Der Augenschein

Von: Eginald Schlattner
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Die Wahl von Klaus Werner Johannis als rumänisches Staatsoberhaupt ist mindestens in zweierlei Hinsicht bemerkenswert: einmal ­insofern ein Angehöriger der deutschen Minderheit gewählt wurde, dann aber auch weil damit ein Protestant den Sieg davon trug. Der evangelische Pfarrer und Schriftsteller Eginald Schlattner aus Siebenbürgen kommentiert ­einen überaus unfairen Wahlkampf und ein ­erstaunliches ­Wahlergebnis.

Um Haupteslänge

Es sieht so aus, Freunde erinnern sich: Als vor Jahr und Tag Klaus Werner Johannis, nach wie vor Bürgermeister von Hermannstadt/Sibiu, ernsthaft als Premier ins Blickfeld geriet, soll ich laut gesagt haben: »Gott bewahre ihn davor. Aber als Staatspräsident hätte er das Ansehen und das Aussehen, das ihn dafür als den Rechten und Richtigen erscheinen lässt!«

Sichtbarlich ein Kopf größer als wir anderen, wiederholte ich bei den paar Malen, als wir einander die Hand reichten: »Sie, Klaus Werner Johannis sind ein Mann, zu dem man aufschauen muss. Wobei das Auge erfreut und das Gemüt erfrischt wird, indem man über ihrem Haupt den Himmel sieht!«

Und da es sich um einen evangelischen Siebenbürger Sachsen handelt, getauft und konfirmiert, konnte ich die augenscheinliche Charaktereigenschaft dieses Mannes durch das 8. Gebot beschreiben und bestens erläutern über Martin Luthers: »Was ist das?« im Kleinen Katechismus. Den Katechismus, den jeder Konfirmand vor versammelter Kirchengemeinde auswändig hersagen musste, mit rotem Kopf, auf Deutsch. Denn die Evang. Kirche Augsburger Bekenntnisses in Rumänien ist an die deutsche Verkündigungs- und Amtssprache gebunden.

Es heißt: Du sollst nicht falsch Zeugnis reden wider deinen Nächsten.

Was ist das?

Wir sollen Gott fürchten und lieben, dass wir unseren Nächsten nicht fälschlich belügen, verraten, afterreden oder bösen Leumund machen, sondern sollen ihn entschuldigen, Gutes von ihm reden und alles zum Guten wenden.


Überstürzte Wahrheiten

Zweierlei hat sich bewahrheitet: Seit Sonntagabend, den 16. November 2014, ein Datum, das steil in die Geschichte eingeht, ist Klaus Werner Johannis, 55, das gewählte Staatsoberhaupt Rumäniens, als Kandidat eines Mitte-Rechts-Bündnisses – und als Angehöriger der deutschen Minderheit. Und bewährt hat sich die herrschaftliche Haltung eines Mannes, der sich nicht hat herausfordern lassen, falsch Zeugnis zu reden wider seinen Nächsten, d.h. den nächsten Gegner schlechtzumachen, herunterzuziehen, zu verunglimpfen, geschweige dass er sich hat aufstacheln lassen, selbst durch unflätige Beschimpfungen nicht, diesen fälschlich zu belügen, verraten, afterreden oder bösen Leumund machen. Was streckenweise als Schwäche ausgelegt worden ist. Afterreden, ein archaisches Wort, aber bitte: immerhin gibt es heute noch laut Brockhaus die »Aftermuse«; und, besonders hierzulande unter Politikern verbreitet: Afterbildung.

Alle sind sich einig, Freund und Feind: Noch nie hat es seit dem blutigen Ende der Diktatur vor 25 Jahren in einem Wahlkampf so viel an Pöbelhaftigkeit, an Gemeinheit und Niedertracht gegeben wie diesmal, noch nie ist das Privatleben des Gegenkandidaten so besudelt worden, wie im Falle Klaus Werner Johannis durch die Mannen und Frauen um den sozialdemokratischen Anwärter auf das höchste Amt, Victor Viorel Ponta, 42, zurzeit Ministerpräsident. Um das alles an Hass und Häme auszudrücken, muss man sich nach ungewohnten, ungewöhnlichen Wörtern umsehen, die sonst im gängigen Wortschatz nichts zu suchen haben.

Es gab nichts, was man Klaus Werner Johannis nicht persönlich angekreidet hätte. Sogar unwiderruflich Gegebenes wurde ihm angelastet: Dass er keine Kinder hat, dass er nichtorthodox ist, kein Rumäne ist. In die Schuhe geschoben wurde ihm, dass er mit menschlichen Organen und Waisenkindern ins Ausland hin Handel getrieben habe. Unterstellt wurde ihm allen Ernstes, dass er als Ungläubiger – Wie? Er schlägt nicht einmal das Kreuz? – orthodoxe Kirchen wie unter Ceausescu schleifen lassen werde. Ein Senator, Mitglied des Oberhauses, hat auf seinem Weblog Klaus Johannis als Blickfang auf die Stirn ein Hakenkreuz gesetzt. Das Demokratische Forum der Deutschen in Rumänien, dessen Vorsitzender Klaus Johannis war, wurde als Nachfolgeorganisation der Nazi-Volksgruppe gebrandmarkt. Ja, bedauert wurde, dass Vlad Dracul, der Pfähler, der blutrünstige Fürst der Walachei, die Siebenbürger Sachsen nicht allesamt aufgespießt hat – dann hätte es keinen Kandidaten Johannis gegeben.


Rasantes Überholmanöver

Klaus Werner Johannis, von Haus aus Physiklehrer, seit 14 Jahren Bürgermeister von Hermannstadt/Sibiu, hat in den ersten Stunden des Sonntags die 10% Minus-Stimmen beim ersten Wahlgang aufgeholt(40%/30%) und in den letzten Stunden um komfortable 10% überboten (55%/45% – 1 Mio. Stimmen plus). Ein führender Funktionär der geschlagenen Partei hat vor der Presse mit verzweifeltem Augenaufschlag allein die Erklärung finden können, dass Gott wieder einmal keinen Sozialdemokraten als Staatsoberhaupt Rumäniens haben wollte. Das arme Land …

Aber auch andere Gründe werden unter die Lupe genommen. Traditionsgemäß wählen die demokratisch aufgeklärten Auslandsrumänen mit der Opposition (3,5 Mio., eigentlich eine Schande dass diese hierzulande kein Einkommen und Auskommen haben). Verblendet hielt die Regierung die Anzahl der Wahllokale im Ausland gering. Augenscheinlich hat das viele Stunden zum Großteil vergebliche Warten der Wahlwilligen Victor Viorel Ponta, amtierender Premier, als erstes den Präsidentenstuhl gekostet. Dessen Glanz und Gloria er so sicher war, dass er schon im Vorfeld den Namen des Premiers, seines Nachfolgers, nannte und wen er am Montag nach der Wahl im Präsidialpalast zu Ratgebern erküren werde. Doch es war ein Irrlicht, dem er erlag. Wer im Ausland als Wähler zu kurz kam, ein durch die Verfassung verbürgtes Grundrecht, hat empört die Familien in Rumänien aufgeboten, gegen Ponta anzutreten und damit folgerichtig für Johannis zu stimmen. Doch wahr ist, dass das jahrelange Trainieren von verlässlicher Demokratie im Ausland fachgemäße Vorstellungen von Würde und Recht ausgebildet hat.

Das andere, was den Blickwinkel radikal verändert, war der unerwartet hohe Anteil von Jungwählern, die sich nicht mehr von verblasenen Heiligenlegenden, gefälschten Heldengeschichten und durchschaubaren Lügengeschichten am Narrenseil haben führen lassen wollen, vorgetragen mit hohnlächelnder Arroganz. So hat Ponta mit funkelndem Spott im Vorfeld verlauten lassen, dass er Popcorn kauend gelassen dem Endspurt der Wahl zusehen werde. Der unterlegen Kandidat Ponta hat zwei Stunden nach Schließung der Wahllokale bereits Klaus Johannis zu seinem Amt gratuliert. Sibyllinisch bemühte er den Gemeinplatz: »Das Volk hat immer Recht!« Was jedoch melancholisch stimmt, war das Eingeständnis, dass seine Familie, seine schöne Frau und die halbflüggen Kinder, unter dem Fiasko mehr leide als er selbst; bei der Abgabe der Wahlzettel hatten sie als fromme Orthodoxe insgesamt 24mal das Kreuz geschlagen. Vergeblich. Dezidiert behält Premier Ponta sein Amt bei. Was recht und billig ist, umso mehr damit vermieden wird, dass Präsidialamt, Regierung und Parlamentsmehrheit einen einzigen Vektor demokratischer Diktatur bilden könnten. Und dennoch merkwürdig anmutet, muss doch die Regierung des Verlierers die getätigten und verheißenen Wahlgeschenke einlösen (böse Mäuler haben ausgerechnet, etwa 15 Mrd. Lei müssen aus dem Staatssäckel beglichen werden). Und Nobelgefängnisse müssen schnellstens gebaut werden, für die Würdenträger, die im Laufschritt hinter Gitter wandern (für Normalsterbliche drei Betten übereinander, ohne Spind und Tisch, zu wenig an Komfort für Jähreiche).


Deutschstämmig, was ist das?

Während die rumänische Medien lapidar befanden: »Romania a votat nemtzeste!« (»Rumänien hat deutsch gewählt«), ergingen sich die binnendeutschen Medien darin, dass ein »Deutschstämmiger« in Rumänien Präsident geworden ist. Deutschstämmig, das Wort sehe man genauer an.

Das Adjektiv deutschstämmig dürfte es nicht geben. Abgesehen, dass es auch das Wort ungarischstämmig, rumänischstämmig nicht gibt. Denn die substantivische Wortprägung Deutscher Stamm kommt nicht vor. Was es gibt, das sind deutsche Stämme (Josef Nadler: Literaturgeschichte der deutschen Stämme und Landschaften). Und damit gerät dieses Wort »deutschstämmig« in die Nähe des Nazi-Jargons, der Rassenideologie schlechthin.

Ja, stemmen ohne Umlaut wirft einen in die Arme der stämmigen Germanen, halbnackte Schildhalter des kaiserlichen Wappens zwischen 1871-1918, die sich genüsslich gegen den Schild mit dem Heroldsbild stemmen. Eigentlich unerklärlich für das so übersensible und superkorrekte Sprachgefühl der Bundesdeutschen nach dem Fiasko des Kaiserreiches und dem Desaster des Dritten Reichs. Sogar das Zigeunerschnitzel konnte nur eine höchstrichterliche Entscheidung retten.

Nie würde es einen Einheimischen einfallen, mich nicht als Deutschen anzusprechen. Wir Deutschen in Rumänien sind eine der offiziell anerkannten 19 ethnischen Minderheiten; jede einzelne Völkerschaft ist im Parlament vertreten (die Juden sind nur noch 7000 landesweit, doch sie haben ihren Abgeordneten).

Wenn ich ein Gefängnis besuche, so muss ich, will ich mich über Bundesdeutsche kundig machen, fragen: »Nemtzi nemtzi sunt?« (»Gibt es deutsche Deutsche?«) Ferner: Das Demokratische Forum heißt nicht Forum der Deutschstämmigen, sondern Forum der Deutschen in Rumänien.

Im SPIEGEL-Interview Mai 2007 mit den Redakteuren Martin Doerry und Volker Hage auf dem Pfarrhof in Rothberg/Rosia war der Haupttitel zwar: Gott hat es nicht leicht mit mir. Aber darunter war zu lesen: Rumänien als Vorbild für Europa. Und über mich war zu hören: Der in Rumänien lebende deutsche Schriftsteller. Kurz und noch treffender heißt es auf Französisch über mich »ecrivain allemand de Roumanie!« (Tour de France, jedoch als Lesereise). Ich werde hierzulande offiziell als rumänischer Staatsbürger deutscher Volkszugehörigkeit geführt (cetatzean roman de etnie germana). Und wie mich gibt es noch 18 Versionen. Es scheint für unsereiner leichter, in Rumänien ein Deutscher zu sein als in Deutschland.

Weiter m Text: Die Fibel in Rumänien wird in 11 Sprachen gedruckt, im Klartext: Es gibt elfmal Unterricht in der Muttersprache der jeweiligen Kinder. Und nicht, was der Westen oft fälschlich so versteht, dass nämlich jedes Volksschulkind 11 Sprachen spricht. Wenn 7 Kinder in einer Ortschaft angeben, ihre Muttersprache sei serbisch, bulgarisch, türkisch, russisch usw. erhalten sie Unterricht in dieser Sprache. Rumänisch wird als Fremdsprache gelehrt. Wobei jeder »Minderheitler« weiß, dass die Staatssprache zumindest bis zur 8. Klasse erlernt sein sollte. So gibt es selbstverständlich Schulen mit deutscher Unterrichtssprache oder vereinfacht: Deutsche Schulen

Nun also, schlicht und einfach zum Sonntag der Wahlen: »Romania a votat nemtzeste.« Rumänien hat deutsch gewählt.


Orthodox – die allein Rechtgläubigen

Dass das Volk in Klaus Werner Johannis einen Häretiker gewählt hat, war gleichzeitig auch eine Absage an die Vormacht der orthodoxen Kirche. Jedoch! Meinen Amtskollegen in den Gefängnissen habe ich zu bedenken gegeben: Die momentane Macht der orthodoxen Kirche beruht nicht in der Glaubwürdigkeit der Popen, vielmehr in der Gläubigkeit des Volkes. Und das gibt sich, leider. Vermaledeite Häretiker, das sind wir Protestanten laut ihrer exklusiven Kirchenlehre. Rechtgläubig unter allen Christen sind allein die Ortho-Doxen. Die Katholiken sind in ihren Augen Schismatiker, sogar diese ihnen Nahestehenden fungieren als abgewichen von der rechten Lehre. Dann erst wir: Uns blüht der Scheiterhaufen! Ihre Kirche geht so weit, dass für sie in jeder Hinsicht ein guter Rumäne nur dann ein guter Rumäne ist, wenn er orthodox ist. Pontas schillernde Beteuerungen, ein echter Rumäne und überzeugter Rechtgläubiger zu sein im Unterschied zu Klaus Werner Johannis, hat bei den jungen Wählern nicht verfangen.

Die kirchenväterhörige orthodoxe Kirche möge hören auf das, was der älteste Kirchenvater der Christenheit, Irenäus, der »Mann des Friedens«, noch zur Zeit der Verfolgungen versucht hat: eine »Theologie im Dialog!« Es geht um die Bewahrung des Glaubens durch Abgrenzung. Und die Bewährung des Glaubens im Dialog.

Wie dem auch sei: Ich bleibe bei dem, was ich im Februar 2007 in Berlin bei einem Rundtischgespräch im ZDF geantwortet habe, zwei Monate, nachdem Rumänien in die EU eingetreten war – aufgenommen ist zu viel gesagt –, als der Moderator namens Panzer auf mich losfuhr mit der ersten Frage: »Der Beitrag Rumäniens zur Seele Europas?« Wiewohl unsere Mutter uns gelehrt hat, dass man auf eine Frage mit keiner Gegenfrage antwortet – das tun nur Dümmliche –, stellte ich die Gegenfrage: »Wer benützt heute noch das Wort ›Seele‹. Außer wir in der Kirche. So waren wir jüngst in Rumänien 14.000 evangelische-deutschsprachige Seelen!« Tatsächlich: Kein geringerer als Jacques Delors spricht von der Seele Europa. Meine Antwort war so, dass ich für die nächste halbe Stunde alle Kontrahenten gegen mich aufbrachte, aber nicht so die 600.000 Zuschauer.

Höchst ungewöhnlich ist zu vermerken, was der »hochglückselige Patriarch« Daniel fünf Stunden vor Schließung der Wahllokale in prophetischer Hellsicht des mirakulösen Abends zu sagen hatte. Patriarch Daniel legte in der Predigt das biblische Gleichnis vom barmherzigen Samariter aus und betonte, dass auch in der Geschichte des frommen rumänischen Volkes »Gott durch volksfremde Menschen Gutes getan« habe – etwa durch König Ferdinand aus dem deutschen Hause Hohenzollern-Sigmaringen.


»Der Stadt Bestes!«

Seit der Einwanderung vor 850 Jahren stand die Geschichte der Siebenbürger Sachsen unter der Devise: »Ad retinendam coronam!« Zum Schutze der Krone sind wir hier. Das heißt: Loyalität gegenüber der jeweiligen Obrigkeit (oft waren es mehrere Obrigkeiten auf einmal). Oder mit Jer. 29,7 haben wir Siebenbürger treu die Sinnesart der Juden im Babylonischen Exil beherzigt als Auftrag: »Suchet der Stadt Bestes! Und betet für sie zum Herrn!«

Zu Ende des Ersten Weltkriegs haben am 1. Dezember 1918 100.000 Rumänen in Alba Iulia den Anschluss Transilvaniens an das Königreich Rumänien beschlossen. Bereits im Monat darauf, Januar 1919, hat »das Volk der Siebenbürger Sachsen« König Ferdinand in Bukarest eine ebensolche Anschlusserklärung überreicht, auf Deutsch, beider Muttersprache.

Eine Ausnahme von der jahrhundertealten Regel, die das Ende von heute besiegelt hat, gab es in den 30/40er Jahren, als wir nicht mehr der Stadt Bestes suchten, nicht mehr der Krone des Landes die Treue hielten, sondern jäh großdeutsch sein wollten, ja Großdeutsche. 1943 wurden 70.000 wehrfähige »Volksdeutsche«, als rumänische Staatsbürger, zur Waffen-SS eingezogen. Das war der Anfang vom Ende. Schon im Januar 1945 wurden etwa ebenso viele arbeitsfähige Mädchen, Frauen, Männer zwischen 17 und 45 auf Befehl Stalins nach Russland verschleppt. Im Endeffekt: Von seinerzeit 700 Seelen in Rothberg sind wir heute noch fünf Greise zu begraben, zwischen 70 und scheintot. Jedoch, weder 1945, noch 1990 sind die Deutschen Rumäniens vertrieben worden. Dafür kam alles andere über uns.


Das Fürsichsein Gottes

Theologisch taste ich mich an das spektakuläre Ergebnis heran, nachdem ich geneigt war zu glauben, Gott halte sich degoutiert aus diesen schmierigen Machenschaften heraus. Man spricht in der Theologie von der Aseität Gottes, dem Fürsichsein Gottes, dem deus abconditus. Aber der Augenschein trügt.

Nun glaube ich, jenseits aller erklärbarer Mechanismen scheint es so zu sein, dass die Wahrheit als Ingrediens Gottes eine Eigendynamik entwickelt, die unter den Geschehnissen des Tages und der Geschichte, sagen wir es so: der Gerechtigkeit zum Ziel verhilft; Gerechtigkeit als Ausdruck, als Darstellung, als Vergegenwärtigung eben dieser höheren Wahrheit in der Welt. Oder kurz: Für Gott war es genug der Lüge! Dass auch die Wahrheit des Teufels sein kann, steht auf einem anderen Blatt.

Am Montag bete ich immer für die Obrigkeit: Ich beginne normalerweise mit dem Königshaus und ende mit dem Bürgermeister von Rothberg. Von nun an rückt an erste Stelle das Präsidialamt, jeden Montag. Und wenn nötig, zwischendurch.


Die Nächsten

Eine ungeheure Last der Erwartungen drückt auf die Schultern des Hoffnungsträgers Klaus Werner Johannis. Aber Schutz und Schirm sind, wie sagte er, in einem Gespräch? Seine Frau Carmen, Englischlehrerin, eine griechisch-katholische Rumänin – bitte, eine distinguierte Dame voller Anmut und Charme, die am Montag nach der Wahl um 8 Uhr ihre Stunden im Lyzeum hielt, bejubelt von der Klasse; dann die Familien nach beiden Seiten hin, ins Rumänische, ins Sächsische; und nicht zuletzt die Freunde. Darüber hinaus ist zu wünschen: honette und kompetente Ratgeber, die alle des Landes Bestes suchen. »Auf, an die Arbeit der gut gemachten Dinge«, verlautete Klaus Johannis nach der Wahl in Bukarest. Und saß tags darauf in Hermannstadt im Rathaus an seinem Schreibtisch.

Für mich endet mein passioniertes Mitgehen in diesem Wahlkampf über Wegstrecken voller Wetterleuchten. Ich wende mich wieder höheren Dingen zu: Mathematik und Ewiges Leben.

Ein weiser und frommer Freund schreibt im Lichte anderer Worte: »Klaus Werner Johannis ist aus dem Dasein einer nur noch homöopathisch vorhandenen deutschen Kollektivität in Siebenbürgen herausgeholt worden auf die europäische Bühne; und ist in Bukarest ins Wespennest des Balkans hineingesetzt worden, in dem sich die Fanariotenmentalität eingenistet hat. Möge die Gnade Gottes mit ihm sein!«

Es ist von hohem symbolischem Wert, dass der 93jährige König Michael, Regele Mihai I., bereits drei Tage nach der Wahl den neuen Präsidenten in Bukarest im Elisabeth-Palais zu einem privaten Dinner eingeladen hat, ihn als alleinigen Gast. Es ist eine Begegnung von symmetrischer Erhabenheit: Das ehemalige Staatsoberhaupt von Rumänien, König Michael aus dem Hause Hohenzollern-Sigmaringen trifft sich mit dem zukünftigen Staatsoberhaupt von Rumänien, Klaus Werner Johannis, einem Siebenbürger Sachsen, dessen Vorfahren 850 Jahre zurückreichen. Und die hohen Herren tauschten sich auch in der Sprache ihrer Namen aus. Darüber hinaus jedoch: Die Krone ist bis heute in Rumänien der Inbegriff der monadenhaften Zusammengehörigkeit des ganzen Volkes. Somit ist in dieser königlichen Geste eine Chiffre enthalten auf das verantwortungsvolle Amt hin, das auf den gewählten Präsidenten sieht.

Als Staatsoberhaupt hat Klaus Werner Johannis der Präsident aller Rumänen zu sein oder in altväterlicher Gestalt der Landesvater aller Bürger – auch derer, die ihn nicht gewählt haben, auch derer, die mit dem Gesetz übers Kreuz geraten sind, auch derer, die schimpfen, verteufeln, afterreden, ihm die Ehre abschneiden, auch des Namenlosen, der mich im Telefon samt meinem Johannis zum Teufel wünschte. Als Geistlicher sage ich es so: »Seines Fußes Leuchte möge sein und ein Licht auf seinem Wege«, was Luther im zweiten Teil des 8. Gebotes einem ans Herz legt im Umgang mit dem Nächsten: Wir sollen ihn entschuldigen, Gutes von ihm reden und alles zum Guten wenden.


Eginald Schlattner

 

Aus: Deutsches Pfarrerblatt - Heft: 1/2015

4 Kommentare zu diesem Artikel

11.03.2015
Ein Kommentar von rochus stordeur


das ist ein sehr kluger, ja sogar weiser artikel. auch wir wünschen nicht nur für rumänien, sondern für europa, dass klaus johannis erreicht, was er sich vorgenommen hat. niemand hat die deutschen vertrieben, trotzdem wird ihnen die genugtuung guttun. beste grüße in das europäische medelldorf rothberg/rosia rochus stordeur
02.02.2015
Ein Kommentar von Gerda Ziegler


Danke, Herr Pfarrer!Gerda Ziegler
29.01.2015
Ein Kommentar von dieter pelger


Das Wort "Deutschstämmige" stammt aus einem Zeitungsartikel der "Augsburger allgemeinen" als ein Bundespolitiker nach Ka-iro auf der Rückreise in Bukarest Zwischenstation machte. Danach grassierte es in allen deutschen Medien!!!
29.01.2015
Ein Kommentar von dieter pelger


Das Wort "Deutschstämmige" stammt aus einem Zeitungsartikel der "Augsburger allgemeinen" als ein Bundespolitiker nach Ka-iro auf der Rückreise in Bukarest Zwischenstation machte. Danach grassierte es in allen deutschen Medien!!!

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