichen Bedürfnissen wahrgenommen. Den Besuchern wird vor der Frage, wieso sie gekommen sind, Raum zum Bleiben und Rasten angeboten. Wer seine Reise unterbricht, braucht Platz auszuruhen. Die Möglichkeit »sich frisch zu machen«, die Körperpflege steht nach anstrengender Reise an. Das Beste zum Essen wird den Angekommenen zur Stärkung angeboten. Der Gastgeber bedient seine Gäste selbst und würdigt sie dadurch und steht als Ansprechpartner zur Verfügung. Den Gästen soll es an nichts fehlen, sie sollen sich rundherum wohlfühlen, um sich von der Anstrengung zu erholen. Dass das Stillen der körperlichen Begierden auch der Psyche gut tut, schildert der Satz: »Und ich will euch einen Bissen Brot bringen, dass ihr euer Herz labet.«

Gastliche Kirche fragt nicht nach Herkunft oder nach dem Warum des Besuchs eines Menschen, sie gibt in jeder Hinsicht, was der Mensch braucht. Bei der Begleitung von Menschen in Freizeit und Urlaub, beim zufälligen Kontakt mit Kirche und Kirchengebäude stellt sich die Frage nach dem Verständnis von Kirche. Fragt eine offene Kirche, die ihr Selbstverständnis an der Gastfreundschaft ausrichtet, nach der Mitgliedschaft? »Wenn die Kirche als Institution ihren Platz im Kontext einer zunehmend areligiösen, religionslosen Kultur behalten oder neu gewinnen will, wird sie ihre Gestalt und ihre Binnenstruktur verändern müssen. Vor allem braucht sie ein frisches, unverbrauchtes Verständnis ihrer selbst, in dessen Mittelpunkt nicht mehr sie selbst als Institution steht, sondern das Evangelium.« (Hans-Martin Barth, Konfessionslos glücklich, 217) Wenn es dem Angebot der Touristenseelsorge gelingt, Menschen in ihren Fragen nach dem Sinn des Daseins und der Tiefe der persönlichen Infragestellungen beizustehen, und ihnen Sprache für diese Themen zur möglichen Reflektion verleiht, dann wird dem Glauben und nicht der Kirche Zukunft gegeben (Barth, 223).

Menschen, die sich auf den Weg machen, verreisen, längere Zeit in anderen Gebieten weilen, haben meistens ein Stück Sehnsucht und Suche nach etwas im Gepäck, etwas, das man vielleicht in der Ferne finden kann. Was kann einem begegnen: eine bisher unbekannte Facette von sich selbst, eine Antwort auf die Frage nach dem Sinn im Leben, die trägt, eine Gemeinschaft vielleicht, die das eigene Ich vergessen lässt, weil der Kontakt mit ihr erfüllend ist. Wenn Kirche Menschen hilft, die wesentlichen Dinge im Leben zu finden, dann verwirklicht sie die frohe Botschaft.


Heiderose Gärtner-Schultz

Über den Autor

Pfarrerin Dr. Heiderose Gärtner-Schultz, Tourismusseelsorgerin der EKD (i.R), viele Jahre im Vorstand des Verbandes deutscher Pfarrerinnen und Pfarrer, Redakteurin bei kirchlichen Zeitungen und Fachbuchautorin; www.gaertner-schultz.de
www.sinn-schaffen.de

Aus: Deutsches Pfarrerblatt - Heft: 6/2016

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