Kultur, Dissens, Dissens-Kultivierung
Fluchtort Deutschland

Von: Lutz Bauer
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»Multikulturelle Gesellschaft« versus »deutsche Leitkultur« – für Lutz Bauer geht diese eingefleischte Debatte am Grund der Herausforderungen vorbei. Wenn sich durch Migrationszuströme veränderte gesellschaftliche Gemengelagen ergeben, so ist an den Dissenslinien zu arbeiten, die hierdurch entstehen. Das Buch »Hiob« verhilft Bauer dabei zu wegweisenden Ideen.


Die Begriffe »multikulturelle Gesellschaft« versus »deutsche Leitkultur« stehen sich als zwei Kampfbegriffe in einer anhaltenden, sich je nach aktueller Lage erneuernden gesellschaftlichen und parteipolitischen Debatte scheinbar immer wieder unversöhnlich gegenüber und erweisen sich bei näherer Betrachtung doch eher als Schattenprojektionen, die dazu dienen, sich einer ernsthaften Analyse dessen zu entziehen, was unsere bundesdeutsche pluralistische Demokratie prägt und ausmacht. Es sind recht hilflos wirkende Versuche, ethische Ansprüche in der einen oder anderen Richtung zu formulieren. In der derzeitigen aufgeregten Diskussion um Flüchtlingsströme und sich daraus ergebende diffuse Angstvorstellungen und politische Wahnideen mag es hilfreich sein, ein wenig innezuhalten und sich Gedanken über die Grundlagen menschlichen Zusammenlebens angesichts der Unwägbarkeiten des Lebens, kurz seiner Kontingenz, zu machen.

Ich möchte im Folgenden versuchen, die derzeitige gesellschaftliche Situation als eine in vielerlei Hinsicht vom Dissens geprägte Kultur zu beschreiben. Dieser deskriptiven Seite soll die Forderung nach einer Kultivierung des Dissenses folgen.


Kultur

Zunächst gilt es, den Kulturbegriff zu konkretisieren, der in diesem versuchsweisen Gedankenspiel verwendet wird. Kultur verstehe ich als domestizierende Bemühung einer Gesellschaft um einen adäquaten Umgang mit Kontingenzerfahrungen1 aller Art. Dabei erweist sich in den Lösungen, die eine jeweilige Gesellschaft findet und ihren Mitgliedern anbietet, wie sie sich gegenüber der Kontingenz als einer grundsätzlichen Nicht-Verfügbarkeit des Lebens verhält. Es lassen sich viele verschiedene Aspekte einer solchen kultivierenden Bemühung benennen.

Ein herausragendes Element, sich zu der Kontingenz des Lebens zu verhalten, ist zunächst die tiefe Sehnsucht des Menschen nach so etwas wie Sicherheit. Dieser Sehnsucht wird in vielfältiger Weise in der menschlichen Entwicklung Rechnung getragen. Sicherungsmechanismen durchziehen alle Bereiche menschlicher Erkenntnis. Exemplarisch möchte ich hier lediglich auf einen, scheinbar eher abgelegenen Technikbereich eingehen, der sich aber bei näherem Hinsehen als für das Empfinden unserer Zeit repräsentativ entpuppt: Das Sicherheitsingenieurwesen befasst sich mit technischen Fragen der Sicherheit: nämlich der äußeren (security) und der inneren (safety). Die in diesen Zusammenhängen notwendigen naturwissenschaftlichen Erkenntnisse geben in ihrer Gesamtheit letztlich Antworten auf die Frage nach der Kontingenz des Lebens.2 Dies geschieht in der Regel unbewusst und bedarf der philosophischen und theologischen Reflexion. Dabei spielen Deutemuster und Strategien der Technikerwartung3 eine ziemlich unterschätzte Rolle. Das Gespräch mit Studierenden4 zeigt das in einer den Horizont sehr erweiternden Weise. Die Fragen nach den grundlegenden Aspekten und Bedürfnissen nach Sicherheit, Vertrauen bis hin zur Glaubensgewissheit spielen in einem solchen fast ausschließlich technikorientierten Studiengang kaum eine Rolle und sind für die im späteren Berufsleben auftretenden sozusagen »subkutanen« Handlungs-Maximen der verschiedenen Akteure eben doch entscheidend.

Allgemein lässt sich sagen, dass der Bedarf nach Sicherheit in unserer Gesellschaft immens ist. Die Ingenieure sind sozusagen innerweltliche »Funktionäre« dieses Sicherheitsbedürfnisses und versuchen, sicherzustellen, dass die Kontingenz des Lebens so wenig bedrohlich als möglich erscheint. So sind zum Beispiel die Erfüllung von Brandschutzauflagen und Anforderungen an den Arbeitsschutz Teile einer gesamt-gesellschaftlichen Bemühung, die zusammen mit vielen anderen Aspekten suggeriert, wir lebten in einer »sicheren« Gesellschaft, in einer Gesellschaft, die auch nach Katastrophen in der Lage ist, verbesserte Sicherheit zu gewährleisten.

Diese Suggestion wird immer wieder unterbrochen von Einbrüchen der Realität, die dann aber wiederum neue Sicherungsmechanismen hervorrufen. Die Kontingenzerfahrungen lassen sich nicht wegsperren, der Umgang mit den Risiken ist ständig zu optimieren. Die Machbarkeit von Sicherheit steht dabei naturgemäß stets im Zentrum, auch im Blick auf ökonomische Erwägungen, die als einzige Einschränkungen zugelassen scheinen.

An dieser Stelle möchte ich die These wagen, dass auch unsere pluralistisch verfasste Gesellschaft Sicherheit bewirken soll. Das demokratische System, in dem wir in der Bundesrepublik Deutschland zu leben gewohnt sind, ist in vielerlei Hinsicht ähnlich suggestiv wie Brandschutzgesetze und andere Sicherungssysteme in der Industrie. Auf die dabei geltenden Spielregeln und Normen lassen sich die beiden komplementären Begriffe der Diskurstheorie – Konsens und Dissens – anwenden. Die Konzeption einer sicheren Gesellschaft wird derzeit gewaltig erschüttert. Die Sicherheit der bundesdeutschen Gesellschaft scheint gefährdet durch die Unsicherheit, die in Gestalt der Flüchtlinge tagtäglich vor Augen geführt wird. Dabei stellt sich die Frage nach leitenden Grundvorstellungen, auf deren Basis so etwas wie gesamtgesellschaftliche Sicherheit gedacht werden kann. Diese Basis scheint mir im Begriff »Konsens« gegeben zu sein. Alles kommunikative Handeln scheint nach Übereinstimmung, nach allgemeiner Zustimmung zu streben. Die parlamentarischen Abläufe und Strukturen sind darauf angelegt, so etwas wie Konsens zu erzielen. Die Grundvoraussetzung unserer Gesellschaft scheint im Streben nach »Einigkeit und Recht und Freiheit« zu bestehen, wobei der erstgenannte und damit wichtigste Punkt die »Einigkeit« darstellt. Es scheint damit auch das am wenigsten verwirklichte Desiderat zu sein.5


Dissens

Es ist manchmal hilfreich, die Nützlichkeit der Anwendung eines Begriffes von seinem Komplement her zu überprüfen. Dieser Gegenbegriff zum Konsensbegriff ist der Begriff »Dissens«. Ob man tatsächlich Konsens durch Dissens als »regulative Idee von Kommunikation« ersetzen kann, ist eine hier nicht zu entscheidende Frage. Das gilt auch für die Behauptung, wir hörten auf zu kommunizieren, wenn es Konsens gibt: »Konsens ist der Konkurs des Diskurses.«6

Die Frage, die sich mir aber als sehr spannend stellt, ist die, welche Rolle Dissens spielt, wenn man ihn als a priori gesetzt annimmt. In sehr vielen Bereichen gibt es keinen oder noch keinen Konsens. So zu tun, als hätte man Konsens deshalb schon automatisch erreicht, weil man Bedingungen seiner Möglichkeit bereitstellt, ist wenig zielführend. Die Existenz unserer verfassten parlamentarischen Demokratie kann Basis für Konsens sein, muss aber stets von neuem von einem grundlegenden Dissens ausgehen. Solchen Dissens zu erkennen, zu beschreiben und auszuhalten, ist deshalb notwendig, weil damit klar wird, wo die Grenzen der Wahrnehmung auf allen Seiten möglicher Beteiligter liegen, die blinden Flecke ebenso wie ideologische und andere Divergenzen.

Dissens ist als wertneutraler Begriff zu verstehen, der die Andersheit und Fremdheit des Anderen charakterisiert und er beschreibt damit eine, wenn nicht die Grundkonstante menschlichen Lebens. Dissens als Grundstruktur menschlichen Zusammenlebens zu begreifen ist notwendig, um in einem zweiten Schritt die Möglichkeiten zu beschreiben, Dissens zu kultivieren, sofern er sich nicht in einen Konsens überführen lässt. Es gibt verschiedene Formen des Umgangs mit Dissens. Meine Beschäftigung mit dem Thema »Dissens« rührt her aus der persönlichen Begegnung mit dem vor einiger Zeit verstorbenen Sowjet-Dissidenten Peter Butov.

In einem bewegenden, nicht veröffentlichten autobiographischen Buch mit dem Titel »Das Erlebnis des Dissenses« beschreibt er seine Erfahrungen in der ausgehenden Sowjetunion. Er verwaltete eine mittlerweile als »Igrunov-Butov Samizdat« bekannte Sammlung7 von Untergrundliteratur in Odessa und war deswegen inhaftiert. Dieses »Erlebnis« war ein Erleiden der Unterdrückung von Dissens. Wer anderer Meinung ist, wird weggesperrt, in Arbeitslagern mundtot gemacht oder gar ermordet.

Eine weitere Form mit Dissens umzugehen, ist der Krieg als völliges Scheitern aller Konsensbemühungen, aus welchen Gründen auch immer. Die davon abhängige weitere Form des Umgangs mit Dissens, ist es, sich der Kriegssituation durch Flucht zu entziehen. Die Situation in Syrien mag als Beispiel dafür gelten. Menschen entfliehen einer gesellschaftlichen Situation, die aufgrund mehrfacher ideologischer, religiöser, ökonomischer und machtpolitischer Dissens-Gemengelagen zu einem der undurchsichtigsten und kompliziertesten Bürgerkriege eskaliert ist. Sie fliehen nach Europa, insbesondere in Gesellschaften dort, von denen angenommen wird, dass ein Leben in ihnen deshalb möglich ist, weil sie sicherer seien als die eigene.

Man kann nun die These vertreten, dass ein Zusammenhang zwischen der subjektiv empfundenen und auch objektiv nachweisbaren Sicherheit und der Nähe zu möglichem gesellschaftlichen Konsens besteht. Die Suggestion, die bundesdeutsche Gesellschaft sei besonders sicher, wirkt nach innen und nach außen. Um von dieser bedrängenden Situation und aktuellen Lage ein wenig Distanz zu bekommen, möchte ich einen Perspektivwechsel vornehmen. Ziel soll sein, eine Möglichkeit des Umgangs mit Dissens zu finden, die weder im Krieg oder einer anderen Form von Vernichtung endet, noch die Notwendigkeit eines möglicherweise gar nicht zu erreichenden Konsenses einfordert.

Die homiletische Auseinandersetzung8 mit dem Buch Hiob ließ in mir die Erkenntnis reifen, dass hier ein exemplarischer Mensch seine Lebensgeschichte im soeben skizzierten Sinn in paradigmatischer Weise dergestalt kultiviert, dass Dissens ausgehalten werden kann. Hiobs Lebensvollzüge werden zunächst als sicher und gesichert beschrieben. Die Sicherung seines Lebens verläuft in großer Übereinstimmung mit den Normen der Zeit. Opfer werden dargebracht, um den Fortbestand der Familie zu gewährleisten und es scheint alles in Strukturen zu verlaufen, die nicht zusammenbrechen können. Hiob gerät dann aber in einen Strudel von Verlusterfahrungen, allesamt Erfahrung innerweltlicher Kontingenz. Das erzähltechnische Angebot des Buches Hiob, eine mehr oder weniger sinnhafte Wette in der Götterwelt anzunehmen, kann in diesem Kontext vernachlässigt werden.9 Die als unfair erlebte Erfahrung der gravierenden Verluste führt ihn dann zu einer starken Auseinandersetzung mit und Abgrenzung von den Deutungsmustern seiner Zeit. Alle Sicherungen, nicht nur die physischen – bis hin zum Verlust der Gesundheit –, sondern auch psychische und vor allem die alle anderen umfassenden religiösen10 Sicherungen sind ihm abhanden gekommen.

Er gerät dabei in einen heftigen religiös geprägten Konflikt mit seinen Freunden, den man als Deutungskonflikt näher charakterisieren kann. Die existentielle Betroffenheit der Freunde hat ihre Grenze in dem Augenblick erreicht, in dem Hiob seinen Mund öffnet und spricht. Die diskursive Auseinandersetzung mit den Fragen, wie die erfahrene Kontingenz zu deuten sei, ist äußerst kontrovers. Die gängigen Deutungskategorien der drei Freunde reichen bekanntermaßen nicht aus und es entsteht ein diskursiver Engpass, den der unvermittelt auftretende vierte Freund überwinden hilft, indem er den Dissens zwischen den drei Freunden und Hiob benennt und eine Lysis vorbereitet, die ein adäquates Weiterleben erlaubt.

Im Blick auf die derzeitige gesellschaftliche Situation ist großer Dissens zu konstatieren. Die Frage entsteht nun aber sogleich, worin dieser Dissens eigentlich besteht. Im Beispiel des Buches Hiob ist die Gemengelage recht einfach zu entwirren. Auf der einen Seite die Haltung des leidenden Hiob und auf der anderen Seite die sich in der eigenen Sicherheit bedroht sehenden drei Freunde, die sich den Gedanken nicht vorstellen mögen, selbst in die Lage Hiobs zu kommen und, wie er, mittellos und krank zu sein, und zwar ohne eigenes Verschulden, anders gesagt: aufgrund der allem Leben innewohnenden Kontingenz. Der Dissens liegt also in einer Unvereinbarkeit der Lebensumstände und ihrer Deutungssysteme. Die mehr oder weniger »bürgerliche« Existenz der Freunde Hiobs hält es nicht aus, das Wegfallen aller Sicherungssysteme auch nur zu denken. Das Bedürfnis, die eigene Existenz zu sichern, indem man einen religiösen Automatismus annimmt, ist stärker als die Empathie mit dem leidenden Freund. Dieser Automatismus, in der einschlägigen Literatur gerne als Tun-Ergehen-Zusammenhang beschrieben – sichert die persönliche und gesellschaftliche Existenz der Menschen, die daran glauben und die entsprechenden Opfer darbringen.

Genau genommen gibt es denn auch im Buch Hiob keinen Konsens. Dissens wird in allen Hinsichten ausgehalten und in Kauf genommen. Darin zeigt sich ein adäquater Umgang mit der Kontingenz-Erfahrung menschlichen Lebens. Die Sehnsucht nach Konsens wird auf der zwischenmenschlichen Ebene nicht erfüllt. Der Wunsch nach Konsens leitet dabei dennoch die Kommunikation. Man kann die »Einsicht Hiobs« in formalem Sinn als eine Art Konsens verstehen, doch wird dieser »Konsens« eher als eine Rückgewinnung der Glaubensgewissheit zu charakterisieren sein, die die innerweltlichen Vollzüge transzendiert.11

So lässt sich das Buch Hiob paradigmatisch lesen als Anleitung zu einem Diskurs, der einerseits Dissens zulässt und andererseits die als »Freundschaft« charakterisierte zwischenmenschliche Beziehung nicht aufkündigt. Im Buch Hiob wird angedeutet, in welcher Weise Dissens kultiviert werden kann. Diese Form des Umgangs mit Dissens stellt diesen fest und es scheint, als könne allein schon die Feststellung des Dissenses in einem ersten Schritt dabei helfen, ihn auszuhalten.


Dissens-Kultivierung

Im Blick auf die derzeitigen von der Angst vor dem Fremden geleiteten Demonstrationen und zum Teil unreflektierten Lautäußerungen sozial, ökonomisch und politisch Benachteiligter oder sich benachteiligt Fühlender lässt sich eine Form des Umgangs mit Dissens beschreiben, die möglicherweise den Versuch darstellt, sich in einer vielfach als segmentiert oder fragmentiert beschriebenen Gesellschaft so zu verhalten, dass es in anderen parallel existierenden Gesellschaftsschichten – wenn auch als störend – wahrgenommen wird. Bezeichnenderweise sprechen Vertreterinnen und Vertreter der AfD von den etablierten Parteien abwertend als von den »Konsensparteien«12, wobei völlig unreflektiert bleibt, wie sie sich selbst sehen. Die Frage entsteht, wie damit umzugehen sei, wenn Personen sich dem Gespräch entziehen und sich ausschließlich von dem eigenen, mutmaßlich von großer Angst genährten Überzeugungssystem leiten lassen, sich also auch jedem Perspektivwechsel verweigern.

Die Flüchtlinge aus fernen Ländern, die nach Europa kommen, repräsentieren die Schutzlosigkeit und Hilfsbedürftigkeit Hiobs auf frappierende Weise. Sie alle haben auf je unterschiedliche Weise die Kontingenzerfahrung erlitten, die im Buch Hiob exemplarisch ausgeführt wird. Sie alle haben Verluste erfahren und sind auf ihren Wegen schutzlos den Machenschaften übelmeinender Menschen ausgeliefert. Die Einheimischen kann man in den vier Freunden wieder finden, wobei die lösende Rolle des vierten Freundes von der der drei alten Freunde zu unterscheiden ist. Die Menschen in unserem Land sind einerseits voller Empathie und Mitgefühl für die Fremden und andererseits stehen sie in einer inneren Konflikthaltung vor einem zunächst imaginären Verlust. Sie werden sich dessen inne, dass es eben keine absolute Sicherheit gibt. Die Sicherungssysteme werden brüchig und müssen umso mehr aufrechterhalten werden, desto näher die soziale Lage der Einheimischen an die Lebenswirklichkeit der Flüchtlinge heranrückt. Je mehr sich ein Hartz IV-Empfänger mit der Situation der Flüchtlinge eigentlich identifizieren können müsste, desto größer ist die Wahrscheinlichkeit, dass er oder sie sich von den Flüchtlingen distanziert und in innerweltlichen Zusammenhängen nach Schuldigen und Verursachern ruft. Die Art und Weise, wie solcher Dissens sich artikuliert, lässt sich gut mit der Argumentation der drei Freunde gegenüber Hiob vergleichen.

Dieser Zusammenhang darf nicht unterschätzt werden und bietet denn auch ein hohes Maß an Konfliktpotential. Der Dissens hat – wie gezeigt – immer die Neigung, sich in Konflikten zu äußern und sich in Krieg oder kriegsähnlichen Situationen zu lösen. Die martialische Sprache vieler sich durch Fremde und das Fremde schlechthin bedrohter Menschen weist auf diese Gefahr hin. Einer solchen Eskalation könnte durch so etwas wie Kultivierung von Dissens begegnet werden.

Die Frage, ob so etwas wie Kultivierung von Dissens überhaupt möglich ist, oder ob sich Dissens per definitionem niemals »kultivieren« lässt, kann durchaus offen bleiben. Es scheint jedoch viel für die Annahme zu sprechen, dass eine Kultivierung möglich und zur Vermeidung von gewalttätiger Eskalation auch wünschenswert ist. Es geht also darum, Dissens insoweit zu domestizieren, dass kein Schaden für Einzelne oder die Gesellschaft entsteht. Dabei ist zu prüfen, inwieweit innerhalb einer von Dissens gezeichneten Situation Kommunikation möglich ist. Die Hiob-Geschichte zeigt, dass der Dissens zwischen den beiden Seiten in einer kommunikativen Sackgasse endete. Sie zeigt auch, dass es eine dritte Partei braucht, um den Dissens in hilfreicher Weise zu konstatieren. Diese dritte Seite muss nicht unbedingt unparteiisch sein. Sie kann durchaus auch aus den Reihen einer der beiden Dissens-Seiten kommen, auch wenn die neutrale Position wünschenswerter, weil erfolgversprechender, erscheint. In jedem Fall muss sie eine von beiden Seiten anerkannte Position innehaben.

Zunächst gilt es, die verschiedenen Bereiche des gesellschaftlichen Dissenses zu beschreiben. Die modernen Industriestaaten, pluralistisch und demokratisch verfasst, stellen ein in vielfacher Brechung zu charakterisierendes Dissens-Konglomerat dar. Der Zusammenhalt dieser Gesellschaft in ihrer Heterogenität wird oft beschworen und je eindringlicher die Beschwörungsformeln von staatstragender Seite formuliert werden, desto brüchiger ist das, was man als Kitt der Gesellschaft beschreiben mag. Die gemeinsame Sprache, die sog. abendländische Kultur, die Symbole der Nation bis hin zu großen Sportveranstaltungen, in denen so etwas wie nationale Identifizierung stattfinden kann, suggerieren eine Sicherheit, die es bei näherem Hinsehen dann doch nicht gibt.

Die Frage stellt sich nun, welche Institutionen oder Einzelpersonen kultivierend auftreten können? Ich sehe hier eine Aufgabe der Kirchen. Sie haben eine äußerst brisante, von gewaltsamer Eskalation gezeichnete Geschichte, aus der sie schöpfen können, gerade um die Fehler der Vergangenheit zu vermeiden. Sie stellen die eigentlichen Vertreter des christlichen Abendlandes dar und können für sich in Anspruch nehmen, als Fachleute für Dissens aufzutreten. Die ökumenischen Bemühungen der fast sieben Jahrzehnte seit 1948 sind allesamt Bemühungen in Sachen Dissens-Kultivierung. Es geht im ökumenischen Gespräch immer auch um das Konstatieren und Aushalten und darin das Kultivieren der Fremdheit des anderen Glaubens. Diese ökumenische Übung im Dissens findet seine Entsprechung in den verschiedenen interreligiösen Dialogversuchen.

Ein weiterer, nicht zu unterschätzender Beitrag zur Kultivierung von Dissens könnte von den Verbänden jener Menschen geleistet werden, die selbst als Flüchtlinge und Heimatvertriebene nach dem Zweiten Weltkrieg in Mitteleuropa Zuflucht gefunden haben. Ihre Empathie wäre sehr hilfreich. Je intensiver sich Bürgerinnen und Bürger mit ihrer eigenen Fluchtbiographie und der eigenen Heimatlosigkeit oder der ihrer Eltern und Großeltern auseinandergesetzt haben, desto mehr können sie möglicherweise zu einer Dissens-Kultivierung beitragen.

Die Hoffnung, dass sich aus dergestalt kultiviertem Dissens so etwas wie Konsens entwickelt, soll zum Schluss wenigstens ausgesprochen werden. »Seid eines Sinnes untereinander!« (Röm. 12,16a) Solche und ähnliche biblische Postulate sind Bestätigungen dessen, dass der Dissens das a priori Anzunehmende ist und der Überwindung bedarf.


Anmerkungen:

1 »Wenn der Bezug auf eine bestimmte (künftige, gegenwärtige oder vergangene) Wirklichkeit hergestellt wird, die als ›auch anders möglich‹ erfaßt werden soll, sprechen wir von Kontingenz.« (Niklas Luhmann, Kontingenz und Recht, Berlin 2013, 46.)

2 Im Zusammenhang meines Lehrauftrages an der HFU Furtwangen versuche ich, diese Gedanken in einer ausführlicheren Arbeit zu entfalten.

3 Vgl. Andreas Kaminski, Technik als Erwartung. Grundzüge einer allgemeinen Technikphilosophie, [transcript Verlag] Bielefeld 2010.

4 Studiengang »Security und Safety-Engineering« (SSE) an der HFU Furtwangen.

5 Zumindest im Jahr 1841, als August Heinrich Hoffmann von Fallersleben auf Helgoland »Das Lied der Deutschen« verfasste.

6 So in Auseinandersetzung mit Habermas die These von Jochen Hörisch, einem Mannheimer Literatur- und Medienwissenschaftler (Jochen Hörisch, Theorie-Apotheke. Eine Handreichung zu den humanwissenschaftlichen Theorien der letzten fünfzig Jahre, einschließlich ihrer Risiken und Nebenwirkungen (ebook 2012; Eichbaum 2005), 168.)

7 »Das andere Osteuropa von den 1960er bis zu den 1980er Jahren«. Berichte zur Forschungs- und Quellenlage, hg. v. d. Forschungsstelle Osteuropa an der Universität Bremen, Bremen 2008, 63.

8 In fünf Predigten zum Buch Hiob sind die biblisch-theologischen Ideen entstanden, die in diesem Aufsatz eine Rolle spielen.

9 Hier kann nicht ausgeführt werden, dass diese Idee auch im Hiobbuch selbst nicht weiter ausgeführt wird, das »Verschwinden« Satans ist ein literarisch ebenso interessantes Phänomen wie das unerwartete Auftreten des vierten Freundes Hiobs, Elihu.

10 Ich verwende den Begriff »religiös« hier in bewusster Abgrenzung zu »theologisch«.

11 Diese These gilt es an anderer Stelle exegetisch zu erhärten.

12 So z.B. Frauke Petry in einer Rede am 7. November 2015 in Berlin, übertragen in einer Sendung auf »Phoenix«.

Über die Autorin / den Autor:

Pfarrer Dr. theol. Lutz Bauer, Jahrgang 1957, Gemeindepfarrer in Furtwangen im Schwarzwald, Lehrbeauftragung an der HFU – Hochschule Furtwangen University.

Aus: Deutsches Pfarrerblatt - Heft: 1/2016

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