Zur medizinethischen Begrenzung pharmazeutischer Studien
»... und führe uns nicht in Versuchung«

Von: Urs Espeel
1 Kommentare zu diesem Artikel / Artikel kommentieren

Menschen stehen aus unterschiedlichen Gründen in der Versuchung, Dinge zu tun, die nicht getan werden können – gerade, weil sie das Gute wollen. Im Rahmen der Medizinethik oder der Entwicklung von Medikamenten tritt dies an mehreren Stellen zu Tage. Das betrifft nicht nur die Durchführung und damit die Möglichkeit der Studien, sondern auch das Rechtsverhältnis zwischen Erkrankten und privaten Pharmaunternehmen während der Dauer dieser Studien. Anhand der kulturwissenschaftlichen Kategorie der Erzählbarkeit geht Urs Espeel diesen beiden Fragestellungen in theologischer Perspektive nach.


Die christliche Ethik geht von einer guten Lebenspraxis aus. Sie kommt zu ihren Urteilen nicht ausgehend von Extremsituationen, sondern diese erscheinen ihr als Notsituationen von einer gelebten, mit anderen geteilten und daher guten Wirklichkeit her. Als solche ist die christliche Ethik narrativ und ihre Urteile haben das Ziel, Dinge wieder erzählbar werden und damit in Erscheinung treten zu lassen. Kann nicht erzählt werden, dann ist dies ein Zeichen für ein nicht nur fehlendes, sondern auch notwendiges Urteil. Wenn z.B. Not nicht erzählerisch mitgeteilt werden kann, sondern lediglich bearbeitet wird, dann ist das für die christliche Ethik keine Welt, die Menschen miteinander teilen. Das heißt: In dem Moment, in welchem wieder erzählt wird und nicht lediglich bearbeitet, hat sich die Welt durch ein Urteil in aller Weite geöffnet. Wenn also erzählt werden kann, dann erschließt sich Menschen eine Geschichte. Kann nicht erzählt werden, dann fallen Menschen aus dieser heraus.

Im Fall der Medizinethik und in diesem Fall der Möglichkeit eines compassionate use oder individuellen Heilversuchs durch die Erhaltung oder Verabreichung eines noch in der Erprobung befindlichen Medikaments kann daher nach Stellen gesucht werden, die noch nicht erzählbar sind, wie sehr sie durch unterschiedliche Interessenlagen auch gerechtfertigt werden. Wird eine oder werden gleich mehrere solche Stellen gefunden, dann muss geurteilt werden. Dieses Urteilen wird faktisch verhindert werden, indem das Erzählen erschwert wird. Ein Grund, das Erzählen zu verhindern, kann dabei darin liegen, dass in dem Moment, in dem erzählt würde, das Urteil unumgänglich wäre, also eigentlich schon da ist, aber an seinem Erscheinen in der Öffentlichkeit gehindert werden soll. Dies ist vor allem dann der Fall, wenn eine bestehende Praktik, und sei es aus hehren Gründen, einen Opfermechanismus in sich trägt. Wenn dieser zutage tritt, dann kann die christliche Ethik nicht anders als diese Praktik zurückzuweisen. Denn nicht nur nach lutherischer Tradition kann das Opfer nicht gerechtfertigt werden. Zu keinem Zeitpunkt darf der Mensch, an dem gehandelt wird, von dem Menschen, für den gehandelt wird, getrennt werden. Wäre dies möglich, der Zweck heiligte die Mittel.

Würde der Mensch als Mittel zum Zweck gebraucht, verletzte dies nicht nur die Würde der erkrankten Menschen, die sich in einer Notsituation befinden, sondern auch die Würde derjenigen, die eine Studie zur Erprobung eines Medikaments durchführen. Dies ist bereits der erste Schritt, die ethische Fragestellung zurück in die Erzählbarkeit zu führen. Denn es ist das Wesen des Opfermechanismus, das Opfer zu vereinzeln, sozusagen aus dem Gesamtzusammenhang herauszunehmen und das Problem ausschließlich oder vor allem bei ihm und seiner Situation zu suchen. Eine Gesellschaft die Menschen aussondert, indem sie Not durch Desinteresse negiert oder mit allen Mitteln aus der Welt zu schaffen sucht, nimmt Schaden an ihrer Seele. Denn um den Menschen, an dem gehandelt wird, von dem Menschen, für den gehandelt wird, zu trennen, muss dieser auch noch von allen übrigen getrennt werden. Die Kehrseite des Opfers ist also der Priester im Sinne Nietzsches. Eine Gesellschaft, die auf Opfer beruht, braucht solche Priester, die stillschweigend und gebilligt das Unmögliche tun.

Ganz konkret heißt dies im Fall von Studien, die die Wirksamkeit eines Medikaments betreffen: Das zu erprobende Medikament innerhalb einer Studie kann zwar von einem Heilversuch begrifflich unterschieden, nicht aber völlig getrennt werden. Dies ist nicht nur nicht möglich, sondern entspricht auch nicht der Wirklichkeit. Denn das zu erprobende Medikament wird nicht nur mit der Hoffnung und Erwartung einer Wirksamkeit eingenommen, sondern auch verabreicht. Wäre dies nicht der Fall, eine Studie könnte nicht mehr von einem reinen Experiment oder schlichtem Ausprobieren unterschieden werden. Dass eine Studie auch ein Experiment ist, kann und darf nicht dazu führen, sie auf ein solches zu reduzieren. Wer dies für möglich und machbar hält, ist außerhalb nicht nur des christlichen Ethos, wie hehr seine Gründe auch sein mögen.

Es ist dieser Zusammenhang, der ein Medikament von einer einfachen Ware unterscheidet, mit der man handeln kann oder auch nicht. Aus diesem Grund unterliegt seine Entwicklung und Erprobung nicht nur aller höchsten ethischen Standards, die eingehalten werden müssen, und sei es, dass Studien beschränkt oder unter Umständen gar nicht durchgeführt werden können, sondern können marktwirtschaftliche Argumente niemals ein Grund dafür sein, compassionate use oder einen individuellen Heilversuch zu verhindern. Daher kann und darf die Entscheidung über einen compassionate use und einen individuellen Heilversuch nicht in der Entscheidungshoheit eines privaten Unternehmens liegen, das sich nach den Regeln der privaten Marktwirtschaft richtet. Aus einer einseitigen Abhängigkeit des Erkrankten von privaten Unternehmen muss eine über eine Institution ermöglichte Rechtsbeziehung werden.


Urs Espeel

Aus: Deutsches Pfarrerblatt - Heft: 2/2016

1 Kommentar zu diesem Artikel

Ein Kommentar von Hilfsstelle für ev. Pfarrer / 06.03.2016
Zu der in diesem Pfarrerblatt von den Brüdern Urs Espeel und Christian Johnsen ("Sondern erlöse uns von dem Unrecht") behandelten Problematik hat die SZ an diesem Wochende einen Bericht auf Seite 10 abgedruckt, der auch auf das Deutsche Pfarrerblatt Bezug nimmt. Hier findet man dazu die Kurzfassung: sueddeutsche.de/panorama/medikamente-darf-eine-pharmafirma-ein-lebensrettendes-medikament-zurueckhalten-1.2893683

Kommentieren Sie diesen Artikel










Bitte geben Sie die angezeigte Zahl in das nachfolgende Textfeld ein



Sicherheitszahl


zurück

13. Sonntag nach Trinitatis
10. September 2017, Markus 3,31-35
Artikel lesen
Begründete »Islamophobie«?
Einige Aspekte zu einem differenzierten Umgang mit dem Islam in Deutschland
Artikel lesen
Brief aus der Bundeshauptstadt

Artikel lesen
Von einer, die auszog zu lernen
Ein Zwischenruf
Artikel lesen
Der »selbstbestimmte Sonntag« fremdbestimmt
Zur Liberalisierung des Sonntagshandels – am Beispiel Griechenland
Artikel lesen
»Die Hölle ist in allen Suren offen«
Ein Pfarrer liest den Koran
Artikel lesen
Wie sich eine Protestantin für Juden einsetzte, als ihre Kirche schwieg
Erinnerungen an Elisabeth Schmitz
Artikel lesen

PDF

Sie können diesen Artikel als PDF-Dokument runterladen.

PDF-Dokument

Impressum

Dieser Text wurde im Deutschen Pfarrblatt veröffentlicht. Weitere Informationen finden Sie hier:

Impressum


Hinweis

Für Adressänderungen sowie Abonnementbestellungen oder –kündigungen wenden sie sich an ihren zuständigen Pfarrverein.

Nur dort können die Daten geändert werden. Vielen Dank!