Pilgern auf der via baltica
Schöne Landschaften und spirituelle Orte

Von: Erhard Graf
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Unser Pfarrhaus liegt am Jakobsweg – das hat in den zurückliegenden Jahren für viele überraschende und spannende Begegnungen gesorgt. Schon im alten Hamburger Wanderbuch von 1898 oder dem Lübecker Wanderbuch von 1933 wurde der Weg entlang der Trave über Klein Wesenberg ausführlich beschrieben. Doch erst als im Sommer 2009 die via baltica von der norddeutschen Jakobusgesellschaft von Usedom bis Bremen durchgehend ausgeschildert wurde und seitdem die kleinen blauen Aufkleber mit der gelben Muschel an Straßenlaternen und Hinweisschildern kleben, kommen jedes Jahr über 1000 Pilger am Pfarrhaus und an der Kirche vorbei. Wenn man Pech hat, sind die kleinen Aufkleber gerade verstellt oder überklebt und schon einige mussten große Umwege gehen. Ab Lübeck verläuft der norddeutsche Jakobsweg auf dem bereits 1988 mit »gelben Dreieck und rotem Rand« ausgeschilderten Stormarnwanderweg. Mit der Idee, alte Wanderwege zu verbinden und gleichzeitig an die Hansezeit zu erinnern, wurde im Jahr 2001 der Hanseatenweg mit einer »weiße Kogge auf schwarzem Untergrund« von Travemünde entlang der Trave, Beste und Alster bis Hamburg ausgeschildert. Doch nur wenige Wanderfreunde haben in den zurückliegenden Jahren diese beiden Wege wirklich kennen gelernt.


Medienwirksame Wiederentdeckung des Pilgerns

Es musste erst ein Medienstar für sich und alle anderen das Pilgern wieder entdecken. Seitdem ist das Interesse an seinem Buch und am eigenen Erleben ungebrochen. Die norddeutsche Jakobusgesellschaft konnte diesem Interesse einfach nachkommen, indem auf die bereits vorhandenen Wanderwege ein neues Logo geklebt wurde. Die Eröffnung der »via baltica« wurde im August 2009 mit einer mehrtägigen Veranstaltung in Lübeck groß gefeiert. Seitdem ist der Weg von Ahlbeck bis Wedel durchgehend ausgeschildert. Hinter der Lübecker Stadtgrenze begrüßt die Pilger der einzige Willkommensstein, der gern für das beliebte Ritual des Steine Ablegens benutzt wird.

Die Zahlen der Pilger steigen trotz vieler Hindernisse jährlich an. Drei verschiedene Bundesländer und Kirchengebiete, viele Landkreise und Städte, verschiedenste Orts- und Kirchengemeinden durchläuft der Weg in Norddeutschland und nirgendwo spürt man eine Vernetzung oder ein gemeinsames Konzept. Trotzdem ist der Abschnitt von Lübeck nach Hamburg oder umgekehrt besonders beliebt. Die An- und Abreise ist völlig problemlos und die knapp 60 km sind gut an einem Wochenende zu schaffen.

Auf einer halben Tagesetappe (15 km) von Lübeck aus liegt direkt am Pilger-/Wanderweg das Gemeindehaus in Klein Wesenberg. Die obere Etage wurde vor 25 Jahren als Konfirmandenheim gebaut und kann Dank einer Renovierung den Pilgern, Radfahrern und Kanuten als Gästehaus zur Verfügung gestellt werden. Neben den Wanderwegen, führen eine Europa-Veloroute von Bad Oldesloe nach Lübeck sowie die Kirchenrouten durch Klein Wesenberg. Unterhalb der Kirche fließt die Trave als beliebtes Kanurevier vorbei. So ist Klein Wesenberg in den letzten Jahren zu einem Outdoor-Kreuzungspunkt geworden. Zudem liegt mit der Kirche an einem alten slawischen Höhenheiligtum, ein spürbarer Kraftort, den Adam von Bremen in seiner berühmten Chronik einst Wisbircon nannte, ein spiritueller Höhepunkt auf dem Weg.

Das auf diesem schönen Weg entlang der Trave nicht noch mehr Leute unterwegs sind, liegt sicher daran, dass sich niemand wirklich dafür verantwortlich fühlt. So hat der Weg eine hohe Eigendynamik entwickelt. Woanders werden mit viel Aufwand Pilgerwege planvoll angelegt und beworben, doch das führt nicht automatisch zu einer Akzeptanz. Vielleicht sollte man sich mit einer Nordsüd- und Ostwesttrasse wie in der Schweiz, Österreich oder Skandinavien üblich dem Phänomen des Pilgerns stellen, das nach wie vor in Spanien seinen Höhepunkt erreicht.


Pilgern in Norwegen und Norddeutschland

Inzwischen wurde in Hamburg an der Jakobikirche ein Pilgerzentrum aufgebaut und eingerichtet. Der Pilgerpastor Bernd Lohse gibt den Ratsuchenden gern Auskunft und führt schon seit vielen Jahren begleitete Pilgerwanderungen durch. Sehr beliebt ist der alte Olavsweg auf dem Königsweg in Norwegen. Die wenigen Plätze sind immer schnell vergeben. Der Weg ist nur in Sommermonaten begehbar. Auf den 650 Kilometern von Oslo nach Trondheim gibt es mehrere Pilgerzentren die von den verantwortlichen staatlichen Stellen personell und materiell ausgestattet wurden. Man möchte in Norwegen, dass sich die Pilger gern an ihren Aufenthalt im Land und auf dem Olavsweg erinnern und vielleicht andere motivieren. Auch in der Schweiz hat man sich auf ein gemeinsames nationales Konzept und einen Hauptweg als »Europäischen Jakobsweg« verständigt. Die dort angebotenen begleiteten Pilgerwanderungen garantieren ein sicheres Ankommen und Unterkommen und die wenigen Plätze sind auch dort schnell vergeben.

Auf dem Olavsweg werden vom Pilgerzentrum Hamburg in diesem Jahr wieder zwei Touren bis Trondheim angeboten: vom 18. bis 25. Juli und vom 17. bis 31. Juli. Mehr dazu auf der Homepage: www.pilgern-im-norden.de.

Die via baltica, die Velorouten und das Kanurevier in Stormarn sind zum Glück noch nicht so belaufen wie der Olavsweg oder die meisten Abschnitte in Spaniern. Wer Ruhe sucht, dabei schöne Landschaften und spirituelle Orte oder nur die Einsamkeit genießen möchte, ist auf der via baltica genau richtig. Ob das immer so bleiben wird, ist abzuwarten.

Als Pastor vor Ort in Klein Wesenberg, mit der Möglichkeit ein einfaches Gästequartier direkt am Weg anzubieten, sind mir durch den persönlichen Kontakt mit all den Wanderern, Pilgern, Radfahrern und Kanuten viele zeitintensive und schöne Begegnungen möglich, die mich selbst immer wieder bereichern. Manchmal muss dann eben die Arbeit für die Kirchengemeinde etwas warten.


Erhard Graf

 

Aus: Deutsches Pfarrerblatt - Heft: 6/2015

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