Fragen zum Kirchenverständnis im Reformprozess der EKD
»Zwo Kirchen«?

Von: Martin Honecker
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Kirche ist nicht nur Institution, sondern auch Organisation. Doch gerade um die Ordnungen von Kirche bricht oft Streit aus. So auch im Rahmen des Reformprozesses der EKD. Martin Honecker greift auf Orientierungen bei Luther sowie bei der Konstituierung der EKD nach 1945 zurück und resümiert den Stand der Debatte um den Reformprozess.

Die Überschrift »Zwo Kirchen« stammt aus der Schrift des Reformators Martin Luther »Vom Papsttum zu Rom«, 15201. Luther hat mit der Unterscheidung von zwei Kirchen den Gegensatz zwischen dem damaligen römischen Kirchenverständnis und dem reformatorischen Verständnis von Kirche bezeichnet und markiert. In dieser Hinsicht ist die Unterscheidung auch heute noch aktuell. Allerdings gibt es auch innerhalb der röm.-kath. Kirche gegenwärtig ebenfalls erkennbare Unterschiede im eigenen kirchlichen Selbstverständnis. Beleg dafür sind harsche Worte des Papstes in einer Rede vor der Kurie im Dezember 2014. Er betont: »Eine Kurie, die sich nicht selbst kritisiert, die sich nicht auf den neuesten Stand bringt und verbessert, ist ein kranker Körper.« Der Papst diagnostiziert erhebliche Erkrankungen: »spiritueller Alzheimer«, »geistige Versteinerung«, »Pathologie der Macht«, »Vergötterung der Chefs«, »theatralische Strenge«, »existentielle Schizophrenie«. Auch von Verleumdung und Diffamierung oder vom Drang nach weltlichem Erfolg war die Rede. So spricht nur jemand, und sei es sogar ein Papst, der entweder angesichts seiner Aufgabe resigniert und frustriert oder zu einem Aufbruch und Umbau entschlossen ist.

Nun soll die Scheltrede in Rom weder weiter analysiert noch auf die Reformdebatte der EKD übertragen werden. Aber die päpstliche Kritik ist Indiz einer Gefährdung jeder Kirchenbehörde, nicht nur der vatikanischen Kurie.


1. Der Hintergrund: das EKD-Impulspapier »Kirche der Freiheit«

Die derzeitige Kirchenreformdebatte wurde ausgelöst durch das Impulspapier des Rates der EKD »Kirche der Freiheit«, 20062. Die Debatte um diese Konzeption hält bis heute an. Sie wird vor allem in der Pfarrerschaft geführt. Dabei spielen Aufsätze im »Deutschen Pfarrerblatt« eine zentrale Rolle, so dass es genügt, diese Einwände und Kritik am Impulspapier zur Kenntnis zu nehmen. Dass zugleich in Landeskirchen mehr oder weniger heftige Reformdebatten geführt werden, kann beiseite bleiben, da die Kontroversen um das Impulspapier exemplarischen Charakter tragen. In der Tat zeigen sich in diesen Kontroversen zwei verschiedene Auffassungen von Aufgabe und Organisation von Kirche, so dass die Redeweise von »zwei Kirchen« durchaus zutreffend ist.

Ausgelöst wurde der Reformprozess durch drei nicht zu bestreitende Entwicklungen. Es sind dies die demographische Entwicklung und infolgedessen der Rückgang der Zahl der Kirchenmitglieder, dadurch verursacht ein vorhersehbarer Verlust an Finanzkraft der deutschen evangelischen Kirchen. Dieser Analyse der Situation ist kaum zu widersprechen. Das Problem ist hierbei freilich, dass der Prozess von oben her in Gang gesetzt und dabei die Beteiligung der »Basis« von vornherein nicht bedacht wurde. Auch die vier – der Intention nach biblisch geprägten – Grundannahmen sind an sich konsensfähig. Es sind die vier für eine Kurskorrektur und künftige Reform leitenden Grundprinzipien: 1. »Geistliche Profilierung statt undeutlicher Aktivität«, 2. »Schwerpunktsetzung statt Vollständigkeit«, 3. »Beweglichkeit in den Formen statt Klammern an Strukturen«, 4. »Außenorientierung statt Selbstgenügsamkeit«. Diese vier Prinzipien, an denen sich die konkreten Vorschläge ausrichten sollen und messen lassen müssen, sind in ihrer Abstraktion sicherlich akzeptabel. Das Problem zeigt sich dann bei der Umsetzung, also in den konkreten Vorschlägen und Forderungen.

Auf die Einzelheiten und die zwölf »Leuchtfeuer« ist hier nicht nochmals einzugehen. Anfänglich konzentrierte sich die Debatte auf die Forderung einer entschiedenen Reduktion der Zahl der Landeskirchen; diese Forderung scheint vorerst vom Tisch zu sein. Inzwischen haben sich andere Kontroverspunkte herauskristallisiert. Der Pfarrerberuf wird zwar als Schlüsselberuf bezeichnet, aber im Wesentlichen mit Forderungen nach Erhöhung der Leistung und Qualität bedacht. Nicht im Blick waren auch noch weitere Grundaspekte wie die Situation der Mitarbeitenden, etwa Diakone, Gemeindehelfer. Die verfasste Kirche ist nämlich auch Arbeitgeber. Die Rolle der Ökumene wie der wissenschaftlichen Theologie blieb außen vor. Ein schwieriges Thema ist auch die provozierende Vorgabe von Prozentzahlen für den Bestand traditioneller Gemeinden im Verhältnis zu anderen Gemeindeformen, zu Profilgemeinden und zu Netzwerkgemeinden (früher nannte man solche nicht parochial gebundene Gemeinden einmal »Paragemeinden«). Dazu wird ein Verhältnis von 50% Ortsgemeinden und je 25% Profilgemeinden und Netzwerkgemeinden gefordert (Leuchtfeuer 2). Dass diese Forderung tiefgreifende Eingriffe und Strukturänderungen im Bestehenden mit sich bringen muss, liegt auf der Hand. Umstritten ist auch das Verhältnis der drei Ebenen Gemeinde, Kirchenkreis (oder Dekanat) und Landeskirche zueinander, und damit auch die Ebene der EKD.

Dazu kommen zwei weitere grundsätzliche Einwände, die das gesamte Impulspapier betreffen und nicht nur einzelne Aspekte und Vorschläge der Konkretion. Das ist einmal der wegen des Entstehungsprozesses und des Vorschlagsbündels erhobene Vorwurf des Zentralismus. Es war ein Top-down-Prozess, in welchem das Impulspapier entwickelt wurde. Kann dieser in evangelischer Kirche gelingen? Es ist unverkennbar, dass die Reformvorschläge eine Stärkung der Zentrale notwendig machen und dadurch Macht von unten nach oben verlagert wird. Unter Macht ist dabei die Zuständigkeit und das Recht zu Entscheidungen verstanden. Eine solche Verlagerung von Zuständigkeiten hat eine Hierarchisierung – und Bürokratisierung – zur Folge, die auf Kosten von Beteiligung geht. Darin ist ein Dissens zwischen kirchenleitenden Instanzen und Organen einerseits und der Pfarrerschaft andererseits angelegt.

Der andere Vorwurf betrifft die Sprache der Ökonomie. Wie in wirtschaftlichen Unternehmen Gewinnerwartungen und ökonomische Ziele vorgegeben werden, so formuliert das Impulspapier auch für die Kirchengemeinden vor Ort Ziele. Da ist von Taufquote und Trauquote die Rede, von Steigerung der Kirchgangsfrequenz, von Marktverlust im Bereich des Kerngeschäfts, von Orientierung an Erfolgsmodellen, von der Entwicklung eines Corporate Designs. Da wird verlangt, »Ziele zu formulieren« und »Erfolge zu überprüfen«. Nun ist zwar die Verwendung wirtschaftlicher Sprache als eine Art Verfremdungseffekt nicht an sich von vornherein verwerflich3. Allerdings enthält jede Sprache eine eigene Denkweise. Man kann Sprachänderungen nicht einfach formal einsetzen. Und es gibt auch keine spezifisch sakrale Sprache. Daher sind hermeneutische Reflexionennotwendig, in welchem Sinne ökonomische Begriffe und Interpretationen überhaupt geistlichen, kirchlichen und theologischen Aussagen angemessen sind. Das Impulspapier lässt jedoch nicht erkennen, worin man einerseits von Organisationserfahrungen betriebswirtschaftlicher Praxis und Theorie gelernt hat, und es kann vor allem andererseits nicht deutlich machen, wo man davon abweicht. Es ist auch nicht klar, ob es um Visionen, Wunschziele oder um betriebliche Kennzahlen, also um die Produktivität von Pfarrern und Gemeinden gehen soll. Auch liegt die Erreichung dieser Vorgaben nicht im Handlungsbereich der EKD. Das Impulspapier denkt in vielen einzelnen Forderungen in Quantitäten. Im Verlauf der Debatten wurde statt der Zahlen stärker die Bedeutung der Qualität kirchlichen Handelns betont. Aber auch hier bleibt offen, ob es für die Ermittlung der Qualität kirchlichen Handelns im Kernbereich – also in Seelsorge, Verkündigung, Gottesdienst – überhaupt Kriterien der Beurteilung gibt, die anwendbar sind.


2. Widerspruch und Verdruss in der Pfarrerschaft

Die Vorgabe des »Impulspapiers« hat unter den unmittelbar Betroffenen, den Pfarrerinnen und Pfarrern, erheblichen Widerspruch ausgelöst und durchaus Verdruss erzeugt. Wiederum sind dabei nicht Einzelheiten zu diskutieren und deren Berechtigung zu prüfen. Es geht vielmehr um das Grundsätzliche. Die EKD fordert einen Mentalitätswechsel von Pfarrern und Gemeindegliedern. Die Angesprochenen erfahren die EKD mit ihrer Forderung als eine Erziehungsanstalt, in der Pfarrer, Mitarbeitende und (noch nicht aus der Kirche ausgetretene) Gemeindeglieder indoktriniert und zu einem Bewusstseinswandel veranlasst werden sollen.

Nun sind der Blickwinkel sowie die Interessenlage der Pfarrer und Gemeinden vor Ort sicherlich verschieden von den Vorstellungen auf kirchenleitender Ebene. Aber es geht nicht nur um unterschiedliche Perspektiven und Interessen, sondern durchaus um Differenzen im Kirchenverständnis, seien diese Differenzen nun theologisch oder soziologisch bedingt. Die Voten und kritischen Äußerungen im »Deutschen Pfarrerblatt« stehen dafür exemplarisch. Hingewiesen sei nur auf einige Äußerungen. Der neugewählte Vorsitzende des Verbandes Evangelischer Pfarrerinnen und Pfarrer in Deutschland, Andreas Kahnt, nahm unter der Überschrift »Auf die Pfarrerinnen und Pfarrer kommt es an!« Stellung zur letzten Kirchenmitgliedschaftsuntersuchung, zur Diskussion um das Berufsbild des Pfarrers, zum Disziplinargesetz und machte Bedenken geltend4. Georg Raatz (»Zwischen Entdifferenzierung und Selbstimmunisierung«) unterzieht die Interpretation der fünften Kirchenmitgliedschaftsuntersuchung einer kritischen Analyse5. Er deutet die Interpretation der Ergebnisse anhand des Begriffs religiöse Indifferenz als Bemühen, mithilfe dieser Interpretationskategorie Kirchenkritik von vornherein zu relativieren und zu verharmlosen. Mit der Verkündigung des »Endes des liberalen Paradigmas« werde zudem ein Protestantismus, wie er mit der theologischen Aufklärung und Schleiermacher begonnen hat, marginalisiert und zugleich ein Konformitätsdruck gegen die sog. Individualisierung ausgeübt. Besonders scharf ist die Polemik von Karl Richard Ziegert (»Dieses Spiel ist aus. Über das verdrängte Sterben der EKD-Kirchenwelt«)6. Die Ausrichtung kirchlichen Handelns auf Effektivität und Effizienz sei mit der »Eigenlogik religiöser Kommunikation« nicht mehr kompatibel. Ziegert sieht hinter dem »Aufbruch« der EKD die Absicht, sich zum Träger der öffentlichen Religion zu erklären und damit eine eindimensionale Politisierung des Evangeliums voranzutreiben. Kirche werde dadurch zur sakralpolitischen Erziehungsanstalt. Sie beansprucht ein Wächteramt und redet im Namen Gottes. Ziegert benutzt immer wieder den Terminus Totalisierung, »neuer christlicher Totalitarismus«, als Vorwurf. Die Hebel zur Verwirklichung dieser Absicht sind nach ihm Finanzausstattung und Finanzpolitik. Es mag dahingestellt bleiben, ob hinter der Zentralisierung ein strategischer Wille zu einer Politisierung steht. Unverkennbar hat jedoch in den letzten Jahren in leitenden Gremien die Fähigkeit abgenommen, religiös sprachfähig und glaubenswürdig sich zu artikulieren.

Nun mag man dies als Einzelstimmen abtun und überhören. Das »Wormser Wort« des 73. Deutschen Pfarrertags lässt sich nicht so ohne weiteres negieren. »Nein zum bisherigen Umbauprozess der Kirche durch die EKD«7 – in sieben Forderungen wird die Gegenposition zu den Reformvorschlägen und Erwartungen der EKD formuliert. Es wird kritisch festgestellt: »1. Der Reformprozess ist ein Umbau- und Abbauprozess.« Das Impulspapier enthalte kein Reformprogramm. »Tatsächlich handelt es sich um einen tiefgreifenden Umbau: die evangelischen Kirchen werden hierarchisiert, zentralisiert, bürokratisiert, ökonomisiert. Sie verlieren ihren Kern.« »2. Scheitern ist vorprogrammiert.« Selbst das Versprechen ökonomischer Effizienz könne nicht eingehalten werden. Die Ausgaben für die vorgesehenen Maßnahmen seien immens, die Wirkungen äußerst bescheiden. »3. Die Mitarbeitenden werden demotiviert.« Die gegenwärtige Personalführung der Mitarbeitenden sei bedenklich. Eigenverantwortung werde beschnitten und Selbstregulierungskräfte würden gelähmt. »4. Der Mensch gerät aus dem Blick«. Angesichts der Beherrschung aller Lebensbereiche durch die Ökonomie und der Verkürzung des Menschen auf seine ökonomischen Funktionen stelle sich die Frage: »Wo bleibt der Glaube, der Lebenssinn?« »5. Die Kirche verliert ihr Fundament«. Die Freiheit des Wortes des Evangeliums werde verdrängt durch die dieser Freiheit fremde Logik des Marktdenkens und des ökonomischen Gesetzes. Die Folge werde sein: »6. Die Kirche verliert ihre Glaubwürdigkeit.« Die Reformen, die mit hochtrabenden Versprechungen beworben wurden, erweisen sich in der Praxis als unhaltbar. Und schließlich: »7. Umkehr ist nötig.« Derzeit ist die wirtschaftliche Lage der Kirche unverändert gut. Zu beklagen sei hingegen, dass zehn Jahre Umbauprozess die Kirche geschwächt haben. »Verlorenes Vertrauen muss wieder gewonnen werden« Nötig seien ein Moratorium und eine schonungslose Bestandsaufnahme.

Man kann diese Resolution als Weckruf vernehmen. Zugleich legt sie eine breite Kluft zwischen kirchenleitenden Gremien und Instanzen und der Pfarrerschaft offen. – Soweit die Beschreibung der Wahrnehmung des Kirchenreformprogramms der EKD aus gegensätzlichen Perspektiven und von unterschiedlichen Standpunkten. Die Spannung zwischen dem Vorschlag von oben und dem Widerspruch von unten kann man durchaus auf den Begriff »zwei Kirchen« bringen.


3. Streit um die Ordnung von Kirche

Das Problem ist freilich nicht völlig neu. Es hat seinen Ursprung in der Neukonstituierung der EKD auf der Kirchenversammlung in Treysa 19458. Die Kirchenversammlung in Treysa vom 27. bis 31.8.1945 fand in der Notlage nach dem Zusammenbruch Deutschlands am Kriegsende statt. Die großen damaligen Probleme sind hier nicht zu schildern. Aber der politische, soziale und kulturelle Kontext ist zu beachten. Die Kirchenführerkonferenz traf sich auf der Basis des vom württ. Landesbischof Wurm im 2. Weltkrieg zusammengebrachten »Einigungswerks«. Drei wesentliche Gruppierungen wirkten in Treysa zusammen: die Landskirchenführerkonferenz, die Mitglieder des Einigungswerks und der Bruderrat. Kirchenpolitisch stand die Neuordnung in Treysa von vornherein unter erheblichen Spannungen. Verletzungen aus dem Kirchenkampf und unterschiedliche kirchliche Vorstellungen stießen aufeinander. Damals zeigte sich bereits ein Dissens zwischen einer konfessionell bestimmten und mit Lehrfragen befassten Verwaltungskirche und einer neu zu legitimierenden, bekennenden Gemeindekirche. Das kirchliche Notrecht der Bekennenden Kirche hatte sich nicht als praktikabel erwiesen. Dazu kam die Frage der Rechtskontinuität zur bisherigen Deutschen Evangelischen Kirche. Die Konvention von Treysa war folglich ein Kompromiss, auf dem später dann die Verfassung der EKD von 1948 beruht. Es blieb bei der verwaltungsmäßigen Struktur der Kirchenbehörde, ergänzt um die aus der brüderrätlichen Tradition der Bekennenden Kirche übernommene Einrichtung eines Rates der EKD.

Hermann Diem hat bereits 1947 die Konvention von Treysa kritisiert9. Ausgehend von der Spannung zwischen Kirchenführerkonferenz und Bruderrat spricht er von einem »kalten Sieg der BK«10. Aus der bisherigen kirchlichen Opposition sei nun eine Regierungspartei geworden, und zwar in einer Koalition mit dem bisherigen Kontrahenten. Diem spricht sogar von einer Machtergreifung der BK in den »zerstörten Kirchen«. Die Debatte nach Treysa ging um kircheninterne Probleme, insbesondere um die Frage des Bekenntnisstandes der EKD und die damals noch nicht bestehende Abendmahlsgemeinschaft. Die Entwicklung in dem sich neu bildenden deutschen Staatswesen und in der Gesellschaft hin zu Rechtsstaatlichkeit und Demokratie, d.h. Partizipation, war nicht im Blick. Hätte man dies bedacht, so wäre sicherlich manches in der Grundordnung der EKD anders gestaltet. Diems Schlusssatz lautet: »Dabei dürfte die EKD grundsätzlich möglichst wenig Aufgaben der Gemeinden und der Landeskirchen an sich ziehen, sondern müsste vielmehr darauf achten, dass diese sie selbst richtig erfüllen.«11 Verstärkt wurde das kirchliche Selbstbewusstsein durch die Berufung auf die 3. Barmer These, welche Botschaft und Ordnung der Kirche einander gleichsetzt. Der Verwerfungssatz: »Wir verwerfen die falsche Lehre, als dürfe die Kirche die Gestalt ihrer Botschaft und ihrer Ordnung ihrem Belieben oder dem Wechsel der jeweils herrschenden weltanschaulichen und politischen Überzeugungen überlassen«, bot 1934 eine klare Orientierung angesichts der Gleichschaltung der evangelischen Kirche im Nationalsozialistischen Regime. Die Bestrebungen nach 1945, ein »bekennendes Kirchenrecht« zu konzipieren, scheiterten freilich nicht nur immer wieder bei der praktischen Anwendung, sondern führten auch tendenziell zu einer Sakralisierung kirchlicher Ordnung. Indem man die Kontextualität von kirchlichen Ordnungen bestritt, konnte es zu einer theologischen Immunisierung gegen kritische Anfragen kommen.

Angesichts dieser Sachlage kann ein Blick auf Luthers Unterscheidung der zwei Kirchen klärend und weiterführend sein. Luther hat im Streit mit dem Leipziger Theologen Alfeld sich mit der Frage auseinandersetzen müssen, ob Christus oder der Papst Haupt und Herr der Kirche sei und ob das Papsttum zu Rom göttlicher oder menschlicher Ordnung sei. Luther prüft dazu die von seinem Gegner herangezogenen biblischen Belege und führt historische Argumente gegen Alfelds Behauptung an, der Papst sei nach göttlicher Ordnung Herr und Haupt der Kirche. Für den Reformator ist allein Christus Haupt und Herr der Kirche12. Sein Haupteinwand ist freilich die Unterscheidung von zwei Kirchen. Dabei verwendet Luther das Wort »Kirche« nicht, sondern er spricht von Christenheit. Im Blick auf »Kirche« ist zu unterscheiden zwischen »wesentlicher, geistlicher, innerlicher« und »gemachter, äußerlicher leiblicher Christenheit«13. Die rechte Christenheit ist geistliche Versammlung im Glauben14 und steht im Geist15. Luther vertritt freilich keine spiritualistische Kirchenauffassung. Vielmehr ist die Kirche, die Christenheit, in der Welt sichtbar an äußeren Zeichen: Evangelium, Taufe, Abendmahl16. Die Einheit beider Arten von Christenheit verdeutlicht er anhand der Einheit von Leib und Seele17. Äußere und geistliche Kirche sind nicht zu trennen, wohl aber sorgfältig zu unterscheiden. Die äußere Organisation von Kirche ist nicht ohne weiteres die wesentliche, innerliche Christenheit.


4. Konsequenzen für die aktuelle Kirchenreformdebatte

Was bedeutet dies für die Debatte um Kirchenreform? Eine Organisationsreform sollte man nach pragmatischen Kriterien beurteilen und nicht mit geistlichen Ansprüchen verbinden. Wenn man schon eine Reform, eine Strukturreform der evangelischen Kirche für erforderlich hält, dann sollte man nicht das Thema EKD aus der Diskussion ausklammern. Die Frage ist, woher denn die EKD eine geistliche Autorität nimmt, über die Reform der Gemeinden zu befinden. Eine Konzentration auf die Kernaufgaben des evangelischen Verständnisses von Glaube und Welt ist angesichts der bevorstehenden Reformationsfeier geboten. Hinweise auf die Möglichkeit weiterführenden Denkens gibt es überdies.

Eberhard Hauschildt unterscheidet zwischen Kirche als Bewegung, Institution und Organisation18. Am Beginn eines religiösen Aufbruchs steht immer eine Bewegung. Das ist zu sehen an den Anfängen des Christentums, am Anfang der Reformation, auch in der Bewegung der Bekennenden Kirche. Eine Institution wird dann notwendig, wenn die Bewegung auf Dauer gestellt werden muss, sich verfestigt und Tradition ausbildet. Organisation ist dagegen die zeitbedingte und situationsbezogene Umsetzung der Aufgabe einer Institution. Institutionen sind beispielsweise Gottesdienst, Verkündigung des Evangeliums, seelsorgerliche Begleitung von Menschen und die Verwaltung von Taufe und Abendmahl. Wie die religiösen Aufgaben zweckmäßig zu organisieren sind, ist eine Frage der vernünftigen Betrachtung, der Diskussion und der Erfahrung.

Wesentlich ist bei Änderungen von Organisationsstrukturen die Beteiligung der Mitglieder an Entscheidungsprozessen. Oberster Maßstab für Leitungshandeln sind dann nicht Effizienz und Effektivität, also ökonomischer Nutzen, sondern Partizipation. Daran hat sich auch kirchliches Leitungshandeln messen zu lassen19. Sodann kann man zwischen »Führen« als personenbezogener Anleitung und Hilfe zum Erreichen von Zielen und »Leiten« als organisationsbezogener Aktivität unterscheiden20. Wilfried Härle bringt in Erinnerung, dass nicht nur die oberste kirchenleitende Ebene Kirchenleitung ist, sondern genauso Pfarrer und Leitungsgremien in Ortsgemeinden und Kirchenkreisen. Im Anschluss an Luther und die lutherischen Bekenntnisschriften sowie an Schleiermacher macht Härle deutlich, dass Kirchenleitung nur im Zusammenwirken aller mit der Leitung von Kirche Beauftragten möglich ist – Schleiermacher sprach vom »Umlauf«21. Man hat das Hierarchieproblem in einer evangelischen Kirche immer wieder zu bedenken. Dabei ist eine organisationssoziologische von einer ekklesiologischen Sichtweise zu unterscheiden. Es sind verschiedene Sichtweisen: die einer Außenbetrachtung aus der Perspektive der Gesellschaft und die einer Innenperspektive anhand des geistlichen, inneren Auftrags (»Mandats«) der Kirche. Die Organisationslogik verfasster Kirche kann daher durchaus mit der Freiheit des Glaubens in Konflikt geraten.

Für evangelische Kirchenverfassung beachtlich ist vor allem auch der Subsidiaritätsgedanke, der ansonsten in der Gesellschaft zur Geltung gebracht wird. Die obere Ebene soll danach nicht Aufgaben an sich ziehen, die auf der unteren Eben zu bewältigen und zu lösen sind. Übergemeindliche Aufgaben sind nach der Tradition evangelischen Kirchentums Visitation und die Prüfung der für ein Pfarramt Geeigneten. Welche Aufgaben die bei der damaligen Finanzlage in den 70er und 80er Jahren geschaffenen zahlreichen Funktionspfarrstellen heute noch haben, wäre zu überprüfen. Zum Erbe der Neukonstitution der Evangelischen Kirche(n) in der Nachkriegszeit gehört zudem eine Schwächung der Aktivitäten eines vereinsmäßig organisierten freiheitlichen Protestantismus. Im Dritten Reich wurden viele protestantische Vereinigungen aufgelöst, die nach 1945 sich nicht wieder bildeten, sondern durch kirchliche Einrichtungen und Angestellte ersetzt wurden.

Genug der Fragen. Ein wesentliches Grundproblem ist inzwischen das Misstrauen gegen einen Vorschlag von oben, wie ihn das Impulspapier »Kirche der Freiheit« vorgelegt hat, und dem dadurch bedingten Einspruch von unten, der über mangelnde Partizipation klagt und sich von einer kirchenleitenden Macht beeinträchtigt fühlt. Damit ist ein Vertrauensverlust eingetreten. Der Vertrauensverlust kann keineswegs durch die Ausübung von Macht durch kirchenleitende Instanzen behoben werden. Denn nach Max Weber beruht Macht – im Unterschied zu Gewalt – in der Regel auf Zustimmung und Anerkennung von Autorität22. Machtausübung kann eben nicht nur zur Stärkung und Legitimation von Herrschaft, sondern auch zum Vertrauensverlust und zur Schwächung von Macht führen.


Anmerkungen:

1 M. Luther WA 6, 285-324. Des einfacheren Verständnisses und der Kürze halber will Luther »die zwo Kirchen« mit unterschiedlichem Namen benennen (WA 6, 296, 38f).

2 Das »Impulspapier« ist greifbar in: Kirche im Aufbruch. Schlüsseltexte zum Reformprozess, hg. vom Kirchenamt der EKD, Leipzig, 2012, 20-104. Der Band »Kirche im Aufbruch« dokumentiert wichtige Phasen der Diskussion.

3 Vgl. Hermann Barth, »Vergiftete Frucht«? Überlegungen zum Gebrauch neuer Sprachformen für theologische Inhalte aus Anlass der Diskussion über »Kirche der Freiheit«, in: Kirche im Aufbruch, 132-144.

4 Andreas Kahnt, Auf die Pfarreinen und Pfarrer kommt es an!, in: DPfBl 114/2014, 612-617.

5 Georg Raatz, Zwischen Entdifferenzierung und Selbstimmunisierung, in: DPfBl 114/2014, 552-557.

6 Karl Richard Ziegert, Dieses Spiel ist aus, in: DPfBl 114/2014, 558-563; vgl. dazu auch die Leserbriefe in DPfBl114/2014, 710, 713.

7 Nein zum bisherigen Umbauprozess der Kirche durch die EKD, in:DPfBl 115/2015.

8 Vgl. dazu: Herbert Claessen, Grundordnung der Evangelischen Kirche in Deutschland. Kommentar und Geschichte, 2007, 106-112.

9 Hermann Diem, Die Problematik der Konvention von Treysa (1947), in: Sine vi – sed verbo, TB 25, 1965, 112-124. Inwieweit der von Hermann Diem in »Restauration oder Neuanfang in der Evangelischen Kirche« 1946 veröffentlichte alternative Entwurf einer Grundordnung seinerzeit realisierbar gewesen wäre, sei dahingestellt.

10 Diem, 119.

11 Diem, 124.

12 WA 6, 295, 1ff; 297, 37ff.

13 M. Luther, Von dem Papsttum zu Rom, WA 6, 297. Vgl. Johannes Heckel, »Die zwo kirchen«. Eine juristische Betrachtung über Luthers Schrift »Von dem Papsttum zu Rom«, in: Das blinde, undeutliche Wort »Kirche«, 1964, 111-131; Martin Brecht, Martin Luther Bd. 1, 3. Aufl. 1989, 327-331.

14 WA 6, 296, 5f.

15 WA 6, 296, 7f: Die natürliche, eigentliche, rechte, wesentliche Christenheit steht im Geist und in keiner Äußerlichkeit.

16 WA 6, 301, 5ff.

17 WA 6, 295, 12ff;297.

18 Eberhard Hauschildt, Organisation der Freiheit – »Evangelisch Kirche sein« verändert sich, in: Kirche im Aufbruch, 2012, 215-235.

19 Vgl. Wilfried Härle, Führen und Leiten in der evangelischen Kirche. Ein Gutachten, in: Kirche im Aufbruch 201, 307-347.

20 Härle, 309f.

21 Härle, 323f.

22 Max Weber definiert Macht als »jede Chance innerhalb einer sozialen Beziehung, den eigenen Willen auch gegen Widerstreben durchzuführen …« (M. Weber, Wirtschaft und Gesellschaft, 1921, 5. Aufl. 1972, 28).

 

Über den Autor

Prof. Dr. Martin Honecker, Jahrgang 1934, Theologiestudium in Tübingen und Basel, Promotion 1960, Habilitation 1965, 1969-1999 Prof. für Sozialethik und Syst. Theologie an der Evang.-theol. Fakultät der Universität Bonn; zahlreiche Veröffentlichungen zur Ethik und zum evang. Kirchenrecht, zuletzt: Evangelische Ethik als Ethik der Unterscheidung, 2010.

Aus: Deutsches Pfarrerblatt - Heft: 10/2015

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