Die Kunst, Kirche zu gestalten
Strategisch evangelisch

Von: Christoph Dinkel
2 Kommentare zu diesem Artikel / Artikel kommentieren

Wie ist Kirche heute zu leiten? Was sind sinnvolle Strategien im Umgang mit den vielfältigen Herausforderungen, mit denen sich Kirchenleitungen konfrontiert sehen? Lässt sich die evangelische Kirche überhaupt steuern? Diesen kybernetischen Fragen geht der Beitrag von Christoph Dinkel nach.1

Reiner Preul zum 75. Geburtstag in Dankbarkeit gewidmet


1. Marginalisierungssorgen

Seit Ende des 18. Jh. wird die evangelische Kirche von Marginalisierungssorgen geplagt. Der von den Umbrüchen der Aufklärung ausgelöste gesellschaftliche und wissenschaftliche Modernisierungsschub ist bis heute nicht gut verarbeitet. Schon in seinen Reden »Über die Religion« aus dem Jahr 1799 konstatiert Friedrich Schleiermacher, dass sich insbesondere die gebildeten Kreise ihr Leben ohne Religion eingerichtet haben. »Es ist Euch gelungen,« schreibt Schleiermacher an die Religionsverächter seiner Zeit, »das irdische Leben so reich und vielseitig zu machen, daß Ihr der Ewigkeit nicht mehr bedürfet, und nachdem Ihr Euch selbst ein Universum geschaffen habt, seid Ihr überhoben an dasjenige zu denken, welches Euch schuf.«2 Schleiermacher motiviert diese Marginalisierungserfahrung dazu, ein Konzept für ein erneuertes und durch die Krise der Aufklärung hindurchgegangenes Christentum zu entwickeln. Konkret sucht er nach einem Modell für ein den modernen Bedingungen angepasstes Kirchenwesen. Er entwirft ein Kirchenreformprogramm und fordert ein Ende des landesherrlichen Kirchenregiments sowie die Etablierung einer demokratisch »von unten« aufgebauten Kirche. Diese soll sich allein nach ihren eigenen, protestantischen Prinzipien selbst steuern. Er verlangt eine Überwindung der innerprotestantischen Spaltungen sowie eine bessere Ausbildung und eine angemessenere Bezahlung der Geistlichen.3

200 Jahre später sind die Forderungen Schleiermachers weitgehend umgesetzt. Lutheraner und Reformierte sind unter dem Leuenberger Dach und in der EKD vereint. Die evangelische Kirche ist demokratisch verfasst. Sie steuert sich selbst nach protestantischen Prinzipien. Finanziell geht es ihr so gut wie lange nicht. Und dennoch herrscht in der evangelischen Kirche erneut die Angst vor Marginalisierung. Und wieder regt die Marginalisierungsangst zu Kirchenreformbemühungen an. In einer Vergleichsstudie zu den Reformprozessen der vergangenen Jahre in drei Landeskirchen – Mitteldeutschland, Nordkirche und Württemberg – kommt Stefanie Brauer-Noss zu folgendem Resümee: »Die Angst vor der Bedeutungslosigkeit ist der stärkste [Reform-]Motor in allen drei Landeskirchen.«4 Die Gründe für die Angst der Kirchenleitenden sind bekannt: Der demographische Wandel lässt einen erheblichen Mitgliederschwund erwarten. Verschärfend wirkt, dass man Mühe hat, die Jugend unter den Kirchenmitgliedern zu erreichen. Dazu kommen verschieden motivierte Kirchenaustrittswellen, denen man sich hilflos ausgesetzt fühlt. Die Konkurrenz auf dem religiösen Markt nimmt zu. Vertreter des Islam oder der Humanisten beanspruchen ebenfalls gesellschaftliche Aufmerksamkeit. Im Ergebnis all dieser Entwicklungen haben viele Kirchenleitende in der evangelischen Kirche Angst vor Marginalisierung.


2. Religiöse Indifferenz

Wenig Trost bietet da die fünfte Mitgliederbefragung der evangelischen Kirche, von der erste Ergebnisse vorliegen.5 Insbesondere die von Gerhard Wegner und Detlef Pollack in der KMU vertretene Indifferenzthese ist geeignet, den Ängsten weiter Nahrung zu geben. Nach der Indifferenzthese spaltet sich die Gesellschaft tendenziell in solche, die religiös besonders engagiert sind und solche, denen Religion komplett gleichgültig ist, die also religiös indifferent sind. Pollack stellt fest: »Religiöse Indifferenz ist ein wichtigerer Austrittsgrund als Unzufriedenheit mit der Kirche oder die Kritik an ihr. Den Aussagen ›Ich bin aus der Kirche ausgetreten, weil ich in meinem Leben keine Religion brauche‹, ›weil ich mit dem Glauben nichts mehr anfangen kann‹, ›weil mir die Kirche gleichgültig ist‹, stimmt eine klare Mehrheit der Ausgetretenen zu.«6 Weiter führt er aus: »Fast drei Viertel der Konfessionslosen sehen ihre religiöse Haltung zutreffend wiedergegeben, wann man sagt: ›Ich habe nichts gegen Religion, sie ist mir einfach egal.‹«7 Bemerkenswert ist, wie sich die Situation der von Schleiermacher im Jahr 1799 beschriebenen ähnelt. Immerhin hat aber zugleich mit der Zunahme des Anteils der religiös Indifferenten auch der Anteil der mit der Kirche Hochverbundenen zugenommen. Die früher einmal breite Mitte der mäßig auf Religion Ansprechbaren schrumpft.

Als Ursache dieser Entwicklung wird der gesellschaftliche Megatrend der Säkularisierung angesehen. Stand die Religion einst mit an der Spitze der vormodernen, stratifizierten Gesellschaft, so wird im Zuge der Entwicklung der modernen Gesellschaft die Religion zu einem Funktionssystem neben anderen. Sie reiht sich ein neben die Systeme Macht, Recht, Wirtschaft, Bildung, Gesundheit und Kunst. Der Einfluss der Kirche geht zurück, die »soziale Signifikanz von Religion« wird schwächer.8 Es kommt zu einer »Relevanzdiffusion« des Religiösen (KMU, 19). In der Folge wird die Kirchenmitgliedschaft für die gesellschaftliche Teilhabe immer unwichtiger. War es in den 70er Jahren für einen Handwerker im Blick auf kirchliche Aufträge oder Kundschaft undenkbar aus der Kirche auszutreten, so bleibt heute ein Austritt meist folgenlos. In hohen politischen Ämtern sind Kirchenmitglieder zwar noch überrepräsentiert, aber zunehmend sind auch höchste Staatsämter ohne Kirchenmitgliedschaft erreichbar. Die Wiedervereinigung hat diesen Trend noch einmal deutlich verstärkt.

Zusätzlich zu diesem Trend der Säkularisierung hat sich das Religionssystem intern stark pluralisiert. Die ehemals konfessionell geschlossenen Gebiete sind Geschichte. War z.B. Stuttgart bis zur Zeit Napoleons eine rein evangelische Stadt, so lag der Anteil 1950 bei 71%. Im Jahr 2011 lag er bei knapp 29%, katholisch sind in Stuttgart 25% der Bevölkerung. Der Anteil jener, die ohne oder mit anderer Religion oder Konfession sind, beträgt 46%.9 Der »religiöse Markt« ist plural geworden. Freikirchen, Buddhisten, Muslime und Humanisten sind präsent und machen das Feld unübersichtlicher oder – je nach Geschmack – auch bunter. Die ehemals enge Koppelung kirchlicher Institutionen mit staatlichen und kommunalen Einrichtungen besteht zwar weiter. Aber sie ist weniger selbstverständlich als früher. Der konfessionelle Charakter kirchlicher Kindergärten wird teilweise kritisch betrachtet. Wo die Mehrzahl der Kindergartenkinder muslimischen Glaubens ist, nimmt die Plausibilität einer christlichen Weihnachtsfeier in der Kita ab. Und zu Recht darf von Seiten der Städte und Gemeinden die Frage gestellt werden, ob nicht andere Träger als christliche bei mehrheitlich muslimischen Kindern die bessere Option sind.

Die für die Kirche angenehme Seite der Indifferenzthese ist, dass derjenige, der heute Mitglied der evangelischen Kirche ist, es im Durchschnitt bewusster ist als früher. Eine Kirchenmitgliedschaft aus purer Konvention wird seltener. Die Zahl der hochverbundenen Mitglieder ist in den letzten 20 Jahren von 11 auf 15% gestiegen (KMU, 85). Die Zahl derer, für die ein Kirchenaustritt nicht in Frage kommt, ist im selben Zeitraum von 55 auf 73% gestiegen (KMU, 87). Das ist ein erfreuliches Ergebnis. Die Kirche hat zwar weniger Mitglieder, aber die sind dafür stärker identifiziert als in früheren Jahren. Und immerhin kann man feststellen, dass die für die Kirche schlimmsten Säkularisierungsprognosen keinesfalls eingetroffen sind. Die von Kommunisten, Humanisten und anderen gehegte Erwartung, das Christentum oder die Religion überhaupt werde im Zug der Modernisierung aussterben, hat sich in keiner Weise bewahrheitet. Religionen sind nach wie vor mächtige gesellschaftliche Faktoren – und daran wird sich auch in Zukunft nichts ändern.

Für die Frage einer evangelischen Strategie ist jedoch ein anderer Befund entscheidend: Säkularisierung ist ein gesellschaftlicher Megatrend. Er lässt sich durch kirchliches Handeln praktisch nicht beeinflussen. Auf Säkularisierungstendenzen kann sich die Kirche nur einstellen, sie kann sie nicht umkehren. »Wachsen gegen den Trend«, wie es das Reformpapier »Kirche der Freiheit« propagierte10, ist ein illusionäres Unterfangen. Das haben die meisten inzwischen gemerkt. Welche gesellschaftliche Rolle die Religion einnimmt, klärt sich durch evolutionäre Prozesse. Im Blick auf die Gesellschaft und ihre Megatrends gibt es kaum Raum für Planung oder Strategien.


3. Distanzierte Kirchlichkeit

Die von Wegner und Pollack in der KMU vertretene Säkularisierungs- und Indifferenzthese wird nicht von allen geteilt. Energischen Widerspruch hat u.a. Georg Raatz11 im Deutschen Pfarrerblatt eingelegt. Raatz vertritt die sog. Individualisierungsthese, nach der die Religion in der Moderne nicht schrumpft, sondern nur andere Formen annimmt. Religion sei deshalb auch außerhalb der Kirche anzutreffen und die Kirche müsse versuchen, besser als bislang diese Religiosität zu berücksichtigen. Raatz plädiert für eine liberalere kirchliche Theologie und meint damit die Volkskirche im Anschluss an Volker Drehsen religionsfähiger machen zu können. Die Debatte kann hier im Einzelnen nicht geführt werden, aus meiner Sicht unterschätzt Raatz jedoch den gesellschaftlichen Megatrend der Säkularisierung, und er überschätzt den Charme der liberalen Theologie und die Reichweite der kirchlichen Handlungsmöglichkeiten.

Auch Gerald Kretzschmar nimmt die Indifferenzthese der 5. KMU kritisch in den Blick. Das Phänomen der distanzierten Kirchlichkeit hält er in der KMU für nicht ausreichend gewürdigt.12 Zu viel werde auf die Extreme geschaut, dabei sei doch die mitteltemperierte Kirchenmitgliedschaft weiterhin der Normalfall. Kretzschmar sieht Differenzierungsbedarf, weil Distanz nicht mit Indifferenz verwechselt werden darf. Schon früher hat Kretzschmar darauf verwiesen, dass auch unter den der Kirche hochverbundenen Mitgliedern nicht alle an den kirchlichen Veranstaltungen partizipieren möchten. Ein Merkmal der modernen Gesellschaft ist es, dass Kommunikation häufig mediatisiert, also mittelbar, mit geringer wechselseitiger Rückkopplung, anonym, distanziert, hochgradig selektiv und von den Individuen sehr gezielt gesteuert erfolgt.13 Die Distanz als Grundmodus der Kommunikation ist geradezu die Voraussetzung für den Zusammenhalt der modernen Gesellschaft mit den häufig unvereinbaren Interessen ihrer Mitglieder.14 Auch für die Kirche sei der Grundmodus der Distanz prägend. Die meisten Kirchenmitglieder schalten nur zeitweilig und nur bei bestimmten Themen von Distanz auf Nähe um: Der typische Fall dafür sind die Kasualien oder der Weihnachtsgottesdienst. Kretzschmars These lautet: »Die Kirchenbindungsformen, die unter der Chiffre distanzierte Kirchlichkeit subsumiert werden, sind der Normaltypus protestantischer Frömmigkeit und bilden die ökonomische wie auch die geistige Basis des gegenwärtigen kirchlichen Lebens.«15 Ergänzend stellt Kretzschmar fest: »Die Gestalter der Kirchenbindung sind die Mitglieder«16. Damit wird die Kirchenbindung »von Faktoren bestimmt, die sich kirchlicher Beeinflussbarkeit weitgehend entziehen.«17 Nicht nur die Säkularisierung, auch die Kirchenbindung lässt sich demnach durch kirchliche Strategien kaum steuern.


4. Protestantisches und katholisches Kirchenverständnis

Fragt man den eingangs schon beanspruchten Friedrich Schleiermacher, was den Kern der protestantischen Lehre ausmacht, so nennt er zum einen die reformatorische Rechtfertigungslehre und zum anderen das allgemeine Priestertum. Beides zusammen bildet die differentia specifica der evangelischen Kirche gegenüber der katholischen. Bei der Rechtfertigungslehre gab es Ende der 1990er Jahre gewisse Annäherungen und Verständigungen. Doch beim allgemeinen Priestertum bleiben die Differenzen bis heute unüberbrückbar. Die katholische Kirche kennt zwar auch ein allgemeines Priestertum. Es ist aber dem Weihepriestertum gerade entgegengesetzt, während im Protestantismus auch das Amt der ordinierten Geistlichen nur eine Spezialform des allgemeinen Priestertums darstellt. Außenstehenden ist dieser Unterschied nicht leicht zu vermitteln, die Konsequenzen für das Amts- und Kirchenverständnis sind aber weitreichend.

Die Katholische Kirche sieht im Zentrum der Kirche den Papst und die Kardinäle als Nachfolger Jesu und des Apostelkreises. Um diesen engsten Kreis lagern sich immer weitere Kreise, die ihr Kirchesein vom engeren Kreis ableiten. Der nächste Kreis ist der Kreis der Bischöfe, darum herum ist der Kreis der Priester und Ordensleute. Außen um diesen Kreis lagert sich schließlich das Gottesvolk. Das Modell spiegelt sich in der klaren Hierarchie der katholischen Kirche wieder. Diejenigen im engsten Kreis stehen der Tradition der Apostel am nächsten. Ihre Auslegung ist maßgeblich für alle anderen. Die Ämterweitergabe ist klar an das direkte und persönliche Vertrauensverhältnis gebunden, ausgedrückt im Institut der apostolischen Sukzession und in der Gehorsamspflicht des Priesters gegenüber dem Bischof. Man mag dieses Modell mögen oder nicht – es hat sich jedenfalls als enorm stabil erwiesen. Die katholische Kirche ist die älteste kontinuierlich bestehende Institution überhaupt auf der Erde. Sie hat den größten Mitgliederbestand und vermutlich wird es sie auch noch in 500 Jahren geben. Ob man letzteres auch von den deutschen evangelischen Landeskirchen so leichthin behaupten könnte?

Die evangelische Kirche verfolgt ein ganz anderes Kirchenmodell. Entscheidend dafür ist die Formulierung Philipp Melanchthons in CA VII: »Est autem ecclesia congregatio sanctorum, in qua evangelium pure docetur et recte administrantur sacramenta.«18 Die Kirche ist eine Versammlung der Gläubigen, in der das Evangelium rein gepredigt und die Sakramente evangeliumsgemäß verwaltet werden. Ergänzend wird in CA VII festgehalten, dass für die wahre Einheit der Kirche nicht mehr erforderlich ist als diese beiden Punkte, dass alle anderen Regelungen in der Kirche also frei verhandelbar sind. Insbesondere ist keine einheitliche Kirchenorganisation erforderlich.19 Aus reformatorischer Sicht entsteht Kirche damit überall dort, wo das Evangelium richtig gelehrt wird, ganz unabhängig von Sukzession und institutionellen Zusammenhängen. Kirche kann jederzeit und überall neu entstehen mit aller Autorität, Kirche Jesus Christi zu sein. Auf bemerkenswerte Weise geschieht das derzeit in China, wo täglich neue Hausgemeinden entstehen. Sie kommen ganz ohne personale oder liturgische Sukzession aus und sind doch aus reformatorischer Sicht Kirche mit vollem Recht und mit aller Autorität. Zum Protestantismus gehören große personelle, institutionelle und liturgische Freiheiten. Was dem Protestantismus an Stabilität durch eine mächtige Tradition fehlt, kann er durch seine enorme Spontaneität und Lebendigkeit wettmachen – jedenfalls war es in der Vergangenheit so und ist es derzeit in weiten Teilen der Welt immer noch.

In Deutschland haben sich in fast 500 Jahren evangelischer Kirche nun aber doch eine ganze Menge an Traditionen gebildet. Die evangelische Kirche ist längst eine mächtige Institution mit gut etablierten Strukturen geworden. Sie ist eine moderne Organisation, sie ist vernetzt mit anderen Organisationen und wie all diese anderen Organisationen stellt sich auch die Kirche die Frage nach der richtigen Strategie.


5. Die Organisation des Unorganisierbaren20

Der Münchner Soziologe Armin Nassehi hält im Anschluss an Niklas Luhmann Religion für ein essentielles, nicht ersetzbares Funktionssystem der modernen Gesellschaft: »Auf Religiöses wird offensichtlich Bezug genommen, wenn so etwas wie ein Gesamtzusammenhang in den Blick gerät.«21 Religiöse Kommunikation in diesem Sinne ist in der Gesellschaft konkurrenzlos und empirisch erwiesen anschlussfähig.22 Es wird also immer Religion geben, allerdings bleibt offen, welche Organisationsgestalt Religion hat. Sie muss nicht evangelisch-landeskirchlich sein.

Kirchen als Organisationen bieten »Zonen dichter gekoppelter Kommunikation«23 an. Damit sorgen sie dafür, »dass religiöse Inhalte, Traditionen und Sinngehalte in einer systematischen, wiederholbaren, ritualisierbaren, auch domestizierbaren Form möglich sind.«24 Religion, das wird an Nassehis Formulierung deutlich, hat immer wilde Züge mit dem Potential zur Grenzüberschreitung. Das zentrale Paradox einer kirchlichen Organisation ist deshalb nach Nassehi, »dass Glaubensinhalte, ihre Tradierung, ihre Bereitstellung für kollektives Erleben von Organisationsentscheidungen abhängig …, dass das Glaubenserleben«25 aber im Grunde unorganisierbar ist. Die Kirche als Organisation muss also das Unorganisierbare organisieren.26 Das, worauf es ankäme, ist dem Zugriff entzogen. Beeinflussen lassen sich nur die äußeren Umstände. Auch eine echte Evaluation der Arbeit der Kirchenorganisation ist kaum möglich, jedenfalls dann nicht, wenn man die Menge religiöser Kommunikation messen wollte, von einer Messung des Glaubens ganz zu schweigen. Die Weisheit der Kirchenorganisation liegt nach Nassehi darin, »das Nicht-Organisierbare nach eigenen Regeln geschehen zu lassen.«27 Sie sollte für »den Rahmen und die ökologischen Nischen«28 sorgen, in denen Religion sich ereignen kann.

Tatsächlich ereignet sich die größte Menge religiöser Kommunikation gerade nicht im kirchlichen Kontext. Die Familie und der Bereich des Privaten sind die Orte, an denen Religion virulent wird. Dort finden die entscheidenden Prägungen statt.29 Die Kirche kann über Gottesdienste, Religions- und Konfirmandenunterricht, über Jugendarbeit und musikalische Angebote zwar zur Religionsformung Beiträge leisten, aber sie muss wissen, dass sehr viel Relevantes außerhalb ihrer Zugriffsmöglichkeiten geschieht. Für die evangelische Kirche ist dieser Befund keineswegs bedrohlich. Martin Luther hat schon immer auf die Hausmütter und -väter und auf die Schulen gesetzt, wenn es um religiöse Bildung geht. Die Kirche als Heilsvermittlungsinstanz ist aus protestantischer Sicht entbehrlich. Die Aufgabe der Kirche ist allein auf die Organisation der religiösen Kommunikation ausgerichtet. Auf diese Grundaufgabe muss alles, was in der evangelischen Kirche als Organisation geschieht, zurückzuführen sein. Die kirchliche Organisation muss damit leben, dass sie nicht selbst religiös kommuniziert, sondern nur die religiöse Kommunikation anderer ermöglicht.30

Der religiöse Charakter der Kirche wird also vor allem daran sichtbar, was sie organisiert: die Kommunikation des Evangeliums. Aus dem Prinzip des allgemeinen Priestertums folgen einige weitere Vorgaben für die Organisation: Sie muss demokratischen Ansprüchen genügen, sie muss hinreichend transparent sein, genügend Partizipationsmöglichkeiten bieten und die Glaubensfreiheit aller Kirchenglieder respektieren. Ansonsten gelten für die Kirche als Organisation die gleichen Qualitätskriterien wie für jede Organisation. Sie sollte effektiv und geräuscharm ihre Arbeit tun.

Folgt man Schleiermacher, so hat die ganze christliche Kirche eine »demokratische Tendenz«31. Konkret bedeutet das für Schleiermacher, dass die Kirchenleitung von Anfang an berücksichtigen muss, dass sie nur das anordnen kann, was auch Akzeptanz finden wird. Schleiermacher fasst diese Erkenntnis lapidar so zusammen: »Es ist also auch gar nicht so schwer die Kirche zu regieren, wenn man nur nicht zu viel regieren will«32. Allzu rigide Vorgaben werden ohnedies nicht befolgt. Man sollte sie sich daher sparen, um unnötige Unruhe und Verwerfungen zu vermeiden. Schleiermacher hatte bei diesen Gedanken die Auseinandersetzungen um die preußische Agende vor Augen. Rebellische Geistliche, zu denen Schleiermacher selbst gehörte, hatten die kirchenleitenden Vorgaben zu einer Reform der Gottesdienstliturgie schlicht ignoriert und die Legitimität der Vorgaben in Frage gestellt. Ein solch rigides, landesherrliches Regiment wie zu Schleiermachers Zeit gibt es nicht mehr. Aber mit dem Rebellentum der Basis – sei es fundamentalistischer, antiinstitutioneller oder liberaler Natur – müssen auch evangelische Kirchenleitungen heute rechnen. Rebellentum gehört wesentlich zur Religion, so lange eine religiöse Tradition wirklich lebendig ist. »Strategisch evangelisch« heißt aus dieser Perspektive: mit dem Rebellentum der Basis rechnen und leben lernen.


6. Pfarrberuf

Die meiste religiöse Kommunikation findet in Familien statt. Diese Kommunikation entzieht sich der kirchlichen Steuerung – und das ist auch gut so. Gewisse Steuerungsmöglichkeiten hat die Kirchenleitung jedoch bei den von kirchlichen Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern ausgehenden Kommunikationsprozessen. Die wichtigste Mitarbeitergruppe sind dabei die Pfarrerinnen und Pfarrer. Der Pfarrberuf ist der kirchliche Schlüsselberuf. Die Position der Pfarrerinnen und Pfarrer wurde in der evangelischen Kirche lange Zeit eher geschwächt: Es gab zu viele von ihnen und sie erschienen als zu teuer. Zudem wurde das Prinzip des allgemeinen Priestertums häufig pfarrerkritisch interpretiert. Man tat deshalb viel, um den Anschein einer Pastorenkirche zurückzudrängen. Isolde Karle hat mit ihrer Studie »Der Pfarrberuf als Profession«33 im Jahr 2001 einen deutlichen Gegenimpuls gesetzt und die These vom Pfarrberuf als kirchlichem Schlüsselberuf stark gemacht. Die 5. KMU bestätigt und untermauert diese These.34 Pastorinnen und Pastoren stehen für das religiöse Profil der Kirche, sie sind ihr Gesicht.35 Bei ihnen laufen die Fäden in der Gemeinde zusammen. Ihre öffentlichen Aufritte sind wichtige Signale für die Präsenz der Kirche in der Stadt oder im Dorf. Wer die Pfarrerin oder den Pfarrer auch nur von weitem kennt, tritt kaum aus der Kirche aus. Ein Blick in die Gemeinden zeigt überdies: Zu starken Pfarrerinnen gehören meist auch starke Teams von Ehrenamtlichen und kirchlichen Mitarbeitern. Von starken Pfarrern profitieren auch alle anderen, die in der Kirche aktiv sind: Kirchenmusikerinnen, Diakoninnen, Fachleute für Verwaltung. Es handelt sich nicht um ein Nullsummenspiel: was die einen mehr haben, haben die anderen weniger. Vielmehr gewinnen oder verlieren alle zusammen.

Was heißt das für die Strategie einer evangelischen Kirche? Gerald Kretzschmar stellt am Ende einer Studie zu »Mitgliederorientierung und Kirchenreform« fest: »Wo kirchliche Strukturreformen auf die Gewährleistung einer starken Position der Gemeindepfarrerinnen und Gemeindepfarrer zielen, wird man sowohl in Bezug auf die Empirie der Kirchenbindung als auch in Bezug auf den Auftrag der Kirche nichts falsch machen.«36 Kretzschmar vermeidet dabei konkrete Festlegungen. Die Wissenschaft tut sich schwer mit allzu detaillierter Beratung. Denn für strategische Entscheidungen bedarf es einer Fülle von Spezialkenntnissen, die nur an der zuständigen Entscheidungsposition vorhanden sind. Bei aller gebotenen Zurückhaltung könnte man aber folgendes festhalten:

Die Kirche sollte bei der Gewinnung des Pfarrernachwuchses versuchen, die besten Leute zu bekommen. Dazu gehört eine angemessene Bezahlung und eine anspruchsvolle Aus- und Fortbildung. Auch in Zeiten des Pfarrermangels sollte die Kirche nicht jeden nehmen, der sich selbst für glaubensvoll und berufen hält. Die Ablehnung eines Kandidaten empfindet der Kandidat vermutlich als persönliche Katastrophe, aber ungleich schwerer wiegen die Schäden, die schlechte Pfarrerinnen und Pfarrer über Jahrzehnte Gemeinden und Kollegen zufügen. In Zeiten des Pfarrermangels sollte man auch nicht die Qualifikationskriterien für den Pfarrberuf senken oder vermehrt auf Geistliche setzen, die über den zweiten Bildungsweg herangezogen werden. Das akademische Studium für evangelische Geistliche ist unerlässlich, wenn die evangelische Kirche in der Öffentlichkeit auch in Zukunft als Gesprächspartner auf Augenhöhe wahrgenommen werden will.

Die Ansprüche, die an Pfarrerinnen und Pfarrer heute gestellt werden, steigen eher als dass sie sinken. Man merkt das bei den Erwartungen an die Öffentlichkeitsarbeit der Gemeinde, aber auch bei den Kasualien. Für die Vorbereitung einer Trauung genügten früher zwei Telefonate und ein einstündiges Gespräch mit dem Brautpaar. Heute kommt es oft zu zwei Gesprächsterminen und einem Dutzend Telefonaten. Nicht viel anders verhält es sich bei Taufen und Bestattungen. Moderne Individuen stellen Ansprüche auf sehr individuelle Begleitung. Und da Kasualien nach wie vor die Stützen der Kirchenmitgliedschaft sind, tut man als Pfarrerin gut daran, diesen Ansprüchen einigermaßen gerecht zu werden. Dabei kommt man keinesfalls nur überzogenen Individualitätsansprüchen entgegen. Vielmehr sind die Kasualien für die Kirchenmitgliedschaft deshalb von so hoher Bedeutung, weil hier das individuelle Leben mit der christlichen Botschaft eng und meist sehr plausibel verbunden wird. Was bei der Sonntagspredigt keinesfalls immer gelingt – die Verknüpfung von Botschaft und Situation – funktioniert bei den Kasualien in aller Regel gut. Kasualgottesdienste sollten daher auch als kirchliches Gottesdienstangebot sehr ernst genommen werden. Sie sind eine wichtige Chance für die Verkündigung des Evangeliums.

Wenn die Ansprüche und der zu treibende Aufwand steigen, stellt sich die Frage wie Pfarrerinnen und Pfarrer ihre Arbeit zeitlich bewältigen sollen. Schon seit langem wird daher für den Pfarrberuf eine Konzentration auf die Kernaufgaben gefordert. Pfarrerinnen und Pfarrer sollen von Verwaltungsaufgaben entlastet werden, um mehr Zeit für den geistlichen Teil ihrer Aufgaben zu bekommen. In einem gewissen Maß ist diese Entlastung von Verwaltungsaufgaben sinnvoll. Nur so ist es möglich, den steigenden Anforderungen gerecht zu werden. Zudem erfordern eine ganze Reihe Aufgaben heute die Kompetenz von Experten: Personalangelegenheiten, Bausachen, Finanz- und Verwaltungswesen können auf Kirchenkreisebene zentral organisiert werden. Anders ist die erforderliche Qualität kaum aufzubringen. Das heißt jedoch nicht, dass Pfarrerinnen und Pfarrer von diesen Aufgaben gänzlich entlastet werden sollten. Man kann auch als Geistlicher nicht den ganzen Tag geistlich kommunizieren. Es tut gut, auch die »irdischen« Dinge der Verwaltung, des Bauens, des Personals mitbedenken und mitverantworten zu müssen. Das hilft zur Erdung und zur Konkretisierung des Evangeliums.


7. Gottesdienst

Als ein Ergebnis der 5. KMU rückt der Gottesdienst als Zentrum des Gemeindelebens und als Kernveranstaltung der Kirche neu in den Fokus: »Der Gottesdienst ist kirchensoziologisch das Schlüsselereignis des kirchlichen Handelns.«37 Er ist nicht nur Selbstvollzug der christlichen Kirche, er ist zugleich der entscheidende Treffpunkt für die große Mehrzahl der kirchlich identifizierten. Pollack führt aus: »Der Kreis derer, die sich in der Gemeinde engagieren, aber mit dem Gottesdienst nicht viel im Sinn haben, ist relativ klein. Von denen, die monatlich zur Kirche gehen, engagieren sich etwa drei Fünftel auch sonst in der Gemeinde; von denen die weniger am Gottesdienst teilnehmen, gerade einmal 5 %.«38 Lange Zeit setzte die Kirche auf alle möglichen anderen Veranstaltungen in der Annahme, dass sie für die Kirchenmitglieder wichtiger sind als der Gottesdienst. Doch die Menschen haben ein klares Bewusstsein davon, dass der Gottesdienst der Mittelpunkt des kirchlichen Lebens ist. Man wird sich »von einer lieb gewordenen Vorstellung verabschieden müssen: dass dem Gottesdienst nur eine Nebenrolle zukommt und die gemeindliche Arbeit, das Ehrenamt, die Mitarbeit in kirchlichen Kreisen, in Bibel- und Gebetskreisen, Jugend- oder Gesprächsgruppen oder auch in Projektgruppen, die Mitwirkung in Chören oder Musikensembles usw. für viele weitaus entscheidender seien als der Gottesdienstbesuch.«39

Es kommt auf den Gottesdienst an40 – aber nicht auf jeden. Die landeskirchlichen Ordnungen sehen als Normalfall vor, dass an allen Sonn- und Feiertagen das volle Gottesdienstprogramm angeboten wird. Viel zu häufig finden daher Gottesdienste mit nur sehr wenigen Besuchern statt. Stellt man den Sinn der vielen schlecht besuchten Gottesdienste in Frage, so folgt unmittelbar der Einwand mit Mt. 18,20: »Wo zwei oder drei versammelt sind in meinem Namen, da bin ich mitten unter ihnen.« Gewiss: Kleine Gottesdienste können ihren eigenen Charme haben. Sind Gottesdienstgemeinden aber regelmäßig sehr klein, sollte gehandelt werden. Denn wo zwei oder drei versammelt sind, bedarf es keiner theologisch hochgerüsteten Pfarrerin und auch keines Kirchenmusikers und keiner Mesnerin. Mit der Zeit und der Kraft kirchlicher Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter muss sorgfältig umgegangen werden. Dauerhaft leere Gottesdienste erodieren den Glauben und die Motivation derer, die sie halten, und derer, die daran teilnehmen. Das Gottesdienstangebot der evangelischen Kirche sollte deshalb sorgfältig überdacht werden. Gottesdienste an zweiten Feiertagen oder an unbeliebten Feiertagen wie dem Buß- und Bettag, können auch regionalisiert gefeiert werden. Im Gegenzug können die gut besuchten Gottesdienste und Kasualgottesdienste sorgfältiger vorbereitet und aufwändiger inszeniert werden. Im Ergebnis dürfte die Zufriedenheit sowohl bei den Mitwirkenden als auch bei den Gottesdienstbesuchern zunehmen – und das wäre gerade auch für die Verkündigung des Evangeliums ein Gewinn.


8. Zentralisierung

Wenn Kirchenleitungen über eine Strategie für die evangelische Kirche nachdenken, überrascht es nicht, dass im Ergebnis die zentralistischen Tendenzen gestärkt werden. Das ist angesichts der Entwicklungen unserer Gesellschaft in gewissem Umfang unvermeidlich. Zentralisierung kann Kräfte freisetzen, die an der Basis sinnvoll für die konkrete Arbeit mit Menschen eingesetzt werden können. Zentralisierung ermöglicht in manchen Bereichen eine höhere Qualität und eine bessere Sichtbarkeit der Arbeit. Bedenklich werden Zentralisierungstendenzen allerdings dann, wenn sie die Autonomie der Gemeinden und ihrer Pfarrerinnen und Pfarrer beeinträchtigen, wenn also von oben verordnet wird, was zu tun ist, und die Gemeinden zu Filialen der Gesamtkirche und die Pfarrer zu Filialleitern der Kirchenorganisation werden. Dem Zentralisierungsdruck darf also nur dort nachgegeben werden, wo dies absolut unerlässlich ist.

Die evangelische Kirche – Schleiermacher wird nicht müde das einzuschärfen – ist von unten aufgebaut. Sie verdankt sich der Kommunikation des Evangeliums an konkreten Orten. Allein von dort her bezieht die Kirchenorganisation ihre Existenzberechtigung. Das Prinzip der Subsidiarität und die interne Pluralität gehören zum Wesen protestantischer Kirchentümer. Die föderale Struktur des Protestantismus ist ein hohes Gut. Das Zentrum und die Spitze wissen keinesfalls alles besser. Sie sind auch nicht notwendig strategisch kompetenter. Vielmehr hat gerade die Spitze spezifische Blindheiten, denn das meiste, was in der Kirche geschieht, bekommt die Leitung nie in den Blick. Fehler, die in einer föderal aufgestellten Kirche gemacht werden, schlagen auch nicht gleich auf alle durch.41 Fehler sind in einer kleinteilig organisierten Kirche besser einzudämmen und zu korrigieren als in einer zentralistischen Organisation.

Vor allem aber sichert die dezentrale und plurale Struktur der evangelischen Kirche ihre finanzielle Basis. Die meisten, die Kirchensteuer zahlen, zahlen sie nicht für die Landeskirche oder gar die EKD. Sie zahlen sie für die Gemeinde vor Ort, für das Kirchengebäude in der Nähe, für die Kantorei, den Posaunenchor und die Jugendarbeit, für die diakonische Einrichtung, die Vesperkirche und den diakonischen Pflegedienst in der Nachbarschaft. Kirchensteuer zahlt man für die Pastorin, die sichtbar in der Gemeinde präsent ist, die erreichbar ist, wenn ein Kasus anliegt. Religion lebt von der Nähe, von konkreter Hilfe und von konkreten Orten, an denen die Seele erbaut wird. Vertrauen wächst durch bekannte Gesichter und Menschen, die als Gesicht der Kirche bekannt sind. Nur auf der Basis dieses Vertrauens sind Menschen bereit, der Kirche ihr Geld zu geben. Gesteigerter Zentralismus widerspricht nicht nur dem Prinzip einer Kirche von unten und dem allgemeinen Priestertum, gesteigerter Zentralismus würde auch die finanzielle Basis der Kirche untergraben.


9. Themen statt Selbstbeschäftigung

Die Kirchenreform- und Strategiedebatten der letzten Jahre haben sehr viele Ressourcen an Zeit und Kraft verbraucht und gebunden. Die Debatten mögen unvermeidlich gewesen sein, besonders attraktiv machen sie die Kirche nicht. Strategisch evangelisch zu denken würde deshalb auch bedeuten, die Strategiedebatten kurz zu halten. Die Steuerungsmöglichkeiten von Kirchenleitungen sind ohnedies begrenzt. Vor allem aber ist die kirchliche Selbstbeschäftigung in keiner Weise anziehend. Viel wichtiger wäre es, wenn die evangelische Kirche gezielter thematisch arbeitete, wenn sie versuchen würde, Menschen wieder vermehrt über ihre Botschaft zu erreichen. Die Sterbehilfedebatte und die Diskussion um den Umgang mit Flüchtlingen und Kirchenasyl sind in dieser Hinsicht wichtig. Die Frage nach der bewaffneten Sicherung des Friedens, der Umgang mit den natürlichen Ressourcen, die Bedeutung von Kindern für eine Gesellschaft oder die ungelösten Probleme der Inklusion von Menschen mit Behinderung sind weitere Bereiche, in denen die evangelische Kirche Debatten anstoßen und führen kann, die für die ganze Gesellschaft relevant sind. Auch das Reformationsgedenken 2017 und die auf dem Weg dahin jährlich gewählten thematischen Schwerpunkte weisen in diese Richtung. In der 5. KMU geben viele an, besonders am Reformationstag in die Kirche zu gehen, obwohl am Reformationstag gar nicht so viele Gottesdienste stattfinden und die stattfindenden Gottesdienste nicht besonders gut besucht sind. Aber das Thema »Reformation« überzeugt, mit einer reformatorischen Kirche kann man sich identifizieren.

Auf die gefühlte Marginalisierung der Kirche reagiert man also besser nicht mit endlosen Strategiedebatten. Der Marginalisierung begegnet man besser mit Themen, die für die Menschen relevant sind.


Anmerkungen:

1 Überarbeitetes Manuskript eines Vortrags vor der Jahreskonferenz der Bildungseinrichtungen der Evang. Landeskirche in Württemberg, Herrenberg, 18. März 2015.

2 Schleiermacher, Friedrich: Über die Religion. Reden an die Gebildeten unter ihren Verächtern, 1. Aufl., Berlin 1799, in: Ders., Schriften aus der Berliner Zeit 1796-1799, KGA I, 2, (Hg.) Günter Meckenstock, Berlin/New York 1984, 185-326, hier: 189.

3 Vgl. Christoph Dinkel, Kirche gestalten. Schleiermachers Theorie des Kirchenregiments, SchlAr 17, Berlin/New York 1996, 9-15.95.

4 Stefanie Brauer-Noss, Die Öffnung der Kirche in die Gesellschaft hinein. Reformprozesse in der evangelischen Kirche in Deutschland, unveröffentlichtes Manuskript, 11, erscheint in: EvTh 1/2016: Themenheft »Kirchenreformen in vergleichender Perspektive – Ergebnisse eines interdisziplinären Forschungsprojektes«.

5 Engagement und Indifferenz. Kirchenmitgliedschaft als soziale Praxis. V. EKD-Erhebung über Kirchenmitgliedschaft, Hannover 2014, abgekürzt: KMU.

6 Detlev Pollack, Zur Differenz und zum Zusammenhang von Kirchlichkeit und Religiosität, in: EvTh75, 2015, 215-226, hier: 223f.

7 A.a.O., 224.

8 A.a.O., 216.

9 Zahlen aus: http://fowid.de/fileadmin/datenarchiv/Religionszugehoerigkeit/Stuttgart_Bevoelkerung_1950_2011.pdf

10 Kirche der Freiheit, Perspektiven für die evangelische Kirche im 21. Jahrhundert. Ein Impulspapier des Rates der EKD, Hannover, 7.

11 Georg Raatz, Zwischen Entdifferenzierung und Selbstimmunisierung. Eine kritische Analyse der fünften Kirchenmitgliedschaftsuntersuchung, in: DPfBl 10/2014, 552-557.

12 Gerald Kretzschmar, Im Schatten des Indifferenztheorems. Die Wahrnehmung distanzierter Kirchlichkeit durch die fünfte EKD-Erhebung über Kirchenmitgliedschaft, in: EvTh 75, 2015, 179-194.

13 Vgl. Gerald Kretzschmar, Mitgliederorientierung und Kirchenreform. Die Empirie der Kirchenbindung als Orientierungsgröße für kirchliche Strukturreform, in: Pastoraltheologie 101 (2012), 152-168, hier 158.

14 Ebd.

15 Kretzschmar, Im Schatten des Indifferenztheorems, 179f.

16 Kretzschmar, Mitgliederorientierung und Kirchenreform, 160.

17 Ebd.

18 CA VII, BSLK 61.

19 Vgl. CA VII, BSLK 61. Vgl. auch: Rössler, Dietrich: Der Kirchenbegriff der Praktischen Theologie. Anmerkungen zu CA VII, in: Kirche, FS Günther Bornkamm, (Hg.) Dieter Lührmann, Georg Strecker, Tübingen 1980, 465-470.

20 Vgl. zu dieser Überschrift: Armin Nassehi, Die Organisation des Unorganisierbaren. Warum sich Kirche so leicht, religiöse Praxis aber so schwer verändern lässt, in: Isolde Karle (Hg.), Kirchenreform. Interdisziplinäre Perspektiven, Leipzig 2009, 199-218.

21 A.a.O., 204.

22 Vgl. ebd.

23 Ebd.

24 A.a.O., 205.

25 A.a.O., 208.

26 A.a.O., 208.

27 A.a.O., 216.

28 A.a.O., 217.

29 Vgl. KMU 27: Der Austausch über Sinn des Lebens erfolgt mit 79% Ehepartner, 58% Freunde, 53% Familie, 21% andere Gemeindeglieder, 21% kirchliche Mitarbeiter.

30 Reiner Preul nennt dies den Unterschied zwischen disponierendem und kommunikativem Handeln der Kirche, vgl. ders., Kirchentheorie. Wesen, Gestalt und Funktionen der Evangelischen Kirche, 6.

31 Friedrich Schleiermacher, Die christliche Sitte nach den Grundsäzen der evangelischen Kirche im Zusammenhange dargestellt von Dr. Friedrich Schleiermacher. Aus Schleiermacher’s handschriftlichem Nachlasse und nachgeschriebenen Vorlesungen hg. v. L. Jonas, SW I, 12 (1843), 2. Aufl., Berlin 1884, Beil. A, § 77, 25.

32 Friedrich Schleiermacher, Die praktische Theologie nach den Grundsäzen der evangelischen Kirche im Zusammenhange dargestellt. Aus Schleiermachers handschriftlichem Nachlasse und nachgeschriebenen Vorlesungen, (Hg.) Jacob Frerichs, SW I, 13, Berlin 1850, Nachdruck Berlin/New York 1983, 636.

33 Isolde Karle, Der Pfarrberuf als Profession, 3. Aufl., Gütersloh 2011. Vgl. dies., Der Pfarrer/die Pfarrerin als Schlüsselfigur: Kontinuitäten und Diskontinuitäten, in: EvTh 75 (2015), 227-238.

34 Vgl. auch zu den folgenden Überlegungen: Isolde Karle, Kirche im Reformstress, 2. Aufl., Gütersloh 2010.

35 Vgl. KMU 32f, 43, 96ff. Nennungen, an wen man bei evang. Kirche denkt: 20% Pfarrer, 4% andere. Pfarrerinnen und Pfarrer werden also fünfmal so häufig genannt wie andere kirchliche Mitarbeiter. Das liegt nun nicht unbedingt an ihrer überragenden Qualität. Vielmehr ist seit den Zeiten der CA die Evangelische Kirche auf das Predigtamt als zentrales kirchliches Amt hin ausgerichtet.

36 Kretzschmar, Mitgliederorientierung und Kirchenreform, 167f.

37 Pollack, Zur Differenz, 224.

38 Ebd.

39 Ebd.

40 Vgl. Christoph Dinkel, Was nützt der Gottesdienst? Eine funktionale Theorie des evangelischen Gottesdienstes, 2., durchges. Aufl., Gütersloh 2002.

41 Man denke an die Kirchenaustrittswelle des Jahres 2015, die durch die zentral organisierte Umstellung des Kirchensteuereinzugs auf Kapitalerträge verursacht wurde.

Über den Autor

Prof. Dr. Christoph Dinkel, apl. Prof. für Prakt. Theologie an der Universität Kiel, Gemeindepfarrer in Stuttgart, Mitherausgeber und verantwortlicher Redakteur der Göttinger Predigten im Internet; Dissertation: Kirche Gestalten. Eine Studie zu Schleiermachers Theorie des Kirchenregiments (Berlin/New York 1996); Habilitation: Was nützt der Gottesdienst? Eine funktionale Theorie des evangelischen Gottesdienstes (Gütersloh, 2. Auflage, 2002).

Aus: Deutsches Pfarrerblatt - Heft: 2/2016

2 Kommentare zu diesem Artikel

04.03.2016
Ein Kommentar von Jochen Teuffel


Wenn Christoph Dinkel schreibt, die Vorbereitung einer Trauung bedürfe heutzutage oft zweier Gesprächstermine und einem Dutzend Telefonate, dann lässt sich rückfragen, ob hier tatsächlich ein professionell arbeitender Pfarrer am Werk ist. Wo man bei der Trauvorbereitung mit einer ausführlichen schriftlichen Information (in elektronischer Form per Email) in Vorlage geht, lassen sich einige Rückfragen und manches Wunschdenken von Brautleuten als vermeintliche Hochzeitsregisseure vermeiden.
05.03.2016
Ein Kommentar von Gerhard Kuppler


nachdem die Zahl der Trauungen auf weniger als die Hälfte zurückgegangen ist, ist der Streit müßig. Die einzige Konsequenz: die Jammerei über die Überlastung der Pfarrer ist kontraproduktiv; sie beeidndruckt niemand, stößt auf Unverständis und Abwehr...

Kommentieren Sie diesen Artikel










Bitte geben Sie die angezeigte Zahl in das nachfolgende Textfeld ein



Sicherheitszahl


zurück

Eine Choralkantate über das Gottvertrauen
Beobachtungen zu J.S. Bachs Kantate BWV 93 »Wer nur den lieben Gott lässt walten«
Artikel lesen
In Kernlanden der Reformation
Ein Grußwort der Bayerischen Landeskirche zum 75. Pfarrerinnen- und Pfarrertag in Augsburg
Artikel lesen
Brief aus der Bundeshauptstadt

Artikel lesen
Nur die sieben mageren Kühe des Pharao?
Noch sprudelt das Geld, aber die Kirche schrumpft
Artikel lesen
»Vom Geist bewegt«
Weltmissionskonferenz 2018: Wie sich die missionstheologische Landschaft verändert
Artikel lesen
9. Sonntag nach Trinitatis
29. Juli 2018, Jeremia 1,4-10
Artikel lesen
Jesus Christus – die Mitte des Neuen Testaments
Überlegungen zu einem klassischen Theologumenon
Artikel lesen

PDF

Sie können diesen Artikel als PDF-Dokument runterladen.

PDF-Dokument

Impressum

Dieser Text wurde im Deutschen Pfarrblatt veröffentlicht. Weitere Informationen finden Sie hier:

Impressum


Hinweis

Für Adressänderungen sowie Abonnementbestellungen oder –kündigungen wenden sie sich an ihren zuständigen Pfarrverein.

Nur dort können die Daten geändert werden. Vielen Dank!