Überraschende Sichtweisen in der 5. Kirchenmitgliedschaftsuntersuchung der EKD
Renaissance der Kirchengemeinde?

Von: Gerhard Wegner
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Mit den Ergebnissen der jüngsten Kirchenmitgliedschaftsstudie der EKD rücken die Kirchengemeinden in den Fokus des Interesses. Das ist – verglichen mit früheren Studien – neu und eröffnet neue Einsichten in die Beschreibung kirchengemeindlichen Lebens. Wie diese zu bewerten sind, steht für Gerhard Wegner demgegenüber auf einem anderen Blatt.1


Nimmt man den nunmehr vorliegenden, richtig dick geratenen Berichtsband der 5. Kirchenmitgliedschaftsuntersuchung (KMU) der EKD in die Hand, so freut man sich über den schönen Titel und ist doch zugleich erstaunt. »Vernetzte Vielfalt« heißt es nun2. Zweifellos eine schöne Vorstellung von der Kirche: offen für ganz viele und doch alle miteinander zwanglos verbunden. Wer würde dagegen sein? Aber war nicht in der Erstveröffentlichung der KMU-Ergebnisse im April 2014 einstmals die Differenz zwischen Engagement und Indifferenz unter den Kirchenmitgliedern als leitende Deutung der empirischen Ergebnisse ausgegeben worden3? Das klang nicht so locker. Gilt nunmehr also das Gegenteil? Nicht mehr Unterschiede in der Kirchenverbundenheit im Vordergrund, sondern alle in versammelter Vielfältigkeit mit einander versöhnt – egal ob hochengagiert oder kurz vor dem Austritt?

Aber gemach! Schon das Vorwort macht deutlich, dass der Titel sich nur begrenzt auf die Ergebnisse der empirischen Umfrage bezieht, sondern vor allem normativ gemeint ist: Die Kirche solle sich in Zukunft als eine vernetzte Vielfalt begreifen und organisieren, um auf diese Weise den vielfältigen Mitgliederinteressen gerecht werden zu können. Dem wird man in dieser Allgemeinheit ja auch nicht widersprechen wollen. Allerdings fragt man sich dann doch wo in der 5. KMU diese große Vielfalt von Mitgliedschaftsinteressen und pluralen kirchlichen Praxisformen (gerade auch im Vergleich zu den Daten der bisher vorliegenden KMU 1-4) nachgewiesen wird. Mir scheint jedenfalls im Großen und Ganzen eine Veränderung der kirchlichen Praxis in der Sicht der Mitglieder kaum erkennbar zu sein. Die Volkskirche bleibt im Wesentlichen, wie sie ist – wird aber beständig kleiner. In dieser Richtung verleitet auch der Untertitel »Kirche angesichts von Individualisierung und Säkularisierung« zu Rückfragen. Denn während das Säkularisierungsparadigma in einer ganzen Reihe von Beiträgen ausführlich thematisiert und anhand der Daten verteidigt wird, steht es um das Individualisierungsparadigma oder gar um Vorstellungen einer Transformation des Religiösen als Alternative zum Säkularisierungsparadigma im Band viel schlechter. Einzig der Kommentar von Stefan Huber hält einsam diese Fahne hoch. Ansonsten findet sich eine Reihe von Bruchstücken in dieser Richtung, aber eine entschlossene Durcharbeitung dieses Paradigmas anhand der KMU-Daten sucht man vergeblich. Das ist ausgesprochen schade, denn so werden die Chancen einer Selbstklärung kirchlicher Praxis in einer klaren Konfrontation unterschiedlicher Deutungen derselben empirisch erhobenen Daten zu schnell vergeben.


Fokus: Kirchengemeinde

Nun kann man natürlich auch sagen: Titel vergehen – Inhalte bestehen! Und das gilt besonders für diese KMU 5, denn sie bietet nun doch wirklich Überraschendes! So fällt schon bei einem ersten Blick in das Inhaltsverzeichnis eine merkliche Schwerpunktsetzung auf, die es so noch in keiner KMU gegeben hat und die für die Geschichte der Kirchenmitgliedschaftsuntersuchung etwas Neues darstellt: Die Fokussierung auf die Frage der Kirchengemeinden. Es ist ganz erstaunlich, dass das große Kapitel über »Mitgliedschaft als soziale Praxis« gleich zwei Beiträge zum Thema Kirchengemeinde aufweist und sodann auch die hier zu findenden weiteren Beiträge über »Religion und Kirche in personaler Kommunikation und liturgischer Praxis zwischen Teilhabe und Teilnahme« nicht ohne Bezüge auf die Bedeutung der Kirchengemeinde als Praxisfeld auskommen. Weitere wichtige Bezüge zur Kirchengemeinde gibt es sodann im Bereich »Protestantismus und Zivilgesellschaft«.

Vor allen Dingen aber widmen sich die großen Beiträge, die sich der Netzwerkerhebung der religiösen Kommunikation in einer evangelischen Kirchengemeinde annehmen, dieser Thematik. Diese, allerdings nicht immer ganz leicht zu verstehenden, Beiträge repräsentieren die methodische Innovation der KMU 5. In einer konfessionell repräsentativen deutschen Mittelstadt ist eine Kompletterhebung des Netzwerks religiöser Kommunikation in einer evangelischen Kirchengemeinde durchgeführt worden. Soweit man sehen kann, ist dies in diesem Umfang zum ersten Mal überhaupt geschehen und erlaubt deswegen in einer faszinierenden Weise den Blick in Tiefendimensionen des religiösen Lebens einer klassischen deutschen volkskirchlichen Kirchengemeinde. Mehr Gemeinde geht eigentlich kaum noch.

Die Fokussierung auf Kirchengemeinden überrascht deswegen, weil nicht zuletzt die Tradition der KMU selbst mitursächlich für eine Ausblendung der Kirchengemeinden aus vielen Bereichen der empirisch sozialen Erforschung der kirchlichen Praxis der letzten Jahrzehnte gewesen ist. Kirchengemeinden galten spätestens seit den End60er Jahren für viele – unter Bezug auf eine Reihe von Untersuchungen aus den 50er Jahren – als im Kern bornierte, milieuverengte, überalterte und sozial letztendlich marginalisierte Restbestände des volkskirchlichen Christentums. Sich näher mit ihnen zu beschäftigen galt deswegen als relativ langweilig; die große Zahl der kirchlich distanzierten Mitglieder zog wesentlich mehr Interesse auf sich, als die Lebenswelt der hochverbundenen Kirchenmitglieder in den Kirchengemeinden. Diese Interessenlage war – und ist – insofern problematisch, als die Kirchen mindestens 2/3, wenn nicht noch mehr ihrer gesamten Ressourcen in eben diese Kirchengemeinden investieren. Natürlich haben sich zum Glück neben den Kirchengemeinden andere Formen kirchlicher Beteiligung und Bindung ausgebildet – aber die Bedeutung der Kirchengemeinden haben sie ohne Zweifel nicht erreicht.

Sich sozialwissenschaftlich kaum um das zu kümmern, was dort geschieht, stellt deswegen einen argen Realitätsverlust dar – und zwar ganz gleich, wie man die Praxis der Kirchengemeinden letztendlich bewertet. Wer realistisch Entwicklungsperspektiven der Volkskirche in den Blick nehmen will, der muss sich mit der Lage in den Gemeinde befassen (wenn auch natürlich nicht nur!).


Kirchengemeinde = Evangelische Kirche

Es gibt nun in der KMU 5 eine Zahl, die zunächst übersehen worden ist4, die die Bedeutung der Kirchengemeinden schlagartig in ein helles Licht rückt: Demgemäß fühlen sich 45% der Kirchenmitglieder ihrer Ortsgemeinde sehr und ziemlich verbunden und ebenso etwa 44% der evangelischen Kirche insgesamt. Die Landeskirchen, andere evangelische und diakonische Einrichtungen fallen demgegenüber weit ab. Nähere Berechnungen ergeben dann, dass zwischen der Verbundenheit mit der Ortsgemeinde und der der evangelischen Kirche keine Differenz unter den Befragten besteht. Die KMU 5 macht insofern ausdrücklich deutlich, dass die Verbundenheit mit der Ortsgemeinde mit der Verbundenheit mit der evangelischen Kirche gleichzusetzen ist und umgekehrt: Wer sich der Ortsgemeinde verbunden fühlt, fühlt sich in der Regel auch der evangelischen Kirche generell verbunden. Ja, die starke Verbundenheit (»sehr« verbunden) liegt bei der Ortsgemeinde mit 22% noch höher als bei der Kirche insgesamt mit nur 15%! Damit ist die Kirchengemeinde – ganz nüchtern und rein faktisch konstatiert – nach wie vor die mit Abstand wichtigste Drehscheibe der Kirchenmitgliedschaft. Wobei man allerdings gleich kritisch dazu bemerken kann: wenn sie so bedeutsam ist, muss ihre Praxis auch mit ursächlich für die offenkundigen Verfallserscheinungen kirchlicher Performanz sein.

Die zwingende Folge ist, dass die immer wieder geäußerte Vermutung, es gebe eine große Gruppe von Evangelischen, die sich zwar der Kirche insgesamt, aber nicht der Kirchengemeinde verbunden fühlen würde, nicht (mehr) bestätigen lässt. Damit sind die Ortskirchengemeinden eindeutig die Basis der Arbeit der evangelischen Kirche – wenn auch natürlich längst nicht alles! – und deswegen muss mehr Aufmerksamkeit auf das gerichtet werden, was sie tun und wie sie es tun. Bei einem Anteil von 45% kann man von etwa 10 Mio. Menschen ausgehen, die sich über die Kirchengemeinde der Kirche insgesamt verbunden fühlen. Sie sind damit das zentrale Feld in dem sich zunächst einmal relativ verlässlich Resonanzen auf die Kommunikation der evangelischen Kirche erwarten lassen – keine kleine Zahl!

Über dieses Feld hinaus in den Bereich der kirchlich distanzierteren oder völlig unverbundenen Mitglieder, wird es immer schwieriger entsprechendes erwarten zu können. Entsprechende Bemühungen brauchen dann, weil immer weniger selbstverständlich, einen immer weiter erhöhten Aufwand an Ressourcen. Die Verbundenheit mit der Ortsgemeinde steigt mit dem Alter, was nicht weiter überrascht. Jüngere (bis 29 Jahre, West) fühlen sich nur zu 27% der Kirche und der Ortsgemeinde sehr und ziemlich verbunden. Auch das religiöse Interesse und die eigene religiöse Selbsteinschätzung finden mit diesen Verbundenheitsgraden enge Zusammenhänge: ja, religiöse Kommunikation, so konnte schon die Erstveröffentlichung der KMU 5 feststellen, scheint mit einer hohen Verbundenheit mit der Kirche weitgehend parallel zu gehen. Auch weitere Mitgliedschaftsgründe finden umso mehr Zustimmung, je beteiligter die Menschen am kirchlichen Leben sind; selbst der immer wieder problematisierte Mitgliedschaftsgrund, »Weil ich die Gemeinschaft brauche«, findet insgesamt wenig, aber hohe Zustimmungswerte bei den sehr verbundenen Mitgliedern.

All dies, um es noch einmal zu betonen, sind Wahrnehmungen der reinen Faktizität: empirisch kann man begründet sagen, dass es so ist. Welche Bedeutung dieses Phänomen aber letztlich für eine kirchliche Praxis insgesamt hat, bleibt offen. Rein theoretisch könnte es auch so sein, dass die Kirchengemeinden diese starke Stellung mittels einer Art religiöser Usurpationsstrategie, durch faktische Ausblendung anderer als ihnen eigener kirchlicher und religiöser Praxisformen und damit dann auf Kosten von Vielfalt, erreicht haben. Freilich wird so etwas schwer nachzuweisen sein, da sich jenseits dieser Sphäre eben immer weniger kirchliches und religiöses Interesse überhaupt findet.

Folglich sagt dies nun alles viel über die große Bedeutung der Ortskirchengemeinden, aber noch nichts über die Qualität ihrer Arbeit und auch noch relativ wenig über die Differenzierung der Beteiligung an ihnen. Hier kann man noch einmal zwischen den der Ortsgemeinde nur verbundenen und der in der Ortsgemeinde auch engagierten Mitglieder unterscheiden. In vielerlei Hinsicht rangieren die Werte der engagierten höher als die ihr nur verbundenen Mitglieder, aber auch beide Gruppen zusammengenommen fallen viele Werte erheblich höher als die der Evangelischen insgesamt aus. Während z.B. 44% der Evangelischen insgesamt als Mitgliedschaftsgrund angeben, »Weil ich religiös bin«, tun dies 76% der der Ortsgemeinde verbundenen Mitglieder und 85% der in der Ortsgemeinden engagierten Mitglieder. Auch der Kontakt zum Pfarrer und zur Pfarrerin differiert in dieser Hinsicht, während von den Evangelischen insgesamt 40% im letzten Jahr Kontakt zu einem Pfarrer oder einer Pfarrerin hatten, liegt diese Zahl bei denen der Ortsgemeinde Verbundenen bei 64% und bei den Engagierten bei 91%.


Engagementpotentiale

Allerdings gilt natürlich auch: Wer sich der Ortsgemeinde in ihren Vollzügen und ihrem Personal stärker verbunden erlebt, muss sich gleichwohl nicht regelmäßig oder gar intensiv beteiligen. Ein dezidiertes Interesse z.B. an geselligen Begegnungen wird von vielen Gemeindegliedern gerade nicht stark gemacht. Die Kirche vor Ort entfaltet aber auch dort eine sehr nachhaltige Entwicklung, wo man sich gerade nicht regelmäßig beteiligt, sondern sie nur gelegentlich oder selten wahrnimmt. Das Fazit von Jan Hermelink und Gerald Kretzschmar an dieser Stelle lautet: »Auch unter den Bedingungen moderngesellschaftlicher Differenzierung, religiöser Vielfalt und biografischer Mobilität, scheint die Kirche vor Ort aus der Sicht der Mitglieder von hoher, ja gelegentlich Identität stiftender Bedeutung zu sein.« Durch die Sichtbarkeit der Kirche in der Ortsgemeinde gewinnt die evangelische Kirche insgesamt ihre Sichtbarkeit.

Deutlich wird zudem wie wichtig die Faktoren personale Kommunikation bzw. Qualität von Kirche als Interaktionspraxis sind. Auch hier zeigt sich, dass es kennzeichnende Differenzen zwischen religiös und kirchlich nicht und stärker interagierenden Mitgliedern gibt: »Während die religiös und kirchlich nicht interagierenden Mitgliedern ein konventionelles Bild von Kirche ausprägen, pflegen die religiös und kirchlich vernetzten Mitglieder ein deutlich weniger konventionelles Bild von Kirche.« Dieses Ergebnis wird von Franz Grubauer und Eberhard Hauschildt weiter prägnant zugespitzt: »Religiöse und kirchliche Interaktion aktualisiert das Bild von der Institution Kirche, die als relevant erscheint. Fehlende Interaktion optiert für die … randständige Einkehr in die ewig gleichbleibende Kirche.« Damit ergibt sich auch hier die große Bedeutung der kirchengemeindlichen Kommunikation gerade für Formen einer modernen, sich experimentell verstehenden Kirche. Mit kirchlich distanzierteren Mitgliedern lassen sich entsprechende Modernisierungen eben gerade nicht in Gang setzen. Dieses Argument sollte insbesondere jenen zu denken geben, die bereits ein Interesse an der Erforschung der Kirchengemeinde als einen Ausdruck reaktionärer kirchenpolitischer Haltung beschreiben. Offensichtlich ist das Gegenteil der Fall! Zur Reform der Kirche braucht es Menschen, die sich i.S. einer Voice-Option5 für ihre Veränderung engagieren – und diese findet man, wenn überhaupt, unter den besagten 45%.

Der Fokus auf die Kirchengemeinden bewährt sich weiter durch die Analysen von Gert Pickel über das durch die Aktivitäten großer Teile der Kirchenmitglieder gebildete Sozialkapital. Er arbeitet die große Bedeutung heraus, die Gruppen in der Kirche – und vielfach eben in den Kirchengemeinden – für die Herausbildung von Vertrauensbeziehungen als Basis für Engagement haben. Es sei nicht so, so betont er, dass das eher abstrakte Kollektiv einer Gemeinde Engagement fördernde Wirkungen hätte: »Sondern vielmehr in der Bindung an die vielen kleinen miteinander verbundenen Gemeinschaften innerhalb der Gemeinden, die sich durch persönliche Kontakte auszeichnen, wird wertvolles Sozialkapital gebildet und ehrenamtliches und freiwilliges Engagement ermöglicht und verstetigt.« »Im Engagement vor Ort entsteht Zusammengehörigkeit, Identifikation und soziales Vertrauen.« »Für soziales Vertrauen benötigt man face to face Kontakte und diese Kontakte benötigen Gelegenheitsstrukturen. Ohne die sich selbst organisierenden Freiwilligengruppen sind die Gemeinden – zugespitzt gesagt – oft nur fiktionale Sammlungen von Kirchensteuerzahlern.«


Kirchengemeinde als Netzwerk

Schließlich lassen die bereits erwähnten Kapitel über die Erhebung des Netzwerks religiöser Kommunikation in einer kleinstädtischen Kirchengemeinde noch strukturiertere Blicke in das Leben von Kirchengemeinden zu. Allerdings erschließen sich diese Texte erst nach Einarbeitung in die komplexe Terminologe der Netzwerkanalyse. Es fällt zunächst im Blick auf das soziale Netzwerk aller Umfrageteilnehmenden auf, dass sich eine »Mitte« von etwa 200 stark untereinander vernetzten Personen identifizieren lässt, in der religiöse Kommunikation besonders prägnant präsent ist. Unter diesen, und von ihnen ausgehend, bestehen häufig Beziehungen zwischen Personen, die nicht angeben, einander besonders nahe stehend zu sein. In diesem Feld sind auch die beiden Pastoren der Kirchengemeinde und weitere Mitarbeiterinnen zu finden. Damit existiert in dieser Kirchengemeinde ein »Zentrum«, welches sich von einer Peripherie abhebt. Von diesem Zentrum unterschieden werden dann alle Befragten, die in irgendeiner Form kommunikativ an diese zentrale Gruppe angedockt sind; dabei handelt es sich um 529 befragte Mitglieder. Darüber hinaus gibt es Befragte, die in kleineren Verbänden miteinander in Beziehung stehen, etwa 417, sowie eine Gruppe derer, die nicht in Kontakt mit anderen stehen. Damit weist diese Kirchengemeinde durchaus erwartbare, klassische Komponenten einer volkskirchlichen Gemeinde auf. Zudem finden sich eine ganze Reihe von Kommunikationsknotenpunkten, die nicht direkt an das »Zentrum« angebunden sind. Diese Gelegenheitsstrukturen für religiöse Kommunikation liegen im Bereich der lokalen Kirchengemeinde. »Sie generieren zwar relativ wenige Beziehungen, diese reichen aber vergleichsweise häufig über den sozialen Nahbereich der befragten Mitglieder hinaus.«

Ein spannender Knotenpunkt der Kommunikation ist die örtliche Kindertagesstätte. Hier finden sich zahlreiche der Kirchengemeinde weniger verbundene Mitglieder. »Die Kindertagesstätten sind Orte, an denen der Kirche stärker verbundene Kirchenmitglieder mit weniger verbundenen Kirchenmitgliedern im hohen Maß in Kontakt kommen. Sie bilden eine bedeutsame Kontaktfläche zu kirchlichen Anliegen wie die Weitergabe von Werten und Austausch über religiöse Themen.« Ein weiterer Befund ist bemerkenswert: »Regelmäßige Gottesdienstbesucher wurden signifikant häufiger von anderen Personen als Gesprächspartner über den Sinn des Lebens benannt. Sie werden gleichsam als religiöse Experten von denen in Anspruch genommen, die seltener in den Gottesdienst gehen.«

Kritisch anzumerken wäre, dass die Ergebnisse der zwei vorliegenden Netzwerkanalysen nur wenig miteinander abgeglichen sind. Während die erste die Bedeutung der zentralen Community aufzeigen kann, betont die zweite, dass Kirchengemeinden nicht ein Netzwerk bilden würden, sondern sich innerhalb einer Kirchengemeinde vielfältige Netzwerke finden, die sich anlassbezogen formieren. Wahrscheinlich wird beides richtig sein: auf der einen Seite findet man konzentrierte Engagementstrukturen, die so etwas wie den vitalen Kern einer Kirchengemeinde ausmachen – auf der anderen Seite bilden sich aber auch anlassbezogen eine ganze Reihe von Netzwerken, in denen vielfältig miteinander kommuniziert wird.

Interessant sind die realen Zahlen der 200 im zentralen Netzwerk interagierenden Personen und der etwa 600 darum gruppierten Mitglieder, weil sie anderen Gemeindestudien entsprechen, in denen eine dichte Kommunikationsfrequenz pro Pastorin von etwa 100 Personen, und darüber hinaus je nach Ressourcen der Kirchengemeinde bis 600/700 weiterer kommunizierender Personen ermittelt werden können. Dies scheinen folglich tatsächlich Zahlen zu sein, die möglicherweise ganz einfach mit physischen Kommunikationsgrenzen zu tun haben und so für Realismus in Bezug auf die Reichweiten von Kirchengemeinden sorgen können. Sie entsprechen in etwa den prozentualen Anteilen der Verbundenheitsgrade in der KMU 5.


Grenzen der Kirchengemeinde

Trotz der überraschenden Materialvielfalt in der KMU 5 zur Kirchengemeinde kann es nun sicherlich nicht darum gehen, ein allgemeines Loblied auf die Kirchengemeinden anzustimmen. Vielmehr muss nun in weiteren Studien sehr genau analysiert werden, welche spezifische Qualität diese in ihrer Bedeutung nun besser beschreibbaren kirchlichen Strukturen haben. In der KMU 5 wird mehrfach auf die Bedeutung der Offenheit, der Qualität und auf die Vielfältigkeit der Angebote in Kirchengemeinden hingewiesen. Ein wichtiger, kritischer Aspekt ist sicherlich die Tendenz von Kirchengemeinden, sich als »Gemeinschaften« selbstzufrieden stark auf sich selbst zu beziehen und deswegen möglicherweise die offene Kommunikation mit außerhalb stehenden Menschen eher zu vermeiden. Dies geht besonders aus dem ersten Kirchengemeindebarometer6 des SI der EKD hervor, einer repräsentativen Umfrage unter Kirchenvorstehern und Kirchenvorsteherinnen zur Situation in den Gemeinden. Für den aktiven Kern in Kirchengemeinden scheint die Orientierung an Gemeinschaft im Sinne der Betonung des Eigenwertes ihrer Tätigkeiten und einer letztlich selbstzweckhaft guten Atmosphäre untereinander von ganz großer Bedeutung zu sein. Diese Gemeinschaften müssen nicht den gesamten Kern der Kirchengemeinde umfassen, sie können sich auch auf kleinere Gruppen und Gruppierungen beziehen.

Auch diese Ergebnisse beschreiben lediglich, was ist. Deutlich wird aber, dass es nicht ihre Organisations- und Institutionsgestalt ist, die als solche verantwortlich für die Entwicklung der Kirchengemeinden wäre, sondern dass es eben diese Gemeinschaftsstrukturen sind, um deren Weiterentwicklung es gehen müsste, wenn man Kirchengemeinden verändern will. Sie lassen sich nicht mit reinen Organisations-Managementmethoden optimieren, so wichtig sie im konkreten sein mögen. Ihre Entwicklungsdynamik wird nur verständlich, wenn man sie als spezifische Form von Gemeinschaften im Rahmen von Organisationen und Institutionen analysiert. Wer also in Zukunft erfolgreiche Gemeinden will, der sollte in dieser Richtung einer in Gemeinschaften eingebetteten Organisationsentwicklung denken. Es würde auf jeden Fall der Sache gerechter als das Überstülpen von fremden, bewusst gemeinschaftsindifferenten Organisationsformen.


KMU 5: Kirche realistisch denken?

Nun enthält der Berichtsband der KMU 5 natürlich noch weitaus mehr Material, das viel mehr spannende Blicke auf die Situation der Kirche ermöglicht. So knüpft Martin Laube in einer herausragenden Studie an das im Kontext der KMU 5 von mir proklamierte Ende des »liberalen Paradigmas« an und differenziert die Argumentation: in der Tat könne das entsprechende Denken einen Abbruch religiöser oder kirchlicher Kommunikation gar nicht wahrnehmen. Gleichwohl müsste das Interesse dieses Ansatzes, der Verengung kirchlicher Praxis auf bornierte Formen zu wehren, auch weiterhin zum Tragen kommen. Längere Kapitel widmen sich zudem der Frage nach Religion und Kirche im Lebenslauf und differenzieren Dimensionen der Kirchenbindung und Religiosität. Analysen zum Milieubezug kirchlicher Arbeit und zu Lebensstilen und Lebenslagen, Frauen und Männern und zum Thema religiöse Indifferenz finden sich ebenso und z.T. durchaus kontrovers. Im Fall der meisten Analysen wird die Bedeutung der kirchlich näher Verbundenen für die Reproduktion von Kirche, sprich insbesondere für die nach wie vor auf Familienstrukturen angewiesene religiöse Sozialisation, sehr deutlich.

Stellt dies nun eine Wende in der Ausrichtung der KMU dar? Wird hier ein neues Paradigma aufgemacht, das sich schon in der Vorabveröffentlichung abzeichnete, aber damals noch sehr umstritten blieb? Mir scheint die Entwicklung – trotz des Titel des Bandes – in diese Richtung zu gehen und ich halte sie deswegen für begrüßenswert, weil durch die Fokussierung auf die Gruppe der der Kirche näher verbundenen Mitglieder, eben auf jene 45%, die sich möglicherweise kommunikativ erreichen lassen, nicht ein Ideal-, aber ein Realbild von Kirche gezeichnet wird, ohne dessen Berücksichtigung kirchenreformerische Maßnahmen vollkommen ins Leere laufen müssen. In dieser Richtung sorgt die KMU 5 für Realismus. Es war ja in der Vergangenheit immer wieder verblüffend zu sehen, wie groß angelegte Kampagnen zur Gewinnung der kirchlich Distanzierten oder gar der Konfessionslosen angestellt wurden, die zwar dieses Ziel verfehlten, aber faktisch zur »Modernisierung« der bereits der Kirche verbundenen Menschen beigetragen haben (z.B. ganz vorneweg das kirchliche Engagement auf der EXPO 2000 in Hannover7). Genau dieses Phänomen lässt sich anhand der Daten der KMU 5 gut erklären.

Umgekehrt folgt, dass eine mit einer gewissen Aussicht auf Erfolg zielende kirchliche Kommunikationsstrategie genau diese Gruppe der 45% der Mitglieder stärker als bisher in den Blick nehmen sollte mit dem Ziel, ihre Verbundenheit mit der Kirche zu stabilisieren. Hier lässt sich mit gewisser Aussicht auf Erfolg eine ganze Menge erreichen, wohingegen der Aufbau von neuen Kommunikationskanälen zu den weiter am Rande stehenden oder gar indifferenten Menschen sehr viel schwieriger und sehr viel frustrierender ist. Eine solche Strategie hätte ganz gewiss nichts mit einer Reduktion der Kirche auf kleine Bereiche zu tun, sondern mit dem realistischen Ansetzen an einer Form von Mitglieder- und damit verbundener Gemeindeentwicklung unter denen, die daran potenziell tatsächlich ein Interesse haben könnten. Von der Qualität der religiösen und kirchlichen »Spannkraft« unter diesen 10 Mio. hängt ganz viel ab. Das schließt nicht aus, dass sich am Rand der Kirche Innovationen ergeben können, auch überraschende charismatische Erneuerungen, die den Kern befruchten. Man wird sehen, was in dieser Hinsicht durch Migrantengemeinden und neuere religiöse Bewegungen möglich sein kann. Zur Erneuerung der Kirche sind die kirchlich distanzierten oder indifferenten Menschen eben gerade nicht motiviert. Und diese Erneuerung brauchen wir.

Aber ist Erneuerung der Kirche überhaupt noch eine Perspektive? Gerade die Ergebnisse der KMU 5 haben, so ist mein Eindruck, landauf und landab für eine Stimmung gesorgt, die sich dahingehend zusammenfassen lässt, dass man ja doch nichts machen könne. Die gesellschaftliche Entwicklung sei so, dass sie die Menschen von Kirche und Religion abziehe und dieser Prozess letztendlich auch nicht mehr umkehrbar sei. Argumentationen aus dem Bereich der Säkularisierungstheorie können dann in dieser Hinsicht geradezu fatalistisch zitiert und entsprechend als Alibi, nichts weiter zu tun, genutzt werden. Aber diese Argumentation wäre vorschnell. Denn gerade der Blick auf Kirchengemeinden erlaubt eine sehr genaue Differenzierung zwischen erfolgreichen, sich öffnenden Gemeinden und anderen, bei denen man den Eindruck haben kann, dass sie sich längst aufgegeben haben. Zukünftige Forschung muss näher auf die Faktoren achten, die zur Differenzierung in dieser Hinsicht beitragen. Es braucht Forschung über erfolgreiche Kirchengemeinden und gezielte kirchliche Maßnahmen, um Kirchengemeinden erfolgreich werden zu lassen.

Wer sich im Übrigen kundig machen will, wie eine gelingende kirchengemeindliche Praxis aussieht, dem kann ich nur dringend empfehlen, samstagabends 19.30 im ZDF die »Herzensbrecher« zu sehen: Pastor Tabarius und seine charmante Gemeinde.8


Anmerkungen:

1 Der Autor war Mitglied des wissenschaftlichen Beirats der KMU 4 und 5.

2 Heinrich Bedford-Strohm und Volker Jung (Hg.): Vernetzte Vielfalt: Kirche angesichts von Individualisierung und Säkularisierung. Die fünfte Erhebung über Kirchenmitgliedschaft. Gütersloh 2015.

3 EKD: Engagement und Indifferenz. Kirchenmitgliedschaft als soziale Praxis. V. EKD Erhebung über Kirchenmitgliedschaft. Hannover 2014.

4 M.W. hat Petra-Angela Ahrens diese Zahlen »entdeckt«.

5 Vgl. dazu Albert O. Hirschman: Abwanderung und Widerspruch. Reaktion auf Leistungsabfall bei Unternehmungen, Organisationen und Staaten. Tübingen 2004 (Nachdruck). Engl. Titel: »Exit, Voice and Loyalty.«

6 Hilke Rebenstorf/Petra-Angela Ahrens/Gerhard Wegner: Potenziale vor Ort. Erstes Kirchengemeindebarometer. Leipzig 2015.

7 Vgl. Wolfgang Lukatis/Gerhard Wegner (Hrsg): Das Christentum auf der EXPO 2000. Würzburg 2001.

8 Vgl. dazu die wunderbare Analyse von Elisabeth Hurth: Ein Pfarrer als Herzensbrecher. In: DPfBl 10/2015, 565-570.

Über den Autor

Prof. Dr. theol. Gerhard Wegner, Jahrgang 1953, Pastor, apl. Prof. für Prakt. Theologie an der Universität Marburg, Direktor des Sozialwissenschaftlichen Instituts der EKD in Hannover; Schwerpunkte: Kirchen- und Religionssoziologie, Sozialethik; letzte Veröffentlichung: Die Legitimität des Sozialstaats, EVA Leipzig 2015.

Aus: Deutsches Pfarrerblatt - Heft: 1/2016

3 Kommentare zu diesem Artikel

Ein Kommentar von Hans-Jürgen Rabmund Pfr.i.R. / 20.01.2016
Ein sehr interessanter Artikel gerade in Bezug auf die vielfach zu beobachtende Auflösung von Ortsgemeinden zu größeren überörtlichen Gebilden hin! Ist das ein richtiger Weg oder sollten besser die Ortsgemeinden gestärkt werden?
Ein Kommentar von Andreas Reinhold / 20.01.2016
Die Ergebnisse der KMU V sind insofern beachtenswert, als sie den Einsichten und Ausblicken des Impulspapiers "Kirche der Freiheit" aus dem Jahre 2006 und den damit einhergehenden und initiierten Reformen deutliche widerspricht. Insofern ist Hans-Jürgen Rabmund unbedingt Recht zu geben: Ortsgemeinden müssen überschaubar und gestärkt werden! Was jedoch derzeit in vielen Teilen der EKD geschieht, ist genau das Gegenteil: die Ortsgemeinde wird geschwächt, die übergeordneten Ebenen werden gestärkt. Es bleibt abzuwarten, ob die Einsichten der KMU V auch bei den Kirchenleitungen der EKD und der Landeskirchen Früchte tragen. Mancheiner ist da eher skeptisch, weswegen sich Gemeindebünde (z.B. Gemeinde im Aufwind / Nordkirche, Aufbruch Gemeinde / Bayern, Gemeindebund / Berlin-Brandenburg schlesische Oberlausitz, KirchenBunt / Rheinland) gegründet haben, die dieser Tendenz entgegenwirken wollen - nicht aus reaktionärer Besserwisserei, sondern aus der mit normalem Menschenverstand und ehrlichem Christenherzen zu greifenden Einsicht, dass Kirche da ist, wo sich zwei oder drei in Jesu Namen versammeln. Eine Erneuerung der Kirche (semper reformanda) geht nur mit der Basis und sollte nur von der Basis ausgehen. Wer dies ignoriert, sägt am eigene Ast.
Ein Kommentar von Dr.Kurt Schröder / 08.02.2016
Unsere Kirche entsteht neu nur an der Basis der Ortsgemeinde und dort vor allem in der Kinder-und Jugendarbeit. Diese Arbeit ist beschwerlich. Lieber arbeitet man als -von Kirchensteuern bezahltes- Kirchenmitglied im Innendienst- als Innendienstpastor. Und vermeidet die Front zugunsten der Etappe. Und klagt über das Verdunsten unserer Kirche. Wo ist die Untersuchung über die Teilnahme der beruflichen Kirchenmitglieder am Leben der Gemeinde? Dr. Kurt Schröder, Landarzt und Kirchenvorsteher in Ochsenwerder

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