Teil 1: Was Deutschland gemeistert hat und wie es davon profitiert
Flüchtlinge – eine Herausforderung für Gesellschaft und Kirche

Von: Stefan Heinemann
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Migration ist – auch in Deutschland – ein keineswegs neues Thema, allerdings wurde zu selten darüber gesprochen. Stefan Heinemann unternimmt es, in einem ersten Teil seines zweiteiligen Beitrags eine Art Faktencheck durchzuführen, wobei er die Jahre seit 1945 Revue passieren lässt. In einem zweiten Teil soll dann thematisiert werden, was es politisch und gesellschaftlich bedeutet, sich den Herausforderungen der Migration auf Dauer zu stellen.


»In Wahrheit sprechen wir nicht von einer Flüchtlingskrise, sondern von einer Weltkrise, für die wir in Europa eine Mitverantwortung tragen«, referierte Klaus Bade Mitte September in Wuppertal. Seine Prognose: Der Migrationsdruck auf Europa werde in den nächsten Jahren anhalten. Der Nestor der deutschen Migrationsforschung sprach als Hauptredner bei der Eröffnungsveranstaltung zum Beratungsprozess »Interkulturelle Öffnung« in der Evang. Kirche im Rheinland. Als Historiker schaute der Emeritus bei dieser Gelegenheit zurück in die bundesdeutsche Vergangenheit und konstatierte: »Als 12 Millionen Vertriebene kamen, dann 6 Millionen Gastarbeiter, dann 5 Millionen Übersiedler aus der DDR und zuletzt 4 Millionen Spätaussiedler – immer gab es zuerst den öffentlichen Aufschrei: ›Das schaffen wir nicht!‹ Aber im Rückblick …«

Ein genauerer Blick bestätigt Bades Einschätzung und fördert überraschende Details der deutschen Migrationsgeschichte zu Tage, die im Allgemeinen wenig bekannt sind. Darauf zielt dieser Text, wenn nach zwei einleitenden Vorbemerkungen die Migrationsgeschichte der letzten 70 Jahre aufgerollt wird. Dabei konnten nur Zahlen bis 2013 berücksichtigt werden, da für die Migrationsbewegungen der letzten Monate noch kein verlässliches Datenmaterial vorliegt.


Vorbemerkung 1: Wie über Migration gesprochen wird

Streng wissenschaftlich umschreibt der Begriff »Migration« die Prozesse der Immigration und Emigration als »Bewegungen von Personengruppen und Personen im Raum […], die einen dauerhaften Wohnortwechsel«1 in signifikanter Entfernung verursachen. Schon für weitere terminologische Präzisierungen gilt aber als Konsens, dass im Migrationsdiskurs Begriffsdefinitionen gesellschafts-, zeit- und ideologiegebunden gebraucht werden: »There is nothing objective about definitions of migration: they are the result of state policies, introduced in response to political and economic goals and public attitudes.«2 Die Kategorisierung von Migranten ist oft Gegenstand politischen Einflusses und allzu oft abhängig davon, ob sich eine Gesellschaft als Einwanderungsgesellschaft empfindet bzw. von den Traditionen, die sie im Umgang mit Fremden entwickelt hat. Auch für Deutschland gilt, dass der sog. »Ausländeranteil« letztlich so groß ist, wie wir selbst es wünschen. Wir bestimmen diese so »bedrohlich« anmutende Zahl selbst. Anschaulich wird dies etwa im europäischen Vergleich der Ausländerstatistiken: Inder und Pakistani wurden in Großbritannien lange Jahre nicht als Ausländer gezählt, da sie aus Ländern des Commonwealth stammen. Ähnliches galt für Bewohner des Maghreb in Frankreich – oder eben für Spätaussiedler und ihre russischstämmigen Familienangehörigen in Deutschland.

Alle idealtypischen Unterscheidungen sind zudem Hilfskonstruktionen mit fließenden Übergän­gen. So ist schon die Unterscheidung zwischen dem »forced migrant«, der durch äußere Umstände zur Migration gezwungen wird, und einer sog. freiwilligen Migration kaum praktikabel, denn die Push-Faktoren im Herkunftsland wie die Pull-Faktoren im Ankunftsland sind wegen ihrer hohen Interkonnektivität – der soziokulturell bedingten wie der subjektiv empfundenen – nur schwer voneinander abzugrenzen. Monokausales Denken, das in grober Vereinfachung Wirtschaftsflüchtlinge, Verfolgte und Heiratsmigranten gegeneinander stellt, kann im Einzelfall selten überzeugen. Verschiedenste Motive überlagern sich. Eingedenk dessen kommt die Darstellung der Migrationsdynamik dennoch nicht gänzlich ohne solche Typisierungen aus.


Vorbemerkung 2: Migration war schon immer

Migration ist so alt wie die Menschheit selbst, denn der »homo migrans« existiert, seit es den »homo sapiens« gibt. Wanderungen gehören zur conditio humana wie Geburt, Fortpflanzung, Krankheit und Tod. Denn Menschen haben immer versucht, geographische Grenzen zu überschreiten – oder waren gezwungen, sich mit »Grenzgängern« im eigenen Land auseinanderzusetzen.

In der merkantilen Periode von 1500 bis 1800 löste die Erschließung neuer Welten interkontinentale Wanderungsbewegungen aus, die dominiert waren von Emigrationswellen aus Europa. Die folgende industrielle Epoche vom frühen 19. Jh. bis 1914 stellte eine Periode höchst liberaler Migrationspolitik dar: Sie war »in einem bis dahin nicht und seither nicht wieder erlebten Maße durch die Freiheit der Wanderung über Grenzen bestimmt«3. So gingen eine erste Globalisierungswelle und stärkere internationale Wanderungsbewegungen am Ende des 19. Jh. Hand in Hand – bis 1914 der Ausbruch des Ersten Weltkrieges eine 40 Jahre lange Periode limitierter Migration einleitete: Unter dem Eindruck von Nationalismus und Protektionismus »wandelte sich die Geschichte der (freien) Migration zu einer Geschichte nationaler Migrationspolitiken«4. Erst in der post-industriellen Epoche seit 1950 wurde Immigration zu einem wahrhaft globalen Phänomen: Zahl und Verschiedenartigkeit der Aufnahme- wie Entsendungsländer wuchsen stetig. Dies gilt auch für Mitteleuropa und Deutschland.


Deutschland – von der Auswanderer- zur Einwanderergesellschaft

Deutschland hat sich zu Beginn des 20. Jh. von einer Auswanderungs- zu einer Einwanderungsgesellschaft entwickelt. Von jeher ist Deutschland allerdings »ein Land mit hoher Bevölkerungsfluktuation. […] Das Gros der bundesrepublikanischen Bevölkerung ist ethnisch heterogen und setzt sich aus den Nachkommen früherer Zuwanderer zusammen.«5 So wurden zwischen 1954 und 1999 54 Mio. Zu- und Fortzüge verzeichnet. Dabei wanderten rund 9 Mio. Menschen mehr in die Bundesrepublik ein als aus. Ergo: Die Bevölkerung Deutschlands wächst seit Jahrzehnten nicht über Geburten, sondern über einen positiven Wanderungssaldo – und wird dadurch verjüngt, denn unter den Zugezogenen – wie unter den Fortgezogenen – liegt der Anteil der Menschen unter 40 Jahren bei ca. 75%. Demografen gehen daher davon aus, dass ohne diese Zuwanderung die Bevölkerungszahl in Deutschland heute statt bei 82 Mio. bei deutlich unter 70 Mio. läge.

Dass zugleich viele Ausländer wie Deutsche aus Deutschland auswandern, wird von der Öffentlichkeit kaum registriert: Der öffentliche Umgang mit der Thematik erfolgt höchst selektiv. Generell wird Abwanderung kaum problematisiert, Zuwanderung dagegen sehr. Dabei hatte sich der Gesamttrend zur Immigration, der in den letzten 25 Jahren vorherrschte, zwischenzeitlich sogar umgekehrt. Zwischen 1991 und 2003 wurden 14,2 Mio. Zuzüge, aber nur 9,6 Mio. Fortzüge registriert – ein Plus von etwa 4,5 Mio. Für die Bevölkerung in Deutschland ergab das Wanderungssaldo in diesem Zeitraum Jahr für Jahr einen Zuwanderungsüberschuss, der seinen Höhepunkt in den Jahren 1989 bis 1995 erreichte – hier ist der Zuzug von Spätaussiedlern ausschlaggebend. Die Wanderungssalden für ausländische Staatsangehörige hatten dagegen – bei einem hohen Wanderungsvolumen – in diesem Zeitraum mehrfach das Vorzeichen gewechselt: Während zu Beginn der 1990er Jahre die Zuzüge um bis zu 500.000 Personen überwogen, glich sich das Verhältnis in der zweiten Hälfte des Jahrzehnts wieder an. Im ersten Jahrzehnt des neuen Jahrtausends überwogen die Zuzüge für ausländische Staatsangehörige stets. Jedoch war dieses positive Saldo zuletzt so gering, dass es in den Jahren 2008 und 2009 das bereits seit 2005 negative Wanderungssaldo der deutschen Staatsangehörigen nicht mehr ausgleichen konnte: In diesen Jahren überwog die Gesamtzahl der Auswanderungen die Gesamtzahl der Zuwanderungen – das Wanderungssaldo Deutschlands hatte sich erstmals seit Jahrzehnten leicht ins Negative verkehrt.

Danach schlug das Pendel wieder deutlich in die Gegenrichtung aus: Für 2012 wurde ein Wanderungsgewinn von 368.945 Personen festgestellt. 2013 wanderten sogar 437.303 Personen mehr nach Deutschland ein als aus.


Vom Kriegsende bis zur Wende: Vertriebene und Gastarbeiter

Die Migrationsbewegungen in Folge des Zweiten Weltkriegs hatten gewaltige Ausmaße: Bis 1950 waren über 9 Mio. Flüchtlinge und Vertriebene in das Gebiet der Bundesrepublik gekommen – die sowjetische Besatzungszone verzeichnete einen Zuzug von 3,6 Mio. »Umsiedlern«. Zeitgleich verließen etwa 10 Mio. Fremd- und Zwangsarbeiter, ausländische Kriegsgefangene und ehemalige KZ-Häftlinge Deutschland.

Die meisten ausländischen Staatsangehörigen kamen dann – gemäß dem gesamteuropäischen »guest workers model«6 – in das Gebiet der früheren Bundesrepublik, um hier Arbeit zu finden: Bis zum Bau der Mauer war der mit dem »Wirtschaftswunder« ständig wachsende Bedarf an Arbeitskräften durch die Aufnahme von jährlich ca. 350.000 Übersiedlern aus der ehemaligen DDR gedeckt worden. Ab 1961 kam der Beschäftigung ausländischer Arbeitnehmer eine immer größere Bedeutung zu. Die CDU-geführten Bundesregierungen schlossen mit Italien (1955), Spanien und Griechenland (1960), der Türkei (1961), Marokko (1963), Portugal (1964), Tunesien (1965) sowie Jugoslawien (1968) bilaterale Abkommen. Obwohl den Gastarbeitern lediglich eine konjunkturelle Pufferfunktion auf dem Arbeitsmarkt zugedacht war, stieg der ausländische Bevölkerungsanteil kontinuierlich von 1,2% 1961 auf 4,3% 1970. Denn wegen ökonomischer Motive aller Beteiligten wurden die von den Zuwanderern selbst beabsichtigte Befristung und das »Rotationsprinzip« nie konsequent umgesetzt. Jedoch nur etwa ein Viertel7 der Migranten fand in Deutschland einen neuen Lebensmittelpunkt. Erst spät kam die Erkenntnis, dass ausländische Arbeitskraft »was beginning to lose its mobility, and social costs […] could no longer be avoided. When the federal government stopped labour recruitment in November 1973, the motivation was […] also the belated realization that permanent immigration was taking place«8. Doch gerade der Anwerbestopp 1973 hatte einen gegenteiligen Effekt: Da den Arbeitsmigranten die Wiedereinreise verweigert wurde, zogen sie es vor, im Land zu verbleiben. Die Zahl der Familienzusammenführungen stieg und mit ihnen der Anteil der Ausländerinnen in Deutschland. So existierten die jetzt etablierten Migrationsnetzwerke fort »through entries of family members, illegal workers and asylum seekers, while the former migrant workers were transformed into new ethnic minorities«9.

Als verheerend erwies sich die wankelmütige Doppelstrategie einer »Integration auf Widerruf« für die Kinder der 2. Generation: Aus ihnen wurden »›zweisprachige Analphabeten‹, die weder die Sprache ihrer Eltern noch die ihrer Klassenkameraden beherrschten, die dementsprechend sozial isoliert und für eine Berufstätigkeit kaum qualifiziert waren«10. Ein überdurchschnittlicher Anteil der Nachkommen von Arbeitsmigrantenfamilien bleibt ohne Schulabschluss – in den weiterführenden Schulen sind sie bis heute unterdurchschnittlich vertreten.

Im Vergleich zu 2,6 Mio. ausländischen Arbeitskräften 1973 in der Bundesrepublik kann die Zahl der Arbeitsmigranten, die aus »sozialistischen Bruderstaaten« in die DDR rekrutiert wurden, als marginal gelten: 1989 betrug ihre Zahl 93.000. 59.000 davon kamen aus Vietnam.


Nach der Wende: Spätaussiedler und Asylbewerber

Seit Ende der 1970er Jahre dominierten Migrationsbewegungen in Süd-Nord- und Ost-West-Richtung das Bild und wurden durch den Zerfall des Ostblocks Ende der 1980er Jahre noch verstärkt. Deutschland war als das reichste und zugleich am weitesten östlich liegende Land des europäischen Westens ein im doppelten Sinne nahe liegendes Ziel. Einlass aber gab es zuletzt nur über zwei Wege: Als privilegierter Spätaussiedler oder als Asylbewerber.

Nachdem von 1950 bis 1987 die Aufnahme und Integration von ca. 1,37 Mio. Aussiedlern weitgehend problemlos verlaufen war, änderte sich die Situation mit dem Mauerfall: Seit Ende der 1980er Jahren immigrierten 3,2 Mio. Spätaussiedler. Allein 1990 kamen 397.000 Aussiedler nach Deutschland. Nach Art. 116 GG gelten sie als deutsche Staatsangehörige. Die Aussiedlerpolitik war daher lange Jahre vom politischen Willen geprägt, diese Zuwanderer schnell zu integrieren. Doch seit 1993 müssen Aussiedler glaubhaft machen, dass sie seit dem 31.12.1992 Benachteiligungen auf Grund ihrer deutschen Volkszugehörigkeit ausgesetzt waren. Dies markierte das Ende der großzügigen Regelung der Aussiedleraufnahme. Der Aussiedlerstatus wurde faktisch auf Deutsche aus der ehemaligen UdSSR beschränkt. Die überwiegende Mehrheit der seitdem aufgenommenen Aussiedler kam aus Russland und Kasachstan. Seit Juni 1996 »sortieren« die deutschen Vertretungen vor Ort ca. 40% der Antragsteller nach ihren Deutschkenntnissen aus. Die Zahl eingereister Spätaussiedler sank auf nur noch 1.817 Personen im Jahr 2013.

Als Gruppe »sind Aussiedler sehr jung«11 – gerade den Jugendlichen, die im Ankunftsland einen Balanceakt zwischen Familie und neuer Umgebung bewältigen mussten, galt die Aufmerksamkeit von Betreuungsorganisationen. Ihr häufig deutschsprachiger Hintergrund erleichterte Aussiedlern einerseits die Integration in das Land. Andererseits stehen gerade die Spätaussiedler unter besonderem Assimilationsdruck: Insbesondere die Generation der Eltern begreift sich als Deutsche, erlebt im Aufnahmeland allerdings ständig, dass sie als »Russen« ausgegrenzt werden.

Gegen Ende der 1980er Jahre stiegen auch die Zahlen asylsuchender Flüchtlinge sprunghaft an. Ihren vorläufigen Höchststand erreichten sie 1992 mit 438.191 Personen. Nach der Änderung des Asylrechts 1993 und Abschiebevereinbarungen mit osteuropäischen Nachbarstaaten sank die Zahl der Asylanträge dramatisch. Auch die Anerkennungsquote nahm deutlich ab: Lag sie hinsichtlich 2,9 Mio. Asylanträgen zwischen 1990 und Ende 2009 durchgängig unter 10%, sank die Quote von über 3,0% 1999 auf einen Tiefststand von 0,8% im Jahr 2006. 2013 lag die Anerkennungsquote bei 80.978 bearbeiteten Asylanträgen bei 1,1%.12 Für einen deutlich höheren Anteil der Asylbewerber als in früheren Jahren wurden hingegen Abschiebungsschutz (2013: 12,3%) oder Abschiebungsverbot (2013: 11,4%) ausgesprochen. Diese Zahlen schwanken jedoch stark nach Herkunftsländern: Schon 2013 erhielten von 9235 Flüchtlingen aus Syrien 94,3% Bleiberecht in verschiedenster Form.

Durch einen hohen Frauenanteil der Zuziehenden zeichnen sich die Herkunftsländer von Heiratsmigrantinnen aus: Thailand (74%), Litauen (68%), Peru (66%), Philippinen (63%), Ukraine und Weißrussland (je 62%). Der Ehegatten- und Familiennachzug hatte sich aber in den Jahren 2002 bis 2008 nahezu halbiert. Seitdem hält sich die Zahl der entsprechend erteilten Visa auf konstantem Niveau – 2013 waren es 44.311.

Nach Angaben des Ausländerzentralregisters lebten Ende 2013 in Deutschland insgesamt 7,6 Mio. Menschen mit einer ausländischen Staatsangehörigkeit – auf 7,0 Mio. kommen Berechnungen auf Basis der Bevölkerungsfortschreibung. Damit stieg der Anteil der ausländischen Bevölkerung an der Gesamtbevölkerung von 7,3% 1991 über ein Zwischenhoch von 9,1% 1996 auf zuletzt 8,7% im Jahre 2013.

Die größten Bevölkerungsgruppen unter ihnen stellten Ende 2013 Migranten aus den früheren Anwerbestaaten: Türkei (20,3%), Polen (8,0%), Italien (7,2%) sowie Griechenland (4,1%) und Rumänien (3,5%). Insbesondere die Zahl der türkischen Staatsangehörigen hat in den letzten Jahren deutlich abgenommen.

Höher noch ist die Zahl der Menschen mit Migrationshintergrund im engeren Sinne, die für 2013 mit 15,9 Mio. Personen angegeben wird – hier sind etwa 9,1 Mio. deutsche Staatsangehörige mit eingerechnet. Grob zwei Drittel (65,9%) verfügen als Migranten der ersten Generation über eigene Migrationserfahrungen, während knapp ein Drittel (34,1%) in Deutschland geboren wurde. Der Anteil von Menschen mit Migrationshintergrund an der Gesamtbevölkerung Deutschlands lag 2013 bei 19,8%. Dabei sind regionale Unterschiede unübersehbar. Der jeweilige Bevölkerungsanteil hängt im Wesentlichen von den örtlichen Wirtschaftsstrukturen und den Erwerbsmöglichkeiten ab: In den vier westdeutschen Flächenländern Baden-Württemberg, Bayern, Hessen und Nordrhein-Westfalen leben fast drei Viertel aller Migranten – Schlusslichter sind seit Jahren die ostdeutschen Bundesländer, insbesondere Sachsen-Anhalt mit 2,2% Ausländeranteil und Thüringen mit 2,0% Ausländeranteil an der Gesamtbevölkerung. Dieser Beobachtung entspricht die Feststellung, dass Zuwanderung quantitativ bemessen ein Großstadtphänomen ist: 80% der Ausländer leben in Städten mit mehr als 100.000 Einwohnern, aber nur 58% der Deutschen. Allerdings gilt dies nicht für Aussiedler – die ja statistisch nicht als Ausländer geführt werden. Dabei nimmt die Zahl der Menschen mit Migrationshintergrund »vor allem aufgrund der demografischen Entwicklung und einer höheren Geburtenrate langsam zu. In sechs deutschen Großstädten liegt der Anteil der bis zu Fünfjährigen bereits bei über 60 Prozent.«13

Seit 2001 sind die 3,8 bis 4,3 Mio. Migranten aus muslimisch geprägten Herkunftsländern in den Fokus der öffentlichen Aufmerksamkeit geraten. Wie eng diese Menschen der islamischen Religion verbunden sind – ja, ob sie sich selbst überhaupt als Muslime betrachten, dazu liegen m.W. keine Erhebungen vor. Jedoch ist während der letzten Jahrzehnte »nicht nur der Anteil der Muslime in Deutschland gestiegen, sondern auch die Zahl von Christen und Christinnen aus anderen Ländern«14. Den größten Anteil der Einwanderer stellten 2009 Katholiken (33%), gefolgt von Einwanderern aus muslimisch geprägten Ländern (22%). Die protestantischen Immigranten (11%) waren zu diesem Zeitpunkt den orthodoxen (12%) zahlenmäßig leicht unterlegen.


Ein Gesamtüberblick: Vier plus zwei Gruppen

Nach rechtlichem Status lassen sich – abgesehen von den Aussiedlern – grob vier Gruppen registrierter Ausländer in Deutschland unterscheiden:

2,9 Mio. Migranten aus ehemaligen Anwerbeländern, die nicht zur EU gehören, machten 1997 40% der ausländischen Wohnbevölkerung aus. Durch die EU-Beitritte ihrer Herkunftsländer ist ihre Zahl heute im Wesentlichen reduziert auf Zuwanderer aus der ­Türkei.

Die mittlerweile größte Gruppe stellen Migranten aus Ländern der EU – 1997 entfielen auf sie 25% der ausländischen Wohnbevölkerung. Ihr Anteil war bis 2013 durch Zuwanderung wie durch »Einbürgerung« im Zuge der EU-Osterweiterung auf 44,1% gestiegen. 2013 stammten mehr als drei Viertel aller zugezogenen Personen (76,8%) aus einem anderen europäischen Staat.

Etwa 1,6 Mio. bzw. 22% waren 1997 Flüchtlinge unterschiedlicher Kategorien. Die dominanten Flüchtlingsströme von 2,5 Mio. Asylantragsstellern zwischen 1990 bis 2013 folgten den politischen Krisen: Kamen Anfang der 1990er Jahre Flüchtlinge v.a. aus Kroatien und Bosnien-Herzegowina, so dominierten in der zweiten Hälfte des Jahrzehnts Fluchtbewegungen infolge der ethnischen Konflikte in der Türkei und im Kosovo. Ab 2000 stellten dann jeweils mehr Antragsteller aus asiatischen Herkunftsstaaten als aus europäischen einen Asylantrag in Deutschland, dies jedoch bei zwischenzeitlich deutlich gesunkenen Asylbewerberzahlen – der Tiefpunkt wurde 2007 mit 19.164 gestellten Asylanträgen erreicht. In 2013 kamen die meisten der nun wieder 109.580 Asylantragsteller aus der Russischen Föderation (13,6%), Syrien (10,8%), Serbien (10,5%) und Afghanistan (7,1%).

Nicht auf Dauer angelegt ist die Pendelmigration von seit 2002 etwa 300.000 Saisonarbeitnehmern pro Jahr, die insbesondere aus Polen stammen, und weiteren Arbeitsmigranten sowie die Zuwanderung von Studierenden mit ausländischer Staatsangehörigkeit, deren Zahl von 134.391 im Wintersemester 1993/94 auf 301.350 im Wintersemester 2013/14 gestiegen ist.

Hinzu kommen zwei Gruppen, die in den Zahlen des Ausländerregisters nicht enthalten sind:

Seit Inkrafttreten des neuen Staatsangehörigkeitsrechts im Jahr 2000 wurden 1,9 Mio. Migranten eingebürgert. 39% aller Antragsteller bis 2003 hatten zuvor eine türkische Staatsangehörigkeit.

Ohne legalen Aufenthaltsstatus leben 0,5 bis 1,5 Mio. Menschen in Deutschland. Sie haben unerlaubt eine deutsche Grenze passiert, ihr Visum »überzogen« oder sich durch »Untertauchen« einer drohenden Abschiebung entzogen. Die kontinuierliche Zunahme illegaler Zuwanderer resultiert vor allem aus den erhöhten Hürden für legale Migration und der Tatsache, dass in Deutschland – im Gegensatz zu den Nachbarstaaten – nie eine Legalisierungskampagne für irreguläre Migranten durchgeführt wurde. Illegale Migranten sind überdurchschnittlich jung. Sie sind häufiger in urbanen Ballungsräumen anzutreffen und stehen dort häufig in so prekären wie unangemeldeten Beschäftigungsverhältnissen.


Fazit: Gekommen, um zu bleiben

In 2013 lebten über die Hälfte aller Zuwanderer über 20 Jahre in Deutschland. 81,8% von ihnen hatten seit mindestens neun Jahren ihren Lebensmittelpunkt hier. Die längste durchschnittliche Verweildauer weisen dabei Zuwanderergruppen aus der Türkei, Kroatien, Italien, Griechenland und Portugal auf. Kurzum, große Teile der Migranten sind seit langem fester Bestandteil der Bevölkerung geworden. Dennoch haben viele von ihnen noch keinen gefestigten Aufenthaltsstatus.

Ein Gesamtbefund ihrer Lebenslagen lässt sich so charakterisieren: Einerseits wächst die soziale Differenzierung der Migranten, andererseits »haben Jahrzehnte der Einwanderungsrealität nichts daran geändert, dass große Teile der Einwanderer und ihrer Kinder […] Wohn- und Wirt­schaftsbürger ›zweiter Klasse‹ geblieben sind«15. Diese Unterschichtung scheint sich zu verstärken. »Die ausländische Bevölkerung ersetzt zu einem großen Teil die deutsche Arbeiterschaft, die ihrerseits in einem langfristigen sozialen Aufstieg befindlich ist«16. Die meisten sozialen Konflikte entstehen »in der Konfrontation mit den unteren Schichten der deutschen Gesellschaft, die den sozialen Aufstieg nicht schaffen, sich in Konkurrenz mit den Ausländern befinden und dies als sozialen Abstieg empfinden«17. Das ist die bleibende Herausforderung der Zuwanderung. Denn Zuwanderung wird Realität in Deutschland bleiben.

Schon vor den Ereignissen des Jahres 2015 konnten Migrationssoziologen konstatieren: Aus demographischen, ökonomischen und globalpolitischen Gründen werden »auch künftig die Bevölkerungsanteile von Menschen mit ausländischer Herkunft zunehmen, und zwar vor allem in den großen Städten«18. Der Wanderungsdruck wird »eher noch zu- als abnehmen, und zwar für lange Zeit«19. Immigration – auch nach Deutschland – »will expand and grow, for none of the causal forces responsible for immigration show any sign of moderating«20.

Deshalb sich auf die Zuwanderung einzustellen, ist nicht nur ein Gebot der Moral, sondern allein schon ein Gebot der Klugheit – auch für die Kirchen in Deutschland. Was das bereits bedeutet und in Zukunft bedeuten kann, soll im zweiten Teilartikel im folgenden Heft dargelegt werden.


Anmerkungen:

1 P. Han (20052): »Soziologie der Migration«, Stuttgart, 7.

2 S. Castles: »Migration: Sociological Aspects«, 9825, in: N.J. Smelser/P.B. Babes (Hg.) (2001): »International Encyclopedia of the Social and Behavioral Sciences«, Amsterdam u.a., 9824-9828.

3 K.J. Bade (2000): »Europa in Bewegung. Migration vom späten 18. Jahrhundert bis zur Gegenwart«, München, 15.

4 T. Straubhaar (2002): »Migration im 21. Jahrhundert. Von der Bedrohung zur Rettung sozialer Marktwirtschaften?« (Beiträge zur Ordnungstheorie und Ordnungspolitik 167), Tübingen, 10.

5 A. Treibel: »Migration«, 464, in: B. Schäfers/W. Zapf (Hg.) (1998): »Handwörterbuch zur Gesellschaft Deutschlands«, Opladen, 462-472.

6 A. Giddens (20014): »Sociology«, Cambridge/Oxford, 259. Nach Treibel, Migration, 466 wurden auf gesamteuropäische Ebene »bis 1974 34 Anwerbeabkommen abgeschlossen« – deutsche Wirtschaftspolitik stand einerseits mit diesem Konzept nicht allein. Andererseits sind bilaterale Anwerbeverträge nicht nur bereits zwischen und vor den beiden Weltkriegen geschlossen worden, vielmehr hatte es nach 1945 nur eine zehnjährige Unterbrechung einer 120jährigen Tradition der Ausländerbeschäftigung gegeben.

7 Nach Treibel, Migration, 466 verließen von 16 Mio. Gastarbeitern, die 1960 bis 1990 in die BRD einreisten, 12 Mio. das Land in demselben Zeitraum wieder. Nur 4 Mio. blieben.

8 S. Castles: »Contract labour migration«, 512, in: R. Cohen (Hg.) (1995): »The Cambridge Survey of World Migration«, Cambridge, 510-514.

9 Ebd.

10 U. Herbert (2001): »Geschichte der Ausländerpolitik in Deutschland. Saisonarbeiter, Zwangsarbeiter, Gastarbei­ter, Flüchtlinge«, München, 238.

11 Treibel, Migration, 468.

12 Die nachfolgenden Zahlen sind – so weit nicht anders gekennzeichnet – entnommen: Bundesministerium des Innern (Hg.) (2015): »Migrationsbericht des Bundesamtes für Migration und Flüchtlinge im Auftrag der Bundesregierung. Migrationsbericht 2013«, Berlin.

13 Kirchenamt, Fremde, 12, bezieht sich auf Angaben des Statistischen Bundesamtes aus dem Jahr 2008, die für fünf Großstädte konkrete Zahlen nennen: Nürnberg: 67,2%; Frankfurt am Main 65,2%; Düsseldorf 63,3%; Wuppertal 61,8%; Stuttgart: 61,7%.

14 Kirchenamt, Fremde, 13.

15 M. Krummacher: »Zuwanderung, Migration«, 324, in: H. Häußermann (Hg.) (20002): »Großstadt. Soziologische Stichworte«, Opladen, 323-332.

16 Herbert, Ausländerpolitik, 294.

17 Herbert, Ausländerpolitik, 294.

18 Krummacher, Zuwanderung, 324.

19 Herbert, Ausländerpolitik, 343.

20 D.S. Massey u.a. (1998): »Worlds in Motion. Understanding International Migration at the End of the Millennium«, Oxford, 294.


Über die Autorin / den Autor:

Pfarrer Dr. Stefan Heinemann, Jahrgang 1978, Gemeindepfarrer in Hennef (Sieg), 2012 Promotion an der Ruprecht-Karls-Universität Heidelberg mit einer Arbeit unter dem Titel »Interkulturalität. Überlegungen zu einer Herausforderung kirchlichen und diakonischen Handelns«, Mitglied der Steuerungsgruppe für den Beratungsprozess »Interkulturelle Öffnung« in der Evang. Kirche im Rheinland.

Aus: Deutsches Pfarrerblatt - Heft: 1/2016

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