Gütekraft als Kernelement zukunftsfähiger Friedensethik
»Einfach nur zuschauen«? Was würde Jesus tun?

Von: Martin Arnold
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»Wie viele Menschen müssen noch in der Ukraine sterben, bevor wir ihnen helfen, sich zu verteidigen? … Will sie [die Kanzlerin] einfach nur zuschauen?«, so der US-Senator John McCain).1 Um zu helfen, sich zu verteidigen, predigten 1914 viele für den Krieg. Nach dem nächsten Weltkrieg sagte der ÖRK: Krieg ist gegen Gottes Willen. Doch für Frieden genügt dies nicht. Martin Arnold zeigt, wie »Entfeindungsliebe« auch politisch zu praktizieren ist.


1. Friedensethische Traditionsstränge

Zwei Grundmuster christlicher Friedensethik scheinen mir wesentlich. Die Anhänger beider intendieren Frieden.


Das jesuanische Muster

Das jesuanische Grundmuster entspricht der Bergpredigt. In den ersten Jahrhunderten leisteten Christen keinen Kriegsdienst.2 Bis ins 4. Jh. galt als allgemein-christliche Lehre und Praxis, Staatsdienst komme für Christen deshalb nicht in Frage, weil der Staat Gewalt anwendet.3 Diese Tradition wurde teils legendenhaft weitergeführt etwa bei Martin von Tours als Kriegsdienstverweigerer. Das Gebot der Feindesliebe wurde vor allem als für das Verhalten in persönlichen Konflikten geltend verstanden und nicht auf die Überwindung struktureller Gewalt, z.B. Sklaverei,4 bezogen. Franz von Assisi ging darüber hinaus: Er realisierte es in persönlicher Friedenstätigkeit während des 5. Kreuzzugs beim Sultan in Kairo.5 Seit der Reformationszeit gründeten Mennoniten, Quäker und Brüdergemeinden Friedenskirchen. Zum Selbstverständnis von Quäkern gehört neben dem Ablegen äußerer Waffen der Auftrag »Speak Truth to Power« als Mahnung zu Menschlichkeit in der Politik und außerdem der praktische Einsatz zum Abbau struktureller Missstände, z.B. in Gefängnissen und für die Abschaffung der Sklaverei. Segensreich wirkt das mutige Zeugnis von Friedenskirchen bis heute in Gesellschaft und Politik weltweit, mit Impulsen für die Ökumene, mit ihrem Einsatz für die Anerkennung der Kriegsdienstverweigerung und der Kriegssteuerverweigerung aus Gewissensgründen oder bei der Vermittlung zwischen staatlichen Konfliktparteien; sie bilden zu professioneller Friedensarbeit auch akademisch aus und sind z.B. als Christian Peacemaker-Teams in akuten Gewaltkonflikten präsent.

Friedensengagierte auch aus den großen Kirchen gründeten 1914 den Internationalen Versöhnungsbund mit Zweigen in vielen Ländern.6 Der Verband setzt sich für die Überwindung des Krieges durch die Kraft der Gewaltfreiheit ein. Die EKD-Friedensdenkschrift, die 1965 zur Anerkennung der polnischen Westgrenze anregte, sowie die darauf folgende Ostpolitik Willy Brandts entsprechen ebenso dem jesuanischen Muster wie die Einrichtung der OSZE, der Besuch des muslimischen ägyptischen Staatspräsidenten Anwar al-Sadat 1977 in Israel, der die Tür zum Friedensvertrag zwischen Israel und Ägypten öffnete, die »Rosenkranzrevolution« auf den Philippinnen 1986, die Glasnost-Politik Michail Gorbatschows und natürlich die Friedliche Revolution in Deutschland 1989 und weitere. Jesuanisches Engagement bewirkte die internationale Ächtung und das Verbot von Landminen und Streumunition. Frauen brachten die Politiker auf den Weg zur Beendigung des Bürgerkriegs in Liberia.7 Unter anderem mit dem »Schalomdiakonat«, inzwischen: »gewaltfrei handeln e.V.«, haben deutsche Kirchen ein Ausbildungsinstitut für aktive Gewaltfreiheit unterstützt.


Das augustinische Muster

Nach einem gewonnenen Krieg erklärte Kaiser Konstantin das Christentum zur Staatsreligion. Daraufhin bejahte Augustinus die Frage, ob es – trotz der einschlägigen Aussagen in der Bibel und der bisherigen christlichen Praxis und Lehre – christlich gerechtfertigt sein könne, Krieg zu führen (bellum iustum). Er stellte Kriterien dafür auf. Der neuen Stellung im Staat folgte damit ein neues Muster: Christliche Ethik verstand sich nun als mitverantwortlich für staatliches Handeln. Sie folgte den politischen Fakten, die die Mächtigen geschaffen hatten, und verwarf damit faktisch die vorherigen Festlegungen gegen Gewalt. Dieses Muster hält sich in der Geschichte der großen Kirchen. Dazu gehört die Zwei-Reiche- bzw. Zwei-Regimenten-Lehre.

Drei Beispiele aus der jüngsten Geschichte:

• 1991 brachte der deutsche Verteidigungsminister Stoltenberg erstmals seit Bestehen der Bundeswehr diese in Zusammenhang mit »Gefährdungen der Sicherheit und Stabilität auch in außereuropäischen Regionen«8. Bis dahin hatte die evangelische Kirche die Existenz der Bundeswehr und das Soldatsein ausschließlich als Beitrag zum Frieden durch Abschreckung als gerechtfertigt dargestellt. Ein Jahr nach der Publikation des Ministers veröffentlichte die EKD eine neue Friedensdenkschrift. Darin stellte sie Einsätze außerhalb des zu verteidigenden Gebietes als mit evangelischer Friedensethik vereinbar dar, wenn dabei bestimmte Kriterien erfüllt seien. Die Fakten des Umbaus der Bundeswehr waren also noch nicht geschaffen, da leistete die Kirche nach augustinischem Muster sozusagen vorauseilenden Gehorsam für die Militärpolitik der folgenden Zeit.

• Unter diesen EKD-Kriterien wird u.a. ein UN-Mandat als notwendige Bedingung aufgezählt. 1999 beteiligte sich die Bundesrepublik Deutschland an dem »Kosovo«-Krieg der NATO gegen das ehemalige Jugoslawien ohne UN-Mandat. Bischof Wolfgang Huber, Berlin, verurteilte den Krieg ohne UN-Mandat nicht, sondern sprach lediglich von »tiefem Zweifel« und größer werdender »Ratlosigkeit«9.

• Die nächste EKD-Friedensdenkschrift von 2007 enthält klare Aussagen gegen Waffenexport, zumal in Spannungsgebiete. Als die Bundesregierung im September 2014 Waffen in ein Kriegsgebiet (Irak) lieferte, hielt der damalige EKD-Ratsvorsitzende Nikolaus Schneider dies für »legitim«. Denn dem Evangelium zu folgen, bedeute nicht »zuzusehen, wie andere gequält, geköpft, versklavt werden«.10 Ähnlich äußerten sich weitere führende Kirchenmänner in Europa,11 während Kollegen in Syrien und im Irak militärische Gewalt gegen die Dschihadisten ablehnten.12

Diesem Muster entsprechend folgten viele kirchliche Äußerungen zu Krieg und Frieden politischen Fakten, die die Mächtigen schufen, und sie verwarfen vorherige Festlegungen gegen Gewalt. Welchen Sinn haben dann die vorher gewissenhaft erarbeiteten Kriterien? Haben kirchliche Denkschriften nicht den Anspruch, die Maßstäbe anzugeben, die im Zweifel gelten sollen? Die Antwort ist einfach: Solange sie dem augustinischen Muster folgen, ist vorgezeichnet, dass sie im nächsten Fall durch neue Fakten (Cyberkrieg?) überholt sein werden.

Warum wurde dieses wiederkehrende Muster bisher nicht offen diskutiert? Vielleicht weil es nach dem Selbstverständnis derer, die es anwenden, sich nur auf Ausnahmesituationen bezieht und es dafür keine Regel geben darf. Dahinter steht das sprichwörtliche »Not kennt kein Gebot«. Der Völkermord an den Tutsi 1994 und der Sieg der Alliierten über »Hitlerdeutschland« werden häufig als die eindeutigen Belege dafür angeführt, dass gegen Barbarei in manchen Fällen militärische Aktivitäten als Mittel, den Bedrohten zu helfen, »unvermeidbar«13 seien. Diese Unvermeidbarkeitshypothese steht hinter Handlungen nach augustinischem Muster. Wer sie vertritt, meint, es stünden keine anderen als militärische Mittel zur Hilfe für die Bedrohten zur Verfügung.

Die Geschichte der »augustinischen« Ethik ist tragisch. Denn ihre Intention war und ist bis heute, Kriegführung an bestimmte Regeln zu binden, damit weniger Kriege oder diese weniger grausam geführt werden. Aber vermutlich verhinderten sie keinen einzigen Krieg, die christlichen Kriegsherren scherten sich nicht darum.


2. Kontextuelle Friedensethik und ihre Probleme

Beide erwähnten Muster haben sich kontextuell entwickelt. Das augustinische Muster reagiert jeweils auf Handlungen und Wünsche von grundsätzlich kriegsbereiten Politikern. Entscheidend ist jeweils die Frage: Ist im konkreten Fall tatsächlich Notwehr bzw. Nothilfe das Motiv für den Ruf nach Militär? Hier ist die nicht eingeweihte Bevölkerung auf die Glaubhaftigkeit der Äußerungen von Politikern angewiesen.


Krieg und Wahrheit

Die angegebenen Gründe für Kriege sind selten die wahren.14 Die Lügen zur Rechtfertigung der Kriege gegen den Irak 1991 und 2003 wurden offiziell zugegeben.15 Aus welchen Gründen verschwiegen die Politiker die wahren Gründe? Auch wenn es mehr Gründe gibt als offiziell genannt werden – es gibt auch Hinweise auf wahre Motive. Am 9. Februar 2015 erklärte US-Präsident Obama seine Außenpolitik. Er plädierte für zivile Politik mit dem Satz: »Wir haben im 21. Jahrhundert nicht für alle Probleme militärische Lösungen.«16 Er setzte damit erstens voraus, für manche Probleme könne es »militärische Lösungen« geben, und zweitens, der »militärische Hebel« gehöre zur normalen Außenpolitik der USA. Das formulierte er so: Wenn andere Staaten »nicht tun, was die USA brauchen, dass sie es tun«, wird ihnen »der Arm umgedreht«, und zwar ökonomisch, diplomatisch oder militärisch.17 Vorherrschaft auf allen Ebenen, »full spectrum dominance«18, ist das Ziel der US-Militärs, eine Allmachtsphantasie.

Die NATO wird für die US-Kriegspolitik benutzt: Sie war 1999 gegen Jugoslawien und 2011 gegen Libyen einmal ohne und einmal mit UN-Mandat offiziell beteiligt und befindet sich mit dem »Krieg gegen den Terror« seit 2001 offiziell im »Bündnisfall«, den der Deutsche Bundestag 2012 bestätigte.

Präsident Obama rühmte: Die USA geben für das Militär mehr als die nächsten zehn Länder zusammen aus.19 1961 warnte US-Präsident Eisenhower in seiner Abschiedsrede: Der »militärisch-industrielle Komplex«, dessen Geschäft der Krieg ist, »gefährdet die Demokratie«.20 Er hat sich in der Zwischenzeit zu einem billionen-mächtigen militärisch-finanz-industriell-journalistischen Komplex mit engen Verflechtungen zur Politik ausgewachsen. Die Steuergelder fließen dafür stetig und üppig wie nie. Dafür ist am besten der Krieg, der nie endet. Hochrangige Experten zeigten in »Monitor« am 23.10.2014 die verheerenden Folgen der Kriegspolitik der letzten Zeit auf. Ein »tödlicher Mechanismus« kam ans Licht: »ein Konflikt befeuert den nächsten«,21 Militäreinsätze führen zu »permanentem Krieg«22.

Die »Unvermeidbarkeitshypothese« wird standardmäßig mit der Formel »nicht einfach nur zuschauen!« begründet: Indem diese alle anderen Bemühungen als militärische mit Untätigkeit gleichsetzt und ihnen implizit Unwirksamkeit unterstellt, verfälscht sie die Wahrnehmung der Wirklichkeit. Es gibt keine Unvermeidbarkeit des Militärischen. Denn über eine ins Auge gefasste Option hinaus gehören immer noch weitere Möglichkeiten zur Realität. Diese werden mit jener Formel verleugnet. Militärpolitischer Blick blendet Wesentliches aus. Das gilt auch für die Erfolgsaussichten.


Eignung von Militäreinsätzen?

Im Sommer 2014 berichteten Medien über die akute Bedrohung Tausender Jesiden. Sofort erscholl ein Schrei nach Militäreinsätzen zu ihrer Rettung. Kritik hieran wurde vielstimmig diffamiert.23 US-Außenminister Kerry sagte jedoch, es sei mit drei Jahren Krieg bis zum Sieg über den »Islamischen Staat« zu rechnen. Das heißt, mit Militär waren die kurzfristig bedrohten Jesiden gar nicht mehr zu retten. Kurz danach wurde bekannt: Nachdem viele Jesiden getötet worden waren, hat sich eine große Anzahl von ihnen retten können.

Der Ruf nach Militär aktualisiert den »Mythos der erlösenden Gewalt«24. Die Militärpolitik-Erfahrungen gerade auch der letzten Jahrzehnte mit Hunderttausenden von Toten, ungezählten Verletzten und Millionen von Flüchtlingen sind jedoch auch unter dem Aspekt des Erfolgs niederschmetternd.25

Die »Nothilfe«-Theorie der Unvermeidbarkeitshypothese mag nicht allgemein widerlegt sein. Die verheerende Bilanz der Getöteten im »Krieg gegen den Terror«26 und sein »Befeuern« des jeweils nächsten Krieges lassen allerdings äußerst fraglich erscheinen, ob am Ende der 2014 begonnenen Militäreinsätze gegen den »IS« mehr Menschen im Irak und Syrien überlebt haben werden als ohne sie. Die Lehre der Kriege in Vietnam und Afghanistan scheint vergessen: Immense technische Überlegenheit ermöglicht Verheerendes, aber garantiert keineswegs militärischen Sieg. Dennoch modernisieren zurzeit viele (u.a. NATO-)Staaten ihre Atomwaffen, um sie »einsatzfähiger« zu machen, anstatt sie abzubauen, wozu sie sich im NPT-Vertrag verpflichteten.

Was bedeutet in diesem Kontext das Handeln nach dem augustinischen Muster? Es erscheint kaum zukunftsfähig. Die Frage ist umso drängender, als es andere als gewaltsame Möglichkeiten für Nothilfe gibt. Von der Friedensbewegung wurden bereits im Sommer 2014 nichtmilitärische Maßnahmen gegen das Vordringen des »Islamischen Staats« vorgeschlagen.27 Zum Kontext gehört, dass nichtmilitärische Möglichkeiten zu wenig bekannt sind und staatlich weitgehend vernachlässigt werden.


Unsummen für Militärisches, Almosen für Zivile Konfliktbearbeitung

Das jesuanische Muster entfaltete sich von der Kriegsdienstverweigerung und der Beschränkung des Verständnisses von Feindesliebe auf die persönliche Ebene über Franz von Assisis politisch-religiöse Friedensaktion auf internationaler Ebene zu Friedensengagement in Demokratien als staatsbürgerliche Aufgabe aller. Es umfasst seit dem 18. Jh. mit dem Impuls zum Abbau der Sklaverei auch den Einsatz für Gerechtigkeit (Ps. 85,11f), und zusätzlich seit dem 20. Jh. den Einsatz für Frieden mit der Natur (»Gerechtigkeit, Frieden, Bewahrung der Schöpfung«). Im Laufe der Jahrhunderte und besonders seit dem Auftreten Gandhis wurden viele Methoden dafür erprobt und ausgearbeitet und Forschungs- sowie Ausbildungsmöglichkeiten zur Erweiterung und Verbesserung der Anwendung geschaffen.28 Als Konsequenz aus den Weltkriegen wurden viele internationale Organisationen wie die VN und die OSZE aus einem Impuls des jesuanischen Musters gegründet. Zivile Konfliktbearbeitung ist heute ein wichtiges Thema der Politik, ziviler Friedensdienst wird auch als staatliche Aufgabe gesehen. In vielen Konflikten sind Friedensfachkräfte tätig. Jesuanische Haltung und Methoden halfen zur Überwindung vieler Missstände, etwa von Diktaturen29, rassistischen Gesetzen in den USA (mit Rosa Parks und Martin Luther King) oder diskriminierenden Arbeitsbedingungen (mit César Chávez).

Die meisten politischen Probleme bei diesem friedensethischen Muster sind dadurch bedingt, dass seine politisch-systematische Ausprägung geschichtlich jung ist, während die praktisch konkurrierenden militärischen Bemühungen seit sehr langer Zeit mit gigantischen Ressourcen, auch für Öffentlichkeitsarbeit, ausgestattet werden. Beispielsweise finanziert die Bundesregierung Friedensforschung durch die bundeseigene Deutsche Stiftung Friedensforschung, sie gibt allerdings jährlich mehr für Bundeswehrpropaganda aus, als sie der Stiftung in den 14 Jahren seit ihrem Bestehen insgesamt zukommen ließ (37 Mio. €). Die Einrichtung des Zivilen Friedensdienstes geht auf eine Initiative der Evang. Kirche in Berlin-Brandenburg zurück. 2015 wurde der Betrag, den die Bundesregierung dafür einsetzt, um 5 Mio. € erhöht. Die gleichzeitige Erhöhung des Verteidigungshaushaltes beträgt 500 Mio. €.


Unkenntnis, Risiko und vermeintliche Schwäche

Trotz einschlägiger Erfolge, die weltweit Aufsehen erregten, wird jesuanischen Bemühungen in der Öffentlichkeit politisch kaum etwas zugetraut. Dies dürfte neben der Unterfinanzierung eine Reihe von Gründen haben, die zusammenwirken:

a) Die Öffentlichkeit ist weder mit ihrer Wirkungsweise30 (s.u.) noch mit ihren Methoden – die auch weiterzuentwickeln sind – vertraut.

b) Ein gewisses Misstrauen resultiert wohl aus der Tatsache, dass bei jesuanischem Vorgehen den anderen Beteiligten bewusst ein Vertrauensvorschuss gewährt wird. So etwas ist immer mit einem Risiko verbunden. Darum wurden bereits im Kalten Krieg »vertrauensbildende Maßnahmen« zum Erreichen »gemeinsamer Sicherheit« entwickelt und umgesetzt.

c) Handlungen nach diesem Muster werden oft als »gewaltfrei« bezeichnet, was in den Augen vieler mit Schwäche assoziiert wird, da Gewalt als stark gilt.

Eine US-Studie zeigte dagegen: Aufstände und Kampagnen, die mit wenig oder gar keinem Einsatz von Waffen durchgeführt wurden, waren keineswegs schwach, sondern führten in den letzten hundert Jahren doppelt so oft zum erhofften Erfolg von mehr Demokratie wie bewaffnete.31


3. Das Konzept Gütekraft

Gewalt und bedrohliche Missstände können überwunden werden ohne die Gefahr, dass die Gewaltspirale eskaliert. Dazu braucht es nicht weitere Normen, Handlungskriterien oder Rat-Schläge, sondern die Anwendung einer bestimmten Kraft. Sie kann Gewalt überwinden, weil sie gegen den Willen – nicht gegen die Fähigkeit – zur Gewaltanwendung vorgeht. Hildegard Goss-Mayr hat 1986 auf den Philippinen zusammen mit Tausenden von Männern und Frauen diese Kraft zur Wirkung gebracht, sodass die Marcos-Diktatur beendet wurde. Sie sagte: »Was ich unter Gütekraft verstehe: Eine Kraft, die eine Dynamik bewirkt, Bewegung, Gestaltung, Veränderung; eine Kraft, die der Wahrheit, der Liebe und der Gerechtigkeit zur Überwindung von Leben mindernden, Leben zerstörenden Haltungen (Gewalt) und zum Aufbau von größerer Gerechtigkeit, Versöhntheit und Frieden für den Einzelnen und die menschliche Gemeinschaft beiträgt. Vor mir steht der Begriff ›Leben in Fülle für alle‹.«32

Für den Hindu Gandhi steht die Gütekraft im Zusammenhang mit der Bergpredigt. Sie erschließt sich nicht vordergründig. In Mt. 5,38-42 empfiehlt Jesus, statt »Auge um Auge« zu vergelten die »andere Wange« hinzuhalten, in den nächsten Beispielen »auch den Mantel« zu geben, »zwei Meilen« mitzugehen usw. Georg Eichholz fasst die exegetische Literatur zu dem Bibeltext so zusammen: »Der Jünger […] ist […] davon befreit, auf sein Recht zu pochen und nach […] Vergeltung zu greifen.«33 Diese Auslegung ist gängig, aber sie minimiert den gütekräftigen Impuls, um den es Jesus geht, denn »hinhalten« ist mehr als das Nicht-auf-dem-Recht-Bestehen oder Nicht-Vergelten, »geben« und »mitgehen« mehr als ein Nicht-Handeln. Es geht Jesus um aktives Handeln. Pinchas Lapide, der wie Jesus »als Jude in einem vom Feind besetzten Land gelebt hat«34, hilft, den Juden Jesus zu verstehen. Er nennt Jesus »Rebell der Liebe« und sieht die Bergpredigt im Zusammenhang mit Pontius Pilatus:35


Jerusalem im Jahre 26

Der jüdische Geschichtsschreiber Josephus Flavius berichtet von einem Ereignis im Jahre 26 n. Chr., an dem »Tausende von Juden« beteiligt waren.36 Pilatus hatte die verpönten Bilder des »Gott-Kaisers« in Rom in der Nacht nach Jerusalem bringen lassen, um die Juden zu dessen Verehrung zu veranlassen: »Die Juden erhoben sich gegen Pilatus in Caesarea, um ihn zu bitten, die Bilder aus Jerusalem zu entfernen. [...] Da Pilatus sich weigerte, lagerten sie sich um sein Haus und blieben dort fünf Tage und fünf Nächte. Am sechsten Tag begab sich Pilatus vor sein Tribunal im großen Stadion und rief das Volk unter dem Vorwand zusammen, auf sein Begehren antworten zu wollen; da gab er den bewaffneten Soldaten den Befehl, die Juden zu umzingeln. Als die Juden sahen, wie die Soldaten sie mit einem dreifachen Ring umgaben, blieben sie vor diesem unerwarteten Schauspiel stumm. Pilatus, nachdem er ihnen erklärt hatte, er wolle sie töten lassen, falls sie das Bildnis des Kaisers nicht anerkennen würden, gab den Soldaten das Zeichen, ihre Schwerter zu ziehen. Doch die Juden warfen sich, wie auf einen gemeinsamen Befehl, auf die Erde und boten ihren Nacken dar, alle bereit, lieber zu sterben, als das Gesetz zu verletzen. Von diesem religiösen Eifer überwältigt, gab Pilatus den Befehl, die Bilder aus Jerusalem zu entfernen.«37

Sollte Jesus von diesen Ereignissen – so wir Josephus trauen können – gewusst haben? War er vielleicht selber dabei? Ist vielleicht die Bergpredigt davon mit inspiriert? Lapide meint: »Die Bergpredigt kann […] als die schlangenkluge Taktik eines weltweisen Strategen verstanden werden, der weder im Krieg noch in der Fahnenflucht, sondern mittels aktiven, aber gewaltlosen Widerstandes ein kleines Volk vom mächtigen Römerjoch zu befreien hoffte.«38 Und er führt im Blick auf die Kriege im 1. Jh. aus: »In der historischen Rückschau kann man nicht umhin, festzustellen, daß Jesus recht behielt. Da Israel sein Wort [zu den zwei Schwertern] ›Es ist genug!‹ (Luk 22,38) nicht beherzigen wollte, kam es [… zum] Untergang des Judenstaates.«39


Alay Dangal – Würde anbieten

PhilippinerInnen bezeichneten mit dem Ausdruck »Alay Dangal« das Vorgehen bei der »Rosenkranzrevolution«, die 1986 die Marcos-Diktatur beendete.40 Er beruht auf vier grundlegenden Annahmen:

• Jedem Menschen kommt eine unveräußerliche Würde zu.
• Jeder Mensch will in seiner Würde respektiert werden.
• Menschen Schaden zuzufügen verletzt die Würde von Opfer und Täter.
• Die Opferseite kann der Täterseite eine Vermenschlichung der Beziehung anbieten.

Darin liegt die Chance, in der Begegnung die Würde beider Seiten wiederherzustellen. Die anbietende Person weiß, dass sie niemanden zwingen kann, auf Gewalt zu verzichten; das Angebot kann abgelehnt werden.

»Würde Anbieten« setzt keine Religiosität voraus. Das Konzept ist universal anwendbar – dies entspricht der universal-menschlichen Begründung Jesu für die Feindesliebe: »Denn er lässt seine Sonne über die Bösen und über die Guten aufgehen und er lässt regnen über Gerechte und Ungerechte« (Mt. 5,45).

Der Schlag auf die rechte Wange (Mt. 5,39)41 geschieht mit dem Handrücken und wird als entehrend angesehen, als Angriff auf die Würde des Geschlagenen: »Herren haben Sklaven, Ehemänner ihre Frauen, Eltern ihre Kinder und Römer Juden mit dem Handrücken geschlagen. Worauf es bei dem Schlag ankam, war, jemanden, der sich aufmüpfig gezeigt hatte, auf seinen Platz zu verweisen.«42 Die Opferrolle wird nicht angenommen. Wer da die andere Wange hinhält, akzeptiert die Entwürdigung nicht, zeigt Mut und innere Stärke, steht wieder auf und weicht nicht aus. Die geschlagene Person hält mit der Wange zugleich die eigene Würde demonstrativ hoch, aus dem Bewusstsein, biblisch ausgedrückt, Kind Gottes zu sein, »wenig niedriger gemacht als Gott« (Ps. 8,5), ja, Gottes Ebenbild zu sein (Gen. 2,27).

Die Opferrolle wird nicht angenommen, die geschlagene Person greift selbst auf besondere Weise an: Sie bringt menschliche Würde in den Konflikt ein, sie überrascht den Schlagenden, zeigt ihm, dass sein bisheriges Vorgehen sein Ziel nicht erreicht, verunsichert ihn durch Ansprechen in seinem eigenen Würde-Bewusstsein, im Gewissen, und zwingt ihn, sich für oder gegen weitere Schläge, weiteres Unrecht zu entscheiden – und bietet zugleich mit der menschlichen Würde – beide als Kinder Gottes – eine neue Grundlage für ein neues Miteinander an. Dazu gehört, wie das »biete ihm« signalisiert, ein fortgesetzter Blickkontakt und eine kommunikative Fortsetzung der Auseinandersetzung: »Warum schlägst du mich?« fragte Jesus, als er beim Verhör vor Pilatus selber geschlagen wurde. Als die Seinen von Saulus verfolgt wurden, fragte ihn der Auferstandene ähnlich persönlich: »Saulus, Saulus, was verfolgst Du mich?« Das eine Mal bleibt unklar, was die Frage bewirkte, das andere Mal hatte sie weitreichende Folgen.

Es zeichnet sich ein methodisches Konzept für den Umgang mit sozialen Missständen ab. Gandhi machte es durch wirksame Aktionen weltweit bekannt: Satyagraha.


Gandhis Satyagraha – Kraft der Gewaltfreiheit – Gütekraft

Mit der begrifflichen Neuschöpfung Satyagraha43 überführte Gandhi eine uralte Praxis in ein Handlungskonzept zum Abbau gesellschaftlicher und politischer Missstände. Im Englischen gab Gandhi Satyagraha meist als non-violence wieder, was zu den deutschen Bezeichnungen Gewaltlosigkeit und Gewaltfreiheit führte. Non-violence ist allerdings die Übersetzung eines anderen indischen Begriffs: Ahimsa, Nicht-Gewalt. Die verneinende Bezeichnung vermag dabei die damit bezeichnete, in Indien hoch geachtete Tradition innerer Stärke nicht angemessen abzubilden. Gandhi selbst legte besonderen Wert auf den Aspekt der Kraft. Er erklärte Satyagraha als »love-force«, »truth-force« und »soul-force«44. »Gewaltlos« oder »gewaltfrei« suggeriert in der westlichen Welt das Gegenteil, es lässt eher an Schwäche denken, an die Verneinung von etwas, das als stark gilt (Gewalt). So verkehrte sich Gandhis Verständnis ins Gegenteil. Die Übertragung »Gütekraft« ist treffender als »Gewaltfreiheit«.45

Gütekraft bezeichnet Kulturen und Weltanschauungen übergreifend den gemeinsamen Kern der verschiedenen Varianten einschließlich der zivilen Konfliktbearbeitung. Gütekraft wird von außen als Kraft erkennbar, wenn Menschen angeregt bzw. angesteckt werden, von Unrecht abzulassen bzw. Gutes zu tun. In Art. 1 der Allgemeinen Erklärung der Menschenrechte wird diese Kraft »Vernunft«, »Gewissen« und »Geist der Geschwisterlichkeit« genannt. Durch die Anwendung entsprechender Methoden tritt sie als Konzept in Erscheinung.

Martin Luther King sah wie Pinchas Lapide Feindesliebe als etwas an, das sich nicht nur auf personale, sondern auch auf gesellschaftliche und politische Verhältnisse bezieht. Er entdeckte diesen Bezug, nachdem er Gandhis Aktivitäten und sein Konzept kennen gelernt hatte: »Gandhi war wahrscheinlich der erste in der Geschichte, der die Liebesethik Jesu über eine bloße Interaktion zwischen Einzelnen zu einer mächtigen und effektiven sozialen Kraft in großem Maßstab angehoben hat. Liebe war für Gandhi ein wirksames Instrument für kollektive soziale Veränderung46 Liebe, Feindesliebe, wird hier nicht gefühlig gedeutet. »Christus ermöglichte den Geist, Gandhi ermöglichte die Methode.«47 Hundert Jahre nach der offiziellen Abschaffung der Rassendiskriminierung wurden in den USA damit solche Fortschritte erreicht, dass inzwischen ein dunkelhäutiger Mann US-Präsident werden konnte (was natürlich keine Bewertung seines Wirkens bedeutet). Wir haben allerdings auch als Deutsche hervorragende Erfahrungen bei uns.


Friedliche Revolution 1989:
Gütekraft als Instrument kollektiver sozialer Veränderung

Wir können Personen, die sich feindlich verhalten, in ihrer Menschenwürde respektieren, wir können vermeiden, sie persönlich anzugreifen oder zu provozieren. Damit »nageln« wir sie nicht auf feindliches Handeln fest. Solches Verhalten wird inzwischen in vielen, auch in politischen Kreisen oft als schlichtes Gebot der Klugheit gesehen. Auf diesem Weg des Respekts gehen gütekräftige Aktivitäten zum Abbau sozialer Missstände noch einige Schritte weiter. Als Deutsche und als Kirchen haben wir 1989 Erfahrungen damit gemacht. Diese Erfahrung ist für uns von höchster Bedeutsamkeit. Besonders die Friedensgebete zeigen, wie gütekräftiges Handeln auch politisch mächtig wirken kann. Die Treffen, mutigen Dialoge und Gebete junger DDR-KritikerInnen und Ausreisewilliger wirkten sich bei der Demonstration der 70.000 am 9. Oktober in Leipzig so aus, dass die Staatsführung nicht eingriff.48 Viele, die dabei waren, erlebten die Ereignisse als Wunder, als Geschenk Gottes, als Erhörung ihrer Gebete. »Gebete ändern die Welt nicht. Aber Gebete ändern die Menschen. Und die Menschen verändern die Welt.«49

Für die Wirkungsweise, wie die Gebete zur Friedlichen Revolution wesentlich beitrugen, braucht es keine übernatürliche Erklärung, etwa als direktes Eingreifen Gottes neben menschlichem Handeln. Der nichtreligiöse Michail Gorbatschow wurde 1988 in der DDR mit dem Nichtjuden Kyros verglichen, der 539 v. Chr. das jüdische Volk aus der Verbannung zurückkehren ließ – nach biblischer Aussage handelte er so im Dienste Gottes. Gutes Tun ist eine Möglichkeit aller Menschen: Die Kraft zum Guten, Gütekraft, steckt in uns allen. Sie kann als Gottes Kraft, als Kraft des Heiligen Geistes gesehen werden. Der Geist »weht, wo er will« (Joh. 3,8) und auch gütekräftiges Vorgehen darf nicht mechanistisch missverstanden werden. Es gibt – ebenso wenig wie bei anderen Vorgehensweisen – keine Erfolgsgarantie.

Der Amerikaner Walter Wink kommentiert das Geschehen so: »Allein […] 1989 haben dreizehn Länder […] gewaltfreie Revolutionen erlebt. Ihr Erfolg übertraf außer in China in jedem Land die kühnsten Träume. Und sie verliefen auf Seiten der Protestler in jedem Fall vollkommen friedlich, mit Ausnahme Rumäniens und Teilen der südlichen Sowjetunion. […] Die Menschheit hat in ihrer ganzen Geschichte noch nie einen solchen Aufschwung gewaltloser Befreiung erlebt. Kein Mensch, der auch nur das geringste Geschichtswissen besitzt, kann jemals wieder von der Gewaltfreiheit behaupten: ›Das funktioniert nicht.‹ […] Gewaltfreiheit steht im Zentrum des Evangeliums, und es ist Aufgabe der Kirche zu versuchen, diesen Sauerteig ins Leben der Welt einzubringen.«50


Wie gütekräftiges Vorgehen zur Wirkung kommt

Der erste Schritt zu bewusstem gütekräftigem Handeln ist die Entdeckung der Gütekraft durch Einzelne oder Kollektive im Eigenen: in der eigenen Geschichte oder Biografie und damit als eigene Möglichkeit. Durch Erinnern an eigenes gütekräftiges Handeln und dessen Folgen kann Vertrauen auf diese Kraft entstehen und wachsen, und ebenso das Vertrauen darauf, dass auch alle anderen zum Tun des Guten fähig sind. Schon nach der Bergpredigt soll das Verhalten gegenüber Feinden von der Einsicht bestimmt sein, dass Feinde im Wesentlichen so wie alle anderen Menschen sind: Gott liebt sie. Sie sind liebenswert. Darum können auch wir sie in unseren Taten lieben (Mt. 5,43-45). Aus diesem Grund ist möglich, was Paulus empfiehlt: »Lass dich nicht vom Bösen überwinden, sondern überwinde Böses mit Gutem« (Röm. 12,21): Lass dein Denken und Handeln nicht von dem trügerischen Mythos erlösender Gewalt beherrschen, denn das Gute, das du tust, ruft im Gegenüber ein Mitschwingen hervor und kann daher, wenn dies stark genug ist, dessen (»böse«) Schädigungsimpulse unwirksam machen. Auch der Koran kennt diese Wirklichkeit und formuliert sie ausdrücklicher: »Gutes und Böses ist nicht einerlei; darum wende das Böse durch Gutes ab, dann wird selbst dein Feind dir zum echten Freund werden« (Sure 41,[33] 34 [35]). Es muss nicht immer persönliche Freundschaft entstehen, es können auch Menschen, die zuvor ein Unrecht unterstützten, zu Mitstreitern dagegen werden. Alle anderen an einem Missstand Beteiligten von vornherein als potenzielle MitstreiterInnen anzusehen, bietet gute Chancen, sie zur Mitarbeit zu ge­winnen.

Die Entdeckung der Gütekraft im Eigenen kann eine Umorientierung auslösen: Das egozentrische Selbstbild kann sich zum beziehungszentrischen Selbstbild (das ich an anderer Stelle ausführlich beschrieben habe)51 wandeln.

Das erste Kennzeichen des gütekräftigen Vorgehens ist das Selbst-Beginnen. Die angestrebte Veränderung wird in dem Maß, wie es mit den eigenen Kräften möglich ist, ansatzweise schon verwirklicht und der Abbau des Missstandes beginnt bereits. Das eigene Tun, auch wenn es nur wenig ändern kann, hat Wirkung. Es kennzeichnet die erste Wirkungsweise des gütekräftigen Vorgehens.

Die zweite Wirkungsweise gütekräftigen Handelns ist das Anstecken anderer.52 Nicht nur die anfangs Engagierten, sondern auch andere Personen ändern ihr Handeln. Neurologen zeigen: Wir erfahren Verbundenheit bereits vor der Geburt und bringen sie als positive Grunderfahrung mit auf die Welt.53 Die Neigung zu helfen ist angeboren.54 Wenn dieses Potenzial das Handeln aktuell nicht bestimmt, kann es geweckt werden – bei allen Menschen. Die positive Wirkung gütekräftigen Handelns kommt oft zustande, wenn es gelingt, andere an einem Missstand Beteiligte in ihrem Gewissen anzusprechen, oder wenn andere Gründe diese Personen innehalten lassen. Dies ist häufig dann der Fall, wenn sie wahrnehmen, wie sich andere aktiv für Verbesserungen einsetzen und mit dem Abbau eines Missstandes beginnen. Wenn dieses Handeln noch dazu mit persönlichen Kosten oder Risiken verbunden ist, beeindruckt es besonders. Ob diese Anregung zur Tat führt, hängt dann jeweils von weiteren Umständen ab.

Durch Mitschwingen erzeugt das gütekräftige Vorgehen bei anderen am Missstand Beteiligten, ggf. auch unter den Führungspersonen, die den Missstand stützen, Zweifel und Widerspruch. Diese können bei einigen zur Verhärtung führen. Durch die Zweifel in der Führungsgruppe entwickeln ihre Mitglieder verschiedene Ansichten über den Umgang mit den gütekräftig Engagierten und ihren Anliegen. Die Spaltung der Führung hilft zum weiteren Abbau des Missstands. Damit sie wahrscheinlich wird, begegnen die Engagierten diesen anderen Beteiligten mit wohlwollender Haltung, während sie gleichzeitig auf Gerechtigkeit bestehen.

Die dritte Wirkungsweise ist massenhafte Nichtzusammenarbeit mit dem Missstand. Sie entzieht dem Missstand die Stützen. Lassen sich viele anstecken, so können auch ungerechte Strukturen geändert werden, auch gegen den Willen von Führungspersonen. Dies geschieht – geplant oder ungeplant – auf folgende Weise: Von den Personen, die eine ungerechte Struktur aufrechterhalten, gehen immer mehr zur Nichtzusammenarbeit über. Schließlich wird die Struktur nicht mehr hinreichend gestützt und bricht zusammen. Verstößt Nichtzusammenarbeit gegen geltende Vorschriften, so wird sie »ziviler Ungehorsam« genannt.


4. Wie soll es weitergehen?

Walter Wink drängt »die Kirchen dazu […], von ihrer endlosen Debatte über den jeweiligen Wert von Gewalt oder Gewaltfreiheit abzulassen; einzusehen, dass es nicht Sache der Kirche ist, auf Gewalt zu setzen, und ihre ganze moralische Autorität auf den gewaltfreien Widerstand zu richten.«55 Viele, die glauben, es stünden keine anderen als militärische Mittel, um Bedrohten zu helfen, zur Verfügung, durchschauen offenbar nicht den trügerischen Mythos der erlösenden Gewalt56 oder kennen die gütekräftigen Möglichkeiten nicht. Besondere Bedeutung haben die unbewaffneten Gruppen, die seit Jahren in akuten Gewaltsituationen für Frieden arbeiten, teilweise »zwischen den Fronten« wie die Nonviolent Peaceforce.57 Sie sind zu stärken und von ihnen kann für die Weiterentwicklung der Friedensarbeit viel gelernt werden. Die Gruppen tragen dazu bei, Gewalt zu vermeiden, zu mindern oder zu beenden, oder bieten Opfern soziale Unterstützung, z.B. Gefangenen. Diese Arbeit wird als ziviles Peace-Keeping bezeichnet.58 Auch staatliche und internationale Institutionen sind hier bereits engagiert. In vielen Fällen ist Multi-Track-Diplomacy angebracht. Im Detail gibt es verschiedene Zielsetzungen und Konzepte. Ein Teil der Erfolge beruht darauf, dass, wer Unrecht tut, nicht dabei beobachtet werden möchte. Christliche und andere Friedensgruppen sind in Konfliktregionen international tätig. Ihre Erfahrungen zusammenzuführen, konzeptionell auszuwerten und in Praxis und Theorie weiterzuentwickeln, ist eine hervorragende Friedensaufgabe. Dies gilt gerade auch angesichts der Debatte um die sog. Responsibility to protect.59

Wenn diese Konzepte stärker unterstützt und mehr Mittel dafür bereitgestellt werden, können Friedensfachkräfte jeweils für bestimmte Konfliktarten und -situationen ausgebildet werden und als spezialisierte größere Gruppen für entsprechende Konflikte bereitstehen, um Bedrohungen und Gewalt zu mindern und abzuwenden. Gewaltfrei-gütekräftiges Vorgehen bewusst zu lernen und zu praktizieren, bekannt zu machen und zu entwickeln, ist für alle und besonders für ChristInnen und Kirchen eine ausgezeichnete Möglichkeit nachhaltig wirksamer Friedensarbeit.


Anmerkungen:

1 John McCain, Vorsitzender des Streitkräfte-Ausschusses im US-Senat (Hervorhebungen von M.A.) in ZDF-Sendung heute am 6.2.2015 http://t1p.de/xjkw+ (Zugriff 9.2.2015).

2 Thomas Gerhards, Pazifismus und Kriegsdienstverweigerung in der frühen Kirche. Eine Quellensammlung. Internationaler Versöhnungsbund – Deutscher Zweig, (6. überarb. Aufl. 1991) Uetersen.

3 Ein Rest dieser Auffassung liegt in der Befreiung von Theologen vom Militärdienst. – Hauptquelle ist die Traditio Apostolica, vgl. Dietmar Wyrwa et al., Die Weltlichkeit des Glaubens in der Alten Kirche. Festschrift für Ulrich Wickert zum siebzigsten Geburtstag, Berlin 1997, 94.

4 Philemonbrief.

5 Zusammenfassende Darstellung: http://t1p.de/0jyl+ (Zugriff 22.1.2015).

6 Vgl. Thomas Nauerth, Das langsame Erwachen – die christlichen Kirchen und der Friede. Ein Rückblick nach 100 Jahren, in: DPfBl 8/2014, 432ff.

7 Lemah Gbowee, Wir sind die Macht, Stuttgart 2012. Sehr sehenswerter Film: »Zur Hölle mit dem Teufel«.

8 Bundesminister der Verteidigung, Militärpolitische und Militärstrategische Grundlagen und konzeptionelle Grundrichtung der Neugestaltung der Bundeswehr, Bonn 1992, 4f.

9 Bernd Kirchschlager, Kirche und Friedenspolitik nach dem 11. September 2001. Protestantische Stellungnahmen und Diskurse im diachronen und ökumenischen Vergleich, Berlin 2007, 101f.

10 http://t1p.de/kqkd+ (Zugriff 22.1.2015).

11 Z.B. Kardinal Marx: http://t1p.de/pdar+ (Zugriff 22.1.2015).

12 »Bombardierungen werden dazu führen, dass der IS den Sieg davon trägt.« http://t1p.de/43aw+ (Zugriff 22.1.2015).

13 Vgl. z.B. jüngst Julian Zeyher, Entscheidung zwischen Unrecht und Unrecht, in: DPfBl 1/2015, 13.

14 Vgl. die Sammlung von Kriegslügen http://t1p. de/p03d+ . Zu 1914 vgl. z.B. http://t1p.de/3u2d+. Der erste Krieg nach 1945 mit deutscher Beteiligung (»Kosovo«) war mit drei Lügen verbunden: http://t1p.de/lffm+; Heinz Loquai, Der Kosovo-Konflikt – Wege in einen vermeidbaren Krieg, Baden-Baden 2000; TV-Dokumentation »Es begann mit einer Lüge«, ARD 8. Februar 2001: http://t1p.de/wp0v+ (Zugriffe 22.1.2015).

15 »Brutkasten«: http://t1p.de/orv5+; »Massenvernichtungswaffen« (Colin Powell sah 2005 auch die verheerende Entwicklung im Irak als Kriegsfolge voraus, die wir heute erleben): http:// t1p.de/ciug+ (Zugriff 22.1.2015).

16 »We don’t have military solutions to every problem in the 21st century.« http://t1p.de/79ox+ (Zugriff 22.2.2015).

17 »We occasionally have to twist the arms of countries that wouldn’t do what we need them to do if it weren’t for the various economic or diplomatic or, in some cases, military leverage that we had — if we didn't have that dose of realism, we wouldn't get anything done, either.« (Ebd.)

18 http://t1p.de/95h7+ (Zugriff 22.1.2015).

19 Im Interview s. Anm. 16.

20 http://t1p.de/7env+ (Zugriff 22.1.2015).

21 ARD: http://t1p.de/pza6+ (Zugriff 22.1.2015). Darin Nahostexperte Michael Lüders, der das Auswärtige Amt berät: »Man muss nüchtern sagen, dass es nicht eine einzige militärische Intervention in der jüngeren Vergangenheit in der arabisch-islamischen Welt gegeben hat, die erfolgreich gewesen wäre. Jede einzelne dieser Interventionen ist gescheitert, hat nicht zu einer Klärung der Verhältnisse beigetragen, sondern zu mehr Chaos, zu mehr Anarchie.«

22 Vgl. aus 2014 erschienenen Büchern: »Greed, Power, and Endless War« (Untertitel, Autor: James Risen), »Von den Weltkriegen zum permanenten Krieg« (Untertitel, Hg. Peter Strutynski). »Fortsetzung des Krieges ins Unendliche« (Klappentext von René Girard, Apokalypse). – »Der Krieg wird nicht mehr erklärt, sondern fortgesetzt.« (Ingeborg Bachmann 1953).

23 Auch aus Kreisen der Militärseelsorge: »Was sie [Frau Käßmann …] sagt, hat die theologische Aussagekraft einer Palmenstrandtapete«, zit. nach »Die Welt«, 13.9.2014 http://t1p.de/vdm7+ (Zugriff 22.1.2015).

24 Vgl. Walter Wink, Verwandlung der Mächte. Eine Theologie der Gewaltfreiheit, Regensburg 2014, 48f.

25 Vgl. Anm. 21.

26 7000 US-SoldatInnen, 350.000 Menschen in Afghanistan, Pakistan und Irak, s. Monitorsendung, Anm. 21.

27 http://t1p.de/khaz+ (Zugriff 22.1.2015).

28 Z.B. »Peace Studies« in Bradford. – Vgl. Deutsche Stiftung Friedensforschung und andere Einrichtungen der Friedens- und Konfliktforschung.

29 Etwa 1986 auf den Philippinen (Kurzdarstellung in www.guetekraft.net → Gütekraftberichte) und seit 1991 in Madagaskar. Ausführliche Auswertung beider Fälle in: Martin Arnold, Gütekraft – Hildegard Goss-Mayrs christliche Gewaltfreiheit, Overath 2011, 45-59.

30 Vgl. Martin Arnold, Gütekraft. Ein Wirkungsmodell aktiver Gewaltfreiheit nach Hildegard Goss-Mayr, Mohandas K. Gandhi und Bart de Ligt. Mit einem Geleitwort von Johan Galtung, Reihe Religion – Konflikt – Frieden: 4, Baden-Baden 2011. online: http://t1p.de/qj88+ (Zugriff 22.1.2015).

31 http://t1p.de/f4k1.

32 Hildegard Goss-Mayr, Elemente der Gütekraft. Anhand von Beispielen erklärt, in: gewaltfreie aktion Heft 131, 2/2002, 16-25 (16). http://t1p.de/4uv0+ (Zugriff: 23.2.2015).

33 Georg Eichholz, Auslegung der Bergpredigt, Neukirchen-Vluyn 51982, 98.

34 Pinchas Lapide, Er predigte in ihren Synagogen. Jüdische Evangelienauslegung, Gütersloh 1982, 51.

35 Ebd., 50-55.

36 Flavius Josephus, Bell. II,9,2.

37 Ebd. (Anm. 34), 54.

38 Ebd., 52.

39 Ebd., 55.

40 Vgl. Anm. 30.

41 Anders Lk. 6,29.

42 Wink, (vgl. Anm. 24), 92.

43 Sprich: Satjagrah (zweite Silbe lang).

44 Mahatma Gandhi, Collected Works of Mahatma Gandhi, Electronic Book, hg. v. Publications Division, Delhi 1999, Vol. 17, 9.

45 Ausführliche Begründung in: Martin Arnold, Gütekraft – Gandhis Satyagraha, Overath 2011, 7-9.

46 Martin Luther King: »Gandhi was probably the first person in history to lift the love ethic of Jesus above mere interaction between individuals to a powerful and effective social force on a large scale. Love for Gandhi was a potent instrument for social and collective transformation.« In: Stride Toward Freedom, San Francisco 1986, 96f. (Hervorhebung im Text von M.A.)

47 »Christ furnished the spirit, while Gandhi furnished the method«, ebd., 85.

48 Zwei Tage zuvor geschah bereits in Plauen Ähnliches, vgl. Eberhard Bürger, Kirche des Friedens werden – Aufbrüche im Bereich der ehemaligen DDR. Eine persönliche Studie zum 25. Jahr der friedlichen Revolution im Jahr 2014, Minden 2013, 127.

49 Die Quelle dieses gemeinhin Albert Schweitzer zugeschriebenen Zitats konnte ich nicht ermitteln.

50 Wink (vgl. Anm. 24), 104, 118.

51 Mehr dazu s. Martin Arnold, Gütekraft (vgl. Anm. 30), 179-197, 210f.

52 Vgl. »Moral ist ansteckend«: Hofmann, Wilhelm et al. (2014): Morality in everyday life, in: Science 12 (September 2014), Vol. 345 no. 6202, pp. 1340-1343, online: http://t1p.de/17as+ (Zugriff 12.2.2015).

53 Gerald Hüther; Uli Hauser, Jedes Kind ist hoch begabt. Die angeborenen Talente unserer Kinder und was wir aus ihnen machen, München 2012, 38f.

54 Max-Planck-Gesellschaft, Selbstlose Primaten. Max-Planck-Forscher liefern erstmals den experimentellen Beweis, dass Schimpansen ihren Artgenossen tatsächlich selbstlos helfen. Pressemitteilung 26. Juni 2007. http://t1p.de/n21w+ (Zugriff 28.11.2014).

55 Wink, (vgl. Anm. 24), 24. Gemeint sind zunächst die Kirchen in Südafrika und das Buch »Jesus’ Third Way«, das 1987 an 4000 schwarze und weiße Pfarrer in Südafrika geschickt wurde. Sieben Jahre später wurde Nelson Mandela zum Präsidenten gewählt.

56 Anleitung zum Durchschauen gibt Wink, (vgl. Anm. 24), 40-44.

57 Sie gehen auf Gandhis Vorschlag »Shanti Sena« zurück. Einige Beispiele: Peace Brigades International, Ökumenisches Begleitprogramm in Palästina und Israel (EAPPI), Nonviolent Peaceforce, Christian Peacemaker Teams, Witnessfor Peace, Balkan Peace Team, Friedensfachkräfte des Forums Ziviler Friedensdienst.

58 Näheres: http://t1p.de/zgfx+ (Zugriff 22.1.2015).

59 Wie weit »Just Policing« zur Lösung der schwierigen Fragen staatlichen Handelns zum Schutz Bedrohter beitragen kann, untersucht zurzeit die FEST in Heidelberg.

 

Über die Autorin / den Autor:

Pfarrer Dr. Martin Arnold, drei Jahrzehnte lang Pfarrer an einer Essener Metallberufsschule, Seminare zur Friedensforschung an der Universität Marburg, 2010 Promotion über das Gemeinsame erfolgreich angewandter Konzepte gewaltfreien Handelns weltweit: der Konzepte der Christin ­Hildegard Goss-Mayr, des Hindu Mohandas K. Gandhi und des Atheisten Bart de Ligt; www.martin-arnold.eu, Gütekraftberichte: www.guetekraft.net.

Aus: Deutsches Pfarrerblatt - Heft: 5/2015

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